LNCrawler

Tag 2, Sonntag (Teil 1)

Next Omens Ii - Brave New World — www.fanfiktion.de · All chapters

Tag 2, Sonntag (Teil 1)

Am nächsten Morgen war Crowleys Bett nicht leer, als Erziraphael die Augen aufschlug. Der Dämon lag vielmehr auf seinen Unterarm gestützt neben ihm und sah von oben auf den verschlafenen Engel hinunter. „Weißt du, was mich wundert?“, fragte er statt eines Guten-Morgens. Ein verneinender Brummton war die Antwort. „Es ist mir erst heute Morgen aufgefallen: Wir kennen uns seit mehr als sechstausend Jahren. Und nie hatte einer von uns ein Haustier. Warum warst du nicht im Geringsten erstaunt, dass ich einen Hund habe? Du hast kein einziges Wort darüber verloren.“ Schon bei „Haustier“ war Erziraphael hellwach. Er würde eine ehrliche Antwort geben, aber er befürchtete, dass diese nicht gut aufgenommen werden würde. Deshalb wählte er seine Worte mit Bedacht. „Du hast Recht: Ich war nicht erstaunt. Ich wusste von Hexe, weil …, na ja, weil ich nicht ganz unbeteiligt war.“ „Rede nicht so um den heißen Brei herum!“, ermahnte er sich selbst. „Nein, das stimmt so nicht“, schob er deshalb nach. „Ich habe sie dir … geschickt.“ Es kostete ihn Überwindung, aber er sah Crowley dabei offen in die Augen. „Ich hatte Angst um dich und wollte, dass du nicht allein bist. Und ihr Züchter war mir noch etwas schuldig.“ Crowley nickte nachdenklich. Lange antwortete er nicht. Dann sagte er: „Ich hätte es wissen müssen. Zu viele Zufälle: Kein Chip, keine Besitzer, kein Platz im Tierheim. Ein Traum von einem Hund. Es gab keinen Grund, warum jemand ein so wundervolles Tier einfach laufen lässt und nicht nach ihm sucht.“ Hexe schien zu spüren, dass es um sie ging. Vielleicht hatten sie auch unbewusst beide zu ihr hingesehen. Sie kam zum Fußende und blieb zwischen ihnen stehen. „Ich hätte es dir noch erzählt, ich muss dir so vieles noch erzählen“, sagte Erziraphael. „Es tut mir leid, wenn ich mich ungefragt in dein Leben gemischt habe. Ich hatte nicht das Recht dazu.“

Der Dämon hatte sich auf den Rücken gedreht und starrte nun an die Decke. Hexe verließ ihren Platz am Fußende und wechselte auf Crowleys Seite. Sie schob ihren Kopf unter seine Hand und stieß so lange dagegen, bis er anfing, sie zu kraulen. „Warum hattest du Angst um mich? Ich hatte dich doch so enttäuscht, dass du meintest, mir vergeben zu müssen. Du warst doch der, der weggegangen ist. Der mich verlassen hat.“ Der Engel schluckte. Die Antworten wurden nicht einfacher. Aber Crowley hatte ein Recht darauf. „Der Himmel hat dich überwachen lassen. Offenbar schon sehr lange. Und irgendwann dann auch mich. Es gab eine Akte, die ich von Gabriels Schreibtisch übernommen hatte, und in die ich erst spät hinein gesehen habe. Und dort waren Fotos von dir, auch von uns, aber mehr von dir. Es waren viele Fotos, und es kamen immer neue dazu. Und auf den letzten Fotos, die auftauchten, sahst du aus …“, er schluckte, beendete den Satz dann aber doch. „Du sahst aus, als hättest du mit dem Leben abgeschlossen.“  Crowley starrte noch immer die Decke an. Erziraphael wünschte, er würde etwas sagen oder sich wenigstens wieder zu ihm umdrehen. Aber er blieb einfach stumm liegen. Erziraphael rutschte auf Crowleys Betthälfte hinüber und streichelte seine Hand, die unbeweglich neben ihm lag. „War das die Zeit? Du weißt schon: die Zeit, als dir alles egal war?“ fragte er sanft. „Willst du mir heute davon erzählen?“

Er dachte schon, er würde auch auf diese Frage keine Antwort bekommen, als der Dämon doch noch zu sprechen begann: „An dem Tag waren Maggie und Nina in den Laden gekommen, während du nicht hier warst.“ Erziraphael musste nicht fragen, von welchem Tag er sprach, sein Gesicht verriet es überdeutlich. „Sie wollten uns erklären, dass man Liebe nicht erzwingen kann, damit wir nicht länger versuchen, sie zu verkuppeln. Und sie wollten mich davon überzeugen, dass wir über unsere Gefühle füreinander sprechen müssten.“ Erziraphael spürte, wie Crowleys Hand sich unter seiner verkrampfte. „Du kannst dir wahrscheinlich denken, was ich dazu gesagt habe.“ „Ja, das kann ich.“ So gut immerhin kannte er den Dämon, auch wenn er seit dem Freitagabend schon mehrfach erschrocken festgestellt hatte, was er alles nicht von ihm wusste.

„Aber als sie gegangen waren, ließ mich der Gedanke nicht mehr los. Der Gedanke, dass wir nicht nur Freunde waren, sondern etwas anderes, irgendwie mehr . Dass wir womöglich wirklich mehr als nur freundschaftliche Gefühle füreinander hatten. Ich musste an alles denken, was wir zusammen erlebt hatten, was wir füreinander getan hatten.“

- „Du immer mehr als ich, Crowley. Wie oft hast du mein Leben gerettet und deins dafür riskiert.“ Der Engel streichelte weiter Crowleys Hand und wartete darauf, dass er weitersprach.

„Dabei ist mir klar geworden, dass der Teil meines Lebens, der etwas zu bedeuten hatte, der Teil war, den ich mit dir verbracht habe. Das waren die Momente, die bleiben. Das war der Teil, für den es sich lohnte, immer wieder aufzustehen und weiterzumachen.“

Erziraphael schluckte, er fühlte sich miserabel. „Oh Crowley, ich wünschte, ich wäre da gewesen, bei dir. Ich weiß nicht einmal mehr, warum ich mich überhaupt auf das Gespräch mit Metatron eingelassen habe.“

„Und dann habe ich entschieden, dass ich es dir sagen wollte. Ich wollte dir sagen, dass du der Stern bist, um den sich mein Leben dreht. Ich wollte mit dir ins Ritz gehen, mir Mut antrinken und dir gestehen, dass ich mit dir zusammen sein möchte, dass ich mein ganzes Leben mit dir teilen möchte, nicht nur Episoden. Ich wollte dir eine richtige Liebeserklärung machen, so richtig, wie ein Dämon das eben kann.“ Er seufzte. Es war ein so klägliches Geräusch, dass dem Engel vor Mitleid der Atem stockte.

