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Wetterleuchten - Tag 17, Montag

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Wetterleuchten - Tag 17, Montag

Crowley war, wie an jedem Montag, früh mit Hexe zur Grundschule aufgebrochen und Erziraphael nutzte die Zeit für Internetrecherchen. Er wollte überprüfen, ob in den Medien bereits Andeutungen über die Engel und Dämonen auf Abwegen zu finden waren, oder sogar Berichte über die Briefe des Britannia-Chapters. Wann immer keine Kundschaft im Buchladen oder am Telefon war, sah Muriel ihm dabei über die Schulter und unterstützte ihn bei der Suche. Noch war der Computer nicht zu seinem Freund geworden, aber er hatte immerhin eine gewisse Sicherheit im Umgang mit den gängigen Suchmaschinen und den Seiten der großen Nachrichtensender und überregionalen Tageszeitungen gewonnen.

Als er sich zum ersten Mal seufzend zurücklehnte, die Lesebrille abnahm und sich die brennenden Augen rieb, hörte er nach der Glocke eine bekannte Stimme im Laden. Erfreut stand er auf, um Sarah zu begrüßen. Die war früher am Morgen Zeugin einer sehr unschönen Szene zwischen ihrem Mann und dem Auszubildenden geworden und verspürte nun den Drang, in der Buchhandlung ihres Lieblingskunden nach dem Rechten zu sehen. Sie hatte Muriel mitfühlend umarmt und Erziraphael amüsierte sich still über ihre Begrüßung. „Ach, Mädchen“, hatte er sie sagen hören, „das habt ihr nicht verdient. Es war eine so wunderbare Veranstaltung!“ Auch ihn umarmte die Frau des Schreiners, bevor sie sich suchend umsah. „Ist Mr. Crowley gar nicht da?“ Die Engel berichteten von seinem Engagement in der Grundschule, was von Sarah mit heftigem Nicken kommentiert wurde. „Dass so reizende Menschen wie Sie solche Angriffe über sich ergehen lassen müssen, ist ein Skandal!“, verkündete sie voller Überzeugung. Dann griff sie in den Korb, den sie auf der Verkaufstheke abgestellt hatte und wedelte mit einer prall gefüllten Papiertüte. „Ich habe Trost und Wiedergutmachung in Form von Kohlehydraten dabei. Sie haben hoffentlich noch nicht gefrühstückt?“ Sie war mindestens ebenso resolut wie Muriel, wenn es um Fürsorge für all die ging, die sie als Freunde betrachtete. Im Handumdrehen standen Kaffee und Tee sowie Teller für das spendierte Gebäck auf dem Tisch und sie setzten sich zum gemeinsamen Frühstück. „Haben Sie schon Anzeige erstattet?“, fragte Sarah kauend. Als die Engel das verneinten, klopfte sie energisch auf den Tisch. „Sie müssen sich wehren!“ Nach einem Schluck Kaffee fragte sie: „Hat sich das nur in den Sozialen Medien abgespielt oder haben Sie auch Briefe oder Mails bekommen?“ „Nein, aber auf dem Anrufbeantworter hatten wir noch ein paar unschöne Nachrichten“, antwortete Muriel. „Neben sehr tröstenden und aufmunternden Worten, wie von Ihrem lieben Mann“, beeilte sich Erziraphael zu ergänzen. „Wenn sich das nicht wiederholt, werden wir wahrscheinlich nichts unternehmen“, fügte er hinzu. Er sah Sarahs missbilligendes Gesicht und erklärte: „Es hat Crowley tief getroffen, dass unsere Kunden und Freunde da mit hineingezogen wurden. Sie wurden ebenso beschimpft wie wir und man hat ihnen die schrecklichsten Vorwürfe gemacht.“ Sarah schien auf weitere Erklärungen zu warten. „Wir möchten keinen neuen Anlass bieten, um Hass und Häme über Unbeteiligte auszuschütten.“ Sie legte ihm mütterlich eine Hand auf den Unterarm. „Hassprediger besiegt man nicht mit Rücksichtnahme, Erziraphael. Glauben Sie mir: früher oder später werden Sie den Fehdehandschuh aufnehmen müssen.