Tag 10, Montag
Tag 10, Montag
Am nächsten Morgen war es der Engel, der zuerst die Augen aufschlug. Als Crowleys Wecker läutete, küsste er ihn sanft auf die Stirn: „Ich lasse Hexe raus und setze Kaffee auf, dann kannst du noch ein paar Minuten liegen bleiben.“ Auf dem Weg die Treppe hinunter summte er vor sich hin und Hexe folgte ihm nach unten. Er öffnete die Tür für sie, brachte den Kaffee auf den Weg und füllte die Hundenäpfe. Für sich bereitete er einen Tee vor und goss gerade das kochende Wasser in die Kanne, als Crowley gähnend auf der Treppe erschien. Unten angekommen griff der Dämon nach seinem Becher und blieb im Türrahmen stehen. „Dein zweiter Montag hier“, stellte er fest. Erziraphael nickte. „Daran habe ich eben auch schon gedacht. Es fühlt sich länger an. Fast, als bekäme ich schon Routine.“ Er kam zu Crowley und lehnte sich an ihn. „Nehmt ihr mich nachher mit auf euren Spaziergang?“ Der Dämon legte ihm seinen freien Arm um die Taille und nickte. „Gern.“ Seine einsilbige Antwort ärgerte ihn, kaum, dass sie heraus war. Er spürte den weichen Körper, der an seinem ruhte, und beugte den Kopf zu ihm hinunter. Die Kleidung des Engels roch leicht nach den orientalischen Gewürzen des Vorabends, die Haut noch nach dem warmen Bett und nach, … nun, einfach nach Erziraphael. Crowley atmete tief ein. „Du riechst so gut“, seufzte er und merkte sofort, dass er rot wurde. Es war das eine, dass er nicht so wortkarg sein wollte, aber etwas ganz anderes, wenn ihm etwas so Intimes herausrutschte. Verdammt, er machte es sich aber wirklich selbst schwer! Erziraphael hob den Kopf und hatte gerade zu einer Antwort angesetzt, als von oben Muriels fröhliches „Guten Morgen!“ zu hören war. Der Engel schloss den Mund wieder, richtete sich auf und wandte sich von ihm ab. Er erwiderte Muriels Gruß und trat dann einen Schritt zur Seite, um Hexe Platz zu machen, die von draußen zurückgekommen war und sich nun an Crowleys Beinen rieb. „Du solltest besser was fressen, sonst musst du ohne Frühstück zur Arbeit“, brummte der Dämon der Hündin zu. Er hätte gerne noch ein paar Augenblicke einfach nur Erziraphaels Nähe gespürt, allein mit ihm, und der Engel schien das zu merken. Hatte er so enttäuscht geklungen? Erziraphael küsste ihn auf die Wange und flüsterte: „Ich freue mich auf nachher. Holt ihr mich ab?“
Dann hielt er Muriel fragend die Teekanne entgegen und schenkte eine Tasse für sie ein, nachdem sie genickt hatte. „Interessiert dich eigentlich deine neue Wohnung gar nicht?“, fragte er beiläufig, als er ihr den Tee reichte. „Und der Laden?“ Sie begann zu strahlen. „Oh, natürlich, und wie! Aber ich wollte gestern nicht danach fragen, weil Jesus da war.“ Jetzt sah man ihre Ungeduld deutlich. „Können wir sie uns heute anschauen? Bitte?! Vicky hat nichts dagegen.“ Erziraphael hatte währenddessen Brot getoastet und mehrere Gläser, Butter und Käse aus dem Kühlschrank genommen. Er setzte sich mit seinem Tee an den Tisch. „Dann lass uns doch nach dem Frühstück mal das Nachbarhaus ansehen.“ Crowley verabschiedete sich: „Jetzt, wo ich weiß, dass ihr auch beschäftigt sein werdet, können Hexe und ich ja beruhigt zur Arbeit gehen. Spann sie nicht allzu lange auf die Folter, Engel.“ Muriel war so aufgeregt, dass sie ununterbrochen plapperte und kaum einen Bissen herunterbekam. „Crowley hatte Recht“, Erziraphael faltete seine Stoffserviette sorgfältig zusammen. „Ich sollte dich erlösen. Bist du soweit?“
***
Als Crowley und Hexe zurückkamen, saß Muriel mit einem Block am Tisch und machte sich Notizen. Der Dämon sah ihr über die Schulter. „Die Einkaufsliste für dein neues Reich?“ Er las die ersten Stichpunkte: „Bettwäsche, Nachttischlampe, Geschirr? – Fängst du nicht mit dem Laden an?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, erst die Wohnung. Ihr sollt mehr Platz und Zeit für euch haben, das ist mir erstmal wichtiger.“ Sie sah, dass er widersprechen wollte, kam ihm aber zuvor. „Ich weiß, was du sagen willst, und das ist wirklich lieb von dir.“ Sie schob die Liste von sich und stand auf. „Es ist schwer genug für euch, ohne dass ich euch ständig auf der Pelle hänge. Ihr sollt euch nicht auch noch beobachtet fühlen, während ihr herausfindet, wie ihr zusammenleben wollt.“ Crowley öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder, ohne etwas gesagt zu haben. „Siehst du? Ich habe entwaffnende Argumente.“ Sie strich ihm über den Arm. „Das ist völlig ok, Crowley. Ihr dürft allein sein wollen. Ihr braucht das jetzt. Ich weiß, dass ihr jederzeit für mich da seid, wenn es darauf ankommt.“ Sie stand auf und ging zum Computer. Während das Gerät hochfuhr, zwinkerte Muriel dem Dämon zu. „Glaub bloß nicht, ihr würdet mich los! Ich gewähre euch nur eine kleine Atempause.“ Sie griff schon nach der Maus, bevor sie richtig saß. „Und jetzt geh und zieh dich für euren Spaziergang um. Erziraphael ist jeden Moment fertig.“ Im Vorbeigehen umarmte er Muriel. Und auch, wenn er wieder einmal kein Wort gesagt hatte, nicht die Worte gefunden hatte, die ihm ausreichend erschienen wären, wusste sie, dass die Umarmung „Danke“ bedeutete, das und noch viel mehr.
