(Immer noch) Tag 8, Samstag
(Immer noch) Tag 8, Samstag
„Crowley, wir kommen noch zu spät! Was machst Du noch?“ Erziraphael stand am Fuß der Wendeltreppe und horchte. Er bekam keine Antwort. „Crowley?“ Immer noch Stille. „Hexe!“ Die Wolfshündin erschien am oberen Geländer, drehte sich aber sofort wieder um und verschwand im Schlafzimmer. Seufzend stieg der Engel die Treppe hinauf. „Crowley, sie warten bestimmt schon auf uns.“ Der Dämon saß auf dem Bett und starrte auf seine Hände, in denen er den Mietvertrag für Muriel hielt. Er drehte die gesiegelte Rolle unruhig hin und her. Die Hündin stand vor ihm, den Kopf auf seinen Knien und versuchte offenbar, ihn aufzumuntern. „Oh, Crowley!“ Erziraphael setzte sich zu ihm. „Machst du dir solche Sorgen, sie könnte ablehnen?“ Der Dämon nickte. „Vielleicht gebe ich ihn ihr doch lieber, wenn wir mit ihr allein sind, was meinst du?“ Er sah ihn unsicher an. „Dann mache ich mich wenigstens nicht vor versammelter Mannschaft lächerlich.“ Der Engel nahm ihm das Dokument vorsichtig aus der Hand und legte es neben sich auf die Bettdecke. „Warum sollte sie es ablehnen? Wir waren uns doch sicher, dass sie gerne in unserer, vor allem in deiner Nähe bleiben will.“ Crowley schien nicht mehr überzeugt. „Sie will aber auch ihr Leben selbst in der Hand haben.“ „Das hat sie doch. Komm jetzt, bring es hinter dich. Und selbst, wenn sie ablehnt, wird sie dafür einen guten Grund haben, den deine Freunde verstehen. Sonst bekommt es doch niemand mit.“ „Wenn du wüsstest!“, dachte Crowley. Trotzdem nickte er. „Ok, dann auf in den Kampf.“
Hexe erwartete sie schon an der Ladentür. Erziraphael schaute zum Café hinüber. „Dort ist ja alles dunkel. Haben wir uns im Tag geirrt?“ Crowley ging unbeirrt weiter. „Sicher nicht. Komm schon.“ Er überquerte die Straße, ohne auf Erziraphael zu warten, und folgte der Hündin eilig bis zur Tür des Cafés. Er hielt sie weit auf, bis der Engel sie eingeholt hatte. „Nach dir, Engel!“ Erziraphael trat zögernd in das dunkle Café, versuchte, etwas zu erkennen. In dem Moment flammten alle Lichter auf und er schloss geblendet die Augen. Er öffnete sie sofort wieder, als ein ganzer Chor von Stimmen rief: „Überraschung! Herzlich willkommen zuhause!“ Aus dem kleinen Hinterzimmer und der Küche strömten jetzt Menschen in den Gastraum und umringten ihn. Er sah sich zu Crowley um, aber der stand immer noch mit Hexe an der Eingangstür und schien nicht im Geringsten überrascht. Er lächelte ihm über die Köpfe hinweg zu, blieb aber stehen, wo er war. Erziraphael hätte ihn jetzt gerne direkt neben sich gehabt und sah ihn flehend an, aber da wurde er schon von den ersten Gästen umarmt, andere klopften ihm auf die Schulter oder hielten ihm die Hand zur Begrüßung hin. Jetzt stand Muriel vor ihm und umarmte ihn fest und herzlich. „Ich freue mich wirklich, dass du wieder zuhause bist, Ex-Erzengel“, sagte sie laut, um dann in sein Ohr zu flüstern: „Lächeln, Erziraphael, das ist deine Begrüßungsparty!“
Er brauchte einen Moment, bis der erste Schreck überwunden war und er tatsächlich wahrnahm, wer da jeweils vor ihm stand. Gerade jetzt war es Nina, die ihn freundschaftlich in den Arm nahm und leise sagte: „Ich wollte es ihnen ausreden. Ich habe geahnt, dass solche Überfälle nicht so dein Fall sind. Ich würde es hassen!“ Die nächste war Bee. „Du schlägst dich tapfer, Botschafter.“ Sie lächelte. „Ich vermute, Gabriel an deiner Stelle hätte sich in der Tür umgedreht und uns allein feiern lassen.“ „Da vermutest du richtig. Aber es ist beeindruckend, wer sich dir zu Ehren alles auf den Weg gemacht hat, Erziraphael.“ Erst jetzt sah sich der Engel bewusst im Café um und nahm in der Menge Gesichter war. Die ersten Hände, die er - noch völlig perplex und wie in Trance - geschüttelt hatte, gehörten offenbar zu einigen Ladeninhabern aus der Wickber Street, die nun schon entspannt plaudernd an einer der Tafeln saßen. Während er zu ihnen hinübersah, trat jemand hinter ihn. Er musste sich nicht umdrehen, er spürte, wer es war. „Brauchst du ein bisschen moralische Unterstützung?“ Schon der Klang von Crowleys Stimme ließ ihn ruhiger werden, sein warmer Körper in seinem Rücken war wie ein Schutzschild. „Unbedingt!“ Maggie beschränkte sich auf eine Umarmung und ein ermutigendes Lächeln. „Ihr habt mich unter Vortäuschung falscher Tatsachen hierher gelockt“, sagte er vorwurfsvoll. „Das traust du uns doch wohl nicht wirklich zu?“ Maggie schüttelte den Kopf. „Nina wird heute alles servieren, was sie für eine Erweiterung ihrer Speisekarte in Erwägung zieht.“ Sie zeigte in die Runde. „Und sie wird alle um eine Bewertung bitten. Auf die Weise bekommt sie doch viel mehr Rückmeldungen.“ Sie machte den nächsten Gästen Platz.
