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(Zurück vom) Blick zurück (Teil 2)

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(Zurück vom) Blick zurück (Teil 2)

Muriel saß auf dem Sofa und las, als sie zurückkamen. Hexe hatte nach einem kurzen Abstecher zum Futternapf zielstrebig ihren Platz am Heizkörper angesteuert und es sich dort gemütlich gemacht. Die Männer gesellten sich zu Muriel, die einen bedrückten Eindruck auf sie machte. „Ist etwas geschehen, Muriel?“, fragte Erziraphael anteilnehmend. Sie schüttelte den Kopf. „Aber ich habe solche Angst, dass etwas geschieht, besonders wenn du morgen auf diese irrsinnige Reise gehst.“ Vorwurfsvoll boxte sie Crowley in den Oberarm. Der hielt ihre Hand fest und schob sie zurück. „Nicht. Hilfreich.“, warf er ihr vor. „Wünsch uns lieber Glück.“ „Du hast ja Recht“, räumte sie widerstrebend ein, „ich werde fest die Daumen drücken, dass ihr heil zurückkommt.“ Sie umarmte beide Männer noch einmal und verabschiedete sich dann bis zum nächsten Tag. „Wir sehen uns doch noch, bevor ihr aufbrecht?“, fragte sie misstrauisch. „Versprochen“, versicherte ihr Crowley.

Ihre Blicke folgten Muriel, bis sich ihre Zimmertür hinter ihr geschlossen hatte. Danach wussten sie nicht mehr, wohin sie schauen sollten. Wenn sie ins Gesicht des anderen sahen, verriet ihr Blick ihre Angst und ihre Sorgen, die sie schon sich selbst nicht eingestehen wollten, und noch viel weniger dem Partner. Ein Gespräch wollte nicht zustandekommen, weil sie über ihre Gefühle oder die vor ihnen liegenden Aufgaben nicht sprechen konnten, aus Angst, die Fassung zu verlieren und sich gegenseitig das Herz noch schwerer zu machen. Alle anderen Gesprächsthemen erschienen ihnen zu seicht, zu banal angesichts der Gefahren, die auf Crowley und Gabriel warteten. Still nebeneinander zu sitzen und sich getrennt in ihre Lektüren zu vertiefen, wäre ihnen vorgekommen, als würden sie die wenigen, die kostbaren letzten gemeinsamen Stunden bis zu Crowleys Aufbruch verschenken. Schließlich brach Crowley das Schweigen. „Willst du mir nicht etwas vorlesen?“, fragte er sanft. Erziraphael griff nach den Büchern auf dem Beistelltisch und begann zu blättern, aber er konnte sich für keinem Text entscheiden. Sie schienen ihm alle entweder zu sentimental oder zu euphorisch zu sein, zu aufregend oder zu trivial, zu romantisch oder zu schwermütig. Bedauernd sah er von den Büchern auf: „Ich fürchte, ich kann das heute nicht.“ Gerade wollte er vorschlagen, dass sie einfach zu Bett gehen sollten und versuchen zu schlafen, da klopfte es zaghaft an der Ladentür. Überrascht stand der Engel auf und ging nach vorne. „Nina? Maggie? Was führt euch zu uns?“ Crowley war aufgesprungen, als er die beiden Namen hörte, dankbar für jede noch so kurze Unterbrechung dieses mit Bedeutung und Traurigkeit aufgeladenen Abends. „Wir wollten einfach nach euch sehen“, sagte Maggie und Nina fuhr fort: „Ich habe mir vorgestellt, wie es uns gehen würde, wenn eine von uns morgen auf eine solche Reise gehen müsste. Es wäre ein furchtbar schwerer Abend.“ Die Männer waren so überrascht, dass sie nichts zu erwidern wussten. „Wenn ihr allein sein möchtet, können wir sofort wieder gehen“, beeilte Maggie sich zu versichern. „Aber falls ihr lieber Gesellschaft hättet, dann könnten wir bleiben.“ Die Rührung nahm Crowley die Stimme, er umarmte die Frauen stumm. „Das ist sehr lieb von euch“, brachte Erziraphael immerhin über die Lippen, und auch noch: „Bitte bleibt!“

