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Tag 8, Samstag (Teil 1)

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Tag 8, Samstag (Teil 1)

An Erziraphaels zweiten Samstagmorgen zurück auf der Erde schlich Crowley sich nicht leise aus dem Schlafzimmer. Er küsste den Engel sanft wach und hatte eine Hand auf seine Brust gelegt. Schon bevor er die Augen öffnete, breitete sich ein Lächeln auf Erziraphaels Gesicht aus, er fasste nach Crowleys Hand und murmelte: „Guten Morgen, Crowley.“ Er versuchte, den Kuss noch etwas auszudehnen und öffnete fast widerstrebend die Augen. Crowley hielt seine Hand und drückte einen Kuss in die Handfläche. „Guten Morgen, Engel. Für mich wird es Zeit.“ Er setzte sich auf und schwang die Beine aus dem Bett, drehte sich aber noch einmal zu ihm um. „Kommst du nach oder sehen wir uns nach der Kinderstunde?“ Erziraphael gähnte. „Nein, nein, ich komme mit. Ich möchte kein Wort versäumen!“ Crowley sagte nichts, es war ihm aber anzusehen, wie sehr er sich freute. Er verschwand im Bad und kam, nur Augenblicke später, umgezogen wieder heraus. Diesmal trug er eine verwaschene blaue Jeans und einen tiefblauen Pullover. Der Engel saß schon auf der Bettkante, hatte sein Schlafanzug-Oberteil ausgezogen und reckte sich nach dem weißen T-Shirt, das er abends über die Stuhllehne gehängt hatte. Crowley kam um das Bett herum, als Erziraphael gerade beide Arme in die Shirt-Ärmel geschoben hatte. „Warte!“ Er kniete sich vor ihn hin, den Oberkörper kerzengerade aufgerichtet, und streckte beide Hände nach ihm aus. „Bleib so, bitte.“ Er legte seine Finger an die Innenseite der Handgelenke, strich sanft von dort bis zu den Achselhöhlen, führte die Hände weiter an Erziraphaels Seiten hinunter bis zur Taille. „Himmel! Sind alle Engel so weiß und weich?“, seufzte er, während seine Hände den gleichen Weg zurückglitten, von seiner Taille nach oben, die empfindliche Haut unter den Achseln und in der Ellenbeuge streichelnd, mit den Fingerspitzen kreisend, bis Erziraphael erschauerte. „Crowley!“ Er hörte den Genuss, aber auch das Verlangen in diesem einen Wort und ermahnte sich, die Situation nicht auszureizen. Er griff nach dem Shirt und zog es dem Engel über den Kopf und dann ganz herunter, bis es auch Rücken und Bauch bedeckte. „Du bist so schön“, murmelte er, „so makellos.“ Er küsste ihn noch einmal und kam dann auf die Füße. „Bis gleich“, sagte er, schon in der Tür, und ließ Erziraphael zurück, der so tief durchatmete, als hätte ihm bis eben jemand den Mund zugehalten.

***

Als er herunterkam, war schon Tee für ihn aufgegossen, aber er ließ ihn auf der Arbeitsfläche stehen und ging direkt in den Laden. Dort klappten Crowley und Muriel gerade die letzten der neuen Klappstühle auf. Die für die Erwachsenen standen hinten an der Wand, davor in versetzten Reihen die kleineren und dazwischen die bunten Polster. „Kann ich euch helfen? Becher holen, zum Beispiel?“ Muriel nickte ihm fröhlich zu. „Guten Morgen, Erziraphael. Gerne. Kannst du bitte auch Servietten mitbringen?“ Er brachte Servietten mit Kindermotiven und alle vorhandenen Becher nach vorn und half, sie auf dem Tresen aufzustellen. „Sollen die Cookies in die Glasschalen, die auf dem Tisch stehen?“ Wieder nickte Muriel und Erziraphael war froh, sich nützlich machen zu können. Es gab ihm das Gefühl dazuzugehören. Die Klingel über der Ladentür ging und kündigte die erste Familie an, die von Muriel begrüßt wurde. Crowley kam ihm entgegen, als er das Tablett zurück nach hinten brachte. Er hatte „Mio, mein Mio“ in der Hand. Kleine bunte Fähnchen ragten zwischen den Seiten heraus und markierten die Stellen, die er vorlesen wollte. Der Engel machte einen Schritt auf ihn zu. „Toi, toi, toi“, sagte er leise und spürte Crowleys Wange an seiner. Es war weit weniger als eine Umarmung, höchstens eine Ahnung von einem Kuss, nur ein flüchtiges Reiben von Haut an Haut, ein bestenfalls angedeutetes Lächeln, aber es war eine so zärtliche Geste, dass ihm warm ums Herz wurde. Er erwiderte das Lächeln und ließ Crowley passieren.

