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Der Sturm zieht auf (Schluss)

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Der Sturm zieht auf (Schluss)

Tatsächlich kamen Nina und Maggie so schnell, dass Bee und Gabriel noch nicht einmal Platz genommen hatten. Sie alle kamen mit sorgenvollen Mienen, aber voller Entschlossenheit. „Versucht gar nicht erst, uns irgendetwas vorzuenthalten. Was auch immer diesmal los ist: Wenn ihr mit drin steckt, stecken wir auch mit drin.“ Ninas Tonfall unterstrich, dass sie es ernst meinte. Crowley lud die Neuankömmlinge mit einer Handbewegung ein, sich zu setzen. „Eure Entscheidung“, sagte er. „Bee und Gabriel wissen auch noch nicht über alles Bescheid“, begann er, „aber euch muss ich noch ein Stück vorher abholen.“ Nina stieß Maggie an: „Hab ich’s dir nicht gesagt? Da ist was im Busch, was Großes!“

„Bis heute dachten wir, der Sturm sei noch weit weg“, begann der Dämon seine kurze Zusammenfassung. Er berichtete, welche Nachrichten Jesus von dem Treffen in Downing Street 10 mitgebracht hatte, dass es zu diesem Zeitpunkt jedoch noch keine Hinweise auf ähnliche Vorkommnisse in Westeuropa oder im Vereinigten Königreich gegeben hatte. „Was sich nun wahrscheinlich geändert hat?“ Maggie hatte aus der Formulierung die richtigen Schlüsse gezogen. Sie war nicht umsonst eine so gute Zuhörerin. „Genau“, bestätigte Crowley. An Bee und Gabriel gewandt fügte er hinzu: „Jetzt kommen wir zu den Neuigkeiten, die Ben aus der Redaktion mitgebracht hat. Ben, am besten erzählst du es selbst, oder?“ Der Journalist nickte und wiederholte in knappen Worten vor der größeren Runde, was er zuvor Erziraphael und Crowley berichtet hatte. „Ich habe inzwischen mit Umael gesprochen“, schloss der Engel an, sobald Ben verstummt war. „Dass hochrangige Engel jetzt dem Beraterstab des amerikanischen Präsidenten angehörten, und um wen es sich dabei handelt, war dem Himmel zum Glück bereits bekannt.“ Er sah in die Runde, als er hinzufügte: „Das Übergreifen der Entwicklungen auf Europa und die Androhung einer weltweiten Revolution hat ihn leider ebenso unvorbereitet getroffen wie uns.“ Seine eigene Erschütterung spiegelte sich in den Gesichtern der Freunde. „Ich gehe davon aus, dass er Jesus, UN und EU inzwischen bereits informiert hat, und just in diesem Augenblick die Leitungen glühen und Regierungen, Sicherheitsbehörden und Geheimdienste rund um die Welt in den Alarmzustand versetzt werden und ihre Vorbereitungen treffen.“ Er verstummte und alle starrten von Gefühlen überwältigt auf die Tischplatte zwischen ihnen, auf der sich unbeachtet die Lebensmittel türmten, die Ben und Muriel aus dem Café mitgebracht hatten. „Was heißt das für uns?“, überwand sich Muriel schließlich zu fragen. „Mit was müssen wir rechnen? Terror? Ein Putsch? Krieg? Bürgerkrieg?“ „Welche Chancen haben denn diese Engel, ihre Pläne wahr zu machen?“, warf Nina ein. „Hat die Menschheit auch nur die geringste Chance?“ Gabriel stand auf. Er spürte die ersten Anflüge von Panik bei ihren menschlichen Freunden und bemühte sich deshalb, besonders ruhig und souverän zu wirken. „Ich halte die Situation zwar für grundsätzlich explosiv, aber sicher droht nicht unmittelbar eine Machtübernahme“, versicherte er. „Viele der besonders gefährlichen, weil besonders verblendeten Engel haben mit Gott und Satan diese Welt verlassen und wir haben keine Hinweise darauf, dass sie oder auch nur einige von ihnen zurückgekehrt sein könnten.“ Erziraphael und Bee nickten zu seinen Worten. Der Buchhändler ergänzte: „Ich gehe außerdem davon aus, dass sehr viele Engel, wahrscheinlich die große Mehrheit, kein Interesse an der Weltherrschaft haben, sondern einfach unbehelligt und in Frieden leben möchten.“ „Das sehe ich auch so“, Gabriel nickte zu diesen Worten. „Und die Dämonen?“, fragte Maggie beklommen. „Da dürfte es ganz ähnlich aussehen“, formulierte Bee ihre Einschätzung. „Die Mehrheit möchte bestimmt einfach nur in Ruhe gelassen werden, die haben weder Interesse daran, die Erde und die Menschen zu beherrschen, noch kriminelle Vereinigungen zu gründen.“ Crowley sah sie skeptisch an. „Ich würde dir zustimmen, wenn sie sich als gleichberechtigte Bürger dieser Welt fühlen dürften“, sagte er nachdenklich. „Leider deutet gerade ziemlich viel darauf hin, dass sie, … dass wir stattdessen systematisch benachteiligt werden. Das könnte ihre Haltung beeinflussen.“ Erziraphael führte den Gedanken nahtlos fort: „Es könnte sie anfällig machen für aufwieglerische Parolen und gezielt gesäten Hass.“

