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Ein Blick zurück (Dienstag)

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Ein Blick zurück (Dienstag)

Crowley saß im Schneidersitz auf dem Bett und beobachtete den schlafenden Engel, der so gleichmäßig ein- und ausatmete und so friedlich aussah, als gäbe es außerhalb dieser Buchhandlung weder Menschen, die sie verurteilten, beschimpften und verleumdeten, noch Dämonen, die gemeinsame Sache mit schwerkriminellen Menschen machten, oder Engel, die die existierende Ordnung der Welt gewaltsam abschaffen wollten. Er betrachtete die weißblonden Locken, die ihm wirr in die Stirn fielen, das Lächeln, das in seinen Mundwinkeln spielte, die Brust, an der er den größten Teil der Nacht geruht hatte, und die sich noch immer sanft hob und senkte, und die Hand, die nach ihm ausgestreckt war und auf seinem Knie lag. Es versuchte, sich diesen Anblick so fest einzuprägen, dass er ihn nie mehr vergessen würde, versuchte, ihn mit der Erinnerung an den Abend zuvor zu verknüpfen, an die zärtlichen Worte, mit denen der Engel beschrieben hatte, wie es zwischen ihnen hätte sein können, wenn es nur sie beide gäbe, an seine Lippen, die ihn ahnen ließen, wie es sich anfühlen würde, sich ihnen völlig zu überlassen, und an seine zärtlichen, weichen Hände, die ihn auf eine Art berührten, wie es niemand vor ihm getan hatte, die ihn nie verletzen würden und die versprachen, ihn zu verwöhnen, ihn durch unentdecktes Land zu führen, ihn zu halten, wenn er zu fallen drohte, und ihn immer wieder nach Hause und zu sich selbst zu bringen. Oh, wie sehr er sich wünschte, alles um sie herum ignorieren zu können und sich seinem Engel anzuvertrauen, seiner Liebe, seiner Stärke, seinen Händen, seinem Mund, seiner Wärme, seinem Licht! Und doch würde er morgen wieder ins Dunkel aufbrechen, würde seinen Engel zurücklassen, würde hinabsteigen zu einem Ort, der mit kalten schwarzen Fingern nach seinem Herz und seinen Erinnerungen griff, würde sich in Gefahr begeben, sich der Willkür ausliefern, weil er Verantwortung fühlte für jemanden, dem er noch nie begegnet war, weil er Ungerechtigkeit nicht ertrug, weil er seine Augen nicht verschließen konnte vor dem Leid anderer, weil er das Richtige tun wollte, endlich das Richtige tun durfte, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Sein Blick ruhte auf dem Mann, den er liebte und der ihn genug liebte, um ihn gehen zu lassen, um ihn tun zu lassen, was er tun zu müssen glaubte, der ihm sogar noch Mut machte und ihn bestärkte, der sich ihm nicht in den Weg stellte, sondern ihn der sein ließ, der er immer hatte sein wollen, der auf ihn warten würde, so wie Crowley auf ihn gewartet hatte, und der ihn nicht verurteilen würde, ihm keine Vorwürfe machen würde, selbst dann nicht, wenn er nicht zurückkommen sollte.

Aber vorher wollte er ihm noch etwas zeigen, wollte ihm helfen zu verstehen, wie aus dem Crowley, den er verlassen hatte, der Crowley geworden war, zu dem er zurückgekehrt war, wollte sich vielleicht auch selbst helfen, das zu verstehen, wollte seine Erinnerungen überprüfen und teilen, um dann endgültig abzuschließen mit dieser Zeit, in der er nicht mehr oder noch nicht er selbst gewesen war. Er griff nach der Hand auf seinem Knie, hielt sie sanft in seiner, bewegte sie vorsichtig, bis Erziraphaels Lächeln breiter wurde, er wohlig seufzte und im Bett näher zu Crowley robbte. De Engel drehte sich auf den Rücken, bettete den Kopf mit dem weißgoldenen Lockenkranz in Crowleys Schoß und fragte: „Kannst du nicht schlafen, mein Morgenstern?“ Der Dämon beugte sich zu ihm hinunter und küsste ihn. „Ich habe wunderbar geschlafen. Aber jetzt möchte ich mit dir einen Ausflug machen. Ich schulde dir noch Antworten.“ Erziraphael gähnte herzhaft, dann setzte er sich auf. „Gib mir fünf Minuten und vorher noch einen Kuss, haben wir so viel Zeit?“ „Auf jeden Fall! Wir haben sogar noch Zeit für deinen Tee. Ich drehe eine schnelle Runde mit Hexe, während du wachwirst. Wir sehen uns unten, ja?“

