Tag 12, Mittwoch (Teil 1) - Gespräche
Tag 12, Mittwoch (Teil 1) - Gespräche
Jeden Tag werden auf der Erde zahllose Gespräche geführt. An die meisten davon werden sich schon bald nicht einmal mehr die Beteiligten selbst erinnern, so oberflächlich, so banal, so alltäglich sind sie. Daneben gibt es natürlich Gespräche, an die wir uns lange erinnern, vielleicht ein Leben lang. Das Vorstellungsgespräch für den Traumjob, das Personalgespräch, an dessen Ende man uns kündigt. Das Gespräch, in dem wir erfahren, dass unsere Eltern sich scheiden lassen, dass unser Kind heiraten wird, dass wir Großeltern werden, dass ein geliebter Mensch gestorben ist. Das erste Gespräch mit der Liebe unseres Lebens. Das letzte Gespräch am Sterbebett der Liebe unseres Lebens. Das Verhör, das einen Straftäter ins Gefängnis bringt. Das Interview, in dem Anschuldigungen erhoben werden, die ein Leben zerstören. Der Streit, der eine lange Freundschaft beendet. Und manchmal gibt es Gespräche, die die Macht haben, unser Schicksal zu beeinflussen und den Lauf der Geschichte zu ändern.
An diesem Mittwoch wurden gleich mehrere solcher Gespräche geführt. Das erste war ein Telefonat. Gabriel nahm es an. „Ich will Beelzebub sprechen. Ist sie da?“ Er winkte Bee heran und drückte ihr das Telefon in die Hand. „Furfur“, seine Lippen formten lautlos den Namen des Höllenrates.
„Guten Morgen, Furfur, hast du etwas herausgefunden?“
- „Weißt du davon?“
„Wovon soll ich etwas wissen, Furfur?“
- „Von den Engeln, die gegen den Vertrag verstoßen. Von den Bastarden, die Winged Pride gegründet haben?“
„ Ja, Furfur. Seit gestern Abend. Jesus hat es uns erzählt.“
- „Und glaubst du trotzdem noch, man könnte den Himmlischen trauen?“
„Nun, ich glaube nach wie vor, dass ich vielen von ihnen trauen kann. So, wie ich auch hoffe, dass ich dir trauen kann, obwohl ich auch von den Dämonen weiß, die gegen den Vertrag verstoßen. Du weißt schon, den Bastarden, die gleich mehrere Hells Angels-Chapter übernommen haben.“
- Furfur knurrte in den Hörer. „Wie immer bestens informiert, Beelzebub, meinen Respekt. Woher soll ich wissen, dass ich dir noch trauen kann, dass du nicht auf der Gehaltsliste des Himmels stehst?“
„Das kannst du nicht wissen, genauso wenig, wie ich weiß, ob du immer noch ein Mann bist, der zu seinem Wort steht. Aber ich bin bereit, es darauf ankommen zu lassen. Und du?“
- „Von mir aus. Der Dämon mit dem Menschenbastard interessiert euch dann vermutlich nicht mehr, oder?“
„Der Menschenbastard heißt Arwen. Sie ist die Freundin unserer Freundin. Und natürlich interessiert mich das Schicksal ihres Vaters noch genauso, wie vor den beunruhigenden Neuigkeiten aus Übersee. Muss ich dir jetzt etwa erklären, was Treue bedeutet?“
- „Also gut. Du hattest recht: Er war bei einer der großen Internierungswellen dabei. Sein
Name stand auf den Listen der Zielpersonen und er wurde bei Einlieferung ins Lager ordnungsgemäß erfasst. Falls die Akten zuverlässig sind, war er bis zur diskreten Auflösung des Lagers noch am Leben und in ausreichend guter Verfassung, um verlegt zu werden.“
„Und wo ist er heute?“
- „Ich habe dir doch schon gestern gesagt, dass das eine Nacht- und Nebel-Aktion war. Es gibt keinerlei Unterlagen. Es sollte auch keine geben. Ich habe aber in Erfahrung gebracht, dass er am wahrscheinlichsten in ein Lager im Fünften Kreis verlegt wurde. Mehr kann ich nicht für dich tun.“
„Wie komme ich da hin? Gibt es dort jemanden, dem ich trauen kann?“
- „Hörst du nicht zu? Ich sagte, mehr kann ich nicht tun.“
„Gehört habe ich es, Furfur. Nur geglaubt habe ich es dir nicht. Du bist der letzte Höllenrat und die niederen Ränge verehren dich nach wie vor als mutigen Kämpfer und zuverlässigen Fürsprecher. Also nochmal: Wie komme ich da hin? Und wer wird mir helfen?“
- „Beelzebub, du warst schon als Lord eine Nervensäge, habe ich dir das je gesagt?“
***
Auch ein Gespräch, das an diesem Mittwoch in einem Redaktionsgebäude eine knappe Autostunde von London geführt wurde, würde Auswirkungen haben, von deren Reichweite und Bedeutung die beiden Gesprächspartner noch nichts ahnten. Es begann damit, dass einer der beiden dem anderen bedrucktes Papier auf den Schreibtisch warf und fragte: „Was hältst du davon?“ Nachdem dieser einen kurzen Blick darauf geworfen hatte, sah er auf. Sein Gesichtsausdruck war besorgt.