„Da kommen dann die Wölfe ins Spiel, die im Schatten auf ihre Chance gelauert haben.“ Erziraphael hatte Crowley eine Hand auf die Schulter gelegt und sie nickten sich sorgenvoll zu. „Aber wenigstens wissen wir jetzt, von wo die Gefahr droht, und können reagieren. Das ist mir lieber, als jeden Tag damit rechnen zu müssen, dass irgendwann irgendwas passieren wird.“ Aus dem Mund des Dämons klang das für die Menschen um ihn herum fast schon beruhigend. Als auch Bee und die drei Engel zustimmten, wurde ihnen endgültig leichter ums Herz. Gabriel ergänzte: „Jetzt, wo wir wissen, was sie versuchen, können wir auch eine Strategie entwickeln, um sie zu stoppen. Und wir wissen, dass wir diesen Kampf nicht allein führen müssen“, erinnerte er sie. Laura sah in die Runde und lächelte traurig. „Ich versuche gerade mir vorzustellen, wie es mir mit diesen Nachrichten gehen würde, wenn ich nicht euch als Freunde hätte. Wenn ihr nicht mal eben bei Jesus und der UN-Generalsekretärin anrufen könntet. Wie müssen sich all die Menschen fühlen, die weder Engel noch Dämonen kennen, wenn das bekannt wird?“ Crowley antwortete sofort: „Angreifbar, verletzlich, ängstlich. Das ist mit die größte Gefahr: Sie könnten jedem hinterherlaufen, der ihnen Sicherheit verspricht, der vermeintlich einfache Lösungen präsentiert und ihnen ein klares Feindbild anbietet.“ Er zögerte einen Augenblick, entschied sich dann aber dafür, seine Befürchtungen nicht für sich zu behalten: „Dieses Feindbild könnten die Dämonen sein, aber auch die Engel. Oder einfach alle Unsterblichen.“ „Und genau das müssen wir zu verhindern versuchen“, ergänzte Erziraphael.

Maggie hatte nach Ninas Hand gegriffen und hielt sie sehr fest. „Und was tun wir jetzt?“, fragte sie, zwar mit leicht zitternder Stimme, aber kämpferisch. „Für den Augenblick sehe ich wenig, was wir tun könnten“, antwortete Bee bedauernd. „Wachsam sein, besonnen handeln und auftreten, auf Nachricht von Jesus warten…“ Crowley schaltete sich ein: „Wir hatten vorher schon besprochen, dass auch die Hölle schnellstmöglich gewarnt werden sollte. Wäre da dein Kontakt zu Furfur nicht der beste Weg?“ „Ich versuche sofort, ihn zu erreichen!“ Bee war aufgestanden, bevor Crowley seinen Satz beendet hatte, und ging nun einige Schritte zur Seite.

