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Unruhe und Ungeduld - Sonntag

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Unruhe und Ungeduld - Sonntag

Sorry, ihr  musstet diesmal zwei Tage länger warten,

dafür bekommt ihr aber auch ein deutlich längeres Kapitel.

Ich hoffe, das macht das Warten wett.

Graues Licht drang in die Zelle, aber Branoc konnte nur vermuten, dass der anbrechende Morgen neblig oder sogar regnerisch war. Das Fenster seiner Zelle gewährte ihm nur die Sicht in einen Lichtschacht und es gelang ihm nicht, einen Blick auf ein Stück Himmel zu erhaschen. Eigentlich hätte ihm das nichts ausmachen dürfen, schließlich gab es in der Hölle nicht einmal Räume mit Tageslicht, geschweige denn mit Ausblick. Jahrtausendelang hatte er nichts anderes gekannt. Erstaunt realisierte er, wie schnell man sich an Verbesserungen gewöhnen konnte. Sein Büro im Antiquitätenladen mochte eng und schäbig sein, aber durch das Fenster sah er auf die geschäftige Straße hinaus, konnte Passanten beobachten und die Beschäftigten der umliegenden Geschäfte und Restaurants kommen und gehen sehen. Die Schiebejalousie schloss er nur, wenn der Schutz vor fremden Blicken unumgänglich war, also vor allem, wenn Ware ankam, die nichts mit der Aufarbeitung und dem Verkauf von Stilmöbeln zu tun hatte. Er war jedes einzelne Mal heilfroh, wenn diese Ware sein Geschäft wieder verlassen hatte. Der vorenthaltene Ausblick war nur einer der Gründe dafür.

Der Dämon ließ sich auf das niedrige Bett fallen, das mehr eine Pritsche war. Die metallenen Federn quietschten jämmerlich unter seinem Gewicht. Das hatten sie die ganze Nacht hindurch bei jeder einzelnen Bewegung unbarmherzig getan und er hatte sich oft bewegt, hatte sich ruhelos von einer Seite auf die andere geworfen. Schuld daran war nicht der Schmerz in seiner Hand. Er war ganz andere Schmerzen gewohnt, das hatte er nicht nur um des Effekts willen behauptet. Im Gegenteil: Der Schmerz war das Einzige gewesen, was ihn von seiner Angst ablenkte. Die erstaunlich wirksamen Schmerztabletten dagegen hatten ihn seinen Gefühlen schutzlos ausgeliefert. Wieder und wieder war er im Kopf die Gespräche durchgegangen, die ihm bevorstanden, sobald er das Polizeirevier verließ. Wenn es nur Gespräche waren … Die Nacht in der Zelle würde seine Argumentation hoffentlich stärken, seine Geschichte überzeugender klingen lassen. Nur, dass er sich noch nicht für eine Geschichte entschieden hatte. Am nächsten Tag würde sich das Geschehen herumgesprochen haben, er würde also erklären müssen, warum er bei dem versuchten Brandanschlag vor Ort war. Ein unwilliges Knurren entfuhr ihm und er schlug mit der geballten Hand auf den metallenen Rahmen des Bettgestells. Verdammt! Gerade rechtzeitig widerstand er dem Impuls, die Faust noch fester zu ballen. Er schnitt eine Grimasse und presste die Zähne aufeinander – die Wirkung des Schmerzmittels schien bereits nachzulassen. Er öffnete die Faust vorsichtig und starrte auf die Handfläche. Sah wirklich nicht schön aus. Würde es Verdacht erwecken, wenn er die Heilung etwas beschleunigte? Egal! Im Moment hinderte ihn der Schmerz am Denken und das konnte er nicht brauchen. Eine schnelle Handbewegung und die Brandblasen schwollen ab, die Rötung ging leicht zurück. Ah, besser!

In der Nacht hatte er überlegt, ob er behaupten sollte, er stecke hinter dem Anschlag. Aber diese Lösung war keine, ebenso wenig wie die Wahrheit, denn beide würden seine „Brothers“ auf die Buchhandlung und ihre Bewohner aufmerksam machen und gerade das wollte er auf jeden Fall vermeiden. Es blieb also nur die Behauptung, er sei zufällig vor Ort gewesen – und die Hoffnung, der Präsident werde das schlucken.

