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(Immer noch) Tag 13, Donnerstag

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(Immer noch) Tag 13, Donnerstag

Der Nachmittag verging fast unbemerkt und er nahm die hereinbrechende Dämmerung erst wahr, als er eine Hand in seinem Haar fühlte und die Stehlampe neben dem Sofa plötzlich angeknipst wurde. „Muriels Vorauswahl scheint auf deine Zustimmung zu stoßen.“ Der Engel ließ sich neben ihm auf dem Sofa nieder und betrachtete die Bücher, die deutliche Zeichen von Crowleys Bearbeitung aufwiesen: Aus zweien ragten die Empfehlungskärtchen, die Erziraphael nun schon kannte, aus zwei weiteren sahen die kleinen bunten Fähnchen hervor, mit denen der Dämon die Stellen kennzeichnete, die er vorlesen wollte. Auch in dem letzten, das er noch in der Hand hielt, klebten bereits mehrere solche Fähnchen. „Kannst du dich nicht entscheiden?“ Der Engel hatte das obere der zum Vorlesen vorbereiteten Bücher zur Hand genommen. „Darf ich?“ Crowley nickte, hatte seine Nase aber schon wieder in das letzte Buch gesteckt, das er noch in der Hand hielt. Während Erziraphael die markierten Seiten las, wanderten vier weitere Fähnchen in das dritte Buch. Erst dann klappte der Dämon es zu, legte es zu den anderen und schaute den Engel an. „Ich habe mich für alle drei entschieden. Wenn Muriel einverstanden ist, möchte ich ausnahmsweise mehrere Bücher vorstellen. Vielleicht ist das auch für die Pressevertreter interessanter, falls sich überhaupt welche blicken lassen.“ Er sah, welches Buch Erziraphael in der Hand hielt. „Gefällt es dir?“ – „Es ist zauberhaft, die Illustrationen sind fast schmerzhaft schön.“ Er schlug das Buch wieder auf, blätterte suchend zurück und hielt Crowley schließlich eine Zeichnung hin, die eine kleine Fee auf der Schulter eines weinenden Jungen zeigte. Das winzige Wesen wirkte leicht durchscheinend und reckte sich so weit es konnte nach vorn, um die Tränen des Jungen in einem zierlichen Fläschchen aufzufangen. „Man sieht förmlich die Anstrengung, die es sie kostet, nicht von der Schulter zu purzeln“, sagte er. Er blätterte weiter bis zu dem Bild eines Trümmerberges aus Betonbrocken, zerbrochenen Backsteinen, verbogenen Metallstreben und glaslosen Fenstern, in dem einzelne bunte Punkte zu sehen waren. Der Engel zeigte mit dem Finger auf einen der Punkte: „Das ist eine Puppe, der ein Arm und ein Auge fehlen. Und dort steckt ein Schaukelpferd fest. Oh, und hier erkennt man einen kopflosen Teddybären.“ Zweifelnd schaute er vom Buch auf: „Ist das nicht ein zu schwieriges Thema für Kinder?“ „Nein, das ist es keinesfalls!“, widersprach Crowley. „Die Kinder sehen solche Bilder viel zu oft, wenn sie z. B. mit den Eltern vor dem Fernseher sitzen und die Nachrichten laufen. Das sind aber keine Zeichnungen und es gibt auch keine kindgerechten Erklärungen. Stattdessen sehen sie dort reale Filmaufnahmen mit weinenden oder blutenden Menschen, die in fremden Sprachen schreien. Das hat eine ungleich größere suggestive Wirkung und ist wahrscheinlich viel angsteinflößender und belastender, als es dieses Buch je sein könnte.“ Nachdenklich nickte Erziraphael und sah noch einmal das Bild an, während er es mit Nachrichtenbildern seiner Erinnerung verglich. „Das habe ich mir noch nie so bewusst gemacht“, sagte er schließlich. „Muriel hatte wohl recht damit, dass ich mich dringend mehr mit Kinderliteratur beschäftigen sollte.“

