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Tag 6, Donnerstag

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Tag 6, Donnerstag

Zum ersten Mal wachte Erziraphael vor Crowley auf. Er blinzelte in die Sonnenstrahlen, die ihm direkt ins Gesicht fielen. Auf dem Kissen vor ihm lagen Crowleys Locken ausgebreitet und leuchteten unwirklich rot im Morgenlicht. Sein Gesicht war entspannt. Der Dämon lag so eng an ihn geschmiegt, als würde keine Wirbelsäule seinen Bewegungsspielraum einschränken. Sein Pyjama-Oberteil war nach oben gerutscht und gewährte dem Engel einen Blick auf seinen flachen Bauch und die schmale Taille. Auch dort sah er die Zeugnisse der Misshandlungen, wie er sie von Crowleys Handgelenken kannte. Sie trafen ihn nicht mehr so unvorbereitet wie beim ersten Mal, aber er begriff erst jetzt, dass Crowley es wörtlich gemeint hatte, dass wirklich alles an ihm so aussah, dass diese Narben jede Stelle seines Körpers bedeckten. Der Bauch und der Rücken schienen zusätzlich zu den Spuren von Schlägen und Schnitten, Abschürfungen und Quetschungen auch großflächige Brandnarben aufzuweisen. Er schloss die Augen, es war, als spürte er ein Echo der Schmerzen, die der Dämon hatte aushalten müssen. Das Mitleid nahm ihm fast den Atem. Er drehte Crowley sanft auf den Rücken. Dann stützte er sich auf einem Ellenbogen ab und begann mit der freien Hand das Stück Haut zu streicheln, das der verrutschte Pyjama freigegeben hatte. Sanft zog er die Linien der Narben mit den Fingerspitzen nach, ließ die Handfläche so leicht darüber streichen, dass sie nur die erhabenen Wülste der ehemaligen Wundränder berührten.  Zärtlich strich er mal längs und mal quer über Crowleys Bauch und wünschte sich, er könnte irgendetwas von dem ungeschehen machen, was er erduldet hatte. Vorsichtig schob er sich im Bett etwas nach unten und drehte sich so, dass er Crowleys Bauch mit seinen Lippen erreichen konnte. Er begann den Streifen Haut direkt über dem Bund der Pyjamahose zu küssen, ließ seine Lippen vorsichtig die Narben entlang wandern und versagte es sich, die Hose weiter nach unten zu ziehen. Er wollte nicht ausnutzen, dass der Dämon schlief, sein Vertrauen nicht missbrauchen. Aber er konnte nicht anders, als zu berühren, was er vor sich sah. Ihm fiel kein anderer Weg ein, mit seinem Mitleid und dem Schmerz umzugehen. Sein Mund folgte den Narben langsam nach oben, den Bauchnabel erkundete er mit seiner Zunge, ließ sie Kreise um ihn ziehen, bevor sein Mund die letzten Zentimeter mit Küssen bedeckte, bis er den auf Crowleys Brust zusammengeschobenen Stoff erreichte. Er fühlte Crowleys Hand in seinen Haaren und schaute auf. Er war wach, Erziraphael hatte keine Ahnung, wie lange schon. „Du ekelst dich wirklich nicht, oder?“ Die Stimme verriet das gleiche Erstaunen wie sein Blick. „Wie könnte ich mich vor dem ekeln, den ich mehr liebe als alles andere?“ Er legte seine Wange auf Crowleys Bauch und sah ihm von dort in die Augen. Der Dämon streichelte abwesend seine Haare. Sein Blick schien nach innen gerichtet zu sein – oder in die Vergangenheit. Erziraphael beobachtete ihn besorgt, bis Crowley ihm plötzlich direkt in die Augen sah. „Schade, dass ich Satan kein Foto von uns schicken kann. Vielleicht würde er sich wie Rumpelstilzchen selbst in der Luft entzweireißen?“ Der Engel robbte im Bett nach oben, bis sein Kopf auf der gleichen Höhe war wie der Crowleys. „Er verdient kein Foto von dir. Und er verdient nicht, dass du an ihn denkst.“ Er kuschelte sich in Crowleys Arm. „Danke für gestern. Es war so ein wunderschöner Nachmittag. Und du hattest völlig recht: Das hat uns allen gut getan.“ Der Dämon versenkte seine Nase in die blonden Locken direkt vor ihm. Er konnte nicht verhindern, dass seine Gedanken doch noch einmal zurück zu Satan wanderten. Zu seiner Drohung, dass niemand ihn je ohne Abscheu ansehen und dass niemand ihn jemals freiwillig berühren würde. Dann konzentrierte er sich auf das Kitzeln von Erziraphaels Haaren unter seinem Kinn und auf die Hand, die schon wieder seinen nackten, entstellten Bauch liebkoste. „Hast du heute etwas vor?“, murmelte es in seinem Arm. „Oh ja: Zuerst küsse ich einen Engel. Und dann sehe ich ihm beim Frühstücken zu.“ „Ein hervorragender Plan!“ Crowley schloss die Augen, als Erziraphael seinen Kuss erwiderte. Und das Gesicht Satans zerfloss zu einem harmlosen Schatten.

***

Der Frühstückstisch war für drei gedeckt, als die beiden mit Hexe herunterkamen. Muriel kam aus dem Laden nach hinten und sah sie aufmerksam an. „Alles in Ordnung bei euch?“ „Alles bestens, Muriel.“ Crowley küsste sie auf die Wange. „Guten Morgen, Meerkatze.“ Zu Erziraphael gewendet, sagte er: „Wir hatten zwischendurch Angst, du willst gar nicht mehr mit uns zurück nach Hause. Stimmt doch, oder, Engel?“ „Stimmt genau“, sagte Erziraphael, „bei Hexe habe ich das übrigens auch befürchtet.“ Seine Wangen zeigten plötzlich einen leichten rosa Schimmer. „Können vielleicht auch ehemalige Erzengel in diesem Haus Guten-Morgen-Küsse bekommen?“ Crowley hob warnend einen Zeigefinger. „Vorsicht, Engel, Vorsicht! Reiche ihr den kleinen Finger und du kannst dich vor Umarmungen und Küsschen rechts und Küsschen links bald nicht mehr retten. Wir leben mit einem Knuddel-Monster unter einem Dach.“ Muriel rollte mit den Augen. „Hör nicht auf den Dämon, Erzengel, er ist bloß eifersüchtig!“ Sie drückte ihm ein Küsschen auf die Wange. „Ist es ok, wenn ich mit euch frühstücke? Es war so schön gestern Abend, da hatte ich heute Morgen gar keine Lust, allein zu essen.“ Muriel war ein wirkliches Phänomen, dachte Erziraphael wieder einmal. Sie trug ihr Herz auf der Zunge, es fiel ihr so leicht, über Gefühle zu sprechen und Zuneigung zu zeigen. Er beneidete sie darum.

