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(immer noch) Tag 7, Freitag

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(immer noch) Tag 7, Freitag

Sie kehrten erst am Nachmittag zurück, erschöpft, aber zufrieden. Sie mussten zweimal gehen, bis alle kleineren und größeren Kartons ihren Weg vom Rücksitz auf den Esstisch gefunden hatten. Hexe naschte nur kurz an ihrem Futternapf und legte sich dann an ihren Lieblingsplatz vor der Heizung. Erziraphael sah lächelnd zu, bis sie im dritten Anlauf die optimale Schlafposition gefunden hatte. „Was Hexe angeht, scheint dein Plan aufgegangen zu sein.“ Crowley folgte seinem Blick und nickte zufrieden. „Wenn du sie müde kriegen willst, ist der Parcours auf dem Hundeplatz immer die richtige Wahl.“ Der Engel drehte sich zu Crowley um. „Mich hast du auch müde gekriegt. Aber, wenn du das mal wieder vorhast, bitte nicht ausgerechnet in einem Technikkaufhaus.“ Skeptisch betrachtete er die mitgebrachten Kartons. „Und wie kriegen wir das jetzt alles zum Laufen?“ „Indem wir uns Hilfe suchen.“ Crowley stellte ihm eine große Tasse dampfenden Kakao hin. „Hier, die hast du dir verdient.“ Er wollte sich mit seiner eigenen Tasse neben Erziraphael setzen, aber der fasste ihn am Arm und sagte mit weicher Stimme: „Komm her!“ Er zog den Dämon auf seinen Schoß und legte einen Arm um seinen Rücken. Crowley küsste ihn und wollte wieder aufstehen. „Wo willst du denn hin?“, Erziraphaels Arm zog ihn noch ein bisschen näher heran. „Was soll denn Muriel denken, falls sie jetzt wiederkommt? Wir sind doch keine Teenager.“ Der Engel strich liebevoll die widerspenstige Strähne zur Seite, die vor Crowleys Augen hing.“ „Was soll sie schon denken? Dass wir uns lieben? Dass ich dir nah sein will? Das ist doch alles richtig. Und ein Geheimnis ist es auch nicht mehr.“ Crowleys Widerstand ließ nach. „Sind wir dafür nicht zu alt?“, fragte er dennoch. „Wenn du so fragst, und nach menschlichen Maßstäben sind wir sicher zu alt, und zwar für einfach alles.“ Erziraphael hob den Kopf und hielt Crowley die gespitzten Lippen hin. Er half ein bisschen nach, als der Dämon sich zu ihm herüberbeugte, und küsste ihn lange.

Die Ladentür wurde geöffnet und Muriel kam hereingefegt. Crowley sprang auf und griff nach seiner Kakao-Tasse. Muriel kam zu ihnen herüber und küsste erst Erziraphael, dann Crowley zur Begrüßung auf die Wange. „Wo wart ihr denn vorhin? Wart ihr so früh schon unterwegs?“ Sie sah Crowley fragend an, der stumm blieb, und wandte sich zu Erziraphael. „Erzengel?“ Er zeigte auf den Kartonstapel auf dem Tisch. „Ich wurde zu Anschaffungen genötigt.“ „Wow!“ Sie ging hinüber und betrachtete die Einkäufe. „Wie hast du ihn denn dazu überredet?“ Sie drehte sich wieder zu Crowley um, der immer noch schwieg. Sie trat einen Schritt näher und sah ihm ins Gesicht, sah die feine Röte auf seinen Wangen. Plötzlich lachte sie. „Es ist dir doch nicht etwa peinlich, dass ich gesehen habe, wie ihr euch küsst? Darf ich dich daran erinnern, dass das nicht das erste Mal war?“ Sie fasste ihn am Arm. „Crowley?“ Erziraphael räusperte sich. „Ich fürchte, es geht eher darum, wo er saß. Lass ihn einfach.“ Aber so schnell ließ Muriel sich nicht entmutigen. Sie legte ihre Arme auf Crowleys Schultern, wofür sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste, aber sie wollte ihm direkt in die Augen sehen können und verhindern, dass er ihr auswich. „Hör mal, Großer! Es ist nichts peinlich daran, geliebt zu werden oder zu lieben. Und es ist auch dann nicht peinlich, wenn andere das sehen können. Noch dazu seid ihr hier zuhause und ich keine Fremde.“ Sie ließ sich wieder auf die Fersen herunter. Ihre Hände hatte sie um Crowleys Gesicht gelegt. „Mach es dir nicht so schwer. Und ihm auch nicht, ok?“ Der Dämon schloss die Augen, dann nickte er. Und Erziraphael war wieder einmal dankbar für Muriels Empathie und ihre Fähigkeit, Beziehungen ganz einfach aussehen zu lassen.

