Tiefer hinein (Immer noch Mittwoch)
Tiefer hinein (Immer noch Mittwoch)
Auch dieses Treppenhaus endete an einer geschlossenen Tür. Diese hatte jedoch keine Klinke. Furfur klopfte mehrmals dagegen, vermutlich irgendeinen Code, denn die Tür schwang ohne Weiteres weit auf. Auch hier empfing sie eine Wache, diesmal eine Dämonin. Sie nickte Furfur respektvoll zu und drehte sich dann zu den Parlamentären um. „Passierscheine?“. Sie prüfte zuerst Gabriels Dokument, gab es ihm wieder zurück und wandte sich Crowleys Ausweis zu. Überrascht sah sie auf. „Du kehrst freiwillig in die Hölle zurück?“, fragte sie. Sie runzelte die Stirn, sah dann Furfur an. „Er ist doch nicht etwa ein Gefangener?“ Sie ließ ihren Blick über die drei Männer gleiten. „Gabriel? Der Gabriel?“ Die nächste Frage richtete sie direkt an Crowley: „Oder ist er dein Gefangener?“ Es waren nicht diese Fragen, die ihn irritierten, die fand er noch verständlich. Es war ihre erste Frage, die ihn wunderte. Die klang, als würde sein Name ihr etwas sagen. „Sind wir uns schon mal begegnet?“, fragte er vorsichtig. Sie schüttelte den Kopf. „Aber du scheinst doch etwas über mich zu wissen. Warum?“ Sie lachte auf. „Machst du Witze? Du bist …“ „Magura!“, schnauzte Furfur sie an. „Sie warten auf deine Entscheidung.“ Sie zuckte zusammen, nahm wieder Haltung an und händigte dem Dämon seinen Passierschein aus. „Passage gewährt. Codimor bittet euch, vor eurem weiteren Abstieg bei ihm vorbeizusehen“, teilte sie mit. Der Höllenrat nickte ihr zu. „Wenn ihr einverstanden seid“, damit wandte er sich wieder an Crowley und Gabriel. „Es ist kein großer Umweg.“ Sie hatten nichts dagegen, Crowley war gespannt auf die Begegnung. Furfur gab ihnen das Zeichen, ihm zu folgen, und setzte sich wieder an die Spitze. Als Crowley sich gerade anschickte, sich ihm anzuschließen, hielt Magura ihn an der Schulter fest. „Jede Dämonin kennt dich“, flüsterte sie ihm mit einer plötzlich viel tieferen Stimme zu. „Du bist der absolute Favorit für die Wahl.“ Sie machte Anstalten, ihn zu sich heranzuziehen. „Wir wählen bald den sexiest demon alive “, schnurrte sie und versuchte, sich an ihn zu schmiegen. Er war viel zu verwirrt, um sich zu wehren, und sah sich hilfesuchend zu seinen Begleitern um. Zu seinem Glück hatte Gabriel schnell bemerkt, dass er nicht hinter ihm war, und war umgekehrt. Nun schob er Magura energisch von Crowley weg und zwängte sich zwischen die beiden. Inzwischen war auch Furfur aufmerksam geworden. Er schnauzte die Dämonin an: „Musste das wirklich sein? Jetzt wird der arrogante Kerl überhaupt nicht mehr zu ertragen sein!“ Gabriel konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. Nachdem er Crowley in die Richtung geschubst hatte, in die sie gehen mussten, beugte er sich mit seinem verführerischsten Lächeln zu Magura hinunter und flüsterte: „Falsches Ufer, meine Liebe.“ Amüsiert sah er ihren Gesichtszügen beim Entgleisen zu. „Und noch dazu vergeben“, hauchte er hinterher. Dann folgte er mit großen Schritten den beiden Dämonen, die sich schon wieder in Bewegung gesetzt hatten. Es war wirklich nicht weit bis zu Codimor. Er stand schon an der Tür eines kleinen Raums, in den er sie bat. „Furfur? Ist etwas nicht in Ordnung? Was hat dich verstimmt?“ Der Höllenrat machte eine unwirsche Geste und begleitete sie mit einem Brummen. „Eine gewisse Magura“, erklärte Gabriel und Codimor lachte auf. „Ich verstehe.