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Im Dunklen (immer noch Samstag)

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Im Dunklen (immer noch Samstag)

Im Café war die Unterhaltung schon vor einer ganzen Weile zum Erliegen gekommen. Die vier Freunde saßen um einen der Tische im Gastraum herum und versuchten, ihrer Unruhe Herr zu werden. Gabriel saß steif und unnatürlich gerade da. Er tippte und wischte unablässig auf seinem Handy herum. Zwischen seinen Augenbrauen hatte sich eine tiefe, steile Falte gebildet. Bee kaute an ihren Fingernägeln. Maggie stand alle paar Minuten auf und ging zum Fenster. Von dort starrte sie auf die gegenüberliegende Schaufensterfront, also könne sie in den Laden hineinsehen, wenn sie sich nur genug anstrengte. Mehrmals hatte sie Menschen mit Kindern die Buchhandlung verlassen sehen, aber das war alles. Die Freunde und auch die Polizei schienen sich nach wie vor im Inneren aufzuhalten. Nina hatte das Radio angemacht, weil sie hoffte, dort etwas über die Vorfälle zu erfahren, war aber enttäuscht worden. Bisher gab es nichts anderes zu hören als das, was sie ohnehin schon wusste: Es hatte einen versuchten Brandanschlag auf eine Buchhandlung in Soho gegeben, niemand war verletzt und drei Verdächtige in Gewahrsam genommen worden. Die Ermittlungen dauerten an. Nachdem sie die wortgleiche Meldung dreimal gehört hatten, schaltete sie genervt ab. Seitdem wurde die Stille im Café nur durch das Geräusch von Maggies Schritten unterbrochen, wenn sie wieder zum Fenster ging.

Alle fuhren zusammen, als ein schrilles Klingeln die Stille zerriss. Nina sah auf’s Display und nahm den Anruf an. Drei Augenpaare waren auf sie gerichtet, registrierten die Bewegung noch des kleinsten Muskels und versuchten, daraus ihre Schlüsse zu ziehen. „Laura“, sagte Nina zur Begrüßung, „was gibt’s?“ Sofort ärgerte sie sich über diese Frage. Was sollte es schon geben? Im Zweifel hatte Bens Frau die gleichen Nachrichten gehört wie sie und wollte jetzt Näheres erfahren. Und so war es auch. „Nina, was ist da bei euch los? Stimmt das mit dem Anschlag? Sind wirklich alle unverletzt?“ Nina holte tief Luft, drückte die Taste für den Lautsprecher und sagte: „Laura, Maggie, Bee und Gabriel hören mit, ist das ok?“ Sie wartete Lauras Zustimmung ab, dann beantwortete sie die Fragen.

„Habt ihr Ben gesehen? Er geht nicht ans Telefon und schreibt auch nicht zurück. Dabei sollte er sich sofort melden, wenn er Crowley und die anderen gesehen hat. Ich fange an, mich verrückt zu machen.“ Nina versuchte, ihre Stimme so beruhigend wie möglich klingen zu lassen. „Laura, die Polizei ist noch drüben. Sie scheinen immer noch Zeugen zu befragen. Vielleicht darf er deshalb nicht nach draußen kommunizieren.“ Sie hörte ein langgezogenes Seufzen am anderen Ende der Leitung. „Meinst du? Ja, vielleicht. Aber bist du dir wirklich sicher, dass ihnen nichts passiert ist?“ Die vier Freunde sahen sich gegenseitig an. Bee machte Nina ein Zeichen und die schob das Handy etwas näher zu der Dämonin hin. „Hallo Laura, hier ist Bee. Wir sind dazugekommen, als ein Fremder gerade den Anschlag vereitelt hat. Die drei waren im Laden bei der Lesung, ihnen ist wirklich nichts geschehen.“ Nina zog das Telefon wieder näher zu sich. „Es stimmt, Laura. Ich durfte später drüben mit einem Polizisten Snacks und Getränke verteilen. Alle waren besorgt und auch genervt, aber sonst war alles in Ordnung.“ Sie horchte angespannt. Als ein erleichterter Seufzer aus dem Lautsprecher kam, ließ auch das Ziehen in ihren Schultern nach. Sie wechselten noch ein paar Sätze, dann ließ Laura sich versichern, dass Nina sie sofort anrufen würde, wenn sie etwas Neues erführe, und sie legten auf. „Wenigstens scheinen sie auf uns gehört zu haben und haben Ben gerufen“, sagte Nina.