***

Helen winkte ihnen noch einmal zu und zog die Ladentür hinter sich zu. Crowley und Erziraphael sahen ihr lächelnd nach. Vor ihnen auf dem Tisch standen zwischen zahllosen leeren Kartons und Plastiktütchen, Ersatzkabeln, Styroporteilen und Füllmaterial ein Mini-PC, eine ergonomische Tastatur, eine Maus und ein großer Bildschirm, außerdem ein schlanker Laptop, ein Headset, ein Lautsprecher und ein Drucker. Erziraphael ließ den Blick über die Geräte und Verpackungen schweifen und runzelte die Stirn. „Und du hast das wirklich alles verstanden?“, fragte er zweifelnd. „Das meiste davon habe ich mir sogar gemerkt. Helen hat doch wirklich toll erklärt.“ Maggie hatte ihnen das Mädchen empfohlen. Die Teenagerin half ihrer Großmutter mit allen technischen Geräten und wurde dafür oft zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Die beiden waren regelmäßige Gäste bei Nina und Maggie.  Helen hatte spontan zugesagt und den Nachmittag mit ihnen am Computer verbracht. Sie hatten im Gegenzug versprochen, ihr bei Referaten und Prüfungsvorbereitungen zu helfen, wenn es um Literatur, Sprachen, Geschichte, Religion oder Ethik ging. Crowley stand auf und begann, den Müll zusammenzuraffen, um ihn nach draußen zu bringen. „Warte es ab, Engel. Mit ein bisschen Übung wird das ganz leicht sein. Hast du vergessen, dass Engel die meisten Dinge einfach können, ohne sie lange lernen zu müssen?“ Als er vom ersten Gang zu den Mülltonnen zurückkam, sah Erziraphael immer noch nicht zuversichtlicher aus. „Gilt das wirklich auch für Technik?“ Er betrachtete die Maus, die er in der Hand hielt, und schrak zusammen, als Crowley sie ihm sanft abnahm. „Lassen wir die Computer für heute Computer sein“, schlug er vor und klappte den Laptop zu. „Darf ich dann mal dran?“, rief Muriel vom Backofen aus. „Sicher.“ Crowley zwinkerte Erziraphael zu. „Setz uns doch Teewasser auf und verhandele mit Muriel, ob sie dir ein paar Cookies überlässt. Dann machst du es dir mit einem Buch gemütlich.“ Dieser Vorschlag schien den Engel aufzumuntern. „Und du?“ „Ich lese jetzt endlich ein paar von den neuen Titeln und schreibe noch einige Empfehlungskärtchen für morgen.“