“ „Sarah“, er beugte sich etwas zu ihr herüber und legte seine Hand auf ihre. „Das war ein begrenztes Ereignis, eine Welle von Hass, die sich wieder verlaufen hat. Unsere Freunde und Nachbarn haben uns den Rücken gestärkt und wir werden in Zukunft etwas vorsichtiger sein.“ Er sprach sehr bestimmt, als er fortfuhr: „Ich werde nicht riskieren, eine ganze Schmutzkampagne heraufzubeschwören, insbesondere weil ich keine Vorstellung davon habe, welche Verbreitung so etwas finden könnte. Ich kann nicht erwarten, dass die Solidarität unseres Umfelds dauerhaft aufrechterhalten wird, falls die öffentliche Meinung sich gegen uns richtet.“ Sie konnte ihr Mitleid nicht verbergen, blieb aber fest in der Sache. „Wenn Sie sehen wollen, wer auf Ihrer Seite in die Schlacht zieht, müssen Sie losmarschieren!“ Der Buchhändler presste die Lippen aufeinander und schwieg. Sie sah ein, dass sie ihn an diesem Morgen nicht überzeugen würde, und wandte ihre Aufmerksamkeit Muriel zu. „Ich glaube, Alec hat heute das Lieferdatum für Ihre Fenster genannt bekommen, Liebes.“ Der Buchhändler kannte Sarah bisher vor allem als energische, tatkräftige und durch und durch moderne Frau. Ihre Herzlichkeit hatte üblicherweise eher etwas Burschikoses, aber irgendetwas an Muriel bewegte sie offensichtlich dazu, sich mütterlicher, fast gouvernantenhaft, auszudrücken. Fast hatte Erziraphael erwartet, sie würde Muriel „Kindchen“ nennen. Er konnte sich das Lächeln nicht verkneifen. „Er will nach Feierabend vorbeikommen und alles Weitere mit Ihnen besprechen.“ Sie verwickelte Muriel in ein Gespräch über ihre Pläne für den Buchladen, fragte sie nach ihren Ideen für die Wohnung aus und kam dann zurück zu den Samstags-Lesungen. „Es hat uns wirklich allen ausnehmend gut gefallen. Wir waren ja vor allem aus Neugier gekommen“, räumte sie freimütig ein. „Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass eine Veranstaltung für Kinder uns so beeindrucken könnte, aber es war einfach außergewöhnlich.“ Sie war eindeutig ins Schwärmen gekommen, wie der Buchhändler amüsiert bemerkte. „Mr. Crowley hat eine ganz besondere Stimme“, fuhr sie gerade fort. Sie warf Muriel einen verschwörerischen Blick zu und beugte sich vertraulich vor, bevor sie leise ergänzte: „Stellenweise habe ich Gänsehaut bekommen.“ Erziraphael musste an Alecs Befürchtung denken, die Frauen der Familie könnten Crowley demnächst stalken. Er begann, die Warnung des Schreiners zu verstehen, und war nun ganz froh, dass der Dämon nicht hier war. Ohne jeden Zweifel wäre ihm so viel unverhohlene Aufmerksamkeit eher unangenehm gewesen. In diesem Moment ging die Ladentür und Muriel sprang auf, um sich um die Kunden zu kümmern. Das nahm Sarah zum Anlass, ebenfalls aufzustehen. „Denken Sie noch einmal über meinen Rat nach“, sagte sie eindringlich. „Ich wünsche Ihnen natürlich, dass Sie Recht behalten und das ein einmaliges Vorkommnis war. Aber meine Erfahrung sagt, dass der Mob sich meist in seine Opfer verbeißt und nicht freiwillig von ihnen ablässt.“ Sie fasste den Engel am Arm: „Überlassen Sie denen nicht das Feld, Erziraphael.“ Nach dieser Mahnung, der sie einen beschwörenden Klang gegeben hatte, lächelte sie plötzlich wie ein junges Mädchen. „Grüßen Sie bitte Mr. Crowley ganz herzlich von uns, besonders von den Mädchen, die haben ja so von ihm geschwärmt!“ Der Buchhändler ließ sich zum Abschied umarmen und versprach, die Grüße auszurichten.