Sie stand schon am Kühlschrank und holte Butter und Marmelade, Joghurt und Käse heraus. „Hier steht ein verlockend aussehender Obstsalat, soll ich den auch mitbringen?“ Erziraphael sprang auf. „Den hatte ich ja ganz vergessen! Der war als Nachtisch für gestern Abend gedacht.“ Er nahm Muriel die Schüssel aus der Hand und trug sie zurück zur Arbeitsplatte. „Entschuldige, ich bringe ihn gleich wieder mit.“ Er schüttete eine großzügige Portion des Salats in einen Rührbecher und pürierte ihn mit dem Stabmixer. Er füllte ihn in ein großes Glas um und nahm alles mit zum Tisch. Das Glas stellte er vor Crowley ab. Muriel hatte inzwischen die ersten Scheiben Weißbrot in den Toaster gesteckt und nahm den Deckel von einem Körbchen. „Ich habe Eier gekocht. Sie sollen wachsweich sein.“ Erziraphael griff in den gefütterten Korb hinein. „Die sind ja noch warm!“ Erziraphael köpfte sein Ei und es war perfekt, das Dotter weich und das Eiweiß fest genug. Fragend sah er zu Crowley hinüber und stellte ihm dann den Eierbecher auf seinen Teller. Für sich selbst köpfte er ein weiteres. „Ist vormittags immer so wenig Kundschaft bei dir?“, erkundigte er sich. Erst jetzt war ihm aufgefallen, dass er seit Samstag keine Kunden mehr gesehen hatte. „Ich habe diese Woche geschlossen“, Muriel sprach mit vollem Mund, dafür aber erstaunlich deutlich. „Entschuldigung, die Tischmanieren leiden, wenn man meistens allein isst.“ Vor dem nächsten Satz kaute sie erst zu Ende: „Ich wollte euch in eurer ersten Woche mehr Platz für euch lassen. Und ein Auge auf euch haben können.“ Es sollte leicht dahingesagt klingen, aber die Männer verstanden, dass es ernst gemeint war. „Aber Samstag gibt es wieder eine Vorlese-Stunde. Jedenfalls, wenn der zuständige Mitarbeiter sich bis dahin für ein Buch entschieden hat.“  „Touché!“ Crowley grinste. „Aber es ist erst Donnerstag. Bis dahin hab‘ ich was.“  Er überlegte. „Wäre es geschäftsschädigend, wenn ich einen von den Klassikern auswähle? Ich hänge gedanklich noch an meinen Flohmarktfunden.“ Muriel schüttelte den Kopf. „Die meistens werden ja immer noch aufgelegt. Ich könnte ein paar Exemplare bestellen. Aber dann müsstest du es bis heute Nachmittag wissen.“ Er nickte. „Geht klar.“ Sie plauderten noch eine Weile, dann stand Muriel auf. „Ich geh mal, die neue Lieferung auspacken.“ Sie legte Erziraphael eine Hand auf die Schulter. „Und damit der Ehrwürdige Erzengel mich nicht wieder tadelt, überlasse ich euch das Abdecken.“ Crowley prustete fast in seinen Frucht-Drink. „Da hast du uns ja was eingebrockt.“ Er sah ihr nach, bis er sie mit den gelieferten Kartons rascheln hörte, rückte dann mit seinem Stuhl näher an den Engel heran und flüsterte: „Kannst du mir heute vielleicht mein Haus zeigen? Ich muss mir doch mal anschauen, ob du mir die Katze im Sack geschenkt hast.“

***

Sie hatten Küchenzeile und Esstisch in tadellosem Zustand hinterlassen und waren mit Hexe zu einem Spaziergang aufgebrochen. Sie schien jedoch noch müde vom Strandausflug zu sein und so kehrten sie bald um. Vor dem Plattenladen blieb Erziraphael stehen. „Willst du dir dein Haus gleich jetzt ansehen? “  Crowley nickte und wirkte plötzlich etwas nervös.

Erziraphael drückte ihm einen Schlüsselbund in die Hand und trat einen Schritt zur Seite. „Es ist der mit dem roten Ring.“ Crowley schloss die Ladentür auf und ging hinein. Der Engel folgte ihm. „Maggie hat das mit der kurzfristigen Übergabe offensichtlich sehr wörtlich genommen“, sagte er erstaunt. Die Männer sahen sich um. Die Vorbereitungen für den Umzug waren schon weit fortgeschritten. Die meisten Platten waren bereits verpackt und warteten in ordentlich beschrifteten Kartons auf fleißige Helfer. Auch die Kasse und die Dekoration waren schon verstaut, eines der Regale zerlegt. Die Wand dahinter gab Auskunft über den Farb- und Tapetengeschmack von mindestens vier Generationen von Ladeninhabern. „Das muss wohl renoviert werden“, stellte Crowley fest. „Aber die Regale könnten wir noch aufheben, vielleicht hat Muriel Verwendung dafür.“ Der Nebenraum und die Toilette dagegen waren in gutem Zustand. Beide Räume hatte Maggie mit Erziraphaels Einverständnis vor nicht allzu langer Zeit komplett saniert und neu gestaltet. Durch das große Schaufenster zog es merklich. Der Engel runzelte die Stirn. „Die Fenster hätte ich schon längst ersetzen sollen, allein wegen der Heizkosten.“

Die Männer verließen den Laden und schlossen die zweite Eingangstür auf, die in ein kleines Treppenhaus führte. Der Engel begann sofort, die Treppe hinaufzusteigen, aber Crowley hielt ihn am Handgelenk fest.  „Wir können doch nicht einfach in Victorias Wohnung gehen!“ „Wir gehen auch nicht einfach so. Sie hat es mir ausdrücklich erlaubt. Sie ist an der Uni.“ Er zeigte auf den Schlüsselbund: „Hier passt der blaue.“ Crowley schloss die Tür zu dem kleinen Appartement auf und sie schauten sich um. Es gab einen kleinen Flur, in dem ein schmaler Garderobenschrank und eine kleine Bank standen, ein kleines, aber praktisch gestaltetes Duschbad, eine kleine Küchenzeile und ein großes helles Zimmer, das Victoria als Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer diente. Für Crowleys Geschmack hatte sie viel zu viele Möbel hineingequetscht, aber vielleicht wirkte das auch nur so, weil der ganze Raum mit halbgepackten Umzugskartons vollgestellt war. „Es ist wirklich nicht sehr groß.“ Er trat an die Fensterfront. „Da ist ja ein Balkon! Das wird Muriel gefallen.“ Er ging zurück zu der Mini-Küche, die Victoria mit einem Regal vom Rest des Raums abgetrennt hatte. Erziraphael sah ihm an, was er dachte. „Du vermisst eine richtige Küche.“ Crowley ließ den Blick über die hellen Fronten gleiten. „Eigentlich ist ja alles Wichtige da. Aber für Muriels Koch- und Back-Happenings ist es wirklich nicht viel Platz.“

