Tag 13, Donnerstag (Teil 1)
Tag 13, Donnerstag (Teil 1)
Crowley wurde davon wach, dass ihm Kaffeeduft in die Nase stieg. Er blinzelte zum Nachttisch hinüber und tatsächlich, dort stand ein dampfender Becher, von dem aus sich das Aroma verbreitete. Als er sich aufrichtete, um danach zu greifen, fiel sein Blick auf den Wecker. "Was zum...!" Er schwang die Beine aus dem Bett, wobei irgendetwas vom Fußende plumpste, und stand auf. Zeitgleich mit dem nächsten Fluch ließ er sich wieder aufs Bett sinken. Mit dem Schmerz kam auch die Erinnerung zurück und er stöhnte genervt. Wie sollte er bloß mit dem Fuß Hexe ausführen und Alec im Laden mit anfassen? Hexe! Er sah zu ihrem Korb hinüber, aber der war leer. Wo konnte die Hündin sein? Sie wich doch sonst nicht von seiner Seite! Er pfiff vergeblich nach ihr. Und wo war überhaupt der Engel?
Er seufzte laut, beim Einatmen stieg ihm erneut der Geruch von frischem Kaffee in die Nase. Das war doch wenigstens etwas! Er reckte sich nach dem Becher auf dem Nachttisch und sah dabei wieder, wie spät es schon war. Warum hatte er bloß so lange geschlafen? Der Kaffee war stark und noch angenehm heiß. Er trank ihn mit großen Schlucken aus. Gerade, als er den Becher zurück auf den Nachttisch stellte, bimmelte unten die Glocke und die Ladentür fiel ins Schloss. Schon hörte er das vertraute Hecheln auf der Treppe, das Geräusch von Pfoten auf Parkett und eine grau-weiße Hundeschnauze erschien im Türspalt. Die Hündin zwängte sich hindurch und begrüßte ihn stürmisch. Während sie ihre morgendlichen Streicheleinheiten genoss, hörte Crowley beschwingte Schritte die Treppe hinauf kommen und im nächsten Moment stand Erziraphael im Zimmer, mit frischen roten Wangen und einem strahlenden Lächeln. "Guten Morgen, Liebling. Wie geht es dir?" Er beugte sich zu Crowley hinunter, küsste ihn und setzte sich dann zu ihm auf die Bettkante. „Ah, Muriel hat dir Kaffee gebracht! Soll ich dir noch einen holen? Oder willst du etwas anderes?" Das mürrische Gesicht des Dämons ignorierte er einfach. "Warst du etwa mit Hexe draußen?" „In der Tat, wir haben einen langen Spaziergang gemacht. Es ist ein herrlicher Tag, aber wirklich frisch. Jetzt kommt wohl unvermeidlich der Herbst. Wir haben von Muriels Lieblingsbäckerei Frühstück mitgebracht. Sicher machen Alec und sein Lehrling gleich mal Pause." Erziraphael griff nach der Hand, die noch unbeweglich neben ihm auf der Bettdecke lag. "Wie geht es deinem Knöchel? Tut er noch sehr weh?" Er sah zum Fußende hinunter. „Ich finde, die Schwellung ist etwas zurückgegangen.“ Erst als Crowley seinem Blick folgte, bemerkte er, dass seine nackten Füße auf der Bettdecke lagen. Eilig versuchte er, die Decke darüber zu ziehen, aber der Engel hinderte ihn daran. Der Dämon konnte seine Augen nicht von seinen Füßen lösen, die da im erbarmungslosen Morgenlicht ungeschützt und gut sichtbar wie auf dem Präsentierteller lagen. Jede unregelmäßige Naht, jeder schiefe Stich, jede Wulst, jede Schwellung war genau zu erkennen. Einige der Narben erhoben sich so weit über die angrenzenden Hautflächen, dass sie Schatten warfen, andere waren auch nach all dieser Zeit so grellrot und glänzend, als könnte die Haut jeden Augenblick einfach aufplatzen. Der Gedanke, dass Erziraphael sie am Vorabend aus nächster Nähe gesehen, ja sogar berührt hatte, dass er diesen Anblick sicher nie wieder würde vergessen können, ließ Crowley die Augen schließen und den Kopf abwenden. Er stöhnte. Dieser Gedanke war schlimmer