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Tag 15, Samstag (Teil1)

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Tag 15, Samstag (Teil1)

Sie waren trotz der eher kurzen Nacht alle rechtzeitig auf den Beinen gewesen und hatten die wenigen noch ausstehenden Aufgaben schnell erledigt. Nicht nur Crowley verzichtete an diesem Morgen auf ein Frühstück, auch die beiden Engel hatten ausnahmsweise keinen Appetit. Muriels Nervosität hatte sich auf die Männer übertragen, obwohl es keinen Grund dafür zu geben schien. Sie waren froh, als Arwen erschien. Sie stellte einen Bluetooth-Lautsprecher auf und legte ihr Smartphone daneben. Als sie Muriels fragenden Blick bemerkte, erklärte sie: „Meine Klavierbegleitung.“ Aus einem ungewöhnlich geformten Instrumentenkasten nahm sie ein Saiteninstrument mit einem ebenso ungewöhnlich kurzen Hals, schlug ein paar Töne an, lauschte prüfend und lehnte es an die Wand hinter ihrem Platz. „Ist das eine Oud?“, fragte Erziraphael und die Musikerin nickte. Muriel sagte das Wort nichts. „Eine was?“, fragte sie deshalb. „Eine Oud, eine arabische Laute, historisch übrigens das Vorbild für die europäische Laute“, erklärte Arwen, während sie zwei Flöten aus einem Futteral nahm und sie auf das kleine Beistelltischchen legte, das Muriel für sie bereitgestellt hatte. „Ich wusste gar nicht, dass du eine solche Laute hast.“ Sie bewunderte das schön gearbeitete Instrument. „Die gehört mir auch nicht. Ich habe sie mir für heute geliehen“, klärte Arwen auf. „Ich beherrsche sie leider auch nicht gut, aber für ein bisschen arabisches Flair wird es wohl reichen.“ Da fiel ihr etwas ein: „Apropos beherrschen: Habt ihr eure Hausaufgaben gemacht?“ Crowley nickte. „Du wirst staunen!“, versprach er.

