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(Immer noch) Tag 15, Samstag

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(Immer noch) Tag 15, Samstag

Als Crowley das zweite Buch zuklappte, war ihm anzumerken, dass die Geschichte ihn berührt hatte und dass das Lesen anstrengend gewesen war. Wie üblich lud er die Zuhörenden zu Limo und Gebäck ein, zog sich dann aber für einige Minuten aus dem Laden zurück. Bestimmt konnte Arwen Muriel helfen, er brauchte vor dem letzten Teil, der zum Glück deutlich kürzer ausfallen würde, einen Moment Abstand. Erziraphael hatte ihn verschwinden sehen und ging ihm nach. Er war besorgt, auch er hatte den Text aufwühlend gefunden, und sie hatten doch wirklich schon genug, was in ihren Köpfen herumspukte. Erleichtert sah er, dass der Dämon bei Hexe kniete, die sich auf den Rücken geworfen hatte und sich selig den Bauch kraulen ließ. Er stand auf, als er den Engel hereinkommen sah und ließ sich umarmen. „Das war ergreifend, Liebling. Aber es hat dich zu sehr mitgenommen.“ „Geht schon wieder“, behauptete der Dämon und strich gedankenverloren immer wieder dieselbe blonde Strähne aus Erziraphaels Stirn. „Wer spielt da überhaupt die Oud?“, er hob abrupt den Kopf und lauschte. Er lehnte noch einmal seine Stirn an die seines Partners, dann ging er wortlos wieder in den Laden. Erziraphael kehrte zu seinem Platz zurück, wo Laura alle Hände voll zu tun hatte, damit Hannah nicht zu Crowley rannte und ihn für sich beanspruchte. Der Engel sah sich im Raum um und beobachtete zufrieden, dass überall Menschen in kleinen Gruppen zusammenstanden und sich unterhielten, schon wieder lächelnd und lachend, was sicher auch mit den vielen Kindern zu tun hatte, die zwischen ihnen herumwuselten, als bildeten die Erwachsenen ein Labyrinth, aus dem die Kleinen herausfinden mussten. Als die Musik abbrach, sah Erziraphael auf. Es war einer der Männer, die er für Journalisten gehalten hatte, der sich von dem Hocker erhob, das Instrument vorsichtig an die Wand lehnte und sich vor Arwen verbeugte. Hatte sie ihren halben College-Jahrgang mitgebracht?

Der Engel hatte sich wieder zu Hannah und ihren Eltern gesetzt, als die Panflöte die Pause für beendet erklärte. Statt Crowley ergriff aber Arwen das Wort. „Bevor wir gleich die letzte Geschichte für heute hören, bedankt euch bitte mit mir bei Faris, der nicht mit anhören konnte, wie ich die Laute gequält habe, und uns sein virtuoses Spiel zum Geschenk gemacht hat, um die Pause zu begleiten.“

Faris war schon an seinem Sitzplatz angekommen und rief durch den Raum nach vorne: „Ich wollte nur die Stimmung aufheitern!“ Er bedankte sich bescheiden für den Applaus. Muriel hatte die Kasse verlassen, stand schon wieder vor dem Publikum und kündigte zum letzten Mal für diesen Tag Crowley an. Der hatte sich gefangen und trug die kurze Geschichte vor, die die Freunde bereits vom Vortag kannten, die aber auch beim zweiten Hören schön und ermutigend war. Das energische Eintreten des Mädchens für ihren dreibeinigen Freund und das versöhnliche Ende vertrieben die Nostalgie, trotzdem tat es allen erkennbar gut, zum Abschluss gemeinsam zu singen und nochmal ausgelassen und albern zu sein, bevor sie sich trennten. Hannah war nicht mehr zu halten gewesen, als Laura ihr erlaubt hatte, nach vorne zu gehen. Hätte Crowley sich nicht erbarmt und sie auf den Arm genommen, wäre sie wahrscheinlich an seinem Bein nach oben geklettert, bis er ihr endlich Aufmerksamkeit schenkte. Während die meisten Erwachsenen zum Abschied jedem die Hand schüttelten, der zum Programm beigetragen hatte, und sich überschwänglich bei Muriel und dem Dämon bedankten, scharten die Kinder sich vor allem um den rothaarigen Vorleser. Alle wollten ihn nochmal drücken, ihm selbstgemalte Bilder schenken oder – auch das kam jeden Samstag vor – seine Haare mit dem seltenen Rotton einmal anfassen. Mit einer Engelsgeduld kümmerte er sich um seine kleinen Fans, erfüllte möglichst alle Wünsche und versuchte mit letzter Kraft, die lebhafte Hannah nicht abrutschen zu lassen, wenn er sich zu einem anderen Kind hinunterbeugte oder mit der freien Hand ein kleines Geschenk annahm.

