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(Immer noch) Tag 9, Sonntag

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(Immer noch) Tag 9, Sonntag

Während der nächsten Minuten fiel es ihnen schwer, ein anderes Thema zu finden, das ihnen nicht zu oberflächlich oder unangemessen erschienen wäre. Nach einer Viertelstunde hatten sie dann aber fast wieder zu dem unbeschwerten Ton vom Beginn des Nachmittags zurückgefunden. Gerade hatten sie begonnen, Jesus eine Einführung in die zeitgenössische Musik zu geben, als Muriel hereinstürmte: „Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie schön Vickys Wohnzimmer jetzt aussieht!“ Dann erst sah sie den Gast und schluckte alles Weitere hinunter. „Jesus! Bitte entschuldigt! Ich hatte nicht mehr daran gedacht, dass ihr Besuch habt.“ Crowley sah amüsiert an ihr herunter: „Du hast offensichtlich mit vollem Körpereinsatz gemalert.“ Verblüfft schaute er noch einmal genauer hin. „Das ist doch nicht etwa …?“ Bevor er den Satz beenden konnte, war Erziraphael schon in lautes Lachen ausgebrochen. „Hallo, hallo, hallo! Ich bin ein menschlicher Police Officer!“, brachte er mühsam hervor. Jesus schaute verständnislos zwischen den dreien hin und her. Crowley hatte sich von Erziraphaels Heiterkeit anstecken lassen und jedes Mal, wenn sie sich oder Muriel ansahen, nahm eine neue Lachsalve ihren Anfang. Muriel zog eine Schnute und versuchte vorwurfsvoll zu schauen, aber sie musste sich schon auf die Lippen beißen, um nicht ebenfalls loszuprusten. Sie entschied sich für einen taktischen Rückzug, ging zur Treppe und verschwand dann eilig nach oben. Kurz darauf hatten sich Crowley und Erziraphael so weit gefasst, dass sie Jesus von ihrer ersten Begegnung mit Muriel erzählen konnten. Eine Weile kicherten sie noch zu dritt, dann fragte Jesus besorgt: „Nimmt sie uns das übel?“ „Vermutlich nicht“, antwortete Crowley, „aber ich gehe ihr sicherheitshalber mal nach.“ „Jesus, wolltest du noch etwas Vertrauliches besprechen, oder können wir Muriel einladen, den Abend mit uns zu verbringen?“ Erziraphael schien etwas besorgter um Muriels Stimmung zu sein als der Dämon. „Ich hoffe, noch viel Vertrauliches mit euch besprechen zu können, aber nicht am ersten Abend. Ich würde mich über Muriels Gesellschaft freuen.“ Crowley war auf der Treppe stehengeblieben, um die Antwort abzuwarten. Nun ging er weiter und klopfte an Muriels Tür. „Darf ich kurz reinkommen?“ Von der anderen Seite der Tür hörte er ein schwaches „Ja“ und trat ein. Muriel saß schluchzend auf ihrem Bett und Crowley schloss erschrocken die Tür hinter sich. „Darf ich?“ Er zeigte auf das Bett und sie nickte. Als er neben ihr saß, legte er ihr einen Arm um die Schultern. „Es tut mir leid. Wir wollten dich nicht verletzen. Ich hätte nicht gedacht…“ Aber Muriel legte ihm einen Finger auf den Mund und lächelte ihn unter Tränen an. „Es ist nicht, was du denkst.“ Sie wischte sich mit dem Handrücken die Tränen weg. „Es ist albern“, sagte sie schließlich. „Weißt du: In meiner ersten Zeit hier unten, als ich fast nur gelesen habe und außer Maggie und Nina noch niemanden kannte, da war ich oft verdammt allein.“ Crowley nickte. Das hatte er sich aus ihren Erzählungen über diese Zeit längst zusammengereimt. „Und wenn dann in einem Buch beschrieben wurde, wie Freunde oder Verwandte über gemeinsame Erinnerungen sprachen, miteinander lachten oder sich gegenseitig aufzogen, ja selbst, wenn sie stritten, dann habe ich mir oft ganz furchtbar gewünscht, dass ich so etwas auch einmal erleben darf. Mich so zugehörig zu fühlen. Jemanden zu haben, mit dem ich so zweifelsfrei zusammengehöre, dass wir unsere Gefühle zeigen können, dass wir Dinge sagen können, ohne jedes Wort auf die Goldwaage legen zu müssen. Jemanden, mit dem ich gemeinsame Erinnerungen habe.