Tag 14, Freitag (Teil 1)
Tag 14, Freitag (Teil 1)
Der erste, der am Freitagmorgen an die Tür der Buchhandlung klopfte, war Alec. Muriel winkte ihn herein. „Heute finden Sie Ihr Frühstück drüben“, begrüßte sie ihn. „David schien sich in unserer Gesellschaft gestern nicht wirklich wohlzufühlen, da hielt ich das für die bessere Lösung. Ist er noch gar nicht da?“ Alec war gerührt. Muriels Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme standen in so krassem Gegensatz zu Davids unverschämtem Auftreten, dass seine Wut auf den Azubi neu aufflammte. „Der kommt heut gar nicht, hat sich krankgemeldet.“ In Gedanken setzte er hinzu: „Der Feigling!“ Muriel sah überrascht auf. „Dann sind sie heute allein? Brauchen Sie vielleicht Hilfe? Erziraphael und ich könnten mit anfassen.“ Der Schreiner winkte entspannt ab. „Danke für das Angebot, aber ich bleibe nicht allein. Josie springt heute für David ein.“ Die Buchhändlerin überlegt nur kurz: „Das ist Ihre Große, richtig? Die gerade Abitur macht?“ Als Alec das bestätigte, bat sie ihn: „Ich möchte sie unbedingt kennen lernen. Erziraphael hat so viel von ihr erzählt. Ich glaube, er kennt sie schon von klein auf, oder?“ Der Schreiner nickte. „Ich hatte hier einen großen Auftrag, da lag sie noch im Kinderwagen. Sarah hat mich manchmal mit ihr besucht und Erziraphael war immer rührend mit ihr. Egal, wie sehr sie schrie, auf seinem Arm hat sie sich beruhigt. Sie liebt ihn bis heute heiß und innig.“ Muriel hatte gespannt zuhört. „Das glaube ich gern. Aber Sie müssten erstmal erleben, wie Kinder auf Crowley reagieren und wie souverän er mit ihnen umgeht. Vielleicht kommen Sie nach dem Umzug einfach mal samstags dazu, wenn er vorliest. Man kann sich das kaum vorstellen, wenn man es nicht selbst gesehen hat.“ „Sehr gerne. Wirklich sehr gerne. Das werden sich sicher auch Sarah und die Mädchen nicht entgegen lassen wollen.“ Er rieb sich die Hände. „Dann sollte ich mich mal an die Arbeit machen. Wenn Sie nachher Zeit haben, kommen Sie doch kurz rüber, dann probieren wir mal mit den Schaufenster-Elementen rum.“ Muriel versprach es.
Während des Gesprächs hatte Muriel vorsorglich ein Tablett mit einem Kater-Frühstück für Crowley und Erziraphael vorbereitet und brachte es nun nach oben. Sie öffnete die Tür nur einen Spalt breit, wartete auf eine Reaktion, hörte aber nur ruhige und gleichmäßige Atemzüge. Sie lockte die Hündin heraus, bevor sie das Tablett leise durch den Türspalt schob. Es war immer noch früh und so nutzte sie die Gelegenheit zu einem Morgen-Spaziergang mit Hexe, die sofort nach ihrer Rückkehr Posten am Fuß der Treppe bezog und auf die restlichen Mitglieder ihres Rudels wartete.