Erziraphael bemerkte erst jetzt, dass mehrere Kameras auf sie gerichtet waren, die die Abschiedsszenen ebenso gewissenhaft zu dokumentieren schienen, wie die immer neuen Grüppchen, die sich um Muriel, Crowley und Arwen sammelten, um ein allerletztes Mal ihrer Begeisterung Ausdruck zu verleihen oder schnell noch um ein Autogramm zu bitten. Es dauerte fast eine Dreiviertelstunde, bis die letzten Kunden den Laden verließen. Muriel war schon auf dem Weg zur Tür, um abzuschließen, als die Gibsons auf sie zu kamen, die offenbar etwas abseits auf eine Gelegenheit gewartet hatten, sich persönlich zu verabschieden. Alec war der erste, der Crowley die Hand schüttelte. „Sie sind ein Meister Ihres Fachs, Anthony. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich eine Lesung von Kindergeschichten so genießen könnte.“ Dann wandte er sich an Arwen. „Miss, auch Ihnen vielen Dank für die wunderbare Musik. Sie haben ein ungewöhnlich breites Repertoire und sind eine wunderbare Papagena.“ Dann machte er den Weg frei für seine drei Frauen. Er blieb neben Erziraphael stehen und sagte leise: „Ich fürchte, meine drei Mädels sind heute zu hemmungslosen Bewunderinnen geworden. Sagen Sie mir bitte Bescheid, falls sie Sie und Anthony demnächst stalken sollten, damit ich einschreiten kann.“ Aber Crowley fühlte sich keineswegs gestalkt, als sowohl Sarah als auch Josie und Lizzie ihn freundschaftlich umarmten, sich mit Lob für seine Stimme gegenseitig überboten, und schließlich wie aus einem Mund sagten: „Wir haben abgestimmt und Sie haben die Prüfung endgültig bestanden. Erziraphael hätte keinen besseren Partner finden können. Aber natürlich haben Sie auch Glück mit ihm. Es ist uns eine Freude, Sie beide zu kennen!“ Alec warf den beiden Männern einen peinlich berührten Blick zu und flüsterte Erziraphael zu: „Bei Menschen, die ihnen besonders wichtig sind, verlieren sie leider jede Distanz, ich entschuldige mich für sie“, bevor er seiner Familie nach draußen folgte. Es könnte sein, dass er ganz kurz, aber wirklich nur sehr kurz dachte, dass ein Sohn in Ergänzung zu seinem geliebten Hühnerhaufen womöglich eine Wohltat gewesen wäre.

