Tag 1, Samstag
Tag 1, Samstag
[Kurzer Spoiler: Natürlich liebt unsere Buchhändlerin (Kinder-)Bücher und selbstverständlich liebt der Besitzer der Buchhandlung Literatur jeder Art. Und ich habe eine ausgesprochene Vorliebe für's Vorlesen (und bekomme gern vorgelesen).
Wenn ihr euch jedoch weniger für Gedichte begeistern könnt als die Engel, könnt ihr den "Gedichte-Teil" gegen Ende dieses Kapitel einfach überspringen. Er ist nicht Voraussetzung zum Verständnis der weiteren Geschichte. Ganz am Ende findet ihr übrigens Übersetzungen des englischen und des französischen Gedichts.]
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Der Morgen brachte eine neue Enttäuschung für Erziraphael, der neben einem leeren Bett erwachte und nur eine wortkarge Nachricht vorfand. Immerhin fand er schnell heraus, warum Crowley sich davongestohlen hatte: Muriel und Crowley hatten seit seinem letzten Kontakt zu ihnen die Buchhandlung um eine Kinderbuchabteilung erweitert und für diesen Vormittag zu einer Vorlesestunde eingeladen. Tief gerührt entdeckte der Engel einen anderen Crowley, der ohne Sonnenbrille und ohne sein übliches tiefschwarzes Outfit aus einem Kinderbuch vorlas und damit die Kinder ebenso wie ihre Eltern und ihn selbst verzauberte. Muriel zeigte sich bei dieser Gelegenheit als souveräne Buchhändlerin, Gastgeberin und Organisationstalent und die Kunden und Nachbarn waren voll des Lobes für die beiden, begrüßten aber auch Erziraphael selbst mehr als herzlich nach seiner langen Abwesenheit. Was aber das Allerwichtigste war: Endlich, endlich brachte Erziraphael die schlichten Worte über die Lippen, die er nun schon so lange in seinem Herzen mit sich herumtrug: „Ich liebe dich, Crowley. Schon immer.“
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Muriel verhinderte, dass sie den Moment länger auskosten konnten, weil sie zum Aufbruch drängte. Sie waren von Nina und Maggie zum Essen eingeladen worden und wurden im Café erwartet. Erziraphael griff vorsichtig nach Crowleys Hand und registrierte erleichtert, wie fest sie sich um seine schloss, während sie hinter Muriel die Straße überquerten. Ebenso dankbar war er für den Empfang durch Nina und Maggie, die ihn genauso freundschaftlich und selbstverständlich zur Begrüßung umarmten wie Crowley und Muriel. Beim Aufwachen noch hatte er sich gefragt, ob die Freunde ihn als Eindringling und Fremdkörper behandeln würden, aber diese Befürchtungen hielten der herzlichen Aufnahme auch diesmal nicht stand. Kurz darauf stieß noch Sariel zu ihnen, dicht gefolgt von Bee und Gabriel, und während Gabriel ihnen zur Begrüßung auf die Schultern klopfte, legte die Dämonin von hinten die Arme um sie und flüsterte ihnen zu: „Ich freue mich so für euch! Ich hatte wirklich Angst, ihr vermasselt es.“ Sie ließ sich auf dem Stuhl neben Erziraphael nieder und beobachtete lächelnd, wie er bei diesen Worten zu Crowley sah und ihm zärtlich die Hand auf den Arm legte. „Lob sie nicht zu früh“, sagte Nina. „Ich bin mir sicher, die beiden finden noch viele Gelegenheiten, es sich gegenseitig schwer zu machen.“ Aber der Blick, den sie ihnen dabei zuwarf, strafte ihren barschen Ton Lügen. „Nur gut, dass das dir und Maggie nie passieren könnte“, frotzelte Gabriel und Muriel verkündete fröhlich: „Aber dafür habt ihr ja uns: Wir passen schon auf euch auf, auf alle vier.“ Genauso ungezwungen wie die ersten Minuten verlief auch der Rest des Essens.
Während die Freunde am Abend vorher vor allem von Erziraphael hatten hören wollen, was er aus den Verhandlungen und über den Vertrag erzählen durfte, und was mit den Verantwortlichen von Himmel und Hölle geschehen würde, wurde heute seine Neugier gestillt. Muriel erzählte mit glühender Begeisterung, wie sie aus der ersten Idee in kürzester Zeit eine gut angenommene Kinderbuchabteilung gemacht hatte und wie glücklich sie war, dass Crowley sich als regelmäßiger Vorleser hatte verpflichten lassen. „Ich kenne niemanden, der sie beim Zuhören so in seinen Bann zieht wie Crowley“, schwärmte sie. „Erinnert ihr euch an die Filme, die ich in der Eröffnungswoche gezeigt habe? Einer davon war Tintenherz , wisst ihr noch? Mit dem Buchbinder, der die Geschichte, die er vorlas, mit seiner Stimme zum Leben erwecken konnte?“ Nina nickte. „Den habe ich mir gemerkt, die Tochter des Buchbinders hieß nämlich Maggie.“ „Du meinst, er ist auch eine Zauberzunge?“ Bee betrachtete betont abschätzig Crowleys Outfit, das jetzt wieder die übliche Farbe hatte. „Mit seinem ewigen Schwarz erinnert er mich ja mehr an Staubfinger“, stichelte sie. Hinter Erziraphaels Rücken streckte Crowley seinen Arm aus und revanchierte sich mit einem Klaps auf Bees Hinterkopf. „War der nicht blond?“ „Nur im Film“, korrigierte Muriel. „Im Buch ist er rothaarig.“ Erziraphael verfolgte den lebhaften Austausch mit wachsender Verwunderung. „Keine Sorge, Erzengel, wir sind auch nicht so firm in Kinderbüchern“, warf Nina ihm von der anderen Seite des Tisches mit einem Zwinkern zu. Muriel hängte die Latte jedoch höher: „Als Buchhändler müsstest du vielleicht doch ein paar Grundlagen nachholen“, stichelte sie.
„Sprechen wir doch mal über ein Thema, bei dem Erziraphael sicher der kompetenteste am Tisch ist“, warf Maggie ein. „Nina hat große Pläne für das Café.“ Nina boxte sie in die Seite. „Bei dir klingt das, als wäre ich größenwahnsinnig geworden. Ich will lediglich das Angebot erweitern.“ Sie berichtete, dass sie vorhatte, die Karte um verschiedene Snacks und kleine Gerichte zu ergänzen. „Sie steht seit Wochen abends in der Küche und probiert Rezepte aus, die wir dann morgens kosten müssen“, erzählte Maggie. „Und niemand nimmt Rücksicht darauf, was meine Waage zu der zusätzlichen Mahlzeit sagt.“ „Du müsstest die Probierportion doch nicht aufessen, wenn du schon nach dem ersten Bissen weißt, dass es dir schmeckt“, neckte Nina sie. „Wenn du jemanden mit übermenschlicher Selbstbeherrschung suchst, musst du demnächst Engel und Dämonen zum Test-Essen einladen, nicht mich armes Menschenkind“, war Maggies Antwort. Nina lächelte in die Runde. „Genau das habe ich vor. Ich habe jeweils fünf kalte und fünf warme Gerichte in die engere Auswahl genommen. Würdet ihr mir die Freude machen, sie zu kosten und mir eure ehrliche Meinung dazu zu sagen?“ Natürlich sagten alle zu – außer Sariel, dem die Begeisterung der anderen für menschliches Essen und Trinken nach wie vor unverständlich blieb - und die Unterhaltung ging zum nächsten Thema über.