Als Muriel das letzte Blech mit Cookies aus dem Ofen gezogen hatte, setzte sie sich zu Crowley an den Tisch. Neben ihm lagen zwei Bücher, aus denen handbeschriebene Karten herausschauten. Sie schlug das oberste auf und las den Text auf der Karte. „Ein Buch über Freundschaft und Vertrauen, das sich an der Erfahrungswelt von Schulkindern orientiert. Geeignet für Erstleser, aber auch zum Vorlesen. Mit vielen Illustrationen, die Gesprächsanlässe bieten. Wer die älteren Bücher der Autorin gemocht hat, wird auch dieses lieben.“ Muriel lächelte. Sie nahm die Karte aus dem zweiten Buch heraus und las: „Auch der dritte Band der Reihe ist ein modernes Märchen, das für Toleranz und ein friedliches Miteinander wirbt. Es zeigt, wie aus Fremden Freunde werden können und nimmt seine kleinen Leserinnen und Leser ernst.“ Muriel sah hoch. „Ich wusste, dass es dir gefallen würde. Wirst du es vorlesen?“ Crowley nickte. „Ich denke schon. Es ist auch sprachlich sehr schön.“ Er zeigte auf drei weitere Bücher, in denen keine Karten steckten. „Die sind Massenware. Wenn du meinst, dass die Kunden danach fragen werden, bestell ein paar, aber eine Empfehlung schreibe ich nicht. Und das da ist voller Klischees und Vorurteile. Nichts für dein Sortiment.“ Muriel nickte und nahm die entsprechenden Eintragungen und Streichungen auf ihrem Bestellschein vor. „Machst du noch weiter?“ Crowley hatte den Kopf schon wieder über das nächste Buch gesenkt. „Ja, ich mach die noch fertig. Morgen werde ich ja nicht viel Zeit haben.“ Er sah kurz zu Muriel hinüber, die sich vor den Bildschirm setzte und zielsicher eine Internetseite öffnete, auf der sie etwas in ein Suchfeld eingab. Crowley wusste, dass sie in der Bibliothek, aber auch bei Nina und in einem der Internet-Cafés regelmäßig am Computer arbeitete, und wunderte sich deshalb nicht. Er achtete nicht weiter auf sie und nahm sich wieder seine Bücher vor. „Ist der Drucker schon eingerichtet?“, fragte sie zwischendurch und Crowley nickte stumm. Sie waren beide in ihre Arbeit vertieft und wirkten, als hätten sie so schon viele Abende miteinander verbracht. Konzentriert, schweigend, nur gelegentlich ein vertrautes Lächeln tauschend.