Maggie war währenddessen wieder ans Fenster getreten. Die Blicke der Freunde folgten ihr, hofften auf eine Beobachtung, auf ein Zeichen, dass irgendetwas voranging. Aber Maggie schüttelte den Kopf, als sie zum Tisch zurückkam. „Nichts zu sehen“, murmelte sie. „Immer noch nichts zu sehen.“

***

Obwohl die Tür zu Jesus' Arbeitszimmer – wie fast immer – weit offenstand, klopfte Berechiel leise an und wartete, bis der Gottessohn den Kopf hob. „Berechiel, steh nicht in der Tür herum. Komm, setz dich zu mir!“ Er schob einen Stapel Papiere zur Seite und wies einladend auf den zweiten Stuhl. „Du siehst besorgt aus, mein Freund. Was beschäftigt dich?“ Er sah seinen Chef-Diplomaten lächelnd an. Das Lächeln verblasste, als der Engel seinen gesenkten Kopf schüttelte. „Neuigkeiten von der Erde“, sagte er leise, „aus London“. Er sah auf und bemerkte die Sorgenfalten auf Jesus' Stirn. Wieder nickte er. „Ich habe gerade mit Scotland Yard gesprochen.“ Er seufzte. „Es sollte einen Brandanschlag auf Erziraphaels Buchhandlung geben.“ Jesus atmete scharf ein und griff nach Berechiels Arm, der schon weitersprach: „Nein, nein, der Anschlag konnte verhindert werden. Sie sind alle wohlauf.“ Die beiden Männer sahen sich an. „Deine Miene sagt mir, dass das noch nicht alles war“, sagte Jesus und wartete: Der Engel öffnete zweimal den Mund, ohne etwas zu sagen. Im dritten Anlauf endlich erklärte er: „Die Polizei vermutet einen terroristischen Akt, möglicherweise athanatophobe Motive.“

Jesus sah ihn mit offenem Mund an. „So weit ist es schon? Hass auf Unsterbliche als Motiv für nackte Gewalt?“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Es sind nur so wenige überhaupt auf der Erde und sie halten sich doch eher aus der Öffentlichkeit heraus.“ Sein Tonfall verriet seine Fassungslosigkeit. Er hatte die Finger beider Hände ineinander gekrallt und starrte auf den Tisch. „Es sind ja nicht nur Erziraphael und seine kleine Gemeinschaft“, entgegnete Berechiel. „Vergiss nicht Winged Pride und die Hells Angels. Das muss den Menschen mehr Angst machen, als wir bisher erkannt haben.“ Der Gottessohn sah Berechiel nicht an. „Vater, Vater“, murmelte er stattdessen vor sich hin. „Ich habe immer glauben wollen, der freie Wille sei wirklich ein Geschenk, das einzige echte, das du den Menschen je gemacht hast. Die eine großzügige Gabe ohne darin verborgene Prüfung.“  Mit hängenden Schultern ließ er seinen Blick umherschweifen. „Jenseitsfeindlichkeit“, sagte er schließlich vorwurfsvoll, „das hast du nun davon, dass du sie über Generationen hinweg willkürlich bestraft und belohnt hast. Hättest du das nicht vorhersehen müssen, Jahwe, Zeus, Jupiter, Allah…, du, in deiner göttlichen Weisheit und mit deiner verfluchten Allwissenheit?“ Sein Tonfall war immer bitterer geworden. „Und unsere Freunde zahlen nun deine Zeche“, er hatte die Stimme gehoben. Jetzt keuchte er leise auf. Er streckte die Hände nach dem Telefon aus, das neben ihm lag. Berechiel legte eine Hand über seine und hinderte ihn mit sanftem Druck daran, das Gerät in die Hand zu nehmen. „Die Untersuchungen in der Buchhandlung sind noch nicht abgeschlossen“, erklärte er. „Der Commissioner sagte, sie würden noch befragt. Du wirst sie jetzt nicht sprechen können.“ Jesus schnaubte protestierend, nickte dann aber widerwillig und Berechiel ließ ihn los. „Ich bekomme Bescheid, wenn die Polizei die Buchhandlung verlassen hat.“ Jesus sah ihn stumm an. Schließlich ließ er seine Hand sinken.