Die beiden Idioten mit ihrem dilettantischen Brandsatz hatten ihn echt in die Bredouille gebracht. Was konnten die von den Buchhändlern oder dem Dämon wollen? Zu welcher Gruppierung gehörten sie? Er hatte keine Kennzeichen entdecken können, die ihm einen Hinweis gegeben hätten. Der Junge konnte nicht mehr als ein Prospect sein, vielleicht auch nur ein Handlanger oder der Kontakt in eine Schule. Und der Alte? Der wirkte nicht helle genug, um irgendwo eine wichtige Rolle zu spielen. Branoc seufzte. Das Rätsel würde er lösen müssen, wenn er wieder draußen war. Er konnte nicht riskieren, dass die beiden ihm noch einmal in die Quere kamen.

Die Zellentür öffnete sich. Die Ärztin kam herein. „Ich habe jetzt Feierabend“, sagte sie zur Begrüßung. „Bevor ich gehe, wollte ich mir nochmal Ihre Hand ansehen.“ Mit unbewegter Miene hielt Beast ihr die Handfläche hin. Ihre Augen wechselten mehrmals schnell zwischen der Brandwunde und Beasts Gesicht. „Das kann doch nicht wahr sein, wie ist das denn möglich?“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf und ihre rötlichen Locken sprangen dabei auf und ab. „Ich habe noch nie eine so schnelle Heilung bei einer so schweren Wunde gesehen! Was haben Sie bloß gemacht?“ Erwartungsvoll sah sie Beast an, aber der zuckte gelangweilt mit den Schultern. „Dämonenfleisch heilt gut“, brummte er. „Is‘ einfach so.“ Die Ärztin war wirklich nett gewesen und sanft. Mit so viel Rücksicht hatte ihn noch nie jemand behandelt. Wenn er die Augen schloss, konnte er noch das Gefühl ihrer Finger an seiner Haut heraufbeschwören. So gingen Dämonen nicht miteinander um. Ihm wäre es lieber gewesen, er müsste sie nicht belügen. „Gibt es hier wohl einen Tee, wenn ich freundlich bitte sage?“, fragte er und gab sich Mühe, es sarkastisch klingen zu lassen.

***

„Sariel, es ist jetzt sieben Uhr auf der Erde. Denkst du, nun kann ich anrufen?“ Der angesprochene Engel zog etwas aus einer Tasche seiner Jacke und schaute darauf. „Es ist Sonntag, Herr. Und sie hatten einen anstrengenden Tag. Gib ihnen noch ein, besser zwei Stunden.“ Jesus warf in nur halb gespielter Verzweiflung die Hände in die Luft. „Sariel, wenn du nicht endlich aufhörst, mich ‚Herr‘ zu nennen, entziehe ich dir den Zugang zur Bibliothek! Unangebrachte Höflichkeit macht nichts an deiner Antwort besser!“ Sariel senkte den Kopf. „Respekt ist nie unangebracht, jedes von Gottes Geschöpfen verdient ihn. Umso mehr doch wohl der Herr des Himmels.“ Das Lächeln, das um seine Mundwinkel spielte, und die Fältchen rund um seine Augen verrieten ihn. „Sariel! Du hast wirklich zu viel Zeit mit Erziraphael verbracht. Immer musst du das letzte Wort haben!“ Doch auch seine Augen blitzten. „Dann respektiere mich gefälligst weniger devot“, fügte er hinzu. „Wenn ich noch warten muss, lass uns die Zeit nutzen. Wir haben noch nicht über deine Vorschläge für den… wie hast du es in deinem letzten Exposé genannt?“ „Tatbestandskatalog?“, soufflierte Sariel versuchsweise. „Genau! Wir haben noch nicht über deinen Entwurf eines Tatbestandskatalogs für eine überweltliche Rechtsprechung geredet.“ Der Engel nickte. „Das würde ich sehr gern, aber ich habe eine Verabredung mit Codimor und einigen Sicherheitsexperten. Die Videokonferenz ist für sieben Uhr fünfzehn angesetzt.“ „Codimor! Da könnte ich doch…“ Das Lächeln des Gottessohns verschwand so schnell, wie es gekommen war. „Nein, ich weiß: Es ist ein reines Arbeitstreffen und ich würde euch nur aufhalten. Bitte halte mich auf dem Laufenden über die Planung der Konferenz.“ Er entließ seinen Vertrauten mit einer Handbewegung. Sariel entfernte sich einige Schritte, drehte sich aber noch einmal herum. „Jesus? … Ich bin sicher, es geht ihnen gut.“ Dann eilte er davon.

