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(Immer noch) Dienstag - Donnergrollen

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(Immer noch) Dienstag - Donnergrollen

Als sie am frühen Abend in der Buchhandlung wieder zusammenkamen, alle frisch geduscht und umgezogen – Jesus in einer von Crowleys Shirthosen und einem Pulli von Erziraphael, der ihm deutlich zu weit war – war ihnen anzumerken, dass sie nicht jeden Tag Wohnungen renovierten. Es dauerte einige Minuten, bis sie die Müdigkeit abgeschüttelt hatten und eine Unterhaltung in Gang kam. Sie lästerten freundschaftlich über den ungebrochenen Tatendrang Muriels, ihre Begeisterungsfähigkeit und die Entschlossenheit, mit der sie heute Aufgaben verteilt und Entscheidungen wie am Fließband getroffen hatte. Dann ließen sie ihren gemeinsamen Arbeitseinsatz noch einmal Revue passieren. „Wenn mir das früher jemand prophezeit hätte, dass ich einen ganzen Nachmittag mit euch Hand in Hand arbeite, mich dabei von einer Schreiberin 37. Grades herumkommandieren lasse und die ganze Zeit nicht ein einziges böses Wort fällt, hätte ich ihn gefragt, welche Drogen er nimmt.“ Gabriel schüttelte den Kopf. Die anderen nickten. Bee lächelte versonnen. „Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich meine Zeit einmal freiwillig mit gleich zwei ehemaligen Erzengeln verbringen würde.“ Jesus seufzte. „Ich wünschte, es gäbe mehr Engel und Dämonen wie euch und mehr Menschen wie Nina und Maggie oder Vicky und Liam. Dann könnten wir alle ruhiger schlafen.“ Erstaunt sah Crowley auf. „Dich bedrückt doch etwas! Was wollest du mit uns besprechen?“ Beunruhigt registrierte er, dass Jesus wirklich mehr als besorgt aussah. So, wie er die Schultern und den Kopf hängen ließ, wirkte er plötzlich regelrecht verzweifelt, völlig mutlos. Die anderen rückten näher zu ihm heran. „Was beschäftigt dich? Sag schon, es wird durch Verschweigen nicht besser.“ Jesus nickte bedächtig, dann richtete er sich auf. „Ihr habt recht, aber ich wünschte wirklich, ich hätte bessere Nachrichten.“ Er sah sie alle nacheinander an. „Sagt euch White Pride etwas? Und die Hells Angels ?“ Die Freunde schauten sich nun gegenseitig alarmiert an. Natürlich war ihnen die kriminelle Rocker-Vereinigung ein Begriff, genau wie die rassistische und faschistische Bewegung, die sich hinter dem Kampfbegriff „White Pride“ oder „White Supremacy“ sammelte. Jesus rang um die richtigen Worte: „Ich war gestern mit Umael und Berechiel bei einer Besprechung in Downing Street 10.“ Alle Augen waren auf ihn gerichtet, alle schienen die Luft anzuhalten. „Es gibt Hinweise darauf, dass mehrere Chapter der Hells Angels von Dämonen übernommen wurden, die nicht nur das übliche Geschäft mit Prostitution, Erpressung, Waffen- und Drogenhandel weiterführen, sondern auch einen Staatsstreich planen. Sie gelten als extrem gewaltbereit und vollkommen skrupellos.“ Entsetzt fragte Erziraphael: „Wo? Hier in England?“ Jesus schüttelte den Kopf. „Hier scheinbar noch nicht. Auch nicht im restlichen West- und Nordeuropa. In Osteuropa soll es erste ähnliche Fälle geben. Vor allem betrifft es aber bisher die USA.“ Alle nickten. Das ergab Sinn. Seit der egomane Milliardär zum zweiten Mal zum selbsternannten Führer der freien Welt gewählt worden war, hatten Tech-Milliardäre den Staatsapparat gekapert und die Infrastruktur erheblich geschwächt. Die Pressefreiheit war de facto abgeschafft, Sozialleistungen drastisch reduziert, zahlreiche Beratungsstellen geschlossen und die Gesellschaft war dabei, sich immer weiter zu polarisieren. Einwanderer und People of color waren stetig zunehmender Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt, ohne dass die Staatsgewalt sie schützte. Die internationale Gemeinschaft beobachtete die ehemals größte Demokratie der Welt mit zunehmender Sorge und verurteilte die Entwicklung scharf.