***

Muriel ließ sich auf die nächstbeste Sitzgelegenheit fallen und bat um ein Glas Wasser. „Genießt du deinen Erfolg?“, fragte Laura lächelnd. Der Engel lächelte unsicher. „War es denn einer? Ja, oder? Ihr findet auch, dass es einer war?“ Die Aufregung fiel erst langsam von ihr ab, aber als Crowley wortlos auf den Tisch mit den Büchern zeigte, aus denen er vorgelesen hatte, lächelte sie breit. Dort lagen nur noch die drei Empfehlungskärtchen, die Bücher waren restlos verkauft worden. „Und ich habe noch fünfundzwanzig Bestellungen dafür aufgenommen“, flüsterte sie selig. Die Mühe schien sich gelohnt zu haben. Sie blieben noch eine Weile mitten im Laden sitzen, dann machten sie sich daran, gemeinsam aufzuräumen. Es blieb schon nicht mehr viel zu tun, da klopfte es an der Tür und jemand rief: „Ich verlange Auskünfte!“ Der Jemand war Nina. Erziraphael ging und ließ sie ein. Sie umarmte ihn flüchtig, schob ihn dann aber rigoros beiseite und schnaubte: „Was war das heute bei euch für ein Aufstand? Hattet ihr was zu verschenken? Und warum hat uns niemand vorgewarnt?“ Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen, den Erziraphael für sie herangezogen hatte. Muriel und Crowley hatten der Tirade leicht verwirrt zugehört. Als Nina zum Ende gekommen war, fragte der Dämon vorsichtig: „Wovon sprichst du?“ Die Café-Betreiberin sah auf. „Ich spreche von einer Schlange gut gelaunter Menschen, deren Schwanz wahrscheinlich irgendwo Richtung St. James-Park lag, und deren Kopf versucht hat, mein Tresen-Personal zu fressen. Wenn ihr uns wieder so viele Gäste auf einmal zuschanzt, dann warnt uns doch bitte vor! Ich hätte leicht das Doppelte verkaufen können, wenn ich auf diesen Ansturm vorbereitet gewesen wäre. Jetzt kann ich im Grunde den Rest des Tages zumachen, weil ich nichts mehr anbieten kann. Und meinen Aushilfen klingeln die Ohren.“ Sie schwieg. Dann schien ihr noch etwas einzufallen: „Und warum, um alles in der Welt, haben die alle Old MacDonald gesungen?!“ Spätestens bei dieser Frage war es vorbei mit der Selbstbeherrschung der Buchhandlungs-Crew. Arwen war die Erste, die losprustete, dann fielen Erziraphael und Crowley ein, bis zu guter Letzt auch Muriel, Ben und Laura Tränen lachten. Hexe und Hannah sprangen - von der Ausgelassenheit angesteckt - zwischen ihnen herum. Nach einer Weile fassten sie sich so weit, dass sie Nina von der gut besuchten Lesung erzählen konnten, auch wenn sie keine Erklärung dafür hatten, dass ihre Gäste mehr oder weniger ausnahmslos im Anschluss Kaffee und Gebäck von Nina mitnehmen wollten. „Starke Gefühlsregungen machen hungrig“, warf Ben als Interpretationsvorschlag ein. „Vielleicht hatten sie auch das Bedürfnis, spontan bei Freunden vorbeizugehen.“

Muriel klopfte plötzlich energisch auf den Tisch. „Nina, du gehst jetzt rüber und machst deine Waffeleisen einsatzbereit, schlägst Sahne und suchst zusammen, was ihr an Obst da habt. Fruchtkonserven und Kompott gehen auch. Arwen, du gehst mit und beschriftest die Kreidetafeln mit „Heute frische Waffeln“, schreib auch Pudding und Milchreis drauf. Lass dir von Nina sagen, was sie an Obst und so dazu anbieten kann. Erziraphael, du kochst Pudding und Milchreis, soviel die Vorräte hergeben. Und ich mache Waffelteig. Sie drückte der verdutzten Nina eine Dose mit den übrig gebliebenen Keksen in die Hand. Die nimmst du, um die Gäste so lange hinzuhalten, bis der Nachschub rollt.“ Crowley klopfte Nina ermutigend auf die Schulter. „Lass die Superhelden nur machen. Ich komme sofort hinter dir her gehumpelt. Wenn du mir einen Stuhl an die Spülmaschine stellst, trockne ich Geschirr ab, dann sind wir einsatzbereit, bis sie zu unserer Rettung eilen.“