Die Buchhändlerin hatte ihren Namen gehört und gesellte sich zu ihnen. „Bist du fertig?“ Auch sie schielte neugierig nach den Titeln, die es auf Crowleys Leseliste geschafft hatten. „Oh, wie schön, du hast das Feen-Märchen ausgesucht! Aber das hatte dir ja schon letzte Woche gut gefallen.“ Sie griff nach dem Buch, blätterte zu einer bestimmten Seite und nickte zufrieden, als sie sah, dass diese mit einem roten Fähnchen gekennzeichnet war. „Ich finde es fast noch besser als die beiden ersten Bände“, bestätigte Crowley. „Es ist so aktuell.“ Muriel hatte schon das nächste Buch in der Hand, es war das über das alte Haus. „Ich war mir nicht sicher, ob unsere Zuhör-Kinder alt genug dafür sind“, bemerkte sie, während sie zu den markierten Seiten blätterte. Dann sah sie auf und legte die Stirn in Falten. „Wie machst du das bloß, dass du mit absoluter Sicherheit die Stellen findest, die für unsere Zuhörer perfekt sind? Du bist nicht nur eine Zauberzunge, du bist ein regelrechter Zauberer.“ Der Dämon grinste. „Ich bin wohl mehr so etwas wie ein Kinderbücher-Trüffelschwein“, behauptete er und nahm ihr mit einem täuschend echten Grunzen das Buch aus der Hand. Er legte ihr stattdessen den Band mit den vier Kind-Tier-Paaren auf dem Titel hinein. „Willst du raten, für wen von ihnen ich mich entschieden habe?“ Sie sah die vier Kinder an, als könnte eines davon ihr einen Tipp geben. „Haben Dämonen vielleicht einen besonderen Draht zu Fledermäusen?“ Crowley fasste sich theatralisch ans Herz. „Muriel! Du willst doch nicht meine hohe Meinung von dir zerstören? Hast du etwa die gleichen Vorurteile wie all die versnobten Engel der höheren Kasten?“ Der vorwurfsvolle Blick war nur zum Teil gespielt. „Glaubst du etwa auch, dass wir Vampire sind?“ Jetzt begehrte sie auf: „Natürlich nicht, was unterstellst du mir denn da? Ich dachte nur, dass das Reich der ewigen Dunkelheit für Fledermäuse ein attraktiver Lebensraum sein könnte.“ Sie streckte ihm die Zunge raus. „Ein Schaf würde in der Hölle doch wohl kaum überleben!“ „Das stimmt natürlich“, lenkte er ein. „Falsch geraten war es trotzdem. Versuch‘s noch mal.“ Sie legte sich nachdenklich den Finger an die Nase. „Der Hund!“, sagte sie nach kurzem Überlegen. „Der Hund und der Rolli-Fahrer!“ Der Dämon schüttelte den Kopf. Daraufhin schlug sie kurzerhand das Buch auf und las einige der markierten Stellen. „Du bist wirklich ein Trüffelschwein“, sagte sie kopfschüttelnd, wahrscheinlich das einzige rothaarige und geflügelte Trüffelschwein der Welt. Hör doch nur, Erziraphael:“

„Schätzchen, sei doch vernünftig“, bat Olivias Mutter. „Er kann nun mal kein Blindenführhund werden. Die müssen absolut gesund sein. Noch dazu ist Bobby viel zu klein.“ Das Mädchen schüttelte trotzig den Kopf. „Aber wir gehören zusammen, Bobby und ich. Ihm vertraue ich. Ich will keinen anderen Hund.“ In ihren Augen glitzerten Tränen. „Außerdem ist er doch völlig gesund.“ Ihre Mutter wurde ungeduldig. „Kind, bitte! Nun stell dich doch nicht dumm! Bobby hat nur drei Beine, das kannst du doch nicht einfach ignorieren. Und ich sage ja auch gar nicht, dass wir ihn weggeben sollen. Er kann nur die Ausbildung nicht machen. Er hat doch keine Chance, die Prüfung zu bestehen.