LNCrawler

Tag 11, Dienstag - An diesem Morgen

Next Omens Ii - Brave New World — www.fanfiktion.de · All chapters

Tag 11, Dienstag - An diesem Morgen

An diesem Morgen blieben das Café und die Buchhandlung geschlossen. Nina hatte sofort nach Öffnung der Mietwagenzentrale den bestellten Transporter abgeholt und war dann mit Maggie zum Plattenladen gefahren. Dort standen einige Kisten mit Platten bereit, die sie nicht einlagern wollte. Zielsicher griff sie nach einer davon und verließ den Laden wieder. Dann folgte sie Nina nach nebenan in die Buchhandlung, wo Muriel sie schon mit einem liebevoll gedeckten Frühstückstisch erwartete. Die Freundinnen stärkten sich gemeinsam für den vor ihnen liegenden Tag, denn sie hatten heute viel vor und waren voller Schaffensdrang.

***

An diesem Morgen hatte Gabriel schon am Küchentisch gesessen und mit gerunzelter Stirn seine E-Mails gecheckt, als Bee schlaftrunken hereinkam. „Immer noch keine Antwort zum Aufenthaltsort von Arwens Vater!“ Er ärgerte sich sichtlich. „Hast du nicht noch irgendeinen guten Kontakt nach unten , mit dem sich das offizielle Verfahren abkürzen ließe?“ Hoffnungsvoll sah er seine Partnerin an, aber sie schüttelte den Kopf. „Keinen, der auf so sensible Daten Zugriff hätte.“ Diese Unterhaltung hatten sie schon mehr als einmal geführt. Bedauernd starrte sie auf den Bildschirm. „Kannst du herausfinden, welche Lager überhaupt noch in Betrieb sind?“ Er verneinte. „Nur über eine offizielle Anfrage, aber ich bin nicht bereit, so lange zu warten.“ Sie seufzte. „Dann weiß ich nur noch einen Weg.“ Sie setzte sich und zog den Laptop zu sich herüber. Gabriels gemurmelten Protest ignorierte sie. „Hol mir einen Kaffee, ja? Ich brauche eine Stärkung für das Gespräch, das ich vor mir habe.“ Als er den Kaffeebecher und einen Joghurt vor ihr abstellte, sah er, wessen Kontaktdaten sie aufgerufen hatte. „Oh!“ Mehr sagte er nicht. Er setzte sich neben sie, griff nach seinem eigenen Kaffee und wartete ab. Dieses Gespräch versprach spannend zu werden.

***

An diesem Morgen saß Jesus nur ein paar Straßen weiter auf der Kante seines Hotelbetts und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Er war nach einer unruhigen Nacht viel zu früh erwacht und hatte vergeblich darauf gewartet, dass der Schlaf zurückkam. Er machte sich Sorgen. Ernsthafte Sorgen. Umael und Berechiel hatten ihm zwar vor der Besprechung angedeutet, worum es bei dem Termin mit dem Premierminister und weiteren Regierungsmitgliedern gehen würde, zu dem er sie gestern begleitet hatte, aber er war nicht darauf vorbereitet gewesen, wie ernst die Lage war. Spätestens, als er in dem Tagungsraum, in dem sie in Downing Street 10 erwartet wurden, nicht nur die Innenministerin, sondern auch die Minister für Äußere Angelegenheiten, Verteidigung und Justiz erkannte, schwante ihm Böses. Als ihm dann auch noch die halbe Führungsebene des Inlands- und des Auslandsgeheimdienstes vorgestellt wurde, musste ihm niemand mehr erklären, dass es bei dieser Besprechung nicht um Hirngespinste oder vage Befürchtungen gehen würde, sondern um sehr konkrete Bedrohungen. Niemand brachte die Energie für Small Talk oder den Austausch von Höflichkeiten aus. „Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie so kurzfristig kommen konnten“, kam der Regierungschef sofort zur Sache. „Der König erwartet meinen Bericht, sobald wir unser Gespräch beendet haben. Im Anschluss daran werde ich Vertreter aller Botschaften und Konsulate zu Einzelgesprächen empfangen.“ Er übergab das Wort ohne alle Formalitäten an die Leiterin des MI6, auf deren Zeichen der Raum verdunkelt wurde und eine Leinwand sich entrollte. Energisch mit dem Presenter in ihrer Hand gestikulierend, hatte sie im Eiltempo frei vorgetragen, während die Zuhörenden fassungslos auf die schnelle Abfolge von verstörenden Bildern, erschreckenden Zahlen und bedrohlichen Szenarien starrten.