“ Er wies mit der Hand auf einen kleinen Besprechungstisch und sie nahmen Platz. „Wenn sie gewusst hätte, dass du kommst, hätte sie vor nichts zurückgeschreckt, um heute im Dienstplan zu stehen“, erklärte er Crowley gerade amüsiert. „Ich sah keinen Grund, ihr den Spaß zu verderben.“ Die gelben Augen musterten ihn verwundert. „Weshalb war dieser Engel gefallen?“, fragte sich Crowley. „Und wie hatte er so viel Leichtigkeit, so viel Lebenslust über den Fall hinaus bewahren können?“ „Eine kleine Warnung wäre nett gewesen“, brummelte er, aber Codimor zeigte nicht das geringste Schuldbewusstsein. „Du bist ein Dämon. Da hättest du doch ahnen können, was dich im zweiten Kreis erwartet“, stichelte er. Furfur stöhnte vorwurfsvoll. „Ich nehme nicht an, dass du uns deshalb hergebeten hast“, warf er ein. „Also komm zur Sache!“ Codimor zuckte mit den Schultern. „Es gibt keine Sache“, bekannte er. „Ich wollte die beiden einfach gerne persönlich kennen lernen, bevor sie weiterziehen. Und ihnen etwas geben.“ Er hielt Gabriel und Crowley jeweils ein kleines Stück Karton hin. Es waren Visitenkarten mit seinen Kontaktdaten. „Damit ihr nicht immer einen anderen Dämon braucht, um Kontakt aufnehmen zu können“, erklärte er. „Oder falls ihr Furfur mal nicht erreicht. Die Durchwahl sollte auch von der Erde funktionieren.“ Sie steckten die Kärtchen ein und machten sich nach kurzem Smalltalk wieder zum Aufbruch bereit. Furfur war schon durch die Tür und Gabriel mitten im Raum, als Codimor nach Crowleys Arm griff. „Wurde das jetzt zur Regel?“, fragte der sich genervt. Was hatte Furfurs rechte Hand ihm noch mit auf den Weg zu geben? Codimor hatte ihn schon wieder losgelassen. „Sei nicht zu streng mit ihm“, appellierte er leise. „Es ist nicht leicht für ihn und er versucht wirklich, über seine Eifersucht hinwegzukommen.“ Er lachte wieder, als er Crowleys verständnisloses Gesicht sah. „Sag bloß, du hast auch davon keine Ahnung?“ Langsam wurde es dem Rothaarigen zu dumm. Sie waren wegen etwas Anderem hier. Was sollten all diese Andeutungen und Spielchen? „Komm zur Sache, Codimor!“ Der schüttelte den Kopf. „Bei den drei Welten, du musst wirklich eine selektive Wahrnehmung haben“, sagte er. „Die ganze Hölle weiß, dass Furfur in dich verliebt ist. Schon seit eurem Fall. Er hat mit dir gelitten, jedes einzelne Mal, wenn Satan dich holen ließ, hat die Heiler bestochen, damit sie dir wenigstens manchmal Schmerz- oder Betäubungsmittel gaben oder die Wunden besser versorgten.“ Er sah, dass ein Schatten über Crowleys Gesicht glitt. „Verzeih‘, das war unnötig.“ Er schaute zur Tür, um sicher zu sein, dass niemand dort stand und ihn hörte. „Ich wollte nur, dass du weißt, weshalb er dir gegenüber ist, wie er ist. Du hast es offensichtlich nicht geahnt, aber du hast ihm das Herz gebrochen, als du dich für diesen Engel entschieden hast.“ Er sah die Verwunderung in den bernsteinfarbenen Augen. Dann blinzelte Crowley zwei- oder dreimal, räusperte sich und wandte sich zur Tür. „Falls ich von dieser Mission in einem Stück zurückkehre, sollten wir uns wohl mal unterhalten“, sagte er nur. „Und ich würde dir gern einen Engel vorstellen, der dir bei deiner Arbeit sicher eine große Hilfe wäre.“ Ohne ein weiteres Wort eilte er seinen Begleitern hinterher.
