Der Sturm zieht auf (Teil 2)
Der Sturm zieht auf (Teil 2)
Crowley und Erziraphael waren nicht die einzigen, denen der Blick in die Sozialen Medien den Sonntagmorgen gründlich verdorben hatte. Maggie und Nina hatten sich beim Frühstück durch mehrere Fotostrecken geklickt, sich für Muriel über die Publicity gefreut und ausgiebig darüber gelästert, welche ihrer Bekannten, Nachbarn und Kunden nicht ganz so fotogen waren, wie sie selbst offenbar dachten. Bei einem Bild, das Arwen und den Dämon zeigte, sie mit der Flöte an den Lippen und er mit einem aufgeschlagenen Buch in der Hand, hielt Nina inne, zeigte es Maggie und fragte: „Sehen die beiden nicht fantastisch zusammen aus? Wenn sie alte irische Weisen spielt und er ein irisches Märchen vorliest, würden sie mit Sicherheit das alte Volk hervorlocken.“ Ihre Freundin grinste. „Ich dachte bisher immer, dass dir die nicht ganz so dürren Blonden besser gefallen.“ Nina rollte mit den Augen. „Tun sie auch, besonders eine bestimmte nicht ganz so dürre Blonde. Und trotzdem bleibe ich dabei: Die zwei Rotschöpfe würden es in jeden Cast schaffen, wenn ein edles Paar in einem Fantasy-Film oder einem irischen Kostümschinken zu besetzen wäre.“ Dann fiel ihr Blick auf die Kommentare und ihr Lächeln gefror. „Was ist?“ Maggie hatte den plötzlichen Stimmungsumschwung sofort bemerkt. „Diese Schweine“, flüsterte Nina fassungslos, bevor sie Maggie die unzweideutigen Texte zu lesen gab, mit denen das Bild kommentiert worden war. Stichprobenartig lasen sie daraufhin Kommentare unter Bildern von Crowley mit Erziraphael oder mit Kindern aus dem Publikum. Sie wurden immer stiller und blasser. „Die Armen“, sagte Maggie mitfühlend. Nina war schon aufgestanden. „Wir müssen bei ihnen vorbeigehen, bevor wir das Café aufmachen.“ Sie ließen halbvolle Kaffeetassen und angebissene Croissants auf dem Tisch zurück und verließen die Wohnung.
Als sie in der Buchhandlung eintrafen, waren außer Ben auch schon Laura mit Hannah sowie Bee und Gabriel gekommen. Bee schimpfte ununterbrochen vor sich hin, die Farbigkeit ihrer Kraftausdrücke konnte mit den Kommentaren, über die sie sich ereiferte, ohne Weiteres mithalten. Sie war derartig wütend, dass sie ihre Teetasse schon zweimal so energisch auf den Tisch geknallt hatte, dass Erziraphael um den Henkel des alten Porzellans fürchtete. Gerade hatte sie gefaucht: „Wenn ich die in die Finger kriege, verkuppele ich sie eigenhändig mit der Eisernen Jungfrau!“, und er hatte angesichts ihrer Laune auf den Hinweis verzichtet, dass die Eiserne Jungfrau als gebräuchliches Folterinstrument des Mittelalters vermutlich eine Erfindung des 19. Jahrhunderts war. Mit Blick auf erste kleine Dampfwölkchen, die aus ihrer Nase quollen, sagte Crowley besänftigend: „Deine solidarische Empörung in allen Ehren, aber bitte vermeide offene Flammen, ja?“ Er zeigte auf die Bücher um sie herum. Als sie daraufhin den heißen Dampf einsog und voller Verachtung hinunterschluckte, brachen die Freunde in befreiendes Lachen aus. Nina und Maggie umarmten Crowley und die beiden Engel mitfühlend. „Gut, dass ihr nicht allein seid“, sagte Maggie. „Niemand von uns sollte heute Morgen allein sein. Kommt doch mit rüber und frühstückt bei uns“, schlug Nina vor. Erziraphael schüttelte den Kopf. „Das ist lieb gemeint, aber lasst euch lieber nicht mit uns in der Öffentlichkeit sehen. Sonst geratet ihr auch noch in die Schusslinie.