Dann schloss er sich ihm und Muriel an, die alle Kunden und ihre Kinder mit Namen begrüßten, sich nach fehlenden Geschwistern oder den Großeltern erkundigten und für jeden ein nettes Wort hatten. Er versuchte, sich möglichst viele Namen einzuprägen, und unterhielt sich kurz mit jedem, der ihn begrüßte. Ihm fiel auf, dass auch die Erwachsenen untereinander sich fast alle zu kennen schienen, die Namen der anderen Kinder wussten und miteinander plauderten. Darauf hatte er letzte Woche nicht geachtet. Er lächelte bei der Erinnerung daran, wie überrascht er gewesen war. Ja, es war eine bewegte Woche gewesen. Er sah sich um und spürte die positive Stimmung. Selbst diejenigen, deren Stirn noch in Falten lag, wenn er sie durch die Glastür kommen sah, schienen beim Betreten der Buchhandlung ihre Sorgen und ihren Alltag abzustreifen und ganz im Hier und Jetzt anzukommen. Es hatte etwas fast Magisches, aber wenn er Muriel und Crowley beobachtete, dann wusste er, dass sie dafür kein Wunder benötigten: Wenn sie mit jemandem sprachen, hatte ihr Gegenüber ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, jeder Gast wurde mit persönlichen Worten begrüßt, alle fühlten sich gleich gesehen und willkommen. Und während Crowley die Erwachsenen mit freundlichem Respekt behandelte, überschüttete Muriel jeden Einzelnen mit so viel Herzlichkeit, dass die Menschen gar nicht anders konnten, als dieses Geschenk an ihre Umgebung weiterzugeben. Langsam nahmen alle ihre Plätze ein und auch Erziraphael zog sich einen Klappstuhl heran und wartete, seinen kalten Tee in der Hand, gespannt auf den Beginn.

Muriel übernahm die Begrüßung und die Einführung. Von Pippi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga, die viele Kinder aus dem Fernsehen kannten, nahm sie ihre kleinen Zuhörer mit in die Heimat von Astrid Lindgren, nach Schweden. „Und dort, in der Hauptstadt Stockholm, wohnte Bo Vilhelm Olsson. Er war 9 Jahre alt und wohnte bei Pflegeeltern. Von ihm erzählt das Buch ‚Mio, mein Mio‘, das Anthony euch heute mitgebracht hat“, leitete sie bald über. Da war es wieder, dieses Lächeln für Crowley, das ihr Gesicht leuchten ließ und so überdeutlich von Liebe sprach, dass Erziraphael vielleicht eifersüchtig gewesen wäre, wäre da nicht die Unterhaltung vom Vorabend gewesen. So aber sah er, dass es fast keinen Unterschied gab zwischen dem zärtlichen Lächeln, das sie Crowley schenkte, und dem beinahe ebenso liebevollen Lächeln, das ihm selbst galt. Vor allem aber hatte er in Crowleys Augen gesehen, solange Muriel sprach, und die waren unbeirrbar nur auf ihn gerichtet gewesen. Sie schienen noch einmal golden aufzuleuchten, bevor er in die Runde sah und den Zuhörenden zulächelte.

„Bo Vilhelm, den die meisten Menschen Bosse nannten, war kein glücklicher Junge“, begann er zu erzählen. „Er kannte seine Eltern nicht und lebte bei Pflegeeltern, die ihn nicht liebhatten. Er hatte auch nicht viele Freunde, nur Benka, der in derselben Straße wohnte wie er. Aber am besten lassen wir Bosse selbst erzählen.“ Er machte eine Pause und schaute noch einmal in die Kindergesichter, die ihm erwartungsvoll zugewandt waren. Dann begann er zu lesen und obwohl die Eltern auf den Klappstühlen fast alle schon oft gehört hatten, wie Mr. Crowley vorlas, mussten sie sich auch dieses Mal vergewissern, dass noch immer er es war, der in seinem Sessel saß und dass er niemand anderem Platz gemacht hatte. Tatsächlich hätte man meinen können, dass dort ein anderer saß, auch wenn er denselben blauen Pullover trug und dieselben leuchtend roten Haare hatte. Gerade eben hatte er noch nach vorn gebeugt auf der vorderen Sesselkante gesessen und Blickkontakt mit den zuhörenden Kindern gehalten. Jetzt saß er wie schutzsuchend mit dem Rücken direkt an der Rückenlehne des Sessels, die Arme um die angezogenen Beine geschlungen, der Blick auf das Buch gesenkt. Die Änderung in seiner Stimme machte die Illusion perfekt. Wer die Augen schloss, hätte geschworen, dass dort ein trauriger Neunjähriger saß und von sich erzählte.

„Ich war ein Pflegekind bei Tante Edla und Onkel Sixten. Ich kam zu ihnen, als ich ein Jahr alt war. Vorher war ich in einem Kinderheim. Von dort hat mich Tante Edla geholt. Sie wollte zwar lieber ein Mädchen haben, aber es war keines da. Deshalb nahm sie mich.“

Gebannt hörte Erziraphael zu, wie Bosse von seinem lieblosen Alltag erzählte, von den Pflegeeltern, die nur mit ihm sprachen, wenn sie mit ihm schimpften. Aber es gab einen Lichtblick in Bosses Leben: seinen Freund Benka.

„Meistens war ich bei Benka. Sein Papa sprach immer viel mit ihm, und er half ihm, Modellflugzeuge zu bauen, und machte Striche an der Küchentür, um zu sehen, wie viel Benka gewachsen war, und all so etwas. Benka durfte lachen und reden und seine Kleider herumliegen lassen, soviel er wollte. Sein Papa hatte ihn trotzdem lieb. (…) Wenn ich abends im Bett lag, wünschte ich mir manchmal, Benkas Papa wäre auch mein Papa.“

Verstohlen sah Erziraphael sich um, um zu sehen, ob der Text die anderen Erwachsenen ebenso berührte wie ihn. Ja, es schien so. Viele Blicke waren mitfühlend auf Bosse, also auf Crowley gerichtet, der so furchtbar jung und einsam klang. Andere Eltern fixierten die Rücken ihrer weiter vorn sitzenden Kinder, als fürchteten sie, auch sie könnten sich andere Eltern wünschen. Die Kinder aber hingen an Bosse-Crowleys Lippen, dem Tante Edla erzählt hatte, dass seine Mutter bei seiner Geburt gestorben sei.