***
Crowley hatte ihm vor der Haustür Hexes Leine in die Hand gedrückt. „Wenn sie zieht, bleib stehen, bis sie wieder bei Fuß geht. Sie soll lernen, dir genauso zu gehorchen wie mir.“ Bis kurz vor dem Park hielt sich die Hündin vorbildlich genau auf Höhe des Engels. Als sie aber ihren Bobtail-Freund sah, der ihnen fröhlich wedelnd entgegengerannt kam, begann sie doch an der Leine zu ziehen und Erziraphael erinnerte sich an die Anweisung. Er blieb wie angewurzelt stehen und Hexe sah sich erstaunt nach ihm um. Er sagte nichts und gab ihr kein Zeichen, aber sie schien trotzdem zu wissen, was von ihr erwartet wurde. Gehorsam kam sie zu ihm zurück und er belohnte sie. Erst als sie sich wieder in Bewegung setzten, sah er, dass auch Boomer stehengeblieben war, allerdings keineswegs freiwillig. Er zog an einer sehr langen Leine, an deren anderem Ende sie nun auch Cathy auf sich zukommen sahen, die aber die Leine immer kürzer nahm, so dass ihr Hund keinen Bewegungsspielraum gewann. Kurz hinter dem Eingangstor zum Park erreichten sich die Hunde mit ihren Haltern. Während der Bobtail so aufgeregt herumsprang, dass Cathy ihm die Leine erst im dritten Anlauf abnehmen konnte, saß Hexe neben dem Engel und fixierte ihn. „Jetzt kannst du sie belohnen und losmachen“, sagte Crowley zufrieden. Die beiden Hunde stoben davon, wobei sie einige Enten aufscheuchten, die auf dem Rasen gedöst hatten. Cathy schloss sich den beiden Männern an und sie schlenderten hinter dem achtbeinigen Wirbelwind her. Crowley spürte Erziraphaels Finger an seinen und seinen fragenden Blick und es kostete ihn Überwindung zu nicken, aber als sich ihre Finger trafen, fühlte es sich richtig an. Sie hatten keinen Grund, sich zu verstecken, sagte er sich, selbst Metatron oder Satan selbst hatten keine Handhabe mehr gegen sie. Er stand sich nur selbst im Weg. Cathy fragte ihn nach Hexes Einsatz in der Schule aus und erzählte von der Hundeschule. Sie verabschiedete sich bald, weil sie mit einer Kommilitonin zum Lernen verabredet war. Als sie ihnen die Hand gab, sagte sie leise zu Crowley: „Ihr seid ein schönes Paar. Ich freu mich für dich!“ Es war nicht so leise gewesen, dass Erziraphael es hätte überhören können, und als Crowley ihn anschaute, war sein Gesicht von der gleichen leichten Röte überzogen, die der Dämon auch auf seinen eigenen Wangen spürte. Sie gingen schweigend weiter und passierten eine Bank, auf der ein Mann in einem abgetragenen braunen Mantel saß und sie anstarrte. Erziraphael wappnete sich bereits für einen weiteren unfreundlichen Kommentar wie den vom „alten Hank“, aber der Mann blieb stumm. An der nächsten Wegkreuzung schlug sich der Engel plötzlich an den Kopf. „Das war der Kerl vom aserbeidschanischen Geheimdienst!“, platzte er heraus. „Haben die immer noch nicht ihr Personal gewechselt?“ Crowley zog ihn ein Stück weiter. „Die meisten Bänke haben noch ihre Stammbesetzung. Ist dir das letzte Woche nicht aufgefallen?“ Erziraphael war stehen geblieben und sah sich unauffällig um. „Da war ich wohl zu sehr auf dich und Hexe fixiert.“ Er schmunzelte. „Lässt das etwa schon nach?“ Der Dämon hatte ihn ein bisschen näher zu sich herangezogen und war erleichtert, dass ihm nicht nur eine passende Bemerkung eingefallen war, sondern dass er sie auch in dem beabsichtigten Tonfall herausgebracht hatte, halb zärtlich, halb vorwurfsvoll, aber vor allem scheinbar leicht dahingesagt. Ganz offensichtlich war das auch dem Engel aufgefallen, denn er passte sich daran an. „Nicht doch“, antwortete er und fasste besitzergreifend nach seinem Arm. „Heute habe ich nur auf die Bänke geachtet, um zu sehen, ob ich erst jemanden von unserer Bank verjagen muss.“ Er hakte sich bei Crowley unter und schlug vor: „Komm, lass sie uns wieder in Besitz nehmen.“ Sie gingen zielstrebig über den Rasen und setzten sich. Erziraphael sah sich um und beobachtete die Männer auf den anderen Bänken, die sie über die Jahre den unterschiedlichen Geheimdiensten zugeordnet hatten. „Beim nächsten Agenten-Stammtisch werden die sich was zu erzählen haben!“ Er klang amüsiert, offensichtlich hatte er einen Heidenspaß bei der Vorstellung. Dem Dämon dagegen wurde langsam unwohl. Er fühlte sich wie auf einem Präsentierteller und das behagte ihm überhaupt nicht. „Erzähl mir doch erstmal von Muriel“, versuchte er ihn abzulenken. „Wie hat ihr die Wohnung gefallen? Ich habe gesehen, dass sie schon Einkaufslisten schreibt.“ Der Engel nickte. „Sie war ganz aufgeregt“, berichtete er. „Die gesamte Zeit über. Sie quoll nur so über von Ideen.“ Crowley grinste. „Das ist ja nun nichts Ungewöhnliches bei ihr.“ Erziraphael stimmte zu. „Die meisten Sätze begannen mit ‚Und hier könnte ich …‘ Hoffentlich ist sie nicht zu enttäuscht, wenn sie sich entscheiden muss, welche Idee sie wirklich umsetzt.“ Er erzählte noch eine Weile von der gemeinsamen Besichtigung. Nachdem er gerade berichtet hatte, dass Muriel überlegte, an einem Fenster die Fensterbank durch eine breitere zu ersetzen, damit sie dort viele Pflanzen unterbringen könne, hielt er kurz inne. „Ich habe mich übrigens gefragt, ob du vielleicht einen Dachgarten anlegen möchtest. Eigentlich habe ich dir die Terrasse gestern vor allem deshalb gezeigt“, gestand er. „Aber dann ist mir eingefallen, dass ich nicht einmal weiß, ob du dich für andere Pflanzen als Zimmerpflanzen überhaupt interessierst.“ Er war verlegen. „Ist es nicht unglaublich, über wie viele Dinge man sechstausend Jahre lang nicht reden kann?“ Crowley rutschte auf der Bank näher zu ihm heran und legte einen Arm um ihn. Der Engel ließ den Kopf auf seine Schulter sinken und der Dämon flüsterte ihm ins Ohr: „Stell dir vor, wie langweilig die Ewigkeit werden könnte, wenn wir schon in den ersten sechstausend Jahren über alles geredet hätten!“ Er schwieg eine Weile, dann sagte er: „Lach mich nicht aus, aber ich habe seit der Sache in Eden eine Vorliebe für Apfelbäume. Vielleicht könnten wir dort ein paar Säulen-Bäumchen in Kübeln heranziehen. Und etwas Gemüse.“ Der Engel lächelte. „Alles, was du willst, Crowley. Aber möglichst keinen Hanf und keine Giftpflanzen.“ „Großes Dämonen-Ehrenwort!“, sagte Crowley. „Schon wegen Hexe. Außerdem könnten wir unseren Bedarf sicher über Anathema decken, falls wir doch mal so etwas brauchen sollten.“ Bei der Erwähnung von Agnes Nutters Nachfahrin klingelte bei Erziraphael etwas, er bekam den Gedanken aber nicht richtig zu fassen. Er schob ihn vorläufig beiseite und kuschelte sich noch etwas fester in Crowleys Arm. Die Agenten auf den benachbarten Parkbänken hatte er längst vergessen.