“ Bevor jemand widersprechen konnte, bemerkte Gabriel: „Dieser Rat kommt deutlich zu spät. Es kommt nicht in Frage, dass wir euch da allein und ohne Deckung stehen lassen. Außerdem stehen da schon ‘ne Menge Leute mit uns.“ Er winkte mit seinem Handy und legte es dann auf den Tisch, damit alle sehen konnten, was er meinte. Auf dem Display sahen sie ein Instagram-Profil. Das Profilbild zeigte eins der Straßenschilder der Wickber Street, unter dem eine Pride-Fahne flatterte. Erziraphael starrte fast eine Minute lang auf den Profilnamen, dann las er ihn vor, die Stimme zitternd vor Rührung: „Safewithwickberstreet“ und darunter „Neighbours and friends – You’re safe with us.“ Darunter folgten Fotos von jedem einzelnen Haus in der Straße, jedes Gebäude geschmückt mit einer Pride-Fahne und einem „You’re safe with me“-Aufkleber an der Ladentür oder am Briefkasten, vor jedem Haus die Geschäftsinhaber und die Bewohner Arm in Arm und in die Kamera lachend. Ungläubig schauten Crowley und Erziraphael in die Gesichter um sie herum. „Wie um alles in der Welt habt ihr das so schnell hingekriegt?“, fragte der Engel. Gabriel zeigte auf Laura und die zeigte auf Hannah. „Glaubst du, Laura hätte mich heute Morgen allein zu euch geschickt, wenn sie nicht etwas wirklich Wichtiges zu tun gehabt hätte?“, fragte Ben. Bee legte Laura einen Arm um die Schulter. „Glaubt mir, diese Frau ist unerbittlich. Niemand hatte eine Chance, sich im Bett einfach taub zu stellen. Nicht einmal wir.“ „Es könnte auch damit zu tun haben, dass es auf der Straße relativ laut wurde, weil sie die, die sie schon geweckt hatten, mit zu den nächsten Häusern genommen haben“, warf Gabriel ein. Crowley schien endlich aus der Schockstarre zu erwachen, denn er pfiff leise durch die Zähne und fragte: „Ihr habt allen Ernstes am frühen Sonntagmorgen die ganze Straße wachgeklingelt und die Leute gezwungen, Flaggen aufzuhängen und für Fotos zu posieren? Und niemand hat euch einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet, den Hund auf euch gehetzt oder euch mit einer Anzeige gedroht?“ „Ach, weißt du“, lächelte Laura, „wenn eine Sechsjährige dir mit tiefem Ernst erklärt, dass jemand total gemein zu ihrem allerallerbesten Freund war und der deshalb jetzt sooo traurig ist, dass wir ihm unbedingt helfen müssen“, sie wuschelte Hannah liebevoll durch die Haare, „dann schmilzt fast jedes Herz.“ Muriel hatte ihre Rührung als Erste überwunden und umarmte erst Hannah und dann Laura, so fest sie konnte. „Ihr seid unglaublich – wahre Engel ohne Flügel!“ Dann schloss sich Erziraphael an: „Ich hätte schon in Israel erkennen müssen, was für besondere Menschen ihr seid. Was für ein Glück, dass Crowley euch gefunden hat!“ Laura lächelte und ließ sich gerne von ihm umarmen, weil sie damit Zeit gewann, ihre Fassung wiederzugewinnen. Das letzte Wort hatte aber natürlich Hannah: Sie zupfte an Erziraphaels Jacke und sagte dann gewichtig: „Das war aber anders, weißt du? Ich habe nämlich Anthony gefunden, nicht andersrum!“ Der Dämon beugte sich zu dem Mädchen hinunter, das sich an einem seiner Beine festgehalten hatte, sich aber nun bereitwillig von ihm hochheben ließ und ihm ihre Arme um den Hals legte. „Stimmt“, bestätigte er. „Ich bin ihr im Grunde zugelaufen, oder Laura?“ Er hatte den anderen Arm nach Hannahs Mutter ausgestreckt und sie ließ sich lächelnd umarmen. „Genau. Und als sie gefragt hat, ob sie dich behalten darf, habe ich nicht rechtzeitig Nein gesagt.“ Laura streckte ihm die Zunge heraus und endlich konnte auch Crowley wieder lachen.