„Umael, Berechiel, welche Ehre!“ Die beiden hochrangigen Engel deuteten eine Verbeugung an, dann fasste Berechiel ihn an den Schultern und lächelte ihn freundschaftlich an. „Wir sind geehrt, dass wir eingeladen wurden. Wir hatten noch nicht viele Gelegenheiten für Ausflüge auf die Erde.“ Umael trat näher heran und schob den Rechtsgelehrten zur Seite. „Er ist immer so förmlich, sieh es ihm nach. Lass dich umarmen, Erzengel!“ Er zog ihn an sich, dann fasste aber auch er nach seinen Schultern, schob ihn ein Stück von sich und schaute ihn prüfend an. „Du weißt, dass dir jederzeit der Weg zurück in den diplomatischen Dienst offen steht, oder? Nur, falls es auf der Erde nicht so sein sollte, wie du erwartet hast.“ Erziraphael schüttelte energisch den Kopf. „Dieses Kapitel ist für mich abgeschlossen, Umael. Ich kehre keinesfalls in den Himmel zurück, jedenfalls nicht für länger als für einen kleinen Besuch bei hochgeschätzten Weggefährten.“ Er sah auf, als eine unverwechselbare Frauenstimme erklang: „Der Himmel ist auch nur eine der Optionen, Mr. Fell. Sie wissen, dass ich Sie nur zu gern für uns gewinnen würde. Die Vereinten Nationen brauchen in diesen bewegten Zeiten Männer Ihres Schlags.“ Es war die UN-Generalsekretärin, die ihn nun verschwörerisch ansah. „Madame, in den hinter uns liegenden Verhandlungen habe ich Ihre Unnachgiebigkeit zu schätzen gelernt, aber an mir werden Sie sich die Zähne ausbeißen. Mein Platz ist hier.“ Sie zog einen Schmollmund. „Ich hoffe, Sie sehen mir nach, dass ich noch einen Vorstoß unternommen habe. Dann lassen Sie uns aber später wenigstens über eine gelegentliche Beratertätigkeit sprechen.“ Sie folgte den himmlischen Diplomaten an einen Tisch, ihre Laune schien durch die Abfuhr nicht getrübt worden zu sein. Erziraphael sah ihr schmunzelnd nach, bevor er sich dem nächsten Gast zuwandte.
„Ich hatte ihr prophezeit, dass ihre Avancen erfolglos sein werden.“ „Sariel!!“ Erziraphael nahm seinen früheren Assistenten an beiden Händen. „Ich habe mich schon gefragt, warum ich dich die ganze Woche noch nicht gesehen habe. Warst du nicht in London?“ Sariel entzog ihm sachte seine Hände. „Teils, teils. Ich habe den Aufenthalt der Gäste von oben organisiert, sie abgeholt und begleitet. Und ich befürchtete, die Überraschung zu verraten, wenn wir uns begegnen.“ Er zuckte unbeholfen mit den Schultern und errötete leicht. „Ich bin nach wie vor sehr schlecht im Lügen, auch wenn Lord Beelzebub meinte, das sei allenfalls ein Bluff.“ „Da hat sie wohl recht“, räumte Erziraphael ein. „Warum nennst du sie immer noch so? Ich glaube nicht, dass sie auf ihren Titel noch Wert legt.“ Sariel zögerte mit der Antwort. „Genau genommen hat sie mir unter Androhung von Gewalt untersagt, sie noch so zu nennen. Aber Vertraulichkeit mit, mit …“ Verzweifelt sah er über die Schulter des Engels zu Crowley. Jetzt war sein Gesicht feuerrot. Crowley erlöste ihn. „Vertraulichkeiten mit der ehemals anderen Seite fallen ihm noch schwer. Aber er gibt sich alle Mühe.“ Sein Tonfall war vollkommen sachlich, es ließ sich weder Spott noch ein Vorwurf heraushören. Sariel warf ihm einen Blick zu, der genauso viel Scham wie Dankbarkeit enthielt. Erziraphael grinste unwillkürlich. „Ich nehme an, Bee lässt dich ganz schön zappeln. Nimm es ihr nicht übel, Sariel, gönn ihr den Spaß. Sie ist eine von den Guten. Sie ist es wert, dass du dir Mühe gibst.“ „Ich weiß, Muriel und Crowley sagen mir das auch immer“, murmelte er, während er sich abwandte und den anderen an die Tische folgte.
„Erziraphael, wir wollen uns unbedingt noch einmal richtig bei dir bedanken!“ Victoria fiel ihm um den Hals. „Die neue Wohnung ist wirklich toll, wir werden uns dort im Nu zuhause fühlen. Wir sind so froh, dass wir das Viertel nicht verlassen müssen.“ Ihr Freund trat neben sie, er hatte einen Karton Wein auf dem Arm. „Mr. Crowley hat uns beraten, er sagte, mit diesem Wein könnten wir Ihnen eine Freude machen.“ Er stellte einen Karton Chateau-Neuf-Du-Pape neben ihm auf den Boden. „Da Vicky mich scheinbar nicht vorstellen will: Ich bin Liam. Sobald wir fertig eingerichtet sind, müssen Sie uns unbedingt besuchen kommen. Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar, dass Sie es uns so leicht gemacht haben.“ Er drückte Erziraphael überschwänglich die Hand und hielt sie dann auch Crowley hin. „Sie kommen hoffentlich mit, Mr. Crowley.“ Er folgte Victoria und gab den Blick auf Muriel frei, die hinter ihm gestanden hatte. Sie sah ihm ungläubig nach und fragte dann vorwurfsvoll: „Ihr wusstet etwas von einer freien Wohnung?“ Die Männer sahen sich hilflos an, davon hatte Muriel nichts erfahren sollen, solange sie ihren eigenen Mietvertrag nicht in den Händen hatte. Das war mehr als unglücklich gelaufen. „Wir erklären es dir nachher, ja?“ Crowley legte ihr versöhnlich eine Hand auf den Arm, aber sie schüttelte ihn ab. „Ich wollte dir einen Ehrengast ankündigen, Erzengel“, sagte sie tonlos. „Er hat sich leicht verspätet.“ Sie zeigte zur Tür und Erziraphaels Blick folgte ihrem ausgestreckten Arm. Dort stand - etwas verloren wirkend - eine vertraute Gestalt in legerer Kleidung, die langen dunklen Haare zu einem losen Zopf gebunden, und Erziraphael ging ihm strahlend entgegen. Crowley versuchte, Muriel zu besänftigen, aber sie ließ ihn einfach stehen. Daraufhin folgte er Erziraphael, der den Nachzügler bereits herzlich begrüßt hatte. „Crowley!“ Ein strahlendes Lächeln, dann eine feste Umarmung. „Ich freue mich so, dich zu sehen. Ich hoffe, du hast in den nächsten Tagen etwas Zeit für die ein oder andere Unterhaltung? Hat Azi dir ausgerichtet, wie gern ich in den letzten Monaten deinen Rat gehört hätte?“ Dem Dämon war die überschwängliche Begrüßung fast peinlich, aber seine Freude über das Wiedersehen behielt die Oberhand. „Jesus! Wie schön, dass du kommen konntest! Ich hatte nicht wirklich daran geglaubt. Wen musste Sariel dafür bestechen?“ Der Gottessohn lachte. „Ob du es glaubst oder nicht: Mein Machtwort hat gereicht. Ich habe mir zwei Wochen Urlaub genommen und du würdest mir eine riesige Freude machen, wenn du mir in dieser Zeit gelegentlich als Fremdenführer zur Seite stehen könntest.“ Crowley fehlten die Worte, er nickte nur. Erziraphael nahm ihn und Jesus an die Hand und zog sie mit zu einem Tisch, an dem bereits Arwen, Bee und Gabriel saßen, und an dem offensichtlich für sie Plätze freigehalten worden waren.