„Woher kommt das, Kenneth? Ist das aktuell?“
- „Topaktuell. Es kommt von unserer Korrespondentin in Washington. Du weißt, dass sie zuverlässige Quellen hat.“
„Und das andere? Denkst du etwa, das hat miteinander zu tun?“
- „Mein Instinkt sagt mir, dass ja. Ich werde der Sache auf jeden Fall nachgehen. Aber ich brauche deine Hilfe dabei. Kann ich auf dich zählen?“
„Wie soll ich dir dabei eine Hilfe sein? Ich arbeite doch kaum jemals investigativ.“
- „Nun stell mal dein Licht nicht unter den Scheffel! Du hast schon mehr als einen handfesten Skandal ans Licht gebracht. Außerdem brauche ich für den Moment weniger deine Spürnase als deine Kontakte. Der Flurfunk sagt, du hast Connections zu entsprechenden Kreisen, angeblich bis nach ganz oben.“
„Was in den „Kreisen“, die du meinst, „ganz oben“ ist, lässt sich im Augenblick kaum sagen. Da ist manches im Umbruch. Außerdem sind meine Kontaktpersonen nicht in den Vereinigten Staaten, sondern ganz überwiegend in London.“
- „Mann, zier dich nicht so. Ich sehe doch, dass es dir schon in den Fingern juckt, das ins Licht der Öffentlichkeit zu zerren und mit mir für Gerechtigkeit zu sorgen.“
„Siehst du auch den Flächenbrand, den du damit auslösen könntest? Kenneth!? Willst du für den nächsten Bürgerkrieg verantwortlich sein?“
- „Alles richtig. Aber was, wenn wir ihn stattdessen verhindern?“
„…“
- „Siehst du!? Also los: Dann lass mal deine Kontakte spielen.“
***
Ein deutlich alltäglicheres Gespräch wurde etwa zeitgleich in einer uns bekannten Buchhandlung in Soho geführt. Crowley war bereits mit Hexe zur Schule aufgebrochen. Er und Erziraphael waren sich darüber einig gewesen, dass sie ihren Alltag so weit wie möglich weiterführen würden wie bisher. Niemandem wäre damit gedient, wenn er Hexes Einsätze als Vorlesehund aussetzte oder samstags nicht mehr für Muriel vorlas. Außerdem half der Alltag mit seinen festen Abläufen, Aufgaben und Kontakten, die eigenen Sorgen im Zaum zu halten und nicht in Grübeln zu verfallen. Erziraphael saß noch mit Muriel am Frühstückstisch. Auch sie beschäftigten sich mit voller Absicht nicht mit weltpolitischen oder existentiellen Fragen, sondern mit dem vor ihnen liegenden Tag und konkreten Aufgaben. „Wenn Alec heute und morgen hier arbeitet, würde ich ihn gerne einladen, mit uns zu essen“, hatte Muriel gerade gesagt. „Auch danach, wenn er noch länger braucht. Vielleicht bringt er ja auch Helfer mit.“ Der Buchhändler nickte. „Das kann gut sein. Worauf willst du hinaus?“ Er biss von seinem Toast ab. Muriel zeigte auf die Lebensmittel auf dem Tisch. „Das ist so ziemlich alles, was unser Vorrat noch hergibt. Ein bisschen Obst, ein paar Kartoffeln, kein Gemüse mehr. Wenn wir unsere Handwerker bewirten wollen, müsste ich einkaufen.“ Ein nachdenkliches Nicken war zunächst die einzige Zustimmung. „Wir sollten auch darüber hinaus unsere Vorräte aufstocken“, sagte Erziraphael dann. „Ich vermute, wir alle werden angesichts der aktuellen Lage öfter das Bedürfnis nach Gesellschaft und Ablenkung haben. Es wäre mir wichtig, dass wir die anderen jederzeit spontan zu uns einladen und sie auch verpflegen können.“ Muriel verscheuchte mit einer heftig wedelnden Handbewegung das Gefühl einer vagen Bedrohung, das sie bei diesen Worten beschlichen hatte. „Du hast recht. Dann gehe ich am besten gleich einkaufen.“ Erziraphael erhob sich ebenfalls. „Ich komme mit. Die Mengen, die mir vorschweben, kann ich dich nicht allein schleppen lassen.“