als jeder Schmerz. Wie er sich schämte! Sechstausend Jahre lang hatte er den Schein wahren können, den Schein des smarten, gepflegten und durchgestylten Mannes, des brillanten Zynikers, dem niemand etwas anhaben konnte. Und jetzt lag der Beweis für sein Versagen, seine Schwäche und seine Täuschung offen unter Erziraphaels Augen. Er verabscheute diesen Anblick! Er konnte keinen Frieden mit seinem versehrten Körper machen, der ihn verriet, der ihn als Opfer und als Schwächling brandmarkte. Er hatte eine halbe Ewigkeit Übung darin, seinen Körper und sich selbst mit den verletzendsten Schimpfworten zu belegen. Beim Blick auf seine Füße, bei der Erinnerung daran, wie Erziraphael sie in seinen Händen gehalten hatte, fielen ihm alle Schmähungen wieder ein. Es war vielleicht Satans grausamste Rache, dass er seine Entkörperung immer so sorgfältig vermieden hatte. Was hätte er darum gegeben, dem Gefängnis dieses Körpers entfliehen zu können! Dieser Karikatur eines Mannes, die aussah wie die ersten Patchwork-Versuche eines unbegabten Kindes, wie von einem dilettantischen Frankenstein-Nachahmer zurechtgeflickt, wie aus Schlachtabfällen zusammengestückelt! Ein gequälter Laut entrang sich seiner Kehle und er drehte sich auf die Seite, das Gesicht von Erziraphael abgewandt, damit er dessen Mitleid und Abscheu nicht sehen musste.
"Crowley, Liebling!" Der Engel griff nach seiner Hand, versuchte, ihn sanft wieder zurück auf den Rücken zu drehen. Als ihm das nicht gelang, stand er auf, ging um das Bett herum und setzte sich auf der anderen Seite wieder zu ihm. Bevor Crowley reagieren konnte, hatte auch Erziraphael sich ausgestreckt und ihm eine seiner weichen weißen Engelshände an die Wange gelegt. Der Dämon wollte sie abschütteln, wollte stark sein, wollte der Enttäuschung keine Chance geben, ihm weh zu tun, wollte sich erneut wegdrehen, aber es gelang ihm nicht. Etwas in ihm war stärker, etwas wollte diese Hand an seiner Wange spüren, wollte getröstet werden wie ein Menschenkind, wollte in den Arm genommen und belogen werden, wollte hören, dass alles wieder gut werden würde... Erziraphael war ganz nah an ihn herangerückt, hatte einen Arm unter seinen Kopf geschoben und hob den anderen nun an, damit der Dämon sich an ihn kuscheln konnte. "Komm her", mehr sagte er nicht, nur "Komm her", mit so viel Liebe in der Stimme, dass Crowley einfach nicht anders konnte, als sich in die Umarmung ziehen zu lassen und sich der hartnäckigen Zärtlichkeit zu ergeben, mit der der Engel um ihn kämpfte. Der hielt jetzt den Kopf mit den roten Locken fest an seine Brust gedrückt und flüsterte: "Du großer, dummer Dämon! Wie kann in einen so schönen Kopf nur so viel Unsinn hineinpassen?" Hatte er in seinen Gedanken gelesen? War ihm sein ganzes Elend auf die Stirn geschrieben? Er spürte Erziraphaels Hand auf seinem Rücken, die der Engel rücksichtsvoll nicht unter sein Shirt geschoben hatte, die ihn aber so fest und sicher hielt, dass er endlich loslassen konnte. Eine ganze Weile sagte keiner von beiden ein Wort. Der Engel summte leise schlichte Melodien, die Crowley an Schlaflieder erinnerten und sich wie weißes Rauschen über den Lärm seiner Gedanken legten. Schließlich war sein Kopf ganz leer, da waren keine beschämenden Bilder und keine hässlichen Worte mehr, nur Stille und ein Gefühl der Geborgenheit. Erst viel später schlug Crowley die Augen wieder auf, direkt vor sich die blauen Augen des Engels und in diesen Augen Erleichterung und ... immer noch Liebe.