Es war merklich kühler als an den vorhergehenden Tagen und Erziraphael fing bald an zu frösteln. Auf dem Heimweg hängte er sich bei Crowley ein. „Wenn du heute Nachmittag nichts anderes vorhast, könnten wir nochmal durch dein Haus gehen und entscheiden, welche Arbeiten wir vor Muriels Einzug noch durchführen lassen wollen.“ Er legte nun auch seine andere Hand an Crowleys Oberarm und sah ihn fragend an. „Oder soll ich mich lieber heraushalten? Ich würde die notwendigen Renovierungen natürlich trotzdem bezahlen.“ Der Dämon zögerte keinen Augenblick. „Nein, ich bin heilfroh, wenn du mich damit nicht allein lässt. Und wir sollten uns wirklich möglichst bald darum kümmern.“ Er runzelte die Stirn. „Vermutlich wird es sowieso schwer, einen Handwerker zu finden, der kurzfristig Zeit hat, oder?“ Erziraphael lächelte geheimnisvoll. „Das kommt darauf an. Zumindest, was die Fenster betrifft, rechne ich damit, dass wir bevorzugt behandelt werden.“ Crowley sah ihn fragend an. „Wieder jemand, bei dem du noch etwas gut hast? Langsam klingt das für mich etwas dubios. Bist du sowas wie der Pate von Soho, der überall kleine und große Gefallen einfordern kann?“ Jetzt lachte der Engel. „Genau. Ich hatte gehofft, dass du mir das Eintreiben der Schutzgelder demnächst abnimmst.“ Der Gedanke schien ihm zu gefallen und er versuchte, eine furchteinflößende Miene aufzusetzen. „Niemand schlägt der Familie einen Wunsch ab!“ Dann wurde er wieder ernst. „Keine Sorge! Alles juristisch und moralisch einwandfrei. Nur ein über Generationen gepflegtes Vertrauensverhältnis. Du wirst sehen.“
Sie entschieden sich für einen Zwischenstopp im Café, um sich aufzuwärmen und für die anstehende Aufgabe zu stärken. Die Begrüßung fiel gewohnt herzlich aus. „Kann ich euch für die erste Kürbissuppe der Saison begeistern?“, fragte Nina. „Heute gibt’s die orientalische Variante, die wärmt doppelt.“ Sie folgten der Empfehlung und hatten kurz darauf zwei Suppentassen vor sich stehen, aus denen so viel Dampf aufstiegt, dass Ninas Warnung „Vorsicht: heiß und scharf!“ überflüssig war. „Ist Maggie da?“, fragte Erziraphael, während er in seiner Suppe rührte, damit sie schneller abkühlte. „Wir würden gerne nochmal durch den Laden gehen.“ Nina nickte. „Dann trefft ihr sie drüben. Sie wollte heute die Reste verpacken und die letzten Regale abschrauben. Deshalb habe ich ihr frei gegeben.“ Sie plauderten noch einen Moment, lobten die Suppe, bestellten zum Abschluss Espresso und machten sich dann auf den Weg in den Plattenladen. Das Gebimmel des kleinen Windspiels kündigte die beiden Besucher an und sie hörten Maggie „Einen Moment, bitte!“ rufen, konnten sie jedoch nirgends entdecken. Dann bewegte sich der Turm aus Umzugskisten, der den Durchgang zum Hinterzimmer versperrte. Er wankte bedrohlich, während er weiter in den Verkaufsraum geschoben wurde, und gab schließlich den Blick auf Maggie frei, die versuchte, sich an dem Turm vorbei zu zwängen, ohne ihn zum Einsturz zu bringen. Sie hatte sich eine Schürze umgebunden und die Haare mit einem Kopftuch geschützt, das sie über der Stirn verknotet hatte. Beides war vermutlich rot, was man aber unter all dem Staub und den Spinnweben nicht mehr zuverlässig beurteilen konnte. „Ach, meine Vermieter“, begrüßte sie die Männer herzlich. „Wollt ihr euch davon überzeugen, dass mein Auszug Fortschritte macht?“ Sie war erhitzt, sah aber fröhlich aus und schien voller Tatendrang zu sein. Sie erklärten kurz ihr Anliegen und Maggie breitete die Arme aus. „Fühlt euch wie zuhause. Wenn euch etwas im Weg ist, schiebt es einfach weg.“ Sie zeigte auf einen Stuhl, der neben der Eingangstür stand. „Da vorne findet ihr Zollstöcke und Werkzeug, falls ihr was braucht.“ Und schon verschwand sie wieder im Hinterzimmer, wo es sofort zu rascheln begann.
Erziraphael hatte einen Notizblock und einen Stift gezückt und notierte nun „Laden“ auf dem ersten Blatt. „Du hast letztes Mal schon gesagt, das Schaufenster soll ausgetauscht werden“, erinnerte ihn Crowley. Der Engel nickte und schrieb das Stichwort auf. „Stimmt, daran führt kein Weg vorbei. Es ist nur einfach verglast und noch dazu nicht dicht.“ Er sah, dass Crowley sein Handy in der Hand hatte. „Machst du bitte mal ein Foto? Nur als Gedankenstütze.“ Er nahm einen der Zollstöcke, nahm die ungefähren Maße des Fensters, dann notierte er wieder etwas. „Muriel hätte gern ein großes Display im Fenster, das auch einen gewissen Blickschutz für den Laden bieten soll“, erklärte er. Vielleicht kann der Schreiner das gleich mitmachen.“ Als nächstes ließen sie ihren Blick über die Wände gleiten, die auch hinter allen anderen Regalen so aussahen, wie sie es bei ihrem letzten Besuch vorgefunden hatten. „Das muss alles runter, bevor die Wand neu gestaltet werden kann. Das sind zum Teil mindestens sechs Lagen Tapete.“ Der Engel seufzte. „Allein dafür werden die Handwerker sicher einen ganzen Tag brauchen.“ Crowley sah auf. „Das Geld kannst du sparen, Engel. Die alte Tapete können wir auch selbst abmachen.“ Ein erstaunter Blick traf ihn. „Hast du sowas schonmal gemacht? Ich wusste nicht, dass deine Begabungen auch Heimwerken umfassen.“ Der Dämon grinste. „Eine Begabung würde ich es nicht gerade nennen. Aber das ist kein Hexenwerk.“ Er strich mit der Hand über die Wand. „Während meiner Zeit in der Suppenküche haben wir ein paar Notunterkünfte renoviert, damit sie nicht länger als unbedingt nötig leer stehen. Runter krieg ich das Zeug. Ob ich die Wand danach wieder schön machen kann, das ist eine ganz andere Frage.“ Erziraphael sah zwar nicht vollkommen überzeugt aus, nickte aber. „Dann versuchen wir das. Muss der Fußboden wohl auch raus?“ Maggie hatte sich gerade wieder an dem schwankenden Kistenstapel vorbeigekämpft und beantwortete nun seine Frage: „Wahrscheinlich nicht. Jedenfalls sagte das der Kerl, der bei der Renovierung der Nebenräume den Bodenbelag verlegt hat.“ Sie klopfte sich etwas Staub aus der Kleidung und musste prompt niesen. „Er war der Meinung, man könne einen neuen Belag einfach auf dem vorhandenen verlegen.“ Zu dritt setzten sie die Inspektion fort, Crowley fotografierte die Stellen, an denen etwas zu tun war, Erziraphael machte sich Notizen dazu.