“ Sie sah ihn an. „Freunde eben oder Familie. Verstehst du das?“ Er nickte. „Das Gefühl kenne ich auch. Sehnsucht. Aber ich weiß trotzdem noch nicht, warum du weinst.“ Sie nahm seine Hand. „Hast du es nicht gemerkt? Das eben, unten, als ihr mich ausgelacht habt und nur wir drei verstanden haben, warum … Das war es, das war genau das, was ich eben beschrieben habe.“ Sie legte ihren Arm um seine Taille und lehnte den Kopf an seine Schulter. „Das war wie Familie.“ Er ließ ihre Worte auf sich wirken und merkte, dass auch seine Augen feucht wurden. Er stand auf und sah auf sie herunter. „Du hast recht. Das ist Familie. Wir sind Familie.“ Er küsste sie auf die Wange und ging zur Tür. Mit der Hand an der Klinke fügte er noch hinzu: „Wenn du dich wieder vorzeigbar fühlst, setzt du dich zu uns, oder?“ Sie nickte, immer noch mit Tränen in den Augen, aber strahlend. „Sehr gerne.“ Als er schon fast aus der Tür war, rief sie ihm noch nach: „Crowley?!“ – „Ja?“ – „Ich könnte keinen Bruder lieber haben als dich!“ Erst sah er sie nur an, dann kam er zurück ins Zimmer, beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie auf die Stirn. „Gefühle zeigen ist leichter, als über sie zu sprechen, oder? Ich weiß.“ Sie lächelte ihn an. „Für mich ist das genauso viel wert.“ Er nickte ihr zu und verließ dann das Zimmer. Sie lächelte immer noch, als sie auf die Tür sah, die er hinter sich wieder zugezogen hatte. „Aber für Erziraphael wirst du irgendwann Worte finden müssen“, flüsterte sie und es mischte sich Traurigkeit in ihr Lächeln.

Eine halbe Stunde später kam sie frisch geduscht und in Freizeitkleidung die Treppe hinunter. Erziraphael erzählte Jesus gerade die Geschichte rund um den Mietvertrag für den Plattenladen und die darüber liegende Wohnung. Sie setzte sich mit an den Tisch und hörte interessiert zu. Sie kannte bisher ja nur das Ergebnis. Erziraphael hatte erzählt bis zu dem Punkt, an dem sie den Mietvertrag fertig entworfen und aufgeschrieben hatten. „Crowley wollte gerne einen schönen Rahmen, um dir den Vertrag zu geben, aber dann hatte er …“ Der Engel biss sich auf die Zunge. Verdammt! Er war schon wieder dabei, über Crowley zu reden, statt ihm die Entscheidung zu überlassen, was er offenbaren wollte. „Ich hoffe, das Publikum hat dich nicht gestört. Ich jedenfalls fand den Rahmen sehr schön.“ Jesus hatte den Atem angehalten, als Erziraphael mitten im Satz gestockt hatte. „Azi“, dachte er sorgenvoll, „du schießt zu oft übers Ziel hinaus. Ständig schubst du Crowley auf eine Bühne, auf der er nicht stehen will, nicht stehen kann .“ Er nahm sich vor, das gelegentlich unter vier Augen anzusprechen. Jetzt war er erst einmal erleichtert, dass der Engel den Bogen noch gekriegt hatte. „Du warst vorher so begeistert, bis diese beiden dich so rüde unterbrochen haben“, wandte er sich an Muriel. „Wie sieht das Zimmer denn nun aus?“ Sofort war sie wieder Feuer und Flamme. „Wenn alles fertig ist, wollen sie euch einladen, hat Vicky gesagt. Dann müsst ihr unbedingt hingehen.