***

Es war längst Abend, als Crowley die allerletzten Café-Gäste freundlich, aber bestimmt, hinauskomplimentierte. Er schloss hinter ihnen ab und humpelte zurück zum Tresen, an dem die Freunde sich jetzt aufreihten wie Perlen an einer Schnur. Den gesamten Nachmittag über waren alle Plätze besetzt gewesen, der Strom von Menschen, die ausgerechnet heute unwiderstehliche Lust auf Süßes und Gesellschaft zu haben schienen, war nicht abgerissen. Wer nicht kam, weil es so intensiv nach frischen Waffeln duftete, der kam, weil er den schwungvollen irischen Weisen lauschen wollte, die Arwen – nur unterbrochen von kurzen Erholungspausen – immer wieder neu mit ihren Flöten variierte, oder weil er auf der Terrasse oder hinter der Scheibe Freunde oder Nachbarn entdeckte und durch die überschäumende Stimmung dazu verführt wurde, sich einer der Gruppen anzuschließen, die eng zusammenrückten, angeregt plauderten oder herzlich lachten. Als der Andrang am frühen Abend langsam nachließ, hatten Maggie und Nina ihre Aushilfen nach Hause geschickt, schließlich mussten sie am nächsten Morgen schon wieder Frühstück servieren. Jetzt hatte sie auch der Reserve-Mannschaft eine Pause verordnet, damit die schmerzenden Füße und die klingelnden Ohren sich erholen konnten, bevor sie das Café wieder instand setzen würden. Ben hatte Hexe und Hannah beschäftigt, solange es noch hell war, dann hatte er beide zurück in die Buchhandlung gebracht, hatte sie gefüttert, einige Nachforschungen online angestellt, während seine Tochter neben ihm friedlich malte. Als sie am Tisch eingeschlafen war, hatte er sie auf das Sofa getragen und war über die Straße ins Café gekommen, um Laura abzulösen, die bis dahin ununterbrochen bedient hatte. Sie war so souverän dabei, dass Nina ihr spontan eine Festanstellung angeboten hatte, jetzt aber spürte sie ihre Füße kaum noch. „Ist schon ‘ne Weile her, dass ich damit mein Studium finanziert hab“, stöhnte sie, als sie sich neben Crowley auf einen Barhocker hievte. Der Dämon betrachtete sie voller Zuneigung. Er hatte ihr und ihrer kleinen Familie so viel zu verdanken. Er fragte sich fast jeden Tag, womit er es verdiente, so wunderbare Freunde zu haben, Personen aus allen drei Welten, die ihn nicht spüren ließen, woher er kam, und denen er etwas bedeutete. Er, ein Dämon! Auf seiner anderen Seite saß Erziraphael, der einen Arm um seine Taille und den Kopf auf seine Schulter gelegt hatte. Sein Engel war bei ihm und es gab einen Platz auf der Welt, an den er gehörte! So nah an Glück war Crowley noch niemals gewesen! Er sah den Freunden ins Gesicht, einem nach dem anderen, sah Müdigkeit, sah Erschöpfung, aber vor allem sah er Zusammengehörigkeit. Wahrscheinlich war es die Müdigkeit, die ihn so rührselig machte, aber er hätte am liebsten alle um sich herum fest an sich gedrückt. „So hattet ihr euch euren Besuch sicher nicht vorgestellt“, sagte er halb neckend, halb mitfühlend zu Laura neben ihm. Sie lächelte und griff nach seiner Hand. „Man lernt Menschen am besten kennen, wenn man mit ihnen gearbeitet hat“, erwiderte sie und er fragte sich, was sie ihm damit sagen wollte. Ihr nächster Satz verriet es ihm: „Nach heute bin ich absolut beruhigt, weil ich weiß, in was für einer unglaublichen Gemeinschaft du hier gelandet bist. Ich bin so froh, dass wir gekommen sind und uns mit eigenen Augen davon überzeugen konnten.“ Sie blieb noch eine Viertelstunde dort sitzen, bis sie aufbrach, um Hannah abzuholen und mit ihr ins Hotel zu fahren.

