Der Sturm zieht auf (Tag 16, Sonntag)
Der Sturm zieht auf (Tag 16, Sonntag)
Als es an ihrer Schlafzimmertür klopfte, waren Crowley und Erziraphael gerade nochmal eingeschlafen. Eine knappe Stunde vorher war der Dämon wachgeworden, weil etwas an seiner Nase kitzelte. Er hatte prüfend ein Auge geöffnet und festgestellt, dass sein Kopf auf der Brust des Engels lag, und er hatte das, was da kitzelte, als krauses, hellblondes Brusthaar identifiziert. Das war bisher stets unter himmelblauen oder beigefarbenen Schlafanzugoberteilen verborgen gewesen, die Situation war also neu und rechtfertigte deshalb besondere Anstrengungen: Crowley öffnete auch das andere Auge. Mit voller Sehkraft hatte er erkannt, welche Umstände die erfreuliche neue Erfahrung ermöglicht hatten: Die beiden obersten Knöpfe standen offen. Sei es, dass sie sich im Laufe der Nacht pflichtvergessen aus den zugehörigen Knopflöchern davongestohlen hatten, oder dass ein sehr müder Engel beim Zuknöpfen die gewohnte Sorgfalt hatte vermissen lassen, das Ergebnis war jedenfalls ein ungewohnter Einblick, der nähere Begutachtung erforderte. Lächelnd war Crowley näher herangerückt und hatte mit seinem Kinn und seiner Wange getestet, ob die kleinen Löckchen nur kitzelten oder auch kratzten, aber das taten sie nicht. Sie waren weich wie Flaum. „Flaum“, hatte der Dämon träumerisch gedacht und sich gefragt, ob Erziraphaels Flügel genauso weich waren wie seine Brustbehaarung. Die Vorstellung, dass er eines Tages vielleicht auch seine prächtigen weißen Schwingen einem Weichheits-Test unterziehen könnte, sandte einen wohligen Schauer seine Wirbelsäule hinunter. Sanft hatte er über die goldblonden Kringel gepustet und sich vorgestellt, wie sich das für Erziraphael anfühlen musste, was dem ersten Schauer einen zweiten hinterherschickte. Er seufzte genüsslich. Als nächstes strich er mit der Hand über den unbedeckten Teil der Brust, zuerst nur zart, fast ohne die Haare zu berühren, dann mutiger und schließlich fuhr er zärtlich mit den Fingern hindurch und streichelte die darunterliegende Haut. Billigend nahm er in Kauf, dass sich durch die Bewegungen seiner Hand ein weiterer Knopf geöffnet hatte und er dadurch Zugang zu einem erfreulich großen Teil von Erziraphaels Brust, ja sogar von seinem Bauch erhielt. Er tastete sich gemächlich auf neues Gebiet vor und legte vorsichtig seinen Kopf wieder genau dorthin, wo er beim Aufwachen gelegen hatte, diesmal aber ganz bewusst das Kitzeln an seinem Kinn und seinem Hals provozierend. Er fühlte Finger, die mit seinen langen Locken spielten. „So kannst du mich gerne öfter wecken.“ Seine Stimme ließ keinen Zweifel daran, wie sehr der Engel Crowleys Forscherdrang genoss. Als dessen Hand unabsichtlich eine seiner Brustwarzen streifte, holte er tief Luft und griff fester in sein Haar. „Komm her“, flüsterte er, „komm und küss mich.“ Der Dämon schob sich im Bett ein Stück nach oben, um sich der Erfüllung des klar formulierten Wunschs zu widmen. Sie kosteten aus, dass kein Termin und keine Verabredung auf sie wartete, und waren einfach dankbar für die Gegenwart des anderen. So gemächlich, so entspannt hatten sie bisher noch keinen ihrer gemeinsamen Tage begonnen und nichts schien dagegen zu sprechen, den Tag auch genauso fortzusetzen. Eng aneinander gekuschelt hatten sie sich die Decke noch einmal über den Kopf gezogen und sich nur zu gerne von der Schläfrigkeit übermannen lassen.
