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Tag 7, Freitag (Teil 1)

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Tag 7, Freitag (Teil 1)

Das Erste, was Crowley am Freitagmorgen beim Aufwachen sah, waren zwei blaue Augen, die direkt auf ihn gerichtet waren.

Erziraphael hatte nicht viel geschlafen in dieser Nacht. Es waren einfach zu viele und zu unterschiedliche Gedanken, die in seinem Kopf kreisten. Er war erst seit einer knappen Woche zurück auf der Erde, aber wie war sein Leben umgekrempelt worden! Wie hatte er selbst es umgekrempelt! An seinem Schreibtisch im Himmel hatte er keinerlei Vorstellung davon gehabt, wer und was ihn in seiner Buchhandlung und in seinem Leben erwarten würde. Mit Muriel hatte er natürlich gerechnet, schließlich war sie in seiner Abwesenheit für den Laden verantwortlich und hätte ihn ohne Rücksprache nicht verlassen. Und auf Crowley hatte er gehofft. Aber sonst?

Niemals hätte seine Fantasie ihm die Bilder gezeigt, die inzwischen seinen Alltag darstellten. Die Wohn- und Arbeitsgemeinschaft, die Muriel und Crowley teilten, und in die er umstandslos aufgenommen worden war. Hexe, die ihn offenbar vom ersten Abend an als Mitglied ihres Rudels betrachtete, und die seinen Tagesablauf schon jetzt ebenso bestimmte wie den Crowleys. Die enge Freundschaft mit Nina und Maggie, die ebenfalls wie selbstverständlich auf ihn ausgedehnt worden war. Das unkomplizierte freundschaftliche Verhältnis der vier (mit ihm fünf) zu Beelzebub und Gabriel, das er angesichts ihrer gemeinsamen Vorgeschichte als völlig unvorstellbar bezeichnet hätte. Die Nachbarschaft mit seinem ehemaligen Assistenten Sariel, den er sich nur schwer außerhalb des Himmels hatte vorstellen können.

Ganz zu schweigen von allem, was er in diesen wenigen Tagen erfahren, gelernt und entschieden hatte! Die Immobilientransaktionen, die er nur aufgrund von einigen äußerst diskreten Wundern in dieser Geschwindigkeit hatte abwickeln können. Die Kündigung langjähriger Mietverhältnisse. Alles mit dem Ziel, Muriel nicht zu verlieren, an der Crowley hing wie an einer Schwester, und die auch er selbst schon jetzt nicht mehr missen wollte. All die verstörenden Dinge, die er über Crowleys Vergangenheit erfahren hatte, die in wesentlichen Teilen eine Leidensgeschichte war, vor der er aber Jahrhunderte lang erfolgreich die Augen verschlossen hatte. Die Sorge um Crowley, dessen Psyche aufgrund seiner Erfahrungen so labil war, und mit dessen Verletzungen und Traumata Erziraphael erst umzugehen lernen musste. Und nicht zuletzt all das, was er über sich selbst hatte erfahren müssen. Da waren viele Aspekte seiner Persönlichkeit und seines Verhaltens ans Tageslicht geraten, die er lieber nicht so deutlich aufgezeigt bekommen hätte. Was aber alles andere überstrahlte, waren die Erkenntnis und das Eingeständnis, dass er Crowley liebte.

Er drehte sich zu dem schlafenden Dämon um und ließ sich von seiner Erinnerung zu dem Tag tragen, als er ihn kennen gelernt hatte. Schon bei ihrer ersten Begegnung, damals, noch vor dem Beginn , war er von dem brillanten Starmaker fasziniert gewesen. Immer wieder hatten sich später ihre Wege gekreuzt, nicht oft, manchmal nur wenige Male in einem Jahrhundert. An jede einzelne ihrer Begegnungen erinnerte er sich in fast schmerzhafter Deutlichkeit. Schließlich waren sie beide in London gelandet, von ihren Zentralen dazu ausersehen, sie auf der Erde zu repräsentieren und als ewige Widersacher die Pläne des jeweils anderen zu stören. Von da an trafen sie häufiger aufeinander, vielleicht zu häufig, als dass es allein durch ihre Mission zu erklären gewesen wäre. Langsam und weitgehend unbemerkt war aus denen, die Erbfeinde, ja Todfeinde hätten sein sollen, sich respektierende Gegenspieler, geschätzte Sparringspartner, sich gegenseitig unterstützende Kollegen, Weggefährten, Komplizen, Vertraute, Freunde geworden. Obwohl all diese Bezeichnungen zu bestimmten Zeiten zutreffend gewesen wären, hätten sie keine davon selbst gewählt. Unter keinen Umständen hätten sie eingeräumt, dass etwas anderes sie verband als der Dienstort Erde und ihre gegensätzlichen Aufträge. Zu groß war die Gefahr, dass Himmel und Hölle sie als Verräter abgestraft, ja sogar vernichtet hätten. Rückblickend konnte Erziraphael nicht mehr nachvollziehen, wann und warum aus Vertrautheit Freundschaft und aus Freundschaft Liebe geworden war. Kaum hätten die Umstände erlaubt, diese Fragen auszusprechen, waren sie bereits obsolet. Sie hatten ihre Bedeutung verloren, weil sie keinem anderen mehr Rechenschaft ablegen mussten als sich selbst. Und erst mit seiner Rückkehr auf die Erde war in Erziraphael die endgültige Gewissheit gereift, dass er Crowley liebte, dass er an seiner Seite leben wollte, und dass nichts anderes ihm wichtiger war, als ihn zu schützen und bei ihm zu sein.