“ Sie war auf der Sitzfläche des Stuhls ganz nach vorne gerutscht. Crowley wartete auf den Moment, in dem sie aufspringen würde, weil sie ihrer Begeisterung im Sitzen nicht lebhaft genug Ausdruck verleihen konnte. „Da ist doch diese eine Nische“, sie sah erwartungsvoll in die Runde. Jesus hob die Hände, um zu signalisieren, dass er die Räume nicht kannte und auch Crowley schüttelte den Kopf. Sie holte deshalb weiter aus: „Wenn man vom Flur ins Wohnzimmer kommt, ist rechts von der Tür eine Wandnische. Dort wollen sie den Fernseher hinstellen. Die ganze Wand haben wir in einem satten, dunklen Violett gestrichen. Unter den Fernseher soll ein künstlicher Kamin hinkommen, das wird bestimmt toll aussehen!“ Sie schaute die Männer erwartungsvoll an, aber die nickten nur. „An die Wand gegenüber kommt die Sitzecke. Dort wollen sie Fotos und Poster aufhängen und wir haben für jedes Bild mit Schablonen einen goldenen Rahmen auf den weißen Untergrund gemalt. Für die Fensterwand und die vierte Seite haben wir etwas von der violetten Farbe in die weiße gemischt, die sind jetzt nur ganz zart lila. Da kommen ja noch Möbel davor und eine Gardine ans Fenster. Das wird aussehen wie aus einer Einrichtungs-Zeitschrift!“ „Klingt ziemlich … barock.“ Crowley war die Skepsis anzusehen. Er stellte sich das Zimmer vor, wenn es genauso vollgestellt sein würde, wie Victorias jetzige Wohnung, und das traf nicht seine Vorstellung von Gemütlichkeit. Erziraphael teilte seine Bedenken, fand aber etwas Nettes zu sagen, das er ehrlich meinte: „Das mit den schablonierten Rahmen finde ich eine entzückende Idee.“ Jesus zuckte mit den Schultern. „Es tut mir leid, Muriel, aber ich kann es mir nicht vorstellen. Zu meiner Zeit hatten die Häuser nur eine Ebene, die Wände waren von innen und außen gekalkt und bei vielen Leuten lebten die Tiere mit unter demselben Dach. Und in den Palästen ging es nicht um Gemütlichkeit, sondern um Repräsentation.“ Er schüttelte den Kopf zur Bekräftigung. „Unter einem Wohnzimmer, einer Sitzecke und einem künstlichen Kamin kann ich mir nicht wirklich etwa vorstellen.“ Jetzt sahen alle drei ihn erstaunt an. „Stimmt“, sagte Erziraphael. „Daran habe ich überhaupt noch nicht gedacht.“ Er wandte sich Jesus direkt zu: „Die paar Mal, die du jetzt wieder auf der Erde warst, hast du sicher nur Sitzungsräume, Hotels und sowas kennengelernt. Du warst noch gar nicht in einer menschlichen Wohnung.“ Jesus nickte. Crowley sah in die Runde. „Trifft das nicht im Zweifel auf uns alle zu? Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in der Neuzeit einmal die Wohnung von Menschen betreten hätte, abgesehen von dem Haus, in dem Hannah mit ihren Eltern lebt. Haben wir unsere Vorstellungen nicht alle überwiegend aus Filmen, Büchern und Zeitschriften, vielleicht noch aus Schaufenstern und Prospekten?“ Jesus sah überrascht aus. „Ist das so? Gebietet es nicht die Gastfreundschaft, dass man andere in sein Haus bittet und bewirtet?“ Erziraphael runzelte die Stirn. „Ist es nicht unglaublich, dass uns das gar nicht aufgefallen ist, Crowley? Wir haben den Menschen über Generationen hinweg dabei zugesehen, wie sie begannen, ihre Türen abzuschließen, ihre Grundstücke einzuzäunen, ihre Feiern in Gaststätten zu verlegen und Fremde von ihrer Tür zu weisen. Und wir haben es nicht wirklich bemerkt!“ Verlegen sah er Jesus an. „Ich fürchte, Du hast Recht, Gastfreundschaft für Fremde ist – zumindest in London - nicht mehr üblich, geschweige denn selbstverständlich.“ „Das dürfte für die meisten europäischen Länder gelten, denke ich“, ergänzte Crowley. „Ich kannte die Erde ja bis vor Kurzem überhaupt nicht“, warf Muriel ein. „Wollt ihr mir nicht etwas von früher erzählen? Wie war es zu deiner Zeit, Jesus?“ Sie sah ihn erwartungsvoll an.