Es konnten nicht mehr als 10 Minuten vergangen sein, als das Klopfen an ihrer Tür sie hochschrecken ließ. „Erziraphael, Crowley? Seid ihr wach? Kommt bitte runter, Ben ist da.“ Die Männer sahen sich beunruhigt an. Muriels Stimme war von Sorge oder Angst ganz dunkel gewesen, so kannten sie sie nicht. Der Dämon schlug sofort die Decke zur Seite und schwang die Beine aus dem Bett. Es war doch hoffentlich nichts passiert? „Komm schon“, sagte er zu dem trägen Engel. „Was auch immer los ist, es wird nicht ewig dauern. Wenn wir wollen, gehen wir hinterher einfach zurück ins Bett.“ Er konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, wie sehr er mit seiner Einschätzung daneben lag.
Sobald sie angezogen waren, gingen sie hinunter in den Laden. Dort fanden sie Muriel und Ben vor, die mit betretenen Gesichtern am Esstisch saßen und auf ihre Handys starrten. Muriel scrollte mit fahrigen Bewegungen immer weiter, scheinbar ohne wirklich wahrzunehmen, was dort stand. Als Erziraphael sich neben sie setzte, schaute sie auf. „Das habe ich nicht gewollt! An so etwas habe ich doch nicht gedacht!“ Sie hatte Tränen in den Augen. Crowley nahm sie in den Arm. „Jetzt beruhig dich doch erstmal!“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin an allem schuld. Wär‘ ich doch nie auf die Idee mit der Presseerklärung gekommen!“ Da er aus Muriels Selbstbezichtigungen nicht schlau wurde, sah er Ben an. „Was ist denn überhaupt los?“ Der Journalist schob ihm sein Handy über den Tisch. „Ein Shitstorm ist los. Schau es dir am besten selbst an.“ Auf den ersten Blick erkannte er nur, dass das Handydisplay offenbar Kommentare zeigte. Er scrollte kurz nach oben und sah, dass es Kommentare unter einer Fotostrecke waren, in einem der zahlreichen Posts, die gestern über ihre Lesung veröffentlicht worden waren. Sein Blick ging zwischen Muriel und Ben hin und her, aber keiner schien die Absicht zu haben, mehr zu sagen. „Lies selbst“, forderte Ben ihn auf, während Muriel ihr Smartphone Erziraphael hinschob. Crowley begann zu lesen. Die ersten Kommentare schienen von Familien zu stammen, die bei der Lesung gewesen waren, und lasen sich ausnahmslos positiv: Wie immer eine tolle Veranstaltung! – Schöne Buchauswahl! – Oh, diese Stimme! – Bei der Geschichte von Oscar und Noah musste ich weinen – Unsere Kinder waren begeistert – Lesung mit Musik = doppelt gut – Das neue Lieblingsbuch meiner Tochter … Er runzelte die Stirn, was machte Ben solche Sorgen? Crowley scrollte weiter. Im weiteren Verlauf änderte sich der Tenor der Beiträge. Zuerst sah er, dass einige wohlwollende Kommentare von anderen Usern mit negativen Icons versehen worden waren, weinende und wütende Smileys waren die harmlosesten, es fanden sich auch Mittelfinger, sich übergebende Smileys und Kackhäufchen. Darunter folgten die ersten Schimpfwörter und Beleidigungen, die schnell eine beeindruckend vollständige Liste homophober Schmähungen ergaben und die positiven Posts verdrängten: Homos , las Crowley, Schwuchteln, faggots, Tunten , aber auch deutlich drastischere Beschimpfungen fehlten nicht. Er spürte hilflose Wut in sich aufsteigen und sah zu Erziraphael hinüber, der ebenso entgeistert auf die Flut von Beleidigungen starrte. „Was hat das mit der Buchhandlung und unserer Veranstaltung zu tun? Was haben die für ein Problem?