„Aber ihr habt doch etwas vor“, flüsterte Nina, um Bee nicht zu stören. Verständnislose Blicke antworteten ihr. „Was sollen wir vorhaben?“, fragte Erziraphael. Nina mochte es nicht, für dumm verkauft zu werden. Dementsprechend heftig fiel ihre Antwort aus: „Tu nicht so scheinheilig, das steht einem Engel nicht! Ich habe doch mitbekommen, dass Gabriel und Crowley irgendwas planen.“ Sie sah herausfordernd in die Runde. Der Engel schwieg betreten. An diesen Plan hatte er angesichts der neuesten Nachrichten gar nicht mehr gedacht. „Das hat hiermit nichts zu tun“, sagte Crowley leise und fasste tröstend nach Erziraphaels Hand. Gabriel sprang ein: „Wir hatten vor, noch einmal zusammen in die Hölle zurückzukehren. Dabei ging es aber um etwas völlig anderes.“ Fragend sah er zu Crowley: „Ich nehme doch an, du willst das unter diesen Umständen nicht durchziehen, oder?“ Doch der Dämon schüttelte den Kopf. „Wenn Furfur uns nicht auslädt, sollten wir gehen. Das eine hat mit dem anderen nicht das Geringste zu tun. Und Arwen und ihre Familie können nichts dafür, dass jetzt ein paar Engel und Dämonen komplett verrücktspielen.“ Er spürte, dass Erziraphael bei diesen Worten in sich zusammensackte, der offenbar kurz geglaubt hatte, er würde auf diese Mission verzichten. Aber der Engel schwieg, was Crowley ihm hoch anrechnete. Gabriel und die anderen hatten ihre Aufmerksamkeit mittlerweile Bee zugewandt, die ihr Telefon auf „Lautsprecher“ gestellt hatte. „Was sagen denn deine Engel zu dieser Geschichte?“, hörten sie gerade Furfur fragen. „Nehmen die das ernst?“ Bee rollte mit den Augen, beantwortete die Frage aber sehr sachlich: „Gabriel und Erziraphael nehmen es sehr ernst. Sie halten dieses Szenario für absolut plausibel.“ Sie sah zu ihnen hinüber, als müsste sie sich diese Aussage noch einmal von ihnen bestätigen lassen, und beide nickten. „Sie haben vor wenigen Augenblicken Umael informiert und auch der scheint keine Zweifel zu haben, dass es eine reale Bedrohung gibt.“ Sie schwieg und wartete auf eine Reaktion. Schließlich hörten sie am anderen Ende der Leitung ein Räuspern, ein unwilliges Brummen und – nach einer weiteren langen Pause – die zögernde Antwort: „Na gut, dann also … dann danke für die Warnung.“ Er seufzte hörbar. „Ich nehme an, damit sind die Pläne der beiden Verräter erstmal hinfällig?“ Wieder rollte Bee mit den Augen. „So sehr ich mich darüber freuen würde, aber nein. Sie halten an den Plänen fest. Du kennst die beiden Sturköpfe.“ Furfur lachte freudlos. „Dass sie stur sind, ist keine Neuigkeit. Dass sie lebensmüde sind, schon.“ Die Dämonin kämpfte um ihre Fassung. Ein Blick zu Erziraphael sagte ihr, dass es dem Engel nicht anders ging. „Wenn du sie nicht runterbringst, können sie nicht gehen.