Bevor er dazu gekommen wäre, sich wieder an den Computer zu setzen, klingelte das Telefon und er nahm den Anruf entgegen, weil er hörte, dass Muriel gerade jemanden beriet. Umael meldete sich und hielt sich nicht mit einer Begrüßung auf. „Wir möchten uns mit dir beraten, könnten wir im Laufe des Tages herunterkommen?“ Erziraphael wappnete sich instinktiv für weitere schlechte Nachrichten. „Ich habe keine anderen Pläne, ihr seid jederzeit willkommen“, antwortete er sofort. „Wer gehört alles zu ‚wir‘?“, fragte er immerhin nach. „Nur Jesus und ich, Berechiel ist gerade nicht abkömmlich. Können wir auch mit Crowley sprechen?“ Der Engel wunderte sich nur kurz über diesen Wunsch, da wurde schon der nächste geäußert. „Es wäre auch gut, wenn ihr Sariel dazu bitten könntet.“ Erziraphaels Sorge verfestigte sich. „Crowley müsste um 13.00 Uhr wieder hier sein“, antwortete er und widerstand der Versuchung, Umael mit Fragen zu überhäufen. „Ich werde Sariel fragen, ob er dann ebenfalls zu uns kommen kann. Ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, wie sein Tagesablauf aussieht, wir haben uns noch nicht in Ruhe unterhalten können, seit ich wieder hier bin.“ Offenbar war Umael in Eile, denn nach einem gemurmelten „gut!“ legte er ohne Abschied einfach auf.

Der ehemalige Erzengel starrte auf den Hörer in seiner Hand und fragte sich besorgt, was das bedeuten konnte. Er schrak auf, als Muriel ihm den Hörer sanft aus der Hand nahm und ihn auf die Gabel legte. „Was ist geschehen?“, erkundigte sie sich. „Ich weiß es nicht. Umael und Jesus wollen heute noch kommen und sie wollen ausdrücklich auch mit Crowley und Sariel sprechen.“ Er wirkte hilflos. „Denkst du, Sariel ist zuhause?“ Muriel nickte. „Aber er wollte heute Nachmittag an die Uni gehen, soll ich ihn für dich anrufen?“ Der Buchhändler schüttelte den Kopf. „Ich denke, ich gehe vorbei. Ein Spaziergang hilft mir hoffentlich, meine Gedanken zu ordnen.“

***

Der kurze Weg durch die frische Luft zu Sariels Wohnung hatte ihm gutgetan. Der ehemalige Archivengel war zwar völlig überfordert davon gewesen, plötzlich seinen früheren Vorgesetzten in seiner Wohnungstür stehen zu sehen, hatte sich aber schnell gefangen, als Erziraphael sein Anliegen vorgebracht hatte. Er hatte zusagt, an dem Gespräch teilzunehmen, und die Tür so schnell wieder geschlossen, dass jeder Mensch das als ausgesprochen rüde empfunden hätte. Aber der Erzengel a. D. hatte während ihrer engen Zusammenarbeit gelernt, dass sein damaliger Assistent zwar hochintelligent, mutig und unbedingt loyal war, dass seine sozialen Kompetenzen jedoch nicht besonders ausgeprägt waren. Alles Körperliche war ihm fremd. Soweit Erziraphael wusste, hatte er noch immer keinerlei Nahrung gekostet, und Nähe, erst recht Berührungen bereiteten ihm sichtbares Unbehagen. Obwohl er den intellektuellen Austausch mit anderen genoss und zweifellos zu Emotionen wie Wertschätzung und Bewunderung fähig war, überforderten ihn öffentlich gezeigte Zuneigung und jede Art von Körperkontakt. Erziraphael hatte deswegen nicht damit gerechnet, dass Sariel ihn hereinbitten würde, aber neugierig auf seine Wohnung wäre er schon gewesen.