Muriel und Sariel berichteten von den Ausflügen, die sie in spezialisierte Bibliotheken und außergewöhnliche Buchhandlungen planten. „Willst du nicht auch mitkommen, Erziraphael?“, fragte sie übergangslos. „Oder kennst du schon jedes Antiquariat und jede Bibliothek im Vereinigten Königreich?“ Bevor er Gelegenheit hatte zu antworten, fiel Bee ein: „Crowley, merkst du was? Kaum ist der Ehrwürdige Erzengel wieder da, werden wir nicht mehr eingeladen.“ Sie kicherte, als sie Muriels entrüstetes Gesicht sah. „Hat Gabe euch eigentlich schon erzählt, worüber er in letzter Zeit nachgrübelt?“ Nun sahen alle neugierig zu Gabriel. „Das ist doch überhaupt noch nicht spruchreif!“, wehrte er ab. Aber so leicht ließ Bee nicht locker. Mit Verschwörer-Miene berichtete sie: „Er denkt darüber nach, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren. Oder einen Quartiers-Rat zu gründen.“ Nina sah überrascht auf. „Ein Quartiers-Rat? Das klingt nach einer guten Idee. Dann würden wir nicht immer nur mit den paar Geschäftsinhabern in unserer Straße im eigenen Saft kochen. Hast du schon konkretere Ideen?“ Bee kam Gabriel mit ihrer Antwort zuvor: „Ich persönlich glaube ja, dass er einfach jemanden braucht, den er herumkommandieren kann. Er ist beim Jüngsten Gericht wieder auf den Geschmack gekommen.“ Gabriel beugte sich hinter ihrem Rücken zu Erziraphael hinüber und fragte: „Würdet ihr mir noch einmal Asyl gewähren? Ich war wirklich nicht darauf vorbereitet, wie dominant diese Frau ist.“ Alle stimmten in das Gelächter ein.
Erziraphael hatte sich schon bald entspannt zurückgelehnt und genoss die lebhafte Unterhaltung und die gutmütigen Neckereien aus vollem Herzen. In all den Jahrtausenden auf der Erde hatte es nur wenige Gelegenheiten gegeben, bei denen er in Gesellschaft von Menschen oder gar Dämonen so gelöst gewesen war. Noch nie hatte er sich so angenommen, so zugehörig gefühlt. Er musste sich nicht verstellen, er musste nichts beweisen und vor niemandem auf der Hut sein. Niemals hätte er es für möglich gehalten, das einmal erleben zu dürfen. Und dabei war er erst seit weniger als vierundzwanzig Stunden wieder hier! Immer wieder sah er zu Crowley, der ebenso entspannt wirkte, wie er selbst sich fühlte. Die Ellenbogen auf der Tischplatte und den Kopf in die Hände gestützt, verfolgte er den freundschaftlichen Schlagabtausch. Er sprach wenig. Wenn er Erziraphaels Blick auf sich ruhen spürte, sah er zu ihm hinüber und lächelte ihn an. Ein fast schüchternes Lächeln, in dem so Vieles mitschwang, worüber sie noch nicht gesprochen hatten: Staunen. Ungläubige Freude. Vorsicht. Wenn Erziraphael sich schon die Zugehörigkeit zu einer so fröhlichen „Tafelrunde“ noch vor Kurzem kaum hatte vorstellen können, so hätte er es schlichtweg für unmöglich gehalten, dass er jemals so neben Crowley sitzen könnte, als Paar unter Freunden, das sich vor niemandem rechtfertigen oder gar verbergen musste. Er legte dem Freund eine Hand auf den Rücken, wobei er genau auf Anzeichen von Unbehagen achtete, bereit, sie sofort zurückzuziehen. Aber Crowley ließ es geschehen, lächelte wieder sein vorsichtiges Lächeln. Erziraphael bemerkte, dass er der Unterhaltung nicht mehr gefolgt war. Dass er jetzt gerne mit Crowley allein wäre. Er ließ seine Hand von Crowleys Rücken zu seiner Taille rutschen und beugte sich zu ihm hinüber. „Wäre es unhöflich, wenn wir bald gehen?“, flüsterte er ihm ins Ohr. Täuschte er sich oder wurde der Dämon tatsächlich rot? Er schüttelte unmerklich den Kopf. „Warum habt ihr eigentlich Hexe nicht mitgebracht? Du wärst doch normalerweise schon längst eure Mittagsrunde mit ihr gelaufen.“ Das kam von Muriel, der wunderbaren Muriel! Erziraphael hatte keine Erklärung dafür, wie ein Engel, der selbst im Himmel kaum Kontakte gehabt hatte, und vor nicht einmal einem Jahr zum ersten Mal auf Menschen und Dämonen getroffen war, so empathisch, so einfühlsam sein konnte. Crowley nickte ihr dankbar zu. „Stimmt. Ich hatte nicht gedacht, dass ich so lange wegbleibe.“ Er stand auf und sah in die Runde. „Danke für die Einladung Nina, aber Hexe muss jetzt wirklich raus. Wir seh‘n uns.“ Er nickte allen zu und sah fragend zu Erziraphael: „Kommst du mit?“ Nach dem Abschied, der womöglich noch herzlicher ausfiel als die Begrüßung, gingen sie in die Buchhandlung, wo die Wolfshündin sie schwanzwedelnd erwartete. „Willst du was anderes anziehen? Von einer Runde mit Hexe kommt man normalerweise nicht sauber heim.“ Erziraphael sah ihn zweifelnd an. Seit er zurück auf der Erde war, trug er wie selbstverständlich wieder seine liebsten Kleidungsstücke. Er blickt an sich herunter. Hemd, Fliege, Weste und Gehrock in hellen Beige- und Blau-Tönen waren wahrscheinlich wirklich nicht angemessen, die auf Hochglanz polierten edlen Maßschuhe schon gar nicht. Aber er besaß im Grunde nichts anderes. Nichts, in dem er sich auf der Straße sehen lassen würde, jedenfalls. Er wirkte hilflos. „Darf ich?“ Mit einer Handbewegung hatte Crowley ihm die Entscheidung abgenommen. Der Engel sah an sich herunter. Ein blassblaues Poloshirt, darüber ein legeres Sakko, dazu eine gepflegte Freizeithose und Sportschuhe mit dicken Sohlen, sehr ungewohnt, aber in seiner bevorzugten Farbpalette und nicht übertrieben rustikal. „Danke.“ Er würde noch viel an sich arbeiten müssen. Aber er war ja nicht allein. Er nickte Crowley zu: „Ich bin so weit.“