-„Aber ich kam zurück, mit meiner vermeintlich großartigen Nachricht und habe deinen Plan ruiniert.“ Erziraphael hatte plötzlich einen ganz trockenen Mund und brachte die Worte nur mit Mühe über die Lippen. Er litt nachträglich mit Crowley. Welche Überwindung ihn das gekostet haben musste! Wie viele Bedenken und Hemmungen er dafür über Bord geworfen hatte! Und er hatte ihm nicht einmal richtig zugehört. Was konnte er dazu heute noch sagen?

„Und dann wolltest du, dass wir nach oben gehen. Und ich musste improvisieren und habe nur noch gestammelt. Und dann habe ich gemerkt, dass du gar nicht verstanden hast, was ich eigentlich sagen wollte. Du dachtest, wir könnten das, wovon ich sprach, auch im Himmel haben und dabei Gutes tun. Aber ich wollte nicht die Welt retten. Ich wollte mich retten. Ich wollte nicht allein bleiben. Ich war egoistisch. Alles, was ich wollte, war, dass du bei mir bleibst.“ Crowley entzog Erziraphael seine Hand. Stattdessen führte er seine geballte Faust zum Mund und biss hinein, um die Tränen zurückzuhalten.

-„Und ich habe dich wieder enttäuscht. Weißt du, dass Jesus mir die Augen öffnen musste? Er wusste nach wenigen Wochen mit dir so viel mehr über dich und deine Gefühle als ich. Ich war dir ein schlechter Freund, ich hatte ja sogar Angst davor, mich so zu nennen. Ich habe so viel kaputt gemacht.“

Crowley hatte sich noch einmal so weit zusammengerissen, dass er weiterreden konnte: „Bis die Fahrstuhltür zuging, habe ich geglaubt, du würdest dich umentscheiden und zu mir zurückkommen. Und dann dachte ich, jeden Augenblick würdest du diesen dämlichen Fahrstuhl anhalten und umkehren. Aber du kamst nicht.“ Längst hatte Crowley bei diesen Erinnerungen nun doch angefangen zu weinen. Er sah den Engel noch immer nicht an, sondern hatte seinen Blick auf etwas gerichtet, das nur er sah. Die Fahrstuhltür vielleicht.

Erziraphael brach es fast das Herz. Er fühlte sich schuldig. Crowley hatte sein ganzes Vertrauen in ihn gesetzt und er hatte ihn enttäuscht. Zum wievielten Mal? „Crowley? Warum bist du hier bei mir? Ich habe dich so oft enttäuscht und verletzt. Du verdienst jemanden, der besser ist als ich. Ich, … ich verdiene dich überhaupt nicht.“

Jetzt endlich drehte der Dämon sich zu ihm um und sah ihn mit rotgeränderten Augen an. „Es geht jetzt aber nicht um dich. Es geht nicht darum, ob einer von uns es verdient oder nicht. Ich liebe dich. Punkt. Ich liebe dich schon ewig. Auch wenn ich es erst so spät begriffen habe. Und ich werde dich nicht noch einmal kampflos gehen lassen.“ Er setzte sich abrupt auf und trocknete seine Augen mit dem Schlafanzugärmel. „Und du wirst dir auch noch anhören müssen, was danach kam. Aber vorher brauche ich einen Kaffee.“ Er schlug die Decke zurück und wechselte mit einem Fingerschnippen in Jeans und Shirt. Schwarz wie der Pyjama. Schwarz wie immer. Es war, als hätte er einen Schalter umgelegt und von Verzweiflung auf Aktion umgeschaltet.

„Es geht jetzt aber nicht um dich.“ Erziraphael wurde schlagartig klar: Das war es! Das war der entscheidende Punkt. Und es war allerhöchste Zeit gewesen, dass ihm das jemand sagte. Er hatte immer getan, was er wollte. Er hatte seine Entscheidungen getroffen und seine Pläne verfolgt. Auch aus dem Himmel war er erst zurückgekehrt, als ihm nicht das Geringste mehr zu tun blieb. Wenn er ehrlich gewesen wäre, hätte er Wochen zuvor auf die Erde zurückkommen können. Den Rest hätte Sariel ebenso gut organisieren können. Er wäre dann zur Vertragsunterzeichnung nochmal angereist. Jesus hatte ihm schon lange gesagt, dass er Verständnis hätte, wenn er nach Hause wollte. Aber er wollte es selbst zu Ende bringen. Er wollte, er wollte, er wollte. Immer hatte er nur getan, was er wollte, was er wichtig fand, wofür er Gründe hatte. Endlich sah er es ein. Und jetzt war Crowley dran. Nach alledem hatte er trotzdem auf ihn gewartet, ihn einfach zurückgenommen, hatte sich zufrieden gegeben mit dem, was er haben konnte. Fühlte sich sogar noch ungenügend und schuldig, weil er befürchtete, ihm nicht alles geben zu können, was er vielleicht erwartete. Und er selbst? Obwohl er vor seiner Rückkehr Zweifel gehabt hatte, ob er überhaupt willkommen sein würde, nahm er alles, was Crowley ihm schenkte, fast wie selbstverständlich an.  Erziraphael fühlte sich schlecht.

