Überraschungen - Tag 19, Mittwoch
Überraschungen - Tag 19, Mittwoch
Hallo, ihr da draußen in den unendlichen Weiten des Netzes!
Am einzigen nicht bundeseinheitlichen Feiertag, den wir in Hessen feiern dürfen, stelle ich ausnahmsweise mal einen herzlichen Gruß aus dem hessischen Norden voran. Vor allem möchte ich mich bedanken, dass Ihr Woche für Woche unsere liebsten "Ineffables" auf dem Weg begleitet, den ich mir für sie, ihre Freunde und ihre Wahlfamilie ausgedacht habe. Es macht einen so großen Unterschied, erfahren zu dürfen, dass die Geschichte nicht nur mir etwas bedeutet, sondern dass ihr sie zu mögen scheint und weiterhin fleißig lest und mitfiebert. Danke!
Über eure Rückmeldungen würde ich mich sehr freuen, egal ob als Herzchen oder Lesezeichen, per Review oder Mail. Und auch zu Empfehlungen sage ich natürlich nicht nein.
Bleibt gesund und habt einen tollen Sommer!
Euer Bookgirl (Gabi)
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Am Morgen fanden sich alle Bewohner der Buchhandlung ungewohnt früh im Erdgeschoss ein. Muriel hatte die Sorge um Crowley trotz Spiel und Schokolade nicht schlafen lassen und die Befürchtung, dass er sich doch ohne Abschied davonstehlen könnte, trieb sie aus dem Bett. Crowley und Erziraphael wollten schlicht noch möglichst viel Zeit miteinander verbringen, bevor der Dämon zur Schule aufbrach. Danach würde alles sehr schnell gehen, das wussten sie beide. Hexe war ihnen nach unten gefolgt, hatte sich dort aber sofort auf ihre Decke zurückgezogen und war wieder eingeschlafen. Der Dämon betrachtete den blassen, ungewöhnlich schweigsamen Engel mit Sorge, er würde ihm doch nicht zusammenklappen? Eine Ablenkung, er brauchte unbedingt eine Ablenkung! „Ist dir aufgefallen, dass wir gestern nicht einmal die Verlautbarungen von Himmel und UN gelesen haben?“, fragte er und gratulierte sich zu diesem Einfall, weil der Engel prompt aus seinem dumpfen Brüten erwachte. „Das habe ich ja vollkommen aus den Augen verloren! Muriel, sind die Verlautbarungen wie geplant herausgegeben worden?“ Sie nickte und schob Erziraphael wortlos die aktuelle Zeitung hin. Der Buchhändler hatte eine seriöse überregionale Zeitung abonniert, aber selbst diese titelte mit: „Radikale Engel drohen mit Putsch – Dämonen infiltrieren Hell’s Angels“. Es graute ihm vor den Parolen, die heute ohne jeden Zweifel von den Titelseiten der Revolver-Blätter und aus allen anderen sensationsgierigen Medien schreien würden. Und fast noch mehr fürchtete er die Reaktionen darauf, die der Leserinnen und Leser ebenso wie die aus der Politik und in den Sozialen Medien. Er begann zu lesen, zuerst den Leitartikel auf der ersten Seite, dann den Wortlaut der Verlautbarung, die nichts Überraschendes enthielt, dann die ersten Statements von Regierung und Opposition, von Militär, Polizei und Geheimdiensten. Auch Berechiel und Furfur waren befragt worden und wurden mit sachlichen, wenn auch besorgten Antworten zitiert. Wie nicht anders zu erwarten, hatten sie Gewalt und Straftaten grundsätzlich verurteilt und die Angehörigen von Oben und Unten zu Gesetzes- und Vertragstreue aufgefordert. Im Wesentlichen deckten sich ihre Aussagen mit den Texten der Verlautbarungen. Mit einer gewissen Anspannung machte sich Erziraphael als nächstes an die Lektüre der Kommentare, kam aber bald erleichtert zu dem Schluss, dass diese zwar durchaus kontroverse Meinungen enthielten, in Summe aber sachlich argumentierten und keine voreiligen Schlüsse zogen. Die darin behandelten Fragen zeigten jedoch, wie wenig gefestigt das Miteinander der drei Welten noch war. Es gab einfach noch nicht genug gemeinsame Erfahrungen und keine langjährig erprobten Beziehungen, auf deren Grundlage gegenseitiges Vertrauen hätte wachsen können, und die eine verlässliche Einschätzung der Reaktionen der jeweils anderen Seiten erlaubt hätten. Und so blieb es nicht aus, dass einige Kommentatoren fragten, ob die Menschheit zu naiv gehandelt habe, ob der überweltliche Vertrag ein Fehler oder zumindest voreilig gewesen sei, ob der Ausnahmezustand ausgerufen werden solle oder ob eine Meldepflicht für alle Unsterblichen auf der Erde eingeführt werden müsse. Selbst über Ausweisungen und Rückführungen in Himmel und Hölle wurde bereits laut nachgedacht, auch wenn noch nichts dergleichen konkret gefordert wurde. Unsicherheit schien auf der menschlichen Seite vor allem hinsichtlich des Verhältnisses von Himmel und Hölle zu bestehen. Die einen tendierten eher zu der Meinung, dass Himmel und Hölle gegeneinander und unabhängig voneinander arbeiteten, es wurden jedoch ebenso Befürchtungen geäußert, dass Engel und Dämonen sich gegen die Menschheit verschworen haben könnten. Nachdem er jeden Buchstaben der Berichte, Analysen und Kommentare zu diesem Thema gelesen hatte, nahm er seine Brille ab und massierte nachdenklich seine Nasenwurzel.