Kurz darauf, Muriel sortierte gerade Nachschub in die Taschenbuch-Ständer ein, machte sich eine junge Frau an der Ladentür bemerkbar. Ihr Alter war schwer zu schätzen, sie hätte alles zwischen fünfzehn und Ende zwanzig sein können. Sie hatte ein so warmes und offenes Lächeln, dass Muriel wahrscheinlich auch ohne die Familienähnlichkeit gewusst hätte, wen sie vor sich hatte. „Sie müssen Lizzies große Schwester sein.“ Sie ging ihr ein paar Schritte entgegen. „Treffer! Und Sie sind dann sicher Erziraphaels neue Kollegin.“ „Und vorläufig noch seine Untermieterin“, ergänzte Muriel und hielt Josie die Hand zur Begrüßung hin. „Mein Vater hat von Ihnen erzählt, seien Sie bitte deswegen nicht böse auf ihn. Außer am Esstisch zuhause spricht er nie über seine Kunden, darauf können Sie sich verlassen!“ Auch Alecs zweite Tochter war Muriel auf Anhieb sympathisch. Zusätzlich zu der besonderen Herzlichkeit und Offenheit, die alle Mitglieder der Familie Gibson auszuzeichnen schien, strahlte Josie so viel Energie und Zielstrebigkeit aus, dass Muriel sich davon angesteckt fühlte. „Ihr Vater hatte Sie eigentlich schon für gestern angekündigt“, sagte sie, aber Josie winkte ab. „Ich wäre auch gekommen, aber dann erwähnte Paps, dass David hier sein würde. Und dem gehe ich wann immer möglich aus dem Weg.“ Muriel verkniff sich ein Grinsen und ergänzte im Kopf: „trägt ihr Herz auf der Zunge“ auf der Liste mit Josies Eigenschaften. Sie waren sich offenbar recht ähnlich. „Dann bringe ich Sie jetzt erstmal zu Ihrem Vater. Aber Sie müssen unbedingt mit uns zu Mittag essen. Erziraphael wird Sie sehen wollen und möchte Ihnen sicher auch Crowley vorstellen.“ Auf dem Weg ins Nachbarhaus hielt Josie die Buchhändlerin zurück: „Entschuldigen Sie bitte, dass ich so neugierig bin, aber Papa hat angedeutet, Erziraphael wäre nicht mehr allein. Ist es wahr, hat er endlich jemanden gefunden?“ Der Engel bestätigte das lächelnd. „Er verdient jemand Besonderen“, platzte Josie heraus und wurde rot. „Entschuldigen Sie. Das steht mir nicht zu. Aber meine ganze Familie liebt diesen Mann wie einen alten Freund, wir wünschen ihm einfach das Beste.“ Muriel legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Das hat er“, versicherte sie. „Machen Sie sich doch nachher einfach selbst ein Bild.“ – Sie klopfte an die Scheibe und öffnete die Tür. „Alec, ich bringe Ihre Verstärkung. Ich erwarte Sie beide dann ab 13.00 Uhr drüben zum Lunch, in Ordnung?“
Josie sah ihren Vater an, während sich die Tür hinter Muriel schloss. „Wow“, sagte sie. „Sie ist ein bisschen wie ein Erziraphael mit Turbo-Antrieb, oder? Sind die beiden verwandt?“ Alec lachte. Seine Tochter hatte das Talent, Menschen sehr treffend zu beschreiben. Gerade hatte sie es wieder bewiesen.
***
Zu diesem Zeitpunkt schliefen Erziraphael und Crowley noch fest. Irgendwann hatte der Dämon den Engel in den Arm genommen, ein Knie ruhte auf seinem Oberschenkel. In dieser Position hatten Sie dann die ganze restliche Nacht geschlafen und als Erziraphael langsam wach wurde und begann, sich wohlig zu räkeln, zog Crowley ihn nur noch fester in seinen Arm. Das Gesicht unter den blonden Locken zeigte ein breites, ein dankbares Lächeln. Ob es jemals selbstverständlich werden würde, neben Crowley aufzuwachen? Würde es ihm lange genug vergönnt sein, um sich daran zu gewöhnen? Das Herz wurde ihm schwer, als er sich an den Vorabend erinnerte und an das Versprechen, dass der Dämon Gabriel gegeben hatte. Er wünschte sich so sehr, ihn nicht gehen lassen zu müssen! Schon gestern Abend, während er hier gesessen und seine Füße massiert hatte, war er alle Argumente durchgegangen, die Crowley vielleicht von seinem Plan abhalten könnten. Aber wenn er ehrlich war, wusste er, dass keines davon ihn überzeugen würde. Sein Verantwortungsbewusstsein und sein mitfühlendes Herz, all die Eigenschaften, die ihn zu einem schlechten Dämon gemacht hatten, ließen ihm in diesem Fall keine andere Wahl. Wenn er und Gabriel größere Chancen hatten als jeder andere, Arwens Vater ausfindig zu machen, dann würde er gehen. Vielleicht hätte Erziraphael (und nur er) ihn davon abhalten können, indem er bat und bettelte, aber das würde der Engel nicht noch einmal tun. Crowley hatte sich so lange verstellen und das Leben eines anderen führen müssen, dass er nie wieder etwas von ihm verlangen würde, was seinem Wesen widersprach. Das hatte der Engel sich versprochen, als er abends mit dem betrunkenen, nuschelnden, aber selig lächelnden Crowley im Arm eingeschlafen war. Er liebte den Dämon für alles, was er war. Wie hätte er da von ihm verlangen können, sich ihm zuliebe zu ändern? Er seufzte tief. Obwohl er wusste, dass seine Entscheidung richtig war, fiel es ihm schwer, sich daran zu halten.
