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In die Hölle (immer noch Mittwoch)

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In die Hölle (immer noch Mittwoch)

„Ich verstehe dich nicht. Was soll das, verdammt nochmal?“ Ben war nicht laut, dennoch ließ sein Tonfall keinen Zweifel daran, wie verärgert er war. „Wenn du mir nicht geglaubt hast, warum hast du dich dann überhaupt auf den Deal eingelassen? Warum bist du mitgekommen?“ Er sah seinen Kollegen vorwurfsvoll an. „Ich begreife das einfach nicht!“ Kenneth begriff es selbst nicht so ganz. Hatte er Ben geglaubt? Wahrscheinlich schon. Er kannte seinen Kollegen, für den nichts endgültig feststand, bis er eine lückenlose wissenschaftlich fundierte Beweiskette gesehen hatte. Ben war kein Esoteriker, kein Spinner und Verschwörungsgläubiger, und wenn er in irgendeiner Hinsicht radikal oder fanatisch war, dann nur bei der Suche nach Beweisen, nach der Wahrheit. Ob für ihn etwas das Zeug zu einer guten Story hatte, machte er nie davon abhängig, ob sie es auf die Titelseite schaffen oder die Verkaufszahlen steigern würde. Es war schon Jahre her, da hatte Ben ihm erklärt, welche Kriterien ein Thema erfüllen musste, damit er es in der Redaktionskonferenz für mehr als eine Randnotiz unter Verwendung der Agenturtexte vorschlug. Kenneth erinnerte sich noch an jedes Wort. „Die Nachricht muss wahr sein“, hatte er mit Nachdruck gesagt, „oder wenigstens verifizierbar. Und sie muss für unsere Leser, für die Gesellschaft eine Bedeutung haben.“ Ben fluchte vernehmlich, auch das völlig untypisch für ihn. Kenneth schreckte aus seinen Grübeleien hoch. „Ken, ich erwarte drei Dinge von dir: eine Erklärung für dein Verhalten, eine Entscheidung für oder gegen diese Story, und – wenn du dran bleiben willst – eine Entschuldigung bei meinen Freunden.“ Er schwieg und schaute den Kollegen auffordernd an. „Die Erklärung ist das Schwierigste“, begann der schließlich leicht stotternd seine Antwort. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber sicher nicht Menschen, die abgesehen von einer teilweise fragwürdigen Kleidungswahl aussehen wie du und ich, und die behaupten, quasi die Führungsspitzen von Himmel und Hölle zu repräsentieren.“ Ben holte tief Luft. „Hör ihnen doch wenigstens richtig zu. Hättest du das getan, hättest du verstanden, dass sie ehemalige Angehörige der Leitungsebene sind. Heute sind sie Privatiers, genießen aber das Vertrauen der Verantwortlichen und sind gefragte Berater, weil sie die Erde und die Menschen gut kennen.“ Er schüttelte ärgerlich den Kopf, dann schien er eine Entscheidung zu fassen. „Gut“, murmelte er. „Ich sollte das nicht tun, aber wenn es sein muss…“ Er nahm sein Handy heraus und suchte online nach den wenigen seriösen Berichten über die Große Gerichtsverhandlung in Israel. Er scrollte durch die begleitenden Fotostrecken und zeigte Kenneth schließlich zwei Aufnahmen. Die eine zeigte den abwesend wirkenden Crowley mit Hannah auf dem Arm, daneben ihn, Laura und Bee. Auf dem Bild waren die majestätischen tiefschwarzen Schwingen des Dämons voll entfaltet. „Das ist Azis Partner und unser Freund Crowley, der jetzt gerade auf dem Weg in die Hölle ist. Laura, Hannah und mich wirst du ja wohl erkennen. Und das ist Bee, die ehemalige Lord Beelzebub.