Erziraphael beobachtete sie, wenn er zwischen den Kapiteln seiner Lektüre aufsah. Er bemerkte einen feinen Stich im Herzen und erkannte ihn als Eifersucht, Eifersucht auf das selbstverständliche Miteinander, das ihn auszuschließen schien. Er ärgerte sich über sich selbst und zwang sich, wegzusehen und weiterzulesen. Am Ende des nächsten Kapitels sah er doch wieder auf und diesmal genau in Crowleys Augen. Ihr goldenes Leuchten galt so unmissverständlich und ausschließlich ihm, dass er sich für den Anflug von Eifersucht vor sich selbst schämte. Er klappte sein Buch zu, erhob sich vom Sofa und ging zu Crowley hinüber. „Darf ich mir anschauen, was du schreibst?“ Der Stapel mit Büchern war in der Zwischenzeit vollständig von Crowleys rechter Seite nach links gewandert, wo er auf drei kleinere Stapel verteilt worden war. „Natürlich, gern.“ Crowley schob ihm den Stapel der Bücher hin, aus denen Kartonstreifen ragten. Erziraphael klappte das erste auf und las Crowleys handschriftliche Notizen. Eins nach dem anderen nahm er auch alle weiteren Bücher in die Hand und las aufmerksam, was Crowley zu ihnen geschrieben hatte. „Ich würde jedes einzelne davon kaufen, wenn wir Kinder hätten!“ Er griff nach Crowleys Hand. „Was für eine schöne Entscheidungshilfe!“ Nun sah auch Muriel von der Tastatur auf. „Unsere Stammkunden kaufen kein Buch mehr, das er nicht empfohlen hat. Sie vertrauen seinem Urteil fast blind.“ Sie schaute auf die umverteilten Bücher. „Du bist ja schon fertig! Wo ist die Zeit hin?!“ Sie streckte die Hand nach den anderen Bänden aus. „Das sind die, die wir auf keinen Fall bestellen?“ Konzentriert füllte sie ihren Bestellschein fertig aus. „Wenn ich den Rechner dafür benutzen darf, könnte ich ja die Bestellungen demnächst online machen. Dann würde es auch schneller gehen.“ Sie stockte. „Na ja, jedenfalls solange ich noch hier wohne.“ Erziraphael hörte diesmal ganz deutlich heraus, dass sie nicht von hier weg wollte . Sie wollte ihnen nicht im Weg sein, sie fühlte sich verpflichtet, den Platz zu räumen, das war alles. Das musste Crowley doch auch gehört haben! Der Dämon aber schien ihrem Gespräch gar nicht mehr gefolgt zu sein. Er sah abwesend auf seine Hände hinunter, in denen er den Füller hin- und herdrehte. „Crowley?“ Er reagierte nicht. Muriel war aufgestanden, hatte einen Umschlag aus einer der Schubladen in der Verkaufstheke genommen, eine Marke aufgeklebt und den Bestellschein hineingeschoben. „Ich bring das zum Briefkasten. Soll ich Hexe mitnehmen? Dann braucht ihr nicht mehr los.“ Erziraphael nahm das Angebot gerne an. Noch bevor sich die Tür hinter Muriel geschlossen hatte, saß er bei Crowley. „Liebling, was hast du? Wo bist du mit deinen Gedanken?“ Der Dämon lächelte verschämt. „Entschuldige, es ist albern. Was du eben gesagt hast, hat sich irgendwie in meinem Kopf selbstständig gemacht.“ „Was meinst du?“ Der Engel konnte nicht folgen. „Du hast gesagt, Wenn wir Kinder hätten . Es ist nur, …, weißt du? …“ Crowley fand kein Ende für seinen Satz. „Was, Liebling? Sag es mir bitte.“ Crowley seufzte. „Ich hatte einfach noch nie einen Satz gedacht , in dem die Worte wir und Kinder zusammen vorkamen. Und dann waren da plötzlich so viele Bilder…“ Er verbarg sein Gesicht in der Halsbeuge des Engels. Der streichelte seinen Hinterkopf und fragte leise: „Schöne Bilder?“ Crowley hob seinen Kopf, um Erziraphael anzusehen. „Ja“, sagte er, „aber auch sehr fremd.“ Er rückte ein Stück zur Seite. „Möchtest du darüber reden?“ Crowley schien über die Antwort erst nachdenken zu müssen, dann schüttelte er den Kopf. „Nein, ich glaube, eher nicht.“ Er stand auf und trug die Bücher nach vorne. Die Empfehlungen drapierte er auf der Theke, die anderen sortierte er in die Ständer ein. Muriel und Hexe kamen von der kurzen Abendrunde zurück und Hexe war außer sich vor Freude, als sie Crowley direkt hinter der Tür vorfand. Ungestüm sprang sie ihn an und wollte spielen. Er kniete sich zu ihr auf den Boden und sie begannen, sich zu balgen. Sie bildeten ein solches Knäuel aus langen dünnen Gliedmaßen, dass Erziraphael von seinem Platz aus nur anhand der Farbe entscheiden konnte, welcher Körperteil zu Hexe und welcher zu Crowley gehörte.