“ Es gelang ihr, den Satz wie eine Feststellung klingen zu lassen, nicht hoffnungsvoll. Der Höllenfürst enttäuschte jedoch jede Hoffnung, die sie gehegt haben mochte. „Wenn du sie nicht davon abbringen kannst, dann sollen sie kommen. Es ist nicht meine Aufgabe, sie zur Vernunft zu bringen.“ Sie konnte ihm nicht einmal böse sein; er hatte ja recht. Und sie konnte keine Häme hören. Fast erschrak sie mehr über das Fehlen jeder Gehässigkeit, als sie über eine unverhohlen feindselige Gemeinheit hätte erschrecken können. Furfur klang müde, realisierte sie, resigniert. Das war nicht gut. Fast hätte sie seine Frage überhört. „Wann kommen sie?“, hatte er gefragt. „Mittwoch, ab dem frühen Nachmittag, wenn es dir dann passt.“ Es klang, als würde der Dämon mit den Fingern auf eine harte Oberfläche trommeln. „Dann Mittwoch, 14.00 Uhr. Hören sie mit?“ Nach Bees leisem „Ja“ sprach er etwas lauter weiter: „Wir treffen uns unter King’s Cross, Linie Piccadilly, Richtung Cockfosters, direkt an der Absperrung am Ende des Bahnsteigs.“ Ohne abzuwarten, ob jemand die Anweisung bestätigte oder noch etwas fragte, hatte er aufgelegt. Bee setzte sich wieder zu ihnen, ohne ein Wort zu sagen. Nina brach als Erste das Schweigen: „Und was treibt ihr mit Furfur in einer U-Bahn-Station?“ Crowley war schneller mit seiner Antwort als Gabriel: „Dort muss es einen Einstiegspunkt nach unten geben. Er bringt uns in den fünften Kreis, jedenfalls ist das die Abmachung.“ „Habt ihr sie noch alle?“, platzte Laura heraus. „Wir stehen womöglich vor einem Weltenbrand und ihr geht freiwillig zurück in die Hölle?“ Man konnte den anderen Menschen ansehen, dass sie diese Entscheidung genauso wenig verstanden wie Laura. Ausgerechnet Muriel übernahm es, die Entscheidung zu rechtfertigen: „Sie tun es für Arwen. Sie hoffen, dort vielleicht ihren Vater zu finden.“ Die Erklärung reichte nicht aus, um Laura zu besänftigen. „Seid doch nicht immer so verdammt edel! Denkt ihr vielleicht auch mal an uns? An eure Freunde, an eure Familie?“ Sie sah sich nach ihrer Tochter um, die in ihr Spiel versunken mit Hexe in einer Ecke saß. „Was soll ich Hannah sagen, wenn du nicht zurückkommst, Anthony?“ Erziraphael hatte beruhigend eine Hand auf Crowleys Arm gelegt, bevor der eine ebenso hitzige Antwort hätte geben können. „Du könntest ihr sagen, dass er versucht hat, eine Familie wieder zu vereinen, die es genauso sehr verdient, zusammen und glücklich zu sein, wie ihr oder wir.“ Seine Selbstbeherrschung war brüchig, er hatte nicht verhindern können, dass seine Stimme zitterte und man die Tränen hörte, die er mühsam zurückgedrängt hatte. Laura schwieg beschämt. „Danke, Engel“, flüsterte Crowley. Er musste ihm nicht sagen, dass er verstand, wie schwer ihm diese Antwort gefallen war, diese Antwort, die er auch sich selbst gegeben hatte. Stattdessen sagte er schlicht: „Wir kommen zurück.“