Während sie sich setzten, erklang eine kleine Messingglocke. Nina stand neben der Theke und wartete, bis Ruhe eingekehrt war.
„Lieber Erziraphael, stellvertretend für all deine Freunde, Bekannten, Kollegen und Nachbarn darf ich dich - mit einer Woche Verspätung - ganz herzlich zuhause willkommen heißen. Wir alle freuen uns, dass du zurück bist, zurück auf der Erde, zurück in London, zurück in deiner Buchhandlung. Muriel und Crowley haben diese Willkommensparty organisiert und ich freue mich sehr, dass Maggie und ich sie hier in unserem Café ausrichten dürfen. Wir alle werden heute noch viel Gelegenheit zu Gesprächen haben und ich denke, wir lassen den Rückkehrer auch nicht ohne eine Ansprache davonkommen, aber zuerst gibt es Essen. Wir bitten euch und Sie alle um einen kleinen Gefallen: Die Gerichte, die wir heute servieren, sind ausnahmslos Kandidaten für die kleine Speisekarte, die wir hier künftig anbieten möchten. Ihre Rückmeldung soll uns helfen, aus diesen Kandidaten die Sieger auszuwählen, mit denen wir unser Angebot erweitern werden. Bitte füllen Sie dazu einfach die Kärtchen aus, die sie alle auf Ihrem Tisch vorfinden. Und jetzt wünsche ich allen einen guten Appetit!“
Nina trat einen Schritt zur Seite und machte Maggie, Muriel und den Servicekräften des Cafés Platz, die schon bereit gestanden hatten und nun mit Brotkörben und kleinen Schälchen ausschwärmten und sie auf alle Tische verteilten. Die folgenden anderthalb Stunden vergingen wie im Flug. An allen Tischen wurden die angeregten Gespräche nur durch das Eintreffen immer neuer Leckereien unterbrochen, drehten sich dann kurz um das jeweilige Gericht, um bis zum nächsten Gang wieder zu anderen Themen zurückzukehren. Die Atmosphäre war gelöst, gelegentlich traf ein freundlich neugieriger Blick die nicht im Viertel wohnhaften Gäste und die Kärtchen füllten sich mit Notizen. Crowley und Erziraphael sahen sich vergeblich nach Muriel um, die sich nicht zu ihnen setzte, sondern nur aus der Küche auftauchte, wenn sie beim Servieren half. Dabei machte sie jedes Mal einen Bogen um ihren Tisch und sah auch nicht zu ihnen hinüber. Dann erklang erneut die kleine Glocke und Nina ergriff noch einmal das Wort. „Die Küche braucht jetzt eine kurze Pause, bevor es mit den Desserts weitergeht. Da ich zufällig weiß, dass einige der Anwesenden darauf warten, eine kürzere oder längere Rede zu halten, wäre das jetzt der perfekte Zeitpunkt. Der Nachschub an Getränken ist in der Zwischenzeit natürlich sichergestellt.“
Crowley hatte seinen Stuhl bereits nach hinten geschoben, um mit Hexe eine kurze Runde draußen zu drehen und möglichst auch Muriel irgendwo abzufangen, aber Bee beugte sich zu ihm herüber und flüsterte: „Hiergeblieben. Niemand verlässt den Tisch!“ Sie zwinkerte ihm fröhlich zu, schlug vorsichtig mit ihrem Dessertlöffel an ihr Glas und stand auf, als alle sich nach der Quelle des Geräuschs umsahen.
„Ich bin eine derjenigen, die laut Nina darauf warten, etwas sagen zu dürfen. Etwas treffender wäre es zu sagen, dass ich darauf warte, das hier hinter mich zu bringen.“ Sie zog eine Grimasse und an allen Tischen wurde gelacht. „Lieber Erziraphael, deine Freunde und Mitbewohner haben mich dazu ausersehen, in unser aller Namen ein paar freundliche Worte über dich zu sagen. Übrigens haben wir es nicht etwa versäumt, diese kleine Feier früher zu organisieren. Es war pure Absicht. Wir dachten, wir warten erstmal ab, wie du dich in den ersten Tagen anstellst und ob wir dich wirklich behalten wollen.“ Die Gäste lachten herzlich und an seinem Tisch wurde der Engel liebevoll aufgezogen, bis Bee erneut das Glas zum Klingen und die Gäste damit zum Schweigen brachte. „Wir kennen uns schon sehr lange und du wirst nicht widersprechen, wenn ich sage, dass noch vor einem guten Jahr niemand auf die Idee gekommen wäre, dass ausgerechnet ich einmal ausgerechnet auf dich einen Toast ausbringen würde. Aber seitdem ist viel geschehen. Die Welt hat sich verändert und auch wir haben uns geändert. Dabei mussten viele von uns einsehen, dass ihre Sicht auf die Welt, auf Himmel, Erde und Hölle, einseitig und von Vorurteilen geprägt war. Ich musste mir beispielsweise eingestehen, dass ich mich die längste Zeit meines Lebens in dir getäuscht habe, und das gründlich. Heute bin ich die Freundin deiner Freunde und hoffe, dass ich auch deine Freundin sein kann, wenn du erstmal eine Weile wieder hier bist. Soweit es mich betrifft, darf ich sagen, dass ich in meinem Leben nur wenigen Personen begegnet bin, die ich so hoch achte wie dich, und denen ich so blind vertraue, wie ich dir inzwischen vertraue. Die wenigen anderen, auf die das ebenso zutrifft, sind übrigens fast alle hier im Raum.“ Sie schaute mit einem warmen Lächeln um sich herum und kämpfte mit ihrer Rührung. Sie griff nach Gabriels Hand und ließ sie auch nicht los, als sie nach einem Räuspern weitersprach. „Für Gabriel und mich ist diese Straße und seid ihr alle hier zu unserer Heimat geworden. Deine Buchhandlung ist der Ort, an dem der Grundstein dafür gelegt wurde. Der Laden, das Haus atmen deinen Geist. Du bist etwas ganz Besonderes, weil du nicht mehr fragst, woher jemand kommt oder was er ist. Du bewertest das Herz, nicht die Herkunft, und du hilfst, wenn jemand Hilfe braucht. Das können wir alle von dir lernen und dafür danken wir dir. Und jetzt, Nina, brauche ich bitte einen Schnaps. Am besten gleich einen doppelten.“ Sie ließ sich erleichtert auf ihren Stuhl plumpsen und sah sich unsicher am Tisch um. „Zuviel Pathos?“ Gabriel legte ihr eine Hand auf den Oberschenkel. „Ziemlich viel Pathos. Aber manchmal braucht es das einfach.“ An den anderen Tischen wurde gelacht und applaudiert.
