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Underground - (immer noch Mittwoch)

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Underground - (immer noch Mittwoch)

Obwohl der Abschied von Crowley auch Muriel keineswegs kalt ließ, fühlte sie sich dafür verantwortlich, Bee und vor allem Erziraphael zu beschäftigen und nach Kräften abzulenken. Als erstes wollte sie die Planung des restlichen Tages in Angriff nehmen. „Wann genau erwarten wir Ben und Kenneth?“, fragte sie den Buchhändler. „Sie haben sich nicht für eine bestimmte Zeit angekündigt“, er hob entschuldigend die Hände. „Im Moment jagt wohl eine Redaktionskonferenz die nächste und sie wollen so fahren, dass sie keine davon verpassen. Ich rechne aber damit, dass sie gegen 16 Uhr, spätestens zum Tee hier sein werden. Zu den weiteren Konferenzen des Tages wollen sie sich dann von hier aus zuschalten“. „Also sind wir heute Nachmittag zu siebt, mit Jesus?“ Erziraphael nickte. „Wenn Jesus nicht kurzfristig jemand von Oben mit dazu nehmen möchte, ja.“ Muriel dachte kurz nach, dann stand ihr Schlachtplan. „Sariel, du solltest das Gespräch zwischen Jesus und den beiden Journalisten vorbereiten. Kannst du so eine Art Pressemappe zusammenstellen, bitte?“ Er nickte zustimmend. „Können wir gemeinsam festlegen, was alles hinein soll?“ Während er den Laptop aufklappte und ein neues Dokument erstellte, begannen die anderen schon, laut nachzudenken. „Der Brief von Britannia und die offiziellen Verlautbarungen sind direkt an die Medien gegangen.“ Erziraphael hatte einen Finger an die Nasenspitze gelegt, eine Geste, die bei ihm auf höchste Konzentration hinwies. „Vielleicht einige Hintergrundinfos dazu, wie Oben und Unten aktuell aufgestellt sind?“, schlug er vor. „Personen, Entscheidungswege, solche Dinge.“ Sariel machte sich eine Notiz. „Für die Hölle kann ich dir dabei helfen“, bot Bee an und ersparte ihm damit die Entscheidung, wie er sie anreden sollte, wenn er sie um Hilfe bat. Er registrierte das dankbar und lächelte ihr schüchtern zu. „Bee, kennst du den Wortlaut von Furfurs interner Erklärung von gestern?“, fragte Muriel. Die ehemalige Höllenfürstin kramte ihr Smartphone heraus und scrollte durch ihren Posteingang. „Ja, hier ist es. Ich leite es dir weiter.“ Während sie noch die Mailadresse eintippte, sagte Bee zögernd: „Ich würde die Gelegenheit eigentlich sehr gerne nutzen, um darauf aufmerksam zu machen, dass es mit der vertraglich vereinbarten Co-Habitation und der Gleichberechtigung aller Angehörigen der drei Welten in der Praxis nicht weit her ist.“ Zweifelnd sah sie in die Gesichter der Freunde. „Aber ich kann wohl schlecht eine Pressekonferenz des Gottessohnes dafür zweckentfremden, auf die Benachteiligung der Dämonen hinzuweisen, oder?“ Erziraphael war am schnellsten: „Ich denke, dass Jesus dieses Anliegen voll und ganz unterstützt. Du zweckentfremdest damit nichts.“ Auch Sariel nickte. „So, wie ich Jesus in den Vertragsverhandlungen kennengelernt habe und auch jetzt seit seiner Rückkehr in den Himmel erlebe, ist ihm das Thema genau so wichtig wie uns und wie dir“, er sah Bee direkt in die Augen. „Denkt ihr nicht, dass Furfur ihn auf diesen Missstand heute selbst hinweisen wird?“, fragte Muriel. „Könnte es nicht sogar sein, dass Jesus dazu sowieso ein Statement abgeben möchte?“  „Du hast wahrscheinlich recht. Das würde mich nicht wundern.“ Erziraphael trommelte beim Sprechen mit den Fingern auf die Tischplatte, auch das ein Indiz dafür, dass sein Gehirn auf Hochtouren lief. „Aber gerade dann ist es doch gut, wenn wir eine vorbereitete Liste konkreter und nachweisbarer Diskriminierungen zur Hand haben. Falls Jesus das wider Erwarten nicht gutheißt, legen wir das Blatt eben nicht bei.“ Fragend sah Sariel zu Bee. Sie nickte: „Das können wir zusammen machen.“ Muriel meldete sich wieder zu Wort: „Es ist wahrscheinlich nicht unbedingt nötig, aber sollten wir Kenneth nicht auch die relevanten Teile des Vertragstextes zur Verfügung stellen? Der liegt in der Redaktion ja wahrscheinlich nicht auf jedem Schreibtisch.“ Der ehemalige Erzengel nickte heftig. „Unbedingt! Darin können wir gleich die fraglichen Passagen über Gleichberechtigung und die vereinbarten Grundprinzipien der Co-Habitation markieren.“ Muriel stand auf. „Das ist ja schon eine ganze Menge. Dann schlage ich vor, du nimmst die Markierungen im Vertragstext vor, Sariel und Bee stellen die Pressemappe zusammen und ich mache mir jetzt Gedanken um die Verpflegung unserer Gäste.“ Es hätte nur noch gefehlt, dass Muriel die Ärmel hochkrempelte.