Jesus griff nach einem Stapel Papiere und trat damit an ein Stehpult. Mit einem Stift in der Hand begann er zu lesen, fügte hier ein Komma ein, strich dort ein Wort und ersetzte es durch ein anderes, notierte Bemerkungen am Rand der Zeilen, hin und wieder auch ein Frage- oder ein Ausrufungszeichen. Immer wieder schweiften seine Gedanken ab, begannen zu wandern und landeten schließlich auf der Erde, meistens in Soho. War die Zeit nicht bald um? Er seufzte, als der Blick auf die Uhr mit der Londoner Zeit erst sieben Uhr dreißig zeigte. Mit einer Grimasse schob er die Papiere wieder auf einen Stapel zusammen, steckte die Kappe auf den Stift und verließ sein Büro. Mit eiligen Schritten folgte er dem Gang, der ihn zu Berechiels Arbeitsplatz bringen würde. Er öffnete schwungvoll die Tür, aber der Raum war leer. Suchend sah er sich um und entdeckte einen Engel mit einem Tablett voller Kaffeetassen. Trotz seiner Anspannung musste er lächeln. Umael hatte eine Vorliebe für irdische Heißgetränke entwickelt und offenbar viele Nachahmer gefunden. Die Anzahl von Wasserkochern und Kaffeevollautomaten im Himmel war regelrecht explodiert, so dass der Ausbau der Stromerzeugung kaum hinterherkam. Immer häufiger wurden selbst bei innerhimmlischen Konferenzen Getränke angeboten, letzte Woche standen sogar schon Kekse auf dem Tisch. Jesus schüttelte amüsiert den Kopf. Auch das war natürlich Umaels Idee gewesen.

Als der Engel mit dem Tablett auf seiner Höhe angekommen war, fragte Jesus: „Entschuldige bitte, weißt du zufällig, wo Berechiel sich aufhält?“ Der Engel nickte und zeigte mit dem Kopf in die Richtung, aus der er gekommen war. „Ich bin ihm gerade begegnet. Er wollte wohl zu Umael.“ Jesus bedankte sich. Er war sich jetzt ziemlich sicher, wo er die beiden finden würde. Mit frischem Schwung machte er sich auf den Weg zu Umaels neuester Errungenschaft: In die himmlische Cafeteria.

***

„Guten Morgen!“ Schwungvoll betrat Sergeant Turner den Besprechungsraum, in dem sich ihr sechs Köpfe zuwandten. Sie ging nach vorn, wo ein großes Smartboard an der Wand hing, und ließ einen Stapel Akten auf den Stehtisch plumpsen. Sie griff nach einer Fernbedienung und der Bildschirm leuchtete auf. Sechs Fotos erschienen. „Das sind, soweit wir wissen, die zentralen Figuren in diesem Fall.“ Der Sergeant hielt sich nicht mit einer Vorrede auf. Mit einem Laserpointer zeigte sie auf das erste Foto in der oberen Reihe, das einen auffallend blonden Mann zeigte. „A. Z. Fell, bzw. Erziraphael. Buchhändler, Antiquar, außerdem offenbar ein Engel. Der Eigentümer der Immobilie.“ Sie sah sich um und registrierte zufrieden, dass keiner der Kollegen lachte oder einen Witz riss. Ebenso knapp stellte sie die beiden anderen Unsterblichen vor.