"Ich möchte nicht allein hier oben bleiben", sagte er. "Meinst du, ich schaffe es irgendwie die Treppe runter?"
Während der Dämon sich umzog, hatte Erziraphael die Kühlpacks, die Handtücher und ein paar weitere Dinge in einen Beutel gesammelt, den er sich über die Schulter hängte. Dann half er Crowley aufzustehen, ließ ihn einen Arm um seine Schulter legen und fasste ihn gleichzeitig um die Taille. So kamen sie tatsächlich problemlos bis zur Treppe. Unten im Laden blickte Muriel vom Computer hoch und sprang auf, als sie die beiden Männer dort stehen sah. "Wartet!" Sie kam ihnen auf den Stufen entgegen, drehte sich um und sagte fröhlich: "Kann losgehen! Ich passe auf, dass keiner von euch vornüber kippt." Mit viel Fluchen und Kichern - wobei im Wesentlichen Crowley das Fluchen und die Engel das Kichern übernahmen – gelang es ihnen, den Dämon nach unten zu bugsieren. Dort stand ein Paar Krücken bereit, das Muriel dem Dämon hinhielt. Verächtlich schnaubend schob er sie zur Seite, setzte den verletzten Fuß auf, stöhnte... und nahm dann mit Todesverachtung die Gehhilfen aus Muriels Hand. Wider Willen musste er lächeln, als er sah, dass sie schwarz-glänzend lackiert waren und die Griffpolsterung in sattem Dunkelrot strahlte. Vorsichtig setzte er sie auf, verlagerte sein Gewicht und versuchte herauszufinden, wie er die Dinger am besten benutzte. Nach wenigen Schritten hatte er den Dreh raus. So demütigend er es auch fand, an Krücken zu gehen, war es doch immer noch besser, als wie ein nasser Sack von den beiden Engeln gestützt und herumgeschleift werden zu müssen. Es gelang ihm, unfallfrei das Sofa zu erreichen. Erziraphael zog seinen Sessel heran und setzte sich Crowley gegenüber. Muriel brachte ihnen Kaffee und Tee, für Crowley stellte sie noch eine Flasche Trinkjoghurt daneben. Sie beugte sich hinunter und drückte ihn kurz. „Gute Besserung, Großer! Du wirst etwas Geduld brauchen.“ Nur Erziraphael lächelte ihr zu. "Danke, Liebes. Lässt du uns dann bitte eine Weile allein?" Sie nickte, strahlte beide noch einmal an und verschwand nach vorne zu ihren Kinderbüchern.