Maggie hielt eine große und offenbar prall gefüllte, wenn auch nicht allzu schwere Einkaufstasche hoch. „Wir könnten etwas spielen, wenn ihr mögt. Oder spielen Engel und Dämonen nicht?“ Die Männer wussten darauf nicht sofort etwas zu antworten. „An welche Art von Spielen denkt ihr?“, fragte Erziraphael vorsichtig. Mit Schrecken dachte er daran, wie er in den Vierzigern unwissentlich in eine Partie Strip-Poker geraten war, und wie peinlich es wurde, bis er sich da wieder herausgeredet hatte. Schon bei der Erinnerung daran errötete er. „Dämonen spielen durchaus“, antwortete Crowley, „allerdings meistens falsch.“ Es war ihm gelungen, das wie einen Scherz klingen zu lassen und Nina und Maggie dabei sogar verschwörerisch zuzuzwinkern. „Ihr habt aber vermutlich nicht an Glücksspiel gedacht, oder?“ Nina lachte. „Nein, wir haben ganz unschuldig an Gesellschaftsspiele gedacht, Brettspiele, Kartenspiele, Würfelspiele, Partyspiele, wir haben von allem etwas hier.“ Sie zeigte auf die große Tasche. „Von mir aus gern“, sagte der Dämon, „ich fürchte aber, ihr müsst uns die Regeln erst erklären. Ich beherrsche jedenfalls nur sowas wie Mühle, Dame, Go oder Schach. Und natürlich Kinderspiele.“ Alle sahen ihn erstaunt an, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. „Du spielst Schach? Warum hast du das nie gesagt?“ Erziraphael dachte mit plötzlichem Bedauern daran, wie viele seiner langen einsamen Abende er stattdessen hätte mit Crowley verbringen können, bei einer völlig unverdächtigen Beschäftigung, in stiller Gemeinschaft. „Fällt Spielen für den Himmel nicht unter eitlen Müßiggang? Seit wann darf ein Engel seine Zeit mit solch profanen Beschäftigungen vertreiben?“ Der Dämon war ehrlich erstaunt. „Nun ja, wenn du die Regeln streng auslegst, ja, dann wäre das so. Aber beim Spiel der Könige? Da hätte sicher selbst Gott ein Auge zugedrückt.“ Erziraphael klang überzeugt. „Engel, du machst dir was vor. Sie machen auch keine Ausnahme für Crêpes oder Sushi, und wenn du hundertmal damit argumentierst, dass gehobene Küche ein Ausdruck höchster Kunstfertigkeit ist und nicht der Befriedigung niederer Instinkte dient.“ Die Frauen verfolgten den Dialog mit großen Augen. Wie konnte man sich so lange kennen und dabei so wenig voneinander wissen? Es war immer wieder erschreckend zu sehen, wie erfolgreich Himmel und Hölle damit waren, Engel, Dämonen und Menschen voneinander getrennt zu halten, Klischees und Vorurteile zu streuen und aufrecht zu erhalten. In Verbindung mit strikten Regeln und drastischen Strafen bei Nichtbeachtung war daraus so etwas wie Apartheid oder Segregation geworden, und je weniger die einen über die anderen wussten und je seltener sie miteinander in Berührung kamen, umso mehr verfestigte sich diese Spaltung. Maggie war aber bei Crowleys Antwort noch über etwas anderes gestolpert: „Warum ‚natürlich Kinderspiele‘?“ Jetzt lächelte Erziraphael. „Das kann ich beantworten, denke ich: Hannah.“ Das leuchtete allen ein. Der Engel hatte nicht ausgerechnet an diesem Abend Lust, den Freundinnen außerdem vom Antichristen und von Crowleys Rolle als Nanny zu erzählen. Nun rieb er sich unternehmungslustig die Hände. „Dann lasst uns anfangen. Schlagt einfach etwas vor.“ Aber Crowley bremste ihn. „Wollen wir nicht Muriel fragen, ob sie mitmachen möchte? Sie liegt sonst wahrscheinlich doch nur grübelnd wach.“ Alle nickten, Maggie war schon aufgestanden. „Ich hole sie.“ Nina packte währenddessen die Spiele aus und stapelte sie am Rand des Tisches. „Am besten fangen wir wohl mit was Einfachem an. Muriel kennt das, Crowley du vielleicht auch von Hannah. Das ist sowas wie der ‚Old MacDonald‘ der Brettspiele.