***

Der Lieferwagen des Schreiners parkte vor der Buchhandlung, als Crowley mit der Hündin zurückkam. Er sah David auf der Beifahrerseite sitzen, klopfte an die Scheibe und grüßte freundlich. Der Azubi nickte ihm missmutig zu, machte aber keine Anstalten, auszusteigen oder auch nur die Seitenscheibe hinunterzukurbeln. Achselzuckend ging der Dämon hinein, wo er von Alec überschwänglich begrüßt wurde. „Anthony, ich dachte schon, ich hätte Sie wieder verpasst! Ich wollte Ihnen und Erziraphael auch noch einmal persönlich sagen, wie gut mir und meinen Mädels Ihre Veranstaltung gefallen hat. Und was für eine Sauerei das ist, was Ihnen danach widerfahren ist.“ Er war so ehrlich entrüstet und so herzlich, dass Crowley keinen weiteren Gedanken an den mürrischen Auszubildenden verschwendete. „Das bedeutet uns viel, Alec. Danke“, antwortete er und das war vollkommen ehrlich. Der Schreiner leistete ihnen noch bei einem Tee Gesellschaft, dann verabschiedete er sich bis zur nächsten Woche. Ist der Knöchel wieder in Ordnung?“, fragte er beim Gehen. „Sie hatten sich angeboten, mit mir Fenster zu schleppen.“ „An meinem Knöchel wird das nicht scheitern“, versprach Crowley und verdrängte die leise Stimme in seinem Kopf, die quengelte: „Wenn du überhaupt zurückkommst.“

***

Crowley hatte Muriel nur mit Mühe davon abhalten können, ihnen einen Picknick-Korb zu packen. Er hatte schließlich sehr deutlich sagen müssen, dass es nicht diese Art von Ausflug sein würde, woraufhin sie so besorgt aussah, dass er sich wünschte, er hätte einfach klaglos den Proviant akzeptiert. Sobald er jedoch am Steuer saß, drehten sich seine Gedanken nur noch um den Weg, der vor ihm lag, und um das, was er Erziraphael erzählen würde. Die Wahrheit, natürlich würde er die Wahrheit erzählen, die Frage war nur, wie viel davon und wie tief sie eintauchen mussten. Schon die Oberfläche konnte schmerzhaft werden, das war Crowley klar. Er würde spontan entscheiden, mit wie vielen Einzelheiten er seinen Engel belasten musste, nahm er sich vor, ließ dabei aber wieder einmal außer Acht, dass Erziraphael eine ganz eigene Meinung dazu hatte, was und wie viel er über Crowleys Schatten und seine Narben wissen wollte und was er aushalten konnte. Er spürte eine Hand auf seinem Oberschenkel und der Engel sagte: „Du schuldest mir keine Antworten, Crowley. Ich hoffe, du weißt das. Ich möchte alles mit dir teilen, woran du mich teilhaben lassen kannst und willst, aber du schuldest mir nichts. Hörst du?“ Er konnte nur nicken und hatte seine Rührung erst einige Kreuzungen später wieder im Griff. „Ich weiß, Engel. Aber ich habe dich zweimal vertröstet und du verdienst diese Antworten.“ Zwei weitere Kreuzungen und ein Fußgängerüberweg lagen hinter ihnen, als seine Stimme ihm wieder gehorchte. „Die Zeit, als mir alles egal war. Ich denke, dir ist klar, dass es darum geht, oder?“ Die Hand auf seinem Bein wanderte bis zum Knie und zurück, eine aufmunternde, eine liebevolle Geste, die sagte: „Ich bin hier. Ich höre dir zu.“ Er schluckte. „Und Hannah. Ich möchte, dass du weißt, warum sie, Laura und Ben zu meinem Leben gehören.“