In der Küche hatte Nina währenddessen Muriel zur Rede gestellt. „Darf ich erfahren, warum du dich hier versteckst? Warum sitzt du nicht mit an dem Tisch, an den du gehörst?“ Muriel sah sie nicht an. „Ich habe nur geglaubt, dass ich dorthin gehöre. Ich habe mich getäuscht.“ Nina sah sie erstaunt an. „Ich habe keine Ahnung, welche Laus dir über die Leber gelaufen ist. Und ausgerechnet heute habe ich auch keine Zeit, dich danach zu fragen. Aber eins sage ich dir: Wenn du nicht innerhalb von einer Minute da draußen bei Erziraphael und Crowley sitzt, lernst du mich von einer ganz neuen Seite kennen. Raus jetzt!“ Muriel wollte protestieren und sah bittend zu Maggie, aber auch die schüttelte den Kopf. „Nina hat recht. Das ist Erziraphaels Tag und den wirst du nicht ruinieren. Und deine Freundin Arwen überlässt du auch sich selbst. Dabei wolltest du diese Party doch unbedingt. Wir können über alles reden, aber morgen!“
Sie sahen dem Engel nach, der mit hängenden Schultern in den Gastraum ging und sich mit einem gezwungenen Lächeln an den Tisch der Freunde setzte. Alle sahen sie fragend an, aber nur Gabriel setzte sich über ihre abweisende Miene hinweg und fragte betont fröhlich: „Hast du wenigstens auch was vom Essen abbekommen oder musstet ihr es nur schleppen?“ „Ich habe in der Küche gegessen.“ Muriel log so schlecht, dass selbst Gabriel es sofort merkte. „Ist etwas passiert?“, fragte er besorgt. Zu Muriels Glück klingelte wieder die Glocke und sie konnte der Frage ausweichen. „Lass uns Nina zuhören“, sagte sie und wandte allen den Rücken zu.
Nina hatte sich an die Theke gelehnt und schien gelassener zu sein, als Bee es zu Beginn ihrer Ansprache gewesen war. Sie nahm sich die Zeit, den Blick über die versammelten Gäste schweifen zu lassen. Einigen sah sie direkt ins Gesicht und schenkte ihnen ein herzliches Lächeln, nur als sie in Muriels abweisendes Gesicht sah, runzelte sie kurz die Stirn. Was war da, verdammt nochmal, los? Sie riss sich zusammen und lenkte ihren Blick bewusst zu der Hauptperson dieses Festes.
„Lieber Erziraphael, vielleicht sollte ich dich vorwarnen: Ich spreche jetzt als Vertreterin der Händlervereinigung der Wickber Street und du ahnst womöglich schon, dass unser Lob nicht ganz so überschwänglich ausfallen wird, wie das von Bee.“ Der Angesprochene lachte und winkte den Ladenbesitzern und Gastronomen an ihren Tischen freundlich zu. „Fangen wir damit an, dass viele von uns sich lange gefragt haben, welche krummen Geschäfte du im Schutz deiner Buchhandlung eigentlich machst.“ Sie registrierte, dass einige Gäste Erziraphael erschrocken ansahen. Offenbar befürchteten sie, Ninas unverfrorener Einstieg könnte ihn aus der Fassung bringen. Crowley aber pfiff anerkennend durch die Zähne und rief: „Eine äußerst berechtigte Frage!“ Daraufhin wurde überall befreit gelacht. „Ja“, setzte Nina nach. „Umso mehr, seit der angebliche Laden auch noch von einem zwielichtigen Kerl in Schwarz und einem Höllenhund bewacht wird.“ Erneut folgten einige unbehagliche Blicke. Ging Nina damit nicht doch zu weit? Sariels schreckgeweitete Augen sagten ihr, dass sie den Bogen nicht viel weiter spannen sollte. Aber da rief Erziraphael ihr sichtlich gut gelaunt zu: „Sprich nicht so von Hexe! Ich habe sie adoptiert und dulde nicht, dass du schlecht von ihr redest!“ Wieder gab es Lacher. Die Hündin reagierte auf ihren Namen und stand nun schwanzwedelnd zwischen den Tischen. Auf ein fast unmerkliches Zeichen hin setzte sie sich wieder neben Crowley, wofür er sie mit einem Stück Hundekeks belohnte, und rieb den Kopf an seinem Knie. „Und was den zwielichtigen Kerl angeht, fände ich es als Leser und Liebhaber von Literatur der Romantik viel angemessener, ihn ‚geheimnisumwittert‘ zu nennen.“ Die trockene Schlagfertigkeit des Engels erstaunte selbst Nina, aber so machte ihr die Sache eindeutig noch mehr Spaß. „Es bleibt mehr als verdächtig, wenn in einer angeblichen Buchhandlung nie ein Buch verkauft wird. Wir hatten Wetten laufen, womit du in Wahrheit handelst.“ Sie grinste ihn frech an. „Ich persönlich habe übrigens immer Kunst-Schmuggel für die wahrscheinlichste Betätigung gehalten. Aber vor einigen Tagen habe ich erfahren, dass du ein skrupelloser Immobilien-Hai bist.“ Weiter hinten im Café rief es zweistimmig: „Kein Wort davon ist wahr!“ Es waren Victoria und Liam, die da entrüstet protestierten.
