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Klärungen

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Klärungen

In der Zentrale von Scotland Yard saß der Commissioner und starrte auf das Telefon, das er schon vor einer ganzen Weile aus der Hand gelegt hatte. Was zum Teufel war bei diesem Einsatz schiefgelaufen? Stewart war eine seiner fähigsten Ermittlerinnen, die einzige ihres Jahrgangs, die es schon zum Inspector gebracht hatte. Was hatte sie so aus der Fassung gebracht, dass sie um ihre Suspendierung bat? Rachel wurde von den jüngsten Constables hinter ihrem Rücken „Inspector Kaltblut“ genannt. Der Commissioner lächelte bei der Erinnerung an den Fall, der ihr diesen Ehrentitel – und den Respekt des gesamten Reviers – eingebracht hatte:  Frisch zum Inspector befördert hatte Rachel sich als Lockvogel für einen brutalen Serienvergewaltiger zur Verfügung gestellt, dem ihr Team schon seit Wochen erfolglos nachstellte, und hatte ihn allein und unbewaffnet überwältigt, noch bevor die Verstärkung eintraf. Als die Mannschaft des Überwachungsfahrzeugs ankam, fanden sie den Täter mit einem Lurexschal an eine Parkbank gefesselt und Inspector Stewart damit beschäftigt, sich dessen Hoodie über das tief dekolletierte Minikleid zu ziehen.

Der Commissioner schüttelte frustriert den Kopf. Rachel Stewart verlor nicht die Nerven. Das kam einfach nicht vor. Er musste schnellstens herausfinden, was heute vorgefallen war. Er rief seinen Assistenten herein. „Ich will die Constables sprechen, die heute mit Stewart eingeteilt waren!“, ordnete er an. „Jetzt gleich!“

***

Beast saß noch immer auf demselben Flur, auf dem man ihn nach der Ankunft zurückgelassen hatte. Zwischen ihm und dem Haupteingang des Reviers lagen zwei nur mit Codekarte zu öffnende Türen und er verschwendete seine Zeit nicht mit Fluchtplänen. Er rieb sich die Handgelenke. Immerhin hatte man ihm die Handschellen abgenommen, aber die Stellen, an denen diese an seinem ausgeprägten Überbein gescheuert hatten, waren noch deutlich zu sehen. Sein Blick fiel auf die Karaffe Wasser und das Glas, das ihm kurz darauf ein in Zivil gekleideter junger Mann gebracht hatte. Er goss sich ein Glas ein und stürzte es in einem Zug hinunter. Das zweite trank er in langsamen, großen Schlucken. Erst als er das Glas wieder abstellte, bemerkte er den Schmerz an seinen Fingerspitzen. Gedankenverloren betrachtete er die Innenfläche seiner Hand. Zwischen den Resten schwarz verkohlter Haut fanden sich noch einige auffällige Brandblasen. Dazwischen nur rohes, blutiges Fleisch. Nur der Daumen und der Handballen wiesen noch einigermaßen zusammenhängende Stücke Haut auf, feuerrot und blasig, darunter schien das Gewebe weniger stark verletzt zu sein. Er hätte schneller loslassen müssen, dachte er. Aber er wollte ganz sicher sein, dass er die Flamme wirklich erstickt hatte.

Schritte näherten sich auf dem Gang und er sah auf. „Mister…“ Eine Uniformierte mit einer strengen Brille und grauen Haaren sah auf das Klemmbrett in ihrer Hand. „Mister Beast?“, sagte sie schließlich zweifelnd. Er nickte. „Kommen Sie bitte mit in…“ Beast erfuhr nicht, wohin er hätte mitkommen sollen. Die Polizistin starrte mit großen Augen und offenem Mund auf seine Handfläche. „Was ist denn mit Ihrer Hand passiert?“, fragte sie und fuhr unmittelbar fort: „Das muss sich sofort ein Arzt ansehen! Sie haben Glück, dass der Doktor gerade für einige Einweisungen im Haus ist. Kommen Sie!“ Sie klemmte sich die Schreibunterlage mit seinen Daten unter den Arm, machte auf dem Absatz kehrt und marschierte den Gang zurück, durch den sie gekommen war. Der Dämon zögerte kurz, dann folgte er ihr widerwillig.