***

Nicht weit entfernt stand ein Engel an seinem Schreibpult, den Kopf schwer in seine Hände gestützt. Er war zufällig bei Berechiel gewesen, als dieser den Anruf aus Scotland Yard entgegennahm. Nun überschlugen sich seine Gedanken. Waren Erziraphael und Muriel in Sicherheit? Crowley und die anderen? Würden sich solche Angriffe wiederholen? Genau wie bei Jesus war sein erster Impuls gewesen, sofort in der Buchhandlung anzurufen. Er hatte sich aber daran erinnert, dass die polizeilichen Untersuchungen noch andauerten, und kämpfte nun gegen ein überwältigendes Gefühl der Ohnmacht an. So hatte er sich als Archivengel oft gefühlt, ein Laufbursche, den man nur wahrnahm, wenn man ihn brauchte und herumscheuchte. Sonst hatten die Engel der höheren Ränge ihn wie Luft behandelt. Nie wieder hatte er sich so fühlen wollen!

Frustriert ließ Sariel die geballte Faust auf den Tisch knallen und erschrak im gleichen Augenblick über den so untypischen Gefühlsausbruch. Er fühlte eine ganz und gar unengelhafte kalte Wut in sich aufsteigen. Nur mit größter Anstrengung kämpfte er sie nieder. Danach saß er schwer atmend da und dachte angestrengt nach. Schließlich griff er wieder nach seinem Telefon. Die Nummer las er von einem Zettel ab, der erst seit kurzem auf seiner Arbeitsfläche klebte. Als sich der Angerufene meldete, atmete Sariel erleichtert auf. Er verzichtete auf alle Formalitäten: „Hier Sariel“, sagte er zur Begrüßung lediglich. „Wir müssen unsere Arbeit beginnen, Codimor. Es ist allerhöchste Zeit.“

***

Erziraphael kniete neben Crowley und hatte den erstarrten Dämon in seine Arme gezogen, er hielt ihn mit seinem eigenen Körper aufrecht. Er ließ seine Hand in regelmäßigen Kreisen sanft über Crowleys Rücken wandern und flüsterte unablässig Worte in sein Ohr, die keiner der Umstehenden verstand. Rachel stand neben den beiden Männern und ließ sie nicht aus den Augen. Sie knetete stumm ihre Hände.

Constable Meyers war auf ihren Ruf hin herbeigeeilt, war aber nach wenigen Schritten von dem Buchhändler überholt worden. Er hatte die Situation mit einem Blick erfasst, sich geistesgegenwärtig auf der Stelle umgedreht und sich den anderen in den Weg gestellt, die ihnen auf den Fersen gefolgt waren. Er warf einen schnellen Blick über die Schulter und musterte besorgt seine Vorgesetzte. So neben sich stehend hatte er sie noch nie erlebt. Was konnte da nur vorgefallen sein?

Sofort darauf wurde seine Aufmerksamkeit von der aufgeregten Buchhändlerin beansprucht, die sich an Turner und dem jungen Paar vorbeidrängte und auf ihrem Weg auch ihn einfach zur Seite schieben wollte. Sie setzte sich heftig gegen ihn zur Wehr, als er versuchte sie aufzuhalten. „Crowley!“, rief sie schrill, die Augen geweitet, die Gesichtshaut weiß mit roten Flecken, während sie sich immer wieder gegen die breite Brust des Constables warf. „Sie!“, rief sie, den Zeigefinger am ausgestreckten Arm anklagend auf Inspector Stewart gerichtet. „Was haben Sie mit ihm gemacht? Hat er nicht schon genug durchgestanden?“ Er war mit der dunkelhaarigen Frau in dem hellen Faltenrock viel zu beschäftigt, um sich nach seiner Vorgesetzten umsehen zu können, aber sie antwortete nicht. Offenbar hatte sie sich noch nicht wieder gefasst. „Crowley!“, der erneute Schrei stach in seinen Ohren, die Verzweiflung der jungen Frau vor ihm stach in seinem Herzen. „Er hat niemandem etwas getan“, rief sie jetzt, und Tränen stiegen ihr in die Augen. „Was haben Sie ihm angetan?“