Während die Musikerin noch mit ihren Vorbereitungen beschäftigt war, räusperte sich jemand an der Tür. Muriel sah auf und weil sie den Mann nicht kannte, ging sie zu ihm. „Kann ich Ihnen helfen?“ Er stellte sich als Redakteur des autonomen Stadtteilmagazins vor. „Sind Sie die Besitzerin?“ „Der Eigentümer bin ich.“ Erziraphael hatte sich unbemerkt dazu gesellt. „Aber Miss Bennet hier ist die Veranstalterin der Lesung und die Betreiberin der Kinderbuchhandlung, die hier so lange Quartier gefunden hat, bis ihr eigenes Geschäft direkt nebenan fertig renoviert sein wird.“ Der Reporter wandte sich Muriel zu. „Darf ich Ihnen einige Fragen stellen, bevor es los geht?“ Muriel setzte sich mit ihm an den Rand des Geschehens, wo sie ungestört sein würden. Die Männer sahen von weitem, wie nervös sie war. Aber sie würde das schon schaffen. Crowley hielt sich ebenfalls etwas am Rand, blätterte seine Lesetexte durch und ließ sich die einleitenden Worte, die er zu jedem der drei Texte sagen wollte, noch einmal durch den Kopf gehen. Mit seiner Konzentration war es vorbei, als nach einem jubelnden „Anthony!“ Hannah in seine Arme sprang. Er musste die Zähne zusammenbeißen, weil er bei diesem Überfall versehentlich sein ganzes Gewicht auf den verletzten Fuß verlagert hatte, und ächzte, bis das Kind auf seiner Hüfte saß und er ihr Gewicht nicht mehr nur mit seinen Armen halten musste. „Wie viel hast du gefrühstückt?“, fragte er lachend. „Du bist mindestens doppelt so schwer wie letztes Mal.“ Er wollte sie nur aufziehen, dachte aber mit leisem Bedauern, dass sie bald wirklich zu groß und zu schwer sein würde, um sie auf den Arm zu nehmen. Wahrscheinlich würde es auch nicht mehr allzu lange dauern, bis sie sich dafür zu alt fühlte und zärtliche Gesten ihr peinlich würden. Inzwischen waren auch Laura und Ben bei ihm angekommen und umarmten ihn zur Begrüßung. „So, jetzt lass Anthony in Ruhe arbeiten“, ordnete Ben an, und Hannah ließ sich gehorsam von Crowley auf den Boden setzen, obwohl sie eine Schnute zog. „Schatz, du kannst ihn noch den ganzen Nachmittag sehen, jetzt muss er sich konzentrieren.“ Laura ging neben dem schmollenden Mädchen in die Knie. „Und vergiss nicht, was wir vereinbart haben: Wenn gleich die anderen Kinder kommen, haben sie Vorrang. Das sind Kunden, weißt du? Du kannst später bestimmt noch mit Anthony spielen, wenn die anderen weg sind.“ Die Eltern lächelten Crowley zu. „Toi, toi, toi“, wünschten sie ihm und verabschiedeten sich bis später. Mittlerweile waren die ersten Familien gekommen, die von Muriel begrüßt wurden. Eine Frau trat ein, um deren Hals eine große Kamera hing. „Die nächste Pressevertreterin“, sagte Ben. Sie suchten Erziraphaels blonde Locken in der wachsenden Menge und gesellten sich zu ihm. „Können wir noch was helfen?“ Er schüttelte den Kopf. „Es ist alles erledigt. Wenn ihr allerdings ein wirksames Mittel gegen Nervosität kennt…“ Er ließ den Satz unvollendet und atmete durch. „Ich werde mich im Hintergrund halten“, sagte der Engel schließlich. „Ihr wollt sicher näher am Geschehen sitzen?“ Aber sie verneinten. „Es ist besser, möglichst viele Sitzreihen zwischen Hannah und Crowley zu wissen. Sonst fällt sie ihm dauernd ins Wort.“ Erziraphael erinnerte sich an Hannahs Verhalten bei der Gerichtsverhandlung in Israel und musste schmunzeln. „Ich verstehe, was ihr meint“, räumte er ein. Sie suchten sich also Plätze ganz hinten am Rand und setzten sich, während die Buchhandlung sich langsam füllte. Viele Gesichter kannte der Engel inzwischen, aber es waren auch unbekannte dabei, Kinder wie Erwachsene. Die kleine Ankündigung in der Presse und in den Sozialen Medien hatte offenbar ihren Zweck erfüllt. Als nächstes bemerkte er, dass die Frau mit der großen Kamera Verstärkung bekommen hatte. Sie hielt die Linse auf eine deutlich kleinere, zierliche blonde Frau, die etwas in ihr Smartphone sprach, offenbar eine Kollegin. Die Fotografin sah prüfend auf das Kameradisplay und nickte zufrieden, vielleicht eine Testaufnahme. Die später Gekommene sah sich suchend um und trat dann auf ein Grüppchen von Müttern zu, die in der Nähe der Ladentür stehen geblieben waren und sich angeregt unterhielten. Sie sprach die Frauen an, die nickten freundlich und öffneten ihren Kreis für die Reporterin, die ein kurzes Interview zu führen schien. Hinter ihnen entdeckte Erziraphael Rahul, der gerade mit seinen Kindern durch die Tür getreten war und Muriel und Crowley zuwinkte, sobald er sie ausgemacht hatte. Ihm folgten weitere bekannte Gesichter, dann zwei Männer, die er hier noch nie gesehen hatte. Beide hatten ihre Smartphones gezückt und begannen sofort zu fotografieren. Noch mehr Presse? Der Engel war beeindruckt. Muriel würde zufrieden sein. Sie hatte inzwischen mit Crowley direkt am Eingang Position bezogen und begrüßte die auf den letzten Drücker noch herbeieilenden Gäste. Ein Blick auf die Uhr verriet Erziraphael, dass das Programm jeden Augenblick beginnen musste und tatsächlich: In diesem Moment erklang eine schnelle Tonfolge, die ihn erstaunt aufblicken ließ. Ein junger Mann in der ersten Reihe war aufgestanden und hatte eine Panflöte an die Lippen gesetzt. Die Tonfolge wiederholte sich, dann setzte er sich wieder. Während auch die anderen Gäste sich Plätze suchten – es war erkennbar voller als in den beiden Wochen zuvor und die Sitzgelegenheiten wurden knapp – trat Muriel nach vorne. Das Publikum kam langsam zur Ruhe. Als die letzten Gesprächsfetzen verweht waren, begrüßte sie die Anwesenden, stellte mit warmen Worten Crowley und Arwen vor, dankte dem jungen Mann für seine Einlage mit der Panflöte und bat dann den Dämon nach vorne, der sich wie gewohnt im Schneidersitz auf den Sessel setzte und seine kleinen und großen Zuhörer begrüßte. „Heute habe ich euch ausnahmsweise drei Bücher mitgebracht“, begann er. „Das erste spielt hier in unserem Stadtteil, in einem Haus, das nur zwei Ecken weiter in einer Parallelstraße steht.“ Er hielt das Buch hoch, damit alle einen Blick auf das Cover werfen konnten. „ Das alte Haus in Soho gibt es wirklich, vielleicht geht ihr auf dem Heimweg sogar daran vorbei. Unsere Geschichte fängt aber schon viel früher an, als dort noch ein anderes Haus stand. Und dort war vor langer, langer Zeit ein Wunderkind zu Gast…“