Und so kam es, dass die Männer zu erzählen begannen, zuerst Jesus von der kurzen Spanne Zeit, die er auf der Erde zugebracht hatte, dann vor allem Erziraphael, der von Bauwerken, Kunst und Literatur erzählte, aber auch von Naturkatastrophen, Seuchen, Kriegen und Hexenprozessen. Muriel hing an seinen Lippen. Klang das spannend! Wie eintönig und langweilig war die Existenz im Himmel dagegen gewesen. Jesus fiel auf, dass Crowley eigentlich nur zu den Erzählungen des Engels beitrug, wenn es um gemeinsame Erlebnisse ging, um Rauschmittel oder um Ereignisse, die der Himmel und die Menschen der Hölle anlasteten, obwohl sie überwiegend menschgemacht waren. Jesus hatte schon bei ihrer ersten Begegnung verstanden, dass sich die Existenz des Dämons um einen Fixstern drehte, der Erziraphael hieß, aber er hatte sich nicht vorgestellt, dass sie es so ausschließlich getan hatte. Wie einsam musste er in all diesen Jahrhunderten gewesen sein! Und wie überwältigend musste die neue Situation für ihn sein! Ob dem Engel das ausreichend klar war? Er hatte den Faden des Gesprächs verloren und sah erst wieder auf, als Muriel sagte: „Ich weiß ja nicht, was mit euch ist, aber ich habe Hunger! Wollen wir etwas kochen oder gehen wir aus?“ Sie einigten sich auf ein Restaurant mit nahöstlicher Küche, damit Jesus eine Ahnung davon bekam, was in seiner früheren Heimat heute auf den Tisch kam.

***

„Haben wir das wirklich alles gegessen?“ Muriel sah auf den Tisch, um den sie saßen: Leere Schälchen und Schüsselchen in allen erdenklichen Größen, zum Teil schon zu kleinen Türmen gestapelt, Körbe mit Brotfladen, Wasserkaraffen und Weinkrüge, zwei Ölflaschen und eine Menage mit Gewürzen standen zwischen ihren Tellern und Gläsern, von dem schimmernden Holz der Tischplatte war kaum etwas zu sehen. „Oh ja!“ Erziraphael rieb sich wohlig den Bauch. „Und es war ausnahmslos köstlich!“ Jesus nickte. „Ich glaube, so gut habe ich seit der Hochzeit von Kana nicht mehr gegessen. Und so viel auch nicht.“ „Die Hochzeitsfeier gab es wirklich?“, fragte Muriel mit großen Augen. „Ich bin immer davon ausgegangen, dass das eine erfundene Geschichte ist.“ Jesus sah sie anerkennend an. „Du meinst, wie die meisten Geschichten der heutigen Bibel? Da bist du auf der richtigen Fährte.“ Er füllte die Weingläser noch einmal auf. „Ja, die Hochzeit gab es, nur das Weinwunder gab es nicht.“ Er kicherte und Crowley zog unauffällig den letzten Krug Wein aus seiner Reichweite. Morgen würde Jesus erneut keinen Appetit auf Frühstück haben, da war der Dämon sich ganz sicher. „Es war eher ein kleiner Weinskandal. Der Bräutigam war nämlich ein Geizkragen und hatte den besten Wein in einen anderen Lagerraum bringen lassen, den die Sklaven nicht betreten durften. Der teure Wein sollte bei dem Fest nicht ausgeschenkt werden.“ Er trank sein Glas in einem Zug halbleer. „Ich war aus Versehen in den Raum gestolpert, als ich mir nach der langen Mahlzeit die Beine vertreten wollte. Und als es dann hieß, der Wein sei alle, habe ich nur gesagt, dass ich dort noch welchen gesehen hatte.“ Er kicherte vergnügt. „Da hätte der Bräutigam das Gesicht verloren, wenn er ihn nicht herausgerückt hätte. Und um nicht als geizig dazustehen, hat er sich diese Geschichte ausgedacht, der zufolge das Wassergefäße gewesen sein sollen. So einfach bin ich zu meinem ersten angeblichen Wunder gekommen.“ Er riss sich ein Stück Brot ab und knabberte daran. Plötzlich wirkte er ganz nüchtern und sah sie alle nacheinander an. „Ich danke euch für diesen ganz besonderen Abend. Ich hatte noch nicht oft Gelegenheit, unbeschwert mit Freunden zusammenzusitzen, zu essen und zu reden, ohne dass ich jedes Wort sogfältig abwägen und eine Rolle ausfüllen musste. Ihr habt mir damit ein Geschenk gemacht.“ Crowley und Muriel sahen sich nach diesen Worten über den Tisch hinweg an. Der Dämon hatte ihr zugeblinzelt und sie antwortete mit einem leichten Nicken. Muriel legte ihre Hand auf Jesus‘ Rechte und sagte: „Dann fühlen wir uns alle beschenkt.“ Erziraphael und Crowley nickten dazu und fragten sich wieder einmal, warum es diesem Engel so leicht fiel, die richtigen Worte für Gefühle zu finden.