Der Engel setzte sich auf einen der Stühle und zeigte auf den anderen. „Ich möchte dir von einer Idee erzählen.“ Crowley zog den zweiten Stuhl näher heran und setzte sich rittlings darauf. „Ich bin ganz Ohr.“ „Ich überlege, ob ich die Buchhandlung nicht umbauen soll, wenn Muriel ausgezogen ist.“ Der Dämon sah ihn aufmerksam an - oder wirkte er eher skeptisch? Er sagte nichts und Erziraphael wurde auf einmal nervös. „Ich weiß, dass ich altmodisch bin und viel zu lange an Dingen festhalte, die nicht mehr zeitgemäß sind. Und ich mag das Vertraute, das Gewohnte. Das mag langweilig sein, aber ich habe es in der Neuzeit aufgegeben, mit den Menschen mithalten zu wollen. Sie haben so wenig Zeit auf der Erde, ich verstehe, dass sie immer in Eile sind und möglichst viel Neues in diese paar Jahre stopfen wollen. Aber wir müssen diese schnelle Jagd doch nicht mitmachen, oder?“ Crowley antwortete immer noch nicht, wartete offenbar darauf, dass er zur Sache kam. „Ach ja“, der Engel hüstelte nervös.  „Worauf ich eigentlich hinaus will, ist folgendes: Obwohl ich sehr lange nichts in und an der Buchhandlung geändert habe, finde ich, dass es Zeit für etwas Neues ist. Jetzt, wo wir zu zweit sind, möchte ich nicht länger, dass das Haus aussieht, als lebte ein verschrobener Einzelgänger darin.“ Crowley rückte mit seinem Stuhl noch näher heran. „Engel“, und schon dieses eine Wort, so voller Liebe und Rührung ausgesprochen, ließ die ganze Nervosität von ihm weichen, „du musst meinetwegen nichts verändern. Ich brauche nur dich und einen Platz für Hexe, die Einrichtung ist mir völlig egal.“ Er hatte nach Erziraphaels Hand gegriffen und dem Engel war so warm ums Herz, so warm! „Das weiß ich, Crowley! Aber ich möchte etwas verändern. Ich will nicht mehr in einer Buchhandlungs-Kulisse wohnen. Ich will, dass es ein wirkliches Zuhause wird, unser Zuhause. Ich möchte uns ein Nest bauen.“ Bei den letzten Sätzen hatte er Crowley nicht mehr angesehen. Würde der Dämon das kitschig finden? War es womöglich kitschig? Crowleys Hände schlossen sich sanft um sein Gesicht und hoben es an. Seine Bernsteinaugen waren nur Zentimeter entfernt. „Wenn es das ist, was du willst, dann bauen wir uns ein Nest. Es würde mich überglücklich machen.“ Für einige kostbare Augenblicke gab es nur sie beide.

Erziraphael kostete es einige Mühe, zum Ausgangspunkt seines Vortrags zurückzufinden. „Was hatte ich denn …? Wo war ich denn …?“ Was war nur los mit ihm? Er war älter als die Erde, er kannte Crowley seit mehr als sechstausend Jahren. Warum führte er sich auf wie ein verliebter Teenager? „Vielleicht, weil du dich genau so fühlst?“, wisperte eine Stimme in ihm. „Hatte es irgendetwas mit der Küchenzeile zu tun?“, schlug Crowley vor. „Ach ja, natürlich. Also, ich überlege, die Sammlung zu verkleinern und die Aufbewahrung zu optimieren. Dann würden wir Platz für eine Wohnküche gewinnen. Ich dachte an eine geräumige Küche, in der auch für unsere Freunde Platz ist und wo man auch für viele gut kochen kann.“ Crowleys Gesicht verriet ihm nicht, was er von dieser Idee hielt. „Und wenn es dir recht ist, könnten wir Muriel anbieten, diese Wohnküche mit uns zu teilen. Dann hätten wir alle einen Bereich, in den wir uns zurückziehen können, aber eben auch genug Platz für gemeinsame Mahlzeiten und Gäste. Wir könnten eine Art Wohngemeinschaft bleiben. Mir würde etwas fehlen, wenn sie so ganz auszöge. Dir doch sicher noch mehr.“ Der Dämon sagte kein Wort, sah Erziraphael nur an, auf seinem Gesicht wechselten die Emotionen im Sekundentakt. Schließlich stand er auf und zog den Engel zu sich hoch. Er fasste ihn an den Oberarmen. „Du völlig verrückter, du wunderbarer, oh, du wunderbar verrückter Engel!“ Er umarmte ihn und plötzlich hatte Erziraphael keinen Boden mehr unter den Füßen und wurde im Kreis herumgewirbelt. Als Crowley ihn wieder absetzte, war ihm leicht schwindlig und er musste sich an ihm festhalten. „Ich werte das als Zustimmung“, raunte er in Crowleys Ohr.

Anschließend stiegen sie die Treppe ins Dachgeschoss hinauf. Crowleys schloss eine Tür auf, hinter der zu seinem Erstaunen kein Dachboden lag, sondern ein weiteres, sehr viel kleineres Appartement. Ein altes Bett stand darin, es gab eine kleine Nasszelle mit Toilette und Dusche und einen Unterschrank mit einer Spüle und einer einzelnen Herdplatte. „Das war nicht mehr vermietet, seit ich das Haus gekauft habe. Bevor Victoria eingezogen ist, habe ich manchmal Obdachlose hier schlafen lassen, Jugendliche oder Ältere vor allem. Aber ich wollte Victoria nicht mit so wechselnden Schlafgästen allein in einem Haus lassen. Wir könnten dir hier ein Zimmer einrichten, wo du eine Tür hinter dir zumachen kannst, wenn du deine Ruhe vor mir haben willst.“ Crowley sah sich um. „Hältst du mich für so ungesellig?“ Er lächelte. „Ja, wahrscheinlich war ich wirklich sehr ungesellig, solange ich als Dämon funktionieren musste. Ich habe aber eine andere Idee: Wir könnten das hier zu einem Gästezimmer machen. Dann könnten wir vielleicht Ben und Laura mal einladen. Wir müssten es ja nicht allein nutzen. Soweit ich weiß, haben Maggie und Nina ebenso wenig Platz für Übernachtungsgäste wie Bee und Gabe. Wir könnten uns sicher einig werden.“ Erziraphael nickte. „Es ist jetzt dein Haus und du kannst damit machen, was immer du willst. Aber ich finde die Idee zauberhaft. Es wäre wirklich schön, mal Gäste beherbergen zu können.“