Wieder gab nur die Hand auf seinem Oberschenkel eine Antwort, aber er verstand die Botschaft laut und klar. „Es war der Tag, als du dem Metatron gefolgt bist.“ Ein Nicken auf dem Beifahrersitz sagte: „Natürlich!“ „Ich war wütend, enttäuscht, verzweifelt. Ich hatte keinen Plan und kein Ziel, wollte nur weg, einfach nur weit weg. Ich bin einfach immer weitergefahren, aus London raus, über Land.“ Und während Erziraphael ihm aufmerksam zuhörte, ihn nicht unterbrach, nicht nachfragte, nichts kommentierte, nur zuhörte, erzählte er von dem Beinahe-Unfall, von der Beinahe-Alkoholvergiftung, von der Beinahe-Festnahme, bis er den Bentley auf den Ausflugsparkplatz mit Meerblick rollen ließ, auf dem die Polizei seiner Odyssee damals fast ein Ende gemacht hatte. Er stellte den Motor ab und blieb stumm sitzen, den Blick aufs Wasser gerichtet. Erziraphael nahm zum ersten Mal, seit sie losgefahren waren, seine Hand von Crowleys Oberschenkel, stieg aus, ging ums Auto herum und öffnete die Fahrertür. Der Dämon drehte sich zu ihm um und stellte die Füße auf den Beton des Parkplatzes, blieb aber sitzen. Als der Engel näherkam, legte er die Arme um seine Taille und lehnte seinen Kopf an seinen Bauch. Schließlich richtete er sich wieder auf und ließ sich von Erziraphael aus dem Wagen ziehen. „Lass uns ein paar Schritte gehen, bitte.“ Der Engel griff nach seiner Hand und sie gingen bis zum Rand des Parkplatzes, wo an einem Geländer eine Tafel angebracht war, die angab, welche Orte von diesem Punkt aus zu sehen waren. Dort blieben sie eng umschlungen stehen, bis Crowley sagte: „An diesem Tag war ich enttäuscht, dass ich immer noch lebte, immer noch wusste, wer ich bin, immer noch wusste, dass ich allein war.“ Er umfasste mit beiden Händen Erziraphaels Gesicht und küsste ihn. „Heute bin ich froh“, sagte er und lächelte, weil der Engel flüsterte: „Ich auch.“