„Also gut“, räumte Nina lächelnd ein. „Inzwischen hast du ja mit dieser talentierten jungen Buchhändlerin hier ein glaubwürdigeres Geschäftsmodell gefunden. Und wer Crowley einmal beim Vorlesen zuhören durfte, wird im Zusammenhang mit ihm nie wieder Worte wie ‚zwielichtig‘ oder ‚geheimnisumwittert‘ in den Mund nehmen.“ An dieser Stelle wurde zum ersten Mal applaudiert. „Was bleibt also übrig von dem schrulligen und leicht exzentrischen Nicht-Buch-Händler, als den dich die Mitglieder der Händlervereinigung jahrelang kannten? Nicht viel, fürchte ich.“ Von einem der hinteren Tische rief jemand: „Die Klamotten!“, und diesmal lachten alle. „Da hörst du es: Wenn du eines Tages anfangen solltest, in Jeans und Pullover herumzulaufen, wird nichts von dem schönen Zerrbild übrig bleiben, das wir all die Jahre sorgfältig von dir gepflegt haben, nur noch ein netter Nachbar, der gutes Essen, alten Wein und alte Bücher liebt und es gut mit den Menschen meint.“ Sie wurde durch warmen und langanhaltenden Applaus unterbrochen. Erziraphael war ein rosiger Schimmer ins Gesicht gestiegen und er versuchte vergeblich, seine Rührung zu überspielen. Dankbar spürte er Crowleys Hand auf seinem Rücken. Er hatte das Gefühl, etwas erwidern zu müssen, fühlte sich aber nicht dazu imstande. Als Nina weitersprach, war er erleichtert.
„Ich möchte noch ein paar Sätze anfügen, die nichts mit meinem Café und der Händlervereinigung zu tun haben, nur mit Maggie und mir.“ Sie griff nach der Hand ihrer Freundin, bevor sie fortfuhr. „Ihr zwei habt versucht, euch in unser Leben einzumischen, als wir euch noch nicht näher kannten, und das hat uns damals nicht gepasst. Danach haben wir dasselbe mit eurem Leben versucht und damit womöglich einiges Unheil angerichtet. Aber wenn ich uns vier heute so ansehe, haben wir schließlich alle Recht behalten, oder?“ Sie lächelte Maggie an und sah, wie auch Erziraphael und Crowley sich zulächelten. „Maggie und ich hatten das Privileg, dich in den letzten Monaten auch in einer anderen Rolle zu erleben, und euch alle“, sie zeigte auf die beiden Tische, an denen die Freunde und die Fremden saßen, „in einem ganz anderen Kontext kennenzulernen. Deshalb weiß ich sehr genau, warum Bee euch vorhin so gelobt hat, und ich schließe mich ihrem Urteil voll und ganz an. Lieber Erziraphael, du bist ein wahrer Engel! Maggie und ich würden dir vorbehaltlos – ein weiteres Mal - unser Leben anvertrauen; das gilt übrigens für jeden Einzelnen, der mit dir am Tisch sitzt. Wir sind glücklich, dass wir euch kennen dürfen, und wir sind dankbar, dass wir alle heute wohlbehalten hier zusammensitzen und feiern dürfen. Willkommen zuhause!“
Am Ende Ihrer Ansprache hatte auch sie Tränen in den Augen. Natürlich hatten Ninas Worte die Neugier der Nachbarn und Bekannten geweckt. Aber auch all die, die nicht wussten, wovon sie zum Schluss gesprochen hatte, fühlten die Aufrichtigkeit und das Gewicht ihrer Worte und wurden von der allgemeinen Rührung angesteckt. Es blieb still im Raum. Erst Gabriel beendete die feierliche Stille: „Ich nehme alles zurück, Bee. Im Vergleich zu Ninas Rede war deine völlig frei von Pathos!“ Die Menschen im Raum lachten, dankbar für die freundliche Frotzelei, die dem Augenblick die Schwere nahm. Als dann auch noch Crowley rief: „Maggie, ich glaube, deine Freundin braucht jetzt einen Doppelten! Wir anderen übrigens auch!“, fanden schließlich alle zu der vorherigen Fröhlichkeit zurück und jubelten, als Maggie ankündigte: „Und dazu geht es mit den süßen Sachen weiter!“
Muriel hatte Ninas Ansprache sehr genau zugehört und je länger die Freundin sprach, umso schlechter fühlte sie sich. All das war wahr. Erziraphael hatte Verantwortung übernommen, nicht nur für sich und Crowley, sondern für die ganze Welt, und hatte maßgeblich dazu beigetragen, dass sie alle noch am Leben waren, dass die Welt, die sie kannten, noch existierte. Wie kleinlich war es von ihr, wegen einer Wohnung beleidigt zu sein, und nur an ihren persönlichen Vorteil zu denken! Bevor das schlechte Gewissen sie lähmen konnte, sprang sie auf, lächelte ihre Freunde an und machte sich auf den Weg in die Küche. Im Gehen sagte sie: „Ich passe auf, dass für uns genug abfällt!“ Erleichtert drehte Erziraphael sich zu Crowley um und griff nach seiner Hand. Der Dämon nickte. Was auch immer den Ausschlag gegeben hatte, - Muriel war wieder die Alte.
***
Während das Küchenteam nacheinander Crème caramel, exotischen Fruchtsalat und als Höhepunkt und zu Erziraphaels Entzücken Crêpes Suzette servierte und die Espresso-Maschine heiß lief, fanden die Tischgespräche wieder zu eher alltäglichen Themen zurück. Nur der Ex-Erzengel selbst war auffallend ruhig. „Was beschäftigt dich?“ Crowley hatte es so leise gefragt, dass niemand sonst es hören konnte. „Doch hoffentlich nicht die Stellenangebote von Himmel und UN?“ „Was? Um Himmels Willen, nein!“ Erziraphael musste lachen. Seine Reaktion kam so prompt, dass Crowley beruhigt war. „Was dann?“ Der Engel schüttelte den Kopf. „Ich frage mich nur, was ich auf diese Lobeshymnen antworten soll. Ich komme doch um eine Erwiderung sicher nicht herum.“ „Sicher nicht“, stimmte Crowley zu. „Aber seit wann bist du um ein paar verbindliche Worte verlegen? Bleib einfach bei dem, was dich heute Abend bewegt. Du willst doch bestimmt nicht von Himmel und Hölle anfangen, oder?“ Erziraphael ließ die Worte auf sich wirken und plötzlich schien es wirklich so einfach zu sein, wie Crowley gesagt hatte. Er streckte seine Hand aus und der Dämon griff danach, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Nur ein kurzes Flackern in seinen Bernsteinaugen verriet, wie neu sich das alles auch für ihn noch anfühlte.