Obwohl ihnen nicht mehr viel einfiel, über das sie hätten sprechen können, saßen sie noch lange zusammen, so als wäre die Stille weniger drückend, wenn man nicht allein war. Ben beendete das Warten, nachdem er auf seine Uhr gesehen hatte: „Wir müssen los, morgen ist Schule und Hannah kommt ohnehin schon zu spät ins Bett.“ Es war, als hätte er damit einen Bann gebrochen. Alle standen nun auf und begannen sich zu verabschieden, wortkarg, bedrückt, zögernd. „Jetzt seid doch nicht so. Wünscht ihnen Glück!“, machte Muriel sich plötzlich Luft. Und wirklich: Alle sahen sich beschämt an, um sich dann in den Arm zu nehmen, beschwörend „Kommt heil wieder“ oder „Wir melden uns, wenn es etwas Neues gibt“ oder „Wir sehen uns bald“ zu murmeln, und sich an der Ladentür – einer nach dem anderen – zu verabschieden.

Muriel, Crowley und Erziraphael blieben zurück und machten sich wortlos daran, den Tisch abzudecken. Niemand hatte auch nur einen Happen gegessen und auch sie hatten keinen Appetit. „Es hat jemand angerufen“, stellte Muriel fest, als sie an dem altmodischen Anrufbeantworter vorbei ging, und drückte auf die Play-Taste.

-     „Hallo, hier ist Alec. Es tut uns furchtbar leid, was da über Sie hereingebrochen ist. Nehmen Sie es sich möglichst nicht zu Herzen. Ich komme morgen mal vorbei, wenn es Ihnen recht ist.“

-     Mister Fell, Mister Crowley, hier ist Liam. Vicky und ich haben Sie leider nicht zuhause angetroffen. Wir haben die Schlammschlacht auf Social Media gesehen. So eine Gemeinheit! Wie geht es Ihnen? Melden Sie sich, wenn wir etwas tun können, ja?

-     Muriel, hier Faris. Bitte richte deinem Vermieter und deinem Kollegen aus, dass ich die Kommentarfunktion für meinen Beitrag über eure Veranstaltung deaktiviert und alle Hass-Posts gelöscht habe. Ich habe sie aber auf einem Stick gesichert, falls sie Anzeige erstatten wollen und Beweise brauchen. Wenn ihr das wollt, veröffentliche ich gerne nochmal was über euch, eure Antwort, eine Richtigstellung, einen Offenen Brief, was immer ihr wollt. Ich bin untröstlich, dass ich nicht vorausschauender war und die Kommentar-Funktion direkt geblockt habe.

Bei der ersten Nachricht hatten sie sich kurz verwirrt angesehen, weil der Morgen schon so weit entfernt schien. Der über sie ausgeschüttete Hass fühlte sich angesichts der so viel umfassenderen Bedrohung, der sie sich mittlerweile gegenübersahen, irreal an und fast bedeutungslos. Beim Anhören der weiteren solidarischen und anteilnehmenden Botschaften traten die wüsten Beschimpfungen und die unerträglichen Unterstellungen jedoch wieder in ihr Bewusstsein und so sehr die Unterstützung sie rührte, so wenig konnte sie sie trösten. Viel zu bedrohlich war die Lage seitdem geworden, viel zu viele Sorgen und Unsicherheiten belasteten ihre Gedanken. Weitere Solidaritätsbekundungen kamen von Nachbarn, die sich auch schon an der Pride-Aktion am Morgen beteiligt hatten, und von treuen Kunden. Die nächste Aufnahme begann mit einem langen Schweigen und Muriel wollte sie gerade überspringen, als jemand mit offensichtlich verstellter Stimme sagte: „Hey, Ihr Wichser!“ Sie sahen sich alarmiert an. „Ihr müsst euch das nicht anhören, sagte Muriel, den Finger schon wieder auf der „Skip“-Taste. „Warte!“ Crowleys Stimme war eisig. „Ich will das hören!“ „Das ist eine Warnung an euch widerliche Schwanzlutscher. Hände weg von unseren Kindern, sonst wird euch das noch leidtun.“ Ein Klicken, die Botschaft war zu Ende. Die aufgeregte Nachricht, die Cathy hinterlassen hatte, oder die von Helen, die auch von ihrer Großmutter ausrichtete, wie bestürzt sie waren, drang kaum zu ihnen durch. Darauf folgte wieder eine Aufnahme voller Hass und Vorwürfe. Crowley erkannte die Stimme, es war die vom „alten Hank“. Die letzte Nachricht auf dem Band war der Stimme nach zu urteilen von einem sehr jungen Mann. „Von eurer Sorte gibt es viel zu viele in London, aber das wird bald vorbei sein. Wir beobachten euch Perverse, wir wissen, wo ihr wohnt und wo ihr arbeitet.“ Muriel schauderte, so selbstgerecht und so ungezügelt hasserfüllt klang die Stimme. „Nicht mehr lange und ihr werdet bereuen, jemals einem anderen Schwanz nachgelaufen zu sein. Ihr seid nicht mehr sicher in dieser Stadt, wir werden euch zum Teufel jagen.“ Danach war glücklicherweise die Speicherkapazität des Anrufbeantworters erschöpft gewesen.