Als die Männer sich verabschieden wollten, um die Bestandsaufnahme im Obergeschoss fortzusetzen, fragte Maggie: „Darf ich die Wohnung auch mal sehen? Oder ist das zu neugierig?“ Weder Erziraphael noch Crowley hatten Einwände und so stiegen sie zu dritt die Treppen hinauf. Viktoria konnte den Auszug offenbar wirklich kaum erwarten. Außer einigen Toilettenartikeln im Bad, dem Wasserkocher, ein paar Kaffeebechern und zwei Müslischalen in der Küche und dem Laptop auf dem Tisch schien alles bereits eingepackt oder weggeschafft worden zu sein. Die Stühle, auf denen sie beim letzten Besuch noch gesessen hatten, fehlten ebenso wie die Kaffeemaschine und die Mikrowelle. Das Bett war auseinandergebaut, Matratze und Bettwäsche lagen direkt auf dem Boden. Die junge Frau schien hier nur noch zu campieren, bis sie mit den Renovierungsarbeiten fertig war. „Vielleicht sollten wir Victoria anbieten, drüben mit anzufassen, wenn sie es mit dem Umzug so eilig hat“, schlug Crowley vor. „Dann bleibt für ihre Umzugshelfer nicht mehr so viel zu tun und sie wird schneller fertig. Dann kann Muriel sich auch früher wieder um ihren eigenen Umzug kümmern.“ Erziraphael nickte. „Du hast recht, das ist eine gute Idee. Nur die Handwerker sollten wir vorher noch beauftragen. Hier müssen nämlich auch neue Fenster rein.“ Er schaute sich suchend um. „Sonst ist aber nicht viel zu machen, oder?“ Maggie schüttelte den Kopf. „Vergiss nicht, dass Muriel gern breitere Fensterbänke hätte.“ Der Engel nickte. Ein weiteres Stichwort wurde den Notizen hinzugefügt. Ganz zum Schluss stiegen sie wieder zu der Kammer unter dem Dach hinauf. Auch hierhin folgte ihnen Maggie, die von Crowley gleich in die geplante Nutzung eingeweiht wurde. Sie machte große Augen. „Das wäre ja fantastisch! Dann könnten wir Ninas Bruder oder meine Eltern mal einladen.“ Sie sah sich um. „Wir helfen auf jeden Fall beim Renovieren und tragen auch gerne was zur Einrichtung bei, wenn ihr bei dem großzügigen Angebot bleibt.“ Der Engel zeigte auf Crowley. „Das muss der großherzige Eigentümer entscheiden.“ Der Angesprochene errötete leicht, bestätigte aber umgehend: „Das Angebot steht. Wir müssen uns nur noch ausdenken, wie wir die Belegung handhaben.“ „Da fällt uns schon was ein.“ Maggie war Pragmatikerin genug, um Fragen erst dann anzugehen, wenn sie sich wirklich stellten. Crowley nickte, dabei sah er den Engel an. „Sind wir uns einig, dass hier oben alles gemacht werden muss?“ Er zeigte auf das Fenster, unter dem eine kleine Pfütze stand, dann auf die notdürftig verputzten Leitungen und das Waschbecken mit dem Sprung. „Willst du irgendwas davon behalten?“ Die Frage richtete sich an Erziraphael. „Einmal ja, einmal nein. Die Sachen stammen überwiegend noch vom Vorbesitzer. Wahrscheinlich sollten wir auch gleich einen Müllcontainer bestellen, in dem das alles entsorgt werden kann.“ Auf dem Weg nach unten kündigte Maggie an: „Ich werde wahrscheinlich heute Abend, spätestens morgen mit meinen Vorbereitungen fertig. Danach sind nur noch die Kartons zu schleppen. Dann kann ich gerne auch noch bei Vickys und Liams Wohnung helfen, wenn es für mich was zu tun gibt.“ Die Männer nickten. „Das können wir ihnen nachher gleich erzählen“, sagte Crowley. „Sie nehmen es sicher mit Kusshand an.“
Nach dem Abschied von Maggie gingen die Männer zurück in die Buchhandlung. Erziraphael zog nur den Mantel aus und setzte sich sofort an den Tisch. „Ist es dir recht, wenn ich zuerst den Schreiner anfrage, mit dem ich schon lange arbeite?“, fragte er. Crowley begnügte sich mit einem Nicken. Was hätte er dagegen haben sollen? Während der Engel sein Notizbüchlein auf der Suche nach der richtigen Telefonnummer durchblätterte, kochte er Tee. Er brachte die Kanne und Tassen mit zum Tisch und lauschte dem Telefonat, zumindest Erziraphaels Teil.
„Hallo Alec, wie schön, dass ich Sie gleich erreiche. Azi Fell hier. Wie geht es Ihnen? –
Das freut mich zu hören. Ihre Große müsste jetzt kurz vor dem Abitur stehen, oder?“ Er hörte eine Weile lächelnd zu.
„Wie wunderbar! Grüßen Sie bitte Sarah und die Mädchen von mir. –
Oh, mir geht es sehr gut, danke der Nachfrage. Ich glaube, es ging mir nie besser. -
Und wie laufen die Geschäfte? –
Das freut mich für Sie, Alec. Denken Sie, Sie finden in Ihrem Auftragsbuch trotzdem noch ein Plätzchen für einige Arbeiten hier im Nachbarhaus? Es zieht eine neue Mieterin ein und vorher müssten die Fenster ausgetauscht werden. –
Ja, genau. Das sind noch die, die Ihr Vater und Ihr Großvater damals eingebaut haben. In der Wohnung brauchen wir auch neue Fensterbänke und im Laden steht ein bisschen Innenausbau an. Das könnte aber nach und nach gemacht werden. –
Sobald die Wohnung bezugsfertig ist. Sie wartet nur auf uns. Deshalb sollten wir mit der Wohnung anfangen. Im zweiten Schritt den Laden und das Dachgeschoss ganz zum Schluss.“ Wieder lauschte er eine Zeit lang lächelnd seinem Gesprächspartner.
„Das wäre fantastisch, Alec, das nehme ich im Interesse der neuen Mieterin sehr gerne an. Dann also bis später. Ich freue mich.“
Sein Gesicht spiegelte allergrößte Zufriedenheit, als er auflegte. „Alec kommt nach Feierabend vorbei, um alles zu besprechen. Er denkt, dass er übermorgen anfangen kann, spätestens mittags.“ Crowley starrte ihn ungläubig an. „Engel, du wirst mir unheimlich! Ich habe genau zugehört, du hast ihn nicht einmal gedrängt oder um besondere Eile gebeten. Warum schaufelt der Mann für dich einen Termin frei und verärgert damit ohne Zweifel andere Kunden?“ Erziraphael lächelte. „Das soll Alec dir nachher erzählen, wenn er möchte. Du hast ja gehört, ich kenne die Familie schon sehr lange. Alec glaubt aber natürlich, dass sein Großvater mit meinem Großvater Geschäfte gemacht hat …“ Der Dämon schüttelte den Kopf, immer noch voller Verwunderung. „Du bist und bleibst ein Geheimniskrämer, Ehrwürdiger Erzengel a. D. Erziraphael. Ich sollte mich wohl doch vor dir in Acht nehmen.“ Während des Telefonats hatten sie ihren Tee ausgetrunken und der Engel klatschte sich unternehmungslustig auf die Oberschenkel. „Dann lass uns jetzt zu Victoria gehen und sehen, ob wir helfen können. Dann braucht auch Muriel kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn sie früher geht, um bei dem Gespräch mit Alec dabei zu sein.“ Er stand auf und wandte sich zur Tür. „Engel, was hast du vor?“ Erziraphael sah ihn verständnislos an. „Das sagte ich doch gerade.“ Crowley sah ihn vom Kopf bis zu den Füßen an. „Du willst so bei einer Renovierung helfen? Hast du vergessen, wie Muriels Uniform aussah? Oder Maggies Schürze vorhin?