***

Crowley hatte nicht abgewartet, ob er mitkam. Bis der Engel aus seinen Gedanken auftauchte, waren er und Hexe schon hinunter gegangen. Auch Erziraphael begnügte sich heute mit einem schnellen Wunder, um dem Dämon angekleidet und frisiert in den Laden zu folgen. Die Kaffeemaschine lief und Crowley hatte auch schon Teewasser aufgesetzt, aber von ihm und Hexe war nichts zu sehen. Als sie eine Viertelstunde später wieder auftauchten, waren sie beide pudelnass. „Es regnet“, sagte Crowley überflüssigerweise. Er schaute an sich hinunter und sah zu, wie die Pfütze zu seinen Füßen sich ausbreitete. Als er den Kopf wieder hob, stand da schon Erziraphael mit einem Badetuch in der Hand. „Komm setz dich und lass dich abtrocknen. Du holst dir sonst den Tod.“ Sie wussten beide, dass sie einem menschlichen Drehbuch folgten, aber Crowley widersprach nicht. Er setzte sich auf den Stuhl, auf den der Engel zeigte, und ließ sich die Haare trockenrubbeln. Er protestierte auch nicht, als Erziraphael begann, die feucht glänzenden Strähnen mit den Fingern zu entwirren. Er nahm sich Zeit dafür. „Oh, Crowley, frierst du?“ Der Engel unterbrach sich. „Du hast ja Gänsehaut. Ich hol‘ dir deinen Kaffee.“ Als er wiederkam und Crowley einen großen Becher dampfenden Kaffee in die Hand gedrückt hatte, hielt der ihn am Arm fest. „Hör noch nicht auf. Bitte!“ Nach kurzem Zögern setze er hinzu: „Das war schön.“ Erziraphael war erleichtert, dass Crowley sich von ihm etwas Gutes tun ließ. Er fuhr ihm mit der Hand durchs Haar, hielt aber gleich wieder inne. „Warte einen Moment, ja?“ Er kam mit einem grobzinkigen Kamm und einer Decke zurück, nahm Crowley das feuchte Badetuch ab und legte ihm stattdessen fürsorglich die weiche Decke um die Schultern. Dann begann er, geduldig Strähne für Strähne mit dem Kamm zu glätten. Als er damit fertig war, legte er den Kamm weg und ging dazu über, mit kräftigen warmen Fingern Crowleys Nacken und Schultern sanft durchzukneten. „Sag mir, wenn ich aufhören soll“, forderte er ihn auf, aber Crowley schwieg. Er schien sich in Erziraphaels Hände zu lehnen und die Zuwendung zu genießen. Schließlich ließ der Engel seine Finger von den Schultern am Hals entlang nach oben wandern, ließ sie in die roten Locken eintauchen und machte sich daran, mit den Fingerspitzen zärtlich die Kopfhaut zu massieren. Am Ende lehnte Crowleys Kopf entspannt an Erziraphaels Bauch, seine Augen waren geschlossen, sein Atem ging tief und gleichmäßig und er gab ein Geräusch von sich, das wie ein dunkles Schnurren klang. Widerstrebend beendete der Engel das Verwöhnprogramm und küsste ihn in die Halsbeuge. „Ist dir wieder warm?“

Der Dämon legte den Kopf in den Nacken und lächelte den über ihn gebeugten Engel an: Seine Antwort beschränkte sich auf ein zustimmendes Brummen und Erziraphael war versucht, einfach noch einmal von vorne zu beginnen. Ausgerechnet diesen Moment suchte sein Magen sich aus, um laut und vernehmlich zu knurren. Der Engel wollte darüber hinweg gehen, aber Crowley lachte und richtete sich auf. Der intime Moment war vorbei.

„Ich glaube, Hexe ist nicht die Einzige, die auf ihr Frühstück wartet.“ Kam es Erziraphael nur so vor oder war der Dämon verlegen? Er stand auf und drückte dem Engel seinen Kaffeebecher in die Hand. „Meinst du, ich könnte davon noch einen haben?“ „Jederzeit. Kommt sofort.“ Während Crowley den Hundenapf füllte und Hexe ein paar Streicheleinheiten zukommen ließ, deckte Erziraphael den Frühstückstisch und brühte frischen Kaffee und Tee auf. Als Crowley zu ihm an den Tisch kam, blieb er in seinem Rücken stehen und legte die Arme um ihn. Er stützte sein Kinn auf die blonden Locken und blieb einen langen Augenblick stumm und regungslos so stehen. Bevor er sich wieder aufrichtete, zog er Erziraphael fest an sich. „Ich hätte nicht geglaubt, dass ich jemals so viel Zärtlichkeit erleben würde. Das ist für Dämonen eigentlich nicht vorgesehen. Danke, Engel.“ Er räusperte sich, bevor er fortfuhr: „Auch dafür, dass du Hexe geschickt hast, um auf mich aufzupassen.“ Er hauchte einen Kuss auf den blonden Scheitel und griff im Hinsetzen nach seinem Kaffee.

Sie starrten beide eine Weile schweigend in ihre Tassen und suchten nach einem geeigneten Einstieg in ein unverfängliches Gespräch. „Willst du gar nicht frühstücken?“, fragte schließlich Crowley, als ihm bewusst geworden war, dass der Engel trotz seines knurrenden Magens nichts Essbares vor sich hatte. „Ich dachte, wir warten mit dem Frühstück auf Muriel. Sie steht doch sicher auch gleich auf, oder?“ Der Dämon setzte den Kaffeebecher ab und schüttelte den Kopf. „Kannst du dir diesen Wirbelwind als Langschläferin vorstellen? Sie ist längst unterwegs. Sonntags gibt es im Café Frühstück, da hilft sie Nina und Maggie beim Bedienen.“ Er lachte. „Und meistens bringt sie mir was vom Frühstücksbuffet mit, von dem sie glaubt, dass sie mich damit zum Essen überreden kann.“ Bei diesen Worten war etwas in seinem Blick, das Erziraphael stutzen ließ. Warum sah er aus, als bereute er seine Worte? Mit plötzlicher Gewissheit fragte der Engel: „Du isst nicht nur deshalb so wenig, weil du nicht essen musst oder nicht essen willst, habe ich recht?“ Er fasste nach Crowleys Hand. Der biss sich auf die Lippen und zog seine Hand weg. Er wirkte, als würde er sich am liebsten verstecken. „Also gut, ja, stimmt“, sagte er schließlich und zog den kleinen Stehkragen seines Oberteils mit zwei Fingern nach unten. Dabei wurde eine fast farblose dünne Linie sichtbar, die sich um den ganzen Hals zu ziehen schien. Eine Narbe. „Strangulation hat Luzifer immer ganz besonders genossen“, sagte er mit gesenktem Blick. „Er benutzte, was gerade zur Hand war: Seile, eiserne Halsbänder, Stricke, Ketten oder seine bloßen Hände. Dabei oder vielleicht auch bei einem Schlag mit der Handkante hat die Speiseröhre was abbekommen. Seitdem sind Getränke und Eis das Einzige, was glatt durchrutscht.“ Erziraphael hatte bei dieser Schilderung unwillkürlich die Augen geschlossen. Er zwang sich, sie wieder zu öffnen und Crowley anzusehen. Er fand keine Worte, die ihm angemessen erschienen wären. Stattdessen rückte er mit seinem Stuhl an den Dämon heran und legte seinen Arm um ihn. Als Crowley sich an ihn lehnte, streichelte der Engel seinen Rücken und hielt ihn einfach fest.