***
In einer Buchhandlung in Soho wälzten sich zwei Engel schlaflos in ihren Betten und eine Dämonin wurde auf einem Sofa von Alpträumen geplagt. Sie sah Gabriel, der mit Crowley durch die Hölle irrte, nachdem sie auf rebellierende Dämonen getroffen und von Furfur getrennt worden waren. Es war ein Nachteil, dass sie die Hölle so gut kannte. Ihr Unterbewusstsein zeigte ihr die Schreckensbilder in einer mit großer Detailgenauigkeit ausgestatteten Kulisse, wodurch sie verstörend authentisch wirkten. Gabriel wand sich im Ersten Höllenkreis jammernd auf dem Boden und rief verzweifelt ihren Namen, bis sie schweißgebadet aufwachte. Kaum war sie wieder eingeschlafen, sah sie, wie er von einer Schar Dämoninnen in eindeutiger Absicht entkleidet wurde. Im nächsten Traumbild fütterte eine der Frauen ihn mit Pralinen, eine andere küsste seinen Hals, während ihre Hand sich auf seiner Brust bewegte, eine dritte kniete vor und eine vierte hinter ihm und sie alle schienen ihren Mund und ihre Finger so kundig einzusetzen, dass er schwer atmete und heisere Laute von sich gab. Bee wachte mit Herzrasen auf, gerade als ihr bewusst geworden war, dass es ihr Name war, den er immer wieder stöhnte. Ihr Herz klopfte bis zum Hals und die Scham über die Bilder, die ihr Unterbewusstsein ihr zeigte, färbten nicht nur ihre Wangen rot, sondern auch ihren Hals und ihr Dekolleté, denn anders, als die meisten Engel und Menschen vermuten würden, gehen das Schamgefühl der Engel und die Prüderie des Himmels beim Fall nicht automatisch verloren. In ihrer Funktion als Höllenfürstin und Stellvertreterin Satans war Beelzebub nur selten mit lebenden Menschen in Berührung gekommen und deren Verführung zu Lust und Laster hatte nicht zu ihren Aufgaben gehört. Gabriel ging es – auch das soll nicht verschwiegen werden – ganz ähnlich, weshalb auch dieses überweltliche Paar sich den körperlichen Aspekten der Liebe nur langsam und mit großer Behutsamkeit annäherte. Nach diesem verstörenden Traum wehrte Bee sich lange dagegen, wieder einzuschlafen, aber irgendwann behielt die Müdigkeit die Oberhand. Diesmal standen Gabriel und Crowley dem wutschnaubenden Zerberus gegenüber, der gerade zum Sprung ansetzte. Instinktiv warf Bee sich dazwischen und spürte im nächsten Augenblick die Zähne des Höllenhundes an ihrer Kehle. Wieder rief Gabriel ihren Namen, diesmal jedoch voller Sorge und Mitgefühl. „Bee! Bee, komm bitte zu dir. Bee, wach doch auf!“
Muriel hatte eine gefühlte Ewigkeit gebraucht, bis die Dämonin langsam zu sich kam und ihre Orientierung zurückgewann. Als Bee erkannte, dass sie nach wie vor in der Buchhandlung war, und dass die Stimme, die nach ihr gerufen hatte, der Realität zuzurechnen war, setzte sie sich abrupt auf. „Muriel!? Was ist los? Habe ich geschrien? Habe ich dich geweckt?“ „Wir konnten sowieso nicht schlafen.“ Erst jetzt sah die Dämonin, dass auch Erziraphael neben dem Sofa stand. „Dann habt ihr wenigstens nicht so einen Mist geträumt.“ Endlich hatte Bee die Grenzregion zwischen Traum und Wirklichkeit endgültig verlassen. Sie befreite sich von der Bettdecke und stand auf. „Sobald ich die Augen zumache, sehe ich irgendwelche furchtbaren Bilder“, sagte sie. „Ich will nicht schlafen, ich muss mich irgendwie beschäftigen.“ Muriel nickte. „Mir geht es auch so. Aber was sollen wir mitten in der Nacht machen?“ Die beiden Frauen sahen sich ratlos an. „Wie wäre es, wenn wir im Plattenladen die restlichen Regale abbauen?“, meldete sich Erziraphael zu Wort. „Vielleicht können wir auch anfangen, die Tapeten abzumachen.“ Bee hatte schon begonnen, ihre Ärmel hochzukrempeln. „Fantastische Idee! Das ist ja sogar etwas Sinnvolles. Soll ich uns vorher noch eine Kanne Kaffee kochen?“ „Das übernehme ich“, bot Erziraphael an, der insgeheim befürchtete, sich mit seiner nicht sehr ausgeprägten praktischen Begabung zu blamieren. Er war zwar nicht ungeschickt, aber eben kein Handwerker. Da war es viel einfacher, sich die Arbeit zuweisen zu lassen. Mit dem kleinen Vorsprung, den die Frauen bekamen, während er sich um den Kaffee kümmerte, würden sie sicher einen Plan entwerfen. Dann konnte Muriel die Arbeit einteilen und entscheiden, was als erstes zu tun war. Hauptsache, sie waren beschäftigt. Vielleicht würde es ihm dann gelingen, nicht ununterbrochen an Crowley zu denken und an die Gefahren, die ihm in der Hölle begegnen konnten.