„Muriel, ich bin sicher, niemand hier ist schuld an Crowleys Zustand. Bitte beruhige dich, Liebes.“ Meyers wagte auch jetzt nicht, sich umzudrehen, aber er erkannte die sanfte Stimme und kultivierte Ausdrucksweise des Buchhändlers. „Du weißt, dass schon ein Nichts genügen kann, dass wir ihn an das Dunkel verlieren.“ Die weinende Frau, Muriel, gab ihren Kampf gegen ihn augenblicklich auf und Meyers atmete auf. Dennoch blieb er auf der Hut. „Constable?“, hörte er die sanfte Stimme bitten. „Bitte lassen Sie unsere Freundin Muriel durch, sie ist nur aufgeregt. Ich bürge für sie.“ Auch wenn er nicht zu sagen gewusst hätte, warum, aber der Polizist stellte diese Behauptung nicht einen Augenblick lang in Frage. Er senkte seine Arme und trat zur Seite. Muriel nickte ihm dankbar zu und war mit zwei Schritten bei den beiden Männern. Sie ging auf der anderen Seite des Stuhls in die Hocke und griff vorsichtig nach den Händen des Rothaarigen, umschloss sie mit ihren und ließ den Daumen über seinen schmalen Handrücken kreisen. „Crowley“, sagte sie leise, „komm zurück.“ Meyers begriff bei diesen Worten, dass das nicht zum ersten Mal geschah. Die beiden Buchhändler schienen genau zu wissen, was mit ihrem Freund nicht stimmte. „Wir sind hier, Crowley. Erziraphael und ich sind hier bei dir. Komm doch bitte zu uns zurück!“ Der Constable hörte die Tränen, ohne sie sehen zu müssen.

„Inspector Stewart?“ Es war die weiche Männerstimme. Sie war ohne Dringlichkeit und ohne Vorwurf. „Rachel? Können Sie uns bitte sagen, was geschehen ist?“ Zum Erstaunen des Constables antwortete der Inspector sofort, wenn auch mit gebrochener Stimme. „Ich bin schuld!“, flüsterte sie. „Ich und meine verfluchte, unprofessionelle Neugier. Ich habe mich benommen wie ein aufgeregtes Schulmädchen!“ Der Buchhändler unterbrach sie sanft: „Nein, Rachel, nein. Machen Sie sich bitte keine Vorwürfe. Sagen Sie mir nur, was sich abgespielt hat.“ Meyers hörte ein unterdrücktes Schluchzen, das der Antwort vorausging. Dann jedoch sprach der Inspector gefasst und sachlich, nur sehr, sehr leise: „Die Befragung war schon beendet, die Aufzeichnung gestoppt. Und dann habe ich meiner Neugier nachgegeben und ihn gefragt…“ Neue Tränen erstickten ihre Antwort. „Sie machen das gut, Rachel“, kam die besänftigende Versicherung von dem knieenden Mann. „Sagen Sie uns nur noch, was Sie gefragt haben.“ Sie schluchzte wieder. „Ich habe gefragt, ob er Satan begegnet ist“, antwortete sie mühsam und hielt inne, als Muriel erschrocken aufstöhnte. Gleich darauf sprach sie aber weiter: „Und dann, ob er wirklich so böse ist, wie die Menschen glauben.“ Nach diesen Worten griff sie nach einer Stuhllehne, schien einen Moment um ihr Gleichgewicht zu kämpfen, ließ sich dann vorsichtig auf den Stuhl sinken und schlug die Hände vors Gesicht. Ihre Schultern zuckten.

Der Buchhändler nickte, ohne jemanden anzusehen. „Nun, das erklärt es zumindest.“ Mehr sagte er nicht. Stattdessen senkte er den Kopf, so dass sein Mund direkt am Ohr des Rothaarigen war und begann zu summen. Dabei wiegte er sich mit dem anderen Mann im Arm behutsam hin und her. Der Constable hatte eine solche Melodie noch nie gehört. Er war sich nicht einmal sicher, dass es überhaupt eine Melodie war, aber er spürte ihre Wirkung. In ihm breitete sich ein Gefühl aus, das ihm vollkommen unangebracht erschien in dieser Situation: Er fühlte tiefen Frieden, nichts sonst, nur Frieden.

Für mehrere Minuten schien in der Buchhandlung absolute Stille zu herrschen. Meyers hörte keine Uhr ticken, kein Elektrogerät brummen und keinen Menschen atmen. Nur Stille. Atmete er selbst überhaupt noch? Dann zerriss ein Flüstern das Schweigen um ihn herum. „Erziraphael, er ist ganz kalt. Er driftet immer weiter ab.“ Die Verzweiflung, die er hinter diesen Worten spürte, ließ den jungen Polizisten erschauern. Er begriff, dass er diesen Moment, diesen Einsatz in seinem ganzen Leben nicht vergessen würde. Was auch immer hier genau vor sich ging, es war fremd, zutiefst beunruhigend und offenbar von größter Bedeutung. Er schüttelte seine Benommenheit ab. „Soll ich einen Krankenwagen rufen?“, fragte er, aber der silberblonde Mann schüttelte mit einem traurigen Lächeln den Kopf. „Menschliche Medizin kann ihm leider nicht helfen“, erklärte er leise. „Selbst meine Wunder richten hier nichts aus. Er muss den Weg zurück selber finden.“