Sie gingen zurück zum Auto und Crowley steuerte als nächstes das Hotel an, in dem er seinen Rausch ausgeschlafen hatte. Er dachte daran, mit welchen Absichten er das Hotel am folgenden Tag verlassen hatte und die Ungeheuerlichkeit seines Plans ließ ihn in der Rückschau frösteln. Sie spazierten Hand in Hand von Kirche zu Kirche, gingen aber in keine hinein. Crowley musste nicht erst nachsehen, um zu wissen, dass heute kein Weihwasserbecken leer und keine Tür verschlossen sein würde. „Ich frage mich bis heute, wer ein Interesse daran hatte, dass ich am Leben blieb. Woher jemand wusste, was ich vorhatte.“ Es hatte eine Phase gegeben, in der er es für möglich gehalten hatte, dass Erziraphael es war, der seine Selbstmordabsichten durchkreuzt hatte, aber inzwischen hielt er das für ausgeschlossen. Der Engel hätte nicht nur seine Pläne gestört, sondern versucht, Hilfe zu schicken, da war er sich relativ sicher. „Ich tippe auf Metatron“, sagte Erziraphael da auch schon. „Die Erzengel hätten nicht die nötige Weitsicht gehabt und verstehen nichts von Gefühlen. Aber Metatron muss geahnt haben, dass ich dem Himmel die Schuld gegeben hätte, wenn deine Pläne erfolgreich gewesen wären.“ Sie waren an der Kirche angelangt, von der die beiden Gorillas Crowley weggeschleppt hatten. Der Engel hatte sich vorgenommen, auf dieser Reise nicht an sich selbst zu denken und nicht von sich selbst zu sprechen. Es war Crowleys Kreuzweg und er war dankbar, dass er ihm diesen Einblick gewährte, dass er ihm sein ganzes Vertrauen schenkte, deshalb sollte es einzig und allein um Crowley gehen. Hier vor dieser Kirche hielt Erziraphael es jedoch nicht mehr aus. Von seinen Gefühlen und einem unermesslich schlechten Gewissen überwältigt, schlang er seine Arme um Crowley und schluchzte: „Ich darf gar nicht daran denken, dass ich dich um ein Haar für immer verloren hätte. Und ich wäre selbst schuld daran gewesen. Es tut mir so leid, Crowley. Ich war so blind, so verblendet.“ Er bemühte sich redlich, seinen Fokus wieder auf den Dämon zu richten. „Der Himmel muss gefürchtet haben, dass du zum Märtyrer wirst, wenn du aus freien Stücken deine unsterbliche Seele aufgibst. Dann wäre nicht mehr zu verheimlichen gewesen, dass Engel und Dämonen sehr wohl Gefühle haben, dass sie lieben können, Glück und Unglück empfinden können.“ Crowley nickte nachdenklich. „Ja, das klingt plausibel. Dass ich Metatron etwas zu verdanken habe, schmeckt mir allerdings überhaupt nicht.“ Er grinste. „Erst Gabriel und Bee und jetzt Metatron. Fehlt nur noch, dass ich noch etwas finde, wofür ich Gott dankbar sein muss.“ Jetzt lächelte auch Erziraphael wieder. Crowley zog ihn kurz an sich, hakte sich dann bei ihm ein und kündigte an: „Das Drehbuch sieht jetzt einen Kaffee vor und von da an geht es langsam wieder aufwärts. Meinen absoluten Tiefpunkt haben wir damit hinter uns.“ Sie holten sich einen Kaffee und tranken ihn auf der Bank, auf der Crowley gesessen hatte, als Hannahs fürsorglicher Kinderblick ihn entdeckt hatte. Er erzählte von dem Sorgenpüppchen, von Lauras Reserviertheit und von dem Hinweis auf die Suppenküche, die ihm für die nächsten Wochen und Monate eine Aufgabe und Halt gegeben hatte. „Wie wär’s?“, schlug er vor. „Sollen wir uns dort zum Essen einladen? Ich habe das Bedürfnis, mich endlich angemessen bei Debbie zu bedanken.“

***

Erziraphael hatte noch nicht einmal Zeit gehabt, aus dem Auto zu steigen, nachdem Crowley die Beifahrertür für ihn geöffnet hatte, da ertönte von der Tür der Sozialstation eine warme Stimme, die wahrscheinlich auch zwei Straßen weiter deutlich zu hören war, so posaunte Debbie ihre Freude heraus: „Anthony Crowley! Du wagst es doch hoffentlich nicht, ohne Hexe hier aufzutauchen?!“ Der Dämon lächelte und drehte sich zur Leiterin der Sozialstation um, während Erziraphael die Hündin herausließ, die schon einige Straßen vor dem Ziel aufgeregt hechelnd auf der Rücksitzbank gestanden hatte. Offenbar erkannte auch sie die bekannte Umgebung sofort wieder. Debbie war vor Crowley stehengeblieben, der zur Begrüßung die Sonnenbrille abgenommen hatte, ohne die sie ihn noch nie gesehen hatte. Sie hielt ihn an beiden Schultern fest und betrachtete aus Armeslänge Entfernung aufmerksam sein Gesicht, bevor sie schließlich lächelte und ihn in den Arm nahm. „Du siehst gut aus!“, sagte sie. „Du hast also nach Hause gefunden?“ „Das habe ich“, bestätigte er und drehte sich zum Engel um. „Bevor du nur noch Augen für deine Lieblingsmitarbeiterin hast, möchte ich dir meinen Partner vorstellen, Erziraphael Fell, Antiquar, Buchhändler und Philanthrop.“ Debbie betrachtete ihn mit freundlicher Neugier, bevor sie ihm zufrieden nickend die Hand gab. „Obwohl dieser wortkarge Kerl und sein vierbeiniger Engel uns hier wirklich fehlen, bin ich froh, dass Sie offensichtlich nur zu Besuch sind“, sagte sie nach der Begrüßung. Erziraphael schmunzelte. „Selbst, wenn Sie ihn lieber hierbehalten würden, müsste ich darauf bestehen, ihn und Hexe wieder mitzunehmen.“ Die Hündin hatte gehorsam aber aufgeregt auf das Signal gewartet, das ihr erlaubte, Debbie zu begrüßen, um die sie dann heftig wedelnd und hechelnd herumsprang, bis diese das Kommando gab: „Jetzt aber rein mit euch, ihr esst doch mit uns, oder?“