***

In der U-Bahn-Station King‘s Cross saßen die beiden Parlamentäre am Bahnsteig und bemühten sich, die Zugänge so unauffällig wie möglich im Auge zu behalten. Sie waren vor der vereinbarten Uhrzeit angekommen und hielten sich bewusst in einiger Entfernung vom Treffpunkt auf, um nicht durch einen längeren Aufenthalt am Tunnelzugang die Aufmerksamkeit des Sicherheitspersonals auf sich zu lenken. „Links von dir“, murmelte Gabriel nach einigen Minuten und Crowley sah den Bahnsteig entlang, auf dem sich Jesus in unauffälliger Alltagskleidung näherte. Er ging ohne Begrüßung, nur mit einem wie zufälligen Augenkontakt, an ihnen vorbei und blieb in geringer Entfernung stehen. Sie warteten die Abfahrt der nächsten Bahn ab, um ihm zu folgen und dann vom Bahnsteigende schnell in den Tunnel zu verschwinden. Im dämmrigen Licht erkannten sie eine Nische, in die sie schlüpften. Dort konnten sie aus einer vorbeifahrenden Bahn nicht gesehen werden und waren vor allem nicht in Gefahr, durch den Sog mitgerissen zu werden. Fast im selben Augenblick glitt die scheinbar massive Tunnelwand lautlos zur Seite. „Kommt schnell!“ Sie erkannten Furfur und folgten seiner Aufforderung. Sofort glitt die Wand hinter ihnen wieder in ihre ursprüngliche Position zurück. Crowley pfiff anerkennend. „Ich sehe, die Hölle hat sich weiterentwickelt, seit ich regelmäßig in ihr verkehrt habe. Ein beeindruckendes Wunder!“ „Wunder!?“, zischte Furfur. Du glaubst doch nicht etwa, dass irgendein Dämon genug Ehrgeiz und Durchhaltevermögen hätte, sich das auszudenken und es dann auch noch zuverlässig in Betrieb zu halten?“ Er schüttelte unwirsch den Kopf. „Menschentechnik. Geklaut. Und zum Glück offenbar idiotensicher, denn bisher haben sie es noch nicht kaputtgekriegt.“ Jesus trat vor. „Wie immer ein Freund des offenen Wortes. Ich grüße dich, Furfur.“ Der Höllenrat deutete doch tatsächlich eine Verbeugung an! Seine Mimik und seine Stimme bestätigten den Eindruck, dass er dem Gottessohn mit tiefem Respekt begegnete. Crowley und Gabriel tauschten einen unauffälligen Blick, der ihr Erstaunen verriet. „Jesus, ich hätte dich lieber unter anderen Umständen wiedergesehen, freue mich aber dennoch.“ Dann wandte er ihnen den Rücken zu. „Bitte folgt mir.“ Diesmal warf der Engel dem Dämon neben ihm einen ganz und gar ungläubigen Blick zu. Hatte Furfur wirklich „Bitte“ gesagt? Sie gingen nur wenige Schritte, dann ließ er eine weitere vermeintlich massive Wand zur Seite gleiten und führte sie in einen schlichten Besprechungsraum. Sechs Stühle, ein Tisch und etwas, das einem Videokonferenz-System erstaunlich ähnlich sah. Er forderte sie mit einer Geste zum Platznehmen auf und setzte sich als Letzter. „Wie du siehst, bin ich allein gekommen“, sagte er zu Jesus. Ich möchte damit deinen Vertrauensbeweis würdigen.“ Er grinste verschwörerisch. „Ich gehe davon aus, dass auch deine Berater alles versucht haben, um dir dieses Treffen mit der Hölle auszureden.“ „Natürlich. Sie finden, ich dürfe es ihnen nicht so schwer machen, für meine Sicherheit zu sorgen.