„Wer mein Vater sei, das wisse niemand. ‚Man kann sich ja leicht ausrechnen, was das für ein Lump ist‘, sagte sie. Ich hasste Tante Edla, weil sie so von meinem Vater sprach. Vielleicht stimmte es, dass meine Mutter gestorben ist, als ich geboren wurde. Aber mein Vater war kein Lump, das wusste ich. Und manchmal lag ich da und weinte nach ihm.“

Von einigen Stühlen erklang ein mitleidiges „Oh!“ und in den ersten Augen schimmerte es feucht. Crowley schloss das Buch und erzählte, jetzt wieder mit seiner eigenen Stimme, wie Bosses Leben sich an einem grauen Oktobertag von Grund auf änderte: Zum ersten Mal hörte er vom Land der Ferne und vom König dieses Landes. Er befreite einen Geist aus einer Flasche, wie in Tausendundeiner Nacht. Und der Geist erkannte, dass Bosse der war, nach dem der König im Land der Ferne lange gesucht hatte. Der Geist konnte fliegen. Er trug den Jungen durch die Lüfte und brachte ihn weit weg von Stockholm. Crowley schlug das Buch an der Stelle wieder auf, an der ein rotes Fähnchen zwischen den Seiten klebte.

„Dort siehst du das Land der Ferne, sagte der Geist. Wir schwebten hinab, dem Grünen entgegen.

Und es war eine Insel, die im Meer schwamm. Und in der Luft war ein Duft wie von tausend Rosen und Lilien und eine seltsame Musik, die schöner war als irgendeine andere Musik auf der Welt. Unten am Meeresufer lag ein großes weißes Schloss, und dort landeten wir.

Jemand kam den Strand entlang. Es war mein Vater, der König. Ich erkannte ihn sofort, als ich ihn sah. Ich wusste, dass es mein Vater war. Er breitete die Arme aus, und ich flog an seine Brust. Lange hielt er mich fest. Wir sprachen kein Wort. Ich legte nur die Arme um seinen Hals, so fest ich konnte.“

Crowley las vor, wie Bosse erfuhr, dass er eigentlich Mio heißt. Sein Vater hatte neun Jahre nach ihm gesucht, nach Prinz Mio. Und nun waren sie endlich zusammen und Bosse-Mio hatte einen Papa, der viel mit ihm sprach, mit ihm Modellflugzeuge baute und mit Strichen an der Küchentür markierte, wie er gewachsen war. Am ersten Tag zeigte er Mio seinen Rosengarten.

„Er hielt mich an der Hand, während wir gingen. Tante Edla und Onkel Sixten hatten mich nie an der Hand gehalten. Niemand hatte mich jemals zuvor an der Hand gehalten. Und deshalb war es so wundervoll, hier zu gehen und meine Hand in der Hand meines Vaters, des Königs, zu spüren, obwohl ich ja eigentlich zu groß dafür war.“

Erziraphael hatte die Augen geschlossen, damit ihn nichts von Crowleys Stimme ablenkte. Bei den letzten Worten glaubte er jedoch, Crowleys Hand in seiner zu spüren, und blickte erstaunt auf. „Niemand hatte mich jemals zuvor an der Hand gehalten.“ Der Satz klang in ihm nach, während er in die geliebten goldenen Augen sah, die direkt auf ihn gerichtet waren. Plötzlich wusste er, dass Crowley diese Stelle für ihn gelesen hatte, ganz allein für ihn, und er glaubte zu fühlen, wie sich ihre Finger ineinander verschränkten. Er lächelte Crowley über all die Kinderköpfe hinweg zu, wollte zeigen, dass er verstanden hatte, wusste aber nicht, wie. Dann hob er eine Hand so hoch, dass der Dämon sie sehen konnte, hauchte einen Kuss hinein und pustete ihn sanft zu ihm hinüber. Crowley schien die Lippen zu spitzen, als könne er den Kuss spüren, und blinzelte unwillkürlich, bevor er dem Engel noch einmal zulächelte. Nur Muriel hatte ihren stummen Dialog verfolgt und war froh zu sehen, dass sie sich verstanden hatten. Oh, wie sehr sie ihnen wünschte, endlich Glück an der Seite des anderen zu finden! Sie verdienten es so!

Während Muriel und auch Erziraphael noch ihren Gedanken nachhingen, hatte Crowley vorgelesen, wie Mio im Land der Ferne seinen ersten Freund fand, Jum-Jum, den Sohn des Rosengärtners, mit dem er spielte und nach und nach das Land der Ferne entdeckte. Mio erkannte bald, dass sein Vater, der König ganz anders war, als Tante Edla und Onkel Sixten gewesen waren. Er wollte ihn lachen sehen und mit Freunden spielen, er wollte, dass sein Sohn glücklich war.

