Austausch (noch Sonntag)
Austausch (noch Sonntag)
Der Verdächtige wartete im Vernehmungsraum auf sie. „Morgen, Ma’am“, brummte er. Er klang heiser. „Was macht die Hand?“, erkundigte sich der Sergeant. „Schon besser“, nuschelte er, zog die Hand aber näher zu sich heran. „Sie sind also wirklich ein Dämon, was?“ Mary Turner blickte ihn über den Rand ihrer Brille prüfend an. Er nickte flüchtig, aber sein Blick wurde wachsam. Was befürchtete er? „Entspannen Sie sich. Das war nur eine Feststellung, keine Anklage.“ Sie sah ihm an, dass er ihr noch nicht traute. „Ist Beast Ihr richtiger Name?“ Auch das Kopfschütteln war nur angedeutet. „Haben mir die Brothers verpasst, den Namen.“ Er streckte den Daumen seiner unversehrten Hand aus und zeigte in seinen Rücken. „Deswegen.“ Natürlich, The Beast of Dean. Das auffällige Motiv auf dem Rücken seiner Kutte war schon im ersten Bericht vom Tatort enthalten gewesen. Sie ging ein Stück um ihn herum und ließ es kurz auf sich wirken. „Interessant, die leuchtenden Augen. Wie funktioniert das? Sind da Batterien drin?“ Der Sergeant gab sich unbeeindruckt, aber etwas an den rotglühenden Augen jagte ihr einen Schauer den Rücken hinunter. Sie bemühte sich, das Gefühl zu unterdrücken, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. „Batterien!“, schnaubte der Dämon verächtlich, als wäre die Vermutung ein Affront. „Nur ein kleines Wunder.“ Wäre sie nicht seit vielen Jahren so darauf trainiert, auch die leisesten Bemerkungen von Verdächtigen und Tätern zu verstehen, hätte sie es wahrscheinlich überhört. Er hatte es genuschelt, ohne dass eine Bewegung seiner Lippen ihn verraten hätte. „Dämonen können Wunder vollbringen?“, fragte sie erstaunt. „Wirklich?“ Wieder warf ihr der bullige Kerl einen abschätzigen Blick zu. Dann jedoch seufzte er, als wolle er sagen: „Na ja, woher sollst du es auch wissen?“, und lächelte scheu. „Bei uns nennt man’s ‚Verwünschungen‘, bei denen von der anderen Fraktion heißt’s ‚Segen‘, is‘ aber alles das gleiche.“
Mary Turner hatte sich seit ihrer Ausbildung damals immer wieder fortgebildet. Sie lernte gern und es fiel ihr leicht. In diesem Augenblick aber fragte sie sich unwillkürlich, ob sie noch lange genug leben würde, um alles aufzuholen, was sie über die Unsterblichen nicht wusste. Der Mann ihr gegenüber erschien ihr plötzlich sehr fremd. Sie bemerkte, dass er sie aufmerksam beobachtete. „Alles in Ordnung, Sergeant, Ma’am?“, fragte er vorsichtig. Ihr war leicht schwindelig. Waren alle Dämonen so aufmerksam und höflich? Und… wenn Segen und Verwünschungen sich in der Sache nicht grundlegend unterschieden, wie war es dann mit Engeln und Dämonen, Gut und Böse? Und wie passten die Menschen da hinein? Sie schüttelte sich, als könne sie die schweren Gedanken so vertreiben. „Nun, Mister…“ Sie runzelte die Stirn. „Wie soll ich Sie nennen, wenn Sie keinen Familiennamen haben? Ich werde Sie aber nicht Beast nennen.“ Er betrachtete sie mit einer hochgezogenen Augenbraue und schien mit sich zu ringen. Schließlich sagte er: „Dann sagen Sie Branoc, is mein richtiger Name.“ War das ein erstes Zeichen beginnenden Vertrauens? „Nun gut, dann Mister Branoc.“ Er verdrehte die Augen, verbesserte sie aber nicht. „Dann erzählen Sie mir doch jetzt einmal ganz genau, was sich gestern zugetragen hat. Sie haben Ihren Lieferwagen…“ Sie warf einen schnellen Blick auf ihre Unterlagen, „zwei Blocks von der Wickber Street entfernt abgestellt. Und dann?“ Er seufzte, als verlange sie etwas sehr Anstrengendes von ihm, dann erzählte er auch ihr, was er gestern bereits zwei verschiedenen Polizeibeamten erzählt hatte. Fast Wort für Wort. Schließlich war es die Wahrheit. Nur den Grund für sein Interesse an der Buchhandlung und ihren Bewohnern, den behielt er weiterhin für sich.