“ Jesus sah zu seinen beiden Begleitern. „Obwohl ich ja nicht wirklich allein bin. Wenn Crowley und Gabriel woanders warten sollen…“ Er beendete den Satz nicht, weil Furfur schon abgewunken hatte. „Sie gehören nicht zur himmlischen Führung, außerdem kenne ich sie gut genug, um sie einschätzen zu können.“ Der Höllenrat zeigte auf das Gerät in der Tischmitte. Wenn du keine Einwände hast, würde ich aber gerne zwei virtuelle Begleiter zuschalten: Den aktuellen Herrn der Akten, der – nebenbei bemerkt – seiner Vorgängerin voraus hat, dass er sich tatsächlich mehr für Dokumentation als für Foltermethoden interessiert, und den vertrauenswürdigsten Dämon meines Stabes, der in meinem Auftrag dabei ist, eine Rechtsordnung zu entwickeln, die uns endlich von der antiquierten Willkür befreit, mit der in der Hölle bisher verurteilt und bestraft wurde.“ An dieser Stelle entschied Crowley, dass er nicht mehr bei jedem Anlass, den Furfur ihnen bot, einen staunenden Blick mit Gabriel tauschen konnte, sonst würden sie sich bald ununterbrochen anstarren. Während er und Gabriel noch damit beschäftigt waren, aus dem Staunen herauszukommen, hatte Jesus der Video-Verbindung bereits zugestimmt und der Höllenrat stellte die beiden Dämonen vor, die sie von einem kleinen Display ansahen. Crowley hatte alle Mühe, seinen Vorsatz durchzuhalten. Die beiden Männer wären auf der Erde nicht als Dämonen aufgefallen. Sie trugen saubere, ja fast schon moderne Kleidung, wirkten insgesamt gepflegt, und … sie grüßten freundlich! „Herr Jesus, Erzengel, Master Crowley“, jeweils verbunden mit einem höflichen Nicken. Der Dämon kam sich langsam vor wie bei einer Folge der „Versteckten Kamera“. Oder träumte er das womöglich alles nur? Er kniff sich sicherheitshalber in die Hand und zuckte vor Schmerz zusammen. „Ich bitte euch, verzichtet auf die alten Titel. Keiner von uns legt Wert darauf“, Jesus sah erwartungsvoll zu Furfur und dieser stellte die beiden Dämonen vor. „Der linke ist Sofethos, der kommissarische Herr der Akten, und der mit dem explodierten Vogelnest auf dem Kopf ist Codimor, Mitglied meines Stabes und Meister des Rechts.“ Sie alle nickten sich in ihren Bildschirmen zu und Jesus wechselte einige höfliche Worte mit Furfurs Beratern. Als er schwieg, warf Crowley ein: „Codimor, lass dir von Furfur nichts einreden, die Frisur ist heiß. Tragen auf der Erde im Moment viele Fußballer und andere Promis.“ Furfur rollte genervt mit den Augen und Jesus bemühte sich darum, sein Lächeln nicht zu einem breiten Grinsen ausufern zu lassen. Der Meister des Rechts hatte Crowley frech angegrinst und der fragte sich nun schon wieder, welchem sonderbaren Schauspiel er hier beiwohnte. Furfur ging über die Störung hinweg und fuhr fort. „Beide genießen mein volles Vertrauen (Crowley unterdrückte das Aufkeuchen, das ihm vor Schreck beinahe entfahren wäre) und gehören dem Interims-Höllenrat an.“ „Interims?“, fragte Gabriel erstaunt. Furfur nickte. „Die neue Rechtsordnung wird auch regeln, dass und wie der Höllenrat künftig gewählt wird.“ Er sah die Besucher an und runzelte die Stirn. „Warum schaut ihr so ungläubig? Die Menschen praktizieren das schließlich schon sehr lange. Oder glaubt ihr, Dämonen seien nicht lernfähig?“ Er schien verstimmt zu sein. „Nun, es ist ja nicht so, als wäre Lernen bisher die höllische Paradedisziplin gewesen, oder?