"Dann zeig mir mal deinen Fuß", forderte der Engel Crowley auf. Bevor der Gelegenheit gehabt hätte, irgendetwas zu erwidern, fuhr Erziraphael fort: "Können wir den Teil mit dem Protestieren, Wehren, Schimpfen und Verstecken bitte einfach überspringen? Umso schneller bringe ich dir die Bücher, über die du heute entscheiden willst." Er setzte sein entwaffnendstes Lächeln auf und wartete geduldig ab, während Crowley erst hochfahrend den Mund öffnete, ihn dann perplex anstarrte und den Mund schließlich unverrichteter Dinge, aber mit einem demonstrativen Augenrollen wieder schloss. "Lieb von dir, danke." Während er nacheinander die schwarzen Schuhe und die schwarzen Strümpfe von Crowleys Füßen zog, ignorierte er dessen vorwurfsvolle Blicke. Erst, als er begonnen hatte, den verstauchten Fuß großzügig mit dem kühlenden, schmerzlindernden Gel zu bedecken, sah er wieder auf. "Sieh mal, ich habe deine Füße doch gestern schon gesehen, von allen Seiten und in aller Ausführlichkeit. Ich bin weder schreiend davon gelaufen noch ohnmächtig geworden und ich habe sie auch nicht erschrocken fallen gelassen. Und nun sitze ich wieder hier und versuche nur, dir ein bisschen Linderung zu verschaffen. Ich möchte deine Füße sehen, ich möchte sie berühren. Könnten wir nicht der Einfachheit halber davon ausgehen, dass ich auch bei allen weiteren Wiederholungen weder flüchten noch umkippen werde? Und dass ich deine Füße liebe, einfach weil es deine Füße sind, und ich alles an dir liebe? Und dass ich mein Möglichstes tun werde, um dich mit ihnen zu versöhnen?" Der Dämon sah ihn mit offenem Mund an, dann schüttelte er energisch den Kopf. "Eher friert die Hölle zu!" Erziraphael widmete sich inzwischen der Fußsohle und sagte betont beiläufig: "Das ist schon etwas undankbar, meinst du nicht?“ „Was soll das denn heißen? Soll ich Satan auch noch dankbar dafür sein, dass er mir die Füße gebrochen, zerschnitten, ausgerenkt und verbrannt hat?" Der Engel lächelte nachsichtig: „Natürlich nicht. Aber deinen Füßen könntest du ruhig ein bisschen dankbar sein. Sie haben dich schließlich trotz alledem Tausende von Jahren durch die Welt und durch dein Leben getragen, in die Suppenküche, zu Hexe, zu Hannah, dann zu Muriel, Nina und Maggie und vor allem zurück ins Leben und zurück zu mir. Dafür liebe ich deine Füße. Und dafür bewundere ich dich. Begreifst du wirklich nicht, dass deine Narben deine Stärke beweisen, deinen Sieg über alle, die dich brechen wollten, damit aber gescheitert sind?“ Er erwartete keine Antwort, heute noch nicht, nickte aber zufrieden, als er sah, wie Crowley seine Stirn in Falten legte und offenbar angestrengt grübelte.
Er sah nicht mehr auf, solange er die Füße behandelte. Er tat es gründlich und nahm sich Zeit dafür, registrierte jedes unwillkürliche Zucken von Crowley und freute sich, dass die verspannten und verklebten Muskeln sich heute schon besser anfühlten als am Abend zuvor. Als er mit der Behandlung fertig war, ließ er die Hände locker auf Crowleys Füßen liegen. Der Dämon schien immer noch in Gedanken versunken und schaute erst auf, als Erziraphael begann, seine Füße zu streicheln und hin und wieder einen Kuss auf den Spann oder unter die Sohle zu drücken. Er verstand noch immer nicht, wie er das ohne jedes Zeichen von Widerwillen