Und Crowley fuhr fort, abwechselnd zu erzählen und zu lesen, beginnend mit dem kleinen Wolfgang Amadeus, der während seiner Europa-Tournee als Achtjähriger eine kurze Zeit dort gelebt hatte, und dann von anderen Kindern, armen und wohlhabenden, glücklichen und weniger begünstigten, die dort aufgewachsen waren, während die Zeit über das Haus hinwegging. Wie jedes Mal, wenn Crowley erzählte, schien die Geschichte durch seine Stimme lebendig zu werden, die Worte nahmen Farbe an und die Sätze wurden zu bewegten Bildern. Große wie kleine Zuhörer ließen sich gefangen nehmen von diesem Zauber und ließen sich von der Stimme des Dämons entführen, mitten hinein in die Geschichten, die sie spann. Auch Erziraphael spürte die Magie des Moments, aber anders als die Menschen um ihn herum folgte er nicht ausschließlich der wandlungsfähigen Stimme des rothaarigen Vorlesers, sondern suchte in seinen Augen und in seinem Lächeln nach dem Funken, den er sich dort zu sehen wünschte, nach dem inneren Leuchten, das ihn erfüllt hatte, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Als er bemerkte, dass Arwen sich für ihren Einsatz bereit machte, ließ er seine Augen über die Sitzreihen wandern und blieb bei den drei Stühlen am anderen Ende der letzten Reihe, direkt neben der Tür, hängen. Dort saßen Sarah und ihre beiden Töchter, von Crowleys Stimme offenbar völlig in den Bann gezogen. Sie mussten hereingekommen sein, als das Programm schon begonnen hatte. Und jetzt sah er auch Alec, der neben seiner Familie stand, weil kein Stuhl mehr frei war. Der Schreiner nickte ihm über die Köpfe des Publikums hinweg zu und zuckte mit den Achseln, als wollte er sagen: „Sie wollten nicht bis nach dem Umzug warten.“ Erziraphaels Aufmerksamkeit wanderte jetzt zurück nach vorne, wo Arwen aufgestanden war und nach einer ihrer Flöten griff. „Erinnert ihr euch an den kleinen Wolfgang Amadeus, von dem euch Anthony zu Beginn erzählt hat?“ Eine Welle schien über die Kinder hinwegzugehen, die in der vorderen Hälfte des Raums auf und zwischen den dicken bunten Kissen saßen, als die blonden und braunen, schwarzen und roten Köpfe eifrig nickten. Natürlich erinnerten sie sich! „Er hat später eine der bekanntesten Opern der Welt komponiert“, fuhr Arwen fort. Sie sah nun die Erwachsenen an: „Eure Eltern wissen wahrscheinlich, welche ich meine.“ Die ersten Stimmen riefen „Die Zauberflöte“ und die Musikerin nickte. Sie beugte sich zu jemandem hinunter, der ganz vorne auf dem Boden saß, und als sie sich wieder aufrichtete, hatte sie plötzlich einen kunterbunten Umhang an und einer der Väter pfiff und rief: „Papagena!“ „Genau!“, antwortete Arwen und sie singt für euch ein Duett mit ihrer großen Liebe. Alle lachten, als vom Boden der junge Mann mit der Panflöte aufsprang, der jetzt einen ebenso bunten Umhang trug und für die Kinder Grimassen schnitt. Jemand hatte die Aufnahme mit der Klavierbegleitung gestartet und der verkleidete Mann sang „Pa-Pa-Pa-Pa“, worauf Arwen mit ihrer Flöte antwortete. Gebannt verfolgten die Erwachsenen dieses Duett, in dem die Flöte die Partie der Papagena übernahm, während ihre Kinder ohne Scheu einstimmten und laut und eifrig „Pa-Pa-Pa-Pa-Papagena“ mitsangen. Als die Künstlerin die Flöte sinken ließ und ihren Mitspieler neben sich winkte, hüpften viele der Kinder noch aufgeregt auf und ab. Aber als Arwen ihren Mitstudenten Carlos vorstellte und sich für seine Unterstützung bedankte, klatschten sie begeistert mit und setzten sich dann gespannt wieder hin.