„Da begriff ich zum ersten Mal, dass ich niemals vor meinem Vater, dem König, Angst zu haben brauchte, dass er mich immer, was ich auch tun mochte, mit diesen freundlichen Augen ansehen würde, so wie er mich jetzt ansah. … Und als ich das verstanden hatte, wurde ich froher als je zuvor in meinem Leben. So froh war ich, dass ich ganz, ganz laut lachen musste.“

Crowley klappte das Buch zu und lächelte sein Publikum an. „Ihr habt ganz toll zugehört. Mio bekommt jetzt bei Jum-Jums Mama Pfannkuchen und Erdbeerkompott. Und damit ihr nicht neidisch sein müsst, bekommt ihr Cookies und Limonade. Muriel wartet schon auf euch.“ Er stand vom Sessel auf und streckte sich, während sein Blick Erziraphael suchte. Der stand im Durchgang zum hinteren Teil des Ladens und sah ihm entgegen, eine seiner Hände nach ihm ausgestreckt. Als würden sie spüren, dass ihn eine unwiderstehlich Kraft dorthin zog, zu dieser ausgestreckten Hand, die auf ihn wartete, die ihn festhalten sollte, machten die Kinder und ihre Eltern ihm wortlos Platz, sprachen ihn nicht an, sahen ihm nicht einmal nach. Eine Mutter half Muriel beim Ausschenken von Limonade, ein Vater teilte die Cookies zu und alle plauderten angeregt miteinander. Crowley griff nach der Hand, sobald er nahe genug war und ließ sich mit in den hinteren Ladenbereich ziehen. Keiner der beiden Männer verstand so genau, was die heftigen Gefühle ausgelöst hatte, aber sie spürten, dass sie beide von der gleichen Sehnsucht und den gleichen Emotionen getrieben wurden. Durch übervolle Buchregale vom Rest des Ladens getrennt, standen sie beieinander und hörten nichts anderes als ihren eigenen Herzschlag und den Atem des Geliebten. Erziraphael hielt ihn an sich gedrückt und fühlte, wie er in seinen Armen zitterte. „Mio, mein Mio“, flüsterte er beruhigend, während Crowleys Tränen dunkle Flecken auf seinem Hemd zeichneten. „Endlich habe ich dich gefunden, mein Prinz.“ Als Muriel am Ende der Pause vorsichtig um das Regal schaute, um zu sehen, ob alles in Ordnung war, hatte Crowley aufgehört zu zittern und auch die Tränen waren getrocknet. Die Männer standen sich gegenüber, die Stirnen aneinander gelehnt, die Hände fest ineinander verschränkt. Erziraphael sah zu ihr auf und lächelte. „Wir kommen“, sagte er. Crowley ging als Erster zurück und saß schon wieder mit dem aufgeschlagenen Buch im Sessel, als der Engel sich leise auf seinen Stuhl setzte.

„Ich hatte ja schon erzählt, dass Mio in Jum-Jum einen Freund gefunden hatte, mit dem er die Insel erkundete. An dem Tag, von dem ich euch jetzt erzählen will, fand er einen weiteren Freund, nämlich Nonno, einen Hirtenjungen. Nonno hatte eine Weidenflöte und weil Mio und Jum-Jum gerne lernen wollten, wie man diese Flöte spielte, schnitzte Nonno ihnen eigene Flöten. Dann brachte er ihnen die eigenartige Melodie bei, die er gespielt hatte, als sie ihn getroffen hatten.

Nonno sagte, es sei eine alte Melodie, die schon in der Welt gewesen sei, bevor es andere Melodien gegeben habe. Vor Tausend und Abertausend Jahren schon hätten die Hirten sie draußen auf den Wiesen gespielt, sagte Nonno. […]

Als sie weiterritten, unterhielten sich Mio und Jum-Jum.

‚Wir wollen gut auf unsere Flöten achten‘, sagte ich zu Jum-Jum. ‚Und sollten wir uns einmal verlieren, dann wollen wir diese Melodie spielen.‘ Jum-Jum hatte seine Arme fest um mich gelegt, um nicht vom Pferd zu fallen. Er lehnte seinen Kopf an meinen Rücken und sagte: ‚Ja, Mio, wir wollen auf unsere Flöten achten. Und wenn du mich auf meiner Flöte spielen hörst, dann weißt du, dass ich dich rufe.‘ ‚Ja‘, sagte ich, ‚und wenn du mich diese Melodie spielen hörst, dann weißt du auch, dass ich dich rufe.‘ ‚Ja‘, sagte Jum-Jum und hielt mich ganz fest. Und ich dachte: Er ist mein bester Freund.

Crowley las weiter vor, wie die Jungen schon am nächsten Tag wieder zu Nonno ritten und zu dritt auf ihren Flöten spielten. Wunderschön spielten sie und sie spielten für das Gras und die Blumen, für die Winde und die Bäume. Mio fand es aber schade, dass kein Mensch sie hören konnte. Deshalb wanderten sie zu dem Haus, in dem Nonno mit seiner Großmutter lebte. Sie stellten sich vor ihrem Fenster auf und begannen zu spielen.