“ Crowley konnte sich das nicht länger stumm mit ansehen. „Ebensowenig wie Höflichkeit, Humor oder gar Vertrauen“, fügte er hinzu. Furfur sprang auf, als wolle er ihm sofort an den Kragen gehen. Gabriel schob seinen Stuhl ein Stück zurück, um notfalls schnell dazwischengehen zu können. „Furfur!“ Es war Codimors Stimme und alle sahen unwillkürlich zum Bildschirm. „Er hat doch völlig recht!“ Der angesprochene Höllenrat erstarrte in der Bewegung, dann schüttelte er sich kurz. „Das mag sein“, blaffte er, „aber bei allen Verdiensten, die dieser Rotschopf haben mag, er bleibt ein Verräter, dem keine Kritik an der Hölle zusteht.“ Steif setzte er sich wieder hin. „Vergib ihm, es ist für uns alle schwer, nicht anders als für euch.“ Codimor hatte sich direkt an Crowley gewandt. „Lasst uns den Frieden, den wir alle wollen, nicht durch alte Wunden und Misstrauen gefährden.“ Der Angesprochene zögerte kurz, dann nickte er. „Es gibt nichts zu vergeben“, erwiderte er. „Danke für deine Mahnung, Codimor.“ Gabriel zog seinen Stuhl wieder etwas näher heran.

„Nun lasst uns zur Sache kommen“, forderte Jesus sie freundlich auf. „Meine Begleiter und du, ihr habt heute noch einen weiten Weg vor euch. Ich danke dir für deine Gesprächsbereitschaft!“ Diese Worte galten Furfur. Danach kam Jesus ohne weitere Umschweife zur Sache. „Ich habe um dieses Gespräch gebeten, weil eure Welt, ebenso wie die Welt der Engel, vor großen Herausforderungen steht. Oben wie Unten haben sich auf den beschwerlichen Weg gemacht, nach dem Ende der alten Ordnung eine neue Ordnung zu etablieren, die uns ein gemeinsames Leben in Frieden ermöglichen soll, sowohl innerhalb jeder Welt als auch mit den beiden jeweils anderen Welten. Wir haben uns im Großen Vertrag gegenseitig zugesagt, dass wir das Recht jedes Individuums auf ein selbstbestimmtes Leben achten und in dieser neuen Weltordnung gleichberechtigt und in Sicherheit miteinander leben wollen.“ Er hielt kurz inne und vergewisserte sich, dass alle ihm folgten. „Wenn die Apokalypse nicht doch eines Tages noch stattfinden soll, kann es nur diesen Weg geben. Davon bin ich weiterhin überzeugt.“ Er sah um sich, bevor er ernst fragte: „Seid ihr das auch immer noch?“ Überrascht registrierte Crowley, dass der Gottessohn nicht nur Furfur ansprach, sondern sie alle. Der Höllenrat ließ den anderen mit einer Geste den Vortritt. „Unbedingt!“, sagte Sofethos mit fester Stimme. Auch Codimor neben ihm zögerte keine Sekunde: „Deshalb sind wir hier.“ „Natürlich!“, antwortete Gabriel, gewohnt ernsthaft. Nun blickten alle auf Crowley. „Aus tiefstem Herzen“, die Worte waren schon gesprochen, bevor er sich ihrer richtig bewusst war. Den Blick, den Furfur ihm daraufhin unter gerunzelter Stirn zuwarf, konnte der Dämon nicht richtig deuten, aber Jesus lächelte ihm bewegt zu. „Du weißt, dass ich deine Sicht auf die Dinge teile“, schloss Furfur die Runde ab. „Und ich weiß: Der Friedensfürst wird nie einen Weg der Zwietracht oder Gewalt befürworten.“ Crowley spürte, wie ihn ein Schauer überlief, der ihm bewusst machte, dass er einem entscheidenden Moment beiwohnte. Jesus ließ sich von dieser Feierlichkeit jedoch nicht anstecken. „Gut!“, sagte er völlig sachlich.