Mit diesen Überlegungen hatte er sich erfolgreich von seinen Sorgen abgelenkt, während er auf dem Rückweg war. Sobald er jedoch die Ladentür geöffnet hatte, krampfte sich sein Magen zusammen. „Crowley!“ Er eilte zum Verkaufstresen, auf dem Crowley sein Gesicht in seinen Armen verborgen hatte. Rechts und links von ihm standen Muriel und Arwen, schon ihre Körperhaltung drückte Sorge und Hilflosigkeit aus. Muriel hatte sich über den Dämon gebeugt und schien ihm gut zuzureden, aber er reagierte nicht. „Was ist passiert, um Gottes Willen?“ Muriel trat zur Seite und überließ Erziraphael ihren Platz, der sofort einen Arm um Crowleys Schultern legte und mit der anderen Hand nach der des Dämons griff. „Wir wissen es nicht. Er kam mit Hexe zurück und sah aus, als hätte er einen Geist gesehen. Dann hat er sich so da hingestellt und reagiert seitdem auf keine von uns.“ „Crowley, Liebling, was ist geschehen?“ Der Engel sah sich nach Hexe um, und entdeckte sie auf der anderen Seite des Tresens, von wo sie Crowley im Blick behielt und gelegentlich kläglich winselte. Er schob vorsichtig seine Finger unter das Gesicht des Dämons und versuchte, es zu sich herumzudrehen. „Ist etwas mit einem der Kinder?“ Er glaubte, eine Andeutung von einem Kopfschütteln in seiner Hand zu fühlen. „Etwas mit einem unserer Freunde?“ Diesmal antwortete ihm unzweifelhaft eine kleine Bewegung des Kopfes. „Ist dir etwas zugestoßen? Hattest du einen Unfall?“ Endlich hob Crowley den Kopf von den Armen und sah zu Erziraphael auf. Er war erschreckend blass und wirkte fast apathisch. „Bitte Liebling, sprich mit mir. Kann ich etwas tun?“ Ein Kopfschütteln. „Gibt es schlechte Nachrichten?“ Auf einmal durchzuckte ihn ein Gedanke. „Ist etwas mit Hannah oder ihren Eltern?“ Er gab sich die Antwort gleich selbst: „Nein, dann wärst du schon auf dem Weg zu ihnen.“ Der Dämon öffnete den Mund, aber es dauerte lange, bis er endlich Worte formte. „Emma und ihr Bruder“, flüsterte er, „und der kleine Robin.“ Dann ließ er seinen Kopf wieder auf seine Arme sinken. „Oh nein!“ Mit plötzlicher Gewissheit sagte der Engel: „Sie sind nicht gekommen. Ist es das?“ Es erschien ihm wie eine Ewigkeit, bis Crowley sich endlich aufrichtete. „Abgemeldet. Robins Eltern und die Mutter von Emma und Dave haben sie abgemeldet.“ Erziraphael erinnerte sich, dass der Dämon ihm von Robin erzählt hatte. Es war eines der Kinder, das ihm besonders ans Herz gewachsen war. Er hatte einen jüngeren Bruder, der an Leukämie litt, und die Krankheit bestimmte vollständig den Alltag der Familie. Der Engel dachte an Crowleys Worte: „Die halbe Stunde mit Hexe ist der einzige Moment der Woche, wo es nur um ihn geht, wo er im Mittelpunkt steht. Das tut ihm so gut.“ Geduldig wartete er, bis Crowley weitersprach. „Die Direktorin hat mich schon damit begrüßt, hat gesagt, dass es ihr leid tut. Robins Dad hat wohl angekündigt, sie wollen abwarten, wie sich die Geschichte entwickelt, und erstmal aussetzen.“ Nach einer Pause ergänzte er: „Die Mutter von Emma und Dave hat ihr sogar mit einer Anzeige gedroht, weil sie ihre Kinder ‚homosexueller Beeinflussung‘ ausgesetzt hat.“

