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Wetterleuchten (Teil 2)

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Wetterleuchten (Teil 2)

Bee und Gabriel hatten sich ihre Überraschung nicht anmerken lassen, als sie die Teilnehmenden des angekündigten Krisen-Gesprächs an einer üppig ausgestatteten Tafel angetroffen hatten. Die Freunde wechselten sich dabei ab, ihnen zwischen zwei Bissen und einem Schluck Wein alles Wichtige zu berichten, um anschließend auf Basis eines einheitlichen Kenntnisstands beratschlagen zu können. Nachdem der erste Hunger gestillt war, hatten Umael und Jesus vorgebracht, weshalb sie ursprünglich um dieses Treffen gebeten hatten: Weil sie zwar eine relativ genaue Vorstellung davon hatten, wie bisher ahnungslose Engel reagieren würden, wenn am nächsten Tag die gleichlautenden Verlautbarungen der menschlichen Regierungen und des Himmels veröffentlicht würden (sie würden sich mehrheitlich genau an das halten, was von ihnen verlangt wurde, nämlich weiterhin ihre Aufgaben erfüllen, friedlich bleiben und jedem Konflikt aus dem Weg gehen), aber keinesfalls sicher waren, was von den Menschen und den Dämonen zu erwarten war, wenn sie von diesen beunruhigenden Neuigkeiten erfuhren. Hierzu hatten sie die Meinung derer einholen wollen, die die Erde zweifelsfrei – nach den Menschen – am besten kannten. Mit Crowley hatten sie zudem noch einen Dämon befragen wollen, der nicht der höllischen Führung angehört hatte, weshalb sie damit nicht gegen die Vereinbarung mit der UN verstoßen hätten.

***

Das Gespräch hatte lange gedauert, sie hatten alle halbwegs wahrscheinlichen Szenarien durchgespielt und über die jeweils angemessene Reaktion diskutiert, hatten versucht, vorherzusehen, wie Individuen, Gruppen, Institutionen, Freunde und Feinde mit der jeweiligen Lage umgehen würden, welche Auswirkungen das auf die Gesamtsituation haben konnte, und, und, und. Nicht einmal die Option, dass Gott oder Satan oder gleich beide zurückkehren könnten, hatten sie ausgeschlossen. Schließlich waren sie alle redlich erschöpft, immer noch besorgt (alles andere wäre auch grob fahrlässig gewesen), aber wenigstens insofern beruhigt, dass sie vermutlich an alles gedacht hatten, woran man bei diesem Stand der Dinge denken konnte, und dass voraussichtlich kein Szenario sie völlig unvorbereitet treffen würde. An diesem Punkt stand Umael auf und wartete, bis die Gespräche um ihn herum verstummten. „Dann ist es jetzt an der Zeit, mit Furfur zu sprechen, denke ich. Lord Beelzebub, wäret Ihr so freundlich, ihn für uns anzurufen?“ So wie Sariel bereitete es auch ihm nach wie vor Probleme, die ehemalige Höllenfürstin mit ihrem selbstgewählten Spitznamen anzusprechen, aber sie sah es auch ihm nach. Sie zog ihr Handy heraus, loggte sich in das Netz der Hölle ein und wählte Furfurs Nummer. Ihr Augenrollen ließ vermuten, dass er sie auch diesmal mit einem sarkastischen Spruch begrüßt hatte, sie aber nicht gewillt war, Zeit mit Sticheleien zu vergeuden. „Genau die, lieber Furfur. Wir sitzen hier mit Jesus, Crowley, Erziraphael, Umael und zwei weiteren befreundeten Engeln und diskutieren die Putschdrohung der Winged Pride-Idioten. Der Himmel möchte dich über die aktuellen Pläne informieren. Ich stelle auf Lautsprecher, sie können jetzt mithören.“ Sie hielt das Telefon Umael hin, es war aber Jesus, der danach griff. „Hallo Furfur, wie schön, dass wir dich gleich erreicht haben.“ Die lauschende Gruppe hörte zunächst nur Schweigen, dann ein Räuspern und schließlich Furfurs Stimme, die ungewohnt respektvoll klang: „Herr? Seid Ihr es, Lord Jesus?“ Rund um den Esstisch wurden verwunderte Blicke getauscht. „Ich bin es, aber auch meine ehemaligen Titel sind in der neuen Weltordnung nicht mehr von Bedeutung. Ich möchte dir in aller Kürze berichten, wie Himmel und Erde mit der Bedrohung durch fehlgeleitete Engel umgehen werden, und hoffe, dass du danach einwilligen wirst, dich mit mir für Beratungen zu treffen.“ Er wandte sich zu Crowley: „Kann ich irgendwo ungestört mit Furfur sprechen?“ Der Dämon nickte und führte ihn ins Hinterzimmer. Obwohl Crowley die Tür hinter sich zugezogen hatte und die Zurückgebliebenen weder etwas von dem Gespräch zwischen Jesus und Furfur hören noch es mit einem Fortsetzen der Unterhaltung stören konnten, blieben alle stumm. In gespannter Erwartung starrten sie auf die Tür, aus der Jesus über kurz oder lang wieder herauskommen musste. Was er ihnen gleich zu sagen haben würde, könnte Einfluss auf ihrer aller Zukunft haben, über Allianzen und Lager, über Fronten und Feinde entscheiden, könnte ihnen Hoffnung geben oder existentielle Sorgen rechtfertigen.