Nach einer Weile richtete Crowley sich unvermittelt auf. „Ist es ok, wenn wir heute nicht mehr von mir reden, bitte? Lass uns irgendwas unternehmen. Es ist unser erster gemeinsamer Sonntag, dein erster Sonntag seit langem auf der Erde. Was willst du machen?“ Erziraphael war überfragt. „Was hättest du denn heute getan, wenn ich nicht hier wäre?“ Crowley zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich Kinderbücher gelesen. Oder ich wäre ins Kino gegangen. Bei besserem Wetter mit Hexe aufs Land gefahren.“ Er stand auf, drehte seinen Stuhl um und setzte sich verkehrt herum wieder darauf, die Arme auf die Rückenlehne gestützt. „Und vorher hätte ich sicher noch ein oder zwei Kaffee getrunken.“ Er grinste. „Ich verstehe die Botschaft. Dein Wunsch ist mir Befehl.“

Erziraphael war noch dabei, den nächsten vielfachen Espresso für Crowley zu zapfen, als die Glocke an der Ladentür fröhlich bimmelnd Muriel ankündigte. Sie schaute die beiden Männer aufmerksam an. „Alles ok bei Euch?“ Beide nickten und gaben ihr keinen Anlass, an dieser Antwort zu zweifeln. Zufrieden setzte sie sich zu Crowley an den Tisch. „Ich habe dir heute nichts von drüben mitgebracht“, verkündete sie. „Ich gebe hiermit die Fürsorgepflicht an Erziraphael weiter.“ Etwas lauter rief sie Richtung Kaffeemaschine: „Hörst du, Erzengel? Und wehe, du nimmst den Job nicht ernst.“ Er kam zu ihnen an den Tisch und stellte den Kaffee vor Crowley ab. „Muss dafür der betreffende Dämon nicht vielleicht seine Einwilligung geben? Womöglich wird er lieber von dir gegängelt als von mir.“ Sie winkte resolut ab: „Das macht mal schön unter euch aus.“ Und ohne auch nur neu Luft zu holen, fragte sie: „Habt ihr eigentlich heute schon was vor?“ Crowley formte mit den Händen das „Auszeit“-Zeichen. „Überlege dir gut, was du sagst, Engel!“, warnte er. „Ein voreiliges „Nein“ und du musst mit zu Schülerband-Konzerten, Geflügelzüchter-Ausstellungen oder einer Vernissage mit Werken eines äußerst vielversprechenden malenden Schimpansen.“ Erziraphael verschluckte sich fast an seinem Tee, als er losprustete. Muriel tat, als würde sie schmollen. „Dann bleibt doch hier sitzen und schmort in eurem Saft. Ich kann auch allein gehen!“ Crowleys Mimik sagte: „Habe ich es dir nicht gesagt?“, aber Erziraphael fragte: „Wohin willst du denn gehen?“ „Engel, nein! Großer Fehler! Ermutige sie nicht auch noch!“ Lachend wich er mit dem Oberkörper der Zeitung aus, mit der Muriel versuchte, nach ihm zu schlagen. „Ich gehe zu einem Flohmarkt. In einem leerstehenden Restaurant in der Bolton Street. Da soll es richtig schöne Sachen geben, Nina war schon da.“  Crowley sah Erziraphael an und schüttelte den Kopf. „Du hast doch nicht etwa schon angebissen, Engel? Oh nein, ich sehe das gierige Glitzern in deinen Augen. Der Jäger und Sammler in dir ist geweckt.“ Muriel wusste sehr genau, welchen Trumpf sie ausspielen musste, um den Engel vollends auf ihre Seite zu ziehen: „Es sollen auch mehrere Antiquariate da sein.“ Crowley stand auf. „Ok. Verlasst das Haus nicht ohne mich. Ich hole Knebel und Handschellen. Ich komme mit und passe auf, dass ihr euch nicht übers Ohr hauen lasst.“

Der Regen machte gerade Pause, als sie sich auf den Weg in die Bolton Street machten. Obwohl er gerade noch so herzlich gelacht hatte, kreisten Erziraphaels Gedanken jetzt um das, was er von Crowley erfahren hatte. Als der Höllenfürst in der Gerichtsverhandlung davon berichtet hatte, wie er den Dämon gequält hatte, war das für ihn seltsam abstrakt geblieben. Erziraphael war zwar voller Mitgefühl gewesen, hatte sich aber offenbar nicht einmal annähernd vorstellen können, wie schrecklich die Realität hinter diesen Worten war. Heute hatte Crowley ihm zum ersten Mal einen Einblick gewährt in das, was er erlitten hatte. Die verstörenden Bilder, die sein Geist ihm nun zeigte, waren schwer zu ertragen. Dabei waren sie sicher bei weitem harmloser als die Erinnerungen, mit denen Crowley leben musste. Wie hatte er das in all diesen Jahrhunderten aushalten können, ohne darüber zu sprechen? Ohne verrückt zu werden? Was mochte Satan ihm noch alles angetan haben?

„Engel? Erde an Erziraphael, bist du bei uns?“ Er war so tief in Gedanken versunken gewesen, dass er erschrak, als Muriel ihn am Arm fasste. Sie stand vor ihm und wirkte besorgt. Auch Crowley sah ihn beunruhigt an. Erziraphael zwang sich, ein fröhliches Gesicht zu machen. „Entschuldigt bitte, ich war nicht bei der Sache. Lasst uns weitergehen.“ Er gab sich Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. „Wovon habt ihr gerade gesprochen?“ Crowley schien noch etwas sagen oder fragen zu wollen, aber Muriel plapperte schon wieder los. „Ich habe von den Frühstücksgästen erzählt“, nahm sie den Faden wieder auf. Halbwegs beruhigt war der Dämon erst, als Erziraphael nach seiner Hand griff und ihn mit sich zog, um den Spaziergang fortzusetzen. Muriel lief vor ihnen her und erzählte lebhaft von ihrem Vormittag im Café und von ihren Beobachtungen. Dabei ging sie rückwärts, um sich die Reaktion der beiden auf ihre Erzählungen nicht entgehen zu lassen. Erziraphael war abgelenkt, weil er an Muriels Stelle die Hindernisse im Blick behielt, die sie nicht sehen konnte. „Hydrant, aufpassen!“, rief er, „Achtung, E-Scooter!“ oder „Pass auf: Bordsteinkante.“ Nach der ersten Kreuzung beschwerte sich Crowley: „Hör doch mal auf, Engel. Du bringst mich um den Spaß, Muriel vom Boden aufsammeln zu dürfen.“ Sie streckte ihm die Zunge heraus. „Ihr könntet das auch“, behauptete sie. „Ihr habt es bloß noch nie ausprobiert. Ich fühle die Hindernisse, das wäre bei euch sicher nicht anders.“ Die Männer sahen sich erstaunt an. Ob das stimmte? Crowley fackelte nicht lange und drehte sich ebenfalls im Gehen um. „Sie könnte Recht haben“, sagte er, widerstand aber nicht der Versuchung, immer wieder über seine Schulter zu schauen. Erziraphael schüttelte den Kopf. „Schämen muss man sich, wenn man mit euch auf die Straße geht. Ihr benehmt euch wie kleine Kinder!“, schimpfte er. In Wirklichkeit ging ihm das Herz auf, als er Crowley so unbeschwert mit Muriel herumalbern sah. Ihre Gesellschaft tat ihm gut. Sie tat auch Erziraphael gut. Vieles, das ihm nach der langen Zeit auf der Erde gar nicht mehr auffiel oder kaum erwähnenswert schien, erfüllte Muriel mit Staunen und Neugier. Dadurch entdeckte auch er die Dinge neu oder wurde daran erinnert, sie wertzuschätzen. Vermutlich ging es Crowley ebenso. Noch dazu lenkte es ihn ab. Als Crowley fast gegen einen Laternenpfahl gelaufen war und Muriel vor Lachen einen Schluckauf bekam, drohte er dennoch: „Benehmt euch jetzt bitte wie normale Erwachsene. Wenn ihr unbedingt Rückwärtslaufen üben wollt, dann bringe ich euch dafür in den Wald, wo euch niemand sehen kann. Womöglich setze ich euch dann gleich aus.“ Der Dämon drehte sich um und blinzelte Muriel zu: „Komm, machen wir ihm für die letzten Meter die kleine Freude.“