Drinnen wartete eine Überraschung auf sie, eine Überraschung mit vier Beinen und goldenem Fell. „Das ist Cassie“, stellte Debbie die Retriever-Hündin vor. „Hexe hat so sehr gefehlt, dass wir uns entschieden haben, eine Stationshündin anzuschaffen. Anfangs war sie sehr schüchtern, aber inzwischen macht sie einen tollen Job.“ Die beiden Vierbeiner hatten sich zunächst freundlich beschnuppert, dann machte Hexe eine Runde durch die Sozialstation, bei der Cassie sie begleitete. Die Helfer und die Gäste, die Crowley noch kannten, begrüßten auch ihn herzlich. Sie setzten sich mit an die lange Tafel und nachdem alle schnell gemerkt hatten, dass Erziraphael deutlich gesprächiger war, als sie es von Crowley kannten, wurden sie in alle Gespräche einbezogen und gründlich ausgefragt. Spätestens, als sie anschließend noch beim Aufräumen und Saubermachen halfen, hatte auch Erziraphael Debbies Herz gewonnen. Beim Abschied drückte Crowley ihr eine kleine Plastikkarte in die Hand, eine Guthabenkarte des örtlichen Großverbrauchermarktes. „Ein Dankeschön für meine Zeit bei euch. Falls ihr mal was Besonderes braucht, was das Regelbudget nicht hergibt“, sagte er zur Erklärung und überließ es Debbie, beim ersten Einsatz der Karte herauszufinden, dass sie mit tauend Pfund aufgeladen war.

***

Die nächste Station war ein Ausflugsparkplatz, auf dem Crowley ohne Erklärung den Bentley ausrollen ließ. „Ein kurzer Spaziergang“, kündigte er an und bot Erziraphael seinen Arm. Hexe durfte vorauslaufen und erwartete sie kurz darauf an einem kleinen See, an dem sie Enten anbellte, die – davon völlig ungerührt – immer wieder abtauchten und nur noch ihre Hinterteile sehen ließen. Crowley dirigierte den Engel zu einer Bank direkt am Ufer und ließ sich darauf nieder. „Kommt dir die Umgebung bekannt vor?“, fragte er. Erziraphael schien nicht mit dieser Frage gerechnet zu haben und musste offenbar erst sein Gedächtnis befragen, denn er schaute sich nun aufmerksam um. Dann blieb sein Blick an der Irischen Wolfshündin hängen und ihm dämmerte es. „Hat dich hier Hexe gefunden?“, fragte er. Der Dämon nickte und zeigte auf eine Stelle nicht weit von der Bank, auf der sie saßen. „Da drüben habe ich sie zum ersten Mal gesehen.“ Der Engel nahm seinen Arm. „Ich bin immer noch so froh, dass du sie behalten hast. Ich war mir keineswegs sicher, dass das funktioniert.“ Crowley dachte an die ersten Tage mit Hexe zurück. „Wäre da nicht dieser Rottweiler im Tierheim gewesen, vor dem sie sich so fürchtete, hätte ich sie vermutlich dort gelassen.“ Sie sahen beide der Hündin zu, die dazu übergegangen war, Schmetterlinge anzubellen, die sich ebenso wenig von ihr beeindrucken ließen wie zuvor die Enten. Schließlich gab sie es auf, kam zu ihnen zurückgetrottet und legte sich zu ihren Füßen hin. „Denkst du, sie erkennt, dass wir keine Menschen sind?“, fragte Erziraphael aus heiterem Himmel. „Wahrscheinlich schon“, antwortete der Dämon nach einer kurzen Pause. „Ich denke aber, dass es ihr egal ist. Sie ist zu jedem gleich freundlich. Ich habe nur selten erlebt, dass sie jemanden anknurrt oder bedroht. Seit wir zurück in London sind, eigentlich nur Dagon und den alten Hank.“ „Und die haben es beide wirklich verdient“, stellte der Engel fest und kraulte die Hündin liebevoll zwischen den Ohren. „Du bist ein schlaues Mädchen“, flüsterte er ihr zu. Bald wurde es ihnen zu kühl, um noch länger an dem kleinen See auszuharren. „Wie viele Stationen besuchen wir noch?“, erkundigte sich Erziraphael. „Eigentlich nur noch eine“, sagte Crowley, der schon aufgestanden war. „Danach würde ich unter anderen Umständen noch mit dir zu Ben und Laura fahren, aber ich würde heute den vorwurfsvollen Blick von Laura nicht ertragen, die versucht, mich von dem Ausflug in die Hölle abzubringen.“ Dafür hatte der Engel Verständnis, - für Crowley ebenso wie für Laura.