“ Der Engel sah betreten an sich herunter. „Ich bin nicht sehr alltagstauglich, oder? Eben doch ein Sonderling.“ Er seufzte. Der Dämon sprang nun ebenfalls auf und lächelte ihn an. „Mein geliebter Sonderling!“ Er nahm ihn in den Arm. „Das lässt sich sehr leicht ändern. Hast du ein paar alte Kleidungsstücke aufgehoben, die du nicht mehr regelmäßig trägst? Oder brauchen wir ein kleines Wunder?“ Erziraphael lächelte wieder. „Kein Wunder“, sagte er. „Ich habe sicher was oben.“ Gemeinsam stiegen sie die Treppe hinauf und kramten im Kleiderschrank. Crowley hatte aus der Zeit in der Suppenküche noch eine blaue Arbeitshose und eine abgetragene Jeansjacke voller Farb- und Kleisterspritzer. Für den Engel fanden sie eine Schlaghose und einen schreiend bunten Pullover, die unverkennbar aus den Siebzigern stammten. Crowley hatte sie ihm für ein Konzert geschenkt, das sie gemeinsam besucht hatten, und sie waren nur bei dieser einen Gelegenheit getragen worden. Als Erziraphael sich umgezogen hatte, schaute er sich unglücklich im Spiegel an. „Das bin doch nicht ich. So kann ich unmöglich unter Leute gehen!“ Crowley hatte Erbarmen. Mit einer flüchtigen Handbewegung ließ er die Farben des Pullovers etwas gedeckter und die Hosenbeine deutlich schmaler werden. „Also doch ein kleines Wunder. Können wir jetzt los?“
***
Die beiden Engel und der Dämon waren gerade erst in die Buchhandlung zurückgekehrt, als die Ladenglocke läutete und der Schreiner Alec hereinkam. Er kam mit ausgestrecktem Arm auf sie zu und schüttelte erst Erziraphael, dann Crowley und Muriel die Hand, die der Engel ihm als „Anthony Crowley, mein Partner, und Miss Muriel Bennet, eine gute Freundin und die neue Mieterin nebenan“ vorstellte. „Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“ Lächelnd zeigte er auf die Farbkleckse und Schmutzspuren auf ihrer Kleidung. „Ich sehe, Sie sind alle mit vollem Einsatz am Werk. Es gibt offensichtlich viel zu tun.“ Erziraphael sah betreten an sich herunter. „Bitte entschuldigen Sie Alec, das ist wirklich kein Aufzug, um Gäste zu empfangen. Ich gehe mich schnell umziehen.“ Als er wenig später in seiner üblichen Kleidung wieder herunter kam, hatten Crowley und Muriel schon ein paar Snacks auf den Tisch gezaubert und eine Flasche Wein geöffnet. Während Erziraphael sich zu Alec setzte, verschwanden die beiden ebenfalls nach oben, um sich umzuziehen. Der Schreiner sah den Buchhändler an, den er schon fast sein ganzes Leben kannte. Er betrachtete die Farbspritzer auf seinen Wangen und die Spinnwebe, die er beim schnellen Umziehen wohl übersehen hatte, er bemerkte das Strahlen in seinen Augen und die geröteten Wangen, die von dem Feuereifer zeugten, mit dem er eben noch am Werk gewesen war. „Ich denke, Sie haben recht“, sagte er mit einem warmen Lächeln. „Es scheint Ihnen wirklich ganz besonders gut zu gehen. Man sieht es Ihnen förmlich an.“ Das Rot auf den Wangen des Buchhändlers wurde möglicherweise eine Spur tiefer, aber er widersprach nicht. Auf der Treppe waren schon die Schritte von Crowley und Muriel zu hören und die beiden Männer sahen ihnen entgegen. „Sie hätten sich meinetwegen nicht umziehen müssen“, sagte der Schreiner. „Mein Großvater sagte immer: Es ist nichts Peinliches daran, wenn man einem Mann ansieht, dass er hart gearbeitet hat.“ Er lächelte Muriel zu. „Für eine junge Frau gilt natürlich ganz dasselbe, aber das war zu Lebzeiten meines Großvaters wohl noch ein bisschen anders.“
Crowley verstand schon jetzt, warum der Engel dieser Handwerkerfamilie offenbar schon seit Generationen die Treue hielt. Alec war ein durch und durch angenehmer Mensch: freundlich, interessiert, offen und respektvoll, und er schien mit beiden Beinen fest im Leben zu stehen. Er hatte sich inzwischen wieder dem Buchhändler zugewandt. „Dann lassen Sie doch bitte hören, womit ich endlich etwas von der Schuld abtragen darf, in der wir stehen. Ich habe Sarah schon berichtet, dass Sie sich gemeldet haben, und sie freut sich ebenso wie ich.“ Bevor Erziraphael auch nur zu einer Antwort ansetzen konnte, kam Crowley ihm zuvor. „Einen Moment, bitte. Aber meine Neugier bringt mich sonst um. Darf ich fragen, warum Sie glauben, so tief in seiner Schuld zu stehen?“ Er zeigte auf den Engel. „Er wollte es mir nicht verraten, aber das klingt ja fast, als hätte er Ihnen das Leben gerettet.“ Der Schreiner vergewisserte sich mit einem Blick zum Buchhändler, dass er die Frage beantworten durfte. „Ja, er ist sicher zu bescheiden, um es zu erzählen, ganz so wie auch sein Vater und dessen Vater. Genau genommen steht meine ganze Familie in deren Schuld, ebenso wie eine Reihe unserer früheren Mitarbeiter und ihre Familien.“ Muriel hatte sich nach vorne gelehnt und hing an seinen Lippen. „Das klingt nach einer guten Geschichte.“ Auch sie konnte ihre Neugier nicht verbergen. „Ja, nach einer Geschichte, die das Leben schrieb“, antwortete Alec. „Und jedes Wort davon ist wahr. Ohne die Männer der Familie Fell würde es unser Unternehmen schon längst nicht mehr geben. Und unsere Familie vermutlich auch nicht.“ Er musste kurz innehalten, um sich zu sammeln. Er war sichtlich bewegt, als er zu erzählen begann:
„Das Schreinerhandwerk hat in meiner Familie eine sehr lange Tradition. Sie reicht bis ins späte 19. Jahrhundert zurück. Mein Großvater hat uns das meiste davon erzählt, so wie er es von seinem Vater gehört hatte. Im ersten Weltkrieg wurde die Werkstatt meines Urgroßvaters bei einem der ersten Luftangriffe der Deutschen auf London zerstört. Sie brannte bis auf die Grundmauern nieder.“ Muriel hob ihre Hand. „Entschuldigen Sie bitte, die Frage ist vielleicht dumm. Gab es tatsächlich zu dieser Zeit schon Luftangriffe?“ Crowley nickte. Das war eine der zahllosen Erinnerungen, auf die er gerne verzichtet hätte. „Zeppeline“, sagte er tonlos. „Es gab eine ganze Reihe von Bombenangriffen, bei denen Zeppeline eingesetzt wurden. Das traf England völlig unvorbereitet. Auch Belgien wurde so angegriffen.“ Auch Erziraphael war sehr ernst geworden; er sah die Bilder wieder vor sich, die Feuer, die vom Himmel zu fallen schienen, die Scheinwerfer, die den Himmel absuchten, und die verängstigten Menschen. Eine von zahllosen Grausamkeiten, für deren Erfindung die Menschheit die Hölle nicht benötigt hatte. „Damit hatte das Zeitalter des Luftkriegs begonnen. Die Luftfahrt entwickelte sich von da an rasant.“ Alle schwiegen. Schließlich räusperte sich Alec. „Als mein Urgroßvater aus dem Krieg zurückkehrte, stand er vor dem Nichts, wie auch so viele andere. Seine Werkstatt war komplett zerstört, die wenigen Rücklagen, die er besessen hatte, hatte seine Frau aufbrauchen müssen, um sich und die Kinder durch die Kriegsjahre zu bringen.“ Er zeigte auf Erziraphael. „Und hier kam ein früher Vertreter der Familie Fell ins Spiel. Auch er war bereits Buchhändler. Mein Urgroßvater hatte offenbar vor dem Krieg gelegentlich Bücherregale für ihn geschreinert. Auch die Buchhandlung war nicht völlig unbeschädigt durch die Kriegsjahre gekommen und Mister Fell machte ihn nach dem Krieg ausfindig, weil er diese Schäden von einem Schreiner beheben lassen wollte.“ „Von einem hervorragenden Schreiner“, ergänzte der Engel lächelnd. „Die Geschäftsbücher dieser Jahre enthalten Notizen, die keinen Zweifel daran lassen, dass er Ihren Vorfahren für den besten Handwerker hielt, den er kannte.“