Schon als sie um die letzte Ecke gebogen waren, sahen sie, dass der Flohmarkt gut besucht war. Muriel stürzte sich zielstrebig ins Gewühl. Es herrschte ein reges Kommen und Gehen und die Fläche war größer, als sie erwartet hatten. „Oh, schaut nur!“ Bevor sich die Männer auch nur notdürftig im Inneren des Gebäudes orientiert hatten, dirigierte Muriel sie zu einem Stand mit Schals und Tüchern in satten Farben. Sie zog einen leuchtend grünen Schal von einem Ständer und hielt ihn abwägend an Crowleys Kragen. „Die junge Dame hat Geschmack“, meldete sich die Frau zu Wort, die den Stand betreute. „Die Farbe passt perfekt zu Ihrer Haarfarbe und …“ Für einen Moment schien sie von Crowleys Augen abgelenkt zu werden, setzte ihren Satz dann aber fort: „… zu Schwarz passen natürlich alle intensiven Farben.“ Sie lächelte das Grüppchen an. „No way!“ Crowley gab sich störrisch. „Du hast mich schon zu dem Ringelpulli überredet“, sagte er anklagend zu Muriel. „Und zu dem blauen. Keine weiteren Experimente, bis ich mich an die gewöhnt habe." „Vielleicht hast du recht.“ Muriel setzte eine beleidigte Miene auf. „Du verdienst auch eigentlich gar kein Geschenk.“ Sie boxte ihn bei diesen Worten liebevoll in die Seite. „Ich möchte aber Maggie und Nina etwas schenken. Sie waren so fürchterlich nett zu mir und haben mir das Einleben so erleichtert.“ Mit einem leichten Zweifel sah sie die Männer an. „Oder ist das irgendwie unangemessen? Ich hab‘ mit Geschenken noch keine Erfahrung.“  „Im Gegenteil, das ist eine gute Idee und wäre eine sehr liebe Geste“, beeilte Erziraphael sich, ihr zu versichern. „Die beiden würden sich sicher sehr freuen.“ „Entschuldigen Sie bitte, wenn ich gelauscht habe, aber reden Sie von der Besitzerin des Cafés in der Wickber Street? Oder von einer anderen Nina? Ich dachte nur, weil sie von Nina und Maggie sprachen…“ Die Standbetreiberin schaute sie abwartend an. Als alle drei nickten, zog sie einen farbenfrohen, groß gemusterten Seidenschal von einem der hinteren Ständer und reichte ihn Muriel. „Den hatte Nina gestern lange in der Hand. Ich war fast sicher, dass sie ihn kaufen würde, aber vielleicht war er ihr dann doch zu teuer.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber es ist echte Seide. Und handbemalt. Da kann ich im Preis nicht viel machen.“ Muriel hatte sich den Schal um den Hals geschlungen. „Was denkt ihr, würde euch der an Nina gefallen?“ Crowley erinnerte sich daran, dass er ja mitgegangen war, um seine Freunde davor zu bewahren, über den Tisch gezogen zu werden. „Er ist sehr schön, aber Nina erwartet ganz sicher keine so teuren Geschenke von dir.“ Muriel nickte nachdenklich. Man sah ihr an, wie gerne sie der Freundin eine Freude machen wollte. „Aber wir sind ja nicht in einem Kaufhaus“, warf Erziraphael ein. „Auf einem Flohmarkt gibt es doch sicher auch bei hochwertiger Handarbeit etwas Verhandlungsspielraum. Ohne Handeln macht es doch gar keinen Spaß, nicht wahr?“ Leutselig lächelte er die Verkäuferin an. „Na gut“, sagte sie. Zehn Prozent kann ich Ihnen nachlassen. Bevor einer der Männer Gelegenheit gehabt hätte, in eine zweite Verhandlungsrunde einzusteigen, hatte Muriel sich entschieden. „Oh, wie nett! Dann nehme ich ihn auf jeden Fall.“ Sie hatte das Portemonnaie schon in der Hand und schnell war die Transaktion abgewickelt. Beim Weitergehen wollte Crowley zu einem Vortrag über Verhandlungsstrategien auf Märkten aller Art ansetzen, aber Muriel ließ ihn erst gar nicht zu Wort kommen. „Ich weiß, ich weiß!“ Sie fühlte lächelnd nach dem bunten Schal in ihrer Tragetasche. „Aber ich bin doch jetzt eine Kinderbuchhändlerin mit eigenem Einkommen. Verderbt mir bitte nicht den Spaß an dem allerersten Geschenk, das ich machen möchte.“ Schuldbewusst schwiegen die Männer. Muriel hatte ja Recht. Es ging hierbei erst zuallerletzt um Geld. „Also gut, wohin als Nächstes?“ Einen Stand mit Modeschmuck und einen mit Öl- und Aquarellbildern ließ Muriel links liegen, blieb aber wie angewurzelt an einem Tisch stehen, auf dem sich für Crowleys Verständnis nur Trödel befand. Ein echtes Flohmarkt-Sortiment von einem irdenen Nachttopf mit Sprung über einzelne Glas- und Porzellangefäße bis hin zu blinden Spiegeln und wurmstichigen Kleinmöbeln. Muriel hielt einen alten Messingkerzenständer mit Griff in der Hand und betrachtete ihn fasziniert. „So einen habe ich bisher nur auf Illustrationen in alten Märchenbüchern gesehen“, sagte sie verträumt. „Sei bitte nicht böse, Muriel. Aber Kerzen und offene Flammen möchte ich in einem Haus voller Bücher nicht mehr haben.“ Erziraphael war erleichtert, als sie den Ständer wieder aus der Hand legte und sofort sagte: „Das ist doch wohl klar! Was denkst du denn von mir?“