Die beiden Engel und die Halb-Dämonin sahen sich fassungslos an. „Das ist unglaublich“, entrüstete sich Arwen. „Glauben die, du missionierst? In der Grundschule!?“ Muriel sagte nur: „Es tut mir so leid, Großer“, und strich ihm über den Rücken. Dann nickte sie Arwen zu und die beiden Frauen zogen sich zurück. Schweigend beschäftigten sie sich mit der Auslage im Schaufenster. „Sollen wir nach hinten gehen?“, fragte Erziraphael. „Oder möchtest du vielleicht nach draußen?“ „Bett“, war die einsilbige Antwort und der Engel sah ihm an, dass er tatsächlich völlig erschöpft war. Die Nachricht hatte ihn vollkommen unvorbereitet getroffen und zutiefst erschüttert. „Dann komm“, Erziraphael hielt ihm eine Hand hin, „ich bringe dich hoch.“ Bevor er hinter Crowley die Treppe betrat, drehte er sich zu den Frauen um. „Arwen, entschuldige, ich habe dich nicht einmal begrüßt.“ Sie winkte ab. „Ruf uns, wenn wir helfen können“, war alles, was sie sagte. Der Dämon schleppte sich förmlich die Treppe hinauf und er humpelte wieder, bemerkte Erziraphael, der zwei Stufen hinter ihm folgte. Oben angekommen, ging Crowley ins Schlafzimmer, setzte sich aufs Bett und sank einfach um. Er hatte die Augen geschlossen und sagte kein Wort. Der Engel hockte sich vor ihm hin und zog ihm die Schuhe aus, dann hob er seine Beine ins Bett. Crowley ließ es geschehen und zeigte keinerlei Reaktion. Erziraphael zog den Stuhl näher heran und setzte sich ans Kopfende des Bettes. „Ruh dich aus, Liebling. Ich bleibe hier bei dir.“ Er hatte seine Hand neben Crowleys auf die Bettdecke gelegt und der Dämon schob seine darunter. Er seufzte leise, als der Engel begann, sie mit langsamen, kleinen Bewegungen zu streicheln, davon abgesehen war nicht zu erkennen, ob er schlief oder wach lag. Mindestens eine halbe Stunde war vergangen, als er „Engel?“ flüsterte. Erziraphael beugte seinen Kopf näher zu ihm, damit ihm nichts entging. „Kannst du nochmal meine Füße massieren, bitte? Und das Lied summen, das den Kopf leer macht?“ „Natürlich, Liebling.“ Der Engel war unvorstellbar froh, dass Crowley ihn um etwas bat, dass er etwas für ihn tun konnte. Er küsste ihn auf die Stirn und begann dann, die Melodien zu summen, mit denen Engel Alpträume und schlimme Erinnerungen fernhalten können. Als Nächstes zog er ihm die Strümpfe aus und holte aus dem Bad das duftende Öl für seine Füße. Liebevoll und ausgiebig knetete er anschließend Zehen, Spann, Sohlen und Knöchel, immer wieder von der Spitze bis zur Ferse streichend und nach Verspannungen tastend. Sehr viel später bedeckte er beide Füße mit Küssen, bevor er schließlich die Decke über den Dämon zog und ans Kopfende zurückkehrte. Dort blieb er sitzen, summend und Crowleys Wangen streichelnd, bis es an der Tür klopfte. Auf sein leises „Herein“ streckte Muriel den Kopf durch den Türspalt. „Jesus und Umael sind gerade gekommen“, flüsterte sie. „Sariel ist schon eine ganze Weile da. – Soll ich ihnen sagen, dass ihr heute nicht könnt?“ Erziraphael hatte schon genickt, als Crowley plötzlich „Wir sind gleich da“ murmelte. Er schlug die Augen auf, die jetzt wenigstens wieder klar waren, wie der Engel erleichtert feststellte. „Ist ok, Engel“, sagte er leise und setzte sich dann im Bett auf. „Geht wieder. Dank dir. Bereit für die nächste Hiobsbotschaft.“ Er sah abwartend zu Muriel, bis sie verstand, eilig „Entschuldigung, bin schon weg“ rief und die Tür hinter sich zuzog. Wenige Minuten später waren die Männer unten und begrüßten die Besucher. Jesus stand von seinem Stuhl auf, um Crowley zu umarmen. Er sah ihn prüfend an, nickte dann aber und sagte: „Es tut gut, dich zu sehen.“ Umael hatte zuerst Erziraphael begrüßt, reichte nun auch Crowley die Hand und sagte voller Anteilnahme: „Muriel hat kurz berichtet, wie übel euch mitgespielt wurde und was du heute erfahren musstest. Lass mich bitte wissen, wenn wir etwas für dich tun können.“ Er bemerkte das ungläubige Staunen nicht, mit dem der Dämon ihn anstarrte, der sich weniger über die Worte wunderte als vielmehr darüber, dass das Angebot offenkundig nicht nur ihm und Erziraphael als Paar oder ihm als Partner des ehemaligen Erzengels galt, sondern ihm, dem Dämon, ihm als Individuum. Sein ohnehin schon ausgeprägter Respekt vor dem hochrangigen Engel wuchs weiter. Als alle saßen, ergriff Umael auf ein Zeichen Erziraphaels hin das Wort.

