(immer noch) Tag 2, Sonntag
(immer noch) Tag 2, Sonntag
[Zuletzt: Erziraphael, Crowley und Muriel hatten gemeinsam auf dem Flohmarkt gestöbert und kamen mit ihrer Beute zuhause an.]
Der Engel hatte darauf bestanden, seinen Einkauf selbst ins Haus zu tragen. Er setzte den Kasten nicht ein einziges Mal ab und verschwand mit ihm wortlos und geheimnisvoll lächelnd im Hinterzimmer, das – abgesehen von einigen extrem wertvollen Büchern und Schriftrollen, die dort in klimatisierten Tresoren lagerten - den magischen und parawissenschaftlichen Texten vorbehalten war. Außerdem türmten sich dort Akten und Karteikästen. „Was hat er da bloß angeschleppt?“, fragte Crowley. Muriel tat, als hätte sie die Frage nicht gehört, und er bohrte nicht nach. Er würde es irgendwann sowieso erfahren. Der Engel hatte noch immer dem Bedürfnis nachgegeben, sich mit seinen Erwerbungen und Erfolgen zu brüsten. Crowley lächelte bei diesem Gedanken. Es war so leicht, Erziraphael froh zu machen. „Kaffee?“ Muriels Stimme holte ihn aus der Tagträumerei zurück und er wandte sich ihr zu. „Sehr gerne. Setzt du bitte auch Wasser für Tee auf? Ich nehme an, unser Geheimniskrämer taucht gleich wieder auf.“ Sie stellte eine Tasse und die Teedose neben dem Wasserkocher bereit und kam mit zwei Kaffeebechern für sich und Crowley an den Tisch. Sie schlug das frisch erworbene Märchenbuch auf und begann, darin zu blättern.
„Crowley?“ Er sah auf, als sie ihn ansprach. „Bist du eigentlich glücklich?“ Die Frage traf ihn unvorbereitet. „Warum?“ Muriel schien mit sich zu ringen. „Als ich vorgestern sah, dass Erziraphael neben dir stand, war mein erster Gedanke: Jetzt kann Crowley endlich glücklich werden.“ Er lächelte melancholisch. „Und jetzt bin ich dir nicht glücklich genug?“ Muriel griff nach seiner Hand auf der Tischplatte. „Entschuldige, es geht mich gar nichts an. Ich hätte nicht fragen sollen. … Es ist nur so: Ich habe es mir so für dich gewünscht!“ Er war gerührt. „Du bist wirklich unglaublich, Muriel. Du machst den Engeln alle Ehre!“ Er starrte in seinen Kaffee und suchte nach den passenden Worten. „Es gibt Erlebnisse im Leben, die dich verändern. Nicht immer zum Besseren. Im Leben eines Dämons eigentlich fast nie zum Besseren.“ Er holte tief Luft. Warum konnte er mit Muriel darüber reden? Weil sie ihn so besorgt und mitfühlend ansah? Weil sie einfach so gut war? „Dass Erziraphael zurückgekommen ist, hat mein Leben auch verändert. Sogar zum Besseren. Ich sollte also glücklich sein.“ Muriel war näher herangerückt, als sie sah, wie er um die Worte rang und wie die Antwort auf ihre Frage ihm zusetzte. Sie griff auch nach seiner anderen Hand. „Aber?“ Tränen funkelten in seinen Augen. „Aber meine Vergangenheit hat so viel kaputt gemacht, hat mich so kaputt gemacht, dass da nur noch sehr wenig Platz für Glück ist. Und es gibt so viel, was mir wahrscheinlich für immer vorenthalten bleiben wird, dass es sich anfühlt, als würde es mir jeden Tag wieder neu weggenommen.“ Er setzte sich auf und wischte sich die Tränen weg. „Entschuldige Muriel! Ich will meinen emotionalen Müll nicht bei dir abladen. Sei besser nicht immer so verdammt nett zu mir. Dämonen können damit schlecht umgehen.“