Als kurz darauf Gabriel fragte: „Bin ich eigentlich der Einzige, der hier noch auf eine Rede wartet?“ und daraufhin Victoria „Reden, reden, reden!“ rief, bis fast alle Gäste einstimmten, zierte Erziraphael sich nicht lange. Er stand auf und sah sich im Raum um, bevor er zu sprechen begann, sah den Menschen, Engeln und Dämonen ins Gesicht, die hier friedlich zusammensaßen, und wusste genau, was er sagen wollte, was ihn heute bewegte. „Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Nachbarn und liebe Weggefährten, ich bin überwältigt von diesem Abend, von der wunderbaren Stimmung und den vielen netten Worten. Bis gestern hätte ich wahrscheinlich behauptet, dass ich Überraschungen nicht besonders mag.“ Er wartete ab, bis die vereinzelten Lacher und in den Raum gerufenen Kommentare verklungen waren. „Heute weiß ich es besser. Heute bin ich dankbar für die Freundschaft, die Zuneigung und den Respekt, die ich erfahren darf. Ich bin dankbar dafür, dass wir friedlich und unbeschwert zusammen feiern können, und es rührt mich zutiefst, dass ihr diese Feier für mich organisiert habt und dass ihr alle gekommen seid.
Liebe Muriel, man hat dich ins kalte Wasser geworfen, als man dir meine Buchhandlung für die Zeit meiner Abwesenheit anvertraut hat. Du hast dich bravourös geschlagen und ich bin wirklich sehr froh, dass du keines meiner Bücher verkauft hast.“ Diesmal lachten fast alle. „Ich bewundere dich dafür, was du hier geschaffen hast. Damit meine ich nicht nur, dass du eine florierende Kinderbuchhandlung quasi aus dem Nichts aufgebaut hast. Ich spreche vor allem davon, dass du das Haus zu einem Zuhause gemacht hast, nicht nur für dich selbst, sondern auch für alle, die unter seinem Dach Zuflucht gesucht und eine Heimat gefunden haben.“ Er bemerkte Muriels abwehrende Haltung und ließ sie nicht zu Wort kommen. „Ich weiß, dass du einwenden wirst, dass du Unterstützung hattest. Liebe Nina, liebe Maggie, nur dank euch konnte Muriel sich hier so schnell zurecht finden und heimisch werden. Ich weiß das zu schätzen und weiß, wie eng sie sich euch verbunden fühlt. Aber, Muriel, es sind deine Warmherzigkeit, dein Mitgefühl und dein durch und durch liebenswertes Wesen, die dir die Türen und die Herzen der Menschen öffnen.“ Nina und Maggie waren die ersten, die an dieser Stelle applaudierten, aber ausnahmslos alle Gäste stimmten mit ein. Entspannt lächelnd schwieg Erziraphael, bis wieder Ruhe eingekehrt war. „Dir habe ich es auch zu verdanken, dass ich bei meiner Rückkehr Crowley noch hier angetroffen habe, ohne den mein Leben so viel ärmer wäre. Schon allein deswegen kannst du dir meiner Dankbarkeit und meiner Freundschaft für alle Zukunft völlig sicher sein.“ Er sammelte sich kurz, bevor er weitersprach. Trotzdem war die Aufmerksamkeit aller voll und ganz auf ihn gerichtet.
„Fast alle heute Anwesenden kenne ich schon lange, manche von euch im wahrsten Sinne des Wortes seit einer halben Ewigkeit. Bee und Nina haben recht deutlich gemacht, dass wir keineswegs alle schon immer Freunde waren. Ehrlich gesagt, waren einige von uns für den größten Teil unserer gemeinsamen Geschichte das genaue Gegenteil, oder hätten es zumindest sein müssen. Von Bee habe ich aber gelernt, dass es Wichtigeres im Leben gibt, als sich für eine Seite zu entscheiden. Ich wünsche mir, dass wir alle das begreifen und auch danach handeln. Fast jedem hier habe ich sehr viel zu verdanken. Ich erspare es euch, mich für alles einzeln und vor allem für alles jetzt zu bedanken. Lasst mich zum Abschluss nur noch Folgendes sagen: Dieses Wichtigere, beziehungsweise das einzig wirklich Wichtige in meinem Leben, das sind die Personen in diesem Raum, insbesondere diejenigen, die hier mit mir am Tisch sitzen, und ganz besonders der Mann, der auf dem Platz neben mir sitzt. Mit diesen Freunden, mit diesem Mann an meiner Seite ist mir vor der Zukunft nicht Angst. Nicht einmal vor Überraschungs-Partys.“
Der letzte Satz nahm seiner Ansprache das Besinnliche und die Feierlichkeit. Herzlicher Applaus und freundliche Zurufe waren die Reaktion auf Erziraphaels Worte. Bevor er sich setzte, gab er schnell noch das Wort an Muriel weiter: „Zufällig weiß ich, dass ich nicht der Letzte war, der heute noch etwas loswerden möchte. Bevor wir alle zu betrunken sind, um aufmerksam zuzuhören, lassen wir noch Muriel und Crowley zu Wort kommen.“ Der Dämon hielt den Blick gesenkt und hatte die Sonnenbrille aufgesetzt, die bisher vor ihm auf dem Tisch gelegen hatte. „Musste das sein?“, brummelte er, kaum dass Erziraphael wieder neben ihm saß. „Ich habe nur die Wahrheit gesagt. Sollen sie dich lieber für meinen Bodyguard halten oder für meinen Geldeintreiber?“ Der Engel versuchte, die Augen hinter den dunklen Gläsern zu erkennen. „In der Rolle habe ich jedenfalls mehr Erfahrung.“ Sie verstummten, als Muriel neben ihnen zu sprechen begann. Jesus hatte ihre kurze Unterhaltung aufmerksam verfolgt. Womöglich war er nicht der Einzige, der einen freundschaftlichen Rat brauchte.