So schlenderten sie über den Flohmarkt, bis sie in einen Gang abbogen, in dem sich ein Bücherstand an den nächsten reihte. Kinder boten in bunten Plastikkisten ihre Comics an, Trödler hatten stapelweise angestaubte Romane und Ratgeber vor sich aufgebaut, die vermutlich aus Haushaltsauflösungen stammten, und Buchhändler versuchten, Mängelexemplare und Restbestände loszuschlagen. Dazwischen aber fanden sich, wie Muriel ganz richtig angekündigt hatte, mehrere Stände von Antiquariaten, die insgesamt eine recht große Fläche belegten. Spätestens hier wurden auch Erziraphael und Crowley von der Jagdlust angesteckt und machten sich daran, mit großer Ausdauer eine Kiste nach der anderen und Bücherstapel nach Bücherstapel durchzusehen. Crowley pfiff leise durch die Zähne, nachdem er schon eine Weile den Inhalt eines besonders großen Kartons sorgfältig durchforstet hatte. „Sieh‘ mal, Muriel. Das sind ausnahmslos Kinderbuch-Klassiker. Viele davon in gutem Zustand.“ Sie kam zu ihm herüber und beobachtete, welche Bücher er noch zu Tage förderte. „Alice im Wunderland, Anne von Green Gables, Belle und Sébastien, Der kleine Prinz, Pinocchio, Das fliegende Klassenzimmer, Der Wind in den Weiden, Hexen hexen, Pu der Bär, Unten am Fluss, Das kleine Gespenst, Das Dschungelbuch, Tom Sawyer, Die kleine Seejungfrau, Der Struwwelpeter, Peter Pan, Der kleine Lord, Fünf Freunde, Pippi Langstrumpf …“, las Crowley leise vor. „Die sind aber alle in verschiedenen Sprachen“, wandte Muriel ein, woraufhin der alte Herr, der hinter seinen Bücherstapeln fast verschwand, einwarf: „Das sind alles Originale. Wenn Sie Übersetzungen suchen, die habe ich hier drüben.“ Muriel nahm sich daraufhin die Kiste mit den Übersetzungen vor, war aber enttäuscht. „In deiner Kiste sind eindeutig die schöneren Ausgaben“, sagte sie, „nur schade, dass so wenige auf Englisch sind.“ Crowley und Erziraphael sahen sich bedeutungsvoll an. „Das macht doch nichts“, sagte Crowley. Er reichte Muriel ein aufgeschlagenes deutsches Kinderbuch. „Hier, lies das mal.“ „Ich kann aber doch gar kein Deu …“, sagte sie, verstummte aber mitten im Satz und sah Crowley aus großen Augen an. Nacheinander gab er ihr ein italienisches, ein französisches und ein schwedisches Kinderbuch in die Hand. Während Muriels Augen immer größer wurden, wurde sie selbst immer stiller. Der Antiquar beobachtete die Szene verständnislos, aber Crowley und Erziraphael sahen mit größtem Vergnügen zu, wie in Muriel nach und nach die Erkenntnis reifte, dass sie alle diese Sprachen lesen konnte. „Welche Sprachen können …?“ Crowley ließ sie die Frage nicht zu Ende formulieren. „Alle“, raunte er ihr zu. Er warf einen letzten Blick in den Karton, dann fragte er: „Wieviel wollen Sie für die ganze Kiste?“ Er handelte geduldig mit dem Grauhaarigen, bis er den Preis fast halbiert hatte, bezahlte in bar und bat darum, die Kiste für ihn zurückzustellen, bis er mit dem Auto zum Abholen komme. „Wer wollte aufpassen, dass wir nicht zu viel kaufen?“, spöttelte Erziraphael. Crowley ließ sich nicht ärgern. „Ich hole schonmal das Auto. Ihr werdet ja sicher auch noch fündig.“ Die beiden Engel sahen ihm nach, bis er Richtung Ausgang abbog.

„Woher stammt eigentlich Crowleys plötzliches Interesse an Kinderbüchern?“, erkundigte sich Erziraphael beim Weiterschlendern. „So plötzlich kam das Interesse gar nicht, glaube ich“, antwortete Muriel. „Ich habe ihm von meinem Traum erzählt, eine kleine Kinderbuchabteilung einzurichten, und er hat mir seine Hilfe angeboten.“ Sie war an einem Stand mit Schmuckstücken stehengeblieben und betrachtete einige Ohrringe. „Ich hatte schon da den Eindruck, dass er sich damit echt gut auskennt, vor allem mit den Klassikern.“ Inzwischen drehte sie konzentriert an einem kleinen Karussell mit Halsketten und schien jedes einzelne Stück zu begutachten. „Aber selbst bei den ganz aktuellen konnte er spontan die Handlung skizzieren und seine Ratschläge für ein Start-Sortiment haben sich alle als Volltreffer erwiesen.“ Sie griff nach einer silbernen Kette mit einem rautenförmigen Anhänger. „So einen hat Maggie“, sagte sie und wandte sich an den Verkäufer: „Haben Sie vielleicht Ohrringe, die dazu passen? Oder einen Ring?“ Der Händler schüttelte bedauernd den Kopf. „Ein Armband?“ Auch das verneinte er. Sein Blick glitt suchend über seine Auslage. „Ah, da ist sie ja!“ Er nahm eine Halskette mit einem ganz ähnlichen Anhänger zur Hand und reichte ihn Muriel. „Den hier können Sie auch als Brosche tragen“, erklärte er. „Sehen Sie die Anstecknadel auf der Rückseite?“ Sie hielt die beiden Schmuckstücke vergleichend nebeneinander und strahlte. „Den nehm‘ ich. Wenn ich darauf verzichte, über den Preis zu verhandeln, würden Sie sie mir dann als Geschenk einpacken?“ Sie grinste Erziraphael schelmisch an.