Nina hatte versucht, sie alle zum Nachhause-Gehen zu überreden, weil sie ihnen nicht noch mehr Arbeit zumuten wollte, aber sie hatten sich geschlossen geweigert zu gehen. Die Pause dagegen hatten sie dankbar akzeptiert und so saßen sie nun überwiegend schweigend nebeneinander, die Paare Händchen haltend oder aneinander gelehnt, während die anderen ihre Mails checkten oder durch die Sozialen Medien scrollten. „Arwen!“, sagte Muriel laut und plötzlich wieder ganz wach, „sieh mal!“ Sie hielt der Halb-Dämonin ihr Smartphone hin und wartete aufgeregt auf ihre Reaktion. „Kenn‘ ich nicht“, sagte die Musikerin und wollte gerade ihren Kopf für einen Moment auf den Armen ablegen, als Muriel sie anstieß und drängend sagte: „Deshalb habe ich es dir auch nicht gezeigt.“ Arwen hob ihren Kopf nur widerwillig. „Warum dann?“ Der Engel wurde ungeduldig. „Hier sucht eine Familie ihre vermisste Tochter!“ – „Ja, und?“ – „Arwen, wirklich! Fällt dir sonst keine Familie ein, die jemanden vermisst?“ – Langsam begann die Freundin zu begreifen. „Du meinst, wir sollten eine Suchanzeige aufgeben? ‚Dämon vermisst‘, oder was?“ Sie schüttelte den Kopf. „Meinst du etwa, in der Hölle schauen sie Tiktok?“ „Wer sagt denn, dass er in der Hölle ist? Ich habe letzte Woche erst gelesen, dass die Haftanstalten von Himmel und Hölle nach und nach aufgelöst und die weiterhin Inhaftierten in Gefängnisse auf der Erde verlegt werden sollen, damit die Einhaltung der Menschen- und Bürgerrechte besser überwacht werden kann.“ Das stimmte leider nur zum Teil, dachte Erziraphael bitter. Auch in diesem Fall wurden nämlich die Dämonen benachteiligt. Die Einrichtungen in der Hölle würden erst an die Reihe kommen, wenn alle himmlischen überprüft worden waren. Der Himmel hatte einfach die bessere Lobby – und Engel einen besseren Ruf, auch wenn der durch nichts anderes als falsche Annahmen begründet war. Er hütete sich jedoch, etwas zu sagen, schließlich wusste er, was Muriel bezweckte. Und tatsächlich gelang es ihr, Arwen zu überzeugen. „Es kann doch nichts schaden“, hatte Muriel eindringlich wiederholt und die Halb-Dämonin schließlich davon überzeugt, einen Such-Post zu generieren. Zum Glück hatte sie schon vor Jahren ein paar alte Fotos eingescannt und wählte nun eins aus, das sie als Kind mit Mutter und Vater zeigte. „Wir vermissen unseren geliebten Mann und Vater“, war die Überschrift. Der kurze Text sagte „Barry Carpenter (Spitzname Balgran)“ verschwand im Jahr 2006 spurlos. Seine Tochter und seine Frau haben die Hoffnung nicht aufgegeben, ihn lebend wiederzusehen. Hinweise bitte an arwen@childrenspages.com.“

„Was hältst du davon, Crowley?“ Er schien nur mäßiges Interesse zu haben, ließ sich das Handy aber von Muriel in die Hand drücken. „Barry Carpenter? War er unter dem Namen bei den irdischen Behörden registriert?“ Er zoomte in das Bild hinein. „So richtig viel sieht man ja nicht von ihm. Hast du noch mehr Bilder?“ Arwen sah ihn genervt an. „Woher soll ich wissen, ob und wie er registriert war? Ich war ein Kind, Mann! Alles, was ich weiß, ist, dass ich niemandem davon erzählen dürfte, dass er seine Flügel manchmal wie ein Zelt um uns aufrichtete und mir darunter Lieder vorsang, die er sich für mich ausgedacht hatte. Und, wie allein ich mich fühlte, als er von jetzt auf gleich verschwunden war, und meine Mutter ein ganzes Jahr so in ihrer Trauer versank, dass es sich anfühlte, als hätte ich gleich beide Eltern verloren.“ Der Dämon schwieg betreten. Da war er bei dem Versuch, nicht zu interessiert zu wirken, wohl deutlich übers Ziel hinausgeschossen. „Entschuldige, Arwen. Hab’s nicht böse gemeint. War einfach ein langer Tag.“ Die junge Frau nickte traurig. „Entschuldigung akzeptiert. Gib mal her.“ Sie ließ sich ihr Telefon wiedergeben, tippte und wischte einige Male, dann gab sie es ihm zurück. „Das sind alle Fotos, die wir von ihm haben. Wenn du meinst, ein anderes wär‘ besser geeignet, sag’s einfach.“ Crowley schaute sich die Bilder so aufmerksam und gründlich an, wie es ihm möglich schien, ohne Verdacht zu erregen. Das eine Bild zeigte deutlich, dass Balgran rote Haare hatte, eines im Profil ließ eine Stupsnase und auffällige Sommersprossen erkennen und ein anderes, auf dem er über eine Sonnenbrille schielte und Grimassen schnitt, offenbarte unirdisch grüne Augen. Das letzte Bild, das ihn zeigte, wie er einen Kinderwagen schob, ließ darauf schließen, dass er eine durchschnittliche Statur hatte, wahrscheinlich knapp eins achtzig groß. „Ne, du hast wahrscheinlich recht, das Bild ist das beste.“ Unauffällig nickte er Muriel zu. Er hatte genug gesehen, um wenigstens eine kleine Chance zu haben, den Dämon zu erkennen, wenn der ihm unten unter die Augen kommen würde.

