(Immer noch) Tag 14, Freitag
(Immer noch) Tag 14, Freitag
Crowley und Arwen sahen den beiden Engeln nach, die in der Küche verschwanden, dann standen auch sie auf. Als die junge Frau sah, dass Crowley nach den Krücken griff, die hinter ihm an der Wand gelehnt hatten, und ein wenig ratlos auf den Tisch schielte, fragte sie: „Sollen wir den Kaffee mitnehmen? Oder möchtest du etwas anderes?“ „Kaffee wäre gut, ja. Und was immer du trinken möchtest.“ Entschuldigend hob er eine der Krücken. „Ich kann heute leider keine Gastgeberpflichten erfüllen.“ Er saß schon auf dem Sofa und hatte seinen Fuß auf einen Hocker gelegt, als Arwen mit einem Tablett voller Gläser und Getränke folgte. Lieber hätte er sich weniger offensichtlich beeinträchtigt gezeigt, aber das war immer noch besser, als von Erziraphael vor einer fremden Halb-Dämonin liebevoll getadelt und zum Hochlegen genötigt zu werden. Er sah fragend auf das Tablett. „Muriel hat mich fürs Tisch-Decken und den Getränke-Service eingeteilt“, erklärte Arwen. „Ich dachte, da könnte ich schon mal was mitbringen.“ So wie sie ein wenig spöttisch, aber liebevoll den Kopf schüttelte über Muriels energische Anweisungen, fiel es Crowley plötzlich leicht, in ihr nicht mehr die Halb-Dämonin zu sehen, sondern Muriels Freundin, die ihm ein großzügiges Angebot machte. „Du willst mir also noch einmal deine Musik schenken, obwohl ich so ein grober Klotz bin?“ Erstaunt sah sie auf. „Ich habe schon letzte Woche gesagt, dass es mir nicht anders gegangen wäre.“ Sie sah ihm offen in die Augen: „Steht da noch etwas zwischen uns?“, fragte sie behutsam. „Nein, dann nicht.“ Der Dämon nickte ihr erleichtert zu. „Abgesehen von Bee habe ich keine guten Erfahrungen mit anderen Dämonen gemacht“, sagte er entschuldigend. „Aber ich fange gerne jetzt damit an.“ Sie lächelten sich an. „So, was wirst du denn nun morgen lesen?“, brachte Arwen ihn zum Thema zurück. „Muriel sagte, ihr fehlt diesmal jede Idee.“ Er dachte nicht lange nach. „Ich glaube, in zwei der drei Fälle ist es gar nicht so schwer“, er unterbrach sich und zögerte einen Augenblick. „Aber natürlich weiß ich nicht, ob dein Repertoire das umfasst.“
- „Lass einfach mal hören.“
„In einem der Texte kommt Mozart vor. Wusstest du, dass seine Familie für kurze Zeit in Soho gelebt hat?
- „Nein, das wusste ich nicht. Aber das ist wirklich einfach: Dann nehmen wir das Duett aus der Zauberflöte, das mögen normalerweise auch Kinder gerne. Pa-Pa-Pa, kennst du das?“
„Aus tausend Schlachten. Der Engel mag zwar andere Stücke lieber, aber auch die Zauberflöte haben wir uns sicher alle 20 oder 30 Jahre irgendwo anhören müssen.“
- „Ihr kennt euch schon sehr lange, oder?“
„Schon immer“, antwortete Crowley schlicht. „Seit dem Beginn. “
- „Dem Beginn von was?“
„Dem Beginn eben. Dem Beginn von allem.“ Er machte eine weit ausholende Geste.
- Sie wirkte verunsichert. „Du meinst jetzt aber nicht wirklich den Beginn der Menschheitsgeschichte, oder?“
„Nein, oder eigentlich doch. Aber noch früher. Ich kenne ihn seit dem Beginn der Schöpfungsgeschichte, ziemlich genau seit Es werde Licht. “
- „Du willst mich auf den Arm nehmen, oder?“ Sie starrte ihn ungläubig an.