Kurz darauf schlenderten sie weiter, Muriel äußerst zufrieden mit ihrer Geschenkausbeute, Erziraphael nachdenklich. „Was guckst du so? Du bist doch nicht etwa böse, dass ich nicht handeln wollte?“ „Nein, natürlich nicht. Ich lerne nur jeden Tag etwas Neues über Crowley. Ich muss mich wohl fragen, warum ich so wenig über ihn weiß, oder besser, was ich überhaupt über ihn weiß.“ Er sah ratlos aus. Dann seufzte er tief. „Ach Muriel, ich fürchte, ich bin ein wirklich schlechter Freund!“ Tröstend fasste sie nach seinem Arm. „Mach dir nicht so viele Sorgen. So sehr, wie er dich liebt, kannst du nicht alles falsch gemacht haben.“ „Hat er dir das etwa erzählt?“ Erziraphael war so überrascht, dass er stehen blieb. „Nein, das nicht, aber das sieht und merkt doch nun wirklich jeder. Du ahnst nicht, wie er sich aufgeführt hat, als er dich in Gefahr glaubte und wir nicht sofort in den Himmel aufbrechen wollten. Er kann ausgesprochen furchteinflößend sein.“ Sie hakte sich bei ihm ein. „Ich glaube, ihr müsst nur mehr miteinander reden. Und in Zukunft machst du es dann einfach besser.“ Es einfach besser machen? Nichts daran war einfach, dachte Erziraphael. Mehr miteinander reden… Und natürlich nicht über Belangloses oder Alltägliches, sondern über Gefühle, ausgerechnet! Darin hatten sie doch nun beide keine Übung. Aber Muriel war schon die Zweite, die ihnen diesen Rat gab. Musste er da nicht richtig sein? Andererseits hatte er in der Vergangenheit oft den Eindruck gehabt, dass die Missverständnisse umso größer wurden, je mehr sie miteinander sprachen. Er gab sich einen Ruck. Hier in diesem Gewühl war sicher nicht der passende Ort, sich darüber Gedanken zu machen.

Muriel war stehengeblieben und er folgte ihrem Blick. Ein weiterer Antiquar. Auf den ersten Blick wirkte sein Sortiment etwas beliebig, die ausgelegte Ware eher schäbig, aber dann blieb Erziraphaels Blick an etwas hängen, das er vielleicht bei Sotheby’s oder in einem Museum erwartet hätte, aber keinesfalls auf einem Flohmarkt in Soho. Er war sich augenblicklich sicher, dass dieses Stück entweder gefälscht oder gestohlen war. Auf jeden Fall war es exquisit. Er schob einige billige Reproduktionen antiker Sternenkarten zur Seite und reckte sich danach, konnte es jedoch über mehrere auf alt getrimmte Globen und Sonnenuhren hinweg nicht erreichen. Der Verkäufer beobachtete ihn aufmerksam. „Könnte ich mir das Instrument dort hinten bitte aus der Nähe ansehen?“ Ein Nicken war die einzige Antwort. Die Art, wie der Verkäufer das Gerät anhob und es vor Erziraphael wieder abstellte, ließ darauf schließen, dass es ein beträchtliches Gewicht hatte. „Ist das Messing?“, fragte Muriel interessiert. „Dem ersten Anschein nach ja.“ Es war der Engel, der ihr antwortete, der Verkäufer blieb weiterhin stumm, ließ ihn aber nicht aus den Augen. „Hätten Sie eine Lupe für mich, bitte?“ Ein Griff unter die Tischplatte förderte eine stark vergrößernde beleuchtete Lupe zutage. Für die offensichtlich minderwertigen Karten und Sonnenuhren brauchte man ein solches Hilfsmittel nicht. Auch Erziraphael schwieg nun, bis er das Objekt von allen Seiten ausgiebig betrachtet und mit der Lupe Details untersucht hatte. Er hatte vergeblich nach einem Preisschild Ausschau gehalten. „Ein erstaunliches Stück“, sagte er zum Verkäufer. „Darf ich erfahren, für welchen Preis Sie sich davon trennen würden?“ Jetzt grinste der Händler, es machte ihn keineswegs sympathischer. Schmierig war das Wort, das Muriel bei seinem Anblick in den Sinn kam. „Was ist das überhaupt?“, flüsterte sie Erziraphael ins Ohr, der nur kurz angebunden antwortete: „Himmelsglobus, vielleicht persisch, auf jeden Fall alt.“ „Oh, der Herr Gemahl ist offenbar ein Connaisseur“, der Verkäufer wandte sich nun an Muriel, die sich bei dieser Anrede das Lachen verkneifen musste. „Sei nicht böse, mein Gemahl.“ Jetzt kicherte sie ungebremst los. „Ich warte noch auf den Preis.“ „Aber natürlich, der Herr, gerne können Sie den Preis für dieses seltene Stück erfahren.“ Er nannte eine vierstellige Summe. Muriel fiel die Kinnlade herunter. Erstaunt bemerkte sie, dass die Antwort Erziraphael nicht zu beeindrucken schien. Er schenkte dem Händler ein mildes Lächeln, das ihn nicht allzu intelligent aussehen ließ. „Weißt du Muriel“, sagte er leichthin, „das ist ein sprechender Preis.“ Muriel sah genauso erstaunt aus wie der Verkäufer. „Und was sagt er dir?“ „Dieser Preis ist deutlich zu hoch für eine Replik und gleichzeitig so weit unter dem Preis, der für ein legal erworbenes Original mit glaubwürdigen Papieren aufgerufen werden müsste, dass er laut und vernehmlich zu mir spricht, eigentlich ruft er es mir sogar zu: Das ist Diebesgut, das sollten sich ganz dringend Polizei und Zoll ansehen.“ Das Letzte hatte er fast unhörbar geflüstert. Der Händler war bei diesen Worten kreidebleich geworden. Muriel dagegen schaute – wieder einmal – bewundernd zu Erziraphael auf. Er war wirklich mit allen Wassern gewaschen! So naiv, ja schlicht er sich auch manchmal gab, sein Verstand war messerscharf und seine Skrupel oft recht geschmeidig , wie er es im Freundeskreis vermutlich formulieren würde. „Nun, der Preis ist natürlich verhandelbar“, schob der Händler eilig nach. „Wenn Sie das Objekt für eine private Sammlung erwerben wollen, können wir über den Preis selbstverständlich noch einmal sprechen.“ Erziraphael setzte ein leicht verschlagenes Lächeln auf. „Das freut mich, mein lieber Freund“, sagte er schmeichelnd. „Sicher haben wir doch beide ein großes Interesse an Vertraulichkeit.“ Muriel fühlte sich an eine Katze erinnert, die sich die Maus voller Vorfreude für ihr grausames Spiel zurechtlegte. „Selbstverständlich“, der Händler dienerte förmlich vor seinem blondgelockten Verhandlungspartner. Innerlich verfluchte er sich dafür, dass er den Himmelsglobus mit hierher gebracht hatte. Hätte er sich doch geduldet, bis der Hehler seine üblichen Kontakte abgeklappert hatte! Egal, jetzt galt es nur noch, sich mit heiler Haut aus der Affäre zu ziehen. „Machen wir doch gleich Nägel mit Köpfen“, sagte er. „Würden Sie die Hälfte des Betrags für einen angemessenen Preis halten?“ Muriel freute sich bereits auf die weitere Verhandlung, wurde aber enttäuscht. Erziraphael schien es plötzlich eilig zu haben. „Einverstanden“, sagte er schnell. Dafür erwarte ich eine diskrete Verpackung und Sie tragen mir das gute Stück zum Auto.“ Die Erleichterung des Verkäufers war mit Händen zu greifen. In Sekunden war der Himmelsglobus in einer stabilen Holzkiste verstaut und transportbereit. „Ich wusste doch, dass ich euch keine fünf Minuten allein lassen darf!“ Crowley war zurück und spähte neugierig nach der Kiste. „Gib mir doch bitte den Schlüssel, Crowley, der Herr wird so freundlich sein, meinen Einkauf ins Auto zu tragen.“ Der Dämon händigte ihm den Schlüssel schulterzuckend aus. „Dann warte aber auf mich, damit wir meine Bücherkiste auch gleich reinstellen können.“ „Können wir noch ein bisschen bleiben, oder wollt ihr jetzt nachhause?“, fragte Muriel. Die beiden Männer verständigten sich mit einem Blick und Crowley sagte: „Wir können gerne noch bleiben. Wie wäre es denn erstmal mit was zu trinken? Willst du uns Plätze suchen?“ Er hatte mit dem Kopf in Richtung eines Imbissstandes am Ende des Ganges genickt und Muriel war schon dorthin unterwegs, bevor der Händler die Kiste angehoben hatte.