Muriel setzte sich lachend zu ihm an den Tisch. „Sind sie nicht zum Knuddeln? Ich liebe es, ihn mit Hexe toben zu sehen. Das waren immer die einzigen Gelegenheiten, bei denen er fast glücklich wirkte.“ Erziraphael horchte auf. „Waren?“ Sie nickte. „Ja, bis du zurückgekommen bist. Seitdem sieht er oft auch glücklich aus, wenn er bei dir ist.“ Sie registrierte das Erstaunen auf Erziraphaels Zügen. „Sag nicht, dass du das noch nicht bemerkt hast! Du bist seine Sonne. Er strahlt nur, wenn dein Licht auf ihn fällt.“ Sie betrachtete den Dämon fast zärtlich, der gerade der auf dem Rücken liegenden Hexe den Bauch kraulte. Nein, nicht fast , entschied Erziraphael, der Blick war unzweideutig zärtlich. „Du liebst ihn auch“, sagte er leise, fast tonlos. Es war keine Frage. „Ja, natürlich!“ Er schwieg unbehaglich. Muriel sah auf, als spürte sie, was in ihm vorging. „Oh, Erziraphael, nein, nicht so“, flüsterte sie eilig. „Bee hat mich das auch schon mal gefragt und wir haben uns lange darüber unterhalten. Ich liebe ihn nicht so, wie Bee und Gabriel sich lieben oder wie du Crowley liebst. Ich glaube eher, dass es sich so anfühlen muss, wenn man einen Bruder hat … oder ein Kind.“ Sie griff nach seinem Arm und sagte beschwörend: „Was euch verbindet, ist so viel mehr. Eure Liebe ist alt wie die Welt.“ Sie lächelte wissend, als sie sein Gesicht sah, und unterbrach ihn, bevor er überhaupt den ersten Ton erwidert hatte. Plötzlich sah sie nicht mehr aus wie die scheinbar so junge Frau, die sich diese Welt gerade erst mit kindlicher Neugier erschloss. Erziraphael hatte jetzt den Eindruck, in unendlich alte, weise Augen zu sehen, Augen, denen nichts verborgen blieb, und die zu einem Wesen gehörten, das sehr viel mehr wusste und verstand als er selbst. „Nur weil ihr sie nicht gesehen habt, heißt das nicht, dass sie nicht da war“, sagte sie mit Nachdruck. Dann ließ sie seinen Arm los und der Augenblick war vorbei. Erziraphael rieb sich die Augen und fragte sich verwirrt, was er gerade gesehen hatte. Die lachende Frau, die aufgestanden war und jetzt rief: „Vielleicht sollten wir einen Eimer kaltes Wasser über die beiden schütten!“, war ganz die Muriel, die er seit einer Woche als Mitbewohnerin kennengelernt hatte, lebhaft, zupackend, erstaunlich empathisch, begeisterungsfähig, aber eben auch ein wenig naiv und tollpatschig scheinend und fast immer in Eile. Sie fasste ihn an der Schulter. „Wollen wir beide uns mal Gedanken über das Abendessen machen?“ Als Crowley sich zu ihnen setzte, frischgemacht, aber immer noch außer Atem, stand eine Schüssel mit würzigem Kürbis-Kartoffel-Püree auf dem Tisch, dazu gab es eine feine Schafskäsecreme und für die beiden Engel ein Topping aus mit Speck und Zwiebeln gebratenen gehackten Nüssen. Es war ein entspanntes Abendessen und alle drei fühlten sich, als hätten sie in dieser Runde schon unendlich oft zusammengesessen. Nur hin und wieder lehnte einer von ihnen sich kurz in seinem Stuhl zurück und betrachtete mit Staunen die beiden anderen Gesichter, dankbar für diese Gemeinschaft, die sich anfühlte wie ein Geschenk.