***
Die Durchquerung des zweiten Kreises hatte für Crowleys Gefühl endlos gedauert. Das lag diesmal nicht an der Qual, der die Sünder hier ausgesetzt waren, denn Furfur führte sie durch einen geschützten Gang, der sonst den Wachen vorbehalten war. Dieser hielt den Höllensturm ab, der unablässig die Wollüstigen vor sich her trieb, nicht aber die Dämoninnen, die sich an jeder Fensteröffnung drängten, um einen Blick auf Crowley werfen zu können und ihm freizügig ihre körperlichen Reize zu präsentieren. Offenbar hatte die Information, die Gabriel Magura gegeben hatte, schnell die Runde gemacht, denn bald mischten sich auch Dämonen unter die Frauen und machten dem Rothaarigen nicht weniger eindeutige Avancen. „Gab es denn wirklich keinen anderen Weg?“, fauchte er Furfur an, nachdem ein nacktes männliches Hinterteil gegen die Scheibe gepresst worden war. Der Höllenrat lächelte matt. „Nur wenn dir mittendurch lieber gewesen wäre. Ich versichere dir, dass dich deine Fans dann länger aufgehalten hätten.“ Crowley schluckte und hielt von da an den Blick starr auf die von den Fenstern abgewandte Seite des Wachgangs gerichtet. Trotz seiner Bitterkeit erkannte Furfur, wie sehr die Situation ihm zusetzte, und bemühte sich von da an unauffällig, ihn zusammen mit Gabriel bestmöglich von den gierigen Blicken abzuschirmen. Sie waren alle erleichtert, als sie die Tür erreichten, die ihnen Durchlass zum nächsten Treppenhaus gewährte.
Den Zugang zum Dritten Kreis bewachte der dickste Dämon, den Crowley je gesehen hatte. Er begann zu begreifen, wie sehr ihr Dienstort die Dämonen beeinflusste, die hier als Wachen eingeteilt waren. Das betraf offenbar nicht nur den Einfluss der Sehnsucht oder der anderen Höllenqualen, sondern mindestens ebenso stark die jeweilige Sünde. Die Gefräßigen würden hoffentlich kein besonderes Interesse an ihm zeigen, dachte er gerade erleichtert, als der Wächter schrie „Vorsicht!“, und ihn hinter sich zerrte. Dort, wo gerade noch Crowleys Hals und Kopf gewesen waren, krachten lautstark die gewaltigen Kiefer von Zerberus aufeinander. Selbst Furfur zuckte erschrocken zusammen und versicherte sich, dass seine Schützlinge unversehrt waren. Nur der Wächter wirkte fast schon provozierend gelassen. „Na, wenn ihr euch schon in die Hosen macht, wenn er euch nur anhaucht, seid ihr aber in der Hölle falsch“, sagte er herablassend. Schneller als er seinen Mund wieder schließen konnte, hatte Furfur ihn am Kragen gepackt und zischte ihm zu: „Wenn ich noch ein einziges Mal von einer solchen Vorstellung höre, wirst du dir wünschen, dein Name hätte nie im Buch des Lebens gestanden. Haben wir uns verstanden?“, fragte er drohend. Der Wächter nickte, plötzlich verstummt, und gab ihnen die Passierscheine zurück. Er zeigte auf einen Eimer zu seinen Füßen, der große Knochen enthielt, Knochen, die – wie Gabriel schaudernd feststellte – erschreckende Ähnlichkeit mit menschlichen Oberschenkelknochen hatten. „Nehmt euch welche mit. Wenn ihr die für ihn werft, ist er abgelenkt“, forderte er sie auf. Crowley musste trotz allem lachen. „Der Höllenhund sucht Stöckchen?“, lästerte er. Widerwillig nahm er einen der Knochen, Gabriel aber weigerte sich. „Wenn du nicht willst, dass er deinen Arm als Stöckchen nimmt, würde ich mir das nochmal überlegen.“ Furfur ließ es klingen wie einen väterlichen Rat und Crowley stieß dem Engel seinen Ellenbogen in die Seite. „Die früheren Besitzer haben keine Verwendung mehr dafür“, sagte er beschwörend. „Wenn das das Vieh im Zaum hält, dann nimm einen, in Satans N…, Argh, du weißt schon!