Als sich die Tür zum Hinterzimmer endlich öffnete, ging ein erleichtertes Raunen durch den Raum, denn Jesus lächelte. „Ich denke, wir können auf Furfurs Unterstützung zählen. Morgen wird er kurz vor den öffentlichen Verlautbarungen von Himmel und Erde innerhalb der Hölle bekannt geben, dass er vorab über den Wortlaut der Erklärung informiert wurde, dass er sie inhaltlich unterstützt und dass er von allen Angehörigen der Hölle verlangt, sich auch weiterhin an die Regelungen des überweltlichen Vertrags zu halten. Bei der Gelegenheit wird er auch die Übernahme von Hells Angels-Chaptern durch Dämonen grundsätzlich verurteilen und gleichzeitig deutlich machen, dass er weder eine Mitarbeit von Dämonen in Winged Pride-Organisationen noch gewalttätige Handlungen gegen Engel oder Menschen dulden wird.“ Jesus ließ sich auf seinen Stuhl fallen und signalisierte Crowley, dass er noch ein Glas Wein brauchen könnte. Gelassen, fast schon amüsiert, verfolgte er die aufgeregten Reaktionen rund um den Tisch. Als er sich schließlich räusperte, herrschte augenblicklich Schweigen. „Ich gehe davon aus, dass diese Vorgehensweise seine Position innerhalb der Höllen-Hierarchie stärken wird. Das wäre das Beste, was uns passieren kann. In Furfur haben wir einen respektierten und verantwortungsbewussten Anführer, außerdem einen berechenbaren und verlässlichen Verhandlungspartner. Alles Weitere besprechen wir übermorgen, wenn ich Crowley und Gabriel zu ihrem Treffen mit Furfur begleiten werde.“ „Auf keinen Fall kannst du dich allein mir Furfur treffen!“ Berechiel war damit bereits herausgeplatzt, bevor die anderen überhaupt realisiert hatten, was genau Jesus Worte bedeuteten. Der Menschensohn lächelte milde. „Ich treffe mich nicht allein mit ihm, mein stets besorgter Freund. Gabriel und Crowley werden bei mir sein.“ Das beruhigte seinen Berater keineswegs. „Und wen wird Furfur alles bei sich haben? Du kannst dich nicht darauf verlassen, dass alle seine Begleiter ebenso verlässlich sind wie er. Und auf dem Rückweg wirst du sehr wohl allein sein!“ Seine Aufregung steigerte sich eher noch, während er versuchte Jesus zu überzeugen. „Berechiel.“ Jesus sprach leise und gelassen. „Ich habe mich entschieden. Wie soll ich Furfur davon überzeugen, dass wir es ehrlich mit ihm meinen, wenn ich gleichzeitig demonstriere, dass ich ihm nicht voll vertraue?“ Abwartend sah er Berechiel an, aber so gerne der etwas erwidert hätte, so wenig fiel ihm ein ausreichend schlagkräftiges Argument ein. Und so fügte er sich.

