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Tag 9, Sonntag (Teil 1)

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Tag 9, Sonntag (Teil 1)

Als ihr Wecker klingelte, lag Crowley immer noch in seinem Arm. Erziraphael spürte, wie sich die langen schlanken Finger mit seinen verschränkten. „Guten Morgen, Engel.“ Das Sonnenlicht schien ihm direkt in die Augen zu leuchten und er schloss sie sofort wieder. Er spürte etwas Feuchtes an seiner Hand und eine Hundeschnauze, die versuchte, sich unter ihre ineinander verflochtenen Hände zu schieben. „Morgen, Crowley, Morgen Hexe“, nuschelte er und wünschte sich im selben Moment, er hätte geschwiegen. Hinter seiner Stirn pochte es und seine Zunge schien am Gaumen festgeklebt zu sein. Er stöhnte leise. Er fühlte eine kühle Hand auf seiner Stirn und einen zärtlichen Kuss auf seiner Wange. Er spürte, wie Crowley sich aufsetzte, das Bett schien zu schwanken und ihm wurde übel. „Oh je, Engel, musst du dich erst noch mit der letzten halben Flasche Sherry aussöhnen?“ Erziraphael versuchte zu verstehen, was der Dämon sagte. Sherry? Oh ja, jetzt erinnerte er sich. Er stöhnte noch einmal. Ein Kater! Und was für einer! Er versuchte sich zu konzentrieren und den Restalkohol aus seinem Körper zu vertreiben. Selten war er so froh darüber gewesen, dass Engel und Dämonen sich aktiv „ausnüchtern“ konnten. Hätte er doch bloß gestern Abend schon daran gedacht! „Komm, Mädchen. Dein Adoptivvater braucht noch eine Schonfrist, bevor er den Tag beginnen kann.“ Crowley öffnete die Tür und ließ Hexe hinaus. Neben der Tür sah er ein Tablett stehen, darauf eine Flasche Wasser, ein Tellerchen mit gesalzenen Nüssen, eine Thermoskanne mit Bechern und Kopfschmerztabletten. Es lag ein Zettelchen dabei: „Könnte mir vorstellen, dass ihr das braucht. Bin bei Victoria und helfe beim Streichen. Eure Mieterin.“ Ein Herzchen. Ein großes M. Der Dämon lächelte, bückte sich nach dem Tablett und stellte es auf dem Bett ab. „Muriel hat an dich gedacht.“ Er drehte die Wasserflasche auf, drückte zwei Tabletten aus dem Blister und hielt alles dem Engel hin, der sich mühsam aufgerichtet hatte. Wortlos griff er zu und schluckte die Pillen. Er versuchte zu beurteilen, ob sein Magen eine Handvoll Nüsse akzeptieren würde und entschied, dass ja. Vorsichtig knabberte er eine nach der anderen. Aus den Bechern, die Crowley gefüllt hatte, stieg der Duft von frischem starkem Kaffee. Wieder ein kurzer Dialog mit seinem Magen, dann folgte der Kaffee in kleinen Schlucken den Nüssen. „Wie halten Menschen das nur aus?“, brachte er mühsam über die Lippen. „Gar nicht“, sagte Crowley trocken. „Ich bezweifle, dass sie den Promillegehalt, den dein Blut heute Nacht gehabt haben dürfte, überleben würden.“ Erziraphael wollte den Kopf schütteln, musste aber feststellen, dass der Kopf das eine schlechte Idee fand. „Warum hat mich denn niemand daran erinnert, dass ich mich rechtzeitig ausnüchtere?“ Die Zunge gehorchte schon wieder recht gut, stellte er fest. Crowley zuckte mit den Schultern. „Du hast nicht besonders betrunken gewirkt. Tut mir leid, war wohl eine Fehleinschätzung.“ Er legte ihm erneut seine angenehm kühle Hand auf die heiße Stirn. „Das tut gut!“ „Dann trink das Wasser aus, mach dich fertig und komm mit auf die Morgen-Runde. Die frische Luft wird dir auch gut tun.“ Erziraphael nickte widerstrebend. „Ich warte unten auf dich.“ Crowley hatte sich zu ihm hinuntergebeugt und küsste ihn auf die Stirn. Der Engel hielt ihn am Handgelenk fest und spitzte die Lippen, das Gesicht zu Crowley gehoben, die Augen geschlossen. Er spürte Crowleys Hand, die sich um sein Gesicht legte, seine weichen Lippen auf seinem Mund, und genoss den zärtlichen Kuss. „Das ist die allerbeste Medizin“, murmelte er. „Ich komme gleich nach.“