„Diese drei, vielleicht auch nur zwei oder einer von ihnen, waren vermutlich das Ziel des vereitelten Anschlags. Constable?“ Sie zeigte auf ihren Neffen und lächelte ihm ermutigend zu. Es war immerhin sein erster größerer Fall. „Sie waren gestern längere Zeit in der Buchhandlung mit den mutmaßlichen Zielpersonen zusammen. Welchen Eindruck machten die drei auf Sie?“ Jack schluckte und lief rot an, richtete sich jedoch schon im nächsten Moment gerade auf und begann nach einem tiefen Atemzug selbstbewusst zu sprechen. „Wie schon in meinem Bericht steht, waren sie erkennbar besorgt, betroffen, dabei aber immer freundlich und kooperativ.“ Er hielt kurz inne und fuhr dann etwas langsamer fort: „Nachträglich ist mir etwas klar geworden, das mir gestern noch nicht so bewusst war: Alle drei haben sich erstaunlich verhalten. Obwohl sie wirklich erkennbar verunsichert waren, haben sie sich um alle andern gekümmert, haben dafür gesorgt, dass die Stimmung nicht kippt, dass niemand überreagiert.“ Nur seine Tante bemerkte sein kurzes Stocken an dieser Stelle und nahm sich vor, ihn später zu fragen, was es damit auf sich hatte. „Sie waren auffallend besonnen“, hatte Jack gerade gesagt. „Der Buchhändler, Fell, schien sich für die Menschen im Laden persönlich verantwortlich zu fühlen. Da war zum Beispiel ein ziemlich krankes Kind, das hat er selbst herumgetragen und abgelenkt. Und der mit den roten Haaren genauso, der hat mit den Kolleginnen von der Berittenen draußen die Kinder bespaßt oder getröstet, auch noch, als er selbst schon echt mitgenommen wirkte. Es war auffällig, was für einen guten Draht er zu den Kindern hatte.“ „Und die Frau?“, fragte der Sergeant nach. „Muriel, ich meine Miss Bennett? Oh, die war genauso aufmerksam und um alle besorgt. Sie war ständig mit Getränken unterwegs, nachdem die Befragungen begonnen hatten.“

„Danke, Constable!“ Sie sah in die Runde. „Ist Ihnen noch etwas anderes aufgefallen?“, fragte sie. „Den Berichten zufolge haben die drei aus ihrer Identität kein Geheimnis gemacht, ihnen wurde jedoch lange kein Glauben geschenkt. Sind sie da nicht ungeduldig, laut oder sogar aggressiv geworden?“ Jack und Meyers schüttelten den Kopf. „Nicht, solange ich dort war“, antwortete Meyers sofort. „Jack hat Recht: Rückblickend ist es echt ungewöhnlich, wie geduldig und umsichtig sie die ganze Zeit waren. Irgendwie … übermenschlich.“ Er errötete, als der Sergeant ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue ansah. „Lassen Sie uns keine voreiligen Schlüsse ziehen“, mahnte sie freundlich. „Jacks Ausführungen passen zu dem, was in den Berichten steht“, warf ein anderer Constable ein. „Ich habe gestern noch mit den Berittenen telefoniert, die schildern es genauso. Auffallend zugewandt, deeskalierend, souverän.“ Er zuckte mit den Achseln. „Trotzdem hätte man gemerkt, dass sie erschöpft und beunruhigt waren, sagte mir die Kollegin. Der … Dämon hätte die meiste Zeit gewirkt wie von der Security: Die Umgebung ständig im Blick, aber immer auch ein Auge auf die Kinder.“

Mary Turner nickte nachdenklich. „Haben Sie irgendeinen Hinweis darauf gefunden, dass die drei mehr sein könnten als unschuldige Opfer? Vergessen Sie nicht, dass in unserer Gleichung auch ein Mitglied der Hells Angels auftaucht. Könnten wir es mit rivalisierenden Banden zu tun haben?“ Sie sah irritiert auf, als Jack und Meyers in Gelächter ausbrachen. „Sergeant, mit Verlaub, aber wenn Sie die drei erlebt hätten, würden Sie das nicht fragen. Der Buchhändler ist ungefähr so gewaltbereit wie ein Sahnetörtchen und die Frau würde die andere Seite allenfalls durch aggressive Umarmungen neutralisieren.“ Meyers kicherte, wurde unter dem Blick seiner Vorgesetzten rot und murmelte „Entschuldigung, Sergeant, Ma’am.“ „Und der Dämon?“, hakte sie nach. Diesmal blieb es zunächst still, dann sagte ihr Neffe zögernd. „Ich halte ihn nicht für kriminell oder gewalttätig …, aber ich würde nicht die Hand für ihn ins Feuer legen, wenn jemand seine Freunde oder die Kinder bedroht.“ Meyers neben ihm blickte stumm auf seine Hände hinunter. Der Sergeant sagte nichts dazu, machte auch keine Notiz. Galt das eben Gesagte nicht letztlich für jeden Menschen? Sie würde nicht einmal für sich selbst die Hand ins Feuer legen, wenn jemand ihrer Familie etwas antäte.