„Müssen wir die Drohungen ernst nehmen?“ Muriel klang besorgt. „Denkt ihr, diese Spinner sind gefährlich?“ „Sicher weniger gefährlich als organisierte rassistische Engel oder gewaltbereite Dämonen“, antwortete Erziraphael, aber Crowley schüttelte den Kopf. „Nehmt das nicht auf die leichte Schulter“, warnte er. „Mir wäre wohler, wenn ihr hier nicht allein bleibt, während Gabriel und ich weg sind. Vielleicht können wir Bee bitten, solange nochmal hier einzuziehen?“ „Hältst du das wirklich für nötig? Wir sind doch zu zweit.“ Erziraphael wirkte überrascht. „Dieser Shitstorm hat ihnen gezeigt, dass sie mit ihrer Meinung nicht allein sind. Wer weiß, zu was sie das anstachelt.“ Der Dämon legte dem Engel einen Arm um die Schulter. „Mir zuliebe. Lasst sie uns fragen, ja?“

Muriel nahm ihm die Entscheidung ab. „Ich frage sie, Crowley. Wenn es dir eine Beruhigung wäre, frage ich sie.“ Aus heiterem Himmel schlug sie sich an die Stirn. „Sariel! Wir haben Sariel vergessen. Der sollte auch Bescheid wissen, denkt ihr nicht?“ „Auf jeden Fall!“ Die Männer hatten wie aus einem Munde geantwortet. „Warum macht der sich eigentlich so rar?“, fragte Crowley mit gerunzelter Stirn. „Ich habe ihn seit der Willkommens-Party nicht mehr gesehen.“ Muriel seufzte. „Ich vermute, er traut sich einfach nicht her. Ihr wisst doch, dass er mit Emotionen nicht gut umgehen kann. Wahrscheinlich weiß er nicht, was ihn hier erwartet, jetzt, wo ihr zusammenlebt.“ Der Dämon zog eine Augenbraue hoch: „Was glaubt er denn? Dass wir unsere Gäste jetzt nackt empfangen oder Orgien mit ihnen feiern?“ Muriel boxte ihn in die Seite. „Zieh das nicht ins Lächerliche. Ich fürchte, er hat wirklich nicht die geringste Vorstellung davon, was ‚zusammenwohnen‘ oder besser ‚als Paar zusammenleben‘ bedeutet. Vergesst nicht, dass er die Erde und die Menschen immer noch kaum kennt. Es fällt ihm auch schwer, neue Kontakte zu knüpfen. Ich weiß mehr über seine direkten Nachbarn als er.“ Crowley nickte betreten. „Du hast natürlich recht. Entschuldige. Sollen wir ihn einfach mal zum Essen ….“ Der Dämon fasste sich an den Kopf. „Nein, essen tut er ja auch nicht!“ Erziraphael aber lächelte. „Dann nehmen wir doch am besten die aktuellen Entwicklungen zum Anlass und laden ihn ein, um ihn zu informieren und eine mögliche Strategie zu erarbeiten. Mit seinen profunden juristischen Kenntnissen wäre er eine große Hilfe.“ „Das klingt vernünftig. Überbringst du ihm die Einladung, Muriel?“ Crowley war schon aufgestanden und ging Richtung Tür. „Ich brauche dringend frische Luft und Hexe ist heute viel zu kurz gekommen. Ich gehe erst mal mit ihr raus.“ „Nehmt ihr mich mit?“ Erziraphael schaute fragend zu ihm auf und erhob sich sofort, als der Dämon nickte. „Und dann sollten wir alle schlafen gehen. Die Woche wird sicher anstrengend.“ Muriel war ebenfalls aufgestanden und drückte beiden einen flüchtigen Kuss auf die Wange. „Bleibt nicht zu lange. Ich lege mich schon mal hin. Bis morgen.“