“ Kenneth starrte, dann nickte er. „Das zweite Foto zeigte die Delegation des Himmels am Tag der Vertragsunterzeichnung. Erziraphael, Sariel und Jesus waren gut getroffen und lächelten direkt in die Kamera. „Die beiden warten drin auf uns. Und das ist Jesus, auf den ich gerne mit ihnen warten würde. Was ist jetzt?“ Der andere Journalist hatte die Augen immer noch fest auf das zweite Bild gerichtet. „Das habe ich doch bestimmt schon hundertmal angeschaut. Wieso habe ich dabei nie erkannt, dass du darauf zu sehen bist? Warum kommen die da drin mir kein bisschen bekannt vor? Warum wirken selbst Laura und eure Tochter auf dem Bild wie Fremde auf mich?“ Ben stöhnte genervt, aber diese Frage war wenigstens berechtigt. „Sie haben mir erklärt, dass die Bilder mit einem Wunder so geschützt wurden, dass man die Personen auf der Erde nur dann erkennen kann, wenn man ihnen persönlich begegnet und sie sich zu erkennen geben. Sie sollten ihr Leben unauffällig weiterführen können.“ Er schaute seinen Kollegen an. „Hörzu, ich hatte ja auch Zweifel, als Laura Crowley das erste Mal zu uns eingeladen hatte. Aber du müsstest doch wissen, dass ich dich nicht anlüge. Und ich bin recht sicher, dass ich nicht verrückt geworden bin.“ Kenneth nickte. „Also gut. Ich bleibe, ich entschuldige mich und ich versuche, euch zu glauben. Aber fuck, zieh mich nicht wieder in sowas hinein.“ Er stapfte voraus zur Ladentür und hielt sie Ben, der ihm auf den Fersen folgte, nicht einmal auf. Der wäre beinahe schmerzhaft auf seinen Kollegen geprallt, der direkt hinter der Tür stehen geblieben war und fassungslos murmelte: „Ich werd‘ verrückt, das sind die von den Fotos.“ Sein Mund stand offen und sein Blick war starr. Ben ging ungerührt um ihn herum. „Der fängt sich hoffentlich gleich wieder. Ignoriert ihn. Ich habe einen Bärenhunger.“

Kenneth hatte sich wirklich gefangen, hatte sich in aller Form entschuldigt und war dann in Gedanken versunken, während die Freunde versuchten, sich mit Essen und Trinken von ihren Sorgen abzulenken. Als die Glocke über der Ladentür ging, sprangen alle fast gleichzeitig auf und gingen dem Ankömmling entgegen. Es war Jesus, der sie ermutigend anlächelte und sofort versicherte: „Es war ein sehr gutes Gespräch und ich bin absolut beruhigt, was die Rolle der Hölle bei alledem angeht.“ Bevor er sich jedoch den unbekannten Menschen vorstellen ließ oder seinen Bericht über das Spitzengespräch fortsetzte, wandte er sich Bee und Erziraphael zu, die nicht verbergen konnten, wie sehr sie eine tröstliche Auskunft zum Wohlergehen ihrer Partner herbeisehnten. „Es geht ihnen gut“, sagte Jesus sanft. „Sie waren die ganze Zeit bei uns und haben mitdiskutiert. Furfur wollte ihnen einen Imbiss und eine Ruhepause gönnen, bevor sie gemeinsam aufbrechen.“ Er sah auf die große Standuhr. „Sie müssten sich in diesen Minuten auf den Weg machen.“