Er zuckte ratlos mit den Schultern. „Nein. Aber ich verstehe, dass das schwer zu glauben ist.“
- „Gab es Dämonen denn schon vor den Menschen?“
„Ja. Aber als ich Erziraphael kennengelernt habe, war ich noch kein Dämon.“
Arwen sah ihn eine Weile an, als wüsste sie nicht, welche Frage sie als nächstes stellen soll. Schließlich schüttelte sie den Kopf, als müsse sie ein Insekt verscheuchen, das ihr um den Kopf herumschwirrte. „Ich werde versuchen, das zu verstehen, wenn ich nicht bis zum nächsten Tag drei Musikstücke einüben muss“, entschied sie dann. „Mit dem Duett bist du also einverstanden?“
Crowley bewunderte sie für die Disziplin, mit der sie eine Information ausblendete, die sie noch nicht verarbeiten konnte. Offenbar hatte ihre Mutter ihr nicht alles über Dämonen erzählt. Oder hatte sie selbst nicht genug darüber gewusst? Arwens Familiengeschichte war sicherlich interessant. Vielleicht würde er eines Tages mehr darüber erfahren. Aber jetzt hatten sie eine Aufgabe. „Ja, einverstanden. Das würde mir gefallen.“ Sie machte sich eine Notiz. „Und weiter?“ „Der zweite Text ist Teil eines Feenmärchens, spielt aber in der Gegenwart. Sie handelt von Oscar und seinem neuen Klassenkameraden Noah, dessen Familie aus Syrien geflüchtet ist. Noah hat es schwer in der Klasse und trifft auf viele Vorurteile und auf Unverständnis. Eine arabische Fee nimmt die beiden Jungs dann mit nach Damaskus, um Oscar zu zeigen, warum Noahs Familie ihre Heimat verlassen hat.“ Arwen hatte aufmerksam zugehört. Als Crowley die Kurzfassung der Geschichte beendet hatte, fragte sie: „Und dazu hast du auch schon eine Idee?“
„Keine konkrete. Aber ich fände es sehr schön, wenn wir etwas typisch Syrisches oder Arabisches hören könnten. Nur für das Ambiente. Es muss nichts Spezielles sein, ich kenne mich da auch leider viel zu schlecht aus. Oder geht sowas gar nicht ohne die typischen Instrumente?“
- „Man kann schon versuchen, die besondere Stimmung und Klangfarbe auch mit anderen Instrumenten zu imitieren, aber natürlich wäre ein traditionelles arabisches Instrument schöner.“ Arwen schien gleichzeitig nachzudenken und zu sprechen, jedenfalls waren die Worte zunächst zögernd gekommen. Dann kam sie offenbar zu einer Entscheidung: „Wenn du mir freie Hand lässt, kriege ich auf jeden Fall was hin.“
„Ok, ich lasse mich überraschen“, sagte Crowley spontan. „Du bist die professionelle Musikerin, ich vertraue deiner Entscheidung.“ Wieder tippte Arwen eine Notiz in ihr Handy. „Insgesamt gibt es drei Texte, oder?“ Der Dämon nickte. „Leider habe ich aber überhaupt keine Idee, welche Musik zu dem dritten passen könnte.“
- „Worum geht es denn?“
„Um ein blindes Mädchen, das dafür kämpft, dass ihr Hund als Blindenführhund ausgebildet wird, obwohl er nur drei Beine hat und auch zu keiner der üblicherweise dafür eingesetzten Rassen gehört.“
- Arwen hatte aufmerksam zugehört und nickte nun. „Also im Grunde um Vorurteile, um Chancen, darum, den Einzelnen nicht anhand seiner Einschränkungen zu definieren…“ Es war keine Frage, die Worte dienten ihr offenbar mehr als Hilfe beim Nachdenken.
„So bin ich auch zuerst drangegangen“, warf Crowley ein. „Aber mir ist dazu rein gar nichts eingefallen.“
- „Habe ich nur den Eindruck oder stört dich das ganz und gar nicht?
Crowley lachte. „Ich bin anscheinend leicht zu durchschauen. Tatsächlich denke ich, der moralische Zeigefinger kommt schon bei den Texten ausreichend zum Einsatz.“
- „Und was heißt das für das letzte Lied?“ Die Musikerin sah ihn neugierig an.
„Wie wäre es mit etwas Bekanntem, das die Kids mitsingen können? Oder etwas, wobei sie sich bewegen können? Sie haben bis dahin ganz schön lange still gesessen.“ Er sah Arwen erwartungsvoll an. Und wirklich, sie schien einen Geistesblitz zu haben.
- „Warum nehmen wir dann nicht etwas, was wahrscheinlich wirklich alle kennen, auch die Eltern? Wahrscheinlich sogar die mit anderer Muttersprache? So was wie Old MacDonald had a farm?“ Sie wartete auf Crowleys Reaktion, sah aber in seinem Gesicht nur Fragezeichen. „Du willst mir doch nicht etwa sagen, dass der womöglich größte Kinderbuch-Experte der ganzen Stadt, in den angeblich alle Kinder total vernarrt sind, dass ausgerechnet der noch nie von einem der bekanntesten Kinderlieder des Planeten gehört hat?“ Sie brach in Lachen aus.