“ Sie stellte die Mensch-ärgere-dich-nicht-Schachtel in die Mitte, klappte das Spielbrett auf und verteilte die Spielfiguren. Dann erklärte sie die Spielregeln. Crowley nickte zu allem, das Prinzip kannte er, auch wenn das Spiel bei Hannah und ihren Eltern anders ausgesehen hatte. Auch Erziraphael signalisierte, dass er die Grundzüge verstanden hatte. Sie sahen die Treppe hinauf, weil Maggie schon relativ lange bei Muriel war, aber da öffnete sich die Tür und die beiden Frauen kamen zusammen die Treppe herunter. Muriel hatte rote Augen und trug einen Schlafanzug. „Das ist total lieb, dass ihr mich dazuholt“, murmelte sie. Beim Blick auf den Tisch sagte sie: „Oh gut, das ist einfach und macht Spaß.“ Obwohl sie alle Zweifel gehabt hatten, ob es sich nicht befremdlich anfühlen würde, angesichts der aktuellen Lage der Welt und der drohenden Gefahren Spiele zu spielen, war es einfach nur befreiend. Sie lachten und zogen sich gegenseitig auf, Crowley behauptete steif und fest, der Spieltitel sage doch ganz klar, dass Dämonen und Engel sich sehr wohl ärgern dürften, nur Menschen eben nicht, und es half ihnen, eine Weile an nichts Belastendes zu denken. Als nächstes schlug Nina „Scrabble“ vor, wobei – wie sich herausstellen sollte – Muriel und Erziraphael nicht zu schlagen waren, und schlossen dann mit einigen Runden „Stadt, Land, Fluss“. Maggie hatte schon vor geraumer Zeit zu gähnen begonnen und auch Ninas Augen wurden kleiner. Crowley hatte das eine Weile mit angesehen, dann stand er auf und sagte: „Ihr müsst morgen arbeiten und jetzt langsam ins Bett. Ich mache euch noch einen Schlummertrunk. Heiße Milch mit Honig, heiße Schokolade oder lieber einen Kräutertee? Oder etwas Alkoholisches?“ Sie entschieden sich einstimmig und mit leuchtenden Augen für die Schokolade, die sie bald darauf eng zusammengerückt und schweigend genossen. Als Nina und Maggie ihre Spiele wieder eingepackt hatten und sich zum Aufbruch bereit machten, umarmten die drei anderen sie lange und herzlich. „Lass dir bloß nicht einfallen, nicht wiederzukommen“, forderte Nina und versuchte, die Tränen wegzublinzeln. „Wir kommen dich sonst holen!“ Die Engel und der Dämon brachten die beiden zur Tür und sahen ihnen nach, bis sie um die nächste Ecke verschwunden waren. „Und jetzt ab ins Bett, solange die Schokolade noch wirkt!“, ordnete Crowley an. Er küsste Muriel auf die Stirn. „Schlaf gut, meine Große.“ Sie lächelten sich an, dann umarmte Muriel Erziraphael und ging vor ihnen die Treppe hinauf.

Auch Crowley und Erziraphael waren ohne weitere Umwege ins Bett gegangen. Der Dämon lag auf dem Rücken und hatte seinen Arm weit in die andere Betthälfte ausgestreckt, so dass der Engel gar nicht anders konnte als sich hineinzukuscheln. In der freien Hand hielt Crowley sein Handy, das er jetzt weit von sich streckte und dann flüsterte: „Lächeln, Engel, Selfie-Time!“ Auf den ersten Fotos schaute das Gesicht unter den blonden Locken noch erstaunt, auf einigen weiteren wirkte es unbehaglich und keineswegs einverstanden damit, fotografiert zu werden, aber auf den letzten lächelte der Engel endlich in die Linse und schmiegte sich so eng wie möglich an Crowley, auch wenn es ein trauriges Lächeln blieb. Auch Crowleys Lächeln erreichte seine Augen nur mit Mühe, aber er wollte unbedingt ein solches Bild bei sich haben, wollte den Engel ansehen können, auch wenn er ihm fern war. Jetzt legte er das Handy weg, rollte sich auf die Seite und stützte sich auf den Unterarm. Er begann, zärtlich Erziraphaels Gesicht zu streicheln. „Mein wunderschöner Engel“, flüsterte er. „So glatt und so weich. Ich liebe deine Augen, deine herrlichen blauen Augen.