„St. James Park?“, fragte Crowley, als sie vor der Tür standen. Erziraphael nickte. „Wohin auch immer ihr wollt.“ Bisher hatte er nur Augen für Crowley gehabt, jetzt sah er Hexe zum ersten Mal bewusst neben sich stehen. Die Irische Wolfshündin war im richtigen Leben erheblich beeindruckender, als sie vom Himmel aus auf den Fotos und in den Übertragungen gewirkt hatte, stellte er fest. Er achtete darauf, dass er auf Crowleys anderer Seite ging. „Du hast doch nicht etwa Angst vor Hexe, Engel?“ Der Dämon schüttelte ungläubig den Kopf. „Sie ist ein Lamm.“ Er war stehengeblieben und sah zwischen den beiden hin und her. „So wird das nichts“, murmelte er. Er ging neben Hexe in die Knie und zeigte auf Erziraphael. „Er gehört zum Team, Mädchen“, sagte er und kraulte ihr den Kopf. „Er gehört zu uns. Ist einer von den Guten, verstehst du?“ Bei diesen Worten klopfte dem Engel das Herz bis zum Hals. „Er gehört zu uns!“ Wovor hatte er nur solche Angst gehabt? Die Worte füllten sein ganzes Herz aus und für den Augenblick war darin für nichts anderes Platz als für dieses Gefühl: Sie gehörten zueinander, er gehörte zu Crowley. Und zu Hexe. Und sie gehörten zu ihm! „Alles ok, Engel?“ Crowley hatte angesetzt, etwas über Hexe zu sagen, sah jetzt aber Erziraphael forschend an. „Alles sehr ok“, antwortete der mit Nachdruck und zog Crowley an sich. „Wirklich, mehr als ok!“ Sie umarmten sich, vergaßen, dass sie mitten in Soho auf der Straße standen. Crowley hielt ihn fest an sich gedrückt, als müsste er sich noch einmal vergewissern, dass er echt war. Es fühlte sich so richtig an. Warum hatten sie so lange gebraucht, es zu merken? Sie blieben so stehen, bis Hexe sie sachte mit der Schnauze anstieß. „Wir kommen ja schon, Mädchen“, sagte Erziraphael und streichelte sie, plötzlich ganz ohne Angst. Sie gehörte schließlich zu ihm.
Sie gingen schweigend nebeneinanderher, bis sie den Park erreicht hatten. „Wie lange bin ich diesen Weg nicht mehr gegangen?“, dachte der Engel und sah sich mit großen Augen um, als ginge er ihn zum ersten Mal. Es war, als würde Crowleys Nähe ihn die Umgebung anders wahrnehmen lassen. Er hatte sich auch früher schon hier heimisch gefühlt und das Viertel und die Menschen um sich herum mit freundlichem Wohlwollen betrachtet. Doch jetzt kam es ihm vor, als hätte alles einen warmen Schimmer, als würde alles ihn willkommen heißen, als wäre er erst jetzt ganz angekommen auf der Erde und in dieser Stadt. Sie betraten den Park und es schien ihm, als sei der St. James Park noch nie so bunt, so prächtig und so einladend gewesen. „Muss sie hier an die Leine?“, fragte er. Crowley schüttelte den Kopf. „Nur auf dem umzäunten Rasen rund um den See. Da gehen wir aber meistens erst später hin, wenn sie sich ausgetobt hat.“ Eine junge Frau mit Kinderwagen kam ihnen entgegen und der Engel machte einen Schritt zur Seite, um sie passieren zu lassen. Sie grüßte auffallend freundlich und sie erwiderten den Gruß. Hinter ihnen schepperte eine altmodische Fahrradklingel und Erziraphael sah sich um. Ein Teenager überholte sie auf seinem Rad und rief im Vorbeifahren: „Hi, Crowley! Alles klar?“ Crowley hob grüßend die Hand und rief dem Radfahrer nach: „Fahr keinen über den Haufen!“ Hexe war inzwischen vorausgelaufen und tollte auf dem Rasen herum, als wäre sie noch ein Welpe. Kurz vor der nächsten Wegkreuzung hörten sie plötzlich eine weibliche Stimme „Bleib hier!“ rufen und sahen auf. Der Hund, dem die Aufforderung offensichtlich gegolten hatte, hatte sie ebenso offensichtlich ignoriert. Ein grau-weißes, sehr großes Wollknäuel mit langen Beinen kam mit voller Geschwindigkeit quer über die Wiese auf sie zu gerannt. Erziraphael sah alarmiert zu Crowley, der aber nicht besorgt schien und nur ein kurzes Kommando zu der Wolfshündin hinüberrief: „Hexe, bleib!“ Hexe sah erst zu ihm und dann wieder aufmerksam und fröhlich mit dem Schwanz wedelnd dem Artgenossen entgegen. Sie rührte sich jedoch keinen Zentimeter von ihrem Platz. Die Besitzerin des anderen Hundes war ihm über die Wiese gefolgt, konnte mit seinem Tempo aber nicht mithalten. Als er bei ihnen ankam, schien er den Engel anspringen zu wollen; - Crowley schob sich dazwischen. Das minderte die Begeisterung des Hundes keineswegs. Er stützte sich mit den Vorderbeiden auf Crowleys Brust ab und versuchte, ihm das Gesicht abzulecken. Crowley drehte lachend den Kopf zur Seite und bemühte sich, den Überfall abzuwehren. „Boomer, du weißt doch, dass du nicht jeden anspringen darfst. Komm, sei ein guter Junge und geh mit Hexe spielen.“ Hexe hatte ihren Namen gehört und konnte kaum noch stillhalten. Ein Handzeichen von Crowley reichte und sie sprang auf den langhaarigen Rüden zu und nur Sekunden später tobten sie beide zusammen über die Rasenfläche. „Tut mir leid, Engel“, sagte Crowley, „Boomer scheint zu denken, meine Freunde seien automatisch auch seine Freunde.“ Erst jetzt kam die junge Frau direkt vor ihnen völlig außer Atem zum Stehen. „Oh Anthony, es tut mir leid. Entschuldigen Sie bitte, Mister!“ Dabei sah sie den Engel an. „Er ist noch jung und noch nicht wirklich erzogen.“ Crowley stellte sie vor: „Engel, das ist die Besitzerin dieses wunderschönen Bobtails im besten Flegelalter, Cathy. Cathy, das ist Erziraphael Fell, …“ Er schien zunächst noch etwas hinzufügen zu wollen, ließ die Vorstellung dann aber so stehen. Der Engel deutete eine Verbeugung an. „Schön, Sie kennenzulernen, Miss.