„Wir legten los und spielten eine so lustige Melodie, dass die Lämmer tanzen und springen mussten, als sie sie hörten. Und an das Fenster kam eine alte Frau, die sehr freundlich aussah. Es war Nonnos Großmutter und sie schlug die Hände zusammen und sagte: ‚Nein, was für eine schöne Musik!‘  Wir spielten ihr lange vor und sie blieb die ganze Zeit am Fenster stehen und hörte zu. Sie war alt und sah gleichsam etwas märchenhaft aus, obwohl sie eine richtige, lebendige Großmutter war.“

Die Kinder hingen an Crowleys Lippen, als er davon erzählte, wie sie von Nonnos Großmutter Brot und Wasser bekamen und wie sie ihnen schließlich warme Mäntel mitgab, damit sie gemeinsam draußen bei den Schafen schlafen konnten. Er begann an der Stelle weiterzulesen, als sie sich ein Nachtlager bereitet hatten und rings um sich in den Hügeln die Feuer der anderen Hirten aufleuchten sahen. Und sie hörten, wie die Hirten dort die eigenartige Melodie spielten, die sie am Tag zuvor gelernt hatten.

„Ja, wir lagen da und sahen die Feuer und hörten die alte Melodie. Sie kam zu uns von einem Hirten, den wir nicht kannten, aber er spielte für uns durch die Nacht. Und es war, als ob diese Melodie gerade von mir etwas Besonderes wollte.

Am Himmel leuchteten die Sterne so groß und so hell, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Ich lag da und sah sie an. Ich drehte mich auf den Rücken und hatte es warm in meinem roten Mantel und sah die Sterne an. Und da musste ich daran denken, dass wir für das Gras gespielt hatten und für die Blumen und die Winde und die Bäume, und Nonno hatte gesagt, sie hätten es gern. Aber wir hatten nicht für die Sterne gespielt. Kümmern sich die Sterne darum, wenn man für sie Musik macht? Ich fragte Nonno und er sagte, er glaube es. Und da setzten wir uns auf, holten unsere Flöten hervor und spielten auch den Sternen noch ein kleines Lied.“

Anders als in der Vorwoche blieb es zunächst ganz still. Viele hatten die Augen geschlossen und schienen abzuwarten, ob Crowley noch weiterlas. Selbst die Kinder regten sich nicht. Doch noch bevor er das Buch zuklappte, erklang wie aus dem Nichts ein warmer Ton, aus dem viele Töne wurden, aus denen eine Melodie wurde. Alle sahen sich zu der Stelle um, wo der Buchhändler saß, denn von dort schien die Musik zu kommen. Auch Erziraphael drehte sich suchend um und sah eine junge Frau auf sich zukommen, die aus einem Märchenbuch oder einer irischen Sage hätte stammen können. Sie hatte lange kupferrote Haare, die in Locken über ihre Schultern flossen, eine blasse Haut mit vielen Sommersprossen und sie trug ein weich fallendes grünes Gewand mit einer kleinen Schleppe. Es sah aus, als wäre der Stoff von Hand gewebt, mit wunderschönen Silberborten. Die Kinder starrten sie wie verzaubert an, die ersten der erwachsenen Zuhörer aber begannen zögernd zu klatschen. Sie nahm die Holzflöte von ihren Lippen, nickte Erziraphael zu, der aufgestanden war, um den Durchgang für sie freizugeben, sah sich lächelnd im Raum um und hob das Instrument dann wieder an ihren Mund und setzte die Melodie fort. Der Engel sah sich nach Crowley um, auch der schien von der musikalischen Einlage überrascht zu sein, war wieder auf die Kante der Sitzfläche gerutscht, als wolle er so nah wie möglich an der Quelle dieser Musik sein, und lauschte konzentriert. Als die Musik abriss, klatschten alle und freundliches Lob wurde nach vorne gerufen. Die Musikantin verbeugte sich anmutig und sah sich nach Muriel um, die in diesem Moment neben sie getreten war. „Ich darf Ihnen Arwen vorstellen, Studentin am Royal College of Music und außerdem Mitglied von Land of faraway , einer kleinen Band, die sich auf traditionelle Musik aus dem Vereinigten Königreich spezialisiert hat. Sie spielt auch die klassische Tin Whistle, heute hat sie uns aber die Irish Flute mitgebracht.“ Muriel wartete den Applaus ab, bevor sie ankündigte: „Sie hat auch noch zwei weitere Stücke im Gepäck: Ich würde mich freuen, wenn Sie Zeit und Lust haben, sie mit uns anzuhören. Alle klatschten, kein Stuhl wurde verrückt, niemand machte Anstalten aufzustehen.