„Der Weg, den wir für richtig halten, wird im Augenblick von vielen Seiten bedroht“, nahm er den Faden wieder auf. „Die Menschen sind ebenso auf der Suche nach neuen Gewissheiten und einem neuen Weg wie die Unsterblichen. Sie sind aber auch unsicher. Sie wissen, dass Himmel und Hölle bereit waren, die Welt mitsamt der Menschheit zu vernichten. Sie wissen, dass ihr noch hier sein werdet, wenn ihre Knochen längst zu Staub zerfallen sind.  Sie wissen um unsere Macht, Wunder zu wirken. Können wir ihnen verdenken, wenn sie uns fürchten, uns zumindest nicht wirklich vertrauen? Wenn sie Angst haben, wir könnten uns gegen sie verbünden, könnten ihnen ihren Lebensraum, ihren Wohlstand, ihre Freiheit streitig machen?“ Der Höllenrat nickte nachdenklich, Codimor räusperte sich. Seine Stimme war dennoch belegt, als er sagte: „Das habe ich so bisher noch nicht betrachtet, aber ja, ich kann deiner Argumentation folgen. Wir haben ihnen bisher wenig Grund gegeben, uns zu vertrauen.“ Bevor Jesus weitersprechen konnte, führte Furfur den Gedanken weiter: „Und ausgerechnet in dieser Situation erfahren sie, dass es Dämonen gibt, die sich als die wahren ,Hells Angels‘ aufspielen, und elitäre Engel, die die Gründung einer menschenfeindlichen Geheimorganisation verkünden.“ Jesus übernahm nahtlos: „Und die drohen, der Menschheit die Herrschaft über ihre Welt, ihren Planeten zu entreißen.“

Eine unbehagliche Stille machte sich breit, Crowley versuchte, unauffällig die Gesichter um sich herum zu lesen. Sie wirkten plötzlich erschreckend mutlos. Krampfhaft suchte er nach etwas, womit er den Abgesandten etwas Zuversicht geben konnte. Er war von allen hier derjenige, der am längsten unter den Menschen gelebt hatte, der die Menschen von heute kannte, jedenfalls die der westlichen europäischen Staaten. „Und trotzdem ist gestern nach den gemeinsamen Verlautbarungen nicht sofort ein Krieg ausgebrochen“, gab er zu bedenken. „Nicht einmal eine Massenpanik, keine Regierung hat euch ein Ultimatum gestellt oder Himmel und Hölle verdächtigt, dass sie hinter den kriminellen oder umstürzlerischen Bestrebungen stecken.“ Alle Augen waren nun auf ihn gerichtet. „Klingt für mich, als hättet ihr seit der abgewendeten Apokalypse einiges richtig gemacht“, schob er hinterher. Erst jetzt, während alle ihn weiterhin anstarrten, begann er, sich zu fragen, was ihn geritten hatte, bei einem diplomatischen Treffen auf allerhöchster Ebene ungefragt den Mund aufzumachen. „Bitte um Entschuldigung, ich bin schon still“, murmelte er verlegen. „Natürlich!“, rief plötzlich Gabriel, hielt sich aber sofort die Hand vor den Mund. „Bitte verzeiht mir.“ Jesus rollte mit den Augen. „Glaubt ihr, ihr wäret hier, wenn uns eure Meinung nicht interessierte?“ So ungeduldig hatte keiner der Anwesenden Jesus schon einmal erlebt. „Sprich, Gabriel! Was heißt ‚Natürlich‘?“ Der vorletzte Leitende Erzengel der Himmelsgeschichte suchte nach den passenden Worten. „Die gemischte Delegation!“, sagte er schließlich. „Und absolute Transparenz nach innen bei gleichzeitig größter Diskretion nach außen“, fügte er nahtlos hinzu. Crowley nickte ihm ermutigend zu, er ahnte, worauf der Engel hinauswollte, auch wenn er es noch nicht in Worte hätte fassen können. Jesus legte Gabriel eine Hand auf die Schulter und bat: „Bitte entschuldige meine Heftigkeit. Erkläre uns bitte genauer, was du meinst.