***

Wie zuvor die Tür, wurde auch die Bettdecke durch ein ungeduldiges Wunder zur Seite geschleudert. Mit langen Schritten erreichte Erziraphael das Bett, beugte sich hinunter und legte Crowley sanft auf dem Laken ab. Er zupfte das Kissen unter seinem Kopf zurecht und wollte nach der Bettdecke greifen, aber der Dämon ließ ihn nicht los. Die Arme immer noch um seinen Hals geschlungen vergrub er das Gesicht noch tiefer in seiner Halsgrube und flüsterte: „Geh nicht weg, Engel!“ Erziraphael spürte die Gänsehaut, die sich auf seinen Armen und seinem Rücken ausbreitete. Crowley flehte nicht um Nähe. „Versprochen!“, flüsterte er. „Ich bleibe bei dir, Liebling, ich gehe nirgendwohin.“ Daraufhin ließ Crowley ihn los, seine Arme fielen kraftlos neben ihm aufs Bett und Erziraphael atmete erleichtert aus. Er reckte sich nach dem Deckenzipfel, zog ihn näher heran und breitete die Decke dann liebevoll über Crowleys schmalen, bewegungslosen Körper aus. „Ich gehe nur bis zum Schrank“, versicherte er, immer noch flüsternd. Mit einem seiner himmelblauen Flanell-Schlafanzüge über dem Arm kam er zurück, zeichnete etwas in die Luft und griff nach Crowleys schwarzer Kleidung, die nun neben ihm lag. Er hängte Hose, Henley und Weste sorgfältig auf Bügel, bückte sich nach dem silbrigen Schal und hängte ihn dazu. Schließlich schlüpfte er selbst aus seiner Kleidung und in einen Pyjama mit einem beigegrundigen Tartanmuster. Dann legte er sich zu Crowley. Der drängte sich sofort an ihn und in seine Arme und er hielt den langen, dünnen Körper fest an sich gedrückt. Crowley zitterte in seiner Umarmung wie ein gefangenes kleines Wildtier. Es brach dem Engel fast sein Herz, den stolzen Dämon so zu sehen. Vorsichtig schob er eine flache Hand unter Crowleys Oberteil und begann, seinen vernarbten Rücken zu streicheln. Er ließ seine Hand in konzentrischen Kreisen wandern, folgte dann den Linien der knochigen Schultern über die Oberarme und wieder zurück, tastete sich über die wie mit einem narbigen Spinnennetz bedeckten mageren Schulterblätter und ließ die Finger schließlich auf Crowleys nackter Taille zur Ruhe kommen, während er ihm Kosenamen ins Ohr murmelte. Der Dämon ließ das alles ohne Protest und ohne Gegenwehr geschehen, drängte sich nur immer wieder enger in seine Umarmung. Und das war es, was Erziraphael an diesem Tag mehr als alles andere Sorgen bereitete. „Htmchfst“, murmelte Crowley und Erziraphael verstand. „Ich hab dich“, versicherte er ihm. „Ich lass dich nicht los.“ Und er hielt ihn den Rest der Nacht, hielt ihn fest in der Realität, in die ihm die Gestalten seiner Alpträume nicht folgen konnten.

Als Muriel viel später in der Nacht Hexe hineinließ, setzte die Wolfshündin sich neben das Bett und stupste den Engel leise winselnd mit der Schnauze an. „Hilfst du mir, ihn zu bewachen, Mädchen?“, fragte er leise. Ein weiteres Winseln antwortete ihm. „Gut“, sagte er, zupfte noch einmal die Decke über sich und Crowley zurecht, strich ihm über den ungewohnt kühlen Rücken, der endlich nicht mehr zitterte, und schlief kurz vor dem Morgengrauen ein.

***

Rachel hatte den Kopf auf ihre Hände gestützt und sah zu, wie die Kerze vor ihr langsam herunterbrannte. Aus irgendeinem Grund hatte sie das Bedürfnis verspürt, ein Licht zu entzünden, nachdem das Taxi sie zuhause abgesetzt hatte und sie die beiden Treppen zu ihrer kleinen Wohnung hinaufgestiegen war. Sie hatte eine Flasche Sherry aus dem Schrank genommen und eines der gravierten Gläser bis zum Rand gefüllt, die ihre Eltern ihr zur Beförderung geschenkt hatten. Seitdem saß sie an ihrem Küchentisch, starrte in die zitternde Flamme und nahm gelegentlich einen Schluck aus dem Glas. Gerade hielt sie es wieder in der Hand und schwenkte die braungoldene Flüssigkeit sanft darin herum, folgte den in unterschiedlichen warmen Schattierungen schimmernden Schlieren mit den Augen und ließ ihre Gedanken wandern.