“ „Oh, sagen Sie doch bitte Cathy!“, bat sie. „Ich fühle mich gar nicht wie eine Miss. Schon gar nicht, wenn ich mit diesem Riesenbaby unterwegs bin.“ „Cathy, du musst ihm das Anspringen wirklich abgewöhnen. Er ist längst zu groß dafür. Wenn er ein Kind so anspringt, wirft er es glatt um.“ Cathy nickte schuldbewusst. „In zwei Wochen beginnt der Kurs in der Hundeschule.“ Crowley quittierte diese Information mit einem zufriedenen Nicken. „Musst du weiter oder können wir sie noch ein bisschen spielen lassen?“ „Nein, lass sie ruhig. Boomer hat schon auf sie gewartet, glaube ich.“ Sie setzten sich zu dritt auf die nächste Bank und sahen den ausgelassenen Hunden zu. Sie wechselten nicht viele Worte und genossen die Sonne. „Was macht das Studium?“, fragte Crowley nach einer Weile. „Kommst du mit deiner Hausarbeit voran?“ Cathy nickte, es wirkte aber nicht sehr überzeugend. „Ich schiebe sie vor mir her“, bekannte sie dann kleinmütig. „Bald wird die Zeit knapp.“ Crowley stand auf und pfiff nach Hexe, die aus vollem Lauf stoppte und zu ihnen zurück gelaufen kam, den Bobtail auf ihren Fersen. „Dann solltest du jetzt vielleicht an den Schreibtisch gehen“, gab er der jungen Frau gutmütig mit auf den Weg und sie verabschiedeten sich freundlich. „Kennst du sie schon lange?“, fragte Erziraphael, während sie ihr und ihrem Hund nachsahen. „Seit sie Boomer hat, kurz nachdem wir aus Israel zurückgekommen sind, denke ich.“ Er sah, dass der Engel auf eine Erklärung zu warten schien. „Muriel nennt sie eine meiner Gassi-Bekanntschaften“, schickte er deshalb hinterher. „Mit einem Hund wie Hexe, die mit jedem Artgenossen Freundschaft schließen und mit allen spielen will, kommst du zwangsläufig mit anderen Hundebesitzern ins Gespräch.“ Erziraphael nickte. „Und bei der Gelegenheit erziehst du dann gleich die Besitzer?“ Crowley beantwortete die Frage mit einem Grinsen. Dann wurde er aber ernst. „Ich passe ein bisschen auf sie auf. Ich glaube, sie vermisst ihre Familie. Sie ist wohl zum ersten Mal von zuhause weg.“ Hexe wartete mit wachsender Ungeduld darauf, dass sie weitergingen, und sie taten ihr den Gefallen. Erziraphael fragte sich, während er neben Crowley her schlenderte, was den Dämon hatte so gesellig werden lassen. Ob es nur an Hexe lag? Oder an der Gesellschaft Muriels und der anderen?
Sie drehten eine große Runde durch den Park und begegneten vielen Spaziergängern und Radfahrern jeden Alters, jeder Herkunft und jeder Gesellschaftsschicht, mit und ohne Hunde, und es kam Erziraphael vor, als würde Crowley mindestens jeden zweiten kennen. Meist blieben sie nicht stehen, sondern wechselten nur im Aneinander-vorbei-Gehen einen freundlichen Gruß, aber Crowley schien sie fast alle beim Namen zu kennen und über jeden etwas Persönliches zu wissen. Ein junger Vater mit Kinderwagen blieb stehen und bedankte sich überschwänglich: „Mister Crowley, es hat wirklich geholfen! Seit wir mit ihr in dieser Praxis waren, schläft sie nachts wieder gut. Und wir auch!“ Der Dämon gab ihm Grüße an seine Frau mit auf den Weg und erklärte Erziraphael dann: „Ich habe ihm einen Tipp von Maggie weitergegeben. Ihrem Neffen hatte ein Besuch bei einem auf Kleinkinder spezialisierten Physiotherapeuten geholfen.“ Der Engel quittierte die Erläuterung mit einem Nicken, aber sein Erstaunen wuchs mit jeder weiteren Begegnung.
Als schließlich selbst Hexe vom Rennen und Toben erschöpft schien, dirigierte Crowley ihn zu einem der Kioske. „Eis?“, fragte er und bestellte auf das zustimmende Nicken hin Eis für alle drei. „Na, wie viele Kilometer hat Hexe heute schon in den Beinen?“, fragte der Kiosk-Betreiber freundlich. „Einen Halbmarathon, schätze ich“, antwortete Crowley. Hexe bekam ihr spezielles Hundeeis in einem Napf serviert, den er auf den Boden stellte, neben die Schüssel mit Wasser, die dort auf vierbeinige Gäste wartete. Er und Erziraphael gingen ein paar Schritte weiter und setzten sich auf eine Bank im Schatten, wo sie sich ihr Eis schmecken ließen. Schließlich machte sich Erziraphaels Verwunderung Luft und er platzte heraus: „Wie, um alles in der Welt, bist du eigentlich zu Everybody‘s Darling geworden, kaum, dass ich dich mal ein paar Monate allein lasse?“ Er hatte es witzig klingen lassen wollen, nicht wie ein Verhör, sah aber sofort, dass es auf Crowley anders wirkte. Er antwortete nicht gleich und Erziraphael hätte sich für seine lose Zunge ohrfeigen können, weil er in Crowleys Gesicht überdeutlich lesen konnte, wie schwer ihm die Antwort fiel. „Ich wusste ja nicht, ob ich dich jemals wiedersehe“, sagte er schließlich leise und sehr ernst. „Und ich habe mir geschworen, dass ich nie wieder so einsam sein will, dass mir alles egal ist.“ Er schaute den Engel dabei nicht an, sondern schien irgendeinen Punkt in großer Entfernung zu fixieren. Erziraphaels begriff sofort, an welche Zeit Crowley dachte. Betroffen nahm er seine Hand. „Es tut mir leid! Das war gedankenlos von mir.“ Hilflos starrte er auf ihre Hände, dann führte er Crowleys Hand zögernd an seine Lippen. Erst als jede Gegenwehr ausblieb, küsste er zaghaft die Handfläche. Der Dämon betrachtete Erziraphaels Lippen an seiner Hand, als sei er unsicher, ob er wachte oder träumte.