„So, jetzt trödelt mal nicht rum, zwei Häuser fehlen noch.“ Ben drückte Muriel eine Pride-Flagge in die Hand und ordnete an: „Kadett, Flagge hissen!“ „ Oui, mon général!“ , der Engel salutierte lachend und machte sich auf den Weg zum Fenster im Obergeschoss. „Alle anderen Abmarsch und aufstellen für das Foto!“ Sobald Muriel wieder bei ihnen war, machte Laura ein Gruppenfoto, dann schlenderten sie gemeinsam hinüber ins Café, das eine ihrer Aushilfen zu Ninas Erleichterung schon geöffnet hatte. Die ersten Gäste saßen bereits mit ihrem Kaffee am Tisch und studierten die Frühstückskarte. Muriel folgte Nina und Maggie in die Küche und innerhalb kürzester Zeit hatte das eingespielte Team das Frühstück fertig vorbereitet.
Sobald die Bestellungen der zahlenden Gäste aufgenommen und serviert worden waren, kümmerten sich Muriel und Maggie um ihre Freunde, während Nina mit ihrem Aufkleber und einer Pride-Flagge unter dem Arm zur Tür ging. Kurz darauf kam sie mit einer nachlässig zusammengelegten anderen Fahne wieder herein und verschwand auf direktem Weg im Hinterzimmer. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, - Muriel war zwischendurch schon bei ihr gewesen, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war, hatte sich aber beruhigt zurückgezogen, als sie sah, was der Drucker im Sekundentakt ausspuckte – dann kam sie mit einem Stapel Blätter in einer Hand und einer weiteren Pride-Fahne in der anderen zurück. Sie schob einen der Tische im hinteren Bereich zur Seite und befestigte die Fahne dort an der Wand, einen der Zettel klebte sie in Augenhöhe daneben. Sie begutachtete ihr Werk aus einigen Schritten Entfernung, drehte sich um und schoss ein Selfie mit der Fahne im Hintergrund. Kurz beschäftigte sie sich mit ihrem Smartphone, tippte dann auf „Veröffentlichen“, nickte zufrieden und schob das Telefon in ihre Hosentasche. Die Freunde saßen zu weit entfernt, um genau zu sehen, was sie dort tat, und auch andere Gäste streckten neugierig ihre Hälse, um das herauszufinden. Sie alle erhielten Antwort auf ihre Fragen, als Nina sich mit dem Stapel Papier im Arm an der Eingangstür aufbaute und um Aufmerksamkeit bat.
„Liebe Gäste“, rief sie, woraufhin sich fast alle Gesichter sofort ihr zuwandten und schnell auch die Unterhaltungen erstarben. „Dort drüben“, sie zeigte auf den Tisch, um den die Freunde zusammengerückt waren, „sitzen unsere besten Freunde.“ Die drei Paare, etwas überrumpelt von der plötzlichen Aufmerksamkeit, rückten instinktiv näher zusammen, Erziraphael legte beschützend seinen Arm um den erschrockenen Crowley. Nur Hannah schien zu genießen, dass alle neugierig zu ihnen schauten und winkte fröhlich. Nina winkte Muriel zu sich heran, die nicht eingeweiht war und deshalb etwas zögerlich der Aufforderung folgte. „Drei von ihnen“, fuhr Nina fort, „nämlich Erziraphael, Crowley und unsere Freundin Muriel hier“, sie machte zwischen den Namen jeweils eine so lange Pause, dass die Genannten gar nicht anders konnten, als aufzusehen und in die Runde zu nicken, „betreiben das Antiquariat und die Kinderbuchhandlung schräg gegenüber. Jeden Samstag stellen sie dort in einer Lesung Kinderbücher vor und die Kinder sind davon ebenso begeistert wie ihre Eltern.“ Sie drückte Muriel noch einmal und gab ihr zu verstehen, dass sie sich zu den anderen setzen sollte. Stattdessen winkte sie nun Maggie an ihre Seite. „Gestern waren ein paar Medienvertreter und ein Blogger aus unserem Viertel dort und in den sozialen Medien gab es erfreulich viel Aufmerksamkeit für die Veranstaltung.“ Einige der Gäste nickten, sie hatten das offensichtlich selbst mitbekommen. Ninas Blick suchte den Blick des Buchhändlers und seines Partners und sah sie entschuldigend an, dann fuhr sie fort: „Erziraphael und Crowley sind seit Kurzem ein Paar, zufällig auf den Tag genauso lang wie Maggie und ich.“ Die Nachbarn und Stammgäste lächelten die beiden Paare nach diesen Worten freundlich an, ein oder zwei riefen ‚Glückwunsch‘, die übrigen schauten eher verwirrt.