***

Der Spaziergang war herrlich. Die Sonne schien, die Luft war kühl, aber klar, besonders für Londoner Verhältnisse. Nachdem sie Hexe hinter dem Tor des Parks von ihrer Leine befreit hatten, sprang sie ausgelassen über die Wiese. Sie wirkte fast wie ein junges Lamm, genauso harmlos und lebensfroh. Die Männer wanderten gemütlich hinter ihr her, die Hände in ihren Taschen versenkt. Der Engel lenkte seine Schritte so, dass er näher neben Crowley ging, so dicht, dass ihre Ellbogen sich immer wieder berührten. Er trug eine der Ersatz-Sonnenbrillen, von denen sich ein scheinbar unerschöpflicher Vorrat im Handschuhfach des Bentleys fand. Das versöhnte auch seine noch lichtempfindlichen Augen mit dem herrlichen Sonntag. Im Schutz der dunklen Gläser spähte er zu Crowley hinüber, der genauso wortkarg war wie meistens. Heute fiel es mehr auf, weil Erziraphael noch nicht wieder so redselig war, wie es für ihn üblich war. Er zog seine Hände aus den Taschen und hoffte, dass Crowley es ihm nachtun würde, aber er wartete vergeblich. Warum kreisten seine Gedanken gerade heute so dringlich um ihre verschränkten Finger, um Crowleys wunderschöne schlanke Hände, die sich um seine schlossen? „Crowley?“ Es klang regelrecht schüchtern. Der Dämon sagte nichts, sah ihn aber aufmerksam an. „Ist es dir eigentlich unangenehm, wenn ich in der Öffentlichkeit deine Hand halte?“ „Nein, … nein! Engel, nein“, er stotterte fast. Er schlug kurz die Augen nieder, sah ihn dann aber frei heraus an. „Nicht unangenehm“, räumte er schließlich ein, „aber ungewohnt. Und ich bin unsicher, wann es für dich ok ist.“ Er sah in den blauen Augen, dass die ehrliche Antwort die richtige Entscheidung gewesen war. „Ich glaube, das ist ziemlich einfach: Für mich ist es immer ok.“ Der Engel griff nach seiner Hand. „Wollen wir versuchen, uns gemeinsam dran zu gewöhnen?“ Crowley nickte. Konnte es so einfach sein? War das die Lösung für das Gefühlschaos in seinem Kopf? Miteinander reden und sich zusammen daran gewöhnen, dass sie jetzt ein Paar waren? „Deine Hand ist ganz kalt“, sagte er. Seine Stimme war etwas rau. „Gib mal die andere.“ Er nahm beide Hände des Engels in seine, rieb sie sanft und hauchte warme Luft darauf, bis sie warm geworden waren. Dann zog er ihn an sich. „Ich würde mich sehr gerne daran gewöhnen“, flüsterte er ihm ins Ohr. So blieben sie stehen, bis Hexe an Crowleys Ärmel zog. Er gab ihr das Zeichen, dass sie wieder voraus laufen durfte, und sie folgten ihr, Hand in Hand. Sie sprachen nicht mehr, aber jetzt fühlte das Schweigen sich gut an. Sie hatten wieder einen Schritt aufeinander zu gemacht.