„Wir sind hier, um euch auf dem Laufenden zu halten und um eure Meinung zu bitten. Es geht um die Androhung eines weltweiten Putsches durch die nationalen Winged Pride-Chapter. Wir haben über die diplomatischen Kanäle die Internationalen Organisationen und soweit möglich, alle souveränen Staaten kontaktiert. Die Behauptung der Engel, dass sie in jedem Land einen Verband gegründet haben, lässt sich bisher nicht verifizieren, aber es dürfte zum jetzigen Zeitpunkt keine Regierung mehr geben, die nicht über die Gefahr eines gewalttätigen Umsturzes informiert wäre. Es gibt erste öffentliche Andeutungen, dass eine umfassendere Gefahr von Unsterblichen ausgehen könnte als die gewohnte Kriminalität von Rockerbanden oder die Bedrohung durch rassistisch-nationalistische Organisationen. Es grenzt an ein Wunder, dass noch keiner der Briefe veröffentlicht wurde.“ Umael sah seine Zuhörer nicken und fuhr fort. „Die Mehrheit der Staaten haben letzte Nacht vereinbart, morgen mit einer gemeinsamen Erklärung an die Öffentlichkeit zu gehen. Diesem Verfahren haben sich alle Demokratien, aber auch viele weitere Länder weltweit angeschlossen. Einige wenige Diktaturen oder autoritär geführte Staaten sind der Meinung, die Nachricht ließe sich weiterhin geheim halten.“