Die USA waren in ihrem aktuellen Zustand ein gefundenes Fressen für Terror und organisierte Kriminalität und eine leichte Beute für Verschwörungserzählungen aller Art. Keiner der Freunde wunderte sich deshalb darüber, dass sie zum Einfallstor neuer Bedrohungen hatten werden können. Schon kurz nach ihrer Rückkehr aus Israel hatten Bee und Gabriel Berichte darüber gehört, dass die Nationalisten und Rassisten der Vereinigten Staaten gegen Engel und Dämonen hetzten, denen sie unterstellten, die Menschheit ausrotten zu wollen, um die Erde unter sich aufzuteilen. Kein Vorurteil war zu dumm und zu abgedroschen, um nicht auf die Unsterblichen angewendet zu werden. Angeblich bereicherten sie sich auf Kosten der Menschen, stahlen Kinder, die sie wahlweise fraßen oder einer Gehirnwäsche unterzogen, arbeiteten an der Versklavung der menschliche Rasse und ersetzten die Inhaber von Führungsfunktionen durch Kopien. Die Mehrheit der übersinnlichen und okkulten Wesen, die sich in den USA hatten niederlassen wollen, waren angesichts dieser Entwicklung weitergezogen, gefolgt von Intellektuellen, Wissenschaftlern, Künstlern und queeren Menschen, die sich im Land nicht mehr sicher fühlten. Ein Brain-Drain ungekannten Ausmaßes hatte eingesetzt. „Dass es Unsterbliche geben würde, die dem Konflikt nicht ausweichen, sondern den Kampf aufnehmen, hätte man eigentlich vorhersehen können. Uns allen war doch klar, dass es zwischen Sterblichen und Unsterblichen zu Reibungen kommen kann, bis das Miteinander halbwegs stabil ausgehandelt ist.“ Gabriel versuchte, den Neuigkeiten durch eine sachliche Einordnung etwas von ihrer Bedrohlichkeit zu nehmen. Er merkte selbst, dass ihm das nicht gelang. „Schwerkriminelle Dämonen, die ganze Ortschaften terrorisieren, werden die Menschen nur noch mehr gegen unsereins aufbringen“, sagte Crowley leise. Er war zutiefst erschüttert. Würde das denn nie ein Ende haben? Würden sie nie einfach in Frieden leben können?

„Und was ist mit White Pride?“, fragte Erziraphael beklommen nach. „In den Südstaaten kam es ja schon seit der Wahl von Barak Obama zu einem Wiedererstarken des Ku-Klux-Klans. Breitet sich das jetzt etwa noch weiter aus?“ Jesus sah ihn traurig an. „Es ist schlimmer, mein Freund. Viel schlimmer.“ Der Schrecken in den Gesichtern seiner Freunde schmerzte ihn. „Offenbar haben nicht nur manche Dämonen entschieden, den Konflikt zu suchen, sondern auch Engel, insbesondere der höheren Ränge. Mindestens die Hälfte von ihnen sollen ehemalige Cherubim sein.“ Bee legte die Stirn in Falten. „Du willst aber nicht sagen, dass Cherubim sich mit Dämonen zusammentun und Rockergangs bilden?“ Der Gottessohn schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht. Sie haben stattdessen eine eigene Geheimgesellschaft gegründet, im Grunde einen Ku-Klux-Klan für Engel. Sie nennen ihn Winged Pride.“ Er schluckte. „Die Behörden sind sich sicher, dass er schon in zwölf Bundesstaaten existiert. Es könnten auch mehr sein.“

Sie starrten ihn fassungslos an. Man hörte die alte Standuhr laut und vernehmlich ticken, so still waren sie. Crowley hielt die Stille schließlich nicht mehr aus. „Was du da sagst, heißt doch fast zwangsläufig Krieg. Oder Bürgerkrieg. Menschen, Engel, Dämonen, jeder gegen jeden.“ Ihm brach die Stimme und Erziraphael rückte seinen Stuhl noch näher zu ihm, um ihn in den Arm nehmen zu können. „Was können wir bloß tun?“ Bee schien die Frage vor allem an sich selbst zu richten, es war nur ein Flüstern. Gabriel holte tief Luft, so tief, dass sich alle Augen ihm zuwandten. Dann klopfte er zweimal mit der flachen Hand auf den Tisch, so, als wolle er sich selbst anfeuern oder sich Mut machen. So vorbereitet stand er auf und richtete sich zu voller Größe auf. „Das hier ist anders als die Geburt des Antichristen oder das Letzte Gericht. In beiden Fällen spielte sich die Krise an einem relativ eng umgrenzten Ort ab. Deshalb konnten wenige so viel bewirken. Aber diesmal gibt es viel zu viele Krisenherde. Wir sind eindeutig viel zu wenige, um überall eingreifen zu können.“ Alle nickten. Genau so war es. „Wenn die europäischen Regierungen und die Regierungen der anderen Demokratien sich gegen die Bedrohung zusammenschließen, können sie vielleicht verhindern, dass diese Welle auf unsere Länder übergreift.“ Wieder nickten die Freunde. „Wir könnten uns den Menschen als Berater anbieten, aber ich denke, auch in dieser Funktion würden wir nicht genug bewirken können. Ich fürchte, wir können nicht sehr viel mehr tun, als gegenseitig auf uns aufzupassen und zu warten, dass der Sturm vorüber geht.“ Es tat Bee weh, zu hören, wie mutlos er klang. Dann sagten sie lange nichts mehr.