Sobald Crowleys Stimme erklang, waren sie mucksmäuschenstill. „In Oscars Klasse war mitten im Schuljahr ein neues Kind aufgetaucht“, erzählte er. „Ein Junge mit dunklen Haaren und braunen Augen, der wenig sprach und wenn er doch etwas sagte, klang das ganz komisch und sie verstanden es nicht. Er mochte die Mahlzeiten in der Schulkantine nicht und hatte immer eigenes Essen mit, das ganz anders roch als ihre Fish and Chips, die Pies, das Gemüse oder die Nudeln.

‚Bist dir wohl zu fein, mit uns zu essen‘“, stänkerten die Anführer, die ein bisschen größer als die anderen waren, dabei fand Oscar, dass das fremde Essen lecker roch. Er hätte es nur zu gerne mal probiert, aber natürlich kam das überhaupt nicht in Frage. Wenn das von den Großen jemand gemerkt hätte, würde er der Nächste sein, über den sie lästerten, der Nächste, den sie ärgerten. Das wollte er nicht. Am Wochenende dachte er an den dünnen Jungen mit den dunklen Augen. Warum er wohl immer so traurig aussah? Er fragte seine Mutter. ‚Woher soll ich das wissen?‘, antwortete sie müde. ‚Wo kommt er denn her?‘ Oscar wusste es nicht mehr. Irgendwas mit S war es gewesen. Serbien vielleicht oder Sibirien? Nein, das war zu lang.“

Arwen hatte sich mit ihrer Oud leise neben Crowleys Sessel auf den Boden gesetzt. Jetzt zupfte sie eine kleine Melodie, nichts Spezielles, nur ein paar harmonisch aufeinanderfolgende Töne, die zeigten, dass das Instrument ganz anders klang als eine Gitarre oder eine Ukulele.