„Wir wissen, dass ihr die Tragweite dieser Entscheidung versteht“, warf Jesus ein, woraufhin wieder alle nickten. „Morgen wird die Welt eine andere sein“, Crowley sprach aus, was alle dachten. „Schon wieder.“ Erziraphael hatte eine Frage: „War der Himmel an diesem Beschluss beteiligt? Gibt auch er diese Erklärung heraus?“ Jesus und Umael nickten. „Die Regierenden haben fast ausnahmslos signalisiert, dass sie weder den Himmel noch die Mehrheit der Engel für verantwortlich für diese Bedrohung halten. Und sie wissen, dass wir zusätzlich noch eine eigene Erklärung herausgeben werden, in der wir die Gründung von Winged-Pride-Geheimgesellschaften und insbesondere die Androhung eines Putsches uneingeschränkt verurteilen.“ „Am meisten Sorge macht mir, worüber ihr bisher noch kein Wort verloren habt“, ließ sich Crowley vernehmen. „Ich hoffe doch sehr, dass das nicht den Grund hat, den ich befürchte.“ Er hatte dabei Jesus angeschaut und dessen Gesicht gab ihm die Antwort, noch bevor Umael Luft geholt hatte. Ruckartig schob der Dämon seinen Stuhl zurück und stand auf. „Leider doch. Der UN-Sicherheitsrat hat darauf bestanden, Unten bei den Beratungen außen vor zu lassen. Die Menschen vertrauen der Hölle nicht. Wir konnten sie bisher nicht einmal davon überzeugen, sie wenigstens über diese Drohbriefe zu informieren.“ Während der Antwort des Engels war Crowley erregt auf und ab gegangen, als Umael schwieg, blieb er stehen, stützte sich mit beiden Händen auf dem Tisch ab und fragte: „Euch ist schon klar, wie die Hölle das verstehen wird, oder?“ Jesus hatte sich ebenfalls erhoben und versuchte, ihn zu besänftigen: „Crowley bitte, Umael ist nicht dein Gegner, das weißt du!“ Der Dämon überging das mit einem unartikulierten Geräusch. „Natürlich, aber danach wird keiner fragen, wenn ein Bürgerkrieg losbricht. Wenn die Dämonen erkennen, dass die Menschheit ihnen nicht traut, sie unter einen Generalverdacht stellt, und dass sie von überlebenswichtigen Informationen ausgeschlossen werden, an gemeinsamen Entscheidungen von Himmel und Erde nicht beteiligt werden, dann ist der überweltliche Vertrag das Papier nicht mehr wert, auf dem er gedruckt ist.“ Frustriert trat er heftig gegen ein Tischbein. „Ich habe schlechte Nachrichten für die himmlisch-menschliche Koalition, Umael!“ Er stand jetzt dicht vor dem Engel und sah ihm direkt in die Augen. „Die Hölle weiß es nämlich schon!“ Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und begann dann wieder, ruhelos durch den Raum zu wandern. „Was soll das heißen, die Hölle weiß es schon?“ Selbst Umael war jetzt laut geworden. „Ihr habt doch nicht etwa…?“

„Genug!“ Es war schon erstaunlich, dass die erhitzten Gemüter die leise Mahnung aus dem Mund des Gottessohns überhaupt gehört hatten. Dass sie alle daraufhin von einem auf den anderen Augenblick verstummten, war nur damit zu erklären, dass seine Autorität gegenüber allen Geschöpfen Gottes uneingeschränkt intakt war. „Danke, Freunde“, fuhr er ebenso leise fort, „bitte setzt euch wieder.“ Er seufzte. „Ich weiß, dass aus euch nur die Sorge spricht, und ich weiß, dass ihr ein- und dasselbe für diese Welt wollt. Auch über den Weg werden wir uns einig werden.“ Er lächelte, aber auch ihm war anzumerken, dass die neuesten Entwicklungen und endlose Diskussionen auf höchster Ebene ihren Tribut forderten. Crowley dachte: „Er ist und bleibt ein Mensch, ein Sterblicher“, auch wenn er immer noch nicht verstand, wie das möglich war. „Entschuldige“, sagte er, sagte es auch noch einmal zu Umael, der ihm zulächelte. „Um deine Frage zu beantworten:“, Crowley klang nun wieder vollkommen sachlich, „doch, genau das haben wir. Vergesst bitte nicht, dass wir vor euch von diesen Briefen erfahren haben. Wir haben mit Bee und Gabriel beratschlagt und Bee hat Furfur in Kenntnis gesetzt, kurz nachdem Erziraphael dich informiert hatte.“ „Das hat uns gerade noch gefehlt, war die Lage nicht kompliziert genug?“ Umaels Stoßseufzer kam aus tiefstem Herzen. „Ich bin sehr froh, dass ihr das getan habt.“ Alle Köpfe wandten sich Jesus zu, verwundert über diese Aussage. „Umael, alter Freund, das ist die perfekte Lösung, siehst du es nicht?“ Seinem verwirrten Blick nach zu urteilen, sah Umael es zweifellos nicht. „Wir waren doch von Anfang an der Meinung, dass auch die Hölle eingeweiht werden müsse.“ Die Freunde sahen zwischen Jesus und Umael hin und her wie bei einem Tennis-Match zwischen den Spielern.