Schließlich stand Jesus auf. „Bitte verzeiht mir, dass ich euch damit belaste. Ich dachte aber, ihr müsst gewarnt sein. Um ehrlich zu sein, hatte ich insgeheim gehofft, dass ihr irgendeine gefährliche, wagemutige, unkonventionelle Idee habt, um den Wahnsinn aufzuhalten.“ Er lächelte traurig. „Ich werde mich wohl der Verantwortung nicht entziehen können. Der Generalstab erwartet mich dringend zu einer strategischen Besprechung. Ich werde noch heute in den Himmel zurückkehren. Bitte lasst uns in engem Austausch bleiben.“ Mit resigniertem Gesichtsausdruck verabschiedete er sich von ihnen, indem er allen die Hand gab. Crowley umarmte er fest. „Es tut mir so leid, mein Freund. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.“ An alle gerichtet sagte er noch: „Bitte passt aufeinander auf. Geht keine Risiken ein.“ Dann wandte er sich ab, ging zur Tür und verließ die Buchhandlung, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Das Schweigen war schwer wie Blei. Sie sahen sich nicht an, weil sie die Mutlosigkeit und die Trauer in den Augen der anderen nicht ertragen hätten. Sie hätten nicht sagen können, wie viel Zeit vergangen war, als Erziraphael plötzlich den Kopf hob und fragte: „Bee, Gabriel, ihr wolltet doch auch noch etwas mit uns besprechen.“ Während Gabriel sich noch fragte, ob das angesichts der Nachrichten überhaupt weiterhin von Bedeutung war, öffnete sich die Ladentür und Muriel kam herein, die nach dem langen Tag nun auch Anzeichen von Müdigkeit zeigte, aber immer noch strahlte. „Bee, Gabriel“, schön, dass ich euch noch …“ Sie brach mitten im Satz ab und starrte sie an. Es waren nicht die versteinerten Gesichter der Freunde oder die wortkarge Begrüßung, die ihr zeigten, dass etwas geschehen sein musste. Es war die Hoffnungslosigkeit, die Mutlosigkeit, die von ihnen ausging und die den Raum auszufüllen schien wie ein dichter grauer Nebel, der die Farben auslöschte und das Atmen schwer machte. „Was ist passiert?“ Gabriel raffte sich auf und versuchte, in wenigen Sätzen die niederschmetternden Entwicklungen zu skizzieren, von denen Jesus berichtet hatte. Muriel schaute ihn ungläubig an. „Wie furchtbar! Und was tun wir jetzt?“ Alle fuhren zusammen, als Crowley so abrupt aufstand, dass sein Stuhl umkippte und ein Stück über den Boden rutschte. „Nichts, Muriel, wir tun gar nichts“, sagte er heftig. „Weil es nichts gibt, was wir tun könnten.“ Er gab Hexe ein Zeichen, stürmte zur Tür und verließ mit ihr wortlos die Buchhandlung. „Aber Crowley …!“, rief sie und wollte ihm nachlaufen, aber Erziraphael hielt sie zurück. „Ich fürchte, er erträgt gerade nur Hexes Gesellschaft.“ Sie nickte langsam, dann stellte sie den Stuhl wieder auf und setzte sich. Der Buchhändler sah nun wieder Gabriel an. „Also?“ Der seufzte, antwortete aber schließlich doch. „Crowley hatte mich gebeten, mich umzuhören, um etwas über das Schicksal von Arwens Vater zu erfahren. Ich habe immer noch nichts über ihn herausfinden können. Und ich habe wenig Hoffnung, dass ich noch etwas herausfinden werde.