Alec nickte bedächtig. „Ach ja, die alten Geschäftsbücher. Das vergesse ich immer, Sarah würde mich zu Recht tadeln. Mister Fell besitzt tatsächlich noch alle Geschäftsbücher seit Gründung der Buchhandlung im Jahr 1800.“ „Warum erstaunt mich das nicht?“ Crowley lächelte Erziraphael zu. Er wusste, dass er sich niemals freiwillig von solchen Unterlagen trennen könnte. Insbesondere, weil sie ihm eine glaubwürdige Begründung dafür lieferten, dass er so viel über die Geschichte der Buchhandlung wusste. Der Dämon hatte schon länger den Verdacht, dass das der eigentliche Grund war, aus dem der Engel alles so penibel festhielt. „Deshalb weiß ich auch, dass die Geschäftsbeziehungen zwischen dieser Buchhandlung und der Schreinerei der Familie Gibson noch viel älter sind, als Alecs Großvater wusste.“ Erziraphael zeigte zu den deckenhohen Regalen im hinteren Bereich des Ladens: „Schon die ursprüngliche Inneneinrichtung dieses Ladens stammt aus der Werkstatt von Alecs Vorvätern.“ „Wow!“ Muriel war sichtlich beeindruckt. „Das ist wirklich eine lange gemeinsame Geschichte!“ Alec nickte zustimmend. „Dazu passt, dass in meiner Familie seit Generationen folgende Geschichte überliefert wird: Im ‚Jahr ohne Sommer‘, also 1816/1817, ging es den einfachen Leuten in London schlecht. Krankheiten und Hunger waren allgegenwärtig. Auch meine Vorfahren hatten es schwer, genug Nahrung für die vielen hungrigen Mäuler herbeizuschaffen. Als zwei der Kinder schwer erkrankt waren, gingen ihre Eltern in die Kirche, um für ihr Leben zu beten.“ Alec sah auf. „Jetzt kommt der Teil, der mich davon abhält, diese Geschichte an meine Kinder weiterzugeben. Es klingt allzu sehr nach einer Legende. Jedenfalls soll den Eltern ein Engel erschienen sein, als sie gerade ihre letzten Münzen in den Opferstock werfen wollten. Er soll sie aufgefordert haben, das Geld zu behalten und davon besser Medizin für die Kinder zu kaufen. Gott werde ihre Gebete auch ohne Opfergabe erhören.“ Crowley und Muriel sahen instinktiv zu Erziraphael, der aber scheinbar völlig ungerührt Alecs Erzählung lauschte. So wandten auch sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Schreiner zu. „Vor der Kirchentür soll ein Kaufmann auf sie gewartet haben, für den der Schreiner schon gearbeitet hatte. Er berichtete, dass auch ihm ein Engel erschienen sei und ihn aufgefordert habe, zu dieser Kirche zu fahren. Dort würde er Bekannte treffen, die in großer Not seien und denen er unter die Arme greifen solle. Dieser Kaufmann soll meine Familie danach mit Nahrungsmitteln und Geld unterstützt haben, bis sie die schwere Zeit überstanden hatten.“ Er zuckte mit den Schultern. „Es mag wahr sein, dass es diesen Wohltäter gab. Ich persönlich halte es für nicht unwahrscheinlich, dass auch hier schon ein Menschenfreund aus Ihrem Stammbaum eine wichtige Rolle für meine Familie spielte.“ Er zeigte auf Erziraphael. „Was ich dagegen ernstlich bezweifle, ist, dass meine Familie einen überirdischen Schutzengel hatte. Ich glaube an die Güte und Großzügigkeit bestimmter Menschen, aber nicht an einen Gott, dem unser Schicksal irgendetwas bedeutet.“ „Verständlich“, sagte Crowley trocken.
Muriel durchbrach das Schweigen: „Sie waren gerade dabei, von der Rückkehr Ihres Urgroßvaters aus dem Großen Krieg zu erzählen.“ Crowley war aufgestanden, um Wasser und weitere Gläser zu holen. „Befeuchten Sie erstmal Ihre Kehle, Alec.“ Er schenkte ihm Wasser ein. „Die Geschichte scheint länger zu werden.“ Er füllte auch die Weingläser nach und lehnte sich dann wieder auf seinem Stuhl zurück, die Aufmerksamkeit ganz auf den Schreiner gerichtet. Nachdem dieser das Wasserglas geleert und einen Schluck Wein genommen hatte, fuhr er fort. „Der damalige Mister Fell machte also meinen Urgroßvater ausfindig und wollte ihm den Auftrag für die Reparaturen in der Buchhandlung erteilen.“ „Den er nicht annehmen konnte, weil er keine Werkstatt mehr hatte“, warf Muriel ein. „Richtig. Der Buchhändler ließ sich aber nicht abweisen.“ Crowley grinste. „Eine gewisse Sturheit dürfte in der Familie liegen“, merkte er an. Alec lächelte. „Ja, danach klingt es. Jedenfalls hat er darauf bestanden, dass mein Urgroßvater den Auftrag annahm. Er hat ihn sogar noch erweitert und zusätzliche Regale in Auftrag gegeben. Dann hat er seine Bank überzeugt, meinem Vorfahren einen großzügigen Kredit zu den bestmöglichen Konditionen zu gewähren, für den er persönlich gebürgt hat, um die notwendigen Maschinen und Geräte zu beschaffen und passende Räumlichkeiten zu finden. Zudem hat er ihm das Geld für den Materialeinkauf vorgestreckt. Während die Arbeiten andauerten, hat er regelmäßige Abschlagszahlungen geleistet, sodass die Familie keine Not leiden musste. Als die Arbeiten in der Buchhandlung abgeschlossen waren, waren die Gibsons in der Lage, weitere Aufträge auszuführen und den Betrieb für die Zukunft aufzustellen.“ Er sah in die Runde. „Allein das würde erklären, warum meine Familie tief in der Schuld der Familie Fell steht.“ Erziraphael winkte ab. „Ihre Familie hat das Darlehen mit Zins und Zinseszins an die Bank zurückgezahlt. Die Bürgschaft wurde nie in Anspruch genommen. Ihr Urgroßvater ist nichts schuldig geblieben.“ Muriel seufzte. „So eine schöne Geschichte. Jemand sollte daraus ein Buch machen.“ Crowley hatte noch Alecs letzten Satz im Ohr. „Sie sagten ‚Allein das würde erklären…‘ Hat die Geschichte noch eine Fortsetzung?“ Auch Muriel war sofort wieder ganz bei der Sache. „Oh, dann erzählen Sie bitte weiter.“ Erziraphael versuchte, sich einzuschalten. „Wir können Alec doch nicht den ganzen Abend bei uns festhalten. Lasst uns lieber über den Auftrag sprechen!