Er bemerkte, dass sowohl Muriel als auch Crowley ihn abwartend ansahen und so fasste er kurz seinen Eindruck zusammen: „Große Verunsicherung, eher Zuspitzung als Verharmlosung, auch schon drastische Thesen und Fragestellungen, insgesamt aber meist noch sachlich und verständlicherweise besorgt.“ Muriel nickte: „Das ist auch mein Eindruck.“ Der Dämon allerdings schüttelte den Kopf. Er hatte im Internet zuerst die Seiten der weniger seriösen und mit Vorliebe polarisierenden Medien gecheckt und auch, wenn der Ton dort rauer war und die Fragen häufiger schon als Forderungen formuliert waren (z. B. „Vertrag außer Kraft setzen!“, „Zuzug von Unsterblichen jetzt begrenzen“, „Visum- und Meldepflicht für Engel und Dämonen sofort!“), hatten sich auch deren Fragen und Forderungen am Vortag auf rechtliche, polizeiliche und administrative Maßnahmen beschränkt. Crowley war allerdings inzwischen zu den tagesaktuellen Berichten, Analysen und Kommentaren vorgedrungen und dort wurde der Ton zunehmend schärfer und die Forderungen radikaler. Und so klang seine Einschätzung deutlich pessimistischer, die er mit einer Reihe kurzer Zitate untermauerte. „Hier geht vieles deutlich Richtung Panikmache und Aktionismus, stellenweise klingt es schon fast wie ein Aufruf zu Gewalt.“ Er sah in die ungläubigen Gesichter seiner Freunde und las bedauernd einige der Überschriften und Zitate vor, die ihn zu dieser Einschätzung gebracht hatten: „Wo bleibt der Ausnahmezustand? – Muss es erst Tote geben? - Opferverbände fordern Ausgangssperre für Engel und Dämonen - Sicherheitsverwahrung für alle Flügelträger, bis ihre Unschuld bewiesen ist - Bürger, schützt eure Frauen und Kinder! - Lasst euch nicht einlullen!“ Er klappte genervt den Laptop zu. „Na, das kann ja noch heiter werden! Ich fürchte, da ist die Gründung neuer Bürgerwehren nicht weit. Passt bloß auf euch auch, solange ich weg bin.“ Er stand auf und beugte sich zu Erziraphael hinunter: „Es ist spät, ich muss in die Schule. Ich bringe Hexe dann schnell nach Hause, bevor ich mit Gabriel aufbreche.“ „Crowley, Schatz!? Bitte warte kurz.“ Der Engel sprang auf und begleitete ihn zur Tür. Dort strich er ihm zärtlich über die Wange. „Sei nicht zu enttäuscht, wenn auch von den Großen nicht alle kommen. Du weißt, dass die Kinder das nicht selbst entscheiden.“ Der Dämon nickte, auch er hatte sich schon Gedanken gemacht und versucht, sich auf diese Situation vorzubereiten. „Keine Sorge, Engel, ich werde nicht im Büro der Direktorin randalieren. Ich kann doch Hexe nicht erschrecken.“ Dann küssten sie sich noch einmal und Crowley machte sich mit der Hündin auf den Weg. Erziraphael sah dem Bentley nach, bis er an der Kreuzung abgebogen war, seufzte tief und kehrte zum Tisch zurück. Dort zog er den Laptop zu sich heran, den der Dämon gerade zugeklappt hatte und setzte die Lektüre fort. Die Sorgenfalten auf seiner Stirn wurden immer tiefer.