„Bildungslücke?“, fragte er zaghaft
„Oh ja! Das ist eine handfeste Bildungslücke!“ Sie drehte den Kopf und rief Richtung Küche: „Hey, ihr beiden Engel, ich brauche euch kurz hier!“ Als Muriel und Erziraphael sich zu ihnen gesellten, sagte sie: „Ihr müsst mir helfen, einen Bildungsauftrag zu erfüllen. Dieser Dämon hier…“ - sie zeigte mit ausgestrecktem Arm auf Crowley – „kennt allen Ernstes ‚Old MacDonald had a farm‘ nicht.“ Sie kicherte, unterbrach sich aber sofort, weil sie bemerkte, dass niemand in das Gelächter einfiel. Sie sah auf – in drei gleichermaßen verständnislose Gesichter. „Ihr macht euch lustig über mich, oder? Das kann doch nicht sein! Wie lange seid ihr schon auf der Erde?“ An dieser Stelle versuchte Muriel, sich mit dem Hinweis zu Wort zu melden, dass sie ja nun von allen am kürzesten hier lebte, aber Arwen ließ das nicht gelten. „Du führst eine Kinderbuchhandlung! Das ist, als hättest du noch nie von Pippi Langstrumpf gehört.“ Damit wischte sie alle Entschuldigungsversuche beiseite. Abwechselnd kichernd und kopfschüttelnd schob sie ihr Handy in die Jackentasche. „Das ist eure Hausaufgabe bis morgen. Schaut im Internet oder fragt irgendeinen Menschen. Ich erwarte, dass ihr morgen mitsingen könnt. Ich gehe jetzt üben.“ Sie hatte schon ein paar Schritte Richtung Tür gemacht, kam aber nochmal zurück. „Entschuldige“, sagte sie zu Crowley, „ich wollte nicht unhöflich sein. Ich freue mich auf morgen. Gute Besserung für deinen Fuß.“ Sie winkte noch einmal in die Runde und weg war sie. Die drei Zurückgebliebenen sahen sich ratlos an und brachen dann in fast schon hysterisches Lachen aus. Erziraphael fasste sich als Erster so weit wieder, dass er keuchen konnte: „Da gibt man sich über Jahrtausende erfolgreich als Mensch aus und dann enttarnt uns eine Halb-Dämonin wegen eines Kinderlieds.“ Muriel beruhigte sich am schnellsten wieder. „Gut, dass uns das mit einer Freundin passiert.“ Sie hielt inne und sah die Männer unbehaglich an. „Eigentlich sollte es ja nicht mehr nötig sein, dass wir uns verstellen…“ Die Fröhlichkeit war von einem auf den anderen Moment einer gewissen Beklemmung gewichen. „Mit den aktuellen Entwicklungen wäre mir trotzdem wohler dabei, noch eine Weile unter dem Radar zu fliegen.“ Erziraphael und Crowley nickten, auch sie jetzt eher bedrückt. Dann rissen sie sich zusammen. „Du hast deine Tischdeckerin unverrichteter Dinge entwischen lassen“, konstatierte Crowley. „Wenn einer von euch das Geschirr bringt, kann ich es verteilen. Es ist nämlich gleich eins.“ Bei diesen Worten entfuhr Muriel ein Ausdruck, den sie ganz sicher weder im Himmel noch bei der Lektüre von Jane Austen aufgeschnappt hatte. Die Engel eilten in die Küche zurück und schon kurz darauf breiteten sich appetitliche Gerüche aus. Bevor einer der beiden sich um das fehlende Geschirr hätte kümmern können, stand Josie in der Tür. Die Reste des Frühstücks hatte sie in einen Korb gepackt, den sie in der Küche abstellte. „Papa braucht noch einen Moment“, sagte sie. „Ich dachte, in der Zeit könnte ich mich hier nützlich machen.“ Innerhalb weniger Minuten waren die restlichen Vorbereitungen getroffen. Alec erschien genau in dem Moment, als Muriel die letzte Schüssel auf den Tisch stellte, und alle machten sich – jetzt wieder in bester Laune – über das Gemüse-Curry her, das sie und Erziraphael gezaubert hatten. Sie redeten und lachten, bis Alec auf die Uhr sah und die Mittagspause für beendet erklärte. Daraufhin folgten ihm alle in den Laden, wo er ihnen die Modelle der Möbelelemente zeigte, die er für das Schaufenster entworfen hatte. Sie probierten verschiedene Kombinationen aus und wurden sich schnell einig, welche Elemente am besten geeignet waren. Sie überließen die beiden Gibsons den wenigen Restarbeiten, die im Laden noch anstanden, und kehrten nach nebenan zurück.