Jesus nickte ihm dankbar zu. „Crowley, bitte bestell Ben und seinen Kollegen für Mittwoch hierher. Wenn ich zurückkehre, habe ich der Welt sicher etwas mitzuteilen, was genau es auch sein mag. Ich vermute, das wäre ein angemessener Dank dafür, dass er euch ins Vertrauen gezogen hat, bevor die Geheimdienste alle Redaktionen auf Verschwiegenheit verpflichtet hatten.“ Der Dämon nickte, immer wieder neu erstaunt, wie schnell Jesus die Mechanismen moderner Berichterstattung durchschaute, während ihm ganz alltägliche Aspekte des heutigen Lebens auf der Erde noch ein Buch mit sieben Siegeln waren. Vermutlich war es für einen geborenen Anführer unerlässlich, Kommunikation intuitiv zu beherrschen, egal, welcher Medien sie sich bediente.

„Dann wird es für uns Zeit aufzubrechen“, kündigte Jesus an. „Ich danke euch für euren Rat und eure Hilfe. Wenn morgen nichts Unerwartetes geschieht, sehe ich Crowley und Gabriel am Mittwoch in der U-Bahn.“ Er sah sich in der Runde um. „Sariel, dich möchte ich um deine Unterstützung in den weiteren Verhandlungen mit den Menschen bitten. Niemand oben kennt das menschliche Recht bisher so gut wie du. Würdest du mich am Mittwoch zurück in den Himmel begleiten?“ „Selbstverständlich.“ Der früher so unterwürfige Archivengel zuckte mit keiner Wimper, als er zustimmte. Es wäre ihm noch immer nicht in den Sinn gekommen, sich einer Bitte Jesus oder eines Mitglieds seines Stabes zu widersetzen, aber er war sich doch mittlerweile seines Wertes und seiner Kenntnisse bewusst und deshalb kaum erstaunt, in das Verhandlungsteam berufen zu werden. Jesus war währenddessen aufgestanden. „Ich hoffe, euch alle möglichst bald unter erfreulicheren Vorzeichen wiederzusehen“, sagte er, während er sich schon zur Tür wandte.

***

Die Freunde sahen den himmlischen Gesandten schweigend nach. „Bevor wir auch gehen, habe ich noch eine Bitte.“ Erziraphael und Crowley wandten Gabriel ihre Aufmerksamkeit zu, der ungewohnt zögerlich klang. Die ehemalige Höllenfürstin warf ihm einen mürrischen Blick zu, offenbar ging es um etwas, worüber sich das Paar nicht ganz einig war. Ihre Worte schienen das zu bestätigen: „Er hält es für sicherer, dass ich nicht allein bleibe, während er mit Crowley unterwegs ist“, erklärte sie, fügte dann aber versöhnlicher hinzu: „Vielleicht hat er nicht unrecht. Wenn wir zu dritt wären, könnten wir uns mit Wachen ablösen, falls es uns nach den morgigen Verlautbarungen notwendig erscheint.“ Crowley antwortete sofort: „Wenn ihr nichts gesagt hättet, hätte ich dich darum gebeten, Bee. Ich würde mit einem wesentlich besseren Gefühl aufbrechen, wenn ich wüsste, dass ihr zusammen seid.“ Er schien mit Widerspruch zu rechnen, jedenfalls sprach er schnell weiter: „Im Moment ist alles so unüberschaubar, wir können nicht abschätzen, aus welcher Richtung die größte Gefahr droht.“ „Genau meine Rede!“ Gabriel nickte zu Crowleys Worten. Bee rollte der Form halber mit den Augen, aber es gelang ihr nicht, wirklich genervt auszusehen. Sie war längst überzeugt. „Also gut, dann machen wir es so. Aber jetzt darf ich hoffentlich nochmal mit nach Hause kommen?“ Nun war es an Gabriel, mit einem Stoßseufzer zu reagieren, der jedoch seine Erleichterung nicht kaschieren konnte. „Du darfst“, er war aufgestanden und legte ihr einen Arm um die Schulter. Sie verabschiedeten sich und machten sich auf den Heimweg.