***

Während Jesus ihren zurückgebliebenen Partnern diese Auskunft gab, waren Crowley und Gabriel mit Furfur bereits unterwegs in die Vorhölle. So dankbar sie gewesen waren, sich nach der anstrengenden und langen Diskussion zunächst stärken und ausruhen zu dürfen, so froh waren sie jetzt, dass die eigentliche Reise endlich begann. Furfur hatten ihnen vor dem Aufbruch Passierscheine in die Hand gedrückt. „Von mir aus nennt sie auch Besucherausweise“, hatte er gesagt, „passt auf jeden Fall gut darauf auf.“ Nach einem deutlichen Zögern fuhr er fort: „Mehr Schutz kann ich euch für den Rückweg nicht bieten. Die Hauptleute und das sonstige Führungspersonal kennen diese Ausweise und wissen um ihre Bedeutung, aber wir haben sie erst vor Kurzem eingeführt und ich kann euch nicht versprechen, dass alle Wachen schon darüber im Bilde sind.“ Das ungleiche Paar nickte. Sie hatten ohnehin nicht damit gerechnet, dass sie ohne Rückfragen und Hindernisse einfach durch die Hölle spazieren konnten. Das galt umso mehr, je tiefer sie vordringen würden. Und selbst wenn die Wachen die Information hatten, hieß das noch lange nicht, dass sie gemäß den Anweisungen handeln würden. Das war schließlich die Hölle, kein menschliches Elite-Corps. Da die Vorhölle streng genommen kein Teil der Hölle war, sondern noch der irdischen Realität angehörte, fühlten sie sich jedoch vorläufig sicher. Hier würden vermutlich sogar ihre Handys noch funktionieren, auch wenn sie nicht mehr in der Lage sein würden, ihre Position zu erfassen. Die Begleitung durch den Höllenrat verstärkte ihr Sicherheitsgefühl deutlich. Sie folgten ihm zwar nicht blind, sondern achteten sehr genau auf den Weg, den sie in umgekehrter Richtung allein würden finden müssen, sie sahen aber keinen Grund für Misstrauen Furfur gegenüber.

Der Weg, dem sie folgten, hatte Ähnlichkeit mit denen, die in manche Besucherstollen ehemaliger Bergwerke hineinführten, nur leicht abfallend, befestigt, ja sogar beleuchtet. Nach einer Biegung teilte sich der Weg plötzlich und nichts deutete darauf hin, welcher der drei vor ihnen liegenden Stollen der richtige war. Furfur zeigte auf den linken Gang. „Da geht’s in den operativen Bereich der Vorhölle. Sozusagen der Besucherbereich.“ Er mühte sich redlich um ein furchteinflößendes Gesicht und einen zynischen, drohenden Klang, aber die Darbietung misslang. Er sah vielmehr müde aus und plötzlich war sich Crowley ganz sicher, dass der Höllenrat nichts lieber täte, als weite Teile der Hölle zu evakuieren und die Verantwortung für den Strafvollzug in die Hände der Menschen zu legen. „Wenn ihr wollt, kann ich es euch zeigen.“ „Kein Besichtigungsprogramm, Furfur“, wehrte Crowley ab, der auch dann nicht interessiert gewesen wäre, wenn er nicht hätte befürchten müssen, dass die Vollzugsräume Erinnerungen in ihm wachrufen würden, die er aus gutem Grund zu verdrängen versuchte. Zum Glück sagte auch Gabriel sofort: „Wir sind weder Touristen noch Inspektoren“, und so zeigte Furfur auf den mittleren Gang: „Dann nehme ich an, dass auch der Zugang zum Großen Trichter für euch nicht interessant ist? Es werden ja ohnehin keine Seelen mehr hinuntergestürzt.“ Crowley erkannte, dass Gabriel nicht wusste, wovon Furfur sprach, und erklärte: „Der Trichter ist der Schacht, in den der Tod die Seelen stürzt, die der Himmel abgelehnt hat. Jeder Höllenkreis hat einen direkten Zugang und fischt aus den Vorbeistürzenden diejenigen heraus, für deren Bestrafung er zuständig ist. So funktioniert die höllische Triage. Außerdem rauschen hier die zum Fallen verurteilten Engel vorbei. Da gibt es immer ein paar Schaulustige, die klatschen und johlen und Wetten darauf abschließen, wie lange sie durchhalten werden.