“ Beklommen schaute er Bee an. „Es scheint so, dass das Schicksal der inhaftierten Dämonen weder die Menschen noch die Engel besonders interessiert. Und dass sie keine Notwendigkeit sehen, meiner Anfrage auch nur nachzugehen.“ Obwohl auch Erziraphael unter Schock stand und seine Gedanken noch um die Situation in den USA kreisten, brachen sich sein Gerechtigkeitssinn und sein Mitgefühl Bahn. „Man kann sie doch nicht einfach ihrem Schicksal überlassen!“, rief er empört. „Wie viel Unrecht will der Himmel noch auf sich laden?“ „Warte“, sagte Gabriel. „Hör bitte erst Bee zu.“ Die drei Engel sahen jetzt abwartend die ehemalige Höllenfürstin an. „Die Höllenbürokratie ist in dieser Hinsicht keinen Deut besser. Von dort haben wir auch keine Unterstützung erhalten.“ Sie machte eine Pause. „Deshalb habe ich Furfur angerufen!“ Erziraphaels Kopf schnellte bei diesen Worten nach oben. „Und er hat mit dir gesprochen?“ Bee winkte ab. „Erst im fünften oder sechsten Anlauf, aber ja. Du weißt, dass er einer der wenigen höllischen Führer mit einem klaren Wertekodex war.“ Das musste Erziraphael einräumen, all seinen persönlichen Erfahrungen mit Furfur zum Trotz. „Er hat mir verraten, dass einige der bekannten Internierungslager im Laufe der Verhandlungen mit Himmel und UN aufgelöst wurden, weil man Kontrollen der Verhandlungspartner fürchtete. Die Gefangenen wurden kurzerhand in andere Lager gebracht, von denen kaum jemand wusste. Diese Verlegungen wurden nirgendwo dokumentiert. Es gibt deshalb wenig Hoffnung, einzelne Vermisste wiederzufinden.“ Bee rieb sich unbehaglich die Hände. „Furfur findet dieses Vorgehen genauso skandalös wie wir, würde ich behaupten. Er hat angeboten, die alten Belegungslisten zu prüfen, um zu erfahren, in welches Lager Arwens Vater ursprünglich gebracht wurde. Er konnte nicht versprechen, dass uns diese Information irgendetwas nutzen wird.“ Muriel versuchte zu lächeln. „Ich danke euch trotzdem, dass ihr versucht habt, Arwen und ihrer Mutter zu helfen.“ Dann schüttelte sie traurig den Kopf. „Wenn ich daran denke, dass ich noch vor einer Stunde an kaum etwas anderes als meine neue Wohnung denken konnte … Ich fühle mich so egoistisch.“ Bee stand auf und drückte sie kurz an sich. „Blödsinn, wir alle wussten nicht, dass so viel so gründlich im Argen liegt. Und eine Wohnung brauchst du trotz allem Unrecht in der Welt.“ Sie drehte sich zu Gabriel um: „Ich glaube, wir sollten jetzt gehen. Oder sollen wir erst helfen, Crowley zu suchen?“ Erziraphael schüttelte den Kopf. „Nein, ich denke, er kommt von allein zurück, wenn er sich danach fühlt. Er hat ja zum Glück Hexe bei sich.“

Die beiden Engel starrten dem ungleichen Paar nach, auch als es schon längst ihren Blicken entschwunden war. Schließlich rief der Buchhändler sich zur Ordnung und griff nach Muriels Arm. „Kann ich irgendetwas tun, damit du dich besser fühlst?“ Sie sah ihn an, erst ausdrucklos, dann jedoch plötzlich mit neuem Mut. „Ja, das kannst du. Und ich kann dasselbe für dich tun.“ Erziraphael sah sie verwirrt an, er hatte keine Ahnung, auf was sie hinaus wollte. „Wir können uns gegenseitig versprechen, nicht zu resignieren, nicht aufzugeben.