„Oh, seht mal!“, sagte Ben plötzlich laut. „Der erste Bericht ist im Netz.“ Lächelnd hielt er Muriel sein Handy so hin, dass sie aufs Display schauen konnte. „Der Zauber guter Kinderbücher – Buchhandlung etabliert Erfolgsformat“ las sie vor und strahlte. „Von einem Faris… Arwen schau nur, dein Oud-Virtuose hat einen Soho-Blog.“ Arwen suchte den Bericht auf ihrem eigenen Telefon. „Er ist nicht ‚mein‘ Oud-Virtuose“, protestierte sie. „Sein Trio ist schon zwei oder drei Mal mit uns im gleichen Pub aufgetreten, daher kenne ich ihn. Ich wusste aber nicht, dass er einen eigenen Blog betreibt.“ Aufmerksam las sie den ganzen Bericht. „Ein richtig gutes Echo“, stellte sie zufrieden fest. „Gut, dass ihr euch so viel Mühe gegeben habt.“ Das gab den nötigen Energieschub, damit alle sich noch einmal aufrafften, um gemeinsam Klarschiff zu machen. Crowley hielt in der Zwischenzeit die Sozialen Medien und die lokalen News-Seiten im Blick und verkündete laut, wenn er wieder einen Beitrag über die heutige Veranstaltung in der Buchhandlung gefunden hatte. Offenbar waren zwei Lokalzeitungen, der Blogger Faris und ein Lokalradio dagewesen, aber auch viele Zuhörer hatten in ihren eigenen Profilen oder Gruppen über ihren Besuch bei der Lesung berichtet. Es wimmelte von Bildern und positiven Kommentaren im Netz und immer wieder war von „Anthony J. Crowleys Zauberstimme “ und der „talentierten Front-Frau der Folk-Gruppe Land of Faraway “ die Rede, aber auch die „innovative Buchhändlerin Muriel Bennett“ fand mehr als einmal Erwähnung.

Als das Café blitzblank und bereit für den nächsten Besucher-Ansturm war, gingen deshalb sehr zufriedene, in unterschiedlichem Maße aufgekratzte Menschen, Dämonen und Engel nach Hause und fielen rechtschaffen müde in ihre Betten. Auch Ben kehrte beschwingt zu Laura und Hannah ins Hotel zurück und schaffte es sogar, vorübergehend seine Sorgen über die Ereignisse zum Schweigen zu bringen, über die er vor ihrer Rückkehr nach Hause unbedingt noch mit Crowley und Erziraphael sprechen musste. Sie ließen sich noch eine Flasche Wein aufs Zimmer bringen und schauten zwei Folgen ihrer Lieblingsserie. Es war ein perfekter Ausklang für einen perfekten Tag, bis Ben aus dem Bad kam und gerade neben Laura unter die Decke kriechen wollte. „Um Himmels Willen“, flüsterte sie und hielt ihm ihr Smartphone hin. „Verdammte Scheiße!“, entfuhr es Ben. Er las es noch zweimal. Dann sagte er halbherzig: „Vielleicht sieht das gar keiner. Bis morgen früh ist doch schon wieder so viel anderes passiert.“ Es war Pfeifen im dunklen Keller, das war ihm klar, aber es war alles, was er heute Abend tun konnte. Laura war vom Kellnern so müde, dass sie trotzdem in kürzester Zeit einschlief. Ben aber lag noch lange wach. Es waren schließlich die leisen gleichmäßigen Atemzüge seiner kleinen Tochter, die ihn in einen unruhigen Schlaf sinken ließen.