„ ‚Ich könnte ihn morgen nochmal fragen‘, schlug Oscar zögernd vor und alle hörten den kleinen Jungen, der genau wusste, dass er sich das gar nicht trauen würde, und der deshalb so zögernd und unsicher klang. Längst hatte der Vorleser hinter ihm an Farbe und Deutlichkeit verloren. Es war Oscar, den die Kinder hörten, der kleine Oscar mit den unbeantworteten Fragen. ‚Misch dich besser nicht ein‘, warnte seine Mutter. ‚Wir können keinen Ärger brauchen! Ist bestimmt ein Flüchtling, lass dich nicht mit dem ein.‘ Und so schaute Oscar eine weitere Woche nur von Weitem zu, wie der fremde Junge, der bestimmt ein Flüchtling war, was zu bedeuten schien, dass man Ärger bekommen konnte, in der Pause traurig und allein am Rand des Schulhofs auf einer Mauer saß und sein mitgebrachtes Essen aß.“ Wieder spielte Arwen eine schlichte Weise auf der Oud, aber diesmal hörte sie nicht auf, als Crowley weiterlas. „Am nächsten Wochenende erzählte Oscar seiner Mutter wieder von dem Jungen, davon, wie traurig er aussah, dass er nie eine warme Jacke anhatte und oft Sandalen, obwohl es doch Winter war. ‚Denkst du, er ist sehr arm?‘, fragte Oscar seine Mutter. ‚Jetzt hör doch mal mit diesem Ausländer auf‘, schimpfte sie. ‚Um die brauchst du dir keine Sorgen machen, die spekulieren auf unser Mitleid und machen sich mit unseren Steuern ein schönes Leben. Und jetzt lass mich in Ruhe fernsehen!‘

In dieser Nach lag Oscar in seinem Bett und konnte nicht schlafen. Sah man so aus, wenn man sich ein schönes Leben machte? Warum lachte der fremde Junge dann nie? Als er endlich doch eingeschlafen war, träumte er von der Schule. Er stand auf dem Schulhof und obwohl der voller Kinder war, die rannten und spielten, lachten und stritten, hörte er sie nicht. Alles, was er hörte, war eine Melodie, die anders klang als die Musik, die er kannte. Und diese Melodie kam von der anderen Seite des Schulhofs, wo der traurige Junge auf einer Mauer saß. Auf seiner Schulter saß eine kleine Gestalt, kunterbunt gekleidet, und als er näher kam, erkannte Oscar, dass sie Löckchen hatte und einen Blumenkranz im Haar, dabei war es doch Winter. Sie winkte ihm, sich zu beeilen, und er sah, dass sie glitzernde, fast durchsichtige Flügel hatte, mit denen sie hektisch flatterte, während sie ein kleines Fläschchen in einer Tasche ihres Kleides verbarg. ‚Jetzt kommt schon, ich habe nicht ewig Zeit‘, mahnte ihn das kleine Flatterwesen. ‚Ich bin Monira‘, stellte sie sich vor. ‚Das heißt die Leuchtende .‘ Sie wirkte ziemlich eingebildet. ‚Ich bin eine Fee‘, erklärte sie, ‚und soll dieser traurigen Gestalt drei Wünsche erfüllen.‘ Sie zeigte auf den fremden Jungen. ‚Und was mache ich hier?‘, fragte Oscar. ‚Du musst mit‘, sagte sie nur, dabei griff sie in ihre Tasche, holte eine Handvoll Feenstaub daraus hervor und pustete ihn den beiden Jungen ins Gesicht.