Muriel war so aufgeregt, dass sie nicht ruhig stehen bleiben konnte. Sie wippte auf den Zehen, als sie sprach. „Ich fasse mich ganz kurz, aber ich möchte, dass alle hören, was ich zu sagen habe. Liebe Nina, liebe Maggie, da, wo ich herkomme, hatte ich keine Freundinnen. Soweit ich weiß, hatte dort niemand Freundinnen oder Freunde. Ich hatte nie gelernt, wie man Freundschaften schließt. Ihr hättet die seltsame Fremde, die da plötzlich in eurer Straße lebte und die Buchhandlung nie verließ, einfach ignorieren können. Das habt ihr aber nicht. Ihr seid auf mich zugekommen, habt mir Hilfe angeboten und mich beschenkt, zuerst mit angemessener Kleidung und mit gutem Rat, und bald auch mit eurem Vertrauen und eurer Freundschaft. Ihr habt mir eure Welt erklärt und ich möchte schon sehr lange danke sagen. Heute ist die Gelegenheit dafür und ich hoffe, euch hiermit eine kleine Freude zu machen. Aufgeregt legte sie vor jeder der Frauen ein Päckchen in buntem Papier und mit einer schönen Schleife auf den Tisch. Sie wollte sich schon wieder setzen, aber Nina und Maggie waren aufgestanden und nahmen sie nacheinander in den Arm. Nur die mit ihnen am Tisch sitzenden Freunde hörten, was die beiden ihr sagten: „Ohne dich hätte deine Welt uns sicher furchtbar erschreckt. Eine bessere Botschafterin könnte der Himmel nicht haben.“
Crowley wäre am liebsten sofort aufgesprungen, um Muriel endlich den Mietvertrag in die Hand zu drücken und herauszufinden, wie sie reagieren würde, aber Erziraphael hielt ihn zurück. „Lass sie erst ihre Geschenke auspacken, vorher ist Muriel viel zu abgelenkt.“ Und tatsächlich, nachdem Nina den bunten Schal und Maggie die mit so viel Liebe ausgesuchte Brosche ausgepackt hatten und Muriel sich davon hatte überzeugen können, dass ihre Gaben gut angekommen waren, wandte sie sich ganz von selbst zu Crowley um und fragte: „Wolltest du nicht auch noch was sagen?“ Sein Nicken nahm sie zum Anlass, mit einem Löffel an ihr Glas zu schlagen und für ihn um Ruhe zu bitten.
Er nahm die Sonnenbrille nicht ab und seine Stimme zitterte leicht bei den ersten Worten. Vielleicht fiel das aber auch nur Erziraphael und Muriel auf. „Ich bin eigentlich kein Freund von großen Worten“, begann er zögernd. „Aber heute scheint es ohne große Worte nicht zu gehen.“ Er suchte Erziraphaels Blick und erst, als der ihm ermutigend zunickte, sprach er weiter. „Ich hatte nie eine Familie und darum auch keine Geschwister, deshalb fehlt mir der Vergleich. Ich stelle mir aber vor, dass es sich so anfühlen muss, eine Schwester zu haben, wie sich deine Freundschaft anfühlt, Muriel.“ Sie hatte offensichtlich nicht damit gerechnet, dass Crowley sich an sie richten würde, jedenfalls sah sie ihn überrascht an und wurde rot wie eine Tomate. Wieder suchte er Sicherheit bei Erziraphael und fand sie in seinem Lächeln. „Ich weiß, dass du eine eigene Wohnung suchst, und ich verstehe das sogar. Aber du bist meine, du bist unsere Familie und wir wünschen uns, dass du weiter ein Teil unseres Alltags bleibst.“ Erziraphael legte ihm den Mietvertrag so in die Hand, dass ihre Finger sich dabei berührten. Jetzt war er fast genauso nervös wie Crowley. „Deshalb hoffen wir, dass du dieses Angebot annimmst!“ Er reichte ihr das aufgerollte Dokument und sah sich hilflos um. „Mehr kann ich jetzt nicht sagen“, brachte er noch heraus und ließ sich dann auf seinen Stuhl fallen. Am liebsten hätte er sich unsichtbar gemacht und nicht zugesehen, wie Muriel staunend das Siegel betrachtete und es dann brach, wie sie das Blatt entrollte und las. Sie las konzentriert und sie schien es noch ein zweites Mal zu lesen, bevor sie ungläubig die beiden Männer neben ihr anstarrte. „Ist das euer Ernst?“ Ein synchrones, stummes Nicken war die einzige Antwort. Sie sah zwischen dem Blatt in ihrer Hand und Crowley hin und her. „Du willst wirklich, dass ich …, ich kann allen Ernstes bei euch …?“ Sie brachte keinen der angefangenen Sätze zu Ende. Erst als Nina ihr forsch das Blatt aus der Hand nahm und sagte: „Nun spannt uns doch nicht so auf die Folter!“, sprang Muriel auf und fiel Crowley so heftig um den Hals, dass sie ihn beinahe mit seinem Stuhl zu Fall gebracht hätte. Völlig aufgelöst küsste sie abwechselnd Crowley, Erziraphael, Nina und Maggie, bis sie auf ihren Stuhl sank und rief: „Ja, ja, ja. Ich will!“ Nina erbarmte sich und klärte die übrigen Gäste auf: „Egal, wie es klingt, es geht weder um einen Heiratsantrag noch um eine Millionen-Erbschaft, das hier ist lediglich ein Mietvertrag.“ Quer durch den Raum rief sie Victoria zu: „Jetzt wissen wir auch, warum du und Maggie so schnell ausziehen sollen.“ Dann verschwand sie in der Küche, schickte ihre Angestellten und Aushilfen nach Hause und kam mit einem Servierwagen zurück, der voller Flaschen stand. „Das sind unsere letzten Alkoholvorräte“, verkündete sie. „Ab jetzt ist Selbstbedienung!“
Die ersten, die kurz nach dieser Aufregung den Heimweg antraten, waren die Ladeninhaber und Wirte aus der Wickber Street. Ihnen folgten in kurzen Abständen die himmlischen und irdischen Diplomaten, Sariel, der Arwen nach Hause begleitete, und schließlich Victoria mit ihrem Freund, denen Erziraphael früher am Abend die Schlüssel zu ihrer neuen Wohnung überreicht hatte. Sie kamen auf dem Weg nach draußen noch zu Muriel an den Tisch und versprachen, die Wohnung schnellstmöglich zu räumen. Sie vereinbarten spontan, sich gegenseitig bei der Renovierung und dem Umzug zu helfen. Danach saßen nur noch die Freunde mit Jesus an einem Tisch und konnten sich nicht dazu durchringen, auseinander zu gehen. Nina sprach schließlich ein Machtwort: „Morgen ist Sonntag und während ihr euren Rausch ausschlaft, müssen Maggie und ich hier den Laden schmeißen. Also raus mit euch!“
***
Als Erziraphael und Crowley endlich im Bett lagen, dämmerte es schon. Sie hatten noch beim Aufräumen geholfen, hatten Muriel nach Hause gebracht und schließlich Jesus zu seinem Hotel begleitet. Sie hatten sich nur schweren Herzens verabschiedet und sich für den Sonntagnachmittag bereits wieder verabredet. Den Weg nach Hause hatten sie schweigend zurückgelegt und keiner von beiden hatte gewagt, nach der Hand des anderen zu greifen.