***
In der Buchhandlung klingelte das Telefon, als Erziraphael gerade auf dem Weg nach unten war. Muriel rief ihm ein fröhliches „Guten Morgen!“ zu, sie war schon auf dem Weg zum Telefon und so beeilte er sich nicht. Sie lächelte, nachdem sie sich gemeldet hatte, also offenbar kein unerfreulicher Anruf. Erziraphael ging in die Küche und setzte einen Kessel Wasser auf, dann bereitete er den Kaffee für Crowley vor. Er hatte nicht gelauscht, jetzt aber hörte er, dass Muriel laut sagte: „Ja, sie sind beide da, aber bis jetzt ist nur Erziraphael heruntergekommen. Warte, ich gebe ihn dir.“ Er ging zu ihr und nahm ihr den Hörer ab, wobei sie „Jesus“ sagte. Er begann zu strahlen. „Was für eine schöne Überraschung!“, sagte er statt einer Begrüßung zu dem Anrufer. Jesus erkundigte sich besorgt nach den Geschehnissen des Vortages. „Wir waren furchtbar in Sorge, bis Berechiel endlich von der Polizei erfahren hat, dass ihr vermutlich nicht mehr in Gefahr seid“, berichtete er. Der Engel musste lächeln. Berechiel hatte wirklich überall seine Kontakte. Meistens ganz nach oben. Wenn man bedachte, dass der Himmel stets nur auf Gehorsam und Hierarchie gesetzt hatte, war es umso erstaunlicher, was für ein guter Netzwerker Berechiel während der Vertragsverhandlungen geworden war. Er bemerkte erst, dass seine Gedanken abgeschweift waren, als die Stimme von Jesus deutlich lauter wurde: „Erziraphael? Azi? Geht es euch gut? Oder ist euch doch etwas geschehen?“ Der Engel beeilte sich zu versichern, dass sie alle drei unverletzt waren, nur erschöpft von der Unsicherheit und dem langen Warten am Tag zuvor.
Jesus ließ sich in aller Ausführlichkeit erzählen, wie der Samstag in der Buchhandlung verlaufen war, fragte oft nach und seufzte immer wieder mitfühlend: „Ach, ihr Armen!“, oder „Das gibt es doch nicht!“, lachte, als Erziraphael wiedergab, was Bee und Gabriel ihnen von der Überrumpelung der Attentäter berichtet hatten, und sparte nicht mit aufmunternden Kommentaren. Erziraphael hatte sich schon nach wenigen Sätzen in seinen gemütlichen Polsterstuhl fallen lassen und merkte kaum, wie die Zeit verging. Zwischendurch war auch Crowley von oben gekommen, hatte Muriel begrüßt und war dann mit Hexe vor die Tür gegangen. Als Jesus sich schließlich umfassend informiert fühlte, fragte er nach Crowley. Erziraphael sah sich um, konnte aber nur Muriel entdecken. „Liebes, wo ist Crowley?“, rief er ihr zu. „Noch mit Hexe draußen“, rief sie zurück und er gab die Information an Jesus weiter. „Er ist sicher gleich zurück. Wenn du noch etwas Zeit hast, würde ich gerne noch über etwas anderes mit dir sprechen“, bat der Engel.
Jesus stimmte zu, aber plötzlich wusste Erziraphael nicht mehr, wo er beginnen sollte. Durch den versuchten Anschlag gestern war alles andere gefühlt etwas weiter in die Ferne gerückt. Es gelang ihm jedoch, sich zusammenzureißen. Zögernd begann er: „Als jetzt öffentlich bekannt wurde, wie viele Engel vom Himmel zum Fall und zur vollständigen Löschung ihres Gedächtnisses verurteilt wurden …“ Er unterbrach sich und rang um seine Fassung. Die Schuldgefühle nahmen ihm regelrecht den Atem. „Also, da ist mir klar geworden, dass ich …, nun, dass ich dafür die Mitverantwortung trage.“ Seine Stimme klang gepresst und ihm standen Tränen in den Augen, aber als Jesus versuchte, ihn zu unterbrechen, fuhr er unbeirrt fort. „Nein, lass mich bitte ausreden! Ich war der Oberste Erzengel und ich hätte dieses Unrecht bemerken müssen. Vielleicht hätte ich es dann verhindern können. Aber ich war blauäugig und gutgläubig und auch Unterlassung kann ein Verbrechen sein. Ich habe nichts dagegen getan!“ Kurz brach ihm die Stimme und er räusperte sich, um das Engegefühl im Rachen loszuwerden. „Ich werde mich meiner Verantwortung stellen“, versicherte er. „Aber ich habe eine Bitte: Der gestrige Tag war für uns alle schwer, aber für Crowley war er das ganz besonders. Darf ich noch so lange bei ihm auf der Erde bleiben, bis er sich wieder etwas gefangen hat? Danach komme ich freiwillig und unterwerfe mich der himmlischen Gerechtigkeit.“
Der Engel seufzte, als er verstummte. Nun war es heraus. Alles Wichtige war gesagt. Erleichtert hob er den Kopf und sah in Muriels weit aufgerissene Augen. Es glitzerten Tränen darin.