„Dann kommen wir zur zweiten Reihe.“ Die Fotos zeigten Hank, David und Beast. „Das sind unsere Verdächtigen. Wer hat ihn gestern vernommen?“ Ihr Laserpointer war auf den Alten gerichtet. Ein anderer Sergeant hob die Hand und begann zu berichten: „Muss im Streifenwagen gesungen haben wie ein Vögelchen, hat dann mit einem der Pflichtverteidiger gesprochen und schweigt seitdem beharrlich. Die früheren Aussagen sind nicht verwertbar, aber die Flasche, die als Brandsatz verwendet wurde, ist voll mit seinen Fingerabdrücken und in seinem Keller haben die Kollegen die Reste des Stoffes gefunden, von dem die Streifen für die Lunte stammen. Das reicht uns fürs Erste.“ Mary nickte. Das deckte sich mit dem, was sie gelesen hatte. „Und der Teenager?“ Diesmal antwortete ein Constable: „Den hat Rolins verhört und da war es genau andersherum. Er hat eisern geschwiegen, bis der Anwalt kam. Danach hat er den Alten schwer belastet. Er selbst hätte sich an Schmierereien und Drohanrufen beteiligt und damit geprahlt, dass er nur zu gerne die Fenster der Buchhandlung einwerfen würde. Aber der Impuls, wirklich Gewalt anzuwenden, sei vom alten Hank gekommen. Der habe auch – anders als abgesprochen – das Material für den Brandsatz dabeigehabt und ihn dazu angestachelt, diesen zu werfen.“ Der Constable schloss seine Ausführungen mit: „Seine Aussage lässt keinen Zweifel an seiner Beteiligung an der Tat.“

„Was haben sie über den Hells Angel gesagt?“, hakte Sergeant Turner nach. „Könnte er ein Komplize gewesen sein?“ Beide Polizisten schüttelten den Kopf. Der Sergeant antwortete zuerst: „Hank hat ihn verflucht, er sei einfach aus dem Nichts aufgetaucht und habe die ganze ‚Operation‘ ruiniert. Er vermutet, dass der Angel zu dem Pärchen gehörte, das gleich darauf dazukam.“ „Passt zur Aussage des Jungen“, nahm der Constable den Faden auf. „Dieser Beast sei plötzlich erschienen und habe ihn daran gehindert, den Brandsatz zu werfen. Allerdings hat er sich deswegen nicht beklagt. Klang sogar regelrecht dankbar.“ Er rieb sich die Nase. „Da ist noch was: Der Junge hat behauptet, der Angel sei ungewöhnlich stark gewesen. Er hätte keine Chance gegen ihn gehabt.“ Mary nickte stumm. Sie dachte an die verbrannte Hand und wunderte sich nicht über diese Aussage. „Wie genau hat Beast die Flamme eigentlich gelöscht?“, warf sie unvermittelt in die Runde. „Ich habe in den Berichten keine Aussage dazu gefunden.“ Sie hatte in der Stunde vor der Einsatzbesprechung alles noch einmal durchgesehen, aber sie hatte am Vortag nichts überlesen. Es stand einfach nichts darüber in den Berichten. Die Beamten sahen sich unsicher an, einige zuckten mit den Schultern. „Hat wirklich keiner von euch diese Frage gestellt?“ Sie sah jedem der Kollegen einzeln ins Gesicht. Einer nach dem anderen schlug die Augen nieder. „Dann hat auch keiner seine Brandwunden gesehen?“ Die Köpfe blieben unten. Sergeant Turner seufzte. Sie wusste, dass der Einsatz nicht unter idealen Bedingungen stattgefunden hatte. Diese vermaledeite Fortbildung hätte wirklich an keinem unpassenderen Tag stattfinden können! „Schaut euch mal das Foto seiner Hand von gestern Abend in der Akte an“, sagte sie – schon besänftigt. „Danach vergesst ihr diese Frage nie wieder. Was wissen wir über die Motive?“