***

Am Ausgang des Parks legte Erziraphael Hexe an die Leine und griff dann wieder nach Crowleys Hand. Ein Mann ging vorbei, den der Engel noch nie gesehen hatte. Er spuckte ihnen vor die Füße und überholte sie schimpfend und nuschelnd: „Widerwärtig!“, konnte er verstehen, und: „gotteslästerlich“. Er sah ihm erstaunt nach und hörte, wie die Tirade fortgesetzt wurde: „schwule Bastarde, kranke Wichser, armes Königreich, was ist aus dir geworden?“ Hexe hielt sich eng bei ihnen und knurrte leise. „Hör nicht hin, Engel. Und du, sei friedlich. Du musst uns nicht beschützen, Hexe.“ Erziraphael zeigte auf den Mann, der am Ende der Straße gerade um eine Ecke bog. „Kennst du diesen ungehobelten Kerl? Was war denn mit dem los?“ Crowley sah ebenfalls auf die Stelle, an der der Fremde aus ihrem Blickfeld verschwunden war. „Nur vom Sehen. Oder besser vom Hören.“ Jetzt sah er dem Engel ins Gesicht. „Ein Schwulenhasser. Muss hier irgendwo in der Nähe wohnen. Ich habe schon öfter gehört, dass er Paare beleidigt hat. Ich denke, der bellt, beißt aber nicht.“ Erziraphael schüttelte verständnislos den Kopf. Als Crowley wieder nach seiner Hand griff und weiterging, trottete er schweigend neben ihm her, aber die Begegnung beschäftigte ihn den gesamten Rückweg über. Vor dem Café blieb Crowley stehen. „Wollen wir etwas mitnehmen? Wir können Jesus sonst nur noch ein paar Kekse zum Tee anbieten.“ Erziraphael nickte und folgte ihm hinein. Er stand unentschlossen vor der Vitrine, bis Crowley ihm die Entscheidung abnahm. Nina packte einige Scones und zwei Sorten Sandwiches zusammen und reichte sie ihm über die Theke. Mit gerunzelter Stirn betrachtete sie den stummen Engel. „Sind das die Nachwehen von letzter Nacht oder habt ihr gestritten?“ Crowley zog eine Grimasse. „Weder noch. Wir sind dem alten Hank begegnet, du weißt schon, der Verteidiger des weißen, heterosexuellen, christlichen Königreichs.“ „Oh, fuck! Hat er euch angepöbelt?“ Nina sah den Engel an und sagte mitfühlend: „Nimm’s dir nicht so zu Herzen, Erziraphael. Das macht er mit uns allen.“ Der Engel sah bei diesen Worten ungläubig auf. „Aber das kann man ihm doch nicht durchgehen lassen! Ich fasse es nicht, dass ihr das so abtut. Das ist doch nicht banal.“ Maggie kam gerade aus dem Lager, wo sie eine Lieferung Spirituosen einsortiert hatte, und hörte nur noch die letzten Worte. „Schön, euch zu sehen. Was ist nicht banal?“ Nina fasste die Unterhaltung kurz für sie zusammen. „Banal ist es sicher nicht“, stimmte sie zu. „Aber was willst du dagegen tun? Schenkt man dem alten Nörgler nicht zu viel Beachtung, wenn man sich so über ihn ärgert?“ Die vier sahen sich ratlos an, redeten aber nicht weiter, weil neue Gäste hereinkamen und sich fröhlich lärmend um einen Tisch platzierten.