***
Im Redaktionsgebäude herrschte reger Betrieb. Politisch war es ein „heißer Herbst“, nicht nur in Großbritannien, sondern auch im restlichen Europa und im Grunde fast überall auf der Welt. In zahlreichen Ländern machten sich die Unzufriedenheit der Bevölkerung, ihre Sorgen und Ängste in großen Demonstrationen Luft. Fast überall spielten auch eklatante Versäumnisse der Regierungen im Sozialen und in der Bildung eine Rolle. Lange waren nicht mehr so viele Menschen weltweit mit ähnlichen Anliegen auf die Straße gegangen. Gleichzeitig blieb die internationale Lage von Krisen und Konflikten geprägt und die Weltwirtschaft war ins Stocken geraten. In dieser aufgeheizten Atmosphäre erhielten auch eher nationale oder gar lokal-regionale Geschehnisse plötzlich landesweite Aufmerksamkeit, konnten selbst das Interesse der Weltöffentlichkeit erregen.
Ben und Kenneth saßen an Bens Schreibtisch zusammen und studierten die Berichte über den vereitelten Anschlag auf die Buchhandlung. Die frühesten Artikel waren oft fast wortgleich mit den Agenturmeldungen, inzwischen mischten sich jedoch auch immer mehr Kommentare unter die reine Berichterstattung. Und manche der Kommentarspalten bereiteten den beiden Journalisten ernsthafte Sorgen. Kenneth sah auf, als Ben seiner Computer-Maus einen frustrierten Schubs versetzte. „Hör dir das an!“, platzte er heraus. „Unsterbliche werden zur Gefahr für die öffentliche Sicherheit.“ Kenneth runzelte die Stirn. „Worauf bezieht sich das?“ Ben schnaubte wütend. „Ob du es glaubst oder nicht: Auf den Anschlag in Soho.“ Er las vor: „Auch wenn den vermeintlichen Zielpersonen des Brandanschlags natürlich kein Vorwurf zu machen ist, müssen wir uns langsam fragen, ob die Anwesenheit von Unsterblichen in unseren Wohngebieten und Geschäftsstraßen nicht unser aller Sicherheit in Gefahr bringt. Solche Angriffe könnten sich in naher Zukunft häufen und das dürfte nicht ohne Schäden an menschlichem Eigentum oder – schlimmer noch – ohne menschliche Opfer abgehen. Es könnte voreilig gewesen sein, so fremdartigen Wesen zu erlauben, mitten unter uns zu leben. Die Ängste, die ihre Gegenwart auslöst, müssen ernst genommen werden.“ Kenneth starrte ihn ungläubig an. „Was für ein Bullshit! Woher stammt das? X? Telegram?“ Sein Kollege schüttelte den Kopf. „Ursprünglich wahrscheinlich schon. Aber dieser Gesinnungsmüll stammt aus dem Leitartikel des heutigen Albion Chronicle .“ Er wirkte plötzlich sehr müde. Kenneths Augen wurden groß. „Bitte was? Sowas erscheint im Chronicle?“ Er war blass geworden.
Die beiden Männer saßen einige Augenblicke schweigend nebeneinander. Plötzlich schlug Kenneth mit der flachen Hand auf den Tisch. Von den anderen Schreibtischen in der Redaktion trafen ihn erstaunte Blicke. „Dann wird es jetzt Zeit, dass wir mit unseren Plänen ernst machen!“ Ben richtete sich auf. „Welche Pläne genau meinst du?“ Seine Augen schimmerten hoffnungsvoll. „Die Artikelserie über die Diskriminierung von Dämonen, die wir immer wieder aufgeschoben haben, weil andere Sachen dazwischen kamen. Aber jetzt dehnen wir sie auf alle Unsterblichen aus. Wir haben den direktesten Draht zur BBC, den wir je hatten. Jetzt liegt es an uns, ihn verantwortungsvoll zu nutzen.“ Ben reckte sich und angelte nach seiner Maus. Er öffnete ein Planungstool und sah Kenneth erwartungsvoll an: „Ich bin ganz Ohr!“