“ Sie hinderte ihn daran, ihr zu widersprechen. „Warte! Sag nichts! Wir haben diese Welt schon einmal gerettet, obwohl es völlig aussichtslos schien, objektiv vielleicht sogar war. Und du und Crowley habt sie sogar schon zweimal gerettet, einmal nur mit der Unterstützung eines Jungen und einiger Menschen, die alle nicht zu Helden berufen schienen.“ Sie hatte nach seinen Schultern gegriffen und rüttelte ihn sanft. „Diesmal sind die Ausgangsbedingungen sogar viel besser, siehst du das denn nicht? Ihr habt Freunde, denen ihr blind vertrauen könnt und die euch überall hin folgen werden. Du, Bee und Gabriel, ihr habt Kontakte bis ganz nach oben in allen drei Welten, euer Wort hat überall Gewicht und ihr könnt öffentlich agieren, statt euch verstecken zu müssen. Die Feinde verbergen sich diesmal nicht in den eigenen Reihen!“ Ihre Stimme wurde immer beschwörender, der Griff ihrer Hände auf seinen Schultern fester. „Ich habe keine Angst“, sagte sie voller Überzeugung. „Ich habe keine Angst, solange du und Crowley nicht aufgeben. Solange ihr kämpft, kämpfe ich an eurer Seite, und das werden auch Bee und Gabriel, Sariel, Jesus, Umael und Berechiel, Nina und Maggie, Laura und Ben tun, daran habe ich nicht den geringsten Zweifel.“ Ihre Stimme war jetzt leidenschaftlich: „Wenn ihr vorangeht, der weiße und der dunkle Engel, gemeinsam mit dem Menschensohn, die schon einmal die drei Welten unter einem Banner versammelt haben, dem Banner von Freiheit und Gerechtigkeit, werden euch nicht nur eure Freunde folgen, da bin ich absolut sicher. Erst wenn ihr aufgebt, verliere ich meine Hoffnung.“ Es tat ihr weh, wie müde Erziraphael aussah, wie verletzlich, aber sie wusste, dass sein Kampfgeist ihn nicht einfach resignieren lassen würde, nicht auf Dauer. Und es würde ihre Aufgabe sein, ihm und Crowley den Rücken freizuhalten und ihnen immer wieder Mut zu machen. Sie war keine Strategin und keine Diplomatin, das wusste sie. Aber sie war mutig und sie war leidenschaftlich, sie liebte diese Welt und sie würde nicht klein beigeben. Sie ließ Erziraphaels Schultern los und legte beide Hände um sein Gesicht. „Ich glaube an dich, Erziraphael. Ich glaube an euch! Und ich werde keine Ruhe geben, bis ihr auch wieder selbst an euch glaubt.“ Sie lächelte den sprachlosen Engel aufmunternd an. „Geh und tröste Crowley. Zusammen seid ihr so viel stärker, als ihr bisher ahnt. Wir sprechen morgen weiter.“ Sie küsste ihn auf die Wange. „Ich werde ruhig schlafen, leitender Erzengel, weil ich weiß, dass ihr unter demselben Dach schlaft.“ Er konnte ihr noch nicht einmal eine gute Nacht wünschen, oder danke sagen, so sehr hatte ihre Ansprache ihn bewegt. Was für eine begabte Demagogin in der kleinen Buchhändlerin steckte! Er wog das Wort Demagogin auf der Zunge, spürte ihm nach, dann schüttelte er den Kopf und korrigierte sich. Nein, das war es nicht. Sie war eine Kämpferin, mehr noch: eine Kriegerin, ja, das war es. Sie war eine Kriegerin und bei allem, was ihm heilig war, er bedauerte jeden, der auf der Seite ihrer Gegner stand!