„Ich bin froh, dass du Bekanntschaften gemacht hast. Und Freunde gefunden“, sagte der Engel. „Möchtest du mir davon erzählen?“, fragte er. Crowley blieb stumm. „Von der Zeit, als dir alles egal war?“ Wieder blickten die goldenen Augen an ihm vorbei, in eine ungewisse Ferne, vielleicht auch in sich hinein. „Nein“, sagte er. „Doch“, korrigierte er sich überraschend. „Ich denke, ich muss es dir erzählen.“ Noch immer sah er den Engel nicht an. Nach einer längeren Pause ergänzte er: „Aber nicht hier und nicht jetzt.“ Er entzog Erziraphael seine Hand und wies auf den Rasen vor ihnen. „Wollen wir uns noch ein bisschen in die Sonne legen, bevor wir zurückgehen?“ Hatte er absichtlich nicht „nach Hause“ gesagt, fragte der Engel sich unwillkürlich. „Einfach so, ohne Decke?“ Er dachte an Grasflecken auf der Kleidung, fragte sich aber vor allem, welches Bild er dort abgeben würde und ob er so ohne Weiteres vom Boden wieder hochkäme, ohne sich zu blamieren, und schüttelte bedauernd den Kopf. „Ich glaube, ich bleibe lieber hier sitzen“, sagte er. „Aber geh du dich ruhig sonnen.“ Warum war er nicht ein bisschen spontaner? Wieso war er bei solchen Kleinigkeiten so unflexibel? Er haderte mit sich. Crowley musste ihn doch für einen Pedanten und Langweiler halten. Andererseits kannte er ihn lange genug, dass ihn diese Feststellung nicht überraschen konnte. Erziraphael seufzte. „Ist schon ok, Engel. Nächstes Mal bringen wir uns eine Decke mit, wenn das Wetter so schön ist.“ Der Dämon machte keine Anstalten aufzustehen. Stattdessen rutschte er auf der Bank ein Stück nach vorne, lehnte seinen Kopf an die Rückenlehne und schloss die Augen. Als er spürte, wie der Engel zaghaft nach seiner Hand griff, öffnete er sie noch einmal und lächelte ihn an. Kaum, dass er eingeschlafen war, fiel sein Kopf zur Seite und schien den Oberkörper langsam mitzuziehen, bis er auf Erziraphaels Schulter lag. Für den Engel war das eine ganz neue Erfahrung und er entschied umgehend, dass sie nach Wiederholung verlangte. Unwillkürlich beugte auch er seinen Kopf und lehnte sich an seinen Partner. „War es ungehörig, wie sehr er diesen Kontakt genoss?“, fragte er sich besorgt. Er horchte in sich hinein, fand aber keine Antwort auf diese Frage. Sein Puls hatte sich kurz beschleunigt, aber schnell breitete sich eine ungewohnte Ruhe in ihm aus. Was sollte schon dagegen sprechen, dass sie hier so saßen? Weder Himmel noch Hölle hatten ihnen noch Vorschriften zu machen und für Londoner Verhältnisse war nichts Anstößiges an dem, was sie taten. Soviel wusste er immerhin sicher und das genügte ihm vorerst, um die Sorgen beiseite zu schieben.
Lange blieben sie so sitzen, ohne zu sprechen, fast ohne sich zu bewegen. Dem Engel fiel auf, dass viele der Parkbesucher sie im Vorbeigehen aufmerksam musterten. Und viele von ihnen schienen zu lächeln, wenn sie Crowley erkannten. „Endlich!“, glaubte der Engel in ihren Gesichtern lesen zu können. „Das hatte er längst verdient.“ Er nickte den Vorbeigehenden freundlich zu und dachte jedes Mal: „Ja, das hatte er wirklich längst verdient.“
Wieder war es Hexe, die ihnen die Entscheidung über den weiteren Verlauf des Tages abnahm. Sie hatte sich zunächst von ihrem Schattenplatz erhoben und sich vor die Bank gesetzt, von wo sie die beiden Männer auffordernd anschaute. Als sie aber weiterhin keine Anstalten machten aufzubrechen, schnappte sie nach Crowleys Hosenbein und zog daran. Er schlug die Augen so schnell auf, als hätte er längst nicht mehr geschlafen. „Hatte er überhaupt geschlafen?“, fragte sich Erziraphael. Der Dämon lächelte bedauernd. „Sie ist wohl der Meinung, dass es Zeit wird für ihr Abendessen. Ich fürchte, sie hat mich ziemlich gut erzogen.“ Er richtete sich auf, fuhr sich durch die Haare und strich sein Shirt glatt. „Wollen wir?“ Er stand auf, hielt Erziraphael eine Hand hin und zog ihn hoch. „Das war schön“, sagte er nur. Er klang verlegen, sah dem Engel nur kurz in die Augen. Der nutzte die Gunst der Stunde und ließ Crowleys Hand nicht wieder los. So schlenderten sie Hand in Hand gemächlich zurück zur Buchhandlung, zu gemächlich für Hexes Geschmack, die so weit vor ihnen lief, wie Crowley es gerade noch tolerierte. Zuhause angekommen wurde ihre Geduld nicht länger strapaziert. Während Crowley ihren Napf und ihre Wasserschüssel auffüllte, erkundigte er sich: „Willst du heute Abend ausgehen?“ „Müssen wir?“, fragte der Engel. Crowley griff nach einem Zettel, der auf dem Esstisch lag, warf einen Blick darauf und antwortete: „Nicht, wenn du dich mit Eintopf und Brot zufrieden gibst.“ Er hielt ihm den Zettel hin, der Muriels Unterschrift trug: „Ich habe Gemüsesuppe gekocht und ein Baguette besorgt. Wartet nicht auf mich, es wird sicher spät bei mir.“ „Wirst du immer so gut versorgt?“ Erziraphael legte den Zettel lächelnd auf den Tisch zurück. „Sie versucht verzweifelt, mich zu einem regelmäßigen Esser zu erziehen, denke ich.“ „Ein Projekt, das ich unbedingt unterstützen würde. Wenn das überhaupt möglich ist, bist du noch dünner geworden.“ Crowley ignorierte die Sorge in der Stimme des Freundes und zuckte nur die Schultern. „Und jetzt gibt sie wohl gerade alles, damit wir Zeit allein miteinander verbringen.“ Erziraphael drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Warum wurde er schon wieder rot? „Noch eine Mission, der wir uns keinesfalls widersetzen sollten“, flüsterte er.