Arwen ließ mit ihrer Musik das alte Irland auferstehen, wer die Augen schloss, konnte Torffeuer riechen, frische grüne Wiesen, salzige Luft, sie sahen Menschen sich an historischen Kultstätten versammeln, die alten Feste feiern und Opfer für die heimliche Welt bringen, und in den Schatten glaubten sie, Elfen und Kobolde zu erkennen, die mit der Welt der Menschen noch in Frieden lebten. Als sie geendet hatte, verbeugte sie sich tief und nahm lächelnd den warmen Applaus entgegen. Muriel legte ihr die Hand auf den Arm: „Ich danke dir, du hast uns eine große Freude gemacht. Bleibst du noch ein bisschen hier? Ich würde dir nachher gerne meine Freunde vorstellen.“ Die Musikerin nickte und mischte sich mit den anderen unter das Publikum, beantwortete Fragen und verteilte Visitenkärtchen mit einem Foto der Musikgruppe, mit der sie auftrat. Neben den Kontaktdaten auf der Rückseite war eine geflügelte Flöte abgebildet. Crowley hatte eines der Kärtchen von der Theke genommen und betrachtete aufmerksam erst die Abbildung, dann das Foto und schließlich Arwen selbst. Mit einem Schulterzucken wandte er seine Aufmerksamkeit wieder den Kundinnen und Kunden zu, von denen die ersten sich nun zum Aufbruch bereit machten. Wie jede Woche schüttelte er noch einmal viele große und kleine Hände, lachte mit Kindern für Selfies in die Smartphone-Linsen ihrer Eltern und machte erfolgreich Werbung für Muriels Sortiment. Ein junger Vater sprach ihn an: „Es war wieder wunderbar, Anthony!“ Der Dämon dankte ihm mit einem Lächeln. Er kannte den Mann, dem eine Gewürzhandlung im Viertel gehörte, von gelegentlichen Einkäufen dort, vor allem aber, weil er mit seinen Zwillingen zu den treuen Besuchern ihrer Vorlese-Samstage gehörte. „Könntest du nicht häufiger solche Geschichten lesen, die hier jeder kennt?“, fragte er und nickte dabei in Richtung seiner Kinder. „Ich bin mit indischen Mythen aufgewachsen, ich kann den beiden fast keine der Geschichten erzählen, die ihre Freunde von ihren Eltern hören.“ Crowley hörte ihm aufmerksam zu. Er glaubte zu verstehen, worauf Rahul hinauswollte. „Ich möchte nicht, dass sie Außenseiter werden, weil ich ein anderes kulturelles Erbe mitbringe.“ Er wirkte hilflos, obwohl er lächelte. Crowley nahm ihn mit zum Verkaufstresen und griff zielsicher in einen Ständer mit Märchen-Malbüchern. „Für den Anfang kannst du ihnen die vorlesen.“ Er reichte dem Vater „Goldlöckchen und die drei Bären“ und „Die drei Schweinchen“ und wehrte ab, als er sein Portemonnaie ziehen wollte. „Die sind ein Geschenk. Du hast mich auf eine Idee gebracht“, erklärte er. „Leider habe ich heute nicht viel Zeit, aber können wir nächste Woche darüber reden?“ Rahul wirkte verblüfft, nickte aber. „Sehr gerne. Du weißt, dass wir immer kommen. Und vielen Dank für deine Gabe.“ Sie verabschiedeten sich mit einem Händedruck. Als Crowley sich umdrehte, sah er, dass die Buchhandlung fast leer war. Er nickte den letzten Kunden zu und gesellte sich dann zu Muriel, Erziraphael und Arwen, die begonnen hatten aufzuräumen. Als alles wieder an seinem Platz war, holte Muriel die Vorstellung nach. „Arwen, das sind der Eigentümer dieses Ladens, Erziraphael Fell und sein Partner Anthony Crowley, den du als Mio kennengelernt hast. Ich habe dir von ihnen erzählt.“ Arwen reichte den Männern lächelnd die Hand. „Ihre Stimme ist ein bemerkenswertes Instrument, Mister Crowley. Singen Sie auch?“ Crowley hielt die Hand eine Spur länger fest als üblich, dann trat er einen raschen Schritt zurück. „Also doch!“, sagte er abweisend. Erziraphael sah ihn überrascht an, er hatte offenbar nichts bemerkt. „Eine Dämonin!“, Crowleys Stimme hatte jede Wärme verloren. „ Halb dämonin“, korrigierte Muriel. „Wo ist dein Benehmen, Crowley?“ Arwen aber schüttelte den Kopf. „Mach ihm keine Vorwürfe, Muriel, ich hätte ebenso reagiert, hätte ich nicht gewusst, dass er dein Freund ist.“ Sie wirkte weder verletzt noch beleidigt und schon begann sein abweisendes Verhalten Crowley leid zu tun. „Entschuldigung“, sagte er zerknirscht. „Ich habe meiner Fraktion wohl gerade keine Ehre gemacht.“ Zu Muriel gewandt fuhr er fort: „Da hast du uns ja gleich eine doppelte Überraschung eingeladen.“ „Wie wäre es, wenn wir uns setzen?“, schlug Erziraphael vor, um die Situation weiter zu entspannen.

Kurz darauf saßen alle um den Esstisch, auf den Muriel in Windeseile Wein und Wasser, Obst und einige Knabbereien gezaubert hatte. Erziraphael kam als Letzter hinzu und servierte Tee und Kaffee. Er war es auch, der das Gespräch wieder aufnahm. „Darf ich fragen, wie lange Sie bereits am Royal College of Music studieren? Sicher sind sie doch die erste Halb-Dämonin, die dort aufgenommen wurde, oder?“ Er nippte an seinem Tee und schaute sie freundlich interessiert an. „Das vermute ich, allerdings wusste bei meiner Zulassung niemand, was ich bin. Das war deutlich vor den Ereignissen in Israel. Ich binde es übrigens auch heute nicht jedem auf die Nase.“ „Sie beherrschen Ihr Instrument virtuos“, lobte er. „Ungewöhnlich virtuos für Ihr Alter, wenn Sie mir die Bemerkung erlauben.“ „Ungewöhnlich auch für einen Dämonen-Spross“, sagen Sie es ruhig.“ Ihr Lächeln wurde traurig. „Keineswegs“, widersprach Crowley. „Dämonen beherrschen die Sprache der Musik ebenso selbstverständlich, wie sie alle menschlichen Sprachen verstehen und sprechen. Da gibt es keinen Unterschied zu Engeln.“ Sie sah ihn überrascht an. „Wirklich? Meine Mutter sagt immer, Dämonen fehle das Gefühl für Musik.“ Er nickte. „Das ist auch etwas anderes. Die meisten okkulten und himmlischen Wesen haben das absolute Gehör, zumindest fehlt nicht viel daran. Allerdings fehlen vielen von uns sicher eine Reihe anderer Qualitäten, die einen herausragenden Musiker auszeichnen. Emotion, Disziplin, Übungsfleiß. Nebenbei bemerkt gilt das auch für Engel.“ Muriel wollte protestieren, deshalb schob er schnell nach: „Anwesende natürlich ausgenommen.“