„Manche von Ihnen fragen sich jetzt wahrscheinlich, warum ich das erzähle, und ich würde mich das an Ihrer Stelle auch fragen. Es sollte nämlich völlig egal sein, wen wir lieben und mit wem wir leben, es sollte nicht den geringsten Unterschied machen und müsste niemanden interessieren.“ Bei diesen Worten nickten fast alle Gäste. „Aber so ist es leider nicht!“ Nina war etwas lauter geworden. „Aus dem einzigen Grund, dass diese beiden Männer sich lieben, haben irgendwelche Arschlöcher gestern Abend einen Shitstorm entfesselt, indem sie harmlose Bilder mit widerwärtigen Kommentaren, schmierigen Andeutungen und ekelhaften Unterstellungen versehen haben.“ Im Publikum wurde getuschelt, aber als Nina weitersprach, galt ihr die ungeteilte Aufmerksamkeit. „Ich bin nicht länger bereit, Homophobie als einen bedauerlichen, aber unvermeidlichen Teil meines Alltags zu tolerieren. Und ganz nebenbei gilt das auch für Rassismus, die meisten anderen -Ismen und sonstige Vorurteile. Es wird allerhöchste Zeit, dass nicht nur unsere Technologie, sondern auch unsere Gesellschaft, unsere Werte und unsere Freiheiten endlich im 21. Jahrhundert ankommen.“ An dieser Stelle begannen fast alle Gäste zu klatschen, zu johlen und zustimmende Bemerkungen zu rufen. Nina atmete durch, sie war keineswegs sicher gewesen, dass das die Reaktion der Mehrheit sein würde. Man wusste schließlich nie in diesen verrückten Zeiten. Als der Lärm nachließ, brachte Nina ihre Ansprache zu Ende: „Danke für Ihren und euren Applaus. Wenn ihr eure Unterstützung noch auf andere Weise zeigen möchtet, könnt ihr gerne ein Selfie vor der Pride-Fahne machen und es auf euren Kanälen teilen. In welchen Medien und auf welchen Kanälen die Wickber Street ihre Solidarität zeigt, steht auf diesem Blatt, das ich gleich verteilen werde.“ Sie hielt einen der Zettel hoch, damit alle ihn sahen. „So, danke für eure Geduld! Wenn euer Kaffee oder euer Rührei wegen meiner Störung kaltgeworden sein sollte, geht der Ersatz aufs Haus. Habt noch einen wunderbaren Sonntag!“ Sie ging von Tisch zu Tisch, legte auf jeden ein Blatt, hörte viele ermutigende Worte und setzte sich schließlich auf einen der beiden Stühle, die am Tisch der Freunde freigehalten worden waren. Sie landete neben Crowley, der sie gerührt umarmte. „Gib’s ruhig zu“, neckte er sie. „Du hast das nur gemacht, weil du auch so gelobt werden willst wie Laura und Hannah vorhin.“ Sie hob eine Augenbraue. „Und? Werde ich?“ Er lachte und zog sie noch einmal an sich. „Du bist großartig!“, sagte er. „Und gelegentlich ein bisschen einschüchternd.“