„Ich sollte ebenfalls gehen“, sagte Sariel, aber Erziraphael hielt ihn auf. „Sariel, ich glaube verstanden zu haben, dass du vor meiner Rückkehr Muriel und auch Crowley regelmäßig hier besucht hast.“ Sein ehemaliger Assistent nickte zwar, wirkte aber verunsichert. Als Erziraphael fortfuhr: „Ich möchte, dass du weißt, dass du hier weiterhin jederzeit herzlich willkommen bist, auch ohne gesonderte Einladung “, stahl sich ein warmes Lächeln auf sein Gesicht. „Das freut mich“, sagte er aus vollstem Herzen und fügte hinzu: „Ich werde eure Gesellschaft genießen.“ Einen größeren Vertrauens- und Freundschaftsbeweis konnte man von dem scheuen Engel nicht erwarten, das war den beiden Männern ebenso klar wie Muriel und sie freuten sich ehrlich darüber. „Wenn es euch recht ist, werde ich Mittwoch hier mit euch auf Jesus und Crowleys Rückkehr warten“, bot er an und sah, dass die beiden Engel froh über das Angebot waren. Die Gesellschaft eines Freundes würde ihnen und Bee hoffentlich helfen, ihre Sorgen in Schach zu halten.

Nachdem sich auch Sariel verabschiedet hatte, kam Hexe zu ihnen getrottet und schaute sie auffordernd an. „Ja, Mädchen, du kommst wirklich zu kurz im Moment.“ Crowley kraulte sie schuldbewusst zwischen den Ohren. „Kommst du mit uns raus?“ Die Frage galt Erziraphael und der stimmte sofort zu. Sie brauchten beide ein bisschen Zeit für sich, um ihre Gedanken zu ordnen. Die Ereignisse überschlugen sich förmlich und es war nicht abzusehen, wohin das alles führen würde, darüber mussten sie miteinander sprechen, bevor noch mehr dazu kam. Eine Frage wollte der Engel aber vorher noch loswerden: „Muriel, gab es einen besonderen Grund für Arwens Besuch? Ich habe noch gar nicht danach gefragt.“ „Sie wollte nur kurz nach uns sehen und fragen, ob sie etwas für uns tun kann. Sie ist gegangen, kurz bevor Sariel eintraf.“ Mit dieser Erklärung gab sich Erziraphael zufrieden und folgte Crowley und Hexe zur Tür. Er drehte sich noch einmal um, weil Muriel ihm nachrief: „Fast hätte ich es vergessen: Alec war vorher auch hier, um ‚unsere Moral zu stärken‘, sagte er. Er kommt morgen nochmal vorbei. Ach, nächste Woche kann es übrigens nebenan weitergehen, die Fenster sollen spätestens Freitag kommen.“

Die Männer nickten wortlos und verließen dann mit Hexe das Haus. Wieder einmal legten sie den ersten Teil des Wegs schweigend zurück. Zu viele Gedanken forderten ihre Aufmerksamkeit, zu viele Sorgen wetteiferten darum, ihnen die Herzen schwer zu machen. Sie waren einfach Hexe gefolgt, ohne groß auf die Richtung zu achten. Erst als die Hündin vom Wegrand einen Ast anschleppte und ihnen vor die Füße legte, bemerkten sie, dass sie wieder einmal im Park gelandet waren. „Du denkst doch wohl nicht, dass ich ganze Bäume für dich werfe?“ Crowley klang belustigt, er war dankbar für die Ablenkung. Er bückte sich nach dem Ast, betrachtete ihn kurz und brach ihn dann über seinem gebeugten Knie in zwei Teile. Das kürzere Stück hielt er Hexe vor die Nase, warf es in hohem Bogen von sich und gab das Kommando „Such, such das Stöckchen“. Die große Hündin bellte begeistert und rannte dem Stück Holz hinterher, das sie in kürzester Zeit zurückbrachte. Die nächste halbe Stunde verging fast unbemerkt, so vertieft waren sie in ihr Spiel. Die beiden Männer warfen abwechselnd und die Wolfshündin lief mit scheinbar nie erlahmender Begeisterung hinter dem Spielzeug her, um es zu apportieren. Schließlich waren sie alle drei außer Atem und Crowley entschied, dass es für diesen Tag genug sei. Es war bereits dunkel und so machten sie sich auf den Heimweg, deutlich gelöster als zuvor, wenn auch immer noch nicht viel gesprächiger.