Auf dem Weg nach unten entschieden sie, einen Abstecher ins Café zu machen. Sie setzten sich an den Tresen. „Wie gefällt dir die Katze denn jetzt, so ohne Sack?“, fragte Erziraphael. „Ich halte dich immer noch für völlig verrückt, das Haus einfach zu verschenken. Ich hoffe, du wirst es nicht eines Tages bereuen. Aber ich bin froh, dass ich Muriel anbieten kann, bei uns zu bleiben.“ Nina stellte ihren Kaffee vor ihnen ab und betrachtete sie aufmerksam. „Die Zweisamkeit scheint euch gut zu bekommen. Jedenfalls habt ihr euch noch nicht die Augen ausgekratzt.“ Sie strich erst Crowley, dann Erziraphael eine Strähne aus dem Gesicht. Es war eine so liebevolle Geste, dass die trockene Bemerkung dadurch eine neue Bedeutung zu erhalten schien. „Ich freue mich für euch. Es tut gut, euch so zu sehen.“ Maggie stellte ein Tablett mit leeren Kaffeetassen hinter der Theke ab. „Hast du sie schon gefragt?“ „Sie sind gerade erst gekommen!“ Maggie schüttelte unwirsch den Kopf. „Und wenn schon! Samstag will sich Nina mit ihren Snack-Ideen eurem Urteil stellen. Habt ihr Zeit? 18.00 Uhr? Bee und Gabriel haben schon zugesagt. Und ich will mir Ninas Zweifel nicht länger anhören müssen. Sagt ihr einfach, dass alles gut schmeckt, damit sie ihren Seelenfrieden wiederfindet. Und bringt Muriel mit.“ Natürlich sagten sie zu. Auch Erziraphael freute sich schon jetzt auf den Abend. Die Freundschaft der beiden Frauen war so selbstverständlich, so unkompliziert, dass kein Platz für Gefühle der Fremdheit oder der Befangenheit war.

Als sie ausgetrunken hatten, sah Crowley auf die Uhr. „Ich sollte mich jetzt wirklich um den Text für Samstag kümmern, sonst kann Muriel nichts mehr bestellen.“ Zurück in der Buchhandlung trafen sie Muriel mit einem Sandwich und einer Tasse Tee am Esstisch an, einen kleinen Stapel Bücher neben sich. „Sind das die Leseexemplare vom Klappstuhl-Vertreter?“ Crowley sah sich interessiert die Titel an. „Mmh. Vielleicht kannst du ja auch mal in ein paar reinschauen, bevor wir die Bestellung aufgeben.“ „Klar, gerne. Jetzt suche ich aber erstmal was für Samstag aus.“ Er ging zum Kühlschrank und musterte den Inhalt. „Spricht was dagegen, wenn ich den Tomatensaft trinke? Und ein Glas Buttermilch?“ „Nö, nichts.“ Muriel verkniff sich ein Grinsen. Erst als Crowley mit den Getränken zum Sofa unterwegs war, tauschte sie einen verschwörerischen Blick mit Erziraphael. „Vor dir ist wirklich kein Geheimnis sicher, oder?“, raunte er ihr zu, bevor er mit einem Sandwich und einem Glas Tee Crowley folgte. Der Nachmittag verging schnell. In ihre jeweiligen Lektüren vertieft, gaben die beiden Engel und der Dämon ein friedliches Bild ab. Crowley und Muriel hatten Notizzettel und Stift griffbereit neben sich, wechselten gelegentlich die Sitzposition und nahmen das nächste Buch zur Hand. Erziraphael ließ seinen Lesestoff immer wieder sinken und schien zu tagträumen. Und wann immer einer der drei seinen Blick von der Lektüre hob und die anderen sah, Erziraphael in seinem Sessel, Crowley im Schneidersitz auf dem Sofa, Hexe zwischen ihnen auf dem Teppich zusammengerollt und Muriel am Tisch, hatte er ein wohliges Gefühl. Hätten sie das Gefühl beschreiben sollen, wäre ziemlich sicher in jeder ihrer Antworten das Wort zuhause vorgekommen.

Crowley war der erste, der aufstand. Er ging zu Muriel und legte ihr zwei Bücher auf den Tisch. „Eins davon würde ich diese Woche gern lesen. Schau einfach mal, von welchem du bis Samstag leichter eine schöne Ausgabe bekommst.“ Das obere war „Mio, mein Mio“ von Astrid Lindgren, eines der Bücher, das auch Muriel besonders liebte. Sie hob es an und entdeckte darunter ein weiteres Buch der schwedischen Autorin. „Die Brüder Löwenherz? Wenn du das liest, sag ich dir jetzt schon, dass ich ganz furchtbar weinen werde. Dann müsst ihr euch allein um die Limo und die Kekse kümmern.“ „Das Risiko würde ich eingehen.“ Er ging zurück zum Sofa, wo noch die übrigen Bücher lagen, die es für diesmal nicht in die engere Wahl geschafft hatten. Eines davon legte er auf das kleine Tischchen mit der Leselampe, die anderen stapelte er und packte sie zurück in die große Kiste. Er blieb bei Erziraphael stehen und sah ihm über die Schulter. „Was liest du eigentlich?“ Der Engel klappte das Buch zu, damit Crowley das Cover sehen konnte. „Stolz und Vorurteil? Ich dachte, das kannst du längst auswendig?“ Er beugte sich über Erziraphael und nahm ihm den Band aus der Hand. „Um ehrlich zu sein: Ich lese nur meine Lieblingsstellen nochmal. Ich konnte mich für nichts anderes entscheiden. Es ist wohl doch noch ungewohnt, wieder Zeit für freiwillige Lektüre zu haben.“ Crowley legte das Buch zur Seite und ließ seinen Kopf auf die Schulter des Engels sinken. „Willst du dich nicht für heute von Jane verabschieden und lieber Hexe und mich auf unserem Spaziergang begleiten?“ Er musste den Engel nicht überreden. Stattdessen ließ die Hündin die übliche Begeisterung vermissen und schien nur mit Mühe von der Decke hochzukommen. „Sieht aus, als hätte Hexe von gestern Muskelkater.“ Erziraphael hielt sich den Bauch. „In dem Fall erkläre ich mich solidarisch.“ Crowley kam mit der Hundeleine und ihren Jacken zurück. „Na kommt schon, wenigstens eine kleine Runde!“  „Kommt ihr zum Abendessen zurück?“ Crowley sah den Engel fragend an. „Ich bin für einen gemütlichen Abend zuhause. Wäre das für dich ok?“ Statt ihm zu antworten, nickte der Dämon Muriel zu. „Er hofft wohl darauf, dass du ihn bekochst. Verwöhn ihn nicht zu sehr.“ Muriel zeigte Richtung Küchenzeile: „Wenn ich deine chromblitzende Neuanschaffung ausprobieren darf, seid ihr herzlich eingeladen.“ Erziraphael hatte gerade noch Zeit, ihr mit erhobenem Daumen sein Einverständnis zu signalisieren, bevor Crowley ihn zur Tür schob.