Die Männer gingen schweigend nebeneinanderher, beide in Gedanken versunken. Sie waren schon fast eine halbe Stunde unterwegs, als Crowley unvermittelt aufseufzte: „Was für ein Tag!“ Er war stehengeblieben und schien in ein Schaufenster zu starren. Der Engel war sich allerdings sicher, dass er die Auslage nicht einmal wahrnahm. „Gestern Abend waren wir noch so unbeschwert, fühlten uns so stark. Und heute?“ Erziraphael war in seinem Rücken stehengeblieben und legte nun von hinten die Arme um ihn. Der Dämon lehnte sich an ihn. „Plötzlich sehe ich überall nur noch Bedrohungen. Wie sollen wir unsere Freunde schützen, wenn die Gefahr von allen Seiten kommt? Wie können wir etwas für die Menschen tun, wenn wir selbst im Feuer stehen? Woher kommt plötzlich all dieser Hass?“ Ganz ähnliche Fragen hatten den Engel schon den ganzen Tag beschäftigt, deshalb musste er sich seine Antwort nicht lange überlegen: „Ich denke, der Hass war auch vorher schon da, wir haben ihn bisher einfach nicht so abbekommen, weil wir nicht öffentlich sichtbar waren.“ Crowley drehte sich zu ihm um, verschränkte seine Arme hinter dem Kopf des Engels und lehnte seine Stirn an ihn. „Ich habe es so satt, Engel. Ich will mich und meine Gefühle nicht wieder verstecken müssen. Wir tun doch niemandem weh, wir nehmen niemandem etwas weg!“ „Ich weiß, Liebling, ich weiß.“

Erziraphael hatte eine Hand auf Crowleys Rücken gelegt, die andere stützte seinen Hinterkopf. Er hielt ihn zärtlich an sich gedrückt. Er spürte seine Verzweiflung, wusste aber nichts zu sagen, was ihn hätte trösten können. „Wir tun ja nicht einmal miteinander, was sie, was sie da …“ Crowley brach ab, unfähig, den Satz zu Ende zu bringen. „Sh …, sh …, Liebling, quäl dich nicht so.“ Der Engel küsste ihn liebevoll auf die Nase und hielt ihn weiter fest. „Diese Beschimpfungen, Engel, die waren so furchtbar, so bösartig, …“ „Sie wollen uns mit diesen Wörtern verletzen, Crowley, nichts sonst. Diese Beleidigungen haben nichts mit uns zu tun.“ Es dauerte lange, bis der Dämon ihn endlich wieder ansah. „Bringst du uns nach Hause, Engel?“