Die Männer verabschiedeten sich und in der Buchhandlung angekommen, lenkte Crowley die Aufmerksamkeit des Engels auf den Besuch, den sie gleich erwarteten. „Weißt du, über was Jesus mit uns sprechen will? Er wird dich doch hoffentlich nicht auch für den Himmel anwerben wollen, oder?“ Erziraphael hörte die Sorge in der Stimme des Dämons und lächelte. „Das bezweifle ich sehr. Vermutlich will er über die Erde sprechen und etwas über die heutige Zeit hören. Seine eigenen Erfahrungen sind ja nicht mehr besonders hilfreich.“ Er setzte Teewasser auf, bereitete die Kanne vor und füllte Hexes Trinknapf auf. „Ich glaube, er freut sich vor allem, dass er endlich mit dir sprechen kann. Er hat wirklich oft nach dir gefragt. Wenn seine Berater ihm nicht immer von einem Aufenthalt auf der Erde abgeraten hätten, hätte er dich sicher längst besucht.“ Während sie den Tisch deckten und über die Getränkeauswahl für den Abend sprachen, heiterte sich Erziraphaels Gemüt wieder auf. Weil sie noch etwas Zeit hatten, sah er oberflächlich die Post durch, das meiste war an Muriel adressiert und stammte von Verlagen. „Muriel Bennet“, las er leise und musste erneut über den Nachnamen lächeln. Dann legte er die Briefe beiseite, weil Hexe von ihrem Kissen aufgestanden und auf dem Weg zur Tür war. Ihr freudiges Schwanzwedeln deutete darauf hin, dass ihr Besuch jeden Augenblick ankommen würde.

Und tatsächlich: Kaum, dass sie Hexe bis zur Tür gefolgt waren, sahen sie Jesus über die Straße kommen, der sie schon von draußen anstrahlte. Während Erziraphael ihm die Tür öffnete und ihn herzlich begrüßte, betrachtete Crowley ihn eingehend. Gestern hatte er in dem ganzen Trubel nicht so auf sein Äußeres geachtet. Er hatte noch immer dieselben freundlichen Augen, die einem direkt ins Herz zu sehen schienen, und dasselbe bescheidene Lächeln. Obwohl so viel Zeit vergangen war, seit er dem armen Zimmermannssohn die irdischen Königreiche gezeigt hatte, schien er keinen Tag älter geworden zu sein. Schon am Vorabend hatte Crowley sich kurz gefragt, wie das möglich war. Er war ein Menschen sohn, kein Unsterblicher. Crowley selbst hatte ihn am Kreuz leiden und sterben sehen. Hing es mit seiner Auferstehung zusammen? Crowley entschied auch jetzt wieder, dass er die Antwort gar nicht kennen wollte. Allein der kurze Gedanke an mögliche biologische, physikalische, theologische oder metaphysische Erklärungen verursachte einen solchen Nebel in seinem Kopf, dass er seine Neugier sofort unterdrückte. Nicht jedes Geheimnis musste gelüftet werden.