***

Am Anfang dieses denkwürdigen Abends hatten sie lange über der umfangreichen Speisekarte gebrütet und versucht, sich auf Gerichte zu einigen, die einen guten Überblick über die Küche der Region gaben. Der Kellner, der schon mehrmals gefragt hatte, ob sie gewählt hätten, hatte ihnen schließlich angeboten, sie zu beraten. „Das ist wirklich sehr freundlich. Können Sie uns sagen, welche Gerichte typisch für Galiläa sind? Was wird dort im Alltag gegessen?“ Erziraphael war es, der zuerst das Wort ergriffen hatte. Der Kellner hatte in die erwartungsvollen Gesichter gesehen. „Darf ich fragen, warum sie sich gerade für diesen Landstrich interessieren? Sind sie Israelis?“ An den Nachbartischen hatten sich einige Köpfe gehoben. Sofort war Crowleys Argwohn geweckt. Das plötzliche Interesse der Umsitzenden war ihm ungewöhnlich und deshalb potenziell bedrohlich vorgekommen. Er hatte sich diskret umgesehen. Die meisten Gäste verhielten sich jedoch unauffällig. Er hatte keine Hinweise darauf erkannt, dass sie es möglicherweise mit Antisemiten oder anderen Extremisten zu tun hatten. An einem der weiter entfernten Tische hatte er einige Kippas gesehen, insgesamt hatte das Publikum so bunt gemischt gewirkt, wie es das ganze Viertel war. Vorläufig beruhigt hatte er sich wieder der Unterhaltung zugewandt. In der Zwischenzeit hatte Jesus dem Kellner verraten, dass er aus Nazareth stammte, aber seit einer Ewigkeit im Ausland lebte. Er habe Sehnsucht nach der Küche seiner verstorbenen Mutter, hatte er noch erzählt. Der Kellner war aufgestanden. „Warten Sie bitte einen Augenblick, ich weiß jemanden, der sie besser beraten kann als ich.“ Mit diesen Worten war er in die Küche verschwunden. Kurz darauf hatten sie eine aufgeregte Stimme näherkommen gehört. „Wirklich? Aus Nazareth? Welcher Tisch, sagtest du?“ Ein Mann in Kochkleidung war auf ihren Tisch zugeeilt und Crowley hatte sich auf mögliche Probleme eingestellt. Aber als der Mann an ihrem Tisch stoppte, hatte er seine Handschuhe abgestreift und in die Runde gestrahlt: „Wer von Ihnen ist aus meiner Heimatstadt?“ Jesus hatte sich als Landsmann zu erkennen gegeben und der Unbekannte hatte sich als einer der Köche vorgestellt, einen Stuhl herangezogen („Darf ich mich kurz dazusetzen?“) und war dann vom Englischen übergangslos in eine Sprache gewechselt, die die drei Freunde erst nach einigen Sätzen als Aramäisch erkannten. Nachdem Jesus wiederholt erklärt hatte, dass er Nazareth schon sehr früh in seinem Leben verlassen hatte und kaum konkrete Erinnerungen daran hatte, wie es dort heute aussah, war der Koch zwar etwas enttäuscht gewesen, hatte dann aber seinen ganzen Ehrgeiz darein gelegt, ihnen traditionell aramäische Spezialitäten zu empfehlen. Auch von den Nachbartischen waren ihnen Empfehlungen zugerufen worden und der Koch hatte schließlich gesagt: „Vergesst die Speisekarte! Wenn ihr mir vertraut, serviere ich euch ein aramäisches Buffet.