Schon nach wenigen Metern hatten Hexes Neugier und ihr Spieltrieb die Oberhand über ihre müden Muskeln gewonnen. Sobald Crowley es ihr erlaubte, lief sie einige Meter voraus, kehrte zu ihnen zurück und begann das Spiel von vorne. „Wie hast du sie bloß so gut erzogen? Du hattest doch nicht die geringste Erfahrung!“ Diese Frage beschäftigte den Engel, seit er die beiden zum ersten Mal miteinander gesehen hatte, ein eingespieltes Paar in vollkommener Harmonie. „Das musst du wohl eher den Züchter fragen, bei dem du noch einen Gefallen gut hattest. Sie kannte schon alle Kommandos, als sie zu mir kam, und war vom ersten Tag an absolut auf mich bezogen.“ Ob Hexe merkte, dass von ihr die Rede war? Jedenfalls kam sie zu ihnen zurück und rieb sich an Crowleys Knie. „Und sie musste von Anfang an beweisen, dass sie pflegeleicht war. Sonst hätte ich sie nicht mit in die Suppenküche bringen können. Und mit den Nächten wäre es dann auch noch schwieriger geworden.“ Erziraphael horchte auf. Suppenküche? Das musste einer der weißen Flecken in Crowleys jüngster Vergangenheit sein, über die er nicht das Geringste wusste. „War das, nachdem ich Metatron in den Himmel gefolgt war? Willst du mir etwas über diese Zeit erzählen?“ Crowley war stehengeblieben und schien sehr interessiert etwas auf dem Straßenpflaster zu betrachten. „Natürlich nur, wenn du willst.“ Er schwieg noch immer. „Und nur, wenn du kannst.“ Der Dämon nickte nachdenklich. „Ich versuch’s“, sagte er schließlich. „Lass uns weitergehen.“ Diesmal ergriff er die Hand nicht, die Erziraphael nach ihm ausgestreckt hatte. Er vergrub beide Hände tief in den Jackentaschen und ging mit gesenktem Blick neben ihm her.

Die Worte kamen zögernd. „Laura hatte die Suppenküche erwähnt, als ich ihr und Hannah das erste Mal begegnet war. Sie hatte dabei sicher im Sinn, dass ich Hilfe brauchte und sie dort finden könnte.“ Er stockte, schien darüber nachdenken zu müssen, was er preisgeben wollte. „Ich bin stattdessen hingefahren und habe meine Hilfe angeboten. Die Einrichtungsleitung, Debbie, war sehr nett. Ich denke, ihr war klar, dass ich nicht alle Fragen wahrheitsgemäß beantwortet habe, aber sie hat es nicht angesprochen. Aus unerfindlichen Gründen muss ich auf sie vertrauenswürdig gewirkt haben. Oder vielleicht hilfsbedürftig.“ Er zog die Schultern hoch, als wäre ihm kalt. Als Erziraphael sich bei ihm einhängen wollte, blieb er stehen und zog ihn stattdessen in seine Arme. Hexe kam zurückgelaufen und setzte sich neben sie. „Sie hatten immer zu wenig Helfer im Verhältnis zu den vielen Menschen, die dorthin kamen, um sich aufzuwärmen, sich zu waschen, eine warme Mahlzeit zu bekommen, ein paar freundliche Worte zu hören. Ich habe von da an jeden Tag mitgearbeitet, habe alles gemacht, was so anfiel. Nur die freundlichen Worte, die habe ich eher den anderen überlassen.“ Der Engel strich ihm über den Kopf, froh, dass er wieder gelassener zu werden schien.  „Und in der Zeit hat Hexe mich gefunden. Ich konnte sie ja nirgendwo lassen, also habe ich sie mit in die Beratungsstelle genommen. Sie hat die meisten Vormittage einfach friedlich an ihrem Stammplatz gelegen. Dass sie da lag und schlief, hat die Menschen irgendwie beruhigt. Sie hat sich mit unendlicher Geduld von jedem streicheln lassen, schien ihnen zuzuhören, sie war die gute Seele der Suppenküche, die ganze Stimmung hat sich durch sie geändert.“ Er bückte sich zu Hexe hinunter und streichelte sie. „Du warst eine vollwertige Mitarbeiterin, oder? Ein Therapiehund.“ Das konnte sich Erziraphael gut vorstellen und wieder war er froh darüber, dass er den Einfall mit der Wolfshündin als Begleitung für Crowley gehabt hatte.

„Und warum konntest du sie nirgendwo lassen?“ Er sah sofort, dass diese Frage tiefer ging, als er vermutet hatte. Eine Wolke legte sich über Crowleys Züge. Wortlos ließ er den Engel los und ging weiter. Der war genauso überrascht wie die Hündin, brauchte aber einen Moment länger, um den Dämon wieder einzuholen. „Crowley! Wenn ich nicht danach fragen soll, dann sag es mir. Aber lauf nicht einfach weg!“

„Du sollst nicht danach fragen!“ Er ging trotzdem weiter, wurde aber langsamer.