„Jetzt lass mich bitte erstmal Crowley begrüßen.“ Jesus schob den Buchhändler kurzerhand zur Seite und breitete seine Arme aus. „Crowley, ich habe dich wirklich vermisst.“ Aus Jesus‘ Mund erschien ihm dieser Satz zwar weniger peinlich als aus jedem anderen, aber er wehrte trotzdem ab. „Hast du gestern etwa so viel getrunken, dass du dich nicht mehr an den Abend erinnern kannst?“, stichelte er. Jesus sagte nichts darauf, aber er drückte ihn ein zweites Mal fest an sich. Er folgte ihnen durch die Buchhandlung nach hinten und nahm am gedeckten Tisch Platz. „Ich freue mich wirklich, dass ihr euch schon wieder Zeit für mich nehmt. Der Abend gestern war zwar sehr schön, aber nicht der richtige Rahmen für persönliche Gespräche.“ Erziraphael ließ das Teewasser noch einmal aufkochen und fragte über seine Schulter: „Hast du etwas Appetit mitgebracht? Dann könnten wir dir die britische Tradition des Fünf-Uhr-Tees näherbringen.“ Jesus lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Sehr gerne. Aus irgendeinem Grund habe ich heute kein Frühstück herunterbekommen. Lag vielleicht am Kopfweh.“ Der Engel und der Dämon lächelten sich an. „Das nennt man Kater“, sagte Crowley. „Der Engel da drüben ist dein Leidensgenosse. Ist der Preis, den man am nächsten Tag für den Alkohol am Abend zuvor zahlt. Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, hast du mit dem Phänomen Erfahrung, wenn auch keine umfassende.“ „Oh!“ Jesus wirkte peinlich berührt. „Das hatte ich längst vergessen. Du meinst den letzten Abend in Rom.“ Der Dämon konnte sich das Lachen nur schwer verkneifen. „Genau den.“ Jesus kramte in seinem Gedächtnis. „Hattest du mir damals nicht erklärt, dass die Unsterblichen keinen Kater bekommen?“ Er sah fragend zwischen seinen beiden Gastgebern hin und her. „Das stimmt theoretisch“, brummte der Engel. „Sie müssen aber daran denken, sich rechtzeitig auszunüchtern. Wenn der Alkohol erstmal im ganzen Körper angekommen ist, können wir auch nicht mehr viel machen.“ Der Gottessohn gab sich erst gar keine Mühe, sein Lachen zu unterdrücken. „Bitte entschuldige, Azi! Ich wollte nicht indiskret sein.“

„Azi?“ Crowley schaute erst Jesus, dann den Engel erstaunt an. „Azi?“ Erziraphael beschäftigte sich angelegentlich mit den Sandwiches und dem Gebäck, auch wenn beides bereits fertig angerichtet im Kühlschrank gewartet hatte. „Hat er das noch nicht verraten? Die Kurzform haben wir uns in der heißen Phase der Vertragsverhandlungen angewöhnt, als wir intern fast noch heftiger stritten als mit den anderen Delegationen. Bis man die fünf Silben ausgesprochen hat, hat man doch fast vergessen, was man sagen will.“ Der Dämon musste lächeln. Es war schön, den Gottessohn so zwanglos und gelöst zu erleben. Während ihrer ersten Bekanntschaft hatte die Größe seiner Aufgabe und ihr im Voraus feststehendes Ende schwer auf dem jungen Mann gelastet. Wieder beschäftigte ihn die Frage, wie es möglich war, dass er keinen Tag älter als Mitte dreißig aussah. Er stellte aber eine andere: „Und ausgerechnet in dieser Zeit habt ihr euch Spitznamen für die Abgesandten ausgedacht?“ Jesus kicherte. „Wo denkst du hin? Nein, so haben wir ihn natürlich nur innerhalb der himmlischen Delegation genannt. Aber selbst der ehrwürdige Berechiel hat ihn so angesprochen, selbst Sariel! Kannst du dir das vorstellen?“ Nein, das konnte Crowley nicht oder nur sehr schwer.