Als Crowley an diesem Morgen die Augen aufschlug, schob der Engel seine sentimentalen Grübeleien beiseite. „Guten Morgen, Liebling. Wie hast du geschlafen?“ Er beugte sich über ihn und gab ihm einen Kuss. „Bist du schon lange wach? Warum hast du mich nicht geweckt?“ Crowley versuchte vergeblich, die Uhrzeit auf seiner Armbanduhr zu erkennen, die Müdigkeit trübte seinen Blick. „Es ist noch früh, schlaf ruhig weiter. Willst du dich nicht nochmal umdrehen?“ Die roten Locken wurden geschüttelt. „Nicht, wenn du mich beobachtest. Über was denkst du nach?“ Er streckte die Hand nach dem Engel aus, streichelte mit dem Daumen seine Wange und schaute ihn aufmerksam an. „Über alles und nichts.“ Crowleys Blick war jetzt wacher, er wartete auf weitere Erklärungen. „Über uns. Wie alles gekommen ist. Wie wir hier gelandet sind.“ Er machte eine unbestimmte Geste. „Komm in meinen Arm, willst du, Engel?“ Nur zu gerne ließ Erziraphael sich an seine Brust ziehen und spürte, wie seine Anspannung von ihm abfiel, als Crowleys Arme sich um ihn schlossen. Der Dämon zog ihn noch ein bisschen näher zu sich heran, sodass sein Mund direkt an Erziraphaels Ohr war.

„Soll ich dir erzählen, wie wir hier gelandet sind?“, raunte er, wartete die Antwort aber nicht ab, sondern fuhr fort: „Es waren einmal zwei unsterbliche Seelen, die begegneten sich am Anbeginn der Zeit. Ihr Schöpfer hatte ihnen Körper geschenkt, wunderschöne Körper mit ausgewogenen Proportionen, leuchtenden Augen, weichem Haar und mit makellosen mächtigen Schwingen, und er nannte die Seelen 'Engel'.“

Erziraphael lauschte gebannt. Crowleys Stimme schien einen Zauber zu weben, der die Worte in Bilder verwandelte und die Realität aussperrte. Er wollte nichts anderes mehr, als sich von dieser Stimme forttragen zu lassen und einzutauchen in die Erinnerungen, die sie heraufbeschwor.

„Einer der beiden Engel hatte den Auftrag erhalten, ein Universum zu schaffen und in diesem unendlichen All einen Planeten, der Heimat zahlloser Spezies werden sollte. Als der zweite Engel ihm zum ersten Mal begegnete, im damals noch sternenlosen unendlichen Raum, wurde er Zeuge des Kick-Offs, der später als Schöpfung bekannt wurde. Nur der Satz ‚Es werde Licht‘ wurde bis heute überliefert, die tatsächlichen Prozessbefehle und Verfahrensanweisungen waren natürlich erheblich komplexer. Unsere beiden Engel beobachteten fasziniert den Urknall und die unmittelbar danach einsetzende Ausdehnung des Universums. Und während der eine bei jeder Sternengeburt und jedem Nebel, der vor seinen Augen entstand, mehr in Ekstase geriet, hing der andere an den Lippen des Konstrukteurs und begeisterte sich für dessen Begeisterung.“