“ Das Mädchen begehrte wieder auf: „Er soll aber nicht für mich rennen, sondern für mich sehen. Und mit den Augen hat er nichts.“ Olivia fuhr ihre Mutter nun wütend an: „Zu mir sagst du immer, ich könnte alles werden, was ich werden will, und dass ich mir von niemandem einreden lass soll, ich könne etwas nicht schaffen, nur weil ich blind bin.“ Plötzlich standen Tränen in ihren Augen: „Ist das alles gelogen? Glaubst du selbst gar nicht daran? Dann sag es mir jetzt!“, forderte sie energisch. „Aber Kind, das kannst du doch nicht verglei…“ Das Mädchen ließ sie nicht ausreden. „Sag es mir!“, verlangte sie noch einmal. „Bestimmt meine Blindheit, wer ich bin und was ich werden kann? Habe ich nicht das Recht, selbst herauszufinden, was ich kann und was nicht?“ Abrupt drehte sie sich um und ging zielstrebig zur Tür. „Livy!“, rief ihre Mutter ihr erschrocken hinterher. „So war das doch nicht gemeint. Natürlich glaube ich daran, dass du selbst über dein Leben bestimmen kannst und auch selbst herausfinden musst, was möglich ist. Ich bin sicher, dass du das auch weißt.“ Das Mädchen drehte sich wieder um. „Gut“, sagte sie. „Ich glaube dir. Damit ist es also entschieden: Bobby und ich werden zusammen herausfinden, was er kann. Dann kannst du ihn ja gleich zu der Ausbildung anmelden.“

Muriel schlug das Buch zu und sah den anderen Engel an. „Hab‘ ich nicht recht? Das ist doch eine großartige Passage, oder?“ Sie boxte Crowley sanft in die Seite. „Hach, und wenn du das erst vorliest! Oh, ich kriege schon Gänsehaut, wenn ich nur daran denke!“ Auch Erziraphael nickte zustimmend. „Das ist ein kleines Juwel“, bestätigte er. „Ist das ganze Buch so gut?“ Crowley und Muriel bejahten das einhellig. „Dann lass uns doch noch etwas aus dem dritten Buch hören“, bat Erziraphael. Crowley hatte schon begonnen, zwischen den bunten Fähnchen hin und her zu blättern, als die Glocke an der Ladentür Besucher ankündigte.

„Seid ihr da?“, rief es aus dem Laden. Sie erkannten Gabriels Stimme und Muriel rief: „Wir sind hinten!“ Als der ehemalige Erzengel und Bee näher kamen, erkannte Muriel an ihren Gesichtern sofort, dass dies kein einfacher Freundschaftsbesuch war. Dafür sahen beide viel zu ernst und zu besorgt aus. Bee hatte die beiden Engel zur Begrüßung umarmt und fragte dann: „Ist Crowley nicht da?“ „Du musst dich nur umdrehen“, hörte sie seine Stimme hinter sich. Die Besucher wandten sich zum Sofa um, aber ihre Begrüßung blieb ihnen im Hals stecken. „Bist du verletzt?“ Bee war mit wenigen Schritten bei ihm und umarmte ihn. Auch Gabriel wirkte besorgt, als er ihn mit einem unbeholfenen Schulterklopfen begrüßte. Crowley hatte allerdings den Eindruck, dass das nicht allein auf seine Verletzung zurückzuführen war. „Was ist passiert?“, fragte Gabriel, und jetzt war der Dämon sich sicher: Da schwang eine Portion Frust mit. „Nur ein verstauchter Knöchel, nichts Wildes.“ Er musterte neugierig Gabriels Miene. „Du siehst aus, als würde mein Knöchel dich genauso nerven wie mich. Also: Was ist los?“ Muriel machte sich bemerkbar. „Setzt euch doch erst mal hin“, forderte sie die Gäste auf und zeigte auf den Tisch. Crowley hielt sie die Krücken vor die Nase. „Du willst sicher mit rüber kommen.