Er zog ihr Märchenbuch zu sich heran. „Lass mich lieber mal sehen, was du dir hast aufschwätzen lassen.“ Muriel akzeptierte die Grenze, die er damit setzte. Sie blätterten gemeinsam in dem reich bebilderten Buch und sahen sich die Zeichnungen und Aquarelle an, die überwiegend in Grau- und Brauntönen gehalten waren. Keiner von ihnen hatte bemerkt, dass Erziraphael aus dem Hinterzimmer getreten war und von dort die letzten Sätze Crowleys mitgehört hatte. Ebenso wenig fiel ihnen auf, dass die Tür zum Hinterzimmer sich wieder schloss. „Warum sehen die Prinzen alle so traurig aus? Und warum sind sie so schlicht gekleidet?“, fragte sie. „Vermutlich vor allem, weil das auf vielen Bilder gar keine Prinzen sind.“ Crowley zeigte auf eine Überschrift. „Iwan der Held“, las Muriel vor. „In russischen Märchen muss der Held nicht immer der Zarensohn sein“, erklärte Crowley, bevor er ihr von Helden, klugen Bauerntöchtern und der Hexe Baba Yaga erzählte, die in einem Häuschen lebte, das sich auf einem Hahnenfuß dreht. Ihre Kaffeebecher waren schon leer, als Erziraphael sich schließlich zu ihnen setzte. Auch er ließ sich das Buch zeigen und blätterte eine Weile abwesend die Seiten um. Bei einem besonders zarten Aquarell hielt er inne. Vorsichtig strich seine Hand über die Abbildung. Er hob das Buch hoch und hielt es gegen das Licht. „Das ist ein Original“, sagte er beeindruckt. Seht ihr, dass das zwei unterschiedliche Papierqualitäten sind? Der Text ist auf normalem glattem Papier gedruckt, aber das Bild wurde auf Aquarell-Papier gemalt und dann mit eingebunden.“ Er blätterte zur nächsten Illustration und kam zu dem gleichen Schluss. „Da hast du einen kleinen Schatz entdeckt, Muriel. Wir können morgen gerne zusammen recherchieren, woher er stammen könnte.“ Crowley schob seinen Stuhl zurück. „Warum macht ihr das nicht gleich?“ Er pfiff nach der Hündin. „Ich muss jetzt sowieso mit Hexe spazieren gehen.“ Er fragte nicht, ob jemand ihn begleiten wollte, sondern griff nach Sonnenbrille und Hundeleine und war schon aus der Tür, bevor einer der beiden Gelegenheit zu einer Antwort gehabt hätte.
Sie sahen ihm nach. „Was habe ich denn jetzt angerichtet?“, fragte Muriel betreten. „Warum muss ich mich immer einmischen?“ Erziraphael sah sie traurig an. „Du hast nichts falsch gemacht, Muriel. Im Gegenteil.“ Er seufzte. „Da er ja offensichtlich mit mir nicht über seinen Kummer sprechen will, ist es gut, wenn er es mit dir kann.“ Seine Stimme war immer leiser geworden. „Ich habe euch reden gehört.“ Er sah seine Hände an. Sie zitterten leicht. „Ich habe Angst, dass er nicht bei uns bleibt, Muriel.“ Nun nahm sie seine Hand, wie sie zuvor Cowleys Hand genommen hatte. „Lasst das nicht zu!“, sagte sie eindringlich. „Wenn eure Liebe nicht groß genug ist, um alles zu überwinden, welche andere Liebe könnte das dann sein? Du weißt doch wohl inzwischen, wie sehr eure Geschichte andere inspiriert?“ Es gelang ihr nicht, ihn damit aufzuheitern. „Und du weißt doch bestimmt, dass unsere Geschichte bisher keine Liebesgeschichte war, oder? Und ich bin mir nicht sicher, dass sie noch eine werden kann“, wandte er ein. „Jedenfalls keine mit einem Happyend. Außerdem sehen die Leute ja nur die Fassade.“ Diesmal schüttelte Muriel energisch den Kopf. „Da siehst du, was du für einen Blödsinn redest!“, schimpfte sie. „Ihr habt nicht mal eine Fassade. Wenn ihr zusammen seid, sieht man direkt in euren Kopf und in euer Herz hinein. Bei euch können sogar Menschen Gefühle sehen .“ Sie schlug das Buch zu und griff nach ihrer Tasse. „Ich koch mir noch schnell eine Kanne Tee und dann lasse ich euch für heute allein. Versucht, zu reden.“ Erziraphael nickte ihr dankbar zu. Als sie mit Tee und Buch über die Treppe verschwunden war, zog er Jacke und Weste aus, streifte seine Schuhe ab und nahm auch die Fliege ab. Er hängte alles sorgsam an die Garderobe, stellte dann Weingläser auf den Tisch vor dem Sofa, öffnete eine Flasche Rotwein und füllte ihn in den Dekanter um. Zuletzt legte er noch eine Decke parat und holte die Kiste aus dem Hinterzimmer, um sie ebenfalls auf den Tisch zu stellen. Im Sessel an seinem Sekretär wartete er auf Crowleys Rückkehr.