Muriel war schnell noch einmal nach oben gegangen, um sich umzuziehen. Von dem kurzen Telefonat, dass sie dort führte, erzählte sie Erziraphael nichts. Sie benötigte nur wenige Sätze, um alles zu regeln. Der entscheidende war: „Wir könnten hier ein bisschen moralische Unterstützung brauchen. Könnt ihr kommen?“
***
Gleich nachdem Crowley mit Hexe aus der Schule zurückkam, traf auch Alec ein. Die beiden Engel waren gerade erst mit dem Auspacken und Verräumen ihrer Einkäufe fertig geworden, für die sie in Anbetracht der schieren Menge den Lieferdienst des Supermarktes in Anspruch genommen hatten. Neben vielen frischen Lebensmitteln hatten sie auch zahlreiche haltbare Produkte gekauft und Dinge, die Nina und Maggie gerne „Seelenfutter“ nannten: Schokolade, Pudding, Eis, Chips und Erdnussbutter, von deren tröstender Wirkung bei vielen Übeln des Alltags längst auch Muriel überzeugt war.
Zu ihrer Überraschung hatte Alec seine jüngere Tochter mitgebracht, die unbedingt hatte helfen wollen, als sie erfuhr, bei welchem Kunden ihr Vater den Nachmittag verbringen würde. Sie tranken alle gemeinsam eine Tasse Kaffee in der Buchhandlung, dann half Crowley dem Tischler, die Fenster und die neue Fensterbank in den ersten Stock zu tragen und verließ schließlich mit Hexe das Haus für den verdienten langen Spaziergang. Erziraphael machte sich daran, seinen Schreibtisch gründlich aufzuräumen, während Muriel bei ihren Kinderbüchern beschäftigt war. Nach einiger Zeit kam sie zu ihm herüber und blieb schweigend vor seinem Sekretär stehen, bis er zu ihr aufsah. „Ich habe gerade gedacht, ich könnte den anstehenden Umzug doch benutzen, um vielleicht ein bisschen kostenfreie Werbung für die Kinderbuchhandlung zu bekommen. Was hältst du davon??“ - „Und an welche Art von Werbung hast du gedacht?“, fragte er nach. „Ich könnte eine Pressemitteilung herausgeben, zu unserer Samstagsveranstaltung einladen und auf den bevorstehenden Umzug hinweisen. Vielleicht schafft es dann mal ein Reporter in mein kleines Reich.“ Erziraphael lächelte entschuldigend: „Aus leicht verständlichen Gründen habe ich für meine Buchhandlung bisher nie Werbung gemacht, ich kenne mich also mit dem Thema nicht aus. Aber ich wüsste nicht, was gegen eine solche Pressemitteilung sprechen sollte. Was soll schon schief gehen?“ Nur zwei Wochen später würde er in dieser Hinsicht einen deutlich größeren Erfahrungsschatz haben und eine ganze Liste von Dingen aufzählen können, die bei einem Kontakt mit Pressevertretern gründlich schief gehen können. So aber lächelte er Muriel nur ermutigend zu und vertiefte sich wieder in seine Papiere. Und die Buchhändlerin setzte sich lächelnd an den Computer, um die erste Pressemitteilung ihres Lebens zu schreiben.