Arwen hatte mit schräg gelegtem Kopf zugehört, ganz auf die Worte konzentriert. „Wenn es nicht zu indiskret ist: Ist Ihre Mutter die Dämonin, Miss?“ Erziraphael hatte sich die Frage nicht verkneifen können. „Nennen Sie mich doch bitte Arwen“, sagte sie, bevor sie die Frage beantwortete. „Nein, das dämonische Erbe stammt von meinem Vater. “ Crowley kam ein schrecklicher Verdacht: „Hat er deine Mutter etwa …?“ Er stockte. Seit wann war er so indiskret? „Vergiss, dass ich gefragt habe!“, sagte er schnell. „Ich bitte um Entschuldigung.“ Sie fasste nach seinem Unterarm. „Du musst dich nicht entschuldigen“, sagte sie leise. „Ich weiß inzwischen, dass das vorgekommen ist. Viel zu oft. Aber bei meinen Eltern war es anders.“ Sie wurde rot. „Tatsächlich hatte er die Absicht, sie zu versuchen , um seine Bilanz aufzubessern. Aber dann verliebte er sich in sie. Und sie sich in ihn.“ Sie zeigte mit beiden Händen auf sich: „Das Ergebnis seht ihr hier.“ Crowley war erleichtert. „Leben deine Eltern in London?“ Sie schüttelte den Kopf. „Mein Vater ist verschwunden. Schon als ich noch klein war.“ Muriel legte ihr einen Arm um die Schulter. „Du musst das nicht erzählen, Arwen.“ Aber die Halbdämonin zuckte mit den Schultern und fuhr fort: „Es gibt gar nicht viel zu erzählen. Zeugen haben beobachtet, wie er in ein Auto gezerrt wurde, aber die Entführer haben sich nie gemeldet. Das ist schon Jahre her. Wir wissen nicht einmal, ob er noch lebt.“ Erziraphael griff erschrocken nach Crowleys Hand. Muriel klopfte auf den Tisch. „Schluss jetzt mit dem Verhör. Reden wir lieber über die Musik. Ist mir die Überraschung gelungen, Crowley?“ Er musste sich zwingen, den mitfühlenden Blick von Arwen abzuwenden. „Allerdings! Ich hatte dir doch nicht einmal erzählt, dass ich im zweiten Teil etwas über die Flöten lesen würde.“ Sie lächelte triumphierend. „Aber du hast gesagt, dass es um Liebe und Freundschaft gehen würde. Und einige der schönsten Passagen über Freundschaft sind die mit den Flöten. Außerdem hattest du dort ein Fähnchen hineingeklebt.“ Sie streckte ihm die Zunge heraus. Er musste über ihre kindliche Freude lachen. Muriels Gegenwart tat ihm wie immer gut, sie war so unbeschwert, ihr Geist so frei, dass es abzufärben schien. „Die alten irischen Weisen passten erstaunlich gut zum Text“, stellte Erziraphael fest. „Aber das Land der Ferne wurde ja auch als grüne Insel beschrieben. Es war ein wunderbarer, stimmungsvoller Rahmen. Ich danke dir für deine Kunst.“ Diesmal drückte Crowley Arwens Hand ohne Vorbehalte. Zu Muriel sagte er: „Und dir danke ich für die Idee. Auch wenn ich meine Vorbereitungen demnächst wohl am besten wegschließe.“ Er erhob sich. „Ich muss mit Hexe raus. Bei Nina und Maggie wird es sicher spät, wenn wir uns durch so viele Gänge probieren sollen. Da sollte sie wenigstens vorher genug Bewegung bekommen.“ Er küsste Erziraphael auf die Wange und verschwand mit der begeistert hechelnden Hexe durch die Hintertür.

Auch Muriel stand auf. „Ich gehe am besten mal rüber. Ich habe versprochen, Nina und Maggie in der Küche zu helfen.“ Sie sah die Halbdämonin an. „Magst du mitkommen? Wie ich die beiden kenne, reicht das Essen leicht für eine mehr. Ich verspreche dir, du bist willkommen.“ Arwen sprang auf. „Gerne. Einladungen sollte man immer annehmen. Sie werden sonst vielleicht nicht wiederholt.“ Erziraphael räumte summend den Tisch ab und machte es sich dann mit einem Buch gemütlich. Er hatte noch Zeit, bis er sich für den Abend fertigmachen musste, und würde sich eine kleine Auszeit gönnen. Schon nach zwei Zeilen hatte die Lektüre ihn in ihren Bann gezogen. Und so sah er nicht, dass Crowley mit den Frauen im Café verschwand und auch nicht, dass er kurz darauf zwar wieder herauskam, aber nicht in die Richtung abbog, in die ihn seine Spaziergänge meistens führten.