Er hörte Schritte und lautes Hecheln vor der Tür und stand auf. Er hatte Crowley entgegengehen wollen, aber Hexe vereitelte den Plan, indem sie sich zwischen Crowleys Beinen hindurchdrängte und den Engel mit ausgelassener Freude begrüßte. „Hast du mich vermisst, Mädchen?“ Er beugte sich zu ihr hinunter und kraulte ihren Rücken. Beim Aufrichten sah er genau in Crowleys Augen. „Ich habe euch auch vermisst“, sagte er leise und machte einen Schritt auf den Dämon zu. „Dich besonders“, flüsterte er. Damit hatte er Crowley überrumpelt. Er lächelte. „Lass sie das nicht hören, sie wird leicht eifersüchtig“, murmelte er kaum verständlich, so tief hatte er sein Gesicht in Erziraphaels Haaren vergraben. Warum zweifelte er immer wieder an der Liebe des Engels? Er gab sich die Antwort selbst: Weil seine ganze Existenz ihn gelehrt hatte, dass Liebe nichts war, was Dämonen haben dürfen. Sie hatten eine bestimmte Rolle innerhalb der Schöpfung und ihre Aufgaben zu erfüllen, mehr stand einem Dämon nicht zu. Aber Erziraphael hatte auf ihn gewartet, hielt ihn im Arm und flüsterte ihm zärtliche Worte ins Ohr. Crowley wollte so gern glauben, dass er das in dieser neuen Welt vielleicht doch haben durfte. In diesem Moment fühlte es sich zumindest so an und er wollte jetzt nicht zweifeln, nicht bis zur nächsten Enttäuschung. Für einen Dämon folgte auf jede Hoffnung eine Enttäuschung. Das war schon immer so gewesen. Aber wenigstens heute würde er das ignorieren.
Er ließ sich von Erziraphael die Jacke und die Hundeleine abnehmen und auf das Sofa ziehen. Der Engel nahm ihm auch die Sonnenbrille von der Nase, küsste ihn flüchtig und klatschte dann aufgeregt in die Hände. „Ich habe etwas für dich.“ Er zeigte auf die Holzkiste, mit der er sich vorhin im Hinterzimmer eingeschlossen hatte, und auf der jetzt eine schwarze Taftschleife thronte und in seiner schönsten Handschrift „Für Crowley“ stand. Der Dämon musste schlucken, musste die Rührung und die Tränen hinunterschlucken und starrte ungläubig auf die Box. „Für mich?“ Er schluckte wieder. „Was ist der Anlass?“ – „Kein Anlass. Ich konnte einfach nicht daran vorbeigehen. Bitte mach es auf!“ Crowley fuhr mit den Fingern die großen geschwungenen Buchstaben nach. „Durfte ich es deshalb nicht tragen?“ Der Engel lächelte. „Bitte mach es doch auf.“ Mit unsicheren Händen zog Crowley an dem Seidenband und löste die große Schleife. Der Deckel war nur lose aufgesetzt. Als er ihn abnahm, sah er etwas gelblich glänzen. Er nahm das Packpapier heraus, das als Transportschutz gedient hatte, und hielt den Atem an. „Engel!“ Fast ehrfürchtig strich er über das glänzende Messing. „Er sah ziemlich vernachlässigt aus. Ich habe ihn für dich poliert.“ Crowley griff in den Kasten, fasste das Instrument mit beiden Händen und hob es fast zärtlich heraus. Erziraphael zog die Verpackung beiseite, damit Crowley es auf dem Tisch abstellen konnte. „Ein Himmelsglobus.“ Er strich mit den Fingerkuppen andächtig über die kühle Oberfläche und betrachtete die kunstvoll eingravierten Linien und Symbole. „Älter als jeder Mensch, den wir kennen.“ Erziraphael sah ihn überrascht an. „Ich hätte gewettet, dass du sagst: Älter als der Bentley!“ Crowley stupste einzelne Symbole mit dem Zeigefinger an und murmelte die Namen der Sterne, die sie bezeichneten. „Persisch?“ – „Ich nehme es an.“ Der Engel fügte fast kleinlaut hinzu: „Ein Echtheitszertifikat konnte ich angesichts der Umstände nicht verlangen.“ Crowley glaubte, sich verhört zu haben. „Du hast doch nicht etwa …?“ Erziraphael wurde leicht rot, aber sein Strahlen verriet eher Stolz als Schuldbewusstsein. „Ich wollte ihn unbedingt haben. Für dich.