Er versuchte, sich in Crowleys Arm zu ihm umzudrehen, ohne ihn zu wecken, aber er war längst wach und sah ihn forschend an. „Was bewegst du da in deinem Kopf?“, fragte er. „Scheinen große Gedanken zu sein.“ „Stimmt“, räumte der Engel ein, „aber ich habe für alle ein Plätzchen gefunden, wo sie nicht allzu sehr stören.“ Der Dämon nickte bedächtig, so als wisse er genau, was für Gedanken Erziraphael da beiseite räumen musste. „Habe ich dir schon gesagt, wie sehr ich dich liebe?“, fragte er und erschrak im gleichen Augenblick über das, was da scheinbar ohne sein Zutun aus seinem Mund gepurzelt war. „Heute noch nicht ein einziges Mal“, antwortete der Engel, „aber der Tag ist ja auch noch lang.“ In stillem Einvernehmen ließen sie sich viel Zeit mit dem Aufstehen. Immer wieder griff einer von beiden nach dem anderen und zog ihn – die Finger zwischen den goldenen oder kupferfarbenen Strähnen – zu sich heran, um ihn zu küssen. Es waren die intensivsten Küsse, zu denen sie bisher den Mut aufgebracht hatten, und sie wiederholten sie in immer neuen Varianten, ohne müde zu werden.
Als Erziraphael sich irgendwann auf den Rücken drehte, während Crowley ihn noch fest im Arm hielt, lag er plötzlich halb unter dem Dämon, der sich instinktiv noch fester an ihn schmiegte. Crowleys Knie lag schwer auf Erziraphaels Unterleib. Der Engel stöhnte auf und versuchte unwillkürlich, den Kontakt ihrer Körper noch zu intensivieren, aber Crowley reagierte sofort: Er stützte sich mit den Händen ab, drückte seinen Körper nach oben und ließ sich von Erziraphael hinuntergleiten. Nur mit Mühe konnte der Engel den gestöhnten Protest unterdrücken. Seine Hände krallten sich in das Bettlaken, damit sie sich nicht in Crowleys Rücken krallen konnten. Er atmete schwer und er schämte sich. Warum hatte Gott ihnen diese Körper gegeben, die sie ununterbrochen in Versuchung führten und die sie so schwer kontrollieren konnten? War das Leben wirklich nur als ununterbrochene Prüfung gedacht? Konnte es so falsch sein, den Genuss zu suchen, den ihr Körper für sie bereithielt? Natürlich war es falsch, gab er sich die Antwort sofort selbst. Vielleicht nicht grundsätzlich, aber für ihn und Crowley. Wie konnte er sich nur einen Augenblick etwas anderes wünschen, wo er doch genau wusste, was er Crowley damit antun würde? „Es tut mir so leid“, hörte er gerade in diesem Augenblick den Dämon in sein Ohr flüstern, bevor er sich abwandte und aufsetzte. „Nein, Liebling, nein. Warte! Bitte!“ Das traurige Gesicht, mit dem Crowley sich zu ihm umwandte, traf den Engel bis ins Mark. „Mir tut es leid, Crowley, mir! Du hast nichts falsch gemacht. Bitte geh nicht so!“ Auch er hatte sich inzwischen aufgesetzt und hielt Crowley an einer Schulter, die Hand nur behutsam aufgelegt, damit er sich nicht festgehalten fühlte. An der Art, wie der magere Rücken vor ihm sich bewegte, erkannte er, welchen Kampf der Dämon mit sich selbst ausfocht, aber das Vertrauen schien über die Angst zu triumphieren, denn Crowley ließ sich nach hinten sinken, in seinen Arm. Dort blieb er liegen, während Erziraphael ihn mit einer Hand sanft hielt und mit der anderen Hand streichelte. „Ich liebe dich auch, mein schöner, tapferer Dämon. Manchmal braucht es viel mehr Mut, Schwäche zu zeigen, als Stärke zu beweisen, das weißt du, oder? Ich liebe dich mehr als alles in der Welt.“