„Hass!“, sagten die beiden Kollegen, die die Befragungen durchgeführt hatten, wie aus einem Mund. Diesmal begann der Constable: „Homophobie und … Rassismus? Sind Unsterbliche eine Rasse?“ Er wirkte leicht ratlos. „Einigen wir uns vorläufig auf Fremdenfeindlichkeit“, schlug Turner vor. „Das war es jedenfalls, außerdem Rachsucht. Der Junge hat wohl wegen wiederholter Ausfälle gegen das homosexuelle Paar seine Stelle verloren. Hat mit seinem Chef für den Buchhändler gearbeitet und dem muss der Kragen geplatzt sein, als sein Azubi die Männer auch noch als „Federvieh“ diffamiert hat, nachdem sie durch die Presse als Engel und Dämon geoutet worden waren.“ „Das hat der Schreiner Alec Gibson so bestätigt“, meldete sich einer der jungen Kollegen, die gestern die Ermittlungen am Telefon unterstützt hatten. „Er sei unerträglich intolerant gewesen und habe über seine Kunden vulgär und regelrecht hasserfüllt gesprochen. Das war tatsächlich der Kündigungsgrund.“ „Das entspricht auch den Aussagen der Gibson-Töchter. Sie waren beide bei der Lesung und haben die Geschichte genauso erzählt, nachdem Stewart ihnen das Foto von diesem David gezeigt hatte“, warf Meyers ein. „Sie sagten außerdem aus, die drei in der Buchhandlung seien quasi Freunde der Familie.“ Mary warf ihm einen anerkennenden Blick zu. Sie verfolgte seinen Werdegang ebenso aufmerksam wie den ihres Neffen, seit Jack und er sich in der Ausbildung angefreundet hatten. Sie waren beide noch etwas grün hinter den Ohren, hatten aber das Zeug zu richtig guten Polizisten.

Sie ermahnte sich zur Konzentration auf den Fall und rief sich noch einmal die Berichte in Erinnerung. „Habe ich das richtig verstanden, dass der Junge nur von den Gibsons und den drei Unsterblichen in der Buchhandlung identifiziert wurde?“ Mehrere Kollegen nickten. „Und die beiden anderen?“ Der andere Sergeant lachte. „Das ist schnell gesagt, Mary. Den Angel haben nur die Besitzerin des Cafés und ihre Partnerin schonmal gesehen. Und diese Bee hat ausgesagt, er sei zweifellos ein Dämon. Sonst kannte ihn niemand.“ Er grinste. „Den anderen aber, den sie „den Alten Hank“ nennen, den scheint jeder im Viertel zu kennen. Er ist schon seit Jahren bekannt für seine Homophobie, hat sich bisher aber wohl auf verbale Attacken beschränkt. Die meisten hielten ihn für einen lästigen, aber im Grunde ungefährlichen Spinner.“

Mary nickte. „Danke, Kollegen. Eine Bitte: Nennt den Dämon nicht ausgerechnet ‚Angel‘. Der Fall ist schon irritierend genug.“ Sie erntete einige Lacher. „Sonst noch irgendetwas Auffälliges? Was ist mit den beiden Männern, die es so eilig hatten, die Lesung zu verlassen? Waren das dieselben, die dem Buchhändler aufgefallen waren?“ „Yes, Ma’am“, rief Meyers beflissen. „Beide hatten eine Erklärung für ihr Verhalten. Der eine hatte einen wichtigen Termin und sollte eigentlich kurz nach Beginn der Lesung von der Mutter des Mädchens abgelöst werden, die ist aber nicht erschienen. Der andere hatte im absoluten Halteverbot geparkt und wollte eigentlich zwischendurch umparken, sobald etwas frei würde.“ Meyers grinste breit. „Das Auto stand drüben beim Pub ‚Dirty Donkey‘ und der Besitzer der Kneipe hat da ‘ne Kamera installiert. Die Aussage stimmt.“ Der junge Polizist, der am Vortag Telefondienst gemacht hatte, übernahm: „Auch die Geschichte des anderen Vaters ist bestätigt. Ich habe sowohl mit dem verärgerten Geschäftspartner gesprochen, der vergeblich wartete, als auch mit der Frau. Sie war ohnehin spät dran und steckte dann wegen der Straßensperrungen im Zusammenhang mit unserer Razzia im Stau.“

Der Sergeant zog still Bilanz. Ihre Fragen waren soweit beantwortet, der Brandanschlag war eigentlich klar. Die Beweislage müsste für eine Anklage ausreichen, das war erstmal das Wichtigste. Nur aus diesem Beast wurde sie noch nicht schlau, aber den würde sie sich später nochmal vornehmen. Ihr Instinkt sagte ihr, dass er etwas verbarg, auch wenn es nichts mit dem Anschlag der beiden anderen zu tun hatte. Sie lächelte in die Runde. „Danke, Kollegen. Das war’s für heute Morgen. Gute Arbeit!“

***

Crowley schreckte aus einem wirren Alptraum auf, in dem der Metatron mit Hastur und Ligur an einer Theke gestanden und Bier aus der Flasche getrunken hatte, Furfur ihm eine Kirchentür vor der Nase zugeschlagen hatte und Michael und Uriel hämisch lachend in der brennenden Buchhandlung standen, während die Flammen schon an ihren Flügeln und dem Saum ihrer hellgrauen Anzughosen leckten. Nur Erziraphael konnte er nirgendwo entdecken.