***
Crowley ließ Hexe ins Auto springen und schnallte sie an. Während der Bentley langsam vom Schulparkplatz rollte, war er tief in Gedanken versunken, aber keiner dieser Gedanken hatte mit seinem unmittelbar bevorstehenden Abstieg in die Hölle oder mit der ersten Krise der überweltlichen Kohabitation zu tun. Nein, er ließ sich noch einmal die Gespräche durch den Kopf gehen, die er heute an der Schule geführt hatte. Wie fast nicht anders zu erwarten gewesen war, hatte die Direktorin ihn in ihr Büro gebeten, kaum dass er das Schulgebäude betreten hatte. Sie hatte ihm einen Platz angeboten und dann ganz offensichtlich mit dem gekämpft, was sie ihm zu sagen hatte. „Machen Sie es sich nicht so schwer“, hatte er deshalb das Gespräch eröffnet. „Es haben Eltern angerufen, die nicht länger möchten, dass ihre Kinder Hexe vorlesen, weil ihr Besitzer mit einem Mann zusammenlebt.“ Obwohl er sich diesen Satz schon beim Aufwachen zurechtgelegt hatte, ging er ihm nicht leicht von den Lippen. Auf dem Weg zur Schule hatte er alle möglichen Varianten durchprobiert und dabei festgestellt, dass er solche Aussagen wie „weil ich schwul bin“ oder „weil ich in einer homosexuellen Beziehung lebe“ nicht herausbekommen würde. Wie hätte er mit Fremden so offen über so intime Dinge sprechen sollen, wenn er doch selbst mit Erziraphael kaum über das sprechen konnte, was sie verband, was genau da zwischen ihnen war? War er denn überhaupt schwul? Er liebte Erziraphael, ja, aber er hatte in den 6.000 Jahren vorher noch nie einen Mann geliebt oder auch nur begehrt. Eine Frau allerdings auch nicht. Wie auch, nachdem ihm jedes Verlangen nach körperlicher Intimität in den Folterkellern der Hölle so gründlich ausgetrieben worden war? Solche Fragen hatten sich nie gestellt. Er war ein Dämon. Das war als Beschreibung immer vollkommen ausreichend gewesen.
„Mister Crowley?“ Die Direktorin sah ihn besorgt an, er hatte offensichtlich den Faden verloren. „Entschuldigung, was sagten Sie gerade?“ „Ich sagte, dass ich das Verhalten der betreffenden Eltern nicht gutheiße. Unsere Schule hat das Bekenntnis zu Vielfalt, Diversität und einer offenen, toleranten Gesellschaft nicht im Leitbild stehen, weil es heute ‚en vogue‘ ist, sondern weil das Kollegium sich aus Überzeugung dazu verpflichtet hat. Wir leben den uns anvertrauten Kindern dieses Menschenbild vor und gehen grundsätzlich davon aus, dass die Eltern das unterstützen, wenn sie sich für unsere Schule entscheiden. Wir sind da sehr transparent.“ Crowley nickte, wusste aber nicht, was er darauf erwidern sollte. „Ich habe deshalb mit den fraglichen Eltern lange diskutiert, konnte aber weder den Vater von Carter noch die Eltern von Mary überzeugen.“ Der Dämon nickte. „Danke trotzdem, dass sie es versucht haben, das ist nicht selbstverständlich.“ Das war es leider wirklich nicht, wie er mittlerweile wusste. Er hatte den Eindruck, dass die Direktorin noch mehr auf dem Herzen hatte, und blieb deshalb stumm sitzen. „Ich habe mich in diesen Gesprächen für Sie verbürgt, Mister Crowley.“ Er hörte ein unausgesprochenes „Aber“ am Ende dieses Satzes, und verstand, was die Direktorin bewegte. Er lächelte sie aufmunternd an. „Und dann ist Ihnen eingefallen, dass Sie mich keinesfalls gut genug kennen, um mit dieser Zusicherung ruhig zu schlafen.“ Er hatte den Satz für sie vervollständigt und sah an ihrer Erleichterung, dass er den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Er dachte nicht lange nach und fügte hinzu: „Falls Ihre Zeit es zulässt, kommen Sie doch einfach mit dazu. Oder wäre es Ihnen lieber, dass ich die Kinder heute nicht treffe?“ „Nein, nein, ich weiß, wie sehr die Kinder sich auf diesen Termin freuen. Aber, wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich mir wirklich gerne ein eigenes Bild machen.“ Crowley nickte zur Bestätigung und stand auf. „Dann lassen Sie uns am besten gehen“, schlug er vor und die Direktorin folgte ihm.