Als sie zurückkamen, standen Gläser, eine Karaffe Wasser und eine Flasche Weißwein auf dem Tisch, den Muriel für sie besetzt hatte. „Ihr seid eingeladen. Es ist viel schöner, mit euch hier zu stöbern als allein.“ Sie errötete ein bisschen, aber eigentlich gab es dafür keinen Grund, sagte sie sich. Die beiden konnten ruhig wissen, wie wohl sie sich in ihrer Gesellschaft fühlte. „Ich würde gerne auch eine Kleinigkeit essen. Soll ich euch was mitbringen?“ Erziraphael hatte sein Portemonnaie schon in der Hand. Muriel sprang auf. „Ich komme mit. Ich möchte sehen, was es gibt.“ Das Angebot war überschaubar, aber alles sah frisch und appetitlich aus. Die beiden Engel entschieden sich für verschiedene Pasteten in Teig, die sie sich teilen wollten. Erziraphael las aufmerksam die in einer schwungvollen Handschrift beschrifteten Kreidetafeln und fragte dann die freundliche Verkäuferin: „Ihre Smoothies sind sicher frisch zubereitet und ordentlich gekühlt?“ – „Natürlich. Wir machen sie mit Crush-Eis und sie stehen bei zwei Grad hier im Kühlregal.“ „Sehr schön, sehr schön“, murmelte Erziraphael und studierte erneut die Kreidetafel. Er entschied sich schließlich für eine „Grüne Elfe“ und ignorierte Muriels erstaunten Blick. Am Tisch schob er die Pasteten zu ihr. „Iss von allen, so viel du magst, ich nehme dann den Rest.“ „Crowley, willst du nichts?“ So ganz schaffte es Muriel noch nicht, die Rolle der fürsorglichen großen Schwester abzulegen, aber Crowley nahm es gelassen hin. „Danke, nein.“ Erziraphael hatte das große Smoothie-Glas in der Hand und roch konzentriert daran. „Ich rieche eigentlich nur den Ingwer“, sagte er schließlich. „Der Rest riecht einfach nur grün mit einer ungewöhnlichen Note. Was das wohl ist?“ Crowley streckte die Hand nach dem Glas aus. „Lass mal den Fachmann ran. Seit wann lässt dich denn deine Genießer-Nase im Stich?“ Er fächelte sich mit der Hand die flüchtigen Stoffe zu, schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Aromen. „Ingwer“, bestätigte er, „ein bisschen zu dominant. Sellerie, Apfel, irgendwas Salatiges, vielleicht Feldsalat. Ich weiß, was du mit der ungewöhnlichen Note meinst. Riecht fast ein bisschen muffig. Ne, das müsste ich schon probieren.“ Er stellte das Glas wieder vor den Engel hin. „Probier‘ ruhig, wenn du meinst, dass du es dann rausfindest.“ Crowleys Blick ließ keinen Zweifel daran, dass er Erziraphaels Absicht durchschaut hatte, aber er sagte nichts. Er nahm einen sehr vorsichtigen kleinen Schluck, ließ ihm Zeit, sich am Gaumen und auf der Zunge zu verteilen. „Irgendein Öl, würde ich sagen.“ Dann nahm er mehrere kleine Schlucke hintereinander und ließ sie mehr die Speiseröhre hinunterfließen, als dass er geschluckt hätte. Er nickte, als hätte er eine Idee, müsste sie aber noch mal überprüfen. Diesmal nahm er einen großen Schluck und schluckte ihn vorsichtig hinunter. Er schien dem Geschmackserlebnis nachzuspüren. „Leinöl!“, sagte er schließlich und dann, genießerisch: „Und definitiv Feldsalat.“ Er schob das halbleere Glas wieder Erziraphael hin. „Ist nicht mehr viel übrig, soll ich dir ein neues holen? Wie heißt das Gebräu?“ „Grüne Elfe.“ Crowley lachte. „Diese Elfe ist mit der Grünen Fee aber nicht mal entfernt verwandt!“ Die steile Falte zwischen Muriels Augenbrauen verriet, dass sie nicht verstand, was daran lustig war. „Grüne Fee war in Frankreich der Name für Absinth. Angeblich ein Teufelszeug, wahrscheinlich vor allem, weil es zu seiner Hochzeit häufig exzessiv konsumiert wurde. Danach war es in vielen Ländern verboten“, erklärte ihr Erziraphael. „Nein, der Rest reicht mir“, gab er dann Crowley zur Antwort. „Muriel hat ja an den Pasteten nur gekostet. Mehr sollte ich wirklich nicht essen.“

Nach der Pause sahen sie sich in Ruhe die restlichen Stände an. Erziraphael fand noch einige historische Partituren, die seine Sammlung wunderbar ergänzen würden, und Muriel konnte einem Buch mit wunderschön illustrierten russischen Märchen nicht widerstehen. Sehr zufrieden mit ihrer Ausbeute stiegen sie am Nachmittag ins Auto und ließen sich mit ihren Schätzen von Crowley nach Hause chauffieren.

***

Der restliche Sonntag folgt im nächsten Kapitel. :-)