„Ja, aber dann haben wir zugesagt, auf die Kontaktaufnahme zu verzichten.“

–     „Und daran haben wir uns gehalten. Wir hatten keine Möglichkeit, die Information Furfurs zu verhindern.“

„Aber Furfur hat es nicht von offizieller Seite erfahren. Wenn wir uns nicht bei ihm melden, wird er erkennen, dass wir ihn übergehen wollten. Damit ist ein Konflikt unvermeidbar.“

–     „Deshalb müssen wir uns jetzt bei ihm melden. Einen Konflikt mit der Hölle wollen schließlich auch die Menschen unbedingt vermeiden.“

Jesus, die Engel und der Dämon grinsten bereits erleichtert, während Umael noch in einem Denkmuster gefangen war, das ihn die Lösung nicht sehen ließ.

–     „Umael, es ist so einfach: Unsere Freunde haben uns die perfekte Ausrede geliefert, warum wir die Hölle trotz anderslautender Absprachen unbedingt informieren mussten. Sobald das geschehen ist, lassen wir die Menschen wissen, dass die Hölle Bescheid weiß. Und dann kehren drei Parteien an den Verhandlungstisch zurück. So, wie wir es von Anfang an wollten.“ Jesus strahlte so viel Zufriedenheit aus, dass sie beinahe die Müdigkeit in seinen Zügen verdeckte.

Endlich lächelte auch Umael. „Da habe ich wohl gründlich auf der Leiter gestanden“, räumte er ein, und verstand nicht, warum die anderen in Gelächter ausbrachen. „Was ist daran so lustig? Das ist eine Redewendung der Menschen!“, brummte er vorwurfsvoll. „Leitung, Umael, Leitung, nicht Leiter!“ Muriel hatte sich erbarmt und Umael aufgeklärt, während die anderen – dankbar für die entspannende Wirkung des Lachens – noch ein Weilchen weiterkicherten. „Bevor wir zu dem kommen, was wir eigentlich mit euch besprechen wollten, sollten wir unter diesen Umständen wohl auch Bee und Gabriel einladen“, sagte Jesus schließlich, vom Lachen noch etwas außer Atem. „Ich nehme an, nur Bee hat den direkten Kontakt zu Furfur.“ Crowley nickte und zückte sein Telefon. „Wird sofort erledigt!“ „Wenn wir jetzt sowieso warten, dann können wir auch etwas essen“, entschied Muriel. „Jesus, das wird dir schmecken. Ben und Hannah haben uns selbstgemachte Mezze mitgebracht und davon ist noch was übrig. Und von Maggie und Nina haben wir auch noch Spenden im Kühlschrank.“ „Essen! Muriel, das ist eine wunderbare Idee. Ich habe nichts mehr gegessen, seit wir uns zuletzt gesehen haben. Darf ich dir helfen?“ Nicht nur Jesus war aufgestanden, auch alle anderen nutzten die Gelegenheit, sich zu bewegen und etwas Praktisches zu tun, und so war der Tisch schon fast fertig gedeckt und mit allem beladen, was der Kühlschrank hergegeben hatte, als Crowley zurück an den Tisch kam und ankündigte: „Sie lassen alles stehen und liegen und sind gleich da.“ Nach einem Blick auf den Tisch verschwand er kurz und kehrte mit zwei Flaschen Rotwein zurück, die er gleich beide entkorkte. „Sariel, ich hoffe, es macht dir nicht allzu viel aus, uns beim Essen zuzusehen?“, fragte er. Der Engel schüttelte den Kopf. „Solange ihr nicht versucht, mich ebenfalls zum Essen zu überreden, habe ich damit kein Problem.“