Nachdem sie sich und Hexe von den Spuren des Spaziergangs befreit hatten, und der Engel wieder in die Sicherheit bietenden, gewohnten Kleidungsstücke geschlüpft war (immerhin verzichtete er auf die Fliege), ließ er sich den herzhaften Eintopf mit dem frischen Weißbrot schmecken. Crowley beschränkte sich auf wenige Esslöffel Brühe, die Einlage ließ er im Topf. Nach einem Espresso deckten sie gemeinsam den Tisch ab und räumten die Küche auf. Es fühlte sich richtig an, das auf die menschliche Art zu tun. Sie hatten so viel Zeit für alltägliche Dinge, dass sie die einfachen Handgriffe bewusst genossen. Seit dem Nachhausekommen hatten sie wenig geredet und sich nicht mehr berührt. Aber sie ließen einander nicht aus den Augen, so als hätten sie Angst, der andere könne sich in Luft auflösen, wenn sie nicht Acht gaben. „Wein?“, fragte Crowley und nahm auf Erziraphaels Nicken hin eine Flasche aus dem Regal und zwei Gläser aus dem Schrank. Der Engel setzte sich nicht in seinen geliebten Sessel, wie er es früher immer getan hatte. Er nahm stattdessen auf dem Sofa Platz, ganz am Rand, so dass Crowley die Wahl hatte, wie eng er an ihn heranrücken wollte. Er spürte eine leise Enttäuschung, als Crowley einen deutlichen Abstand zwischen ihnen ließ. „Willst du gar nicht lesen?“, fragte der Dämon. „Dazu hattest du doch oben sicher nicht allzu viel Gelegenheit, oder?“ „Nein, aber lieber will ich mit dir reden“, bekam er zur Antwort. „Dazu hatte ich oben nämlich gar keine Gelegenheit.“ Er sah verlegen unter sich. „Das hat mir gefehlt.“ Erziraphael wartete vergeblich auf eine Erwiderung. Gerade wollte er weiterreden, als sich die graue Hündin zwischen ihn und Crowley schob. Sie legte eine Vorderpfote auf das Sofa, wurde aber sofort zurechtgewiesen. „Nix da, du weißt genau, dass das Sofa tabu ist!“ Scheinbar schuldbewusst stellte sie den Fuß zurück auf den Boden. „Lass sie ruhig, mich stört es nicht“, sagte der Engel. Er hatte das starke Gefühl, dass er dem Tier etwas schuldig war. „Wenn wir ihr das jetzt erlauben, wird sie jeden Abend betteln“, warnte Crowley. „Na, wenn schon.“ Der Engel wischte die Warnung beiseite. „Sie sucht eben auch Gesellschaft und Geborgenheit.“ Crowley ließ auch das unkommentiert. Tadelnd schaute er Hexe an: „Du weißt genau, wie du ihn rumkriegst, oder?“ Er strich ihr über den Kopf. „Dann komm halt her, aber lass den Engel in Ruhe, der ahnt nämlich nicht, wie sehr du haarst.“ Mit diesen Worten rückte er näher an Erziraphael heran und machte auf seiner anderen Seite Platz für Hexe, die kein zweites Mal aufgefordert werden musste. Sie brauchte einen Moment, bis sie ihre langen Beine auf dem begrenzten Platz sortiert hatte, dann kringelte sie sich ein und legte ihren Kopf auf Crowleys Knie. Nach wenigen Momenten war sie eingeschlafen. „Da siehst du, was vom großen, bösen Wolf noch übrig ist.“ Liebevoll streichelte er ihr über den Rücken. In diesem Moment hätte der Engel gerne mit der Hündin getauscht. Das war aber sofort wieder vorbei, weil Crowley seinen anderen Arm auf der Rückenlehne hinter Erziraphaels Kopf ausstreckte und ihn fragend ansah. Die Antwort kam sofort: Erziraphael rückte mit einem breiten Lächeln näher heran und lehnte sich an ihn. Crowley legte den Arm um seine Schultern und küsste ihn auf die Wange. Dann blieben sie mit aneinander gelehnten Köpfen lange schweigend sitzen und versuchten, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass sie diese Nähe endlich haben durften. Jeden Tag aufs Neue, wenn sie es wollten. Und beide waren sich sicher, dass sie das wollten. Hin und wieder hob einer von ihnen den Kopf, sah den Partner an und vergewisserte sich, dass er keine Illusion war.
Es war Erziraphael, der schließlich die Initiative ergriff: „Crowley? Ich weiß, dass ich es war, der alles kaputt gemacht hat. Würdest du mich trotzdem nochmal küssen? So wie … damals? Jetzt? Bitte!“ Der Dämon schien sich zu fragen, ob er das Risiko noch einmal eingehen wollte. Beinahe hätte er etwas über ihre angeblich platonische Liebe gesagt. Aber die Frage hatte so sehnsüchtig geklungen und Erziraphaels Lippen sahen so verlockend aus, leicht geöffnet, erwartungsvoll, rosig glänzend, weil er sie immer wieder nervös mit seiner Zunge befeuchtete, Crowley konnte nicht widerstehen, obwohl er fast sicher war, einen Fehler zu begehen. Er beugte sich zu Erziraphael hinüber, zog seinen Kopf näher heran und flüsterte: „Schließ die Augen.“ Der Engel kam ihm entgegen, öffnete seinen Mund noch etwas weiter, als ihre Lippen sich trafen, und schien sich völlig dem ungewohnten Gefühl zu überlassen, auch wenn es noch mit Verlegenheit gemischt war. Crowleys Küsse waren vorsichtig und zärtlich. Sie zeugten von der Zurückhaltung, die er sich auferlegte, und verrieten doch, wie schwer Einsamkeit und Sehnsucht auf seiner Seele lagen. Sie küssten sich noch oft an diesem Abend und sie sprachen wenig. Zwischendurch saßen sie einfach nebeneinander, ihre Köpfe aneinander gelehnt, und machten sich damit vertraut, wie sich die Nähe des Geliebten anfühlte, wie seine Küsse schmeckten und wie sie selbst auf diese Nähe reagierten.
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Der Abend war schnell verstrichen. Irgendwann wachte Hexe auf, rutschte mit steifen Beinen vom Sofa und stakste zur Tür. „Ich muss sie rauslassen“, flüsterte Crowley bedauernd. „Geh nicht weg.“ Er folgte der Hündin zur Hintertür, ließ sie hinausschlüpfen und wartete die kurze Zeit ab, bis sie von selbst wieder herein kam. Fragend sah sie an ihm hoch. „Geh ins Bett, Mädchen“, forderte er sie auf. „Wir kommen später nach.“ Er kam zum Sofa zurück, setzte sich aber diesmal mit dem Rücken zu Erziraphael und lehnte sich bei ihm an. Der Engel schlang seine Arme um ihn, umfasste die Taille, die sich noch schmaler anfühlte, als sie aussah, und legte sein Kinn auf Crowleys Schulter. Er spürte jeden seiner Herzschläge, fühlte seinen warmen Atem, sog den vertrauten Geruch in sich ein, von dem er erst jetzt begriff, dass er ihn vermisst hatte. Er zog ihn näher an sich und spürte, dass Crowley diesmal bereitwillig nachgab, sich anschmiegte. Erziraphael dachte nicht darüber nach, was er tun würde, er überließ seinem Instinkt die Führung. Als er begann, zärtlich Crowleys flachen Bauch zu streicheln, hielt der Dämon seine Hand fest und schien sich seiner Umarmung entziehen zu wollen. Erziraphael hielt ihn nicht fest, ließ aber seinen Kopf und seine Hand, wo sie waren, und wartete ab. Es dauerte einige Augenblicke, dann atmete Crowley mehrmals tief durch, entspannte sich wieder und gab auch seine Hand frei. Der Engel ließ sie wieder behutsam über seinen Bauch wandern, drehte seinen Kopf ein wenig und begann, Crowleys Hals zu küssen. Sein warmer Atem streichelte die Haut, seine Locken kitzelten und als Crowley genüsslich seinen Kopf in den Nacken legte, hörte er, wie Erziraphaels fast unsichtbare Bartstoppeln über seinen Hals kratzten. Und er hörte, wie der Engel unwillkürlich laut aufseufzte.