Muriel hatte nur noch auf sie gewartet, um ihnen eine gute Nacht zu wünschen. „Willst du auch gleich schlafen gehen?“, fragte Erziraphael, sobald Hexe versorgt war. „Das wäre vernünftig“, Crowley sagte das zögernd und so wunderte sich der Engel nicht, dass darauf „Ich bin aber noch nicht schläfrig“ folgte. Er sah zum Sofa. „Wollen wir noch ne Weile lesen?“ Erziraphael stimmte stumm zu und widmete sich dem Bücherstapel auf seinem Sekretär, bevor er mit dem Werk seiner Wahl hinüber ging und sich auf eine Seite des Sofas fallen ließ. Er sah zu Crowley, der am Kühlschrank damit beschäftigt war, sein Whiskey-Glas mit Eiswürfeln zu füllen. „Für dich auch etwas? Einen Sherry?“ - „Ich glaube, heute nehme ich lieber auch einen Whiskey“, antwortete er. „Aber bitte mit weniger Eis als deinen.“ Der Dämon nickte, füllte das Glas großzügig mit Whiskey und kam mit beiden Gläsern zu ihm aufs Sofa. Er drückte dem Engel sein Glas in die Hand, lehnte sich bei ihm an und nippte an seinem Whiskey. Erziraphael legte ihm den freien Arm um die Taille und ließ seine Hand unter Crowleys Shirt gleiten. Er spürte, wie der schmale Rücken sich versteifte, küsste zärtlich den Nacken darüber und flüsterte: „Bitte! Ich will dich nur hier bei mir fühlen, nichts weiter.“ Weitere Küsse in seinen Nacken, dann die Lippen des Engels an seinem Hals. Als nächstes spürte Crowley, wie er sanft an seinem Ohrläppchen knabberte und an der zarten Haut direkt darunter saugte. Ein wohliger Schauer überlief ihn und er seufzte unwillkürlich. Zufrieden registrierte Erziraphael, wie sich der Dämon unter seinen Zärtlichkeiten entspannte, zuließ, dass seine Hand von seinem Bauch zu seiner Brust wanderte, dass seine Finger dort mit den weichen Haarkringeln spielten, während seine Lippen und seine Zähne weiterhin an seinem Hals beschäftigt blieben. Als er schließlich Crowleys Oberkörper mit dem Unterarm näher an sich zog und der daraufhin den Hinterkopf gegen sein Schlüsselbein und seine Wirbelsäule an seinen Bauch presste, da fühlte es sich an, als würde ein- und dieselbe Welle des Wohlbehagens durch ihre beiden Körper gehen und als stiege Crowleys leises Knurren ebenso aus der Kehle des Engels wie aus seiner eigenen. „Sind die auch so wunderschön rot?“, flüsterte es direkt an Crowleys Ohr, während zärtliche Finger seine Brusthaare kraulten, und beinahe hätte er sagen können: „Sieh‘ doch nach!“ So gerne hätte er es gesagt, mit wahrscheinlich ziemlich rauer Stimme, eher schüchtern als provozierend, aber dann fiel ihm wieder ein, was der Engel dort noch sehen würde, wie seine Brust aussah, welche Spuren Satan und seine Grausamkeit auch dort hinterlassen hatten, und so nickte er nur und drehte noch einmal seinen Kopf so, dass die weichen Lippen die Stelle an seinem Hals trafen, an der er besonders empfindlich war, schmiegte sich noch einmal an den warmen, weichen Körper in seinem Rücken und richtete sich dann traurig auf. Erziraphael hielt ihn nicht zurück, aber seine Hand blieb auf Crowleys Hüfte liegen, bis der ein Stück wegrückte und sich zu ihm umdrehte.