Er stöhnte und öffnete mühsam die Augen. Sein Atem beruhigte sich, als das vertraute Zimmer langsam in sein Bewusstsein drang. Er ließ die Augen wieder zufallen und konzentrierte sich auf seine unmittelbare Umgebung: Die bequeme Matratze unter sich, das beruhigende Gewicht der Bettdecke über sich und die Wärme eines anderen Körpers hinter sich. Erziraphaels Atem kitzelte seinen Nacken und er musste lächeln. Der charakteristische Rhythmus des sanften Luftstroms war ihm längst so vertraut, dass er ihn von jedem anderen unterscheiden könnte. Ganz wie das leise Schnarchen, das ihn manchmal begleitete.

Vorsichtig räkelte er sich und versuchte, noch ein bisschen näher an den Engel heranzurücken, aber da war keine Lücke mehr zwischen ihnen, die er hätte schließen können. Erziraphaels Arm hielt ihn fest und sicher gegen seine breite Brust gedrückt. Der Dämon seufzte wohlig und legte seine Hand über die des Engels. Er stutzte: Da war etwas zwischen dem weichen Handrücken mit den silberblonden Härchen und seiner eigenen Handfläche. Crowley schaute an sich herunter und erstarrte in der Bewegung. Erziraphaels Hand verschwand unter blauem Stoff (Wie in drei T… war er in einem hellblauen Schlafanzug geendet?) und das konnte nur eins bedeuten: Sie lag direkt auf seiner nackten Haut! Sein unmittelbarer Impuls wäre gewesen, den Arm wegzuschieben, weg von den Narben auf seiner Brust, weg von den Malen, die Satan dort hinterlassen hatte. Ob er sich aus der Umarmung herauswinden konnte? Aber jede Bewegung barg das Risiko, Erziraphael aufzuwecken. Wenn er sich ganz still verhielt, versuchte, gleichmäßig weiterzuatmen, dann würde sich vielleicht der Engel bewegen, sich im Schlaf umdrehen und sein Arm würde ganz von selbst von seiner Brust gleiten. Dann müssten sie kein Wort darüber verlieren und er müsste das Mitleid nicht ertragen, das aus den blauen Augen sprach.

Der Atem in seinem Nacken veränderte sich. Der Luftstrom brach ab und stattdessen spürte er Erziraphaels Lippen dort. Einen Kuss. „Was hast du, Liebling?“, flüsterte es an seinem Ohr. Noch ein Kuss. „Du bist plötzlich ganz verspannt. Was ist los, Crowley?“ Noch klang die Stimme nicht besorgt, nur zärtlich und verschlafen. „Nichts“, antwortete Crowley schnell. „Dachte, ich hätte was gehört. War wahrscheinlich im Traum.“ Er drehte leicht den Kopf und brachte seinen Hals näher an Erziraphaels Lippen. „Küss mich nochmal und dann schlaf weiter, Engel.“ Der Kuss kam. Statt jedoch den Kopf zurück aufs Kissen sinken zu lassen, rückte Erziraphael von ihm ab. Crowley unterdrückte ein protestierendes Wimmern. Jetzt glitt der weiche Arm von seiner Brust und eine Hand griff nach seiner Schulter, versuchte, ihn umzudrehen. Er ließ es geschehen, gab dem sanften Druck nach und wurde auf den Rücken gedreht. Der Engel hatte sich auf einen Unterarm gestützt und sah auf ihn hinunter. Er legte ihm die Hand an die Wange. „Sieh mich bitte an, Liebling. Was ist mit dir? Alpträume?“ Da war die Besorgnis. Crowley wollte nicken, wollte „ja“ sagen, wollte dieses Gespräch schnell beenden, aber er konnte nicht. Seine Wange schmiegte sich in die weiche Hand und sein Blick wich dem des Engels aus. Wo war sein Pokerface, wenn er es am dringendsten brauchte? „Lass gut sein, Engel“, brummte er und versuchte, sich wieder wegzudrehen. „Ein Schreckmoment.“ – Das war sogar wahr. „Das Übliche. Schon vorbei.“ – Das nicht. Und Erziraphael wusste es.