Sie fuhren zurück in die Innenstadt, wo Crowley vor einem großen dreiflügeligen Gebäude hielt. „Sieht wie eine Schule aus“, bemerkte Erziraphael. Der Schulhof lag verlassen da, nur einige Tauben, Elstern und Spatzen wetteiferten um die Krümel, die von den Pausenbroten der Kinder übrig geblieben waren. „Hier bin ich Hannah wiederbegegnet“, sagte Crowley leise. Die Erinnerung ging ihm unerwartet nahe. „Es gab ein Feuer und Hexe hat bei der Rettung einiger Kinder geholfen.“ Der Engel war sich sicher, dass die Hündin das nicht allein getan hatte, aber er ließ Crowleys Darstellung so stehen. Er wusste, wie wenig dem Dämon an Anerkennung oder Dankbarkeit lag. Was er tat, tat er, weil er es für richtig hielt. Crowley erzählte währenddessen, wie er später im Sanitätszelt die Kinder abgelenkt hatte, deren Eltern noch nicht gekommen waren, und dabei auch am Bett der kleinen Hannah gesessen hatte, die sich den Fuß verstaucht hatte. „Ich habe ihr von Jemima erzählt und von der ganzen Geschichte mit Hiob damals.“ Er unterbrach sich und lächelte zärtlich. „Sie war so erschöpft, dass sie nach wenigen Worten einschlief. Aber Laura war inzwischen gekommen und hatte gehört, dass ich von einem Engel und einem Dämon gesprochen hatte. Auf ihren Wunsch hin habe ich die Geschichte zu Ende erzählt. Danach hat sie mich dann zum Essen nach Hause eingeladen. Von dem Besuch aus bin ich direkt zurück nach London gefahren und wurde von Muriel vereinnahmt, bevor ich auch nur die Chance hatte, aus dem Auto zu steigen.“

„Wusste Laura damals schon, was wir sind?“, fragte Erziraphael interessiert. „Ja, das wusste sie. An dem Abend in ihrem Haus habe ich erfahren, warum sie das so ungerührt zur Kenntnis genommen hatte. Ihr Großvater war ein Engel, allerdings hatte er seine Unsterblichkeit aufgegeben, um mit ihrer Großmutter leben zu können.“ „Es muss viel mehr solcher Fälle gegeben haben, als man uns glauben ließ“, sinnierte Erziraphael. „Kein Wunder, dass man das so sorgfältig vertuschen wollte.“ Er fröstelte plötzlich. „Das ist die Herbstluft, die ist schon kalt,“ Crowley sah ihm an, dass er von der Reise in die Vergangenheit erschöpft war. „Es gibt aus meiner Zeit hier auch nichts weiter zu enthüllen. Lass uns nach Hause fahren“, schlug er vor. Dankbar stimmte der Engel zu.