tun konnte, aber er versuchte, es geschehen zu lassen und zu genießen. Schließlich hob der Engel die langen Beine von seinen Oberschenkeln, setzte die Füße vorsichtig ab und stand auf. "Welche Bücher soll ich dir bringen?" "Frag Muriel, sie soll fünf Kandidaten aussuchen." Sobald der Engel mit einem Stapel Bücher wieder im Durchgang zum Laden auftauchte, rief er ihm entgegen: "Bitte auch noch welche von den Einlegern, Zettel und Stift." Erziraphael nickte und drehte sich noch einmal zu Muriel um, die ihm die vorgedruckten Blätter schon entgegenhielt. Dann blieb er kurz an seinem Sekretär stehen, um aus einer Schublade das gewünschte Schreibzeug zu nehmen, und kehrte zurück zum Sofa. Dort legte er alles in Crowleys Reichweite ab und setzte sich zu ihm. „Der Knöchel sieht viel besser aus“, versuchte er, ihn aufzubauen. „In zwei, drei Tagen kommst du bestimmt wieder ohne Krücken aus.“ Der Dämon sah ihn leidend an. „Das ist ja eine Ewigkeit!“, beschwerte er sich. Er sah zu dem geschwollenen Knöchel hinunter, dessen Umfang diesen Fuß noch falscher, noch fremder aussehen ließ. Keine seiner Extremitäten sah aus, als gehörte sie wirklich zu ihm, und auch, wenn Erziraphaels Appell etwas in ihm bewegt hatte, konnte er seinen Körper einfach nicht akzeptieren. „Gibst du mir bitte wenigstens die Strümpfe zurück?“, fragte er kläglich. Der Engel streifte sie ihm sogar über, zog ihm auch einen der Schuhe wieder an und rückte den Sessel so ans Sofa, dass Crowley den verstauchten Knöchel bequem darauf hochlegen konnte. „Soll ich dir nochmal ein Kühlpack drauf tun?“" Der Dämon war vernünftig genug, das zu akzeptieren, auch wenn er sich in der Rolle des umsorgten Kranken denkbar unwohl fühlte. Schließlich war er rundum versorgt und Erziraphael beugte sich zu ihm hinunter, um ihn noch einmal zu küssen. Crowley hielt ihn am Handgelenk fest. „Engel, ich ...“ Wie konnte er nur erklären, wie er sich fühlte, womit er kämpfte? Schließlich sagte er nur: „Es tut mir leid, dass du es so schwer mit mir hast.“ Er sah dem Engel an, dass gleich mehrere Emotionen in ihm stritten, Zärtlichkeit und Mitgefühl waren nur zwei davon. Die Antwort jedoch klang eindeutig traurig: „Es macht mir viel mehr Sorgen, dass du es so schwer mit dir selbst hast, Liebling.“ Noch einmal küsste er ihn zärtlich, hielt dabei sein Gesicht in beiden Händen und streichelte mit den Daumen seine Wangen. „Hab‘ Vertrauen!“, flüsterte er, bevor er ihn ein letztes Mal küsste, sich aufrichtete und zu Muriel ging. Crowley hörte sie fragen: „Kannst du kurz den Laden hüten? Ich möchte schnell nach Alec und David sehen. Sie müssen doch endlich mal eine Pause machen.“ Das unvermeidliche Gebimmel begleitete sie, als sie den Laden verließ, und Crowley sah vor sich, wie sie in der nächsten Tür verschwand und die Treppe zur Wohnung hinaufhüpfte, in der sie bald ihr eigenes kleines Reich haben würde. Die beiden Schreiner würden keine Chance haben, dem Energiebündel zu widerstehen und die Einladung zu einer Frühstückspause abzulehnen. Wie fast immer, wenn er an Muriel dachte, musste er lächeln. Wenn sie in Aktion war, konnte man sich kaum vorstellen, dass sie an anderen Tagen stundenlang irgendwo saß oder lag und las, immer weiter las, bis das Licht nicht mehr reichte oder das Buch zu Ende war.