“ Er hätte sie gerne mit einer missbilligenden Geste abgelehnt, aber dummerweise gab ihm sein verletzter Fuß bereits nach dem Bodenkontakt beim Aufstehen zu verstehen, dass er noch nicht wieder bereit war, sein Gewicht zu tragen. Also griff er verdrießlich zu und humpelte den anderen hinterher. „Jetzt raus damit!“, forderte Crowley und sah Gabriel auffordernd an, als alle saßen. Es war aber Bee, die zu sprechen begann. „Es geht um Arwens Vater“, sagte sie ohne Umschweife. „Furfur hat mich angerufen.“ „Sieh mal an“, Crowley klang nur mäßig beeindruckt. „Hatte er auch etwas Wissenswertes zu sagen?“ Bee machte eine Kopfbewegung, aus der er so etwas las wie „Kommt drauf an.“ Sie zögerte, fuhr dann aber fort. „Er hat nochmal bestätigt, dass alle Internierungslager der Hölle, die auf neutralem Grund oder in den drei äußeren Kreisen lagen, aufgelöst wurden. Von diesen Lagern gab es vergleichsweise zuverlässige Listen der Insassen. Wir wissen deshalb, dass Arwens Vater sehr bald nach seiner Entführung von der Erde in eines dieser Lager eingewiesen wurde. Als alle Insassen jedoch überstürzt in andere Lager gebracht wurden, hat man das absichtlich nicht dokumentiert. Furfur hat mit einigen der Dämonen gesprochen, die diese Transporte begleitet haben. Und die waren sich einigermaßen sicher, dass so gut wie alle der wegen Fraternisierung verurteilten Gefangenen aus dem fraglichen Lager in ein bestimmtes Gefängnis im fünften Kreis der Hölle verlegt wurden. Und dort können wir Arwens Vater suchen“, schloss Beelzebub ihren Bericht. „Was heißt in diesem Fall wir?“, wollte Erziraphael wissen. „Furfur erwartet doch wohl nicht, dass jemand von uns in die Hölle hinabsteigt, um einen vermissten Dämon zu finden?“ Gabriel war sichtlich unwohl, als er antwortete. „Doch, genau das erwartet Furfur“, sagte er leise. „Und er sagt, dass Crowley und ich diese Jemands sein müssen.“

Erziraphaels Gesicht wechselte augenblicklich die Farbe. „Das wird nicht geschehen!“, sagte er eisig. „Auf gar keinen Fall.“ Vorwurfsvoll blitzte er dann Bee an. „Und du unterstützt das auch noch? Nur über meine Leiche!“ „Nun sei mal nicht so melodramatisch“, sagte Crowley ruhig. Alle Köpfe fuhren zu ihm herum. „Diese Entscheidung musst du schon mir überlassen“, fügte er hinzu. Er sah Gabriel an und fragte: „Warum ausgerechnet wir? Könnte das eine Falle sein?“ Wieder antwortete die Dämonin an Stelle des Engels: „Diesen Eindruck hatte ich nicht.“ Bee rief sich das Telefonat nochmal in Erinnerung. „Er klang überzeugend. Er sagt, dass ihr beide euch mit eurer gemeinsamen Mission bei Satan den Respekt vieler Dämonen verdient habt.“ „Genau“, übernahm Gabriel wieder das Wort. „Er sagt, wir beide hätten bessere Chancen als andere, Arwens Vater zu finden. Vor allem aber bessere Aussichten, unbeschadet aus der Hölle zurückzukehren, als Bee oder Erziraphael oder irgendjemand sonst.“ Nun war es heraus! Das Argument, das am schlagkräftigsten war, gleichzeitig aber auch am beunruhigendsten. Die Mission war gefährlich. Alte Feindschaften lösten sich nicht einfach auf, weil Anführer Verträge unterzeichneten. Viele Dämonen könnten ihnen noch immer Böses wollen, und zwar nicht nur unter den verbliebenen Heerscharen, sondern auch unter den Gefangenen. „Nur weil sie sich menschliche Partner gesucht haben, heißt das ja nicht automatisch, dass sie dir deine Rolle bei der ersten Apokalypse verziehen haben. In den Augen vieler bleibst du ein Überläufer, hast den Siegeszug des Antichristen verhindert.