“ So bewaffnet machten sie sich auf den Weg durch den dritten Kreis, den sie schnellstmöglich durchquerten. Die rettende Tür tauchte keine Minute zu früh vor ihnen auf, denn der Höllenhund war bereits auf dem Rückweg zu ihrem Grüppchen. Crowleys hatte mit seinem dank Hexe gut trainierten Wurfarm den letzten Knochen gerade weit genug geschleudert, dass sie die Tür zum Treppenhaus zwischen sich und Zerberus bringen konnten. Dort blieben sie mit zitternden Beinen stehen. „Was auch immer ihr auf dem Rückweg tut, um an diesem Köter vorbeizukommen“, sagte Furfur, während er noch nach Luft schnappte, „fasst auf keinen Fall einen Knochen an, den er schon im Maul hatte. Sein Speichel ist giftig.“ Er machte eine kurze Pause, um die Wirkung zu überprüfen. „Und das Gift ist schon in kleiner Dosis zuverlässig tödlich.“ Er sah die beiden erschöpften Parlamentäre an, denen vor Schreck die Knie zitterten. Auch sonst wirkten sie bereits reichlich mitgenommen. So würden sie den Weg bis in den Fünften nicht schaffen, entschied er, und ordnete eine Pause an. Am Fuß der Treppe ließen sich Crowley und Gabriel auf die Treppenstufen sinken, während Furfur zur Tür ging und dem dahinter postierten Dämon etwas zuflüsterte. Wenig später wurde die Tür von der anderen Seite geöffnet und jemand kam mit einem Tablett mit Gläsern und zwei großen Karaffen mit Wasser ins Treppenhaus. Ihm folgte eine kleine Dämonin, die jedem von ihnen ein Stück Brot und einen Apfel in die Hand drückte. Crowley betrachtete das Essen in seiner Hand nachdenklich, dann biss er mit einem Schulterzucken herzhaft in den Apfel. „Hätte Furfur sie töten wollen, hätte er dafür schon viele Gelegenheiten gehabt, dachte er. Ein vergifteter Apfel war etwas für böse Stiefmütter, nicht für den ernst- und ehrenhaften Furfur. Es kostete ihn Selbstbeherrschung, beim Schlucken nicht das Gesicht zu verziehen. Er war so in Gedanken gewesen, dass er einen viel zu großen Bissen geschluckt hatte. Den restlichen Apfel kaute er so gründlich, dass er als Mus seine vernarbte Speiseröhre passierte, sein Brot überließ er Gabriel. Zu seinem Erstaunen gab der Höllenrat dazu keinen gehässigen Kommentar ab. Mehr noch: Er glaubte, in Furfurs Gesicht so etwas wie Mitleid zu erkennen, als er ihn essen sah. „Sollte Codimor mit seiner Behauptung wirklich recht gehabt haben?“, fragte er sich. Er schüttelte den Gedanken ab. Das musste warten, bis sie die Hölle sicher hinter sich gelassen hatten. „Danke“, sagte er nur. Sobald Gabriel sein Brot verzehrt hatte, mahnte Furfur zum Weitergehen.
***
In Maggies ehemaligem Plattenladen machten zwei schlaflose Engel und eine besorgte Dämonin ebenfalls gerade eine Pause. Sie konnten mit ihrer Arbeit zufrieden sein: Alle Regale lagen in ihre Einzelteile zerlegt und ordentlich gestapelt im kleinen Nebenraum, der Maggie als Lager und als Rückzugsort gedient hatte. „Seltsam, jetzt wirkt der Laden viel kleiner.“ Muriel sah sich um und versuchte sich vorzustellen, wie es hier aussehen würde, wenn ihre Buchhandlung fertig war. Es gelang ihr nicht. Es gab so viel Wichtigeres, das sie gerade beschäftigte, so viel, das auch darüber entscheiden würde, ob irgendjemand jemals dieses Haus noch einmal nutzen würde, ob es das Haus, Soho, Großbritannien, die Welt dann noch geben würde. Sie seufzte. Erziraphael sah, was in ihr vorging. Mitfühlend sagte er: „Muriel? Liebes?“ Er wartete, bis sie den Kopf hob und ihn anschaute. „Ich bin sicher, du wirst in diesem Laden Generationen von Kindern die Lust am Lesen und Wertschätzung für gut erzählte Geschichten vermitteln.“ Sie schüttelte den Kopf. „Das hat doch im Moment gar keine Bedeutung“, sagte sie. „Oh doch!“, widersprach der blonde Engel mit ernstem Gesicht. „Man muss wissen, wofür man kämpft. Und du kämpfst für deinen Traum, für diesen Buchladen, der hier entstehen und blühen und zahllose Kinder glücklich machen wird.“ Wieder schüttelte sie den Kopf. „Ich kämpfe für meine Freunde, meine Familie“, sagte sie fest. „Nicht für etwas Materielles.“ Erziraphael sah sie zärtlich an. „Natürlich tust du das, Muriel, so wie wir alle. Aber du musst auch darauf vorbereitet sein, dass wir es nicht alle bis zum glücklichen Ende schaffen werden.