“ Sie hatten das großzügige Angebot nur zu gerne akzeptiert und von da an fast im Minutentakt immer neue Schälchen und Schüsselchen serviert bekommen, die sie sich weiterreichten und mit zunehmender Begeisterung leerten. Der Kellner hatte stolz zu jedem einzelnen die Zutaten und Gewürze aufgezählt und auch den Weinnachschub nicht abreißen lassen. Die Vielfalt an warmen und kalten, würzigen und milden, gekochten und gebratenen, vegetarischen und fleischhaltigen Gerichten war enorm und sie hatten alles geteilt, was auf den Tisch gekommen war. Selbst Crowley hatte nicht nur die Weine gekostet. Die drei anderen hatten genau darauf geachtet, dass er von allen Speisen, die kühl, flüssig oder cremig waren, den größten Anteil bekam. Und keiner von ihnen hatte auch nur ein einziges Wort darüber verloren. Der Dämon hatte die liebevolle Fürsorge schon bei den ersten Gängen registriert und konnte sie umso leichter dankbar genießen, als er nicht darüber sprechen musste und auch niemand Aufhebens davon machte, dass oder was er aß.

***

Der Abend war wie im Flug vergangen. Kellner kamen an den Tisch und räumten das benutzte Geschirr und die geleerten Gefäße ab.  Sie boten Tee und Kaffee an. Jesus entschied sich für einen Minz-Tee, die anderen bestellten Espresso. Kurz bevor ihre Getränke gebracht wurden, kam der aramäische Koch an ihren Tisch. Er hatte die Schürze abgelegt und trug statt der Kochjacke einen Pullover, außerdem Straßenschuhe. Mitten auf den Tisch stellte er eine Etagere voller Süßigkeiten. „Ich habe lange nicht mehr mit so großer Freude gekocht wie heute für euch. Bitte lasst euch als Dank dafür diese Kleinigkeiten schmecken.“ Jesus stand sofort auf. „Dann setz dich aber bitte zu uns und leiste uns Gesellschaft, wenn du dir die Zeit nehmen kannst.“ Der Koch nahm die Einladung gerne an und sie rückten für ihn zusammen. Er hieß Alin und nachdem sich ihre Unterhaltung anfangs noch auf seine Küche und Kindheitserinnerungen an Nazareth konzentrierte, waren sie bald bei alltäglicheren Themen angelangt. Sie unterhielten sich so gut, dass sie jedes Gespür für die Zeit verloren hatten. Schließlich trat der Kellner an ihren Tisch, entschuldigte sich wortreich dafür, bat sie aber dennoch zu gehen, da er abschließen müsse. Erst da bemerkten sie, dass sie längst die letzten Gäste waren und machten sich nach vielen Dankesworten und dem Begleichen der Rechnung auf den Heimweg.