“ Erziraphael fasste nach Crowleys Hand, die zur Faust geballt auf der Tischplatte lag. „Liebling, das ist zu gefährlich. Du weißt, was das mit dir machen kann. Bitte geh nicht!“ Aber der Dämon schien ihm nicht zuzuhören. „Du würdest gehen?“ Die Frage galt Gabriel. Der nickte. „Ja, das würde ich.“ Crowley reagierte nicht gleich. Sein Blick war zur Decke gewandert und er schien zu überlegen. „Gut“, sagte er dann bestimmt. „Aber ich werde nicht in die Hölle humpeln . Wir können aufbrechen, sobald ich die nicht mehr brauche.“ Er zeigte auf die Krücken. „Crowley, nein!“ Der blonde Engel hatte nach seinen Schultern gegriffen und sah ihn flehentlich an. „Bitte überleg es dir noch mal. Mir zuliebe!“ Traurig sah der Dämon ihn an. „Bitte mach es mir nicht so schwer, Engel. Du weißt, dass ich es tun muss.“ Er streichelte die tränenfeuchte Wange. „Wir kommen zurück“, versicherte er mit fester Stimme. „Wir waren schon zweimal zusammen unten“, erinnerte er ihn. „Und beide Male sind wir sicher wieder zurückgekommen.“ Erziraphael wandte sich ab, er brachte keine Erwiderung zustande. Bee griff nach seinem Arm. „Komm, Erzengel“, sagte sie leise. „Wir gehen mal eine Runde um den Block.“ Crowleys dankbarer Blick folgte der ehemaligen Höllenfürstin. „Sie nimmt es bewundernswert gefasst“, sagte er schließlich zu Gabriel. Der nickte traurig. „Ja, inzwischen schon. Wir haben dieses Gespräch aber auch schon hinter uns. Und es wird nicht das letzte gewesen sein, bis wir aufbrechen.“ Sie schwiegen beide. Der Dämon fasste sich als Erster. „Wie kommen wir runter?“, fragte er sachlich. „Wir treffen Furfur an einem Einstiegspunkt in der Tube. Er begleitet uns bis zum Ziel, aber nicht bis ins Gefängnis hinein. Den Rest müssen wir allein schaffen.“ Wieder schwiegen sie lange. „Wie schätzt du unsere Chancen ein?“, fragte Gabriel schließlich. „Das lässt sich nicht vorhersehen.“ Crowley machte eine unentschlossene Geste. „Das hängt von so vielen Dingen ab: Wer das Lager leitet und wer es bewacht. Ob die Gefangenen vernünftig behandelt werden oder jede Gelegenheit zur Revolte nutzen werden. Ob die Nachrichten über Diskriminierungen und die Entwicklungen in den Staaten bis zu ihnen durchgedrungen sind.“ Er schüttelte resigniert den Kopf. „Da könnte uns eine Glaskugel mehr verraten als meine Erfahrungen mit der Hölle.“ Bei diesem Stichwort merkte Gabriel auf. Er legte Crowley eine Hand auf die Schulter, eine fast väterliche Geste. „Willst du wirklich mitkommen, mein Freund?“ Seine Stimme war besorgt. „Erziraphael hat ja nicht unrecht. Es könnte verdammt schwer werden für dich.“ Der Dämon sah seinen ehemaligen Erzfeind an, der als leitender Erzengel zu Erziraphael (präziser: zu demjenigen, den er für Erziraphael hielt) gesagt hatte, er solle endlich verrecken, der Jahrtausende lang auf der Seite seiner Gegner gestanden hatte und ihn skrupellos aus dem Weg geschafft hätte, wenn er die Gelegenheit dazu bekommen hätte. Gabriel hielt seinem Blick stand, obwohl er genau wusste, was in diesem Moment in Crowleys Kopf vorging. Er ließ auch seine Hand auf der Schulter des Dämons liegen und wartete, wartete, bis Crowley diese Hand ergriff und drückte. „Es wird ziemlich sicher verdammt schwer für mich“, bestätigte er. „Es war schon oft verdammt schwer. Aber diesmal habe ich einen Freund an meiner Seite.“