Zurück in der Buchhandlung brachte Erziraphael Crowley nach oben. Soll ich uns eine heiße Schokolade machen? Kannst du dann besser schlafen?“ „Vielleicht, ja. Das wäre schön.“ Als der Engel bald darauf mit einem Tablett und einer vollen Umhängetasche wieder nach oben kam, saß der Dämon im Bett, ans Kopfende gelehnt und mit aufgestellten Beinen. Er hatte das Foto in der Hand, das auf seinem Nachttisch stand, das von der Eröffnung der Kinderbuchhandlung. „Wir haben nicht einmal ein Foto von uns“, sagte er, als er den Bilderrahmen zurückstellte und nach dem Becher griff, den der Engel ihm reichte. „Wenn einem von uns etwas passieren würde, hätte der andere nicht einmal ein Bild zur Erinnerung.“ Erziraphael hörte genau hin und versuchte, zwischen den Zeilen zu lesen, was Crowley an diesem Abend am meisten beschäftigte. Er hatte sich zu ihm ans Fußende gesetzt, hielt seine Schokolade in beiden Händen und pustete automatisch darauf, obwohl sie sicher längst Trinktemperatur hatte. Dann glaubte er zu verstehen. „Du machst dir Sorgen wegen Mittwoch.“ Er wartete vergeblich auf eine Antwort. Er stellte seinen Becher weg und griff stattdessen nach Crowleys Füßen. Er zog sie auf seinen Schoß und zog ihm die Strümpfe aus. „Auf dem Heimweg hast du wieder gehumpelt, oder?“ Der Dämon nickte und starrte in seinen Becher. „Weißt du, Liebling: Man darf auch vor etwas Angst haben, das man für richtig und unvermeidlich hält. Was beunruhigt dich am meisten? Misstraust du Furfur?“ Nach einem weiteren großen Schluck Schokolade sah Crowley ihn an. „Ich werde mich nicht bei dir darüber ausheulen, dass ich Angst vor einer Mission habe, die dir selbst Sorgen macht und die du mir am liebsten ausreden würdest. Dass ausgerechnet du mir dafür Mut machst, kann ich ja wohl schlecht verlangen.“ Er trank seinen Becher leer und stellte ihn etwas heftiger ab, als er gewollt hatte. Währenddessen hatte der Engel aus seinem Beutel die Tube mit der Salbe und eine Fußcreme genommen und auch Crowleys zweiten Fuß vom Strumpf befreit und in seinen Schoß gebettet. Während er begann, sorgfältig und geduldig seine Füße zu massieren und einzucremen, knüpfte er an seine Frage an, ohne auf den letzten Satz des Dämons einzugehen. „Ich habe während der Verhandlungen gelernt, Furfur zu respektieren und ihm zu vertrauen. Er hat sich sehr für die Dämonen eingesetzt, immer für seine Leute, nicht für die Hölle als Institution.“ Er schaute von den Füßen auf und Crowley in die Augen. „Ich halte ihn nicht für einen Revanchisten. Ich müsste mich sehr täuschen, wenn er ein anderes Ziel hätte als ein friedliches Miteinander oder Nebeneinander der drei Welten. Er ist in der Delegation nicht ein einziges Mal als Heerführer oder Kämpfer aufgetreten, sondern immer als kluger Stratege und glaubwürdiger Anwalt seiner Welt.“

„Er ist es auch nicht, der mir Sorgen macht. Es ist die Ungewissheit. Wir nehmen nur an, dass Arwens Vater in diesem Lager ist oder war. Wir wissen nicht, wer es bewacht oder wer dort sonst noch einsitzt neben den Menschenfreunden. Und wir wissen nicht, ob die Nachrichten von der Erde dort bereits bekannt sind. Wir können nichts planen, nur wachsam sein und uns auf möglichst viele Szenarien vorbereiten.“ Er schüttelte den Kopf. „Jetzt belaste ich dich ja doch damit!“ „Du belastest mich nicht.“ Erziraphael unterbrach sein Verwöhnprogramm für Crowleys Füße nicht, als er antwortete. „Du bist aber nicht allein. Ihr wisst, dass ihr euch aufeinander verlassen könnt. Ihr habt beide Erfahrung in brenzligen Situationen und ihr seid ein eingespieltes Team.“ Crowley lachte, endlich. „Das hätten wir uns auch nicht träumen lassen, dass du mal eine Lobeshymne auf Gabriel singst und ich nicht mal widerspreche, oder?“ Er zeigte auf seine Füße. „Fertig?“ Erziraphael strich noch ein letztes Mal darüber, dann ließ er sie los. „Fertig.“ Er stand auf, räumte die Utensilien weg, zog sich um und schlüpfte zu Crowley unter die Decke. „Wirst du jetzt schlafen können, Liebling?“ „Ja, ich denke.“ Der Dämon griff nach der Hand des Engels. „Danke Engel, danke fürs Du-Sein. Schlaf du auch gut.“