“ Muriel sprang auf. „Hör sofort auf, sowas will ich nicht hören!“ Erziraphael nickte traurig. „Ich weiß, Liebes. Das wollen wir alle nicht. Und trotzdem ist es eine Möglichkeit, auf die wir vorbereitet sein müssen.“ Er stand ebenfalls auf und versuchte, sie tröstend in den Arm zu nehmen, aber sie wandte sich ab. „Muriel. Wenn du ehrlich mit dir selbst bist, dann weißt du es. Und du musst auch wissen, dass du nicht aufgeben darfst, falls wir nicht alle mit heiler Haut davonkommen, selbst wenn du allein zurückbleiben würdest.“ „Dann will ich auch nicht mehr leben!“, sagte sie entschieden. Jetzt stand auch Beelzebub auf. „Muriel, sag so etwas nicht! Du würdest es bereuen. Das Leben ist ein Geschenk, für das wir dankbar sein müssen. Nur wenn wir leben, haben wir die Chance, etwas zu verändern, etwas zu bewegen. Du hast eine Ewigkeit vor dir, in der du das Leben anderer besser und reicher machen kannst. Egal, was kommt, wirf das nicht weg!“ Wieder schüttelte Muriel energisch den Kopf. „Ohne euch kann mir die Ewigkeit gestohlen bleiben!“ Mit verschränkten Armen stand sie neben ihren beiden Freunden, trotzig und abweisend. Erziraphael atmete tief durch. Er hasste das, was er jetzt sagen würde, aber irgendwann musste Muriel dieser Tatsache ins Auge sehen. „Muriel, deine Freunde werden sterben“, sagte er sachlich. In Muriels Ohren klang es grausam. Sie wollte ihn unterbrechen, aber er stoppte sie mit einem strengen Blick, einem Erzengelblick. „Ob es dir gefällt oder nicht, ob wir den Frieden zwischen den Welten bewahren können oder nicht“, sagte er. „Das ist völlig unerheblich. Viele deiner Freunde sind sterblich. Und nichts anderes heißt dieses Wort: Sie werden sterben. Sie werden altern und sterben, egal, was wir tun. Maggie und Nina werden sterben. Vielleicht erst mit 105, vielleicht mit 80, vielleicht auch schon mit 50 oder morgen, wenn sie die Straße überqueren. Ben, Laura und Hannah werden sterben. Die Gibsons werden sterben. Hexe wird sterben. Bens Kollege Kenneth, unsere menschlichen Nachbarn, Vicky und Liam werden sterben, das Personal in deiner Lieblingsbäckerei, das in der Bibliothek, die Direktorin der Grundschule, Raul und seine Kinder, die Kinder, die Hexe vorlesen. Jeder einzelne dieser Menschen wird sterben, Muriel.“ „Bee, sag doch was!“, rief Muriel. „Sag ihm, er soll aufhören!“ Muriel weinte und Bee litt mit ihr. Aber der Erzengel hatte recht, so war es. Auch sie hatte sich das in dieser brutalen Konsequenz noch nicht klargemacht, seit sie und Gabriel sich für die Erde entschieden und diesem bunten Häufchen angeschlossen hatten, das sie schon längst ihre Freunde nannten, aber ja, so war es. Und wenn sie auf der Erde leben wollten, mussten sie damit umzugehen lernen. Das sagte sie auch Muriel. „Komm zu mir“, sagte Erziraphael und öffnete seine Arme. Trotzig und unter Tränen schüttelte sie den Kopf, warf sich dann aber doch an seine Brust und ließ sich trösten, als sie begann zu schluchzen wie ein Kind. „Wie haltet ihr das nur aus?“, fragte sie, als sie sich wieder etwas beruhigt hatte. „Es ist leichter, wenn man auch unsterbliche Freunde hat, denke ich“, antwortete Erziraphael. „Und man schließt immer wieder neue Bekanntschaften.“ Jetzt sah Muriel auf, mit verweinten Augen und Schniefnase und fragte mit plötzlicher Gewissheit: „Es gab schon andere Gibsons, oder? Andere Maggies und Ninas?“ Sie sah den leisen Schmerz, der bei ihrer Frage über sein Gesicht huschte. „Andere Gibsons? Schon zahllose. Aber ich könnte dir noch heute alle ihre Namen aufzählen, ihre Gesichter zeichnen, ihre Stammbäume herunterbeten. Sie haben mein Leben bereichert, meinen Tagen einen Sinn gegeben, meine Einsamkeit gelindert. Sie hatten so viele Namen. Aber irgendwann kam immer der Tag, an dem ein Krieg, eine Naturkatastrophe oder einfach der Zufall die letzten Sprösslinge der Familie vernichtete. Dann habe ich gesucht, bis ich wieder jemanden fand, der so gut und so freundlich war, wie es die Gibsons sind. Und die habe ich dann durch die nächsten Jahrzehnte oder Jahrhunderte begleitet, solange es noch Kinder gab, die ihren Weg eingeschlagen haben, den der Güte und Hilfsbereitschaft.