Vor dem Ziel - Tag 20, Donnerstag
Vor dem Ziel - Tag 20, Donnerstag
Gegen acht Uhr am nächsten Morgen klopfte es energisch am Schaufenster des Plattenladens. Die müden Handwerker sahen auf und erkannten Maggie und Nina, die mit fünf Kaffeebechern auf einem Träger und einem Korb herumfuchtelten und Einlass forderten. Dankbar ließen sie ihr Werkzeug fallen und öffneten den Freundinnen die Tür. „Was ist denn hier los? Warum macht ihr Nachtschichten?“ Nina versuchte, über Muriels Schulter zu schielen, was ihr aber nicht gelang, weil der Engel ihr um Hals fiel und rief: „Nina! Maggie! Ihr wisst gar nicht, wie froh ich bin, euch zu sehen!“ Erstaunt sahen die beiden Frauen die Freunde an. Als aber niemand Anstalten machte, ihnen etwas zu erklären, kamen sie zum Grund ihres Besuches zurück. „Frühstück“, ordnete Nina an und alle nickten zustimmend. „Ihr seid die Besten“, versicherte Bee. „Ich spüre meine Füße schon nicht mehr.“ Erziraphael schaltete das Licht aus. „Lasst uns hinübergehen, da haben wir es gemütlicher.“
Nina und Maggie hatten es sich nicht nehmen lassen, auch den Tisch zu decken, damit die drei Freunde sich schon hinsetzen und etwas ausruhen konnten. Aber sobald der Korb ausgepackt war und jeder einen Kaffeebecher vor sich hatte, kam Nina auf ihre Frage zurück: „Jetzt erzählt schon! Warum plötzlich diese Eile? Wir hätten doch nach Feierabend mit anfassen können, wenn ihr schneller fertig werden wollt.“ Muriel stand auf und umarmte Nina noch mal. „Das ist so lieb von euch.“ Erziraphael wusste, dass er mit seiner Standpauke die Ursache für Muriels Verhalten war. Sie schien sich unablässig vergewissern zu müssen, dass die Freundinnen noch da waren, und dafür zu sorgen, dass sie sich geliebt fühlten. Er hoffte, das würde bald wieder abklingen, sonst könnte es anstrengend werden für Muriels menschliche Freunde. Er lächelte. Während er diesen Gedanken gefolgt war, hatten Bee und Muriel offenbar erzählt, wie es zu dem nächtlichen Arbeitseinsatz gekommen war. Maggie hatte einen Arm um Bees Schulter gelegt. „Sie kommen bestimmt bald zurück. Furfur ist doch bei ihnen. Müssten sie da nicht in Sicherheit sein?“ Die Dämonin zuckte nur mit den Schultern. „Das kann man nie wissen. Selbst Satan hatte Feinde, die sich ihm nicht in allem unterordneten. Und Furfurs Position ist längst nicht so stark, jedenfalls befürchte ich das. Es wird so manchen geben, der ihn für zu weich hält, weil er verhandelt und nichts von sinnloser Grausamkeit hält.“ Sie lächelte entschuldigend. „Nicht, dass ich das gut fände, aber das sind die Fakten. Manche Gruppen beugen sich nur Härte und Gewalt, nichts sonst erkennen sie an. Es bleibt eben die Hölle.“ Erziraphael hatte Bees Worte mit wiederholtem Nicken begleitet. „Vergesst nicht, dass sowohl Crowley als auch Gabriel von vielen Dämonen unverändert als Feinde gesehen werden könnten.“ Seine Stimme zitterte und er kämpfte um seine Fassung. „Crowley hat die Hölle betrogen, indem er mit mir zusammengearbeitet hat. Er hat dazu beigetragen, dass der Antichrist seinen höllischen Vater verleugnet. Und auch bei der Verhinderung von Armageddon stