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Warten (Immer noch Mittwoch)

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Warten (Immer noch Mittwoch)

Falls es euch bei diesen hochsommerlichen Temperaturen so geht wie mir und ihr eigentlich nur herumsitzen oder herumliegen wollt, kühle Getränke griffbereit und mindestens einen Ventilator direkt auf euch gerichtet, dann braucht ihr für die nächsten Tage viel Lesestoff. Deshalb lege ich ausnahmsweise an einem Sonntag noch ein Kapitel nach. Ich hoffe, es gefällt euch und es geht euch gut!

Muriel starrte ungläubig auf den dicken Stapel Papier auf dem Esstisch. Sie trat einen Schritt näher und schaute Erziraphael über die Schulter. „Was, um alles in der Welt, ist das?“, fragte sie. „Nun, der Vertrag natürlich. Du hattest doch gesagt, ich soll die Regelungen markieren, gegen die durch die Benachteiligung der Dämonen verstoßen wird.“ Er sah sie verwundert an. „Ich bin gleich fertig“, fügte er leicht trotzig hinzu. Sie biss sich auf die Lippen. „Das ist schön. Und ihr, Bee, Sariel?“ „Fertig“, sagten sie wie aus einem Munde. Bee beschränkte sich darauf, auf drei verschiedenfarbige Sammelmappen zu zeigen, die vor ihnen lagen. Sariel dagegen lieferte einen – wenn auch kurzen – Bericht ab: „Alles drin wie besprochen. Die uns bekannten Fälle von Benachteiligung haben wir noch um Fälle ergänzt, auf die wir online gestoßen sind. Und wir haben eine Mappe mehr gemacht, falls Ben oder Kenneth ein Exemplar für ihren Redakteur oder die Redaktionskonferenz brauchen.“ Muriel musste nicht nachfragen, um sicher zu sein, dass die zusätzlichen Fälle aus absolut zuverlässigen Quellen stammten. Nie würde Sariel auf haltlose Behauptungen oder reine Verleumdungen hereinfallen. Er schien über eine Art inneren Lügendetektor zu verfügen, aber natürlich hatte er als ehemaliger Archiv-Engel und mit seiner Inselbegabung für juristisches Wissen aller Art auch grundsolide Online-Recherche-Techniken entwickelt, die ihn schnell fündig werden ließen. Sie nickte zufrieden. „Könnt ihr mir dann bitte beim Tisch-Decken helfen, während Erziraphael die letzten Seiten markiert?“ Bee schmunzelte, als sie hörte, wie Muriel das Wort „Seiten“ betonte, und bemerkte auch, dass diese um ihre Fassung kämpfte. „Erziraphael, erinnere mich doch bitte daran, dass ich dir bei Gelegenheit ein paar zusätzliche Funktionen deiner Textverarbeitung und des PDF-Readers zeige, ja?“, fragte die ehemalige Höllenfürstin beiläufig. „Was? Wie? Ah ja, danke“, murmelte Erziraphael zerstreut, während er die Kappe auf seinen Textmarker steckte und die 257 Seiten des Vertrags sowie die mehr als 150 Seiten Anhänge ordentlich ausrichtete und in die Tischmitte schob. Die Frauen blinzelten sich belustigt zu und schoben dem Buchhändler Teller und Besteck hin.

Über den fertig gedeckten Tisch hinweg sahen sie sich nun an und versuchten vergeblich, weder traurig noch besorgt auszusehen. Sariel schien als einziger nicht gedrückter Stimmung zu sein, aber selbst ihm war offenbar bewusst, dass die Situation nicht dazu einlud, irgendein faszinierendes Gedankenexperiment zu erwähnen oder Thesen der aktuellen rechtspsychologischen Forschung zu diskutieren. Er hatte sich wieder an den Rechner gesetzt und schien zu lesen. „Das ist ja nicht zum Mitansehen!“, seufzte Muriel nach wenigen Minuten und ließ ihren Blick durch den Raum wandern. Selbst die Irische Wolfshündin schien sie schwermütig anzublinzeln, als sie kurz den Kopf hob. Sie war es nicht gewöhnt, allein zuhause bleiben zu müssen. Und wenn Crowley nicht da war, war sie allein zuhause. „Wie wäre es, ihr drei macht mal einen Gang um den Block?“, schlug sie Erziraphael vor. „Wenn es euch schon nicht aufheitert, lüftet es wenigstens mal eure Köpfe durch.“ Er sah sie zweifelnd an, aber als Bee sagte: „Sie hat Recht, das ist besser, als hier Löcher in die Luft zu starren“, nickte er widerstrebend und stand auf. „Na komm, Hexe“, lockte er sie, „Muriel will uns hier gerade nicht haben.“ Die Hündin stand gehorsam auf und folgte ihm und Bee zur Tür, ließ aber jede Begeisterung vermissen. Nachdem die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, seufzte Muriel laut und murmelte vor sich hin: „Verdammt, ihr zwei. Kommt bloß heil nach Hause, sonst weiß ich nicht, was ich mit den drei Trauerklößen machen soll.“ Sie ignorierte Sariel, der mit noch einmal intensivierter Konzentration auf den Bildschirm starrte, froh, nicht um Rat gefragt oder um einen Beitrag zur Stimmungsaufhellung gebeten worden zu sein. Dann riss sie sich zusammen, ging nach vorne in den Laden und beschäftigte sich, indem sie Regale auffüllte, Bücherstapel pedantisch ausrichtete, Ansichtsexemplare hin- und herschob und die Liste der Neuerscheinungen durchsah. Welche davon Crowley wohl am Samstag lesen würde? Bei dieser Frage durchzuckte auch sie die Sorge. Würde der Dämon in drei Tagen hier sein, auf seinem Sessel sitzen und die Zuhörenden verzaubern? Sie hatten kein Wort darüber verloren, wie lange er wohl fort sein würde. Überhaupt hatte er nicht ein einziges Mal von Plänen für die Zeit nach heute gesprochen, seit er mit Gabriel den Tag für die Rückkehr in die Hölle festgelegt hatte, fiel ihr auf. Plötzlich war sie absolut sicher: Er hatte nicht davon gesprochen, weil er nicht wusste, ob er zurückkommen würde. Erschrocken schlug sie sich die Hand vor den Mund. Das durfte sie nicht denken! Das dürfte sie vor allem vor den anderen nicht sagen! Sie konzentrierte sich auf sich selbst, auf den himmlischen Funken, das Licht, das sie – wie jeder Engel – in ihrem Herzen trug, und versenkte sich in ein kurzes Mantra, um die Sorge zu verscheuchen. Dann stand sie auf, nahm drei der neuesten Bücher von der Theke und ging, bewaffnet mit Blanko-Empfehlungskarten, Crowleys bunten Klebestreifen und einem Bleistift zurück zum Tisch. Sie würde eine Vorauswahl treffen, damit er sich schneller entscheiden konnte, falls er erst kurz vor der Lesung zurückkommen würde. Sie schloss ihre Augen und verweilte noch einen Augenblick bei den drei Worten, die sie mit stummen Lippen immer wieder wiederholte: „Er. Kommt. Nachhause!“

So fanden Bee und Erziraphael sie und Sariel vor, als sie mit Hexe zurückkehrten. Bis dahin hatte Muriel zwei Bücher nach kurzer Beschäftigung damit aussortiert, eines wegen mangelnder Qualität und eins – ‚Ist Opa jetzt im Himmel?‘ – weil sie schon nach wenigen Sätzen erkannt hatte, dass sie den Themen Abschied und Tod heute nicht gewachsen war. Das dritte Büchlein, das sie in die Hand genommen hatte, gefiel ihr dagegen sehr gut. Eine nette, harmlose Geschichte über den Herbst, mit wunderbaren Illustrationen in warmen Tönen und vielen Anregungen für Aktivitäten, mit denen Kinder sich in dieser Jahreszeit die Zeit vertreiben konnten. Bei einem Bild, auf dem die Figuren sich Kränze aus feuerroten Ahornblättern aufgesetzt hatten, ließ sie das Buch sinken und dachte an den ebenso tiefroten Schopf des Dämons. Bee hatte sich unbemerkt zu ihr gesetzt und griff nach ihrer Hand, als könne sie ihre Gedanken lesen. „Alles in Ordnung, Muriel?“ Die Ladenglocke ersparte es ihr, mit einer Lüge antworten zu müssen. Sie drückte dankbar Bees Hand und sprang auf. Mit wenigen Schritten war sie an der Tür. „Ben! Wie schön, dich zu sehen, obwohl der Anlass natürlich schöner sein könnte!“ Sie wartete seine Antwort erst gar nicht ab und wandte sich an seinen Begleiter: „Dann müssen Sie wohl Kenneth sein!“ Erziraphael, Bee und Sariel schlossen sich direkt an, wobei der Buchhändler erstaunt feststellte, dass selbst Bee und Sariel Ben begrüßten wie einen alten Freund. Sein Kollege sah sich suchend um. „Unser Interview-Partner ist noch nicht hier?“ Ben rollte mit den Augen. „Bitte seht ihm seine Ungeduld nach. Er glaubt mir nicht wirklich, dass Jesus uns ein Exklusiv-Interview versprochen hat. Am besten stellen wir euch nochmal ganz offiziell vor.“ Muriel zog ihn am Arm mit sich, resolut wie üblich. „Das können wir alles gerne tun, aber setzt euch doch vorher wenigstens hin!“ Sie dirigierte ihn zum Esstisch und die anderen folgten. Muriel und Erziraphael versorgten sie mit Getränken, aber bevor sie die Chance bekamen, auch einen Imbiss anzubieten, bohrte Kenneth schon wieder nach: „Wann dürfen wir denn wohl mit dem Eintreffen des Gottessohnes rechnen?“ Ob es ihm nicht gelang, den spöttischen Tonfall zu unterdrücken, oder ob er es gar nicht erst versucht hatte, - er war jedenfalls nicht zu überhören. Damit kam er insbesondere bei Erziraphael und Bee, deren Nerven ohnehin bloßlagen, nicht gut an. Der Engel war geringfügig schneller als die Dämonin, aber keinesfalls sanfter, als sie es gewesen wäre. „Der Gottessohn“, sagte er deutlich lauter als für ihn üblich, „ist zu einem Krisengespräch mit dem derzeit einzigen amtierenden Höllenrat aufgebrochen. Er wird sich auf den Weg hierher machen, wenn dieses Gespräch beendet ist.“ Sariel sah alarmiert auf. Konflikte überforderten ihn ebenso wie zur Schau gestellte Emotionen, das aktuelle Maß an Gereiztheit forderte ihn bereits erkennbar. Zum Glück hatte er sich in der Arbeit mit Jesus und Erziraphael und all den Diplomaten einige Strategien angeeignet, um mit solchen Situationen umzugehen. „Wir können die Wartezeit ja sinnvoll nutzen“, warf er ein, Körpersprache und Stimme so verbindlich, wie es einem Engel mit autistischen Zügen nur möglich war. Er schob den beiden Journalisten je eine der vorbereiteten Mappen hin. „Ich schlage vor, wir beginnen mit der Darstellung der aktuellen Situation in Himmel und Hölle. Ihr findet jeweils eine Übersicht über die momentane Organisationsstruktur und die handelnden oder besser die entscheidungsbefugten Personen.“ Muriel unterbrach ihn: „Entschuldige Sariel, sicher fällt es Kenneth leichter, die Zuverlässigkeit dieser Informationen zu beurteilen, wenn ihr euch kurz vorstellt und die Quellen dieser Informationen nennt.“ Sie lächelte Ben und Kenneth verbindlich an. „Ein guter Vorschlag“, stimmte Sariel zu. „Lord Beelzebub, wollt ihr beginnen?“ Während sich zuerst die frühere Höllenfürstin vorstellte, dann der ehemalige leitende Erzengel und sein Büroleiter, der nach dem geplanten Interview als Rechtsberater des himmlischen Generalstabs mit Jesus nach Oben zurückkehren würde, beobachtete Muriel mit nicht geringem Vergnügen, wie Kenneth langsam die Gesichtszüge entgleisten und sein Mund nach jedem Redebeitrag etwas weiter offen stand. Ben bemühte sich derweil, nicht zu lachen und möglichst nicht einmal zu grinsen. Als sein Kollege ihn am Ende der Vorstellungsrunde anstarrte und fragte: „Sind die verrückt oder werde ich es gerade?“, war es jedoch mit seiner Selbstbeherrschung vorbei. „Warum bist du überhaupt mit mir hergekommen, wenn du mir nicht geglaubt hast?“ Es gelang ihm, vorwurfsvoll zu klingen, obwohl er herzlich lachte. „Muriel, wir hätten das Treffen aufzeichnen sollen, damit Crowley und Gabriel auch noch ihren Spaß haben können.“ Kenneth sah zwischen den beiden hin und her. „Gabriel?“, fragte er. „ Der Gabriel?“ Ben verlor nun wirklich die Geduld. „Ja, der Gabriel. Sein direkter Vorgänger im Amt.“ Er zeigte auf Erziraphael. Der lächelte milde und nickte dem Journalisten aufmunternd zu. Kenneth streckte langsam seinen Arm aus und zeigte auf Muriel. „Und sie? Wer ist sie? Die Muttergottes?“ Ben stöhnte. „Kenneth!“ „Lass ihn, Ben. Es ist schwer für ihn, ich verstehe das.“ Sie sah Kenneth offen an: „Nein, keine Himmelsprominenz. Ich war ein kleiner Schreiber-Engel, aber jetzt führe ich eine Kinderbuchhandlung.“ Sie grinste schelmisch: „Falls du dich das fragst: Nein, nicht im Himmel, sondern genau hier.“

Erziraphael stand auf. „Ben, ich bemühe mich wirklich, gastfreundlich und geduldig zu sein. Das Gleiche gilt für Bee. Aber wie du weißt, sind unsere Partner gerade unterwegs in die Hölle“, hier drohte ihm die Stimme zu versagen, er fing sich jedoch und fuhr fort: „Noch dazu ist Jesus bei einem wirklich heiklen Gespräch, von dessen Ausgang viel abhängt. Wir alle sind aufgrund der allgemeinen Lage und der Situation unserer Freunde ohnehin angespannt, aber ich bin wirklich nicht in der Verfassung, erst noch meine Glaubwürdigkeit nachweisen zu müssen. Ich nehme an, dasselbe gilt für Bee.“ Die Dämonin lächelte ihm dankbar zu und nickte müde. „Ich schlage deshalb vor, du gehst jetzt mit deinem Kollegen kurz vor die Tür und ihr klärt, ob ihr hier mit uns auf Jesus warten wollt, oder ob du das Interview später als Videokonferenz machen möchtest. In der Zwischenzeit stellen wir einen kleinen Imbiss auf den Tisch, zu dem ihr herzlich eingeladen seid, egal, ob ihr danach noch bleibt oder nicht. Wenn es für eure Nerven gut ist, kann ich euch auch einen Schnaps anbieten. Aber wir werden nicht länger um das Vertrauen deines Kollegen werben oder ihm als Beweis unsere Flügel oder den Heiligenschein vorführen.“ Seine Stimme zitterte inzwischen merklich und Ben war schon beim Wort Videokonferenz aufgestanden und hatte sich auf den Weg um den Tisch herum zu Erziraphael gemacht. Als der Engel schwieg, drehte er sich zu seinem Kollegen um und sagte barsch: „Warte draußen!“ Dann sah er beschämt wieder Erziraphael an und nahm ihn in den Arm. „Es tut mir so leid, dass das so gelaufen ist. Bitte entschuldige, dass ich nicht eingeschritten bin.“ Er beugte sich zu Bee hinunter und umarmte auch sie. „Bee, bitte verzeih. Ich weiß, wie schwer das alles für euch sein muss.“ Beide waren in diesem Moment ganz offensichtlich damit überfordert, ihm zu antworten, deshalb sprang Muriel ein und zog Ben am Ärmel ein Stück Richtung Ladentür. „Schon gut, Ben, sie nehmen dir nichts übel. Wir wissen, dass ihr euch selbst um Crowley sorgt. Aber dein Kenneth ist ein Idiot.“ Sie milderte das Urteil mit einem schiefen Grinsen. „Geh einfach und kläre mit ihm, ob er bleiben will oder nicht. Wenn er es nicht will, bekommst du eben nachher das Interview.“ Sie klopfte ihm nochmal aufmunternd auf die Schulter und ließ ihn dann stehen.

***

In dem selten genutzten Besprechungsraum in der untersten Etage von King’s Cross wurde engagiert diskutiert. „Engagiert“ war erstaunlicherweise kein Euphemismus. Es war keine Redeschlacht, kein Konflikt, kein Austausch von Unterstellungen, Vorwürfen und Drohungen und kein verbaler Machtkampf - sondern im besten Sinne des Wortes eine Diskussion, lebhaft, streckenweise auch laut, leidenschaftlich, kämpferisch, dabei aber jederzeit hochkonzentriert, durchaus kontrovers, aber nicht feindselig. Sie stritten über den besten Weg, sie rangen um eine Strategie, auf die sich alle drei Welten verpflichten lassen würden, um eine Einigung, die Bestand haben konnte, auch über den Handschlag oder die Unterschrift hinaus, die sie besiegelten. Als Jesus und Furfur schließlich aufstanden und der Gottessohn fragte: „Soll es so sein?“, antwortete der Höllenrat mit großem Ernst: „So soll es sein!“, und alle anderen ließen sich erschöpft gegen die Rückenlehnen ihrer Stühle sinken und atmeten tief durch. Crowley fühlte sich völlig ausgelaugt. Er lauschte in sich hinein, weil er den Eindruck hatte, dass etwas fehlte, ein Gefühl, das er erwartet hatte. Er musste die Augen schließen, um den Gedanken zu fassen zu bekommen, aber es gelang ihm. Und er lächelte, als ihm bewusst wurde, warum er dieses Gefühl nicht hatte. Er hatte auf die Erleichterung gewartet, aber sie kam nicht, sie konnte nicht kommen, weil er vom ersten Moment an sicher gewesen war, dass sie nicht aufgeben würden, bevor sie eine Lösung hatten, bevor sie eine Einigung erzielt haben würden, zu der jeder von ihnen stehen konnte, die sie alle vertreten und verteidigen würden, wenn es sein musste. „Verdammt!“, dachte er erstaunt, „das hier ist wirklich eine neue Welt.“ Er blickte wieder in die Runde, sah in die Gesichter, die die gleiche Erschöpfung zeigten, die er fühlte, und die gleiche Zufriedenheit mit ihrem gemeinsamen Ergebnis. Der Blick des Dämons blieb an dem Monitor hängen, aus dem ihn immer noch Sofethos und Codimor ansahen, der Herr der Akten auch jetzt noch nachdenklich und konzentriert. Crowley wurde plötzlich bewusst, warum Sofethos sich vermutlich am wenigstens an der Diskussion beteiligt hatte: Er war für die Dokumentation des Treffens zuständig, hatte sicherlich eine Art von Protokoll geführt, und auch wenn ihm dabei ein pragmatisches Wunder geholfen haben mochte, sah Crowley ihn mit gewachsenem Respekt an. So viel Verantwortung hätten die wenigsten Dämonen der alten Hölle freiwillig übernommen. Vermutlich war Sofethos in der alten Welt nicht unbedingt ein Vorzeige-Dämon gewesen, …

Crowley ließ den Gedanken in seinem Kopf mehrmals um sich selbst rotieren und betrachtete ihn von allen Seiten, dann wurde ihm etwas klar. „Sie haben zum ersten Mal etwas zu verlieren.“ Das war es! Das erklärte, jedenfalls zu einem beträchtlichen Teil, das veränderte Benehmen, die Arbeitsweise, die nicht länger destruktiv, sondern ganz klar konstruktiv war, das Entgegenkommen, den Respekt. „Crowley?“, fragte Gabriel und der Dämon sah auf. „Ja?“ „Ich habe gefragt, was genau du damit meinst.“ Hatte er das etwa alles laut ausgesprochen? „Was meinst du mit ‚Sie haben zum ersten Mal etwas zu verlieren‘?“ Alle sahen ihn an. Er setzte sich gerade hin. „Mir ist erst jetzt klar geworden, dass die Dämonen, dass wir, also die meisten von uns, seit unserem Fall Fatalisten waren. Im Grunde stand doch alles fest. Obwohl wir unsterblich sind, war seit jeher festgelegt, dass wir als Heerscharen der Hölle mit den für unsere Seite gewonnenen Menschen in die Letzte Schlacht ziehen und dort vernichtet werden würden. Der Große Plan ließ da wenig Interpretationsspielraum. Der Himmel würde siegen, dann noch Tausend Jahre Friedensreich ohne uns und dann ewige Glückseligkeit und so, natürlich ebenfalls ohne uns.“ Er unterbrach sich kurz, um die Reaktion auf seine Worte abzuwarten, aber die anderen blieben stumm. Nicht einmal Furfur machte eine giftige persönliche Bemerkung. Sie warteten ab, was er noch sagen würde. „Unser Ende stand fest. Jedem Dämon war schon immer klar, dass alles andere Propaganda war. Unsere Namen würden aus dem Buch des Lebens ausradiert werden, als hätte es uns nie gegeben. Unsere Unsterblichkeit hatte ein Ablaufdatum, es gab für uns nichts zu gewinnen und deshalb auch nichts zu verlieren. Eine Ausnahme machten nur die, die sich auf die eine oder andere Art ein Leben neben der Hölle aufbauen konnten. So wie Arwens Vater, der auf der Erde Frau und Kind hatte, oder so wie ich, der … die Annehmlichkeiten des Lebens auf der Erde zu schätzen gelernt hatte, und der einen… jemanden hatte, in dessen Gesellschaft sich die Ewigkeit weniger unerträglich anfühlte.“ Ein ersticktes Stöhnen war zu hören. Crowley sah auf, konnte aber nicht erkennen, wer es ausgestoßen hatte. Er zuckte mit den Schultern. „Und jetzt hat jeder Dämon, jede Dämonin plötzlich eine Zukunft, auf die er oder sie Einfluss nehmen kann. Es lohnt sich zum ersten Mal, darüber nachzudenken, wie wir das Leben leben und wie wir unsere Zukunft organisieren wollen. Es ist die Mühe wert, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, es macht einen Unterschied, ob man mir glaubt, mich respektiert, mir vertraut, mich vielleicht sogar mag, weil wir die Wahl haben, mit wem wir unsere Zeit verbringen, mit wem wir arbeiten, mit wem wir leben wollen.“ Gabriel nickte ihm anerkennend zu. „Das erklärt alles, worüber wir uns am Anfang der heutigen Begegnung noch gewundert haben: Worte wie ‚bitte“ oder ‚Vertrauen“ aus dem Mund eines Dämons, das Bemühen um eine neue gerechte Ordnung für die Hölle, die Bereitschaft, die Hand zu reichen und den ersten Schritt zu tun.“ Crowleys Mund fühlte sich plötzlich ganz trocken an. Es fiel ihm schwer, aber das musste er jetzt tun. Wieder setzte er sich sehr gerade hin, was ein so ungewohnter Anblick war, dass Jesus und Gabriel ihm sofort ihre volle Aufmerksamkeit schenkten, aber seine Worte galten nicht ihnen, sondern ausschließlich den drei Dämonen. „Furfur, Sofethos, Codimor, ich habe euch Unrecht getan. Ich war arrogant, voreingenommen und misstrauisch. Ich bin nicht davon ausgegangen, dass ihr euch so benehmt, wie ihr euch benommen habt, einfach, weil ihr es für richtig hieltet. Stattdessen habe ich unbewusst unterstellt, dass ihr damit nur etwas erreichen wolltet.“ Er sah jedem der drei offen ins Gesicht. „Ich bitte euch um Entschuldigung für meine Überheblichkeit und meine Zweifel an euren Motiven. Ich hätte es besser wissen müssen.“ Die beiden Köpfe auf dem Bildschirm nickten freundlich, fast anerkennend. Codimor reagierte schnell: „Wie du zu Beginn dieses Gesprächs schon einmal gesagt hast: ‚Es gibt nichts zu verzeihen.‘ Deine Offenheit ehrt dich und deine Bitte um Entschuldigung sagt viel über dich aus. Sei nicht zu streng mit dir. Du warst heute ein hervorragender Verhandlungspartner, offen, fair, mutig, dein Misstrauen und deine Zweifel haben dich weder blind für unsere Gründe gemacht noch taub für unsere Argumente. Ehrlich gesagt, denke ich, dass du sie schon längst abgelegt hattest.“ Crowley schluckte. Wäre Codimor mit ihnen im Raum gewesen, wäre er jetzt aufgestanden und hätte ihn umarmt. Er war noch nie einem Dämon begegnet, der eine solch feierliche Ernsthaftigkeit ausstrahlen konnte, und in einem anderen Moment so viel Unbeschwertheit und Lebensfreude versprühte, regelrecht albern sein konnte, dass es ihn an Muriel erinnerte. Er wirkte ebenso empathisch wie sie und …, ja: auch genauso sympathisch.

Ein Stuhl wurde energisch verrückt und Furfur stand auf. „Herr der Akten, Meister des Rechts, ich danke euch. Ihr könnt euch nun beide erholen. Das Protokoll wird erst benötigt, wenn die Parlamentäre auf die Erde zurückkehren.“ Er drückte zwei Tasten und die Bildschirme erloschen. Furfur fuhr an Jesus gewandt fort: „Gabriel und Crowley werden das Protokoll mitnehmen und dir zur Kontrolle vorlegen. Soll ich dir nun eine Eskorte mitgeben, die dich zurückbegleitet, oder möchtest du zuerst ruhen?“ Jesus verneinte. „Gabriel und Crowley können in Vertretung das Protokoll abzeichnen. Sie haben mein Vertrauen. Aber du weißt, dass ich ein Protokoll ohnehin nur für die himmlische Bürokratie benötige. Ich bin sicher, dass du dich an unsere Verabredung halten wirst.“ Er seufzte. „Ruhen klingt verlockend, aber ich werde in London erwartet. Ich brauche auch keine Eskorte, nur jemanden, der die Tore für mich öffnet.“ Der Höllenrat grinste unerwartet. „Von innen öffnen sie sich automatisch bei Annäherung. Fluchttüren, auch bei den Menschen abgeschaut. Ein sehr vernünftiges Prinzip.“ Er reichte Jesus die Hand zum Abschied. „Ich lasse euch eine Stunde allein“, verkündete er dann. „Ich brauche ein bisschen Ruhe, bevor wir aufbrechen und muss noch einiges veranlassen. Ich hole euch dann hier ab. Es wird euch gleich jemand eine kleine Stärkung bringen.“ Jesus wünschte ihnen noch Erfolg bei ihrer Suche und umarmte sie, scheinbar immer noch wegen der Mission besorgt. „Passt auf euch auf. Ich möchte weder Erziraphael noch Bee darüber Rechenschaft ablegen müssen, warum ihr nicht zügig oder nicht bei allerbester Gesundheit zurückkehrt.“ Seine Stimme verriet, dass er nicht spaßte. Dann verließ er den Raum und sie waren allein. Nur Minuten später öffnete sich die Tür wieder und ein Dämon, der so aufgeregt war, dass er selbst seinen Namen nur undeutlich nuscheln konnte, brachte ihnen einige Sandwiches, Kaffee und Wasser. Dann ließ er eine der Wände beiseite gleiten und zeigte auf zwei einfache Liegen, die dahinter zum Vorschein kamen. „Stärkt euch und ruht euch aus“, brachte er mühsam heraus und verschwand, so schnell er konnte.