Oscar sah sich um: Wo war der Schulhof geblieben? Und wo die anderen Kinder? Er war in einer Art Wüste gelandet, so weit sein Blick reichte, gab es nur Steine und Müll. ‚Noah hat sich gewünscht, nach Hause zurückzukehren‘, sagte Monira. ‚Er hat Heimweh.‘ Noah, hieß so etwa der fremde Junge? ‚Noah, wie der mit der Arche?‘ ‚Ja, genau, wie der mit der Arche. Und das hier ist keine Wüste. Das ist eine der ältesten kontinuierlich bewohnten Städte der Welt, ein kulturelles und religiöses Zentrum des Orients‘, behauptete die Fee. Oscar verstand nicht, wovon sie sprach. Wo war denn hier eine Stadt? ‚Das ist, na ja, das hier war Damaskus, hier war Noah zuhause‘, sagte die Fee. Mit ihrem kleinen Glitzer-Zauberstab zeigte sie auf den Steinhaufen direkt vor ihnen. ‚Das war das Haus, in dem er mit seiner Familie gelebt hat.‘ Er hatte keinerlei Vorstellung davon, ob die Schuttmenge auf ein ärmliches kleines oder auch ein prächtiges großes Gebäude schließen ließ. Erst jetzt sah Oscar, dass Noah sprachlos auf den Steinhaufen starrte und weinte. Er ging zu ihm und legte ihm tröstend einen Arm um die Schulter. Überraschend richtete sich der Junge auf, blinzelte angestrengt in die Sonne und fing an, auf und ab zu hüpfen. Er winkte und rief und dann sah auch Oscar das kleine Mädchen, das den Hügel aus Schutt hinuntergelaufen kam. Woher war sie so plötzlich aufgetaucht? Irgendetwas war seltsam an ihr, bemerkte er, und sah noch einmal genau hin. Je näher sie kam, umso undeutlicher wurde sie. Als sie nur noch ein paar Meter entfernt war, breitete sie die Arme aus und schien sich Noah an den Hals werfen zu wollen, aber ihr blasses Abbild löste sich unmittelbar vor ihm endgültig auf und sie wurden nur noch von einem milden Lufthauch gestreift. Noah fiel auf die Knie und weinte herzzerreißend.‘Warum tust du das?‘, schrie Oscar die Fee an. Warum bloß tat sie Noah so weh? ‚Ich habe nur seinen zweiten Wunsch erfüllt‘, verteidigte sie sich. ‚Er wollte seine kleine Schwester noch einmal sehen.‘ Oscar beugte sich zu Noah hinunter und legte ihm eine Hand auf die Schulter. ‚Jetzt kommt‘, drängelte die Fee. ‚Das nächste Kind wartet schon. Ich muss euch noch zurückbringen.‘ In einem Wimpernschlag waren sie zurückgereist zu ihrer Schule, vor der der Schulhof leer und verlassen da lag. ‚Geht heim‘, sagte Monira mürrisch. ‚Die Schule ist schon aus.‘ ‚Warte‘, widersprach Oscar. ‚Was ist mit seinem dritten Wunsch?‘ ‚Na, was soll damit sein? Ich hab‘ ihn erfüllt.‘ Mit diesen Worten flatterte sie davon und erst, als sie sie kaum noch erkennen konnten, rief sie über die Schulter zurück: ‚Er hat sich einen Freund gewünscht.‘

Die Jungs sahen sich an und wussten nicht, was sie sagen sollten. Schließlich fasste Oscar sich ein Herz und bot an: ‚Ich begleite dich nach Hause. Weißt du deine Adresse?‘ Noah nickte und sie trotteten schweigend nebeneinanderher, bis sie an einem Container-Dorf ankamen. ‚Hier wohnst du?‘ Noah zeigte auf einen der Container, der aussah wie alle anderen. Woher wusste er wohl, welches der richtige war? Der Junge öffnete eine Tür, steckte den Kopf hindurch und rief etwas, von dem Oscar nur ‚Mama‘ verstand. Noah schob ihn vor sich durch die Tür und zeigte auf ihn. ‚Mama‘, wiederholte er, ‚das ist Sadiq!‘ Oscar wollte ihn korrigieren, aber bevor er dazu kam, löste sich um ihn herum das Containerdorf auf und mit ihm Noah und seine Mutter, die beide Jungen erleichtert in den Arm genommen hatte.

Einen kurzen Moment war er orientierungslos, bis er begriff, dass er in seinem Bett lag. Er setzte sich auf und machte das Licht an. ‚Was für ein Traum!‘ Er schlich zum Kühlschrank, um etwas zu trinken, bevor er sich wieder hinlegte und traumlos schlief, bis sein Wecker klingelte. Als es Zeit war, machte er sich auf den Weg zur Schule, es schien ein ganz gewöhnlicher Tag zu werden. Aber an der großen Schultür wartete Noah auf ihn. „

‚ Sadiq heißt Freund‘, sagte er statt einer Begrüßung, und zusammen gingen sie zu ihrem Klassenraum.“