Muriel hatte sich bis zu diesem Moment zurückgehalten, nun platzte sie aber heraus: „Aber wie wollt ihr Arwens Vater denn finden, in einem so riesigen Gefängnis? Und woher wisst ihr, dass er es wirklich ist?“ Die beiden Männer sahen sie erstaunt an, sie hatten ihre Anwesenheit ganz vergessen. „Gute Frage!“ Der Dämon dachte nach. „Kannst du uns irgendwie ein Foto von ihm besorgen?“, fragte er schließlich. „Den Namen hattest du mir ja schonmal aufgeschrieben. Aber wir müssten ein bisschen mehr wissen als das. Und natürlich brauchen wir den Namen von Arwens Mutter.“ Er sah nicht gerade zuversichtlich aus. „Das wird natürlich schwer, wenn du ihr nicht verraten kannst, warum dich das interessiert. Aber du solltest ihr keine Hoffnung machen. Es ist besser, sie weiß nichts von der Mission.“ Muriel nickte. „Ihre Mutter kenne ich vom Sehen, das ist einfach. Sie heißt Anna, Anna Fraser. Aber der Rest?“ Die tiefen Falten auf ihrer Stirn verrieten, wie intensiv sie nachdachte. Plötzlich glätteten sich die Falten und sie lächelte. „Ich glaube, ich habe eine Idee. Lasst mich mal machen.“ Bevor die Männer dazu gekommen wären, sie über diese Idee auszufragen, hörten sie die Ladentür. Bee und Erziraphael kamen zurück, beide ziemlich blass und mit roten Augen, aber deutlich ruhiger als bei ihrem Aufbruch. Sie setzten sich wieder mit an den Tisch und warteten ab, ob Crowley und Gabriel ihnen etwas über die Pläne verraten würden. Als das Schweigen langsam unangenehm wurde, stand Muriel entschlossen auf. „Wir brauchen ganz offensichtlich etwas, das uns aufheitert. Lasst uns was kochen!“ Bevor jemand hätte behaupten können, dass er nicht hungrig war oder lieber allein sein wollte, oder gar verlangen konnte, dass man die Entscheidung erneut diskutierte, war sie aufgestanden, hatte Schneidbretter und Messer aus der Küche geholt und verteilte diese zusammen mit Schürzen und großen Geschirrtüchern. „Es gibt Eintopf. Und keiner drückt sich.“ Sie legte zwei Kürbisse, ein Netz Gemüsezwiebeln und eine Menge weiteres Gemüse auf die Tischplatte und begann, Anweisungen zu geben. Innerhalb kürzester Zeit waren alle Hände beschäftigt und Muriel sorgte dafür, dass sich auch die Gespräche bald nur noch um die Zubereitung, den passenden Wein, um Crowleys Knöchel und um die laufenden Renovierungsarbeiten drehten. Als Alec und David auftauchten, um sich für diesen Tag zu verabschieden, stand der große Topf schon auf dem Herd. Natürlich wurden sie eingeladen, zum Essen zu bleiben, aber der Azubi schüttelte den Kopf. „Ich muss heim, ich habe nach Feierabend was Besseres zu tun“, sagte er. Alec zuckte zusammen, widersprach dem jungen Mann aber nicht. „Beim nächsten Mal wieder“, verabschiedete er sich bedauernd, aber herzlich. Er würde mit David ein Gespräch über Umgangsformen führen müssen. Eine so patzige Antwort Kunden gegenüber, wohlgemerkt pflegeleichten, überaus großzügigen und liebenswerten Kunden, würde er kein zweites Mal dulden.