“ Ben zuckte mit den Schultern. „Ich würde behaupten, die haben ein Problem mit sich selbst, aber dummerweise machen sie es jetzt zu eurem. … Zu unserem!“, korrigierte er sich. Er warf einen Blick auf das Display und sagte: „Lies weiter, es wird noch schlimmer.“ Crowley fühlte das dringende Bedürfnis, das Handy einfach an die nächstbeste Wand zu pfeffern, aber etwas in Bens Tonfall ließ ihn weiterlesen. Lange sagte er nichts mehr, einmal zischte er unbeherrscht, einmal klang das, was seinen Mund verließ, wie ein ersticktes Gurgeln, das war alles. Schließlich legte er das Telefon auf den Tisch, stand auf und ging zu Erziraphael. Auch dem Engel schien es die Sprache verschlagen zu haben. Wortlos nahmen sich die Männer in den Arm. Die beiden anderen rückten erst wieder in ihr Bewusstsein, als Muriel begann, lautstark zu schluchzen: „Und ich bin an allem schuld, nur für ein bisschen Werbung! Ich hab‘ euch diese Widerlinge auf den Hals gehetzt! Es tut mir so leid…“ Ben legte ihr tröstend einen Arm um die Schulter. „Mach dir keine Vorwürfe, Muriel. Damit konntest du nicht rechnen.“ Der Dämon hatte sich zu ihnen herumgedreht. Er räusperte sich. „Du kannst nichts dafür, Muriel. Denen geht es um uns, du bist für die nur ein Kollateralschaden.“ Er griff Halt suchend nach Erziraphaels Hand, bevor er weitersprach: „Du musst dich so schnell wie möglich von uns distanzieren, Muriel, du musst deinen Laden retten. Er bedeutet dir so viel und jetzt ist er unseretwegen in Gefahr.“ Die Buchhändlerin schaute ihn verwirrt an, dann schüttelte sie energisch den Kopf. „Du spinnst wohl! Ich verrate doch meine Freunde nicht für ein bisschen bedrucktes Papier. Sag so was nicht noch einmal!“ Erziraphael rieb sich unbehaglich die Hände, schien nach den richtigen Worten zu suchen. „Aber Crowley hat recht, Liebes. Es ist nicht nur Papier, es ist dein großer Traum. Lass ihn dir nicht durch uns kaputt machen. Zieh so schnell wie möglich in den neuen Laden um und such dir einen neuen Vorleser.“ Ben hielt es nicht mehr auf seinem Stuhl. Er sprang auf und stampfte mit dem Fuß auf. „Das kann doch wohl nicht euer Ernst sein! Hört ihr bitte sofort damit auf, irgendeine Schuld bei euch zu suchen?!“ Er zeigte auf Muriel. „Du hast nichts falsch gemacht. Eine Geschäftsfrau muss die Werbetrommel rühren und nichts anderes hast du gemacht. Nur eine kleine Veranstaltungsankündigung, mit einer Einladung, der einige wenige Medienvertreter gefolgt sind. Das Alltäglichste von der Welt!“ Sie versuchte zu widersprechen, aber Ben ließ sie nicht zu Wort kommen. Er stieß nun nacheinander Erziraphael und Crowley anklagend seinen Zeigefinger in die Brust. „Und ihr? Wie kommt ihr darauf, dass ihr etwas kaputt gemacht haben könntet, dass irgendetwas durch eure Schuld geschieht?“ Er merkte, dass er seine Freunde beinahe angeschrien hatte, und sprach etwas leiser weiter. „Ihr seid allenfalls der Anlass, der Vorwand, aber mehr auch nicht. Wenn ihr euch auseinanderdividieren lasst, haben die Idioten gewonnen. Ihr seid denen ein Dorn im Auge, weil ihr erfolgreich und beliebt seid, weil ihr euch nicht versteckt.“ Eindringlich sah er sie an. „Ihr passt nicht in deren Weltbild und sie versuchen, euch unsichtbar werden zu lassen, euch an den Rand zu drängen. Wenn ihr das zulasst, macht ihr sie nur noch stärker. Ihr habt euch Himmel und Hölle widersetzt, da werdet ihr euch doch wohl nicht von ein paar homophoben Arschlöchern einschüchtern lassen?“