Der Dämon wollte sich entschuldigen, aber in den blauen Augen des Engels las er, wie überflüssig das war, und er konnte es sogar glauben. „Ich wünschte wirklich, wir hätten mehr Zeit gehabt, um zu lernen, was Zusammensein für uns bedeuten kann“, sagte Erziraphael leise. „Ich müsste nicht schon wieder die Welt retten. Ich hätte ohne jedes Problem unser ganzes erstes Jahr damit zubringen können, herauszufinden, wo und wie ich dich küssen und berühren darf, wie ich dir ein Lächeln entlocken kann, einen Seufzer oder ein Stöhnen, wie ich dich davon überzeugen kann, dass du mir selbstbewusst deinen Körper zeigst, dass du mich entdecken lässt, was du genießt, was du willst und wie du verwöhnt werden möchtest, was du brauchst, um dich gehen lassen zu können. Und dabei hätten wir uns endlich alles erzählen können, was wir noch nicht voneinander wissen, und zwischendurch hätten wir für Hexe Stöckchen geworfen und wären am Strand spazieren gegangen.“

Crowley war bei Erziraphaels ersten Worten rot geworden, aber beim letzten Satz hatte er schließlich lächeln können. „Das klingt schön, Engel.“ Er betrachtete das Whiskey-Glas, das er immer noch in der Hand hielt, und in dem die Eiswürfel deutlich abgeschmolzen waren. Er trank den verdünnten Whiskey, dann ließ er das restliche Eis in seinen Mund gleiten und dort schmelzen. Er stand auf, um am Kühlschrank sein Glas erneut mit Eiswürfeln zu füllen und brachte die Flasche Talisker mit an den Tisch. Erziraphael ließ sich nachschenken und beobachtete lächelnd, wie Crowley das Eis in seinem Glas mit Whiskey benetzte, einen Würfel in den Mund nahm und ihn langsam auf der Zunge zergehen ließ. Er stellte sich vor, wie es wäre, Crowley jetzt zu küssen, die kalten Lippen zu spüren, die eiskalte Zunge mit seiner zu berühren… Als ihm bewusst wurde, wohin diese Fantasie ihn führen würde, versuchte er, sie zu verdrängen, aber sein Blick blieb wie gebannt auf Crowleys Mund gerichtet, in den gerade der nächste Eiswürfel glitt. Er sah zu, wie der Dämon seinen Kopf in den Nacken legte, den Eiswürfel weit nach hinten gleiten und ihn dort genüsslich schmelzen ließ. Kurz bevor seine Gedanken sich erneut selbstständig machen konnten, irritierte ihn etwas an Crowleys Mimik und er betrachtete ihn aufmerksamer. Dabei wurde ihm klar, dass das, was er für Genuss gehalten hatte, etwas anderes war, nämlich Linderung. „Du hast Schmerzen!“ Er musste nicht mehr fragen, er konnte es jetzt zweifelsfrei in seinen Zügen lesen. „Nicht nur beim Essen oder beim Schlucken! Du hast ständig Schmerzen!“ Schon wieder etwas, was ihm entgangen war, weil er sich zu wenig in den Dämon einfühlen konnte, weil er so unsensibel war. „Hättest du doch etwas gesagt!“ Crowley lächelte traurig. „Und was hätte das geändert?“ Er sah die Enttäuschung des Engels und versuchte zu erklären: „An manchen Tagen ist es schlimmer als an anderen. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber dann fühlt es sich an, als wäre da drin alles geschwollen. Die Schmerzen kann man aushalten, aber die Schwellung drückt auf die Luftröhre.“ Erziraphael griff mitfühlend nach seiner Hand. Obwohl sie nicht atmen mussten , um zu überleben, wusste er aus eigener Erfahrung, dass ihr menschlicher Körper atmen wollte . Deshalb war behinderte Atmung für Engel und Dämonen fast ebenso qualvoll wie für Menschen. Dass man Schmerzen aushalten konnte, bedeutete außerdem nicht, dass man nicht darunter litt. Crowley hatte die Hand des Engels an den Mund geführt und küsste seine Handfläche. „Is‘ schon wieder besser“, behauptete er und versuchte, das Thema zu wechseln. „Willst du doch nicht mehr lesen? Sollen wir dann ins Bett gehen?“ Erziraphael wusste, dass Crowley nicht bemitleidet werden wollte, und er versuchte, das zu respektieren. Aber es war schwer, sein mitfühlendes Herz davon zu überzeugen. Umso mehr, als der Dämon einen Eiswürfel-Vorrat mit ans Bett nahm und solange seinen Rachen kühlte, bis er eingeschlafen war.