“ Er wischte sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln. „Aber Maggies und Ninas? Nein, die gab es noch nie. Ich habe noch nie menschliche Freunde gehabt, die auch nur geahnt hätten, dass ich nicht nur ein schrulliger Kerl mit altmodischen Manieren bin. Und ich fürchte ihr Ende genauso, wie du es ab heute tun wirst, Muriel.“ Er strich ihr über den Rücken. „Aber der Schmerz des Verlustes ist der Preis der Liebe, es sei denn, du gehst Sterblichen auf immer aus dem Weg. Aber das wollte ich nie.“ Bee erinnerte sich an den Ausgangspunkt dieses Gesprächs. „Und deshalb ist es gut und richtig, auch etwas Materielles zu haben, an dem man sich festhalten und erfreuen kann“, sagte sie entschieden. Muriel brauchte einen Moment länger, aber schließlich hatte auch sie sich wieder gefasst. „Was sitzt ihr hier so faul rum?“, fragte sie. „Macht euch gefälligst an die Arbeit. Wir müssen meinen Traum noch von mindestens zehn Schichten Tapete befreien!“ Erleichtert machten sie sich daran, mit reichlich Wasser und Spachteln bewaffnet, die Wände von allem zu reinigen, was Auskunft gab über den Geschmack von Generationen von Vormietern und die zu ihrer jeweiligen Zeit geltenden Moden.
***
Auch wenn die Pause nur kurz gewesen war, und ihnen die Erlebnisse in den beiden letzten Kreisen noch in den Knochen steckten, hatte die kurze Auszeit Crowley und Gabriel gut getan. Der Zugang zum Vierten Kreis der Hölle wurde wieder von einer Wächterin kontrolliert, die Crowley zwar beim Abgleich der Fotos auf ihren Passierscheinen einige Sekunden länger prüfend ansah als Gabriel, sich aber vollkommen korrekt verhielt. Sie waren mit frischer Kraft weitergegangen und kamen gut voran. Als eine Tür in Sicht kam, die gleich von zwei Dämonen bewacht wurde, zeigte Gabriel darauf und sagte: „Hier war der Weg aber deutlich kürzer, oder?“ Auch Crowley beschleunigte seine Schritte, aber Furfur schüttelte den Kopf. „Da können wir nicht durch, das ist eine reine Rettungstür. Die wird nur im absoluten Notfall freigegeben. Außerdem führt sie nach oben.“ Beim Näherkommen grüßten die Wachen Furfur. Die beiden Besucher begrüßten sie nicht, dafür musterten sie sie mit plumper Neugier. Der links der Tür stehende Dämon leckte sich über die Lippen und grinste schmierig. „Sieh an, Satans Lieblings-Spielzeug ist zurück zuhause. Das Püppchen könnte uns auch gefallen, oder, Kumpel?“ Gabriel musste nicht neben sich schauen, um zu wissen, wie es Crowley dabei ging. Die zweite Wache nickte und machte einen Schritt auf den rothaarigen Dämon zu. „Suchst wohl einen neuen Herrn, was Rotlöckchen? Soll ich dir …“ Als Gabriel bemerkte, dass die Wache versuchte, nach Crowley zu greifen, machte er einen schnellen Schritt zwischen die beiden. Er kam jedoch nicht dazu, etwas zu sagen oder zu tun, denn der Widerling taumelte zurück und ging zu Boden. Furfur rieb sich die rechte Hand. „Verdammt, das war noch nie meine bevorzugte Methode, Idioten zum Schweigen zu bringen“, sagte er, mehr zu sich selbst. Er bückte sich und nahm ein Gerät vom Gürtel des gefällten Dämons. Er drückte einige Tasten und wartete. Dann meldete sich jemand. „Furfur hier, Standort Notfallausstieg Kreis 4. Wachen sofort ablösen und die Abgelösten in Verwahrung, bis ich Zeit habe, mich um ihre Nachschulung zu kümmern.“ Er wartete die Bestätigung ab, sagte „Danke, Hauptmann!“ und warf das Gerät dem Dämon wieder zu. Der wollte sich gerade aufrappeln, da trat Furfur ihm die Hand weg, auf die er sich stützte. „Falls du es noch nicht gemerkt hast, ich bin wirklich verärgert, so richtig stinksauer. Du wirst erst wieder auf deinen Füßen stehen, wenn du den Weg in den Arrest antrittst!