Beim Abschied vor seinem Hotel erzählte Jesus, dass Berechiel und Umael ihn um Begleitung zu einem Gesprächstermin am nächsten Tag gebeten hatten. „Das heißt, morgen seid ihr sicher vor mir. Aber darf ich mich übermorgen wieder bei euch melden?“ „Natürlich, gern!“ Die Antwort kam dreistimmig. Die Freunde sahen ihm nach, bis er in der Lobby verschwunden war, dann hakte sich Muriel bei Crowley und Erziraphael ein. „Er ist sehr einsam, glaube ich.“ Die Männer nickten. Sie setzten den Weg fort, ließen den Nachmittag und Abend noch einmal Revue passieren und hingen ihren Gedanken nach. Zuhause verabschiedete sich Muriel sofort und ging zu Bett. Erziraphael aber drehte sich zu Crowley um und fragte: „Willst du auch gleich ins Bett oder kann ich dir noch etwas zeigen?“ „Das Bett läuft uns nicht weg.“ Daraufhin nahm Erziraphael ihn an der Hand und ging mit ihm die Treppe hinauf. Er machte jedoch nicht vor der Tür ihres Schlafzimmers halt, sondern ging zu einer Tür am Ende des Flures, von der Crowley stets angenommen hatte, dass dahinter eine Treppe auf den Dachboden führte. Der Engel öffnete die Tür und zog ihn mit hindurch. Wie erwartet, befand sich dahinter eine Stiege und der Engel machte sich auf den Weg nach oben. „Komm mit.“ Crowley fragte sich kurz, wie gut die steile schmale Treppe und ihr Alkoholkonsum sich miteinander vertragen würden, kletterte dann aber kurzentschlossen hinterher. Als Erziraphael die Tür am Ende der Stiege aufstieß und zur Seite trat, starrte Crowley überrascht nach oben. Dort sah er den Nachthimmel. Schnell stieg er die letzten Stufen hinauf. „Engel!“ Über ihnen strahlte der Mond und trotz des unvermeidlich dunstigen Londoner Himmels sah er auch einige Sterne. Vor ihnen aber erstreckte sich Soho wie ein gespiegelter Sternenhimmel, funkelnd, warm leuchtend und erstaunlich still. „Engel! Eine Dachterrasse! Warum hast du davon nie etwas gesagt?“ Erziraphael lächelte wehmütig. „Wenn ich hier oben war, habe ich mich immer furchtbar allein gefühlt, isoliert von all den Leben unter diesen Dächern und in diesen Straßen.“ Crowley folgte seinem Blick auf die nächtliche Stadt. Er trat hinter ihn, legte die Arme um seine Taille und den Kopf auf seine Schulter. Er spürte, wie der Engel sich an ihn lehnte, seine Wange an sein Gesicht drückte, und ihm war warm ums Herz. „Sag etwas!“, ermahnte er sich. „Sprich mit ihm!“ Warum war das so schwer? Schließlich überwand er sich: „Und heute?“ Er hätte sich ohrfeigen können für diese karge Antwort. Warum kamen persönliche Worte so schwer über seine Lippen? „Weil du ein Dämon bist“, dachte er bitter. „Weil das hier nicht für deinesgleichen ist. Früher oder später wirst du es zerstören. Sieh es endlich ein.“ Aber er wurde belohnt: „Heute bin ich nicht mehr einsam“, sagte der Engel leise. Er drehte sich zu ihm um, legte seine Hand an Crowleys Wange, sah ihm in die Augen und sagte: „Heute bist du bei mir.“ Und dann stellte er sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn, fast schüchtern zuerst, aber als Crowleys Arme sich wieder um ihn legten und er den Kuss erwiderte, öffnete der Engel seine Lippen, tastete sich mit seiner Zunge vor und dem Dämon kam es vor, als hielte das Universum für sie kurz den Atem an. Wieder und wieder küssten sie sich, streichelten das Gesicht des anderen und sahen sich einfach nur an. Und für dieses eine Mal fragte sich keiner von beiden, ob er das Richtige tat, ob es genug war und was morgen sein würde. Sie waren zusammen und das war alles, was sie wollten. Als sie zu frieren begannen, stiegen sie wieder hinunter und gingen zu Bett. „Du bist ganz ausgekühlt“, murmelte Erziraphael und hob einladend seine Bettdecke an. „Komm, wärm dich auf.“ Und Crowley schlüpfte zu ihm, ließ sich in den Arm nehmen und genoss die Wärme, die der weiche Körper des Engels abgab. Erziraphael zupfte noch ein paar Mal an der Decke, bis sie nirgendwo mehr kalte Luft hereinließ, und kuschelte sich eng an ihn. Nach wenigen Augenblicken war er eingeschlafen. Der Dämon aber blieb noch wach, lauschte dem anderen Atem, spürte, wie die Wärme sich immer weiter auch in seinem Körper ausbreitete. Im Einschlafen murmelte er dann endlich die Worte, die schon unter dem Sternenhimmel begonnen hatten, in seinem Kopf zu kreisen. „Ich liebe dich, Engel“, flüsterte er, „bitte lass mich nicht wieder allein“.