Als Crowley sich das nächste Mal aufsetzte, waren sie beide bereit, sich dem neuen Tag zu stellen. „Was macht der Knöchel?“, fragte der Engel. „Wird besser“, er streckte das Bein in die Luft, damit sich auch Erziraphael davon überzeugen konnte. „Gibst du mir das Gel?“, bat der Dämon. Schnell rieb er selbst seinen Knöchel ein und testete dann vorsichtig, ob er den Fuß belasten konnte. „Ich fürchte, heute geht’s auf der Treppe noch nicht ohne Hilfe“, sagte er. „Nüchtern bin ich nicht so mutig, das mit Krücken zu probieren.“ Erst jetzt entdeckten sie das Tablett, das Muriel ihnen gebracht hatte. „Das hole ich später“, entschied Erziraphael. „Erstmal bringe ich dich heil nach unten.“
Muriel hatte Kundschaft, als die Männer sich schließlich zu einem späten Frühstück hinsetzten. Zusätzlich zu dem Tablett mit Kaffee, Toast, Joghurt und Obst aus ihrem Schlafzimmer hatten Sie im Kühlschrank einen Smoothie und auf der Arbeitsfläche einen Teller mit Pfannkuchen vorgefunden. Ganz offensichtlich war Muriel der Auffassung, sie könnten heute eine besondere Stärkung nötig haben. Womit sie vermutlich nicht ganz unrecht hatte. Sobald die Glocke über der Tür verriet, dass die Kunden gegangen waren, setzte sich Muriel zu ihnen. „Ihr seht gar nicht so verkatert aus, wie ich befürchtet hatte. Eure Frisur allerdings schon.“ Liebevoll fuhr sie beiden mit den Fingern durchs Haar, die danach allerdings eher noch wilder in alle Richtungen standen. „So müssen sich Kinder fühlen, wenn ihnen die Großtante mit Taschentuch und Spucke angeblichen Schmutz aus dem Gesicht wischt“, brummte Crowley. Muriel ignorierte die Beschwerde. „Lasst noch ein bisschen Platz fürs Mittagessen“, mahnte sie. „Alec hat heute Josie mitgebracht und ich habe sie für ein Uhr eingeladen. Erziraphael strahlte. „Oh, wie schön, ich habe Josie viel zu lange nicht gesehen. Ist sie nicht entzückend?“ Muriel nickte spontan. „Sie scheint genauso nett zu sein wie die restliche Familie. Oder haben wir die Ausreißer, die doch aus der Reihe tanzen, nur noch nicht kennen gelernt?“ Erziraphael lachte. „Du meinst, das klingt zu schön, um wahr zu sein? Mag sein, aber ich glaube, diese Familie kommt wirklich ganz ohne Schwarzes Schaf aus, jedenfalls in dieser Generation.“ Der Dämon rührte – scheinbar in Gedanken versunken – in seinem Kaffee, hatte die Unterhaltung aber wohl doch verfolgt, denn er warf plötzlich ein: „Könnte es sein, dass das die Folge des dauerhaften Kontakts zu einem Engel ist?“ Wieder lachte Erziraphael, diesmal klang es aber mehr so, als hielte er diese Vorstellung für befremdlich. „He, das habe ich ernst gemeint!“, beschwerte sich der Dämon. „Hast du dich das etwa noch nie gefragt?“ Der zweifelnde Blick, den der Engel ihm zuwarf, war Antwort genug. Muriel dagegen schien ernsthaft über seine Vermutung nachzudenken. „Ich finde das durchaus vorstellbar. Vielleicht nicht der Kontakt allein, aber die Auswirkungen auf ihr Leben.“ Sie schien nach den richtigen Worten zu suchen. „Du hast immerhin über Generationen hinweg immer wieder Einfluss auf ihr Leben genommen, indem du sie vor Not und Krankheit bewahrt hast. Welche andere Familie kennst du, die über Jahrhunderte alle Kriege, Naturkatastrophen und Hungersnöte ohne große Verluste überstanden hat? Welche andere Familie hat schon in jeder Generation einen Wohltäter, der über sie wacht?“ Sie machte eine Denkpause, bevor sie fortfuhr: „Hinzu kommt dann noch, dass sie ihr Glück nicht als selbstverständlich betrachtet, sondern die Hilfe und Unterstützung weitergegeben haben. Die Menschen, die davon profitiert haben, Nachbarn und Mitarbeiter, haben ihnen das wahrscheinlich mit Treue und Freundschaft gedankt.