„Vielleicht auch nicht“, warf die Frau mit den langen dunklen Haaren und der auffälligen Kleidung ein, die bis zu diesem Augenblick geschwiegen hatte. Sie ließ ihren Begleiter stehen und kam näher. „Wenn himmlische Wunder und menschliche Medizin nichts ausrichten, lassen Sie mich etwas andres versuchen.“

Alle Augen waren auf sie gerichtet. Nur Meyers schaute sich nach Erziraphael und nach Inspector Stewart um. Er fühlte sich außerstande, die Situation zu beurteilen. Sollte er die Frau durchlassen? Konnte sie womöglich helfen oder war sie eine Gefahr? „Wer sind Sie überhaupt?“ Die Frage kam von dem zuletzt eingetroffenen Mann, dem Journalisten. Er schien auf seiner Unterlippe gekaut zu haben, die blutig war. „Wenn Sie unserem Freund schaden wollen, dann Gnade Ihnen…“ Der Satz erstarb ihm auf den wunden Lippen. Der Constable versuchte längst nicht mehr, zu verstehen, was alle diese Leute miteinander verband. „Es ist in Ordnung, Ben.“ Wieder die Stimme des Buchhändlers. „Ich kenne sie. Anathema, wenn ich mich richtig erinnere?“ Die Dunkelhaarige nickte und Meyers ließ sie vorbei.

„Was schlagen Sie vor, Anathema?“ Die Angesprochene sah ihn nicht an. Sie beobachtete konzentriert den Mann auf dem Stuhl. „Seine Aura“, sagte sie langsam. „So etwas habe ich noch nie gesehen. Sie leuchtet nicht.  Es sieht aus, als würde sie sich selbst verzehren…, oder als wäre sie … kollabiert.“ Die Wörter kamen stockend, als müsse sie sich mühsam zu ihnen vortasten. „Fast wie ein Schwarzes Loch, so als würde das Licht darin verschwinden.“ Sie schüttelte den Kopf. „Was auch immer das zu bedeuten hat, es ist nicht gut. Lassen Sie mich helfen.“ Ihre Stimme hatte, während sie sprach, an Dringlichkeit gewonnen. Meyers starrte sie gebannt an. Etwas an der Frau faszinierte ihn, aber vor allem war sie ihm unheimlich. „Sagen Sie mir zuerst, was Sie vorhaben“, beharrte der Buchhändler höflich. Sie schnaubte. „Wenn Wunder nichts helfen und Wissenschaft auch nicht, bleibt nicht mehr viel, oder?“, blaffte sie ihn an. „Jetzt haben wir nur noch die Magie der Erde. Rücken Sie zur Seite.“ Ohne mit der Wimper zu zucken, stand Erziraphael auf und legte einen Arm um die Schultern des Rothaarigen. „Sie haben recht“, räumte er ein. „Uns gehen langsam die Optionen aus. Und wenn er nicht bald zurückfindet, weiß ich nicht, ob es noch Hoffnung gibt.“  Bei diesen Worten wimmerte Muriel leise, aber als der Blonde ihr zunickte, ließ sie die Hände des anderen Mannes los und erhob sich ebenfalls. Sie trat ein Stück zur Seite.

Der Blonde murmelte: „Danke, Liebes.“ Dann sah er zu der anderen Frau: „Bitte tun Sie, was immer Sie tun können.“ Der Schmerz in den blauen Augen ließ den Constable wünschen, die Frau könne helfen. Anathema beschränkte sich auf ein knappes Nicken, zog ein altertümliches bronzenes Pendel aus den Falten ihres langen Rockes und ließ es vor dem Gesicht des Rothaarigen langsam hin und her schwingen. Bald bildete sich eine steile Falte zwischen ihren Augenbrauen, sie atmete schneller. Die Prozedur schien sie anzustrengen. Sie ließ das Pendel sinken und sah über ihre Schulter. „Newt, den roten Samtbeutel! Und die Perlmuttdose.“ Der Mann, der mit ihr gekommen war, beugte sich zu einer auf dem Boden stehenden Tasche und zog das Verlangte heraus. Er kam näher, hielt ihr die Hand mit dem Döschen entgegen, öffnete sie aber nicht. „Nat“, sagte er leise, aber so eindringlich, dass jeder der Umstehenden ihn verstand. „Willst du das wirklich tun? Du weißt…“ Sie schüttelte ungeduldig den Kopf, ihre langen dunklen Strähnen flogen. „Ich weiß keinen anderen Weg, Newt. Nun gib schon her!“ Es war nicht zu übersehen, wie sehr es dem Mann widerstrebte, der Aufforderung nachzukommen. Meyers glaubte, die wachsende Anspannung im Raum als Kribbeln auf seiner Haut zu spüren.