Und wirklich: Kaum, dass sie zurück war, klingelte die Türglocke erneut und die beiden Männer traten gehorsam ihre Pause an. Er hörte, wie Alec nach ihm fragte und Erziraphael von seinem Missgeschick berichtete. Sofort danach machte sich jemand am Raumteiler bemerkbar und als er aufsah, stand dort der Schreiner mit einem fremden jungen Mann und wartete auf die Aufforderung, näherzutreten. „Alec, ich freue mich, Sie zu sehen. Kommen Sie gut voran?“ Er winkte ihn näher heran. „Was machen Sie denn für Sachen, Anthony? Sollte sich das nicht lieber mal ein Arzt ansehen?“ Crowley winkte ab. „Es ist nur verstaucht, Alec, keine Sorge. Spätestens nächste Woche schleppen wir zwei wieder Fenster zusammen.“ Der Schreiner lächelte. „Das würde mich freuen. Darf ich Ihnen bei der Gelegenheit unseren jüngsten Kollegen David vorstellen? Er macht sich gut bisher.“ Zu seinem Auszubildenden gewandt sagte er: „Das ist der Eigentümer unserer Baustelle und der Partner von Mister Fell, Mister Crowley.“ Der junge Mann grüßte höflich, sah Crowley dabei aber nicht in die Augen. Der Dämon schaute ihn forschend an. Irgendetwas am Blick des Auszubildenden beunruhigte ihn. Ach, wahrscheinlich sah er Gespenster. Er war heute Morgen nicht ganz er selbst. „Frühstücken Sie nicht mit uns, Anthony? Auf dem Tresen steht ein regelrechtes Buffet.“ Alec zeigte nach vorne. „Heute nicht, ich wurde hier schon gut versorgt. Beim nächsten Mal gern.“ Der Schreiner nickte bedauernd. „Das würde mich freuen. Bis dahin gute Besserung, Anthony.“ Die Männer verließen ihn, ein ungutes Gefühl jedoch blieb. Gleich darauf hörte er hinter den Regalen Tassen und Teller klappern, Gläser klirren und fröhliche Stimmen über Alltägliches plaudern.
Crowley brauchte noch eine Weile, bevor er sich auf die Bücher konzentrieren konnte, die Muriel ausgesucht hatte. Schließlich begann er aber doch, den Stapel durchzusehen. Zum obersten Buch hatte er letzte Woche schon eine Empfehlung geschrieben, das kam auf jeden Fall in die engere Wahl. Die anderen schienen aus der aktuellen Lieferung zu stammen. Von zwei der Autoren kannte er frühere Veröffentlichungen und überflog zunächst nur die Klappentexte. Die beiden verbleibenden Bücher sagten ihm bisher gar nichts. Weder kannte er die Autoren noch waren ihm Vorankündigungen aufgefallen. Eines davon war ein schmales Bändchen aus einem relativ unbekannten Kleinverlag. Ein unverlangt zugesandtes Leseexemplar, wie ihm jetzt auffiel. Das Cover zeigte vier Kinder, die Arm in Arm den Leser herausfordernd anschauten: Ein Junge im Rollstuhl, ein Mädchen mit einer dunklen Brille, ein sehr großes dünnes und ein auffallend blasses Kind. Bei näherem Hinsehen bemerkte Crowley, dass sie von recht ungewöhnlichen Haustieren begleitet wurden: Einem dreibeinigen Hund, einer Fledermaus, einem Schaf und einem Chamäleon. Das würde er sich auf jeden Fall genauer ansehen! Auch beim letzten Buch zog zuerst das Cover seine Aufmerksamkeit auf sich. Es zeigte ein gezeichnetes Haus mit einem Stück Straße und vielen Figuren und liebevollen Details, aber das war nicht das Besondere. Das, was Crowleys Blick festhielt, war, dass dieses Haus aussah, als könne es direkt nebenan oder in einer der benachbarten Straßen stehen. Der Titel bestätigte diesen Eindruck: "Ein altes Haus in Soho". Neugierig klappte er es auf und war sofort fasziniert: Die zahlreichen Illustrationen ließen ein Stück Geschichte lebendig werden, die Texte erzählten von Menschen, die hier gelebt hatten, von Abenteuern, die sie hier erlebt und von ganzen Leben, die hier begonnen und geendet hatten. Auf manchen Seiten glaubte er, Menschen wiederzuerkennen, die Erziraphaels Nachbarn gewesen waren, oder Ereignisse, von denen der Engel ihm berichtet hatte.