“ Gabriel sammelte sich noch einmal. „Seit eh und je regelte der Vertrag zwischen Oben und Unten , dass Vertreter beider Seiten, die gemeinsam auf einen Missstand, eine Gefahr oder Ähnliches aufmerksam machen wollten, als Parlamentäre angehört werden mussten und für die Dauer dieser Mission vor Übergriffen der einen wie der anderen Seite geschützt waren. Etwas entfernt Vergleichbares kennen die Menschen mit der diplomatischen Immunität.“ Er schaute kurz auf und sah, dass alle Augen erwartungsvoll auf ihn gerichtet waren. „Erziraphael erwähnte, dass dieses Prinzip auch Eingang in den Großen Vertrag gefunden habe. Deshalb könnten Crowley und ich uns auch diesmal auf diesen Schutz berufen.“ Furfur bestätigte das mit einem Nicken. „Obwohl es inzwischen ja drei Parteien gibt, sieht der Vertrag weiterhin vor, dass die gemeinsame Initiative von Vertretern aus zwei Welten ausreicht, um sie anhören und ihr Anliegen angemessen gründlich prüfen zu müssen“, führte er aus. „Und zwar in allen Welten, die im konkreten Fall betroffen sind.“ Crowley hob die Hand. Furfur fuhr ihn ungehalten an: „Hast du jemals darauf gewartet, dass dir jemand das Wort erteilt, bevor du das Maul aufgerissen hast?!“ „Furfur, bitte!“ Diesmal war es Sofethos, dessen alarmierte Stimme den Höllenrat zur Ordnung rief. „Grrr, ja, ist ja schon gut!“ Entnervt lehnte er sich zurück und schwieg. „Habt ihr dieses Prinzip nur für die Zukunft im Vertrag verankert oder habt ihr es in den Verhandlungen bereits angewendet?“, fragte Crowley. „Es war eines der grundlegenden Prinzipien, die wir schon vor Aufnahme der inhaltlichen Arbeit vereinbart hatten“, antwortete Furfur. „Und es wurde während der gesamten Zeit strikt befolgt.“ Crowley zog die Nase kraus, während er versuchte, sich zu konzentrieren. Er wusste es nicht, weil es eins der endlos vielen Dinge war, über die sie noch nie gesprochen hatten, aber dieses Nase-Kräuseln löste bei Erziraphael jedes einzelne Mal zuverlässig Bauchflattern und eine warme Welle der Zuneigung aus. Es sah einfach zu niedlich aus in dem ansonsten kantigen und markanten Gesicht. Gerade heute, in diesem höllischen Besprechungszimmer direkt unter King’s Cross, wäre bei Crowleys Anblick sicher keinem seiner Begleiter das Wort „niedlich“ in den Sinn gekommen, aber sie hingen aus anderen Gründen an seinen Lippen. Er schien etwas zu erkennen, was ihnen bisher verschlossen geblieben war. „Die einzelnen Vertragsklauseln“, sagte er nun, „sind die aufgrund von Mehrheitsentscheidungen formuliert und aufgenommen worden?“ Jesus schüttelte den Kopf. „Nein. Wir haben jede einzelne so lange diskutiert und angepasst, bis alle Parteien zugestimmt haben. Der Vertrag ist im Ganzen und in all seinen Teilen einstimmig beschlossen worden. Das war unser aller Ziel.“ Inzwischen hatte Crowley sogar die Augen geschlossen, so stark konzentrierte er sich. „Und ist das auch so gegenüber den Verbündeten kommuniziert worden? Hat das beispielsweise die UN so deutlich an ihre Mitgliedsstaaten gespiegelt?“ „Selbstverständlich. Dadurch hatte die Einigung doch ein ganz anderes Gewicht.“ Furfur hatte den Satz ungeduldig begonnen, war dann aber immer langsamer geworden. Es war ihm an den Augen abzulesen, wie er schließlich erkannte, worauf der Rothaarige hinauswollte. „Verdammt, du hast wirklich ein schlaues Köpfchen, Verräter!“, zischte er, widerwillig anerkennend.