„Ich fürchte, ich muss dich korrigieren“, warf Erziraphael ein. „Der zweite begeisterte sich in Wahrheit für die leuchtenden Augen und die wunderschönen Haare des Starmakers , für das kindliche Staunen und die entzückten Geräusche, die er unablässig machte. Alles an ihm war das genaue Gegenteil der Mäßigung und Zurückhaltung, nach der die anderen Engel strebten. Einfach alles an ihm war temperamentvoll, lebensprall, ungezügelt, er war die personifizierte Versuchung.“

Crowley nickte ungeduldig. „Kurz gesagt: Der eine war viel zu empfänglich für Äußerlichkeiten und genoss das Kribbeln, das brave Musterschüler zu Rebellen hinzieht, der andere war selbstverliebt und geblendet von seinem vermeintlichen Genie. Noch kürzer: Sie waren beide Idioten.“

Erziraphael versuchte zu intervenieren, kam aber nicht zu Wort.

„Im Grunde war der Lebensweg der beiden schon damals festgelegt: Der eine wollte an die Gerechtigkeit des einen Gottes glauben, an Regeln, Autorität und Hierarchie, und kämpfte während all der Zeit mit seinen Zweifeln, Skrupeln und Frustrationen. Für die vermeintlich ‚kleinen‘ Sünden der Völlerei, der Eitelkeit, der Trägheit und der Habsucht stellte er sich regelmäßig selbst eine Entschuldigung aus und verzweifelte währenddessen zusehends an den Widersprüchen des Systems. Der andere erkannte viel zu spät, dass Wissensdurst, Kreativität und ein kritischer Geist im Himmel nicht als Qualitäten galten. Während die Engel in seinem Umfeld schon längst auf Abstand gegangen waren, nahm er noch immer an, dass sein Einfallsreichtum und seine Brillanz an höherer Stelle geschätzt wurden und ihn schützen würden. In ihrem naiven Glauben an eine höhere Gerechtigkeit waren sich unsere beiden Idioten erstaunlich ähnlich.

Der eine erhielt den Anschein erfolgreich aufrecht und fand auf der Erde schließlich eine Nische, in der er sich einrichtete, und die es ihm erlaubte, die meiste Zeit unter dem Radar zu fliegen. Der andere stellte zum falschen Zeitpunkt die falschen Fragen, ignorierte systematisch alle Warnsignale und wurde fallen gelassen, eine Konsequenz, die ihm jeder aufmerksame Beobachter hätte vorhersagen können. Für ihn dauerte es deutlich länger, bis auch er eine vermeintlich sichere Nische auf der Erde fand. Gezwungenermaßen hatte auch er schließlich gelernt, den Schein zu wahren und sich aus dem Rampenlicht zu halten.“

Auch wenn Crowley die Zeit zwischen seinem Fall und der Entsendung auf die Erde mit einem beiläufig klingenden Satz gewissermaßen übersprungen hatte, spürte Erziraphael, dass er mit seinen Erinnerungen kämpfte. „Und dann trafen die beiden Idioten sich wieder“, übernahm er deshalb in betont unbeschwertem Ton die Fortsetzung. Der Dämon ging dankbar auf den Stimmungswechsel ein.

„Genau. Je länger sie auf der Erde lebten und je mehr menschliche Gewohnheiten sie annahmen, umso weiter entfernten sie sich von ihren Zentralen. Mit Menschen konnten sie beide keine dauerhaften Beziehungen eingehen. Es wäre schon nach wenigen Jahren zwangsläufig aufgefallen, dass sie anders waren, wodurch die gebotene Geheimhaltung gefährdet gewesen wäre. So blieb ihnen nur ihr direkter Widersacher als vertrauter Kontakt, als die einzige Person, die ihre Situation und die damit verbundenen Herausforderungen nachempfinden konnte. Sie lernten sich über die Jahrhunderte hinweg besser kennen und rückten mangels Alternativen näher zueinander. Gemeinsame Bedrohungen und gemeinsame Feinde taten ein Übriges.“ Er machte eine Kunstpause und schloss seine Arme fester um Erziraphael, so dass dieser sich nicht mehr bewegen konnte. „Das Phänomen, dass Personen in einer vergleichbaren Situation Sympathien für ihren Gegner entwickeln, ist relativ gut untersucht und dokumentiert. Es ist heute unter der Bezeichnung Stockholm-Syndrom allgemein bekannt.“