“ Alec schüttelte den Kopf. „Sarah ist mit den Mädchen im Kino. Ich habe also Zeit. Wenn Miss Bennett mich so freundlich bittet, kann ich ihr den Rest der Erzählung nicht abschlagen. Tatsächlich hat die Geschichte eine Fortsetzung, fast schon eine Wiederholung. Diesmal betraf es meinen Großvater und es kommt auch kein Engel darin vor, aber erneut ein großherziger Wohltäter mit dem Namen Fell. Mein Großvater war eingezogen worden und kämpfte im Zweiten Weltkrieg. Mein Vater wurde im Krieg geboren. Meine Großmutter musste für ihr Kind und die Schwiegermutter sorgen, deshalb versuchte sie, die Schreinerei am Laufen zu halten. Zu ihrem Glück waren zwei der Altgesellen vom Militär freigestellt worden, der eine aufgrund seines Alters, der andere wegen einer Kriegsverletzung. Sie hielten meiner Familie die Treue und konnten die Werkstatt weiterführen. Die Einkünfte reichten gerade so, um die drei Familien durchzubringen, aber meine Großmutter sorgte sich auch um die Familien der anderen Gesellen, die als Soldaten im Krieg dienten.“ Crowley hatte aufmerksam zugehört, jetzt schaute er auf. „Das große Herz scheint auch in der Familie Gibson weitervererbt zu werden.“ „Ich hoffe, dass Sie recht haben“, antwortete Alec. „Unsere Familie hat dem Großmut anderer so viel zu verdanken, dass ich versuche, meine Töchter so zu erziehen, dass es ihnen ein Bedürfnis ist, zu helfen.“ Seine Wangen bekamen bei diesen Worten einen rosigen Schimmer, der sich vertiefte, als Muriel gerührt ihre Hand auf seine legte und sagte: „Ich bin sicher, dass Ihnen das gelungen ist.“ Schnell nahm er die Erzählung wieder auf: „Meine Großmutter erinnerte sich an den Buchhändler, den ihr Schwiegervater Zeit seines Lebens in jedes seiner Gebete aufgenommen hatte. Sie fasste sich ein Herz und bat um ein Gespräch.“
Er sah Erziraphael an: „Das müsste dann auch schon die nächste Generation Ihrer Familie gewesen sein, wahrscheinlich Ihr Großvater. Er gewährte das Gespräch und hörte sich aufmerksam die Sorgen meiner Großmutter an. Vielleicht hat es ihn gerührt, dass sie sich nicht nur um ihre eigene Familie sorgte, sondern auch um alle anderen Familien, die von den Einkünften der Werkstatt gelebt hatten. Vielleicht hätte er auf jeden Fall geholfen, wer weiß. Jedenfalls ließ er sich eine Liste ihrer Kunden geben und sprach bei allen vor. Die meisten waren Kaufleute oder Beamte, fast ausnahmslos wohlhabend, und er hat jeden davon persönlich aufgesucht und darum gebeten, mit ihm gemeinsam die Familien zu unterstützen, deren Männer für sie alle an der Front standen.“ Alec schüttelte den Kopf. „Es war unglaublich, welche Summen er zusammenbekommen hat. Das Geld hat nicht nur ausgereicht, um die Familien aller Mitarbeiter während des Kriegs und in den ersten Nachkriegsjahren gut zu versorgen, sondern hat es den Frauen darüber hinaus ermöglicht, ihrerseits wohltätig zu sein und bedürftigen Nachbarn unter die Arme zu greifen. Mister Fell und seine Partner haben ganze Straßenzüge wohlbehalten durch die schwere Zeit gebracht.“ Als er verstummte, waren alle Augen auf Erziraphael gerichtet. „Was für eine Geschichte!“ In Muriels Augen glänzte es, allen war die Rührung anzusehen. „Sind alle Männer aus dem Krieg zurückgekommen?“, erkundigte sich Crowley. Alec nickte. „Ja, die Geschichte hat tatsächlich ein richtiges Happy End. Einer der Gesellen hatte zwei Zehen verloren, ein anderer hat noch eine Weile unter Alpträumen gelitten, aber sie sind alle heimgekehrt und konnten wieder in ihrem Beruf arbeiten. Als Letzter kehrte mein Großvater aus deutscher Kriegsgefangenschaft zurück. Er konnte sein Glück kaum fassen, als er nicht nur seine Familie gesund und munter vorfand, sondern auch eine voll funktionsfähige Werkstatt, seine Mitarbeiter und ein gut gefülltes Auftragsbuch. Ich denke, Sie können nachvollziehen, warum meine Familie sich der Familie Fell besonders tief verbunden fühlt. Die – ganz nebenbei bemerkt – in allen seitdem verstrichenen Jahrzehnten nie eine Holzarbeit an einen anderen Betrieb vergeben hat als an uns.“ Er räusperte sich und zeigte auf den zierlichen Sekretär, an dem der Buchhändler seine Schreibarbeiten erledigte. „Das ist das einzige Dankeschön, das Ihr Großvater jemals von uns akzeptiert hat. Es ist eine Gemeinschaftsarbeit aller Schreiner, die dort nach dem Krieg wieder arbeiteten. Im Boden der oberen Schublade finden Sie die Namen der Männer, ihrer Frauen und Kinder.“ Alle Augen richteten sich auf das Möbelstück. Muriel war aufgesprungen und hatte schon die Hand an der oberen Schublade: „Darf ich?“ Erziraphael nickte und sie zog die Lade ein Stück heraus. Mit der anderen Hand hob sie die Dokumente an, die darin lagen, und sah die verborgene Inschrift. Ihre Lippen formten stumm die Namen, die dort standen. „Dass mir die noch nie aufgefallen sind. In meinen ersten Wochen hier habe ich doch eigentlich hinter jede Tür und in alle Schubkästen geschaut, um Bestands- und Preislisten zu finden.“ Kopfschüttelnd schloss sie die Schublade wieder und kehrte an den Tisch zurück. „Danke für diesen Ausflug in die Geschichte“, sagte Crowley. Auch Erziraphael bedankte sich, kam dann aber schnell auf den eigentlichen Anlass von Alecs Besuch zu sprechen. „Darf ich jetzt endlich mein Anliegen vorbringen, ohne dass ihr mir dazwischen funkt?“ Er blinzelte Crowley und Muriel zu, die beide nickten, aber nicht im Geringsten schuldbewusst wirkten. „Muriel wird die Wohnung im ersten Stock des Nebenhauses beziehen, das inzwischen Eigentum meines Partners ist“, begann er seine Erklärung. „Im Erdgeschoss wird sie eine Kinderbuchhandlung einrichten, die bisher provisorisch hier untergekommen war.“ Er wies mit dem Finger auf den neuen Verkaufstresen und die Regale. „Wenn ich die Geschichte schon gekannt hätte, hätte ich den Tresen natürlich bei Ihnen in Auftrag gegeben, Alec. Ich wusste aber leider nichts von Ihnen.“ Muriel warf ihm einen schuldbewussten Blick zu, aber Alec winkte gutmütig ab. „Im Dachgeschoss wollen wir ein kleines Gäste-Apartment einrichten, für das uns hier der Platz fehlt“, fuhr der Buchhändler fort. Der Blick, den er Crowley bei diesen Worten zuwarf, und die kleine Geste, die verriet, dass er versucht war, dabei nach seiner Hand zu greifen, beantwortete Alecs unausgesprochene Frage, wie das Wort „Partner“ zu verstehen war, mit dem Fell den Mann vorgestellt hatte. Das erklärte wohl auch, warum er so glücklich und entspannt wirkte, dachte Alec. Er freute sich für den gutmütigen Buchhändler, der ihm immer ein bisschen weltfremd vorgekommen war, obwohl er so gebildet war und auch über aktuelle Themen stets gut informiert schien. Ganz kurz blitzte der Gedanke auf, dass seine Töchter, spätestens seine Enkel dann vermutlich die erste Generation der Gibsons sein würden, über deren Wohlergehen nicht im Hintergrund ein Mister Fell wachte. Er verdrängte diese Überlegung und wandte sich dem Geschäftlichen zu. „Sollen wir uns die künftige Baustelle mal ansehen?“, fragte er. „Das wäre sicher das einfachste.“