Mit dem Daumen streichelte der Engel Crowleys Wange, dann zeichnete er die Linie seiner Augenbrauen nach, den Schwung seines Ohrs, seine Wangenknochen und sein Kinn. Er beugte sich vor und küsste ihn, berührte mit den Lippen die Stellen, an denen eben noch seine Finger gewesen waren, und Crowley überließ sich seinen Berührungen. Erziraphaels Mund wanderte weiter, fand Crowleys und diesmal konnte er das Wimmern nicht zurückhalten, diesmal war es kein Protest. Als der Engel seine Unterlippe zärtlich mit den Zähnen fasste, schloss er die Augen und hob seinen Kopf Erziraphael entgegen. Seine Lippen öffneten sich wie von selbst und es gelang ihm, loszulassen. Minutenlang dachte er nichts mehr, weil die Nähe des Engels ihn völlig ausfüllte und weil seine Zärtlichkeit keinen Platz für die Dunkelheit ließ.

Die Gedanken kamen zurück, als Erziraphael seine Lippen von ihm löste, ihm mit der Hand über die feuchten Wangen fuhr und bat: „Oh, Crowley, sag mir doch, was los ist!“ Der Dämon schlug die Augen nieder. Er konnte jetzt nicht reden. Wollte nicht über gestern sprechen, über die Bilder, die ihn immer wieder fanden, die massigen roten Hände mit den Klauen, die ihn betatschten, sich in sein Fleisch gruben, ihn niederdrückten, ihn demütigten, ihm weh taten, bis sie ihn irgendwann von sich stießen, ihn endlich losließen. Bis zum nächsten Mal. Er schluchzte laut auf und etwas schob sich zwischen ihn und die roten Hände… „Komm zu mir, Liebling“, hörte er eine weiche Stimme sagen. „Ich bin hier, komm her.“ Jemand war da und hielt ihn. Hielt ihn so anders, als Satan es getan hatte. Sein Engel war bei ihm und die Erleichterung ließ die Tränen schneller laufen. „Engel!“, flüsterte er. „Engel, lass mich nicht los, bitte!“ Erziraphael sagte nichts, schloss nur seine Arme um ihn und wiegte ihn vorsichtig hin und her. Der gleichmäßige Rhythmus beruhigte Crowleys Puls, seinen Atem und löste seine Muskeln, bis er den Kopf gegen die Brust seines Engels sinken ließ und leise seufzte.

Erziraphael lockerte seinen Griff, hielt ihn weiter mit einem Arm und strich ihm mit der anderen Hand beruhigend über Kopf und Rücken, immer und immer wieder. Er respektierte Crowleys Schweigen und als dessen Kopf auf seiner Brust immer schwerer wurde, ließ er sich zurück auf die Matratze sinken. Crowley folgte der Bewegung, kam halb auf, halb neben dem Engel zu liegen und war noch eine Weile unruhig, bis er für seinen knochigen Oberkörper die bequemste Position gefunden hatte. Dann spürte er, wie Erziraphael seine Arme wieder um ihn legte, und im nächsten Moment, wie eine Hand sich unter sein Pyjama-Oberteil schob. Unwillkürlich versteifte sich Crowley. Sofort hielt die Hand inne. „Das war es also?“, hörte Crowley. Die Frage klang so traurig, dass er nicht nicken konnte. Als die Hand vorsichtig zurückgezogen wurde, sträubte sich alles in ihm gegen den Verlust. Er verstand nicht, was in ihm vorging, aber er griff nach ihr, griff nach der weichen, warmen Hand, die in seiner Taille lag, und hielt sie dort fest. „Gib mir Zeit“, flüsterte er. „Gib mir bitte noch etwas Zeit.“ So blieben sie schweigend liegen, die schmale Hand mit den blassen Sommersprossen über der kräftigen mit den kürzeren Fingern, bis Crowley sie irgendwann vorsichtig drückte und losließ. „Wie wäre es mit Frühstück, Engel?“, fragte er.