Das Gespräch fand schneller statt, als er erwartet hatte. Kaum waren sie in den Kombi gestiegen und Alec hatte den Motor gestartet, machte David seinem Unmut Luft. „Ich verstehe Sie nicht, Chef. Reicht es nicht, dass wir für solche wie die arbeiten müssen und uns von ihnen herumkommandieren lassen? Müssen wir uns wirklich auch noch mit ihnen an einen Tisch setzen?“ Alec war nicht vom ersten Wort an aufmerksam gewesen, deshalb war er nicht sicher, ob er den Ausbruch richtig verstanden hatte. „Moment mal“, unterbrach er den jungen Mann auf dem Beifahrersitz. „Was meinst du mit solche, wie die? Und wie redest du überhaupt über unsere Kunden, Bürschchen? Die bezahlen deinen Lohn!“ David hatte sich in seine Wut schon so hineingesteigert, dass er die Warnung nicht erkannte. „Na solche, wie Goldlöckchen und sein Loverboy. Homos eben, Schwuchteln, …“ Er hätte diese Aufzählung ohne Mühe noch um viele Beleidigungen erweitert, wenn Alec nicht eine Vollbremsung absolviert hätte. „Kein weiteres Wort, David!“ Seine Stimme war eisig. „Ich rate dir dringend, heute Abend in dich zu gehen und zur Vernunft zu kommen, bevor du das nächste Mal zur Arbeit erscheinst. Ich erwarte dann eine Entschuldigung, nur, dass das klar ist!“ David sah ihn verständnislos an. „Was habe ich denn groß gesagt?“, fragte er, ganz offensichtlich ohne jedes Schuldbewusstsein. „Raus!“ Alec sagte nur dieses eine Wort, beugte sich über David hinweg zur Tür, öffnete sie und wies mit der Hand zum Bürgersteig. „Raus jetzt, wenn du deinen Arbeitsplatz nicht heute Abend schon verlieren willst. Kein Wort mehr! Du steigst jetzt aus oder ich zerre dich eigenhändig aus dem Wagen!“ David kletterte verwirrt aus dem Auto, das so schnell anfuhr, dass die Beifahrertür von selbst ins Schloss fiel. Was war seinem Chef bloß für eine Laus über die Leber gelaufen? Kopfschüttelnd machte er sich auf den Weg zur nächsten Bushaltestelle. Sicher würde der Alte sich bis morgen wieder beruhigt haben.

***

In der Buchhandlung hatte sich die Stimmung dank des herzhaften Eintopfs und der einen oder anderen Flasche Wein, die ihn begleitet hatte, merklich aufgehellt. Plötzlich stand Erziraphael auf. Er schwankte leicht, sprach aber noch bewundernswert deutlich. „Mir hat noch immer niemand erzählt, wie ihr damals in die Hölle hineingelangt und vor allem, wie ihr heil und gesund wieder herausgekommen seid. Ich verlange, jetzt eingeweiht zu werden!“ Er versuchte, einen kleinen Rülpser zu unterdrücken, was ihm fast gelang. Dann ließ er sich auf den Stuhl zurücksinken und lehnte sich dankbar an die stabile Rückenlehne.

Crowleys Geste, mit der er Gabriel den Vortritt bei der Antwort überließ, wäre in nüchternem Zustand sicher noch um Einiges eleganter ausgefallen (nonchalant war das Wort, das in Erziraphaels Kopf aufblitzte, aber er war froh, dass er es in seiner aktuellen Verfassung nicht aussprechen musste), erfüllte aber auch so ihren Zweck. „Crowley und Bee hatten Dagon beim Spionieren vor der Buchhandlung erwischt und sie war daraufhin so liebenswürdig, uns nach unten zu … geleiten.“ Gabriel grinste bei der Erinnerung an die fluchende Herrin der Akten. „Unten haben wir uns dann auf Paragraf 27 der Nebenabreden zum Grundlagenvertrag berufen, also den Schutz von Parlamentären beansprucht.“ Erziraphael hatte angestrengt zugehört und nickte nun anerkennend. „Die gemmischde. … gemmischde … gemischte! Delegation“, er musste sich kurz unterbrechen, um seine Zunge nachzujustieren. „Eine der unterschätzten und deshalb allzu leicht vergessenen Regeln im Vertrag über die Koexistenz. Wir haben das Prinzip übrigens in den überweltlichen Vertrag übernommen.“ Gabriel horchte auf, wollte aber zunächst seinen Bericht beenden. „Vermutlich hatten wir Glück, dass der diensthabende Dämon den Paragrafen kannte und auch noch mutig genug war, sich über Dagons direkten Befehl hinwegzusetzen, jedenfalls eskortierte er uns persönlich zu Satan.“ Gabriel räusperte sich und versuchte abzuschätzen, wie viel er von dem Aufeinandertreffen wiedergeben konnte, ohne dass er Crowley aus dem Gleichgewicht brachte. Möglichst wenig, entschied er mit einem Blick auf den Dämon. „Satan versuchte ein paar seiner Spielchen mit uns, drohte, schmeichelte, ließ aber schließlich mit sich reden. Das Ergebnis kennst du ja: Auch wenn er sich nicht in allen Details daran gehalten hat, nicht einmal an alle grundsätzlichen Absprachen, sicheres Geleit hat er uns jedes Mal gewährt.“