Hexe hatte im Vorzimmer auf ihn gewartet, die Leine lag neben ihr auf dem Boden und sie rührte sich nicht, bis er leise „Komm, Mädchen“ sagte. Dann folgte sie ihm zu dem Raum, in dem sie jede Woche geduldig wartete, bis alle Mädchen und Jungen sie gestreichelt und ihr vorgelesen hatten. Als sie die Tür öffneten, wartete dort bereits ein mürrischer Teenager, der aber augenblicklich zu strahlen begann, als er die Wolfshündin sah. „Hey Hexe, da bist du ja! Ich dachte schon, ihr kommt nicht mehr.“ Als er die Direktorin wahrnahm, wirkte er verunsichert. „Ist was nicht ok, Ms. Shaw?“, fragte er. „Ich bin nur neugierig. Hast du etwas dagegen, wenn ich Hexe und Mr. Crowley bei der Arbeit zusehe? Ich würde nur still dahinten sitzen.“ Der Junge zuckte mit den Schultern. „Von mir aus.“ Erst jetzt wandte er sich an den Mann: „Hi Anthony, alles klar?“ Er stieß mit der geballten Faust cool gegen die des Dämons, der mit „Alles klar, und bei dir, Michael?“ antwortete. „Alles normal.“ Der Schüler sah unsicher zwischen Crowley und der Direktorin hin und her. „Tu so, als wären wir nicht da. Mach einfach alles wie immer.“ Während Crowley sich nach hinten zu Ms. Shaw setzte, hatte Hexe sich auf das Kissen gelegt, das in der Nähe des Fensters für sie bereitlag. Jetzt ließ auch Michael sich auf dem Boden nieder und machte es sich mit dem Kopf auf Hexes Flanke gemütlich. Dann blätterte er in dem Buch, das er aus einer Tasche seines Hoodies gezogen hatte, und begann zu lesen. Er las nicht flüssig, ließ sich aber von einigen Stolperern nicht aus der Ruhe bringen, und las weiter aus dem Jugendkrimi vor, bis Crowleys Handy einen einzelnen Klingelton hören ließ. „Schon vorbei?“ Michael sprang auf und umarmte Hexe ungestüm. „Bis nächste Woche, Süße.“ Er winkte nach hinten zu Crowley und der Direktorin und war verschwunden. Die beiden auf ihn folgenden Schülerinnen ließen sich von der Anwesenheit ihrer Direktorin nicht aus dem Konzept bringen. Beide begrüßten zuerst stürmisch Hexe und kamen dann zu Crowley, den sie flüchtig umarmten. Die erste legte sich, genau wie Michael, zu Hexe auf den Boden, die zweite setzte sich mit ihrem Buch an einen Tisch und die Hündin stand ganz von allein auf, setzte sich zu ihr und legte ihren Kopf direkt neben dem aufgeklappten Buch auf dem Tisch ab. Die Schülerin kraulte ihr die ganze Zeit den Kopf und verlas sich währenddessen nicht ein einziges Mal. „Ihre Klassenlehrerin würde das nicht glauben“, flüsterte Ms. Shaw Crowley zu. „Vor der Klasse scheint sie ausgeprägt zu stottern, auch wenn es wohl langsame Fortschritte gibt, seit sie hierher zu Ihnen und Hexe kommt.“ Als das Smartphone klingelte und das Ende der Vorlesestunde verkündete, kam das Mädchen nach hinten und hielt Crowley die offene Hand hin. Er legte ihr etwas hinein, was die Direktorin nicht erkennen konnte. Sie beobachtete besorgt, was das Mädchen damit tat, lächelte dann aber gerührt, als sie erkannte, dass es ein Hundekeks war, mit dem sie sich bei Hexe bedankte. Die Schülerin winkte fröhlich nach hinten und verabschiedete sich mit: „Danke Anthony, bis nächste Woche.“
