Was zuvor geschah
Was zuvor geschah
(Das ist die Fortsetzung zu meiner Post-S 2-Geschichte "Next Omens - Update für den Großen Plan". "Brave New World" macht mehr Spaß, wenn man Teil 1 kennt. Wer "Update für den Großen Plan" noch nicht gelesen hat, holt das am besten erst nach.)
Seit Erziraphael die Stelle als leitender Erzengel übernommen hatte, war viel geschehen, viel Belangloses, aber auch Vieles von Bedeutung. In London hatte in einer Buchhandlung in der Wickber Street ein Engel seine Begeisterung für Bücher und Philosophie entdeckt und außerdem zwei sterbliche Freundinnen gewonnen. Dann waren ein Engel und eine Dämonin eingezogen, die sich nach einer Reise um die Welt nach einem Zuhause sehnten. Sie räumten den Platz später für einen weiteren Dämon und seine Irische Wolfshündin und wohnten inzwischen in einer eigenen Wohnung über dem französischen Restaurant. Ein weiterer Engel war als Verbindungsmann zwischen Himmel und Buchhandlung so oft auf der Erde gewesen, dass er ebenfalls zu einem Mitglied des Freundeskreises geworden und gerade in ein möbliertes Ein-Zimmer-Appartement in Soho gezogen war.
Während sich zwischen diesen fünf übernatürlichen Wesen, der Besitzerin des nahegelegenen Cafés und der Mieterin des Plattenladens sowie einer menschlichen Familie mit einem besonderen Stammbaum eine enge Freundschaft entwickelt hatte, waren in Himmel und Hölle Intrigen gesponnen und alles für das Ende der Welt vorbereitet worden. Dass die Letzte Schlacht und das Jüngste Gericht letztendlich doch nicht stattgefunden hatten und auch nicht mehr stattfinden würden, daran waren unsere Freunde nicht unbeteiligt. Einen ebenso großen Anteil daran hatte der zum Leitenden Erzengel aufgestiegene Erziraphael, der im Himmel mit Jesus und weiteren Verbündeten versucht hatte, einen Ausweg aus der vermeintlich alternativlosen Umsetzung des „Großen Plans“ zu finden. Nach einer beispiellosen Gerichtsverhandlung hatten die paritätisch aus Engeln, Dämonen und Menschen zusammengesetzten Geschworenen entschieden, dass Gott die Menschheit in die Mündigkeit entlassen musste und sich – ebenso wenig wie Satan – nicht mehr in ihre Entwicklung einmischen durfte. Sowohl die himmlischen Heerscharen als auch die Streitkräfte der Hölle hatten ihre Waffen niedergelegt und waren friedlich in ihre jeweilige Heimat zurückgekehrt.
Daraufhin waren die Menschheit, Himmel und Hölle in langwierige Verhandlungen eingetreten, die schließlich zum Erfolg geführt hatten. Der Vertrag, der die Grundlage für eine dauerhaft friedliche Koexistenz von Menschen, Engeln und Dämonen schaffen sollte, war erst am Vortag endlich unterzeichnet worden, von der Generalsekretärin der Vereinten Nationen, dem leitenden Erzengel Erziraphael und Furfur, dem einzigen Dämon im Rang eines Höllenrates, der entschieden hatte, seinen Wohnsitz dauerhaft im Geltungsbereich des Vertrages zu wählen.
Unsere Freunde hatten die Vertragsunterzeichnung zum Anlass genommen, mit den Nachbarn und Freunden ein großes Straßenfest zu feiern. Wer das Fest beinahe verpasst hätte, war der Eigentümer der Buchhandlung und Verhandlungsführer des Himmels, Erziraphael. Hätte Jesus ihm nicht ins Gewissen geredet, wäre er vermutlich einfach an seinem leeren Schreibtisch sitzengeblieben und hätte sich gefragt, welchen Empfang er auf der Erde zu erwarten hatte. So aber war er relativ spät am Abend zu den Feiernden gestoßen und hatte dort zu seiner großen Erleichterung Crowley angetroffen, mit dem ihn eine Jahrtausende alte gemeinsame Geschichte verband. Seit seiner Rückkehr in den Himmel hatten sie sich nicht mehr gesprochen und der Abschied war mehr als missglückt gewesen. Crowley war sich ausgerechnet an diesem Tag über seine Gefühle für den Engel klar geworden, hatte sich ein Herz gefasst und eine Liebeserklärung versucht. Diese scheiterte weniger an ihm und der fehlenden Übung im Sprechen über Gefühle als an Erziraphaels überschwänglicher Begeisterung über die Berufung in den Himmel und seine wenig einfühlsame Kommunikation an diesem Tag. Beide waren maßlos enttäuscht von der Entscheidung des anderen und trennten sich im Streit, fühlten sich unverstanden und im Stich gelassen. Seitdem hatten sie sich nicht mehr gesehen oder gesprochen, abgesehen von einer sehr kurzen Begegnung im Rahmen der Gerichtsverhandlung, die zum Glück nicht zum Jüngsten Gericht geworden war. Und obwohl beide sich in der Zwischenzeit zu der Erkenntnis durchgerungen hatten, dass sie den anderen liebten, waren ihre Zweifel an der Erwiderung ihrer Gefühle eher größer geworden.
Beide hatten in den letzten Monaten eine emotionale Berg- und Talfahrt mitgemacht, die sie von Euphorie und großen Träumen nahezu übergangslos in Resignation und schwarze Hoffnungslosigkeit schleuderte. So waren am Abend der Vertragsunterzeichnung und des Straßenfestes zwei verunsicherte, verletzte Seelen aufeinandergetroffen, die es sich gegenseitig schwer machten. Crowley hatte sich geschworen, nicht noch einmal den ersten Schritt zu tun, weil er sicher war, eine weitere Zurückweisung nicht verwinden zu können. Erziraphael dagegen befürchtete, Crowleys Gefühle könnten sich geändert, sich vielleicht sogar einem anderen zugewandt haben. Sie gingen so vorsichtig miteinander um, als seien sie extrem zerbrechlich, und in gewisser Weise stimmte das ja auch. Und während der Dämon sicher war, dass Erziraphael sich von ihm abwenden würde, wenn er erst die ganze Wahrheit über ihn erfuhr, glaubte der Engel am Ende des Tages, er habe Crowleys Ängste erfolgreich vertrieben. Es kam fast einem Wunder gleich, dass sie die erste Nacht doch noch in einem Bett verbrachten, emotional aufgewühlt, sich scheu bei den Händen haltend und vorsichtig erleichtert.