„Crowley, bitte! Warte doch!“ Diesmal blieb er stehen, drehte sich aber nicht zu Erziraphael um. Erst als der Engel zögernd nach seinem Arm griff und um ihn herum ging, um ihm ins Gesicht sehen zu können, wich er ihm nicht länger aus. „Es gab nichts, wo sie hätte bleiben können. Ich konnte sie doch nicht stundenlang im Bentley einsperren!“ Erziraphaels Griff um seinen Arm wurde fester. „Heißt das, du hast die ganze Zeit im Bentley geschlafen?“ Noch hoffte er, dass er es missverstanden hatte. „Geschlafen, gewohnt, gelebt. Genau das heißt es. Wie übrigens auch schon in der ganzen Zeit, nachdem Shax sich in meiner Wohnung einquartiert hatte.“ Erziraphael sah ihn fassungslos an. Er hatte schon „Warum hast du denn bloß nichts gesagt?“ auf den Lippen. Dann aber fiel ihm ein, dass er das hatte, zumindest in Andeutungen. Und welchen anderen Grund hätte es dafür geben sollen, dass Crowley seine Pflanzen im Auto herumfuhr? Spätestens da hätte er doch aufmerksam werden und nachfragen müssen! Wie oft würde er noch mit der Nase darauf gestoßen werden, was für ein unsensibler Klotz er war, was für ein schlechter Freund? Er wagte nicht einmal mehr, sich zu entschuldigen. Von Entschuldigungen hatte Crowley nichts, er verdiente, dass Erziraphael sich für ihn änderte. Er nahm es sich vor, schwor einen stummen Eid und hoffte inständig, es würde ihm gelingen. Der Engel streichelte Crowleys Wange und wartete darauf, dass er ihn ansah. „Das ist nichts, worauf ich stolz bin!“, fauchte der Dämon schließlich. „Es sollte aber auch nichts sein, wofür du dich schämst.“ War er zu stolz gewesen, ihn rundheraus um Hilfe zu bitten? Oder hatte er die nächste Zurückweisung befürchtet? Erziraphael wusste es nicht, hätte aber ohnehin nichts mehr ändern können. Die Zukunft war das Entscheidende. „Du weißt, dass du nicht noch einmal in eine solche Situation geraten wirst, oder? Ich würde alles geben, um es zu verhindern. Und deine Freunde würden dich niemals dir selbst überlassen.“ Flehend sah er Crowley an. Endlich konnte er sehen, wie seine Züge sich entspannten. „Ja. Du hast sicher recht. Es ist vorbei.“ Diesmal hängte er sich beim Engel ein. „Wollen wir umkehren? Für weitere Enthüllungen über mein Leben bin ich heute nicht mehr in Stimmung.“ Erleichtert legte Erziraphael seine Hand auf Crowleys. Sie kehrten gemächlich und schweigend in die Buchhandlung zurück. Bevor sie hineingingen, hielt Crowley den Freund zurück. „Ich möchte Muriel übermorgen mit einem Mietvertrag überraschen. Kannst du mir helfen, den aufzusetzen?“ Der Engel strahlte. „Natürlich. Sehr gern.“

***

Schon beim Öffnen der Ladentür duftete es verführerisch und sobald ihre Jacken an der Garderobe hingen und die Straßenschuhe unter der kleinen Bank standen, machten sie sich auf die Suche nach der Quelle der vielversprechenden Aromen. Muriel stand am Herd und schüttete gerade den Inhalt der Mix-Schüssel in einen Kochtopf. Sie hielt sich nicht mit einer Begrüßung auf: „Ihr kommt mir gerade recht! Ihr könnt den Tisch decken und eine Flasche Wein aufmachen. Wir essen in fünf Minuten.“ Sie drehte sich wieder zu ihrer Arbeit um. „Ich denke, Rosé würde passen. Und wagt es nicht, mit ungewaschenen Händen zum Essen zu kommen!“ Erziraphael blinzelte Crowley zu: „Streng!“, woraufhin sie in haltloses Gekicher verfielen. Dankbar ließen sie die Albernheit die schweren Gedanken von kurz zuvor verdrängen. „Noch ein falsches Wort und ihr geht ohne Essen ins Bett!“ Sie gab sich alle Mühe, aber nun konnte auch Muriel sich das Lachen nicht mehr verkneifen.

Als sie die dampfende Suppe auf dem Tisch absetzte, hatte Crowley gerade den dritten Teller auf den Tisch gestellt. Sie hatte das mit einer kaum merklich hochgezogenen Augenbraue registriert und sich vergewissert, dass auch Erziraphael die erstaunliche Entwicklung zur Kenntnis genommen hatte. „Gemüsecremesuppe mit Hirse-Käse-Klößchen“ kündigte sie an und ließ sich Erziraphaels Teller geben. „Für mich keine Klößchen, bitte.“ Crowley hielt ihr seinen Teller ebenfalls zum Befüllen hin. Als müsste er sich dafür entschuldigen, fügte er schnell hinzu: „Es riecht köstlich!“ Kurz darauf tauchten alle drei in bester Laune ihre Löffel in die cremige Suppe, zwischen ihnen eine Suppenterrine, ein Brotkorb, Wein- und Wasserflaschen. Die Teller waren schnell geleert und die Suppe schmeckte genauso gut, wie sie roch. Die Männer wetteiferten darum, die Zutaten vollständig herauszuschmecken und die Köchin verfolgte zufrieden, wieviel Aufmerksamkeit sie der schlichten Mahlzeit widmeten. Dann nahm sie die Suppenkelle wieder zur Hand. „Nachschlag?“ Erziraphael reichte ihr als Erster seinen Teller. „Unbedingt! Die Klößchen zergehen auf der Zunge!“, lobte er. „Du solltest sie wirklich probieren, Crowley!“ Der Dämon vergewisserte sich mit einem unauffälligen Blick, dass Erziraphaels Aufforderung die vermutete Botschaft enthielt, und ließ sich daraufhin mit der zweiten Portion Suppe ebenfalls einige Klößchen auf den Teller schöpfen. Weil der erste Hunger gestillt war, ließen sie sich beim zweiten Teller mehr Zeit und fachsimpelten darüber, welche Gemüse und Gewürze sich eignen würde, um das Gericht zu variieren. „Deine Höllenmaschine ist übrigens super“, lobte Muriel. „Die Anschaffung hat sich gelohnt.“

Sie saßen noch eine Weile zusammen und redeten, bis auch die Weinflasche geleert war, dann faltete Muriel ihre Serviette zusammen und schob den Stuhl zurück. „Darf ich euch wieder das Aufräumen überlassen? Ich habe noch was zu erledigen.“ Erziraphael hatte bereits begonnen, die Teller ineinander zu stellen, und so entging ihm der Blick, den Crowley und Muriel wechselten, und der gehobene Daumen Muriels, der dem Dämon ein Lächeln entlockte. Sie griff nach ihrer Jacke, rief noch: „Bei mir könnte es später werden, tschüss!“, und weg war sie.