***

Muriel war nach dem Essen an den Computer zurückgekehrt und ganz in ihre Recherche vertieft. Die Männer waren zum Sofa gegangen und nachdem der Engel einladend auf seine Oberschenkel geklopft hatte, streckte sich Crowley lang aus und legte seinen Kopf in Erziraphaels Schoß. Der Engel hatte ein Buch zur Hand genommen, es dann aber auf Crowleys Bauch sinken lassen, wo jetzt auch seine Hand lag. Statt zu lesen, wickelte er abwesend eine rote Strähne um den Zeigefinger der anderen Hand und konzentrierte sich darauf, wie nah sie sich waren. Sein Blick wanderte zwischen den roten Locken und der auf ihrem Kissen ruhenden Hündin hin und her. „Wie ist Hexe eigentlich zu ihrem Job als Vorlesehund gekommen?“ Erziraphael hatte das schon längst fragen wollen und Crowley begann bereitwillig zu erzählen: „Im Grunde ist das über die Vorlese-Samstage gekommen. Hexe war meistens dabei und ist einigen Eltern aufgefallen, weil sie so gelassen ist und geduldig auch, das weißt du ja selbst.“ Erziraphael nickte. „Einer der Väter hatte eine Doku über Vorlesehunde im Fernsehen gesehen und fragte mich, ob ich mir das für Hexe auch vorstellen könnte.“ Erziraphael hatte wieder damit begonnen, sich Strähnen von Crowleys Haar um einen Finger zu wickeln. Crowley ließ ihn lächelnd gewähren. „Hattest du vorher schonmal etwas von so einem Projekt gehört? Oder von diesen Studien, die du erwähnt hast?“ Der Dämon nickte. „Ja, aber ich habe mich nur noch vage daran erinnert. Ich habe dann erstmal recherchiert und auch eine der Studien gelesen. Ich fand den Ansatz wirklich spannend und habe zugesagt, unter der Voraussetzung, dass Hexe nicht darunter leidet.“

Nachdem so oft ihr Name gefallen war, sich aber niemand ihr zuwandte, war Hexe zum Sofa getrottet und hatte ihren Kopf auffordernd auf Crowleys Bauch gelegt. „Weißt du, dass du ein furchtbar distanzloser Hund bist?“, brummelte er, nicht ohne ihr liebevoll den Kopf zu kraulen. „Dann leg dich aber wenigstens hin und mach mich nicht nervös.“ Fasziniert beobachtete Erziraphael, wie die große Hündin aufs Wort gehorchte, ohne dass Crowley „Platz!“ gesagt oder irgendein anderes gängiges Kommando gegeben hätte. Der Dämon ließ den Arm vom Sofa baumeln und fuhr fort, Hexes Kopf zu streicheln und ihr zwischendurch den Rücken zu tätscheln.  Weil er schwieg, nahm Erziraphael den Faden wieder auf und fragte: „Und der Vater hat dann den Kontakt zur Schule gemacht?“

„Genau. In der Klasse seiner Tochter waren einige weitere Kinder, von denen er annahm, dass ihnen ein Vorlesehund helfen könnte. Er hat gleich am nächsten Tag der Direktorin von der Idee erzählt und sie innerhalb einer halben Stunde überzeugt.“

„Und wie ist das organisiert? Als Teil des Unterrichts?“

„Das dachte ich zuerst, aber es findet während der Freistunden statt, als Teil der Betreuungs- und Förderangebote der Schulen.“ Der Engel fragte noch nach ein paar Details und ließ sich schließlich von einigen der Kinder erzählen, die regelmäßig zu Crowley und Hexe kamen. Crowley berichtete mit Anteilnahme und offensichtlicher Zuneigung von ihnen, von ihren Lebensumständen, ihren Schulschwierigkeiten und ihrer Beziehung zu Hexe. Erziraphael hatte nichts anderes erwartet, war aber dennoch wieder berührt von der Leichtigkeit, mit der der Dämon von Kindern akzeptiert wurde, oft genug geliebt und angehimmelt. Und er schloss die meisten Kinder ebenso schnell ins Herz wie sie ihn. Seine Erzählungen wurden hin und wieder durch kurze Pausen unterbrochen und Erziraphael realisierte, dass er mit dem Schlaf kämpfte und kurz davor stand, diesen Kampf zu verlieren. Er fuhr mit einer Fingerspitze die Linien von Crowleys Ohr nach, den Augenbrauenbogen, die Augenringe, die seine Müdigkeit verrieten. „Wollen wir schlafen gehen?“, fragte er. „Es war ein langer Tag.“