„Weißt du, was ich mir oft vorgestellt habe, wenn ich dich früher beim Lesen beobachtet habe?“, fragte Crowley aus heiterem Himmel und richtete sich auf. Der Engel merkte, dass er eine Grenze überschritten hatte, auch wenn er noch nicht wusste, womit genau. Es fühlte sich aber nicht wie eine Zurückweisung an. Solange Crowley mit ihm sprach, war nichts verloren, und seine Frage schien auf etwas zu zielen, was ihm wichtig war „Nein, verrätst du es mir?“ Crowleys Hals färbte sich rosa. „Dass du mir vorliest.“ Er wandte den Kopf in Erziraphaels Richtung und versuchte, seine Reaktion zu erkennen. „Ich habe mir gewünscht, dass du mit mir teilst, was dich so fesselt. Findest du das albern?“ Der Engel musste sich räuspern, damit seine Stimme seine Rührung nicht verriet. „Überhaupt nicht. Möchtest du, dass ich dir jetzt etwas vorlese?“ Crowley drehte sich zu ihm herum. „Wenn es dir nichts ausmacht?“ „Im Gegenteil.“ Erziraphael stand auf und ging zu seinem Sekretär. Schon morgens hatte er erstaunt festgestellt, dass dort in einem ordentlichen Stapel noch immer die Bücher lagen, die er früher aufgeschlagen überall hatte herumliegen lassen, weil er sie jederzeit griffbereit haben wollte, um seine Lieblingsstellen wieder und weder zu lesen. Er nahm den ganzen Stapel und brachte ihn mit zum Sofa.
„Was möchtest du hören?“
„Deine Stimme.“
Crowley sah ihn nicht an bei diesem Satz und der Engel war dankbar dafür, weil er so auch nicht sehen konnte, wie nah ihm diese Antwort ging. Ein erneutes Räuspern. „Dann vielleicht Gedichte. Willst du dich hinlegen?“ Sein albernes Herz schlug so heftig, dass er überzeugt war, Crowley müsste es hören. Aber als der Dämon sich nach einem kaum merklichen Zögern auf dem Sofa ausstreckte und seinen Kopf auf Erziraphaels Schoß sinken ließ, als er nach der Hand griff, die der Engel auf seine Brust legte, und sie zärtlich drückte, und als er die Augen schloss, um sich ganz auf seine Stimme zu konzentrieren, da kam sein Herz von einem auf den anderen Moment zur Ruhe. Mit dankbarem Staunen sah er auf den roten Schopf herunter, fühlte den Druck von Crowleys Hand und ließ die Gedichte-Sammlung, die er in der anderen Hand hielt, entschlossen aufklappen. Das Buch öffnete sich fast von selbst an der Stelle, die er suchte, so oft hatte er diese Seite schon gelesen. „Rainer Maria Rilke“, sagte er, „ein österreichischer Dichter. Das Gedicht ist aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, vielleicht sein bekanntestes.“
DER PANTHER
IM JARDIN DES PLANTES, PARIS
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.
„Ich habe den Panther in seinem Käfig gesehen, damals in Paris.“ Crowleys Stimme war leise, als wolle er die Erinnerung nicht verscheuchen. „Ich auch.“ Nach einer kurzen Pause fuhr Erziraphael fort: „Es war ein gefleckter Leopard, aber ich habe mir bei diesem Gedicht schon immer einen schwarzen Panther vorgestellt.“ Eine weitere Pause. „Es hat mich schon beim ersten Lesen an dich erinnert.“ Wenn Crowley überrascht war, zeigte er es nicht. Er schien nachzudenken. „Es ist wunderschön. Und sehr traurig.“ Dann lächelte er. „Aber die Stäbe, die uns von der Welt getrennt haben, gibt es nicht mehr, oder? Liest du noch ein weniger trauriges?“ Der Engel blätterte, bis er das Gesuchte fand.
„Dann etwas über die Hoffnung“, kündigte er an. „Es ist von Emily Dickinson, einer der wichtigsten amerikanischen Dichterinnen. 19. Jahrhundert.“ Er stockte. „Klinge ich wie ein Lehrer?“, fragte er besorgt. „Ich will dich nicht langweilen.“ Crowley schloss seine Hand noch ein bisschen fester um seine. „Du klingst genau wie ein Buchhändler, den ich kenne. Wenn es dir gefällt, langweilt es mich nicht.“ „Ich mag vor allem die erste Strophe“, sagte Erziraphael schnell und begann zu lesen.
"Hope" is the thing with feathers -
That perches in the soul -
And sings the tune without the words -
And never stops at all.
„Das ist wirklich schön. Aber gib ruhig zu, dass es dir vor allem gefällt, weil du selbst so ein Federding bist!“ Seine Augen glänzten belustigt. „Da bin ich ja nun nicht der einzige“, sagte Erziraphael trocken. „Meinst du, sie könnte dabei an Engel oder Dämonen gedacht haben?“ Crowley sah blinzelnd zu ihm auf, er schien die Frage nicht ernst zu meinen. „Unwahrscheinlich. Sie hat ein sehr zurückgezogenes Leben geführt.“ Der Engel überlegte kurz, griff dann nach einem anderen Buch und blätterte kurz darin. Schweigend überflog er den Text. „Wenn du etwas hören willst, das zumindest klingt, als hätte der Autor möglicherweise Kontakt zu Himmel oder Hölle gehabt, hätte ich hier noch etwas von Charles Baudelaire. Oder sollen wir auf den alten Goethe ausweichen? Im „Faust“ fänden wir sicher auch die eine oder andere Stelle.“ Crowley musste nicht lange überlegen. „Mephistopheles muss ich heute nicht mehr begegnen“, winkte er ab. „Der läuft uns nicht weg. Dann schon lieber etwas in der Sprache der Liebe.“ Der Engel seufzte und rollte theatralisch mit den Augen. „Du willst nur Scherze über mein schlechtes Französisch machen“, sagte er vorwurfsvoll. „Fang an!“
Hymne à la Beauté
Viens-tu du ciel profond ou sors-tu de l'abîme,
O Beauté? ton regard, infernal et divin,
Verse confusément le bienfait et le crime,
Et l'on peut pour cela te comparer au vin.