Er begann zu lesen und ließ sich von den Geschichten gefangen nehmen. Er hörte schon nicht mehr, wie Alec und David sich verabschiedeten, um wieder an die Arbeit zu gehen, er blickte nicht auf, als Erziraphael und Muriel mehrmals an ihm vorbei gingen, um die übrig gebliebenen Lebensmittel in den Kühlschrank zu räumen und das Geschirr in die Küche zu bringen. Ebenso wenig fiel ihm auf, dass die beiden Engel beim Spülen lebhaft plauderten oder dass Muriel mit Hexe das Haus verließ. Er sah erst wieder auf, als die Hündin nach dem Spaziergang mit der Buchhändlerin zu ihm kam, unvermittelt zu ihm aufs Sofa sprang und ihn mit Wiedersehensfreude überschüttete. Von ihr ließ er sich gerne bei der Lektüre unterbrechen und widmete ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit, bis sie sich neben ihm niederließ, den Kopf auf seine Oberschenkel bettete und fast sofort einschlief. Bevor er sich wieder der Lektüre zuwenden konnte, setzte sich Erziraphael zu ihm und griff nach seiner Hand. „Hast du alles, was du brauchst?“, fragte er und sah den Dämon forschend an. „Brauchst du was gegen Schmerzen? Willst du nochmal kühlen? Oder etwas zu essen? Ich kann dir alles holen, das ist überhaupt kein Problem.“ Crowleys instinktive und gewohnte Reaktion wäre gewesen, das fürsorgliche Angebot mit zur Schau gestellter Coolness abzuweisen oder sogar ins Lächerliche zu ziehen. Diesmal aber brachte er das nicht übers Herz. „Ich wundere mich, dass du das erst jetzt fragst“, bemerkte er. „Das ist dir doch sicher schwer gefallen.“ Der Engel errötete. „Sehr schwer“, gab er zu. „Ich kann eben nicht aus meiner Haut“, er zuckte mit den Schultern. „Entschuldige, wenn es dich stört.“ Crowley war gerührt. „Ich weiß es zu schätzen, wenn du es mit der Fürsorge nicht übertreibst“, sagte er ehrlich. „Aber ein bisschen Aufmerksamkeit kann ich schon aushalten.“ Er grinste. „Zum Beispiel, wenn sie sich in einem Becher Kaffee und ein paar Hundekeksen ausdrückt.“ Er zog Erziraphael etwas näher zu sich heran, um ihn zu küssen. „Und wenn du meinst, dass es wichtig ist, nehme ich auch weiteres Kühlen in Kauf. Aber dann hätte ich auch gerne eine Decke.“ Seine Bitte wurde mit einem strahlenden Lächeln und gleich mehreren Küssen belohnt. „Bekommst du, Liebling. Bekommst du alles!“ Es dauerte nicht lange, da waren alle seine Bitten erfüllt: der Knöchel gekühlt, der Rest des Dämons in eine weiche Decke gehüllt, ein Beutel mit Keksen für Hexe griffbereit neben ihm und eine Thermoskanne mit frischem Kaffee auf dem Tisch vor ihm. „Überziehe ich das Geduldskonto, wenn ich versuche, dich auch noch zu etwas Essbarem zu überreden? Es gibt Smoothies. Du hättest die Wahl zwischen einem milden mit indischer Note oder einem mehr arabisch inspirierten mit ordentlich Schärfe.“ Fast war er überrascht, dass Crowley jede Gegenwehr vermissen ließ. „Scharf klingt gut“, antwortete er stattdessen und fügte hinzu: „Alles, was wärmt, ist gut.“ Nachdem auch das hohe Glas mit dem tiefroten Smoothie vor ihm stand, nickte er Erziraphael lächelnd zu und vertiefte sich wieder in seine Bücher. Er sah nur auf, wenn Hexe sich neben ihm bewegte oder wenn einer der Engel direkt am Sofa vorbeiging.