“ Er versuchte, sich diesen Anblick einzuprägen, dann beugte er seinen Kopf hinunter, um ihn zu küssen. Als sich Erziraphaels Lippen für ihn öffneten, als er die zärtliche Zunge des Engels in seinem Mund spürte und dieser ihn in eine intensive Umarmung zog, da ließ er es zu, erwiderte den leidenschaftlichen Kuss, presste seine Brust an den Körper neben ihm, spürte überdeutlich die Hand auf seinem Rücken, die ihn streichelte, hörte den Engel leise stöhnen, während sich seine Finger gleichzeitig etwas tiefer in seinen Rücken drückten, und unterdrückte nur mühsam den Impuls, ihm das Pyjama-Oberteil auszuziehen. Aber seine Hand glitt – wie von einem eigenen Willen gelenkt – unter das Kleidungsstück, streichelte den weichen Bauch, tastete sich weiter nach oben, strich durch die kleinen goldenen Locken und streifte dann wie zufällig die Brustwarzen des Engels, der daraufhin ein raues „Crowley!“ stöhnte, das dem Dämon durch und durch ging. Noch nie hatte er seinen Namen so gehört, so liebevoll und dabei gleichzeitig so voller… Begehren. Er führte seine Hand ein weiteres Mal über die Brustwarzen und hörte erneut seinen Namen, ebenso zärtlich wie leidenschaftlich und …bittend. Und erst da verstand er, warum seine Impotenz Satan so frustriert hatte: Es brachte ihn um den Genuss, ihn auf eine weitere Art zu quälen, nämlich indem er seine Erregung auf die Spitze trieb, nur um ihm dann die Befriedigung verweigern zu können, ihn betteln zu lassen… Ihm wurde bewusst, dass er auf Erziraphaels Körper in diesem Zustand spielen könnte wie auf einem sensiblen Instrument. Er setzte seine Hand wieder in Bewegung und ließ sie zum Bund der Hose wandern und war gerade dabei, sie vorsichtig unter den Stoff gleiten zu lassen, als zwei Dinge gleichzeitig geschahen: Die Erinnerung an Satan in Verbindung mit dem gespannten Stoff der Pyjamahose, der ihm nur zu deutlich zeigte, was ihn darunter erwartete, ließ ohne jede Vorwarnung die Schatten über ihm zusammenschlagen, während Erziraphaels Hand sich fest um sein Handgelenk schloss und seine Hand wegzog, unter dem Stoff hervor und neben sich auf die Decke. „Crowley!“ Diesmal klang in seinem Namen weder Lust noch Verlangen mit, nur Liebe und Sorge. „Crowley! Bleib bei mir. Ich bin hier, es ist mein Arm, den du spürst, niemand wird dir etwas tun. Bleib hier bei mir, mein Dämon.“ Und tatsächlich: Die Schatten lichteten sich bereits wieder und ein Lächeln kehrte auf Crowleys Gesicht zurück. Erziraphaels schnelle Reaktion hatte Schlimmeres verhindert. „Was sollte das denn werden, du leichtsinniger, du dummer Junge?“ Er hatte dem Dämon jetzt liebevoll einen Arm um die Schultern gelegt und streichelte die einzelnen Tränen weg, die in ungleichmäßigen Abständen über seine Wange kullerten. „Ich wollte dir eine Erinnerung schenken, bevor ich zurück nach unten gehe. Und, … ich wollte wenigstens einmal erleben, dass es … dass es mit Liebe geschieht.“ Es klang im Rückblick so dumm und er schämte sich dafür. „Und hast du jetzt verstanden, dass du es gar nicht erleben würdest, weil dein Schutzkäfig sich vorher um dich schließt?“, fragte der Engel mit Sorge, aber auch einer Prise Vorwurf in seiner Stimme. Traurig nickte Crowley. „Aber bis dahin war es so schön“, flüsterte er. „So nah habe ich mich dir noch nie gefühlt, so eins mit dir.“ Erziraphael nickte traurig. „Ich weiß, Liebling, ich weiß. Ich habe es auch gefühlt. Und wir werden es wieder fühlen, morgen oder nächstes Jahr oder in zehn Jahren, wann auch immer wir so weit sind, dass wir beide es genießen können. Einverstanden?“ Crowley erwiderte die Umarmung und nickte. „Einverstanden.“ Das sagte er. „Wenn es für uns noch ein Morgen gibt“, sagte er nicht.