“ Crowley war sprachlos. Er wusste, dass der Engel dafür nicht nur über seinen Schatten gesprungen war, sondern über Glaubenssätze, die ihn seit Tausenden von Jahren geleitet hatten. Ein Engel stahl nicht und er erwarb nichts Gestohlenes. Er hatte sich darüber hinweggesetzt, nicht etwa, weil sein Leben auf dem Spiel stand oder etwas Anderes ihn dazu zwang, sondern einzig und allein, um ihm eine Freude zu machen. Ihm! „Er ist wundervoll, Engel.“ Seine Stimme war rau, aber diesmal konnte er die Tränen zurückdrängen. Er zog Erziraphael zu sich heran. „Du bist ein wirklich verrückter Engel.“ Er hielt seinen Kopf mit beiden Händen und küsste ihn, und der Engel erwiderte den Kuss, diesmal nicht flüchtig, sondern so, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt als den Mann vor ihm. „Mein verrückter Engel“, flüsterte Crowley ein ums andere Mal, vergrub seine Hände in den goldenen Locken und presste seine Lippen auf die des Engels. Als er sich aufrichten wollte, spürte er Erziraphaels Widerstand, dessen Hände seine Taille hielten und dessen Lippen sich öffneten. „Verrückt nach dir“, flüsterte der Engel, „hoffnungslos verrückt nach dir!“ Er zog den Dämon an sich, erlaubte seiner Zunge, Crowleys Zahnreihen entlangzuwandern und zum ersten Mal Bekanntschaft mit der des Dämons zu schließen. Er spürte, wie er auf die Nähe, auf den engen Kontakt ihrer Körper reagierte. Noch nie war er Crowley so nah gewesen, aber jetzt wollte er ihm plötzlich noch näher sein, wollte ihn berühren, wollte von ihm berührt werden. Mit diesen Gefühlen hatte er keinerlei Erfahrung, ihre Heftigkeit verwirrte und erschreckte ihn. Und er schämte sich. Er konnte es einfach nicht leugnen: Das war Erregung, das war Lust. Beides stand einem Engel nicht gut zu Gesicht. Und er hatte Crowley versprochen, dass er nichts anderes wollte, nur platonische Liebe. Bedauernd gab er ihn frei, schob ihm zärtlich eine rote Strähne hinter das Ohr, fuhr mit dem Daumen noch einmal die Kontur seiner feuchten Lippen nach, dann setzte er sich auf und bemühte sich, seine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen.
Als er in Crowleys Augen schaute, erschrak er. Was war es, was er dort sah? Ein Schleier lag über dem Gold, die Pupillen waren geweitet und er schien abwesend. Es wirkte fast wie Angst oder sogar wie Panik. Sanft legte er ihm eine Hand an die Wange. „Crowley? Schau mich bitte an. Bist du ok?“ Der Dämon blinzelte. Für den Bruchteil einer Sekunde schien er verwirrt. Erziraphael streichelte seine Wange. „Ist alles in Ordnung? Crowley?“ Dann kehrte das Lächeln auf das Gesicht des Dämons zurück und sein Blick fiel wieder auf den Himmelsglobus. „Danke Engel, er ist wirklich wunderschön!“ Später saßen sie Arm in Arm vor dem Himmelsglobus und der Engel ließ sich zu jedem Stern, den Crowley darauf fand, die Geschichte erzählen, die zu seiner Entstehung, zur Entdeckung durch die Menschen und zu seinem Namen geführt hatte. Als sie spät abends die Treppe hinaufgestiegen waren und im Bett lagen, Crowleys Rücken an Erziraphaels Bauch, legte der Engel seinen Arm um ihn. Er spürte, wie der Dämon sich daraufhin an ihn kuschelte, so empfänglich und so dankbar für die sanfte Berührung, wie es nur ein Wesen sein kann, das Zärtlichkeit sein ganzes Leben lang hatte entbehren müssen. Behutsam ließ er seine Hand unter Crowleys Shirt gleiten, wartete auf die Reaktion, spürte, dass ein Atemzug ausblieb und begann schon, die Hand wieder zurückzuziehen, als sich plötzlich Crowleys Hand auf seine legte und sie an ihrem Platz hielt. Nach wenigen tiefen und gleichmäßigen Atemzügen war der Dämon in seinen Armen eingeschlafen.