Jesus Fröhlichkeit war ansteckend und während er und Erziraphael sich mit angemessener Wertschätzung den kleinen Köstlichkeiten aus Ninas Küche widmeten, blieb die Unterhaltung bestimmt von Anekdoten, heiteren Erinnerungen und Kommentaren zur englischen Küche. Als der Engel und der Gottessohn zum dritten Mal ihre Teller gefüllt hatten, wurde Jesus plötzlich ernst und griff mitfühlend nach Crowleys Arm. „Isst du immer noch nichts?“ Der Dämon versuchte mit einem Kopfschütteln über die Frage hinwegzugehen, aber Jesus wollte eine Antwort. „Azi?“ „Wenig bis fast nichts“, antwortete der Engel wahrheitsgemäß. „Im Grunde nur Püriertes und Flüssiges.“ Crowley brummte verlegen: „Na, und?“ Er hatte in seinem Leben nur zweimal darüber gesprochen, warum er kaum etwas aß, einmal vor etwa zweitausend Jahren mit Jesus und vor kurzem mit Erziraphael. Er legte keinen Wert darauf, das Thema schon wieder anzuschneiden. Es war so, wie es war. Was nutzte es, darüber zu sprechen? Jesus gab sich aber nicht so leicht zufrieden. „Oh, Crowley. Willst du nicht versuchen, Hilfe zu finden? Heute wäre das vielleicht möglich.“ Nur Erziraphael horchte auf, Crowley winkte ab: „Ich werde bei keinem der höllischen Quacksalber darum betteln, dass sie reparieren, was sie vorsätzlich zerstört haben. Auf gar keinen Fall!“ Der Engel aber fragte: „Was meinst du damit, dass es heute vielleicht möglich ist? Sind die Schadenzauber inzwischen umkehrbar, die eine Heilung verhindert haben?“ Jesus nickte zögernd. „Genau weiß ich das nicht. Aber es wurden medizinische Zentren eingerichtet, in denen multi-professionelle und über-weltliche Teams daran arbeiten, die medizinische Versorgung von Engeln und Dämonen zu ermöglichen.“ Aufgeregt griff der Engel nach Crowleys Arm, aber der wehrte ihn ab. „Könntet ihr bitte aufhören, über mich zu reden, als sei ich nicht da?“ Konnten sie nicht einfach das Thema wechseln? Es war Crowley furchtbar unangenehm, so im Mittelpunkt zu stehen. Und mit Mitleid hatte er noch nie umgehen können. „Aber Crowley!“, Erziraphael war sichtlich bewegt. „Wäre das nicht einen Versuch wert?“ Auch Jesus schien dieser Meinung zu sein. „Soviel ich weiß, ist das nächste Zentrum an der Charité in Berlin. Das ist ein wirklich renommiertes Krankenhaus, an dem viele echte Koryphäen arbeiten.“ Crowley blieb hart. „Das stelle ich überhaupt nicht in Abrede. Aber an mir ist genug herumgedoktert worden. Das reicht für zwei Ewigkeiten. Und ich habe nicht die geringste Lust, irgendwelchen Menschen oder Engeln haarklein zu erzählen, warum ich nicht schlucken kann. Und einem Dämon schon gar nicht!“ Er schlug mit der Hand auf den Tisch. „Außerdem kann mir keiner erzählen, dass sie da auf Dämonen warten. Es wird genug Engel geben, die sie lieber als Patienten aufnehmen! Schluss jetzt, das ist mein letztes Wort!“ Erziraphael sah Jesus flehend an, aber der schüttelte den Kopf. „Ich verstehe die Bedenken. Es gibt tatsächlich Hinweise, dass die himmlischen Patienten bei der Terminvergabe und der Verordnung von Therapien und Operationen bevorzugt werden.“ Erziraphael wischte den Einwand mit der Hand vom Tisch. „Das ist unvorstellbar. Der Vertrag regelt sehr genau, dass Angehörige aller drei Welten in jeder Hinsicht gleichberechtigt und daher auch so zu behandeln sind.“ Crowley schnaubte. „Es hat noch immer jemanden gegeben, der Schlupflöcher findet oder den Recht und Gesetz nicht interessieren.“ Er dachte an Gabriels Worte: Dämonen mussten am längsten darauf warten, aus Lagern und Gefängnissen freizukommen, weil ihnen Engel und Menschen am wenigsten vertrauten. So war es und so würde es immer sein. Und das würde in keiner Klinik der Welt anders sein. „Ich würde mich für dich verwenden“, versprach Jesus. „Ich bin sicher, dass du dann schnell untersucht und behandelt werden könntest.“ Crowleys Gesicht schien aus Stein gehauen zu sein, so unbeweglich war es jetzt. „Damit irgendein armer Kerl, der nicht laufen oder nicht sehen kann, noch länger warten muss? Nein! Ich muss nicht essen, um zu leben. Ende der Diskussion!“ Betreten sahen Jesus und Erziraphael sich an. Sie waren ratlos.