Nach dem Termin hatten sie den Sitz des Premierministers mit dem Versprechen verlassen, umgehend die vor noch nicht einmal zwei Wochen aufgelösten General- und Krisenstäbe von Oben und Unten wieder zusammenzutrommeln und deren Analysen und Handlungsempfehlungen unverzüglich an die Regierung und den König weiterzugeben. Keiner hatte ihnen sagen müssen, dass die Informationen strikter Geheimhaltung unterlagen und sie mit größtmöglicher Diskretion vorgehen mussten. Der Rest des Tages war mit fiebriger Geschäftigkeit angefüllt gewesen, sie waren von einer Abstimmungsrunde in die nächste gehetzt, hatten sich durch zahlreiche Web-Konferenzen geklickt, um dort kurze Anweisungen zu geben und ein möglichst geschlossenes Vorgehen zu vereinbaren, hatten Presseanfragen abgewiesen und sich immer wieder über demokratische Errungenschaften hinweggesetzt, um schnelle Entscheidungen zu forcieren. Für alle Aktivitäten war als oberste Direktive ausgegeben worden, eine Panik unbedingt zu vermeiden, Deeskalation zu betreiben und mit wohlüberlegten Informationshäppchen den globalen Entwicklungen einen Anstrich von Normalität zu geben.

Berechiel und Umael hatten ihm mit vereinten Kräften zugesetzt, sie zurück in den Himmel zu begleiten, aber er hatte sich nicht dazu überwinden können. Er hatte so für diesen Urlaub gekämpft! Verdammt, vor der Wiederkehr war es doch auch immer ohne ihn gegangen! Sein Pflichtbewusstsein schimpfte ihn egoistisch, sein Verstand nannte ihn irrational und seine Berater appellierten an sein Verantwortungsbewusstsein und versuchten, eine Verpflichtung zur Rückkehr aus allgemein anerkannten Rechtsgrundsätzen abzuleiten. Jesus selbst aber hatte nur eins gewollt: In sein Hotelzimmer entkommen, die Tür hinter sich zumachen und sich in den Schlaf flüchten. Widerwillig stand er schließlich auf und machte sich fertig für den Tag. Er würde Crowley und Erziraphael einweihen. Gemeinsam würden sie sicher auch diesmal einen Ausweg finden. Sie mussten einfach! Den Freunden würde eine Lösung einfallen, um das Schlimmste zu verhindern.