Crowleys Stimme hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit der des bewunderten Vorlesers des Vortags, als er antwortete: „Es geht aber nicht nur um uns, Ben. Es geht um Muriel und ihren großen Traum. Es geht darum, dass keine Mutter sich fragen lassen muss, warum sie – er las vom Display ab: kranke Wichser ihr Kind betatschen lässt . Dass unsere Kunden nicht dafür angefeindet werden, dass sie – wieder der Blick aufs Handy – ihre Kinder den Schwanzlutschern frei Haus liefern . Dass Hannah nie ein Bild von sich sehen muss, unter dem steht: Na, wo hat der Arschficker denn hier seine Finger? Und nicht zuletzt geht es darum, dass das einzige Zuhause, das ich je hatte, nicht als Jagdrevier von Pädos in allen Medien breitgetreten wird.“ Am Ende war er kaum noch zu verstehen gewesen. Ben schnürte es die Kehle zu, den Dämon so gebrochen zu sehen. Auch Muriel hielt es nicht mehr auf ihrem Stuhl, sie ging zu Crowley und nahm ihn tröstend in den Arm. Nur Erziraphael zeigte zunächst keine Reaktion. Als er plötzlich hysterisch zu lachen begann, schraken alle auf. Das Lachen verstummte ebenso plötzlich, wie es begonnen hatte. Er legte seine Hand auf Crowleys Rücken, bis sein Freund ihn ansah und flüsterte etwas in sein Ohr, was Ben und Muriel nicht verstanden. Schließlich stand er auf, sammelte sich noch einmal und sagte: „Jahrhundertelang habe ich mich vor der möglichen Strafe des Himmels und noch mehr vor den möglichen Konsequenzen für Crowley gefürchtet, wenn Oben oder Unten erkannt hätten, dass wir deutlich mehr zusammen- als gegeneinander arbeiteten. Ich hatte ständig Angst, jemand könnte herausfinden, wie viel Zeit wir miteinander verbrachten und wie vertraut wir miteinander waren. Wie viele schlaflose Nächte hatte ich, weil ich geglaubt habe, die Freundschaft eines Engels mit einem Dämon sei widernatürlich und sündhaft! Jahrhunderte, in denen ich mich für meine Gefühle geschämt habe, in denen wir uns versteckt und unsere Sehnsucht verleugnet haben, und die wir nicht mehr nachholen können. Und jetzt, wo das endlich nicht mehr nötig ist, nachdem ich mir endlich eingestanden habe, dass ich ihn liebe, soll ich mich doch wieder verstecken, nur weil Crowley zufällig ein Mann ist?“ Er schüttelte voll neuer Entschlossenheit den Kopf. „Nein, das werde ich nicht tun. Ben hat völlig recht. Ganz sicher werde ich das nicht tun.“ Es klang fast wie eine sachliche Feststellung, kaum wie die Kriegserklärung, die es war. „Engel!“, flüsterte es kläglich neben ihm. Er ging neben dem Dämon in die Knie und nahm seine Hände, streichelte sie. „Crowley, wir müssen noch einmal tapfer sein. Es geht um uns und wir müssen uns selbst verteidigen, sonst werden sie uns nie unser Leben leben lassen.“ Er streichelte sein Gesicht. „Wenn du im Moment nicht mutig sein kannst, dann bin ich es für uns beide. Hörst du, Schatz? Ich bin mutig genug für uns beide, bis du es auch wieder sein kannst. Ich glaube an uns.“ Der Dämon ließ sich an seine Brust ziehen, wo er seinen Kopf ruhen ließ, bis er sich wieder stark genug fühlte, dessen Gewicht selbst zu tragen. Dann nickte er. „Gut“, war alles, was er sagte.