„Oh, du Zyniker! Du bist wirklich unmöglich!“ Erziraphael strampelte in Crowleys Armen und versuchte energisch, sich aus seinem Griff zu befreien. „Du weißt genau, dass ich mit einem Happy End gerechnet habe. ‚Und wenn sie nicht gestorben sind‘ wäre doch wohl das Mindeste gewesen! Wie kannst du nur!?“ Der Dämon gab den Befreiungsversuchen nach und der Engel drehte sich zu ihm um. Mit gespielter Entrüstung boxte er ihn in den Bauch. „Ich hätte wissen müssen, dass du dich über mich lustig machst.“ Crowley nahm eine Verteidigungshaltung ein. „Ich weiß gar nicht, was du hast. Du wolltest wissen, wie wir hier gelandet sind. Und ich habe dir eine Antwort gegeben. Es war nicht davon die Rede, dass dir die Antwort gefallen muss.“ Lachend wehrte er Erziraphaels spielerische Schläge ab. „Du bist ein hoffnungsloser Romantiker, ehrwürdiger Erzengel.“ Erziraphael setzte sich im Bett auf und bemühte sich um Fassung. „Wenn die Liebe zwischen einem Engel und einem Dämon nicht das Zeug zu einer großen Liebesgeschichte wie zwischen Romeo und Julia hat, was denn dann?“, fragte er herausfordernd. „Du musst dich schon entscheiden“, gab Crowley zurück. „Große tragische Romanze oder Happy End? Beides kannst du nicht haben. Oder habe ich am Ausgang von Romeo und Julia etwas missverstanden?“ Erziraphael zog einen Schmollmund. „Schon gut, schon gut. Ich kapituliere. Außerdem ist mir im Grunde auch egal, wie du in meinem Bett gelandet bist. Hauptsache, du verschwindest nicht plötzlich wieder. Komm, küss mich!“ Er zog Crowleys Kopf zu sich heran und ließ sich küssen. Plötzlich drängte sich Hexe zwischen sie und winselte. Der Engel stöhnte theatralisch. „Wie soll ich jemals mein Bedürfnis nach Romantik stillen können, wenn ich mit einem sarkastischen Dämon und einer grauen Riesin mit schwacher Blase gestraft bin?“ Es war dann aber Erziraphael, der als Erster aufstand und mit Hexe nach unten ging, um sie hinauszulassen. Bis Crowley ihnen folgte, hatte er schon Kaffee und Teewasser aufgesetzt und saß mit einem großen, dicken Buch am Frühstückstisch.

„Was für ein Wälzer ist das denn?“ Crowley schaute ihm über die Schulter. „Engel, das ist doch hoffentlich nicht dein Ernst!?“ Zerstreut sah Erziraphael auf. „Wovon sprichst du?“ Crowley legte sein Handy mitten auf die aufgeschlagenen Seiten. „So sucht man im 21. Jahrhundert nach Firmen“, sagte er. Er zeigte auf das blinkende Formularfeld: „Gib da ein, was du suchst. … Ins nächste Feld schreibst du Greater London… Gut. Und jetzt klick auf search .“ Verwundert sah Erziraphael auf die lange Liste von Innenarchitekten, die ihm auf dem Display angezeigt wurde. „yell.com? Was ist das?“ Der Dämon zog das Telefonbuch unter seinem Handy weg. „Der Nachfolger von dem hier.“ Er las die Jahreszahl auf dem Buchrücken. „Engel! Wirklich? Die Hälfte der hier verzeichneten Unternehmen existiert wahrscheinlich seit 20 Jahren nicht mehr oder hat schon dreimal den Eigentümer gewechselt.“ Die Augen hinter der Lesebrille zeigten Verunsicherung. „Du willst sagen, ich bin altmodisch?“ Die spontane Antwort war ein Seufzer. Dann setzte Crowley sich zu ihm, nahm seine Hand und sagte: „Ich liebe dich sehr. Und ja, deine Recherche-Methoden sind altmodisch. Oder nicht mehr zeitgemäß, wenn dir das besser gefällt.“  Der Engel scrollte durch die Liste. „Aber das ist doch vollkommen unübersichtlich. Kann ich mir das in einem Copyshop ausdrucken?“ Crowley verkniff es sich, mit den Augen zu rollen. Er stand auf und goss einen Tee für Erziraphael auf. Nachdem er die Tasse vor ihm hingestellt und seinen Kaffee mitgebracht hatte, setzte er sich wieder. „Du musst jetzt sehr tapfer sein, Engel: Wenn wir ausgetrunken haben, gehen wir einen Computer kaufen.“