Auch Erziraphael hatte bei Gabriels Bericht sehr genau auf alle Regungen Crowleys geachtet und ihm war sofort klar geworden, welche Art von Spielchen Satan mit wem gespielt hatte. Er sah dem Freund an, dass es Zeit wurde, zum Ende zu kommen. Er konnte nicht genug bewundern, wie tapfer der Dämon sich im Großen und Ganzen hielt. „Dann müssen wir jetzt darauf vertrauen, dass Verträge und Absprachen auch in den tieferen Kreisen der Hölle und bei den Dämonen, denen ihr begegnen werdet, noch etwas bedeuten.“ Er sah sich am Tisch um und blickte in lauter müde, erschöpfte Gesichter. „Heute werden wir nichts mehr ausrichten“, sagte er bestimmt und klatschte zweimal in die Hände. „Lasst uns schlafen gehen“, forderte er die anderen auf, „morgen sind wir klüger.“

Alle waren froh, dass ihnen jemand diese Entscheidung abgenommen hatte. Alle Stühle wurden zurückgeschoben, Bee und Gabriel machten sich zum Aufbruch bereit. Erziraphael und Crowley verabschiedeten sie an der Ladentür mit ein paar persönlichen Worten, während Muriel schon Geschirr abtrug. Nachdem Hexe von einem kurzen Ausflug wieder zurück war, schlossen sie die Tür ab und sahen sich nach Muriel um. „Ich mache hier alles fertig und ihr geht ins Bett!“, verkündete sie resolut. „Ihr habt das mehr als nötig!“ Die Männer waren so k. o., dass sie nicht einmal mehr der Form halber ihre Hilfe anboten. Sie nickten lediglich und Erziraphael brachte noch ein „Danke, Liebes“, über die Lippen, dann machten sie sich auf den Weg nach oben. Die Kombination aus Krücken und Alkohol machte den Aufstieg durchaus riskant, aber Crowley hatte ganz bewusst darauf verzichtet, sich vorher auszunüchtern. Er hoffte inständig, dass er betrunken genug war, um nicht mehr grübeln zu können. Irgendwie gelangten sie beide nach oben, wo der Dämon sich sofort ins Bett fallen ließ. Der Engel dagegen machte sich mithilfe von viel Wasser, sehr kaltem Wasser, und einem kleinen Wunder noch einmal so wach, dass er sich um Crowleys Füße kümmern konnte. Kurz hatte er erwogen, die Behandlung einzustellen, um den Heilungsprozess und damit auch Crowleys Abstieg in die Hölle zu verzögern, aber das wäre ihm wie ein Betrug vorgekommen. Vor allem aber brachte er es nicht übers Herz, den geliebten Mann länger Schmerzen aushalten zu lassen als unbedingt nötig. Dass er ihm die Schuhe auszog, nahm Crowley noch zur Kenntnis, aber er protestierte nicht. Das war auch früher schon vorgekommen, wenn er nach einem weinseligen Abend auf dem Sofa in der Buchhandlung eingenickt war. Als aber zärtliche Hände ihm auch die Strümpfe abstreiften, war er bereits eingeschlafen, was es dem Engel erlaubte, den verstauchten Knöchel gründlich zu behandeln und sich auch darüber hinaus lange mit seinen Füßen zu beschäftigen. Portion um Portion massierte er duftendes Öl ein, knetete sanft die Muskeln, strich mit seinen kräftigen Fingern über Ferse, Sohlen und Spann, bis beide Füße ein weiteres Mal warm, weich und entspannt auf seinem Schoß lagen. Als er leise neben Crowley ins Bett schlüpfte, lächelte der Dämon. Im Halbschlaf griff er nach einer von Erziraphaels Händen und schnupperte daran. „Duduf …dest sso gud, Engel!“ Alkohol und Schläfrigkeit ließen ihn nuscheln, aber der Mann neben ihm verstand ihn trotzdem. „Issas nneue Hangrem? Oda Paafem? Riiech guud!“ Erziraphael zog noch einmal Crowleys Decke zurecht, küsste ihn auf die Wange und flüsterte: „Das ist schön, Liebling. Jetzt schlaf weiter.“