Der Engel sah ihr nach. „Wollen wir die sturmfreie Bude nutzen und uns nach dem Abwasch gleich um den Mietvertrag kümmern?“ Diesen Vorschlag nahm Crowley gerne an und so saßen sie kurz darauf wieder am Tisch, diesmal dicht nebeneinander und über einen Stapel Papiere gebeugt. Sie diskutierten ausgiebig über die verschiedenen Möglichkeiten, die Pflichten auf Mieter und Vermieter zu verteilen, über die Höhe der Miete und über besondere Vertragsbedingungen. An der Neige der zweiten Flasche Wein waren beide zufrieden mit dem Ergebnis. Vor ihnen lag der fertige Mietvertrag, den Erziraphael in seiner kunstvollen, gut lesbaren Handschrift niedergeschrieben hatte, und mit dem Crowley am nächsten Abend Muriel überraschen wollte. Dann fehlte nur noch ihre Unterschrift. „Der ist zu schade, um ihn gefaltet in einen schnöden Umschlag zu stecken, findest du nicht?“ Erziraphael stand auf, noch bevor Crowley antworten konnte, und ging zu seinem Sekretär. Beim Zurückkommen legte er bordeauxrotes Seidenband, Siegellack und ein Siegel vor ihm ab. „Wenn du möchtest, könntest du es ganz altmodisch versiegeln.“ Crowley griff nach dem Siegel und betrachtete das Motiv. Ungläubig ließ er es sinken und starrte Erziraphael an. Der errötete und wie immer, wenn er nervös war, begannen seine Hände zu flattern. „Das habe ich vor einer Ewigkeit machen lassen. Ich war dann aber zu feige, es dir zu schenken.“ Er senkte den Blick. „So wie du mich ansiehst, wäre ich vielleicht besser feige geblieben.“ Der Dämon fing seine unruhigen Hände ein und hielt sie sanft fest. „Wann, Engel? Seit wann hast du dieses Siegel in deinem Sekretär versteckt?“ Das Rot auf Erziraphaels Wangen vertiefte sich. „Oh, damals war es noch alltäglich, seine Briefe zu siegeln.“ Er lächelte verschämt. „Es war nach der Geschichte mit dieser jungen Grabräuberin.“ Crowley hielt ihm das Siegel vor die Nase. „Du hast das allen Ernstes seit dem 19. Jahrhundert für mich aufbewahrt?“ Jetzt überwand sich der Engel und sah ihn an. „Ja, das habe ich. Ist es nicht viel zu schön, um es einfach verschwinden zu lassen?“ Er nahm das Siegel aus Crowleys Hand und strich zärtlich über das Motiv. „Ich habe es damals vom besten Kupferstecher der Stadt entwerfen lassen. Der Griff ist aus dem Holz eines alten Apfelbaums.“ Er gab es dem Dämon zurück. Crowley ließ seine Hände los, strich noch einmal mit der flachen Hand über den Mietvertrag, rollte das Dokument behutsam auf und band sorgfältig eine Seidenschleife darum. Er hielt Erziraphael den Siegellack hin: „Wie ging das nochmal?“ Endlich hörten die Hände des Engels auf zu flattern. Er entzündete eine Kerze, erhitzte den Lack über der Flamme und ließ ihn auf das Band um den gerollten Vertrag tropfen, dann hielt er die Rolle Crowley hin, damit dieser das Siegel, sein Siegel hineindrückte. Als der Dämon das Werkzeug mit angehaltenem Atem wieder anhob, schmückte eine geflügelte Schlange das Dokument, eine Schlange, die ihren Leib um einen Apfel gerollt, die großen Flügel angelegt und den Kopf entspannt abgelegt hatte. Sie ruhte auf einem aufgeschlagenen Buch. „Ich verstehe, dass du es mir nie gegeben hast. Es ist sehr persönlich. Ich wäre vielleicht vor Scham im Boden versunken. Außerdem hätte es womöglich gereicht, uns zu verraten.“ Er legte es ab und griff wieder nach Erziraphaels Händen. „Es ist wunderschön!“

Der Engel war verlegen und suchte nach einer Möglichkeit, das Thema zu wechseln. Dann fiel ihm etwas ein: Er hatte heute zum ersten Mal den Familiennamen gehört und aufgeschrieben, den Muriel für sich gewählt hatte. „Muriel Bennet“, sagte er wie zu sich selbst. „Ich hatte mich noch gar nicht gefragt, für welchen Namen sie sich entschieden hat. Weißt du zufällig, warum es Bennet geworden ist?“ Crowley machte ein geheimnisvolles Gesicht. „Nach einer Romanfigur, die du kennst.“ Der Engel legte seinen Finger an die Nase, eine Geste, die Crowley schon oft bei ihm gesehen hatte, wenn er nachdachte. „Gegenwartsliteratur oder Älter?“ – „Älter.“ – „Englisch oder fremdsprachig?“ – „Englisch“ – „Autor oder Autorin?“ – „Autorin.“ – Der Dämon hätte ihm gern gesagt, wie niedlich er aussah, wenn er angestrengt nachdachte. Oder würde er „süß“ sagen, „bezaubernd“ oder „zum Anbeißen“? All das würde stimmen, aber er brächte es niemals über die Lippen. Solche Vokabeln gehörten nicht zum aktiven Wortschatz eines Dämons. Noch dazu war er sich keineswegs sicher, was der emeritierte Erzengel davon halten würde, so betitelt zu werden. „Na los, gib einen Tipp ab!“ Erziraphael nahm den Finger von der Nase. „Doch nicht etwa Elisabeth Bennet? Stolz und Vorurteil?“ Crowley nickte. „Treffer. Ich wusste, dass du es errätst.“ Der Engel war aber noch nicht zufrieden. „Warum denn ausgerechnet den? Ich hätte Muriel nicht unbedingt für eine große Romantikerin gehalten.“ Diesmal grinste Crowley. „Nina hat es mir erzählt. Am Anfang hat Muriel sich nicht vor die Tür getraut und ihre Tage und Nächte damit verbracht, sich durch deine Sammlung zu lesen. Nachdem sie wochenlang nur Austen, die Brontës und ähnliches gelesen hatte, hatte sie sich deren Sprache angewöhnt und Nina und Maggie haben ihr dringend nahegelegt, besser auf zeitgenössische Autoren umzusteigen.“ Er erinnerte sich noch genau, wie Muriel sich in Ninas Erklärung eingeschaltet hatte: „Stell dir vor, sie haben behauptet, ich klänge wie Elisabeth Bennet! Dabei habe ich nicht die leiseste Ahnung, wie sie darauf gekommen sind!“ Er lächelte bei der Erinnerung an ihre Entrüstung. „Ich denke, es steckt ein gewisser Trotz hinter der Namenswahl.“