Entschlossen griff er nach seinem Mantel und trat vor die Tür. Während er die Knöpfe schloss, horchte er in die Dunkelheit, aber alles war still. Wo könnte Crowley sein? Wohin würde Hexe ihn führen, wenn er ihr die Auswahl des Ziels überließ? Mit plötzlicher Gewissheit machte er sich auf den Weg in den St. James Park. An jeder Wegkreuzung hielt er kurz inne und suchte mit geschärften Sinnen nach einem Anzeichen dafür, wo der Dämon und die Hündin sein könnten, aber alles blieb stumm. Beinahe im Laufschritt erreichte er den Park und zögerte kurz, welchem der Spazierwege er folgen sollte. Dann wandte er seine Schritte entschlossen dem zu, der ihn zu ihrer Bank führen würde. Schon von weitem sah er, dass dort jemand saß, auch wenn die Silhouette nicht nach Crowley aussah. Für ein oder zwei Schritte wurde er langsamer, aber dann sah er eine andere vertraute Form, die direkt auf ihn zukam: Schlank und groß, auf vier langen dünnen Beinen - Hexe! Die Hündin hatte ihn offensichtlich gewittert und kam ihm nun entgegen. Sie hielt sich nicht mit einer Begrüßung auf, als sie ihn erreichte hatte, sondern wendete und raste zurück zur Bank, alle paar Schritte schaute sie sich um, ob er ihr noch folgte. An der Bank angekommen, bellte sie einmal laut, aber die Person auf der Bank rührte sich nicht. Erziraphael sah nun, warum der dunkle Umriss ihn getäuscht hatte. Crowley hatte die Beine angezogen, hielt seine Knie umklammert und den Kopf gesenkt. Er schien kaum zu atmen. Erziraphael ließ sich neben ihn fallen und nahm ihn in den Arm. Erschrocken registrierte er, wie kalt der dünne Körper sich anfühlte. Rasch zog er seinen Mantel aus und wickelte Crowley darin ein. Dann schlang er wieder seine Arme um ihn und zog ihn zu sich. Er vergrub sein Gesicht in den roten Locken und konzentrierte sich auf Crowley, auf seinen vertrauten Geruch, seinen Herzschlag, seine angespannten Muskeln. „Ich bin hier, Liebling“, flüsterte er. „Diesmal sind wir nicht allein, wir haben uns.“ Er begann, Crowleys Hinterkopf zu streicheln und flüsterte dabei weiter in sein Ohr. „Ich habe auch Angst, Crowley. Das ist ok. Es wäre verrückt, in einer solchen Situation keine Angst zu haben.“ Plötzlich spürte er etwas Feuchtes an seinem Hals und begriff, dass es Crowleys Tränen waren. Er drückte den Kopf seines Freundes, seines Geliebten noch zärtlicher an sich und flüsterte ihm Kosenamen ins Ohr, die er erst in diesem Moment fand. Eine Ewigkeit schien vergangen zu sein, als Crowley endlich den Kopf hob. „Es ist nicht nur Angst“, sagte er müde. „Ich bin enttäuscht und traurig und wütend und so vieles andere, für das ich nicht einmal die Worte kenne.“ Erziraphael fasste ihn an den Schultern, so wie Muriel es kurz zuvor bei ihm getan hatte. „Wir wussten, dass es schwierig werden kann. Du hast doch selbst gesagt, Wölfe gibt es immer.“ Der Dämon nickte. „Ich hatte nur gehofft, wir hätten mehr Zeit“, flüsterte er mit rauer Stimme. „Du willst jetzt sicher zurück in den Himmel. Ich verstehe das, Engel, geh nur. Ich werde warten.“

Der Druck von Erziraphaels Armen um seinen Körper verstärkte sich und er ließ sich in die Umarmung sinken, die vielleicht die letzte für sehr lange Zeit sein würde. Der Engel flüsterte etwas in sein Ohr. Hatte er richtig gehört? Konnte das sein? Er befreite sich aus der Umarmung, um Erziraphael ins Gesicht schauen zu können. Er nuschelte etwas, das mit „nochmal“ endete. Liebevoll wiederholte der Engel, was er gerade gesagt hatte: „Ich lasse dich nicht wieder allein, Crowley. Mein Platz ist bei dir und unser Platz ist hier. Wir haben uns für die Erde entschieden und dazu stehe ich. Außerdem brauchen unsere Freunde uns hier.“ Er streichelte die Wange des Dämons, der ihn noch ungläubig ansah. „Wenn der Himmel oder die Menschen unseren Rat oder unsere Hilfe wollen, dann kann ich im Himmel an Sitzungen teilnehmen, aber ich werde immer nach Hause kommen, zu dir. Ich habe auch Angst, Liebling. Aber mit dir zusammen kann ich sie aushalten.“ Erleichtert sah er, dass Crowleys Gesicht wieder Farbe bekam, er seine Arme von seinen Beinen löste, und ihm offen ins Gesicht sah. „Ich auch, Engel, dann kann ich alles aushalten.“ Hexe spürte die Veränderung, natürlich. Sie sprang aufgeregt um sie herum und versuchte, abwechselnd Crowley und Erziraphael abzulecken, bis die Männer aufstanden und der Hündin wortlos folgten. Nachhause.

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Ziemlich viel Pathos diesmal, oder? Aber ich denke da wie unsere unsterblichen Freunde: Manche Situationen erfordern einfach Pathos! Schließlich geht es um die Zukunft der ganzen Welt. Was denkt ihr?