Jetzt lag der Engel auf der Seite und betrachtete Crowley. Er streckte eine Hand nach ihm aus und strich ihm zärtlich über die Stirn. „Heute mal keine Sorgenfalten?“ „Muss am Alkohol liegen“, antwortete der Dämon ausweichend, wandte ihm aber immerhin das Gesicht zu. „Du hast doch kaum etwas getrunken.“ Erziraphael rückte behutsam etwas näher heran. „Bist du erleichtert, dass Muriel ja gesagt hat?“ Das Aufleuchten der goldenen Augen war eigentlich Antwort genug. „Ich war mir wirklich nicht sicher, wie sie reagieren würde. Also: ja, ja ich bin erleichtert.“ Erziraphael hatte nach seiner Hand gegriffen und zeichnete mit dem Finger Kreise auf seine Handfläche. „Ich freue mich genauso wie du.“ Er war verlegen und schien nach den richtigen Worten zu suchen. „Es tut mir leid, wenn ich indiskret war. Ich hätte dich fragen müssen, bevor ich vor all den Leuten von unserer Beziehung spreche.“ Er starrte weiter in Crowleys Handfläche. „Ich wollte mein Glück teilen. Ich hätte nicht davon ausgehen dürfen, dass du dir genauso sicher bist wie ich.“ Endlich sah er Crowley traurig an. „Es tut mir leid, wenn ich bei den anderen einen falschen Eindruck von uns …, von unserer Beziehung, … von unserem Verhältnis geweckt habe.“ Crowley schaute ihn überrascht an. Er begriff erst mit Verzögerung. „Oh, Engel, nein, nein!“ Er setzte sich abrupt auf und nahm Erziraphaels Hände in seine. „Das sollte es nicht heißen. Nein! Im Gegenteil! Ich meine ...“ Der Engel wartete geduldig auf das Ende des Satzes. In seinen blauen Augen glomm jetzt wieder Hoffnung. „Engel, bitte, … Ich bin sicher, also ich bin mir meiner Gefühle sicher, aber müssen wir darüber in aller Öffentlichkeit reden? Ich weiß doch meistens nicht einmal, wie ich mit dir darüber sprechen soll.“ Er sah so unglücklich aus, dass Erziraphael sich ebenfalls aufsetzte und ihn tröstend in die Arme nahm. „Es tut mir leid, dass es für dich so schwer ist.“ Er zog den Kopf mit den störrischen roten Haaren an seine Brust und ließ seinen eigenen Kopf darauf sinken. Crowleys Haar kitzelte ihn am Hals und am Kinn, aber das störte ihn nicht. Er genoss den Moment der Nähe. Es war für sie beide so furchtbar schwierig, über ihre Gefühle zu sprechen, über ihre Geschichte und über ihre Wünsche. Es schien ein Schatten auf allem zu liegen, von all dem Ungesagten und dem Unsagbaren. „Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen. Ich muss mich wohl erst daran gewöhnen, dass jetzt ich der bin, der dir zu schnell ist.“ Er löste die Umarmung und ließ sich auf den Rücken sinken. Einladend breitete er seine Arme aus, eine stumme Frage. Als Crowley die Einladung annahm und sich beim Hinlegen an seine Brust kuschelte, legte er einen Arm um ihn und drückte ihn zärtlich an sich. Erleichtert registrierte er, wie die Anspannung aus Crowleys Körper wich, wie seine Atemzüge gleichmäßiger wurden. Zaghaft begann er mit der anderen Hand, ihn zu streicheln, von der Schläfe über die Wange und den Hals zu streichen, bereit, beim kleinsten Anzeichen von Abwehr innezuhalten. Aber nichts geschah. Der erschöpfte Crowley ließ seine Zärtlichkeit zu, lag entspannt in seinem Arm, schien die Liebkosung zu genießen. Was hätte der Engel dafür gegeben, diesen Moment festhalten zu können! Er sah auf die roten Strähnen, die sich auf seiner Brust kringelten, fühlte den warmen Atem über seine Haut streichen, hörte, wie die Atemzüge tiefer und gleichmäßiger wurden, spürte den Kopf noch etwas schwerer auf sich ruhen. Lange rührte er keinen Muskel, wagte kaum zu atmen, um den geliebten Mann in seinem Arm nicht zu stören, nicht aufzuschrecken. Er konzentrierte sich vollkommen darauf, sich diesen Augenblick einzuprägen. Der Dämon war in seinen Armen eingeschlafen, hatte sich seiner Berührung anvertraut und seine Wachsamkeit aufgegeben. Lange lagen sie so da, der eine in ungestörtem, tiefem Schlaf, der andere dankbar und erfüllt von staunender Liebe. Wie hatte er jemals in Crowleys Gegenwart etwas anderes fühlen können als Verbundenheit, Zuneigung und Zärtlichkeit? Längst schien die Sonne auf ihr Bett, als der Dämon leise seufzte, im Schlaf lächelte und sein Kopf von Erziraphaels Brust glitt. Der Engel drehte sich zu ihm um, zog behutsam seinen Arm ein Stück unter Crowleys Körper hervor, breitete seine Bettdecke über sie beide, schob seinen freien Arm darunter und legte ihn um Crowleys Taille. Die Lider des Dämons flatterten leicht, aber er wachte nicht auf. Undeutlich murmelte er etwas. Es hätte „mein Engel“ sein können und seine Gesichtszüge wurden dabei so weich, er sah so friedlich aus, dass Erziraphael sich wünschte, dass er genau das gesagt hatte.