Kurz darauf räumten sie die Schreibsachen weg und entschieden, direkt ins Bett zu gehen.  Crowley nahm den Mietvertrag mit nach oben und legte ihn sorgsam auf seinen Nachttisch. Übermorgen! Übermorgen würde Muriel das Siegel brechen und den Vertrag lesen. „Sei nicht zu enttäuscht, wenn sie nicht länger Wand an Wand mit dir leben und arbeiten will“, ermahnte er sich. Gleichzeitig wusste er, dass in diesem Fall eine Welt für ihn zusammenbrechen würde. Er verschwand angezogen im Bad und kam im Pyjama wieder heraus. Er zog sich noch immer mit einem schnellen Fingerschnippen um, jedenfalls, wenn der Engel in der Nähe war. Erziraphael dagegen entschied sich immer häufiger für den menschlichen Weg. Auch an diesem Abend entkleidete er sich so, zog in aller Ruhe ein Kleidungsstück nach dem anderen aus und legte oder hängte es ordentlich auf einen Stuhl. Er genoss ganz bewusst, wie der Stoff an seinem Körper und seiner nackten Haut entlangglitt, achtete dabei auf die unterschiedlichen Gefühle und Geräusche, je nachdem, ob er glatte oder raue, warme oder kühle, leichte oder schwere Gewebe abstreifte, und stellte sich dabei vor, dass er mit jedem Stück auch die Gedanken und Sorgen des vergangenen Tages ablegte. Er war sich darüber im Klaren, dass das Prozedere aufreizend wirken konnte, und auch, wenn das nicht seine Absicht war, genoss er das leichte Prickeln, das mit diesem Gedanken verbunden war. Er drehte Crowley den Rücken zu, um ihn nicht zusätzlich dadurch herauszufordern, dass er ihn ansah. Außerdem war er sich keineswegs sicher, dass der Blick des geliebten Mannes auf seiner nackten Haut ihn kalt lassen würde, wenn er ihm dabei in die Augen sah. Schon die Vorstellung allein löste etwas in ihm aus. Er wollte weder ihn noch sich selbst dadurch in Verlegenheit bringen, dass er unübersehbar erregt in ihr gemeinsames Bett stieg. Nicht, wenn er es irgendwie vermeiden konnte. Er hatte sein Versprechen gegeben und war entschlossen, es zu halten. Schnell zog er seinen Pyjama über und schlüpfte zu Crowley unter die Bettdecke. „Engel?“ Crowleys warme Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Ja, Crowley?“ „Ich habe noch nie etwas so Schönes geschenkt bekommen, etwas, das mit so viel Liebe ausgesucht worden ist. Abgesehen natürlich von dem Himmelsglobus.“ Er räusperte sich. „Nicht, dass ich überhaupt viel geschenkt bekommen hätte.“ Erziraphael hatte seine Hand auf Crowleys Taille gelegt, als er zu sprechen begonnen hatte. Jetzt spürte er, wie der Dämon sich unter seiner Hand langsam zu ihm herumrollte. „Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst, aber dieses Siegel bedeutet mir viel mehr als das Haus. Das Haus, das ist viel zu viel, viel zu groß, es würde mich beschämen, wenn ich nicht wüsste, wie sehr du wolltest, dass ich es für Muriel bekomme. Aber das Siegel, das …, es … es wärmt mein Herz.“ Er zwinkerte, versuchte eine Träne wegzuzwinkern, mit der ersten gelang es ihm, auch bei der zweiten noch, aber dann waren es zu viele und sie liefen über seine Wangen. „Schau mich nicht an! Ich weiß, Tränen sind nicht gerade dämonisch. Es ist nur … Dieses Bild, dieses Motiv …, das bedeutet alles für mich. Es zeigt genau, wie ich mich bei dir fühle, jedenfalls, seit du mir die Türen deiner Buchhandlung geöffnet hast.“ Er wirkte verloren und Erziraphael rutschte näher an ihn heran. Er streichelte sein Gesicht, küsste die Tränen weg und zog ihn in seinen Arm. „Ich liebe dich so furchtbar, Crowley. Ich weiß nicht mehr, wie ich das Hunderte von Jahren verleugnen konnte. Alles, was ich will, bist du. Und ich wünsche mir so sehr, ich könnte dich glücklich machen.“ Er küsste ihn, zärtlich und liebevoll, küsste seine weichen Lippen, die die Berührung erwiderten, sich für ihn öffneten, sich auf seine Lippen pressten, warm und feucht, er fühlte Crowleys Zunge in seinem Mund. Mehr brauchte es nicht, um seine Erregung wieder anzuheizen, aber genau das musste er vermeiden.

„Warte!“ Erziraphael lehnte seinen Kopf in den Nacken, sodass Crowleys Zunge einen Augenblick verloren zwischen ihren Mündern verharrte, bevor sie in seinen Mund zurückkehrte.  Er hatte die Augen noch geschlossen und murrte leise. Es war ein so einsames, so sehnsüchtiges Geräusch, dass es dem Engel bis ins Innerste wehtat. „Nicht, Liebling. Langsam. Lass uns vorsichtig sein. Ich habe Angst, dass ich dich wieder an die Schatten verliere.“ Er streichelte seine Wangen, seinen Kopf, fuhr mit den Fingern durch sein Haar, küsste seinen Hals und hielt ihn dabei die ganze Zeit fest im Arm. Auf keinen Fall sollte er sich wieder abgewiesen fühlen. „Ich liebe dich auch, Engel“, flüsterte Crowley schließlich. „Wenn ich es dir nur zeigen könnte, es beweisen.“ Erziraphael streichelte ihn immer noch. „Ich weiß es doch, Dummerchen“, sagte er leise, „ich weiß es so sicher, wie ich weiß, dass morgens die Sonne aufgeht. Du zeigst es mir jeden Tag. Du musst mir nichts beweisen.“ Crowleys Lider flatterten, endlich sah er ihn wieder an. „Danke, Engel. Aber eins musst du mir versprechen.“ Erziraphael lächelte ihn liebevoll an. „Alles, was du willst, Liebling.“ Der Dämon schaute ihm jetzt eindringlich in die Augen. „Wenn es irgendwann so weit ist, dass du nicht mehr verzichten kannst und willst, dann verlass mich nicht deswegen. Nimm dir dann einfach von mir, was du brauchst. Versprichst du mir das? Dass du dir nimmst, was ich nicht schenken kann? Alles ist besser, als dich zu verlieren.“ Der Engel verstand, dass er seinem Liebsten diese Angst nicht nehmen konnte, jetzt noch nicht. Die Angst, wieder allein zu bleiben. Und er beschloss, in dieser Nacht nicht mehr zu diskutieren. „Ich verspreche dir, dass ich dich nicht verlassen werde. Ich tue, was du willst, aber ich verlasse dich nicht.“

„Das ist gut.“ Erleichtert schaute Crowley ihn an und wiederholte: „Das ist gut.“ Er seufzte, als wäre er aus einem bösen Traum erwacht. Dann fragte er scheinbar übergangslos: „Hast du schon Pläne für morgen?“ Sie unterhielten sich noch ein Weilchen über den nächsten Tag. Crowley würde einige der neu gelieferten Kinderbücher lesen und Empfehlungen dazu schreiben. Und Erziraphael wollte sich nach Architekten und Inneneinrichtern umsehen, mit denen sie die Pläne für einen Umbau besprechen könnten. Beim Einschlafen murmelte Crowley: „Es wird dir sicher nicht gefallen, Engel, aber wir brauchen einen Computer. Ohne wird es nicht mehr lange gehen.“ Er hörte schon nicht mehr, wie Erziraphael flüsterte: „Alles, was du willst, mein Herz, alles, was du willst.“