“ Der Höllenrat wandte sich an die beiden Parlamentäre: „Ihr könnt das nächste Stück allein gehen.“ Er zeigte nach vorne. „Da gibt es eine Sitzgelegenheit, wartet dort auf mich.“ Im Weggehen hörten sie, wie die zweite Wache sich beklagte: „Wir hätten von dem Roten schon noch was für dich übrig gelassen, Furfur. Meinst du nicht, dass du überreagierst?“ Das Nächste, was Crowley und Gabriel hörten, war ein lautes Knirschen, dann ein dumpfer Aufprall. Verstohlen warfen sie einen Blick über die Schulter. Auch die zweite Wache war zu Boden gegangen. Die unnatürliche Stellung ihres Unterkiefers erklärte das Geräusch, das sie gehört hatten, Blut sickerte aus ihrem Mundwinkel. „Ihr begreift etwas ganz Wesentliches nicht, scheint mir“, zischte Furfur die beiden an. „Hier gelten neuerdings Regeln. Und zwar für alle. Und wenn ihr der Ewigkeit nicht aus einer Arrestzelle beim Verstreichen zusehen wollt, während der Rest der Hölle in eine neue Zukunft aufbricht, dann gewöhnt ihr euch besser dran, die Regeln zu befolgen.“ Während seiner kleinen Ansprache waren vier weitere Dämonen herbeigeeilt. Einer davon war offensichtlich der Hauptmann, mit dem der Höllenrat kurz zuvor gesprochen hatte. „Ablösung erfolgt!“, meldete er militärisch korrekt. Dann sah er Furfur an. „Als Hauptmann sollte ich mich vor meine Leute stellen“, sagte er leise. „Aber in diesem Fall kann ich es nicht. Was auch immer sie diesmal wieder gesagt oder getan haben, sie hatten es verdient. Standard-Arrest, Höllenrat?“ Furfur klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. „Ja, Hauptmann. Lasst die Heiler kommen. Und ihr tut das Richtige: Ihr schützt den Rest eurer Leute vor diesen beiden.“
Als Furfur bei Crowley und Gabriel ankam, stand der Dämon auf. Er hielt dem Höllenrat die Hand hin. „Danke, Furfur.“ Er wartete auf eine Reaktion und dachte schon, der andere Dämon würde seine Hand ausschlagen, aber dann überwand sich Furfur und ergriff sie. „Ich habe nur unsere Regeln durchgesetzt“, brummte er dennoch, und Crowley war schlau genug, ihm nicht zu widersprechen. „Natürlich“, sagte er. „Brauchst du Unterstützung bei der Hand?“ Er wies auf die Rechte des Höllenrates, die mehrfach gebrochen war, was er in dem kurzen Augenblick gespürt hatte, als ihre Hände sich berührten. „Sieht ziemlich übel aus.“ Er sah, wie Furfur mit sich kämpfte, bevor er schließlich mürrisch einräumte: „Wär‘ vielleicht besser.“ Crowley schloss vorsichtig seine Hände um die des Höllenrates. Er konnte nicht vermeiden, dass er kurz zusammenzuckte, als Furfurs zweite Hand sich darüberlegte, dann aber konzentrierte er sich auf die Brüche und Absplitterungen, auf die er seine Kraft lenken wollte, und die Energie Furfurs, die seine verstärkte. Erleichtert spürte er, wie der Knochen sich Stück für Stück wieder zusammensetzte. „Wird wohl trotzdem noch ne Weile weh tun“, meinte er, als ihre Hände sich wieder voneinander lösten. „Wahrscheinlich“, antwortete Furfur und zeigte dann nach vorne. „Lasst uns weitergehen, es ist nicht mehr allzu weit zum nächsten Treppenhaus.“ Ohne ein weiteres Wort setzte er sich wieder an die Spitze und marschierte los. Schweigend versuchte er mit der Erschütterung fertigzuwerden, die ihn beim Kontakt mit Crowleys Händen ergriffen hatte, als er die Verletzungen und den Schmerz gespürt hatte, die der Rothaarige noch immer mit sich herumtrug. Die Hölle würde die Schuld, die sie damit auf sich geladen hatte, niemals abtragen können, das hatte er dabei begriffen. Und er rang mit sich, um Crowley wenigstens jetzt zu gönnen, dass er etwas gefunden hatte, jemanden gefunden hatte, korrigierte er sich schweren Herzens, der ihm das Leben trotz allem als lebenswert erscheinen ließ. Denn auch das hatte Furfur gespürt, während Crowley seine Knochen geheilt hatte.“