***

„Crowley? Wir wollten gerade ins Café aufbrechen. Nina hat uns gebeten, ein bisschen mit anzufassen für heute Abend.“ Hinter Bee tauchte Gabriel im Flur auf. Er war noch dabei, seine Strickjacke zuzuknöpfen. „Komm erstmal rein. Es ist doch hoffentlich nichts passiert?“ Der Dämon trat ein und folgte den beiden in ihr Wohnzimmer. „Nein, es ist nichts passiert und ich komme auch gleich nach zum Helfen. Ich wollte nur vorher etwas mit euch besprechen, was nicht alle hören müssen.“ Er setzte sich, als Bee auf den Sessel zeigte, vor dem er stand. „Muriel hat uns eine Freundin vorgestellt, eine Studentin am Royal College of Music. Sie hat im Laden musiziert, eine virtuose Flötistin.“ Er sah in die abwartenden Gesichter. „Der nicht-öffentliche Teil kommt jetzt: Sie ist eine Halb-Dämonin. Ihr Vater, der Dämon, hat mit ihr und ihrer Mutter zusammengelebt, bis er eines Tages entführt wurde. Seitdem haben sie nichts mehr von ihm gehört.“ Bee schwieg betreten. „Wie furchtbar!“ Gabriel rieb sich unbehaglich die Hände. „Wir müssen sicher nicht darüber reden, was die wahrscheinlichste Erklärung dafür ist, oder?“ Crowley wischte die Frage mit einer Handbewegung beiseite. „Natürlich nicht. Trotzdem habe ich Fragen an euch beide: Bee, gibt es eine Chance, dass er nicht exekutiert wurde? Und an dich, Gabriel: Du hast erzählt, dass eine Kommission sich mit den Verbrechen von oben und unten befassen und die Fälle aufarbeiten soll. Ist damit auch so eine Art Suchdienst verbunden?“ Der Engel gab Bee ein Zeichen, dass sie zuerst antworten sollte. „Tatsächlich denke ich, dass man ihn am Leben gelassen haben dürfte, als abschreckendes Beispiel für alle anderen. Er wäre der lebende Beweis dafür gewesen, dass kein Dämon sich auf der Erde sicher vor der Hölle fühlen durfte.“ Crowley nickte. „Das ist auch meine Vermutung. Dann wurde er vermutlich regelmäßig öffentlich vorgeführt, gedemütigt und gefoltert, damit niemand die Mahnung vergaß, oder?“ Die ehemalige Höllenfürstin legte nachdenklich die Stirn in Falten. „Das ist nicht gesagt. Ich erinnere mich, dass es vor ein paar Jahren, rund um die Geburt des Antichristen, eine regelrechte Welle solcher Fälle gegeben hat. Man …“ Sie zögerte, kämpfte mit sich und setzte dann neu an: „ Wir haben sie damals in ein provisorisches Lager gepfercht und uns darauf beschränkt, regelmäßig Bilder der Gefangenen zu veröffentlichen. Es gab andere Prioritäten, damals.“ Sie drehte sich zu Gabriel um, der bisher geschwiegen hatte. „Hätte er nicht längst freigelassen werden müssen, spätestens seit der Vertragsschließung?“

Sie bekam nicht sofort eine Antwort. „Ehrlich gesagt: nein.“ Gabriel fühlte sich sichtlich unwohl. „Keine der Parteien wollte sich Vorwürfen aussetzen, falls von den Freigelassenen irgendeine Gefahr ausging. Deshalb wurde die ursprünglich geplante allgemeine Amnestie im endgültigen Vertragstext verworfen. Stattdessen wird jeder Einzelfall geprüft.“  Seine Stimme wurde noch leiser. „Und sie haben vereinbart, die himmlischen Inhaftierten vorrangig zu prüfen.“ Bee war empört. „Wenn es das ist, was von der vorurteilsfreien Kohabitation übrig geblieben ist, die man uns versprochen hatte, dann sehe ich die Proteste und die Unruhen schon vor mir. Und ich habe Verständnis für den Frust!“ Crowley legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Lasst uns den Ärger auf ein andermal verschieben, ok? Kannst du rausfinden, ob dieser Dämon noch irgendwo inhaftiert ist?“ Er hielt Gabriel einen Zettel hin, auf den der Name von Arwens Vater in Muriels schöner Handschrift notiert war. „Ich bringe eine Anfrage auf den Weg“, versprach Gabriel. „Geht ihr ruhig schon rüber, ich mache es jetzt gleich und komme nach.“ Er hielt Crowley, der sich schon zum Gehen gewendet hatte, an der Schulter fest. „Das kann aber ein paar Tage dauern.“ Der Dämon nickte. „Ich habe niemandem gesagt, dass ich herkomme.“ „Gut“, sagte Gabriel erleichtert. „Dann bis gleich.“

Bis Crowley nach einer großen, aber sehr schnellen Runde mit Hexe im Café eintraf, war Gabriel gerade dabei, Stühle an die in Gruppen arrangierten Tische zu stellen. Der Dämon half ihm dabei und bekam im Vorbeigehen zugeflüstert: „Anfrage ist oben und unten platziert. Ich lass’ es dich wissen, sobald ich etwas höre.“ Die übrigen Helfer kamen gerade aus der Küche, wo alles vorbereitet war. Alle gemeinsam verteilten schließlich noch Geschirr und Besteck auf die Tische. Crowley kehrte mit Hexe in die Buchhandlung zurück, die anderen blieben gleich dort und vervollständigten die Dekoration, als er sich verabschiedete.