***

An diesem Morgen hatten die Männer, auf denen Jesus‘ ganze Hoffnung ruhte, verschlafen. Sie hatten den Wecker überhört und wachten erst auf, als sie Hexes feucht-warmen Weckruf im Gesicht spürten. „Hexe, was soll das? Igitt! Was zum …!?“ Crowley sah die Anzeige des Weckers und fluchte. „Engel, beeil dich. Unten klappert schon das Geschirr.“ Er war mit einem Satz aus dem Bett und am Fenster. „Oh, shit! Da steht auch schon der Transporter! Nun werd‘ schon wach, Engel!“  Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar, versuchte, auf einem Bein ins Bad hüpfend, den Wechsel vom Schlafanzug in Jeans und Pullover zu bewältigen, und wäre um ein Haar lang vor der Dusche hingeschlagen, weil er das Gleichgewicht verlor. Er wusch sich mit eiskaltem Wasser das Gesicht, kam zurück ins Schlafzimmer und zog Erziraphael energisch die Decke weg. „Wir haben beide versprochen zu helfen. Nun komm schon!“ Als der Engel sich endlich im Bett aufsetzte, drängte Crowley sich an Hexe vorbei zur Tür und eilte die Treppe hinunter. Am Esstisch saßen die drei Frauen und lachten Tränen. „Was!?“, fuhr er sie an. Maggie sah sich als Erste wieder in der Lage zu sprechen. „Beinahe wären wir hochgekommen, um das Schauspiel nicht zu versäumen. Allein die Tonspur war schon unterhaltsam genug.“ Nina schob ihm gutmütig einen großen Becher Kaffee über den Tisch. „Es ist wirklich schön, dass du deine Versprechen so ernst nimmst, Crowley, aber jetzt atme erst nochmal tief durch. Sonst liegst du gleich unter einem Umzugskarton begraben.“ Er brummte etwas Unverständliches. „Wir haben dich auch lieb, Crowley.“ Muriel drückte ihm einen Kuss auf die Wange und die beiden anderen umarmten ihn nun ebenfalls zur Begrüßung. Schnell versöhnt wandte er sich dankbar dem Kaffee zu. „Warum habt ihr uns denn nicht einfach geweckt, statt uns von hier unten zu belauschen?“ Muriel war aufgestanden und hatte Hexe hinausgelassen. Als sie sich umdrehte, war auch Erziraphael auf der Treppe erschienen. „Gewährt mir eine Tasse Tee, dann bin ich einsatzbereit.“ Er begrüßte die Frauen und setzte sich neben Crowley. „Ich gewähre dir sogar ein Frühstück“, beruhigte ihn Muriel und schob ihm einen Teller mit Toast hin. Währenddessen hatte Maggie den Tisch verlassen und kam nun mit dem Karton zurück, den sie aus dem Plattenladen mitgebracht hatte. Sie stellte ihn vor dem Buchhändler ab. „Ich habe noch ein paar Sammlerstücke für dich reserviert“, sagte sie. „Als Dank für …, na ja, einfach für alles!“ Er lächelte und setzte gerade dazu an, zu erklären, dass das doch nicht nötig sei, als Nina ihm ins Wort fiel: „Das wissen wir alles, Engel. Sag einfach nur Danke!“ Er befolgte die Anweisung und warf einen Blick in die Kiste. „Oh, Maggie! Ich hatte keine Ahnung, dass sich diese Schätze noch in deinen Regalen verborgen haben. Ich danke dir von Herzen.“ Muriel hatte keine Ruhe mehr. Sie sprang auf und zog Erziraphael den Teller weg, kaum, dass er nach der letzten Scheibe Toast gegriffen hatte. „Auf geht’s! Wir fangen mit den Sachen von Vicky und Liam an.“ Unter ihrem Oberbefehl machten sich alle auf den Weg ins Nachbarhaus.

***

An diesem Morgen bellte Furfur ins Telefon: „Ich werde nicht mit dir sprechen!“, und legte auf. Das Telefon klingelte umgehend erneut. Er versuchte, es zu ignorieren. Einige Male gelang es ihm, schließlich nahm er doch wieder entnervt ab. „Ich spreche nicht mit Verrätern und es ist mir vollkommen gleich, was du von mir willst!“ Der Finger schwebte schon wieder über dem „Auflegen“-Icon, als er am anderen Ende die ihm nur allzu bekannte Stimme hörte, die ihn anblaffte: „Es geht nicht um mich, Furfur. Es geht um Unrecht gegenüber Hunderten von Dämonen.“ Er zögerte, seufzte, dann nahm er endlich das Handy ans Ohr. „Du hast 30 Sekunden, mich zu überzeugen, dann lege ich auf.“ Die Anruferin schien nicht einmal Luft holen zu müssen, bevor sie ihr Anliegen herunterrasselte: „Hunderte Dämonen sitzen ohne Verfahren in den Lagern, in die wir sie gesteckt haben, und weder wir noch der Himmel noch die Menschen scheren sich um sie!“ Er kniff die Augen zusammen und atmete zweimal tief durch. „Beelzebub, was soll das? Was willst du von mir?

***

An diesem Morgen kam Jesus mit schleppenden Schritten und hängenden Schultern an der Buchhandlung an und wurde von der fiebrigen Geschäftigkeit der Umzugshelfer mitgerissen, bevor er seine Sorgen mit einem Wort erwähnen konnte. Als Muriel ihm mit den Worten: „Den hier auf den vorderen Stapel ganz links auf der Ladefläche!“, einen Karton in die Hand drückte und schon den nächsten hochhob, entschied er, dass ihm etwas Ablenkung und Bewegung nur gut tun konnten. Er konnte den Freunden die Laune auch einfach später verderben, wenn die Arbeit geschafft war.