Crowley stand auf und reckte sich. „Wenn Carter und Mary nicht kommen, haben wir jetzt eine längere Pause. Spricht etwas dagegen, dass ich währenddessen mit Hexe eine Runde um den Block drehe?“ Auch die Direktorin hatte sich erhoben. „Natürlich nicht, ich würde in der Zeit einige Telefonate führen und dann wiederkommen.“ Sie hatten die Tür noch nicht erreicht, als diese mit Schwung aufgestoßen wurde und krachend gegen die Wand schlug. „Anthony! Hexe!“ Ein Junge kam hereingerannt und klammerte sich an Crowleys Beine. Der machte sich vorsichtig los, ging neben dem Jungen in die Hocke, woraufhin der ihm sofort die Arme um den Hals schlang und in seine Halsbeuge schluchzte. „Er wollte mich nicht kommen lassen, Anthony. Er wollte es mir verbieten!“ Er klang völlig aufgelöst. Crowley hatte vorsichtig die Umarmung des Jungen erwidert, strich ihm tröstend über den Rücken und sah hilfesuchend zu der Direktorin auf, die bis dahin noch keinen Ton gesagt hatte. „Carter, wenn dein Vater nicht möchte, dass du weiter zu uns kommst, dann muss ich mich daran halten. Er darf das entscheiden und ich kann mich nicht darüber hinwegsetzen.“ Wieder löste er sich vorsichtig aus Carters Umarmung und ließ diesmal Hexe seinen Platz einnehmen. Jetzt verbarg Carter sein Gesicht am Hals der Hündin und weinte ungehemmt weiter. „Vielleicht könnten Sie bei Carter und Hexe bleiben und ich gehe so lange raus? Könnten Sie das gegenüber seinem Vater vertreten?“ Ms. Shaw nickte ohne jedes Zögern. Sie legte dem Jungen eine Hand auf den Kopf und versuchte, ihn zu beruhigen. „Es ist gut, Carter. Du kannst bei Hexe bleiben und ihr vorlesen. Ich sitze da hinten und störe euch nicht.“ Langsam beruhigte sich der Schüler, putzte sich die Nase und setzte sich dann im Schneidersitz zu der Hündin auf den Boden. Sie kroch noch näher und legte ihren Kopf in seinen Schoß, während er las. Die Direktorin hatte den erbosten Wortschwall noch im Ohr, den Carters Vater am Tag vorher über sie ausgeschüttet hatte. Darin war von „Schmutz“ und „Schund“ die Rede gewesen, den sein Junge neuerdings aus der Schule mitbringe, und er hatte Crowley dafür verantwortlich gemacht. Als sie nun zuhörte, was der immer noch leise schniefende Junge der Hündin vorlas, begann sie zu verstehen. Lächelnd lauschte sie der Geschichte über zwei Jungs, die sich in einem Ferienlager anfreundeten und zwischen denen sich eine allenfalls angedeutete, zarte Liebesgeschichte anbahnte. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass Carters Zeit um war. „Ein schönes Buch“, sagte sie. Ein Blick auf die Kennzeichnung am Buchrücken bestätigte ihr, dass es aus der Schulbücherei stammte. „Warum war dir der Termin mit Hexe so wichtig?“, fragte sie sanft. „Du warst ja völlig außer dir.“ Der Junge sah sie zweifelnd an, er schien sich zu fragen, ob sie die Wahrheit hören wollte. „Zuhause darf ich das nicht lesen“, sagte er schließlich leise. „Mein Dad sagt, dass ein echter Junge sowas nicht liest. Aber Anthony sagt, dass wir die Bücher, die wir mit zu Hexe bringen, selbst aussuchen sollen. Wichtig wäre nur, dass wir sie lesen wollen.“ Ms. Shaw lächelte ihn aufmunternd an. „Ich finde, da hat Mr. Crowley ganz recht. In unserer Schulbücherei gibt es keine Bücher, die ein Junge nicht lesen sollte.“ Sie erinnerte sich daran, wie Crowley mit dem traurigen Jungen umgegangen war, wie er Augenhöhe zwischen sich und dem Kind hergestellt hatte, und hockte sich nun ebenfalls zu Carter. „Soll ich nochmal mit deinem Vater reden und versuchen, ihn zu überzeugen?“, bot sie an. „Oh ja, bitte! Würden Sie das wirklich machen?“ Sie wuschelte ihm durchs Haar und versprach es. „Willst du dir noch einen Hundekeks nehmen?“ Carter sauste zu der Tüte, fischte einen Keks heraus und verfütterte ihn liebevoll an Hexe. Dann rannte er aus dem Raum, ohne die Tür hinter sich zu schließen, sodass sie noch sah, wie er auf den gerade zurückkehrenden Dämon zulief und sich ihm in die Arme warf. „Sie redet nochmal mit Dad!“, rief er. „Anthony, sie redet mit meinem Vater!