“ Erziraphael hörte inzwischen aufmerksam zu. Das galt auch für Crowley, der die Argumentation nun weiterführte. „Jeder in dieser Familie hat von seinen Eltern und Großeltern erzählt bekommen, dass es immer einen Mr. Fell gab, der sie verlässlich unterstützt hat und dem ihr Wohl am Herzen lag. Wenn man sich so beschützt und wertgeschätzt fühlt, macht das bestimmt was mit den Menschen. Und wenn du nicht jeden Tag ums Überleben kämpfen musst, entwickelst du auch einen anderen Umgang mit anderen und wahrscheinlich eine grundsätzlich positive Einstellung.“ Der Engel nickte bedächtig. Doch, das klang wirklich nicht abwegig. Er wusste schließlich selbst, wie anders die Welt aussah, wenn man ihr mit Zuversicht und Wohlwollen begegnete, und wenn man Freunde und Vertraute an seiner Seite wusste. „Wie schade, dass nicht sehr viel mehr Engel sich so für einzelne Menschen eingesetzt haben“, warf Muriel ein. „Stellt euch vor, was das womöglich mit der Menschheit insgesamt gemacht hätte.“ Jetzt schwiegen alle drei nachdenklich. Die Türglocke riss sie aus ihren Gedanken. Muriel sprang auf und ging nach vorne. „Arwen, schön, dass du kommen konntest!“, hörten die Männer. „Wir sitzen noch beim Frühstück. Na ja, manche von uns. Setz dich doch zu uns.“
Diesmal trug die junge Musikerin sportliche Alltagskleidung: Jeans und Pullover, Stiefeletten und eine Funktionsjacke. Obwohl sie damit nicht mehr wirkte, als sei sie direkt einem irischen Zaubermärchen entstiegen, ging von ihr eine besondere Ausstrahlung aus. Konnte das allein an den ungewöhnlich grünen Augen, der blassen Haut mit den Sommersprossen und dem seltenen Rotton ihrer Haare liegen? „Crowley?“ Er schrak hoch, als Erziraphael ihn ansprach. „Hast du heute etwas Besonderes vor?“, fragte der Engel und etwas an seinem Tonfall legte nahe, dass er diese Frage eben schon einmal gestellt hatte. „Habe ich wieder mit offenen Augen geschlafen? Entschuldigt bitte“, beeilte er sich deshalb zu sagen. Muriel schüttelte kichernd den Kopf. „Man sollte meinen, dass ihr genug für eine ganze Woche geschlafen habt, so lange, wie ihr im Bett verbracht habt.“ Die Männer wurden simultan rot und Arwen sah die Freundin erstaunt an. Merkte sie nicht, wie indiskret sie war? Das sah ihr überhaupt nicht ähnlich. „Die Frage ist aber eigentlich gar nicht, was du vielleicht vorhast, sondern ob du Zeit für mich und Arwen hast, Crowley“, erklärte Muriel gerade. „Ich habe sie gefragt, ob sie morgen noch einmal für uns spielen würde. Du weißt schon: Falls die Presse kommt.“ Crowley nickte und sah die beiden Frauen abwartend an. „Hilfst du uns, etwas Passendes zu deinen Texten auszusuchen?“, bat der Engel. „Diesmal ist es nicht so einfach wie mit den Flöten im Text und dem Land der Ferne“, fügte sie noch hinzu. Arwen ergänzte: „Ich würde mich sehr freuen, Ihrer außergewöhnlichen Stimme noch einmal einen musikalischen Rahmen geben zu dürfen, Mr. Crowley.“ Der schüttelte unwirsch den Kopf. „Muriels Freunde sind auch meine Freunde und meine Freunde nennen mich nicht Mister. Du hast die Wahl zwischen Crowley und Anthony, was auch immer dir lieber ist.“ Er hielt ihr die Hand hin und sie schüttelte sie. „Dann am liebsten Crowley, das sagt Muriel ja auch, oder?“ Der Dämon nickte zufrieden. „Gut, dann können wir meinetwegen gerne über die Lesetexte sprechen, sobald ich zum Sofa gehumpelt bin. Viel mehr kann ich heute eh noch nicht wieder beitragen.“ Er sah zu Erziraphael: „Und was hast du vor?“ Muriel ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Er wird mir bei den Vorbereitungen fürs Mittagessen helfen, zu dem wir die von ihm beauftragten Handwerker erwarten.“ Der Buchhändler hatte bis zu diesem Moment offensichtlich noch nichts von seinen Plänen gewusst, fügte sich aber gutmütig in sein Schicksal. „Dann lass uns am besten gleich anfangen“, sagte er. „Ich erwarte deine Anweisungen.“