Irgendwo zwischen der Buchhandlung und dem zweiten Glas Sherry war ihre Wut auf sich selbst nach und nach verraucht. Ja, sie war nicht so professionell aufgetreten, wie sie das von sich selbst erwartete. Und dieses Versäumnis, dieser Fehler hatte ernste Folgen für einen Zeugen gehabt. Das würde sie nicht aus den Augen verlieren und das bedauerte sie auch an der Neige des zweiten Glases noch genauso sehr. Aber als Führungskraft wusste sie, dass man Fehler in der Zukunft nicht dadurch vermeiden konnte, dass man sie abstrafte. Eine Wiederholung verhinderte man nur, wenn man verstand, was zu einem bestimmten Fehler geführt hatte. Diese Fehlerkultur galt für ihr Team. Also auch für sie selbst.

Sie war inzwischen bei der eigentlichen Frage angekommen: Wie hätte sie verhindern können, dem Zeugen zu schaden? Hätte sie wissen müssen, dass eine naive Frage nach Satan einen Dämon in eine Schockstarre fallen lassen würde? Sie beantwortete sich diese Frage mit einem Kopfschütteln. Sicher hätte sie sensibler vorgehen können, wenn sie sich im Vorfeld besser auf mögliche Begegnungen mit Dämonen oder Engeln vorbereitet hätte. Andererseits: Hatte sie über die Informationen verfügt, die eine wirkungsvolle Vorbereitung möglich gemacht hätten? Zweifelnd schielte sie in ihr Glas. Es war leer. Sie füllte es noch einmal zur Hälfte, verschloss die Flasche und brachte sie zurück ins Barfach. Danach setzte sie sich wieder an den Tisch, hob das Glas an die Nase und sog den Geruch genussvoll ein. „Nein!“, sagte sie sich entschieden. Sie hatte nichts gehabt außer der vagen Information, dass Unsterbliche in London lebten. Niemand hatte ihr oder den anderen Beamten verraten, wie viele es waren, was im Umgang mit ihnen zu beachten war, oder wer sie waren und welchen Beschäftigungen sie nachgingen. Woher hätte sie wissen sollen, auf wen sie in der Wickber Street treffen würde, welche Vorgeschichte diese Personen hatten, worauf sie besser Rücksicht genommen hätte? Die Kerzenflamme vor ihr flackerte heftig, als sie erleichtert ausatmete: Es traf sie keine Schuld daran, dass sie nicht auf diese Begegnung vorbereitet gewesen war. Sie begoss diese Erkenntnis mit dem nächsten Schluck Sherry.

Dann blieb nur noch eins zu klären: Wäre es ganz generell besser, komplett auf Fragen zu verzichten, die nicht unmittelbar den Fall betrafen? Dann würde Mister Crowley womöglich gerade fröhlich mit seinem Partner beim Abendessen sitzen. Sie schloss die Augen, um sich ganz auf diese Überlegung zu fokussieren. Eine ihrer Ausbilderinnen fiel ihr ein. „Vor euch sitzt nie nur ein Verdächtiger, ein Täter, ein Zeuge oder ein Kollege“, hatte die ihnen immer wieder gepredigt. „Da sitzt immer ein Mensch.“ Sie lächelte, weil sich ihr der Gedanke aufdrängte, dass diese Formulierung nicht mehr in jeder Hinsicht Bestand hatte. Aber jetzt war nicht die Zeit, darüber nachzudenken, ob sie künftig durch „eine Person“, „ein denkendes, fühlendes Wesen“ oder noch etwas Anderes ersetzt werden musste. Wichtig war: Da sitzt immer jemand, den man nicht auf einen Aspekt seines Wesens, auf eine Handlung oder eine Aussage beschränken durfte. Wer die Motive einer Person verstehen wollte, musste mehr über sie wissen als nur die Personalien und den Kontostand, musste Einblick gewinnen in ihre Welt, ihr Milieu und ihre Geschichte. Das hatte sie von dieser Ausbilderin gelernt. Das versuchte sie, ihrem Team zu vermitteln. „Habt Interesse!“, forderte sie immer wieder. Und das hatte sie getan. Die Frage war nicht zwingend notwendig gewesen. Vielleicht auch unprofessionell. Aber sie hatte nicht grob fahrlässig gehandelt. Das machte die Folgen für Mister Crowley nicht weniger schlimm. Aber es erleichterte ihr Gewissen.

Sie schob die Kerze zur Seite, nahm ihren Laptop von einem Stuhl neben sich und klappte ihn auf. Sie öffnete das Mail-Programm und tippte eine Mail mit wenigen Zeilen. Dann trank sie den Rest ihres Sherrys aus, las die Nachricht noch einmal durch und nickte zufrieden. Sie tippte die Dienstadresse des Commissioners ins Adressfeld und klickte auf „Senden“. Anschließend klappte sie den Laptop wieder zu, pustete die Kerze aus und stand auf. Das leere Sherry-Glas trug sie zur Spüle, sah sich noch einmal nachdenklich im Raum um, nickte und schaltete das Licht aus. Ihr Gewissen würde sie heute Nacht nicht wachhalten. Morgen würde sie sich mit den Folgen ihres Fehlers beschäftigen.