So machte sich zum zweiten Mal an diesem Tag eine kleine Karawane auf den Weg durch das Nachbarhaus, begann die Besichtigung aber diesmal unter dem Dach. Dankbar registrierte Erziraphael, dass Maggie offenbar nachträglich einen Eimer unter die undichte Stelle gestellt und die kleine Pfütze aufgewischt hatte. Alec sah sich alles gründlich an, nahm alle Maße und hörte genau zu, während Erziraphael, Crowley und Muriel ihre Vorstellungen beschrieben. Er machte Fotos, die er in derselben App speicherte, in die er auch die Maße eintrug und seine Notizen eingab. Am Ende der Begehung ließ er sich von Muriel genau erklären, wie sie das Schaufenster gestalten wollte, und versprach, kurzfristig einen Entwurf für variabel kombinierbare Regal-Elemente vorzulegen. Er kehrte noch einmal mit den anderen in die Buchhandlung zurück und konsultierte den Webshop des Großhändlers. Schließlich nickte er zufrieden. „Sie haben Glück“, stellte er fest. „Die Fenster für die Wohnetage haben alle Normmaße und sind in der gewünschten Qualität vorrätig. Das gilt ebenso für die Fensterbänke. Die kann mein Vorarbeiter morgen mit der Ware für andere Kunden abholen und übermorgen komme ich und fange mit dem Einbau an. Wegen der Uhrzeit melde ich mich nochmal. Bis dahin weiß ich hoffentlich auch die Lieferzeiten für die restlichen Fenster.“ Er schaute in die Runde. „Wenn Sie keine Fragen mehr haben, war es das für heute“, verkündete er. Sie verabschiedeten sich herzlich und trugen ihm erneut Grüße an seine Familie auf. Anschließend ließen sie sich zu dritt wieder um den Esstisch fallen und sagten erst einmal gar nichts. Muriel fand ihre Sprache zuerst wieder: „Niemals hätte ich geglaubt, dass wir heute schon so viel regeln können.“ Sie beugte sich über den Tisch und kratzte Erziraphael fürsorglich die weiße Wandfarbe von der Stirn, die sich dort den ganzen Abend gehalten hatte. „Und Vickys Wohnung ist auch so gut wie fertig“, fügte sie hinzu. „Mit euch hatten wir ganz sicher nicht gerechnet, aber ihr wart eine Riesen-Hilfe!“ Crowley begnügte sich mit einer abwehrenden Geste, aber Erziraphael strahlte über das Lob. „Es hat mir sogar Spaß gemacht“, schwärmte er. „Da sieht man am Ende des Tages, was man geschafft hat.“ Muriel und Crowley lächelten sich zu, beide gleichermaßen gerührt von der fast kindlichen Begeisterung des Engels.
Sie tranken noch ein Glas Wein zusammen, dann erhob sich Muriel als Erste. „Ich gehe morgen früh gleich bei Nina vorbei und frage, ob sie den Mietwagen auch einen Tag früher bekommen kann. Dann könnten wir Vickys ganzes Zeug vielleicht morgen schon einladen und hinüberschaffen.“ Fragend sah sie auf die Männer hinunter. „Seid ihr wieder mit von der Partie oder habt ihr andere Pläne?“ Crowley nickte. „Ich kann auf jeden Fall mit anfassen. Ich habe morgen nichts anderes vor.“ Zufrieden wünschte Muriel ihnen eine gute Nacht und stieg zu ihrem Zimmer hinauf. Erziraphael drehte sich zu Crowley um und griff zärtlich nach seiner Hand. „Das war ein aufregender Tag. Und ein langer. Willst du auch gleich ins Bett?“ Der Dämon schüttelte den Kopf. „Hexe war noch nicht draußen. Und dann würde ich den Tag am liebsten in Ruhe mit dir ausklingen lassen, nur wir zwei. Wäre das ok für dich?“ Wortlos stand der Engel auf und zog Crowley von seinem Stuhl hoch. Er verschränkte die Hände hinter seinem Kopf und küsste ihn. „Nur wir zwei klingt absolut perfekt. Soll ich uns eine heiße Schokolade machen, während du mit Hexe rausgehst?“
Als der Dämon und die Wolfshündin zurückkamen, hatte Erziraphael die Lichter gedämmt und Wolldecken bereitgelegt. Eine Porzellankanne mit heißer Schokolade stand auf einem Stövchen, daneben seine Lieblingsbecher mit den Engelsflügeln. Er wartete auf dem Sofa. „Willst du dich zu mir legen?“ Crowley zögerte kaum merklich, dann streckte er sich neben dem Engel aus, ließ die Füße über die Armlehne ragen und seinen Kopf in Erziraphaels Schoß sinken. Er seufzte wohlig und schloss die Augen. Er öffnete sie auch nicht, als er spürte, wie eine Decke über ihn gebreitet wurde und wie eine Hand durch sein Haar fuhr. Stattdessen seufzte er noch einmal, leiser diesmal, und konzentrierte sich auf die Finger, die mit seinen Haaren spielten. Er liebte dieses Gefühl und war sich sicher, dass er davon niemals genug bekommen würde. Mehr durfte ein Dämon vom Leben nicht erwarten. Er kostete diese Momente bis zum Letzten aus, weil er sicher war, dass sie ihm früher oder später wieder genommen werden würden. Er sparte die glücklichen Erfahrungen in seinem Herzen an, damit sie ihn würden wärmen können, wenn er wieder allein auf das Ende der Ewigkeit wartete. Er spürte, wie Erziraphael sich über seinen Kopf hinweg vorbeugte, dann wurde etwas Warmes auf seinem Brustkorb abgestellt. „Deine Schokolade, Liebling.“ Er griff danach und hob den Kopf, um besser trinken zu können. Dabei schob der Engel ihm ein Kissen unter den Kopf. Der Moment war perfekt. Crowley fühlte sich von Wärme, Fürsorge und Zärtlichkeit eingehüllt. Er nippte an der Schokolade, die süß und sahnig war und nach einem Hauch Zimt schmeckte. Er genoss die warmen Finger auf seiner Kopfhaut, horchte auf Erziraphaels Herzschlag, der ihm so vertraut war, und erlaubte sich, einfach loszulassen. „Engel!“, flüsterte er und fühlte warme Lippen auf seinem Mund, spürte, dass ihm seine Tasse abgenommen wurde, hörte, wie sie auf dem Tisch abgestellt wurde, dann griff er mit beiden Händen nach Erziraphaels Kopf und zog ihn zu sich hinunter. Sie küssten sich lange, behutsam und zärtlich, bis Crowleys Kopf zurücksank und seine Atemzüge tief und gleichmäßig wurden. Der Engel bewachte seinen Schlaf, eine Hand in seinen roten Locken, die andere auf seiner Brust, und es kam ihm vor, als hätten seine Gefühle gar nicht alle Platz in seinem Herzen. Erst als auch er so müde war, dass er die Augen nicht mehr aufhalten konnte, küsste er Crowley noch einmal und flüsterte: „Komm ins Bett, Liebster.“ Der Dämon öffnete die Augen, ein glückliches Lächeln erhellte sein Gesicht, dann setzte er sich auf, schlug die Decke zur Seite und stellte die Füße auf den Boden. In stummem Einvernehmen löschten sie die Lichter und stiegen hintereinander die Treppe hinauf. Erst als sie die Decke über sich zogen, sprachen sie wieder. „Engel!“, sagte Crowley, nur dieses eine Wort, und es klang wie ein Gebet. „Ich bin hier“, antwortete Erziraphael und streckte unter der Decke seine Hand nach der des anderen aus. Es dauerte nur Augenblicke, dann waren sie eingeschlafen.