Tu contiens dans ton oeil le couchant et l'aurore;
Tu répands des parfums comme un soir orageux;
Tes baisers sont un philtre et ta bouche une amphore
Qui font le héros lâche et l'enfant courageux.
Sors-tu du gouffre noir ou descends-tu des astres?
Le Destin charmé suit tes jupons comme un chien;
Tu sèmes au hasard la joie et les désastres,
Et tu gouvernes tout et ne réponds de rien.
[…]
Que tu viennes du ciel ou de l'enfer, qu'importe,
Ô Beauté! monstre énorme, effrayant, ingénu!
Si ton oeil, ton souris, ton pied, m'ouvrent la porte
D'un Infini que j'aime et n'ai jamais connu?
De Satan ou de Dieu, qu'importe? Ange ou Sirène,
Qu'importe, si tu rends, — fée aux yeux de velours,
Rythme, parfum, lueur, ô mon unique reine! —
L'univers moins hideux et les instants moins lourds?
„Ich habe ein paar Strophen weg gelassen. In denen war aber nicht von Himmel und Hölle die Rede.“ Der Dämon schien noch über das Gehörte nachzudenken. „Er sah also keinen Unterschied zwischen Kreaturen des Himmels und der Hölle? Das könnte dafür sprechen, dass er sie wirklich gekannt hat. Ich bin ihm aber nie begegnet.“ Er vertrieb die ernsten Gedanken mit einer ungeduldigen Kopfbewegung. Er legte einen Finger an seine Nasenspitze, offensichtlich schauspielernd, demonstrativ nachdenklich. „Der Vergleich mit Wein gefällt mir. Engel oder Sirene … Ob ich mich zur Abwechslung mal als Sirene betätige?“ Er schüttelte verneinend den Kopf. „Nein, dafür singe ich zu schlecht.“ Erziraphael hatte das Buch zur Seite gelegt und wickelte sich nun nachdenklich eine von Crowleys Strähnen um einen Finger. Ihm war nicht entgangen, dass der Dämon ihrer Unterhaltung die Schwere nehmen wollte. Gerne ging er auf den leichteren Ton ein: „Du könntest stattdessen dein Haar kämmen“, schlug er vor. „Wie diese Sirene vom Rhein. Ich wäre sofort gebannt und würde zu deinen Füßen Schiffbruch erleiden. Du müsstest sie aber vorher noch eine Weile wachsen lassen.“ Das strahlende Kupfer rutschte ihm vom Finger, als der Dämon ungnädig den Kopf schüttelte. „Vom Todesdämon der griechischen Mythologie zum Wunschbild eines Haar-Fetischisten. Was für ein Abstieg!“ Er sah zu Erziraphael auf. „Außerdem war die Loreley blond.“ Jetzt widersprach der Engel: „Blond war sie streng genommen nur bei Heine und seinen Nachahmern. Vergiss nicht das Gemälde, das wir mal in Tallin gesehen haben, da war die Loreley eindeutig rothaarig.“ „Du willst ablenken!“ Crowley setzte sich auf. „Ein ganz durchsichtiges Manöver.“ Er wandte sich um und fuhr mit beiden Händen durch die blonden Locken des Engels. Erziraphael schloss die Augen, um sich ganz auf die Berührung zu konzentrieren. „Ich muss aber zugeben, dass güldenes Haar faszinierend ist.“ Prüfend sah er ihn an. „Du siehst müde aus, Engel. Dir müssen die Verhandlungen doch noch in den Knochen stecken.“ Mit dem Zeigefinger fuhr er die Konturen von Erziraphaels Augenbrauen nach. „Lass uns schlafen gehen. Du brauchst deinen Schönheitsschlaf.“
Kurz danach lag der Engel neben Crowley und genoss die Wärme des anderen Körpers in seinem Rücken. Der Dämon legte einen Arm um ihn und raunte ihm ins Ohr: „Wenn du Interesse hast: Die Stelle meines persönlichen Vorlesers ist vakant.“ Erst als er Crowleys gleichmäßige Atemzüge hinter sich hörte, flüsterte er die Antwort in sein Kissen: „Ich würde dir sämtliche Telefonbücher Englands vorlesen, wenn du es dir wünschst.“ Er rutschte noch etwas näher an den Dämon heran. „Danke für den schönen Tag mit dir“, wisperte er und vermied sorgfältig, ihn dabei aufzuwecken. „Gute Nacht, Crowley.“
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Quellenangaben und Übersetzungen:
Der Panther
Rainer Maria Rilke: "Neue Gedichte" (1907), zitiert nach www.rilke.de
"Hope" is the thing with feathers
Emily Dickinson: „The Poems of Emily Dickinson (1999), zitiert nach www.poetryfoundation.org
Hoffnung ist das gefiedert Ding,
das in der Seel' sich regt,
und Lieder ohne Worte singt
aufs Neue unentwegt.
Deutsch von Bertram Kottmann, zitiert nach https://gedichte.xbib.de
Hymne à la Beauté
Charles Baudelaire: Fleurs du mal (1857), zitiert nach fleursdumal.org
Hymne an die Schönheit
Kommst du vom Himmel herab, entsteigst du den Schlünden?
Aus deines teuflischen, göttlichen Blickes Schein
Strömen in dunkler Verwirrung Tugend und Sünden,
Schönheit, und darin gleichst du berauschendem Wein.
Du trägst im Aug' der Sonne Sinken und Steigen,
Du birgst den Duft gewitterschwüler Nacht,
Deine Lippen sind leuchtende Schalen, und wenn sie sich neigen,
haben sie Helden schwach und Kinder zu Helden gemacht.
Entfliehst du zum Abgrund, steigst auf du zu himmlischen Strahlen.
Der bezauberte Geist folgt hündisch der Spur deines Lichts!
Du schüttest nach Laune Freuden aus oder Qualen,
Beherrschst uns alle und verantwortest nichts.
[…]
Ob du vom Himmel kommst, ob aus nächtigen Orten,
Gleichviel, o Schönheit, dem Dämon, dem Kinde verwandt,
Öffnet dein Auge, dein Lächeln mir nur die Pforten
Des unendlichen Alls, das ich liebe, doch nimmer gekannt.
Von Gott oder Satan, Engel oder Sirene,
Gleichviel, nur gib mir, o Herrin, samtäugige Fee,
Du Wohlklang und Leuchten und Duft, dass verschönert ich wähne
Die hässliche Erde und leichter den Augenblick seh'
Übersetzung: unbekannt, zitiert nach www.projekt-gutenberg.org