“ Crowley drehte sich zweimal mit Carter im Kreis, dann setzte er ihn behutsam ab und verabschiedete sich. Langsam kam er in den Raum zurück. „Die Kinder vergöttern Sie“, stellte sie sachlich fest. „Ach, nein“, wehrte er ab. „Ich sage ihnen nur nicht, wer sie sein müssen. Das tut ihnen gut, glaube ich. Aber vor allem anderen lieben sie Hexe.“ Die Direktorin sah ihn lange an. „Wenn Sie meinen.“ Wieder spürte er sie zögern. „Was möchten Sie wissen? Fragen Sie einfach. Sie vertrauen mir Ihre Schülerinnen und Schüler an, Sie haben ein Recht auf Antworten.“ Sie schüttelte leicht verwirrt den Kopf. Dieser Mann, der sich üblicherweise in sein Schweigen hüllte wie in einen schützenden Mantel, hörte nicht auf, sie zu erstaunen. „Ich fürchte, es ist doch reine Neugier. Sie müssen wirklich nicht antworten. Das Mädchen auf dem Foto, auf einem der Fotos aus dem Bericht über Ihre Veranstaltung, die strahlende Kleine, die Sie da auf dem Arm haben,… darf ich fragen, in welchem Verhältnis Sie zu ihr stehen?“ Crowleys Gesicht hatte sich verfinstert, als sie das Foto erwähnte, und sie bereute es sofort, aber er sah sie offen an und antwortete ohne Zögern: „Im Grunde ist sie sowas wie meine Patentante.“ - „Sie meinen, Ihre Patentochter?“ – „Nein, nein, sie hat mich adoptiert und fühlt sich für mich verantwortlich.“ Er lachte. „Und sie verfügt voll und ganz über mich, wenn ihre Eltern mich nicht retten.“ Jetzt lachte auch Ms. Shaw. „Darf ich bei den beiden letzten Schülern noch hier bleiben?“ „Natürlich, gerne.“ So war es gekommen, dass Crowley den ganzen Vormittag über keine Zeit zum Grübeln gehabt hatte. Auch nach dem überaus herzlichen Abschied von Ms. Shaw, die sich mit ehrlicher Begeisterung für die Gelegenheit zur „Hospitation“ – so hatte sie es genannt – bedankte, blieb er mit seinen Gedanken bei ihr und den Schülerinnen und Schülern. Auch die Erinnerung an die strahlenden Kindergesichter, an ihre Zuneigung zu Hexe und das Vertrauen zu ihm, auch diese Erinnerung versuchte er, sich unauslöschlich einzuprägen, damit sie ihn bei Bedarf wärmen und trösten können würde. Erst als er den Bentley an der Buchhandlung geparkt hatte, richtete er seine Konzentration wieder auf die Aufgabe, die vor ihm lag. Schon bevor er die Tür öffnete, hörte er an der Geräuschkulisse, dass die beiden Engel nicht mehr allein in der Buchhandlung waren. Er sammelte sich kurz und ging hinein.
Gabriel, Bee und Sariel hatten ihn bereits erwartet, Bee zwar äußerlich gefasst, aber mit verweinten Augen. Erziraphael sah nicht viel besser aus. Crowley ging sich umziehen. Beim Zurückkommen verständigte er sich mit einem Blick mit Gabriel und versuchte, allem zuvorzukommen, was ihnen den Abschied schwer machen würde. Er umarmte kurz und fest erst Muriel, dann Bee und nickte Sariel zu. „Passt gut auf euch auf“, sagte er, „und auf den blonden Engel möglichst auch.“ Dann zog er Erziraphael ein Stück von der Gruppe weg. Er musste zweimal tief durchatmen, bevor er bereit war. Er nahm ihn in den Arm und flüsterte in sein Ohr: „Ich liebe dich, Engel. Das weißt du, oder?“ Er spürte das Nicken und murmelte: „Gut, vergiss es nicht.“ Er lockerte die Umarmung, strich ihm noch einmal sanft über die Wange, drückte noch einmal seine Hand, - und wandte sich zum Gehen. „Gabriel?“ Auch der hatte sich so kurz und unsentimental wie möglich von Bee verabschiedet und nickte ihm nun entschlossen zu. Die beiden Männer gingen zur Tür und verließen die Buchhandlung, ohne sich noch einmal umzusehen. Dann begannen die Zurückgebliebenen, auf ihre Rückkehr zu warten.