“ Furfur warf einen alarmierten Blick auf Crowley, dessen Stimme plötzlich zitterte. Er unterbrach ihn sofort: „Seit dem Vertragsschluss ist der Trichter natürlich außer Betrieb.“ Auch Gabriel musterte besorgt den rothaarigen Dämon, bevor er sich dem rechten Tunnel zuwandte. „Also hier entlang?“ Furfur nickte und übernahm wieder die Führung. Sie legten nur eine kurze Strecke zurück, dann blieb der Höllenrat stehen und wies auf eine Tür in der Tunnelwand: „Dahinter führt eine Treppe nach unten.“ Gabriel öffnete die Tür und starrte überrascht hinein. Er sah in eine Art Treppenhaus, wie man es auch in einem alten Werksgebäude irgendwo auf der Erde hätte finden können: Die Stufen etwas ausgetreten, aber mit einem durchgehenden Handlauf und elektrischem Licht! Furfur war durch die Tür getreten und begann, die Treppe hinunterzusteigen. „Kommt ihr?“ Crowley folgte ihm und war mindestens so perplex wie Gabriel. Hier roch es doch nach frischer Farbe! „Ist das etwa kürzlich renoviert worden?“ Er schaute sich ungläubig um. Furfur drehte sich für seine Antwort nicht einmal um: „Arbeitssicherheit. Das Licht und das Geländer sind Vorschrift und im Licht sahen die Wände einfach verboten schäbig aus.“ Er war am Fuß der Treppe angekommen und streckte seine Hand nach der Türklinke aus. Die Treppe endete hier. Im Türspalt konnten sie einen Uniformierten erkennen. Gabriel konnte sich eine Frage nicht verkneifen: „Arbeitssicherheit? Hier unten gelten doch die menschlichen Gesetze und Vorschriften so wenig wie oben .“ Der Höllenrat schnaubte. „Na und? Das hindert mich doch nicht daran, vernünftige Regeln zu übernehmen. Codimor hat eine ganze Abteilung eingerichtet, die sich durch die Rechtstexte der Menschen arbeitet und Vorschläge unterbreitet, welche Vorschriften in unsere Ordnung übernommen werden sollen. Haben Dämonen etwa weniger Anspruch auf Schutz und Sicherheit als Menschen und Engel?“ Der ehemalige Erzengel schaute Furfur aus großen Augen an. „Nein, natürlich nicht. Es ist nur …, der Himmel hat noch nichts dergleichen veranlasst. Es gibt erste Überlegungen, aber das steckt noch ganz am Anfang des Instanzenwegs.“ Jetzt war es an Furfur, erstaunt zu sein. „Ist die himmlische Bürokratie immer noch so schwerfällig?“, fragte er fast mitleidig. „Manchmal muss man einfach machen“, fügte er hinzu. „Auch bei uns werden solche Vorschriften erst dann endgültig festgelegt werden, wenn wir eine Verfassung und eine legitimierte Regierung haben. Aber wenn ich etwas entdecke, was eine eindeutige Verbesserung für das Leben in unserer Welt bedeutet, kann ich es doch trotzdem schon umsetzen. Wem wäre gedient, wenn ich damit warte?“

Er zog die Tür nun ganz auf und sagte: „Hier ist der erste Checkpoint. Zeigt eure Passierscheine vor.“ Der uniformierte Dämon salutierte.  „Welche Anweisungen, Höllenrat?“ Auch Furfur grüßte mit einer militärischen Geste, führte sie aber wesentlich lässiger aus. „Standardvorgehen. Diese beiden begehren Zutritt zum Ersten Kreis. Ihr Ziel ist der Fünfte. Lässt du sie passieren?“ Der Wachhabende sah sich die Passierscheine, die Crowley und Gabriel präsentierten, gründlich an, verglich die Fotos mit ihren Gesichtern und berührte sie an der Schulter, scheinbar um zu überprüfen, dass sie wirklich Unsterbliche waren. Dann salutierte er und gab den Weg frei. „Alles in Ordnung, Höllenrat. Zutritt wird gewährt!“ Furfur nickte zufrieden. „Danke. Äh, … rühren! Auf dem Rückweg werden unsere Gäste allein sein“, sagte er sachlich. „Ich erwarte, dass sie dann ebenso korrekt behandelt werden wie jetzt.“ Er wandte sich wieder Crowley und Gabriel zu: „Jetzt kommt. Ich möchte mich nicht zu lange im Limbus aufhalten. Die Sehnsucht macht keinen Unterschied zwischen Sündern und Personal. Wir mussten schon die Dauer der Schichten auf zwei irdische Stunden begrenzen, weil die Wachen reihenweise depressiv geworden sind.“ Im Ersten Kreis bestand die Strafe - die höllische Qual - aus dem Gefühl der Sehnsucht. Auch Gabriel und Crowley spürten ihre Wirkung sofort beim Verlassen des Treppenhauses. Der Dämon hatte große Mühe, sich davon nicht lähmen zu lassen, er sehnte sich von einem Moment auf den anderen so unerträglich nach Erziraphael, nach seinem Duft, seinem Lächeln, seinen Händen, dass in seinem Kopf und seinem Herz für nichts anderes mehr Platz zu sein schien. Was hatte ihn nur zu dieser Mission bewogen? Er war kurz davor, Gabriel und Furfur zu sagen, dass er sofort umkehren wollte, nach Hause zu seinem Engel, da packte ihn Gabriel fest am Oberarm und zog ihn mit sich. „Halt durch, Crowley, es sind nur ein paar Meter.“ Das war eine gnädige Lüge und Gabriel musste sie noch einige Male wiederholen und variieren, bis Furfur endlich die Tür zu einem weiteren Treppenhaus aufstieß.  Der Engel zerrte Crowley hinter sich her. Die Qual endete so plötzlich, wie sie eingesetzt hatte. Es war, als würde unmittelbar eine Last von ihren Herzen genommen. Dennoch bemerkten sie nach den ersten Stufen, dass ein ungutes Gefühl blieb und sich mit jedem Schritt nach unten zu verstärken schien. Crowley spürte deutlich, wie sich die Härchen an seinen Armen und in seinem Nacken aufstellten, und wie sich ein gewisses Gefühl der Beklemmung seiner bemächtigte. Er beobachtete, wie Gabriel sich an den Hals fasste, als müsse er seinen Kragen weiten, und sich unbehaglich in seiner Kleidung wand. „Das ist der Übertritt in die Hölle“, erklärte er dem Engel. „Du müsstest dich gleich daran gewöhnt haben.“ „Warum merke ich das jetzt erst?“ Gabriel hatte das Bedürfnis, sich am ganzen Körper zu kratzen. „Der Limbus gehört doch auch schon diesem Bereich an. Und bei den beiden letzten Malen habe ich das gar nicht gespürt.“ Furfur nickte. „Im Limbus werden alle anderen Gefühle von der Sehnsucht überdeckt“, beantwortete er die Frage. „Und der Fahrstuhl ist so schnell, dass der Eintritt in unsere Welt ein Trauma auslösen könnte. Deshalb ist die Kabine mit einem Wunder ausgestattet, das die Wirkung auf die Passagiere stark verzögert und dadurch abmildert.“ Er grinste. „Ich nehme an, bei eurem ersten Besuch wurde der Effekt zusätzlich von Dagons unwiderstehlicher Ausstrahlung überdeckt und beim letzten Mal vielleicht einfach von eurer Anspannung. Die Wirkung der Dimensionsverschiebung ist im Vergleich zu eigenen starken Emotionen kaum wahrnehmbar.“ Er sah die beiden Besucher nachdenklich an. „Wenn ihr das jetzt so deutlich als störend oder irritierend wahrnehmt, muss ich das wohl als Zeichen eures Vertrauens werten. Jedenfalls scheint ihr nicht besonders gestresst zu sein.“

***

In der Buchhandlung hatte Jesus sich zu den anderen an den Tisch gesetzt und erst einmal zwei große Gläser Wasser hinuntergestürzt. Dann griff er in den Brotkorb, der direkt vor ihm stand, und ließ sich von Muriel dankbar Schälchen mit Oliven, Schafskäse und Datteln reichen. Zwischen zwei Bissen wandte er sich an den einzigen ihm Unbekannten im Raum. „Du bist also Bens Kollege Kenneth?“, fragte er, aber der Angesprochene konnte nichts erwidern. Er starrte den Gottessohn an und war so erfüllt von dessen Präsenz, von seiner fast mit Händen zu greifenden Ausstrahlung, von der Güte, die sich wie ein Mantel um ihn zu legen schien, dass er die Sprache verloren hatte. Diese Reaktion war Jesus nicht fremd und da er wusste, dass sie meist nicht lange anhielt, nutzte er die Gelegenheit, seine Mahlzeit fortzusetzen. „Was habt ihr denn schon besprochen?“, fragte er nach dem nächsten Happen Brot, den er sich mit zwei Oliven in den Mund schob. „Die sind übrigens köstlich, Muriel, danke.“ „Wir konnten leider noch nicht viel besprechen.“ Ben konnte seine Verärgerung nicht ganz verhehlen. „Wir mussten erst diesen Skeptiker davon überzeugen, dass ihr seid, was ihr zu sein vorgebt.“ Er seufzte. Jesus lächelte milde, auch wenn sich eine Prise liebevoller Spott hineinmischte. Mit einem Blick auf den immer noch mit offenem Mund und fassungslosem Gesicht eingefrorenen Kenneth sagte er: „Dieses Problem dürfte sich gleich gelöst haben, scheint mir.“ Alle schmunzelten. Nur der Journalist schien bei diesen Worten aus seiner Starre zu erwachen, rutschte von seinem Stuhl und ließ sich ansatzlos auf die Knie sinken. „Herr, vergebt mir meinen Unglauben“, murmelte er mit gesenktem Kopf. Jesus klopfte ihm auf die Schulter. „Das ist jetzt aber das andere Extrem“, sagte er mit mildem Tadel. „Können wir uns darauf einigen, dass du mir glaubst, wer ich bin, und wir dann einfach miteinander umgehen wie andere Erwachsene auch, die sich bei gemeinsamen Freunden kennenlernen?“ Kenneth nickte, jetzt wieder stumm. „Gut, dann schlage ich vor, dass du vom Boden aufstehst.“ Während der Journalist diesem Vorschlag folgte und sich mechanisch die Hosenbeine abklopfte, zeigte Jesus auf die Mappen und den Stapel Papier in der Tischmitte. „Ihr hattet offenbar etwas vorbereitet.“ Er sah die Freunde an. „Wollt ihr dazu erstmal was sagen?“ So näherten sie sich endlich dem verabredeten Interview an. Jesus steuerte noch einige Ergänzungen zur aktuellen Entwicklung der Hölle bei, die in der Buchhandlung nicht weniger Erstaunen hervorriefen als zuvor bei der Besprechung mit Furfur. „Das solltest du allerdings als Hintergrundinfos behandeln und nicht veröffentlichen“, mahnte er Kenneth, der folgsam nickte. Dann berichtete er in knappen Worten von der Einigung, die kurz zuvor zwischen Himmel und Hölle erzielt worden war, und von den verabredeten Schritten, die nun folgen sollten. „Ich muss das noch mit meinem Stab besprechen, aber ich habe vor, morgen in aller Frühe die Vertreter der Menschen zu informieren und kurz darauf in einer Pressekonferenz Rede und Antwort zu stehen. Gibt euch das genug Zeit, um einen Informations-Vorsprung für eure Zeitung herauszuholen?“ Die beiden Journalisten nickten eifrig. „Sobald unser Gespräch beendet ist, werden wir unsere Redaktion informieren. Ich gehe davon aus, dass wir morgen mit dir und deiner Botschaft auf der Titelseite herauskommen werden“, antwortete Ben und Kenneth bestätigte das: „Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche!“ Er nickte immer noch, so aufgeregt war er. „Ich würde gerne schnellstmöglich in die Recherche zur Diskriminierung der Dämonen einsteigen“, fügte er hinzu. „Das hat eine Menge Potential und könnte dazu beitragen, das Bild von der Hölle geradezurücken.“ Muriel schob ihm die Pressemappen und den ausgedruckten Vertrag hin. „Wir haben da was für dich vorbereitet. Diese Fälle können als gesichert gelten. Und das hier ist der vollständige Vertragstext. Erziraphael hat sich für euch die Mühe gemacht, alle Regelungen zu markieren, gegen die die Ungleichbehandlung verstößt.“ Ben schaute zwischen Muriel und dem Stapel Papier hin und her und biss sich auf die Lippen, als sie ihm zublinzelte.

„Wann darf ich zu den betreffenden Stellen Kontakt aufnehmen?“ Die Verwirrung und die anfängliche lähmende Ehrfurcht waren längst ebenso von Kenneth gewichen wie die Skepsis gegenüber seinen Gesprächspartnern. Jetzt war der engagierte und brillante Investigativ-Journalist in seinem Element – und voll im Recherche-Modus. „Sobald das Gespräch mit den irdischen Anführern beendet ist“, entschied Jesus. „Sariel wird dir eine kurze Nachricht schicken, wenn es soweit ist.“ Er nickte dem Engel zu. „Mit Furfur kannst du gerne auch früher sprechen, wenn er Zeit für dich hat. Ich habe das schon mit ihm geklärt.“ Jetzt sah er zu Bee. „Vielleicht solltest du ihm Bens Kontaktdaten schicken, damit er sich bei den beiden melden kann.“ Sie nickte und hatte dabei schon zu tippen begonnen. Geduldig beantwortete Jesus alle Fragen der beiden Journalisten und seiner Freunde, und posierte auch noch für ein Foto, bevor er sich verabschiedete, um in den Himmel zurückzukehren. Sariel begleitete ihn. Sie hatten noch viel zu regeln und würden in dieser Nacht wohl nicht zum Schlafen kommen. Bee und Erziraphael brachten sie zur Tür. Jesus umarmte beide noch einmal und versicherte ihnen: „Nach dem Gespräch mit Furfur und den beiden anderen Dämonen bin ich wirklich zuversichtlich, dass sie heil und gesund wieder nach Hause kommen. Furfur scheint in der kurzen Zeit viel bewegt zu haben.“ Als sie zum Tisch zurückkehrten, hämmerten Kenneth und Ben bereits ihre Texte in die Tastatur ihrer Laptops. Ihr Redakteur rief sie schon an, bevor sie ihre Geräte heruntergefahren und eingepackt hatten. „Wir fahren sofort los“, hörten die Freunde Ben sagen, und: „Haben wir, schicke ich von unterwegs.“ Nach dem Auflegen ballte er die Siegerfaust. „Wir haben die Eins, den Leitartikel und die Kommentarseite“, sagte er triumphierend. „Danke, Leute!“ Die Journalisten verabschiedeten sich, aber während Kenneth schon mit seiner Ausrüstung unterwegs zur Ladentür war, blieb Ben noch kurz stehen. Er legte Muriel und Erziraphael je einen Arm um die Schulter und bat: „Gebt uns bitte Bescheid, sobald Crowley wieder da ist oder ihr etwas von ihm hört, ja? Und haltet euch tapfer.“ Nach einem kurzen Zögern umarmte er auch die Dämonin. „Gut, dass ihr heute nicht allein sein müsst“, sagte er. „Wir denken an euch und die beiden notorischen Helden.“ Dann hastete er seinem Kollegen hinterher und die beiden Engel blieben mit Bee allein. „Heute Nacht wird vermutlich nichts Besonderes passieren“, sagte sie mit Blick auf Erziraphael. „Die Zeitung von Ben und Kenneth wird sicher nichts online stellen, um morgen früh die Überraschung auf ihrer Seite zu haben.“ Die Engel nickten zustimmend. „Die Regierungen haben bis dahin vermutlich ebenso wenig neue Informationen wie die Presse“, ergänzte Erziraphael. Muriel sah zwischen den beiden hin und her. „Niemand weiß, dass wir irgendwas damit zu tun haben. Oder denkt ihr, wir sollten trotzdem Wachen einteilen?“ Sie wirkte erschöpft, die Situation war für sie deutlich fordernder als für ihre Freunde. Sie führte eine Kinderbuchhandlung und war eine gute Organisatorin, aber Bee hatte für eine halbe Ewigkeit die Hölle geleitet und Erziraphael zumindest kurz den Himmel. Vor allem aber hatte er in verantwortlicher Position den Großen Vertrag mitverhandelt und gleichberechtigt mit Jesus und den höchstrangigen Menschen um ein gerechtes Ergebnis gerungen. Jetzt hing er wohl gerade seinen Gedanken nach, denn er reagierte nicht auf Muriels Frage. Bee gab ihr Recht: „Ich sehe momentan keinen Grund für eine Nachtwache. Wir werden unsere Kräfte in den nächsten Tagen brauchen, deshalb wäre es das Sinnvollste, jetzt ins Bett zu gehen, damit wir möglichst viel Schlaf kriegen, bevor die Welt morgen erfährt, was los ist.“ Die Dämonin stieß den Buchhändler an, der hochschreckte, als hätte sie ihn aus tiefstem Schlaf geholt. „Geht ihr ruhig schlafen“, antwortete er, also hatte er wohl doch das meiste von der Unterhaltung mitgekriegt. „Ich warte hier auf Crowley“, setzte er nun hinzu. „Das hat keinen Sinn, Erzengel“, sagte Bee und griff mitfühlend nach seinem Arm. „Er kann heute Nacht noch nicht wiederkommen“, erklärte sie nun. „Die Hölle ist ein Labyrinth, noch dazu eines der weiten Wege. Sie können ihr Ziel heute Nacht nicht erreichen, geschweige denn zurückkehren.“ Sie musste ihren Griff am Arm des Engels verstärken und ihn sanft schütteln, bis dieser sie anschaute. „Aber ich will hier sein, wenn er kommt“, protestierte er kläglich. „Ich weiß“, Bee war dazu übergegangen, ihm aufmunternd über den Rücken zu reiben. „Aber es reicht völlig, wenn du morgen oder übermorgen hier auf ihn wartest. Bis dahin nimm alles mit, was du an Erholung kriegen kannst. Und jetzt ab ins Bett.“ Er setzte zu einer Erwiderung an, aber Muriel fiel ihm ins Wort. „Bee hat völlig Recht“, redete sie auf den Buchhändler ein. „Du kannst im Moment nichts weiter tun. Also geh hoch und leg dich hin.“ Sie war in ihrem Element. Ihre Freunde herumzukommandieren, tat ihr gut, weil es ihr das Gefühl gab, etwas bewirken zu können. Solange es Dinge zu erledigen gab, war sie nicht dazu verdammt, hilflos abzuwarten. „Ich lege Bettwäsche für Bee heraus und lasse Hexe nach draußen. Lass deine Tür auf, damit sie nachher hineinkann und nicht die ganze Nacht winselt.“