***

Die Familie Gibson saß beim Abendessen. Ihrer Mutter hatten Lizzie und Josie schon gleich nach dem Nachhausekommen alles erzählt, was sich früher am Tag in der Buchhandlung abgespielt hatte.  Sie hatten Sarah beim Sortieren von Belegen für den Steuerberater angetroffen. Die hatte den Mädchen Messer in die Hand gedrückt und sie Gemüse für einen Pie schnippeln lassen, damit ihre herumzappelnden Hände beschäftigt waren, während sie erzählten.

Alec war mit zwei Nachbarn im Fitnessstudio gewesen und hatte noch keine Nachrichten gehört oder gelesen, als er nach Hause kam. Jetzt stocherten die Jüngere und die Mutter auf ihren Tellern herum und Josie berichtete zum zweiten Mal in aller Ausführlichkeit vom Polizeieinsatz in der Buchhandlung. Alec führte zwar eine Gabel voll Pie zum Mund, kaute und schluckte, aber Sarah sah ihm an, dass er nicht wusste, was er da aß. Ihr ging es ja nicht viel anders. Auch die Worte ihrer Tochter hörte sie bei der Wiederholung der Geschichte wie durch einen Schleier. Mister Fell, Erziraphael, war schon fast so lange ein Teil ihres Lebens, wie sie Alec kannte. Nun schien er in Gefahr zu sein. Er, Anthony und Muriel. Als sich bei diesem Gedanken ihr Magen schmerzhaft zusammenzog, legte sie die Gabel weg und schob langsam den Teller von sich.

In diesem Moment drang ein Satz in ihr Bewusstsein, den Josie schon vorhin gesagt hatte, den Kopf konzentriert über die Möhren gebeugt, die sie in Stücke schnitt. Warum fiel ihr gerade der jetzt ein? Vielleicht hatte das Mädchen ihn eben wiederholt, aber das war auch egal. Sarah hob abrupt den Kopf. „Hast du wirklich gesagt, die Polizei schien nicht zu glauben, dass Erziraphael ein Engel ist? Denkst du, sie haben das erst von dir erfahren?“ Josie schüttelte spontan den Kopf, hielt dann aber mitten in der Bewegung inne. „Meinst du, ich habe sie verraten? Hätte ich das nicht sagen sollen?“, fragte sie, plötzlich ganz blass. Sie schwieg, schien angestrengt nachzudenken. Schließlich schüttelte sie den Kopf. „Nein“, sagte sie und wirkte schon wieder etwas beruhigt. „Eigentlich wirkte die Polizistin eher genervt, als ich das gesagt habe, nicht erstaunt.“ Unvermutet kicherte sie. „Sie sah aus, als würde sie mit den Augen rollen, wenn sie nicht viel zu professionell dafür gewesen wäre.“

Sarah wurde es bei diesen Worten warm ums Herz. Ihre Große hatte schon früh ein erstaunliches Einfühlungsvermögen an den Tag gelegt. Sie erkannte oft genau, wie andere sich fühlten, und konnte es auch treffsicher in Worte fassen. Das war eine große Hilfe gewesen, wenn die wesentlich impulsivere Lizzie mal wieder auf der Schwelle zu einem Tobsuchtsanfall stand und die Eltern nicht wussten, wie sie sie beruhigen sollten. Josie hatte das immer gekonnt. Sarah nickte ihr zu. „Dann weiß die Londoner Polizei nicht, dass Unsterbliche mitten unter uns leben?“, fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. „Obwohl es durch alle Medien gegangen ist?“ Zum ersten Mal, seit die Ältere ihren Bericht begonnen hatte, ergriff Alec das Wort: „Etwas in den Abendnachrichten zu hören und im eigenen Alltag damit konfrontiert zu sein, sind zwei grundverschiedene Sachen.“ Mehr sagte er nicht. Sarah griff nach seiner Hand. Sie wusste, woran er dachte. Auch ihr Mann hatte sich sehr schwer damit getan, die Wahrheit zu erkennen – und sie als Tatsache anzuerkennen. „Sollte ich sie mal anrufen?“, fragte er zögernd. „Hören, wie es ihnen geht? Vielleicht könnten sie gerade einen Freund gebrauchen“, sagte er. Sarah schüttelte den Kopf, schloss ihre Hand noch etwas fester um seine und antwortete: „Ich denke, sie brauchen jetzt erstmal Ruhe. Zeit für sich. Texte Crowley, wenn du magst. Aber den Anruf verschiebst du besser auf morgen.“