Dennoch gehorchte Newt und öffnete die Hand. Die Frau nahm das Döschen, öffnete es und schüttete sich daraus etwas in die Handfläche, das wie graues Pulver aussah. Der Constable wusste instinktiv, dass das kein Traubenzucker und keine Nahrungsergänzung war. Er unterdrückte den Impuls, die Substanz zu beschlagnahmen, und sah gebannt zu, wie Anathema sie von der Innenseite der geöffneten Hand leckte. Dann schloss sie die Augen und begann zu summen. Währenddessen löste Newt die Kordel des dunkelroten, samtig glänzenden Beutels und ließ den Inhalt in seine offene Hand gleiten. Mit noch immer geschlossenen Augen ließ Anathema das Pendel erneut vor Crowleys Gesicht schwingen und diesmal geschah etwas: Schnell veränderte sich seine Bahn, bald schien es der Form einer liegenden Acht zu folgen. Ohne zu wissen, wie er darauf kam, dachte Meyers: „Das Zeichen für unendlich.“ Der Constable war zwar noch jung, aber er war gut ausgebildet, nicht besonders religiös, ein pragmatischer Mensch, der an Fakten und Beweise glaubte. Ganz sicher neigte er nicht zu Esoterik und Aberglauben. Jetzt aber spürte er, wie sich die Härchen an seinen Armen und in seinem Nacken aufstellten und ihm die Brust eng wurde. Das Summen veränderte sich, wurde dunkler, fast zu einem Knurren. Newt stöhnte, dann hielt er der Frau seine flache Hand entgegen. Meyers erkannte farbige Steine, Halbedelsteine vielleicht. Anathema ließ mit immer noch geschlossenen Augen ihre Fingerspitzen darüber gleiten und wählte drei davon aus. Mit einem gezielten Griff fand sie Crowleys zur Faust geballte Rechte und bog die Finger auseinander. Dann legte sie die Steine hinein und schloss die Finger wieder darüber.

Sie hatte das Pendel fallenlassen, breitete ihre erhobenen Arme weit aus und verfiel in einen Singsang. Die Worte ähnelten keiner Sprache, die Meyers je gehört hatte. Der Gesang wurde rhythmischer und lauter, bis er plötzlich abbrach. „Gib ihn frei!“, rief sie – wieder in ihrer eigenen Stimme - und so laut, dass Meyers zusammenschrak. „Ruf ihn“, wies sie den Buchhändler an. „Zeig ihm den Weg.“ Der Mann gehorchte. „Liebling“, flüsterte er. „Crowley, Liebster, bitte lass mich nicht allein. Komm zu mir zurück. Ich bin hier. Ich warte.“ Muriel schrie erschrocken auf, als plötzlich etwas auf den Boden fiel und unter dem Stuhl liegenblieb. Meyers blinzelte. Es waren die drei Steine aus dem Beutelchen. Crowleys Hand hatte sich gelöst und sie freigegeben. Im nächsten Augenblick holte der Mann keuchend Luft und stammelte: „Engel…, Er-, Er-, Er..zi..ra“ Mit dem Namen auf den Lippen stöhnte er laut auf und sackte in sich zusammen. Der Buchhändler fing ihn instinktiv auf, als er vom Stuhl zu kippen drohte. Gemeinsam mit Muriel ließ er den bewusstlosen Mann vorsichtig zu Boden gleiten. Anathema nickte zufrieden. „Holt ihm Decken. Es wird eine Weile dauern, bis er wieder zu sich kommt.“ Prüfend hob sie eines der geschlossenen Augenlider. „Aber er ist wieder auf unserer Seite des Vorhangs.“ Mit diesen Worten bückte sie sich, sammelte die Steine vom Boden auf, ließ sie in den Beutel gleiten, den Newt ihr reichte und zog die Kordel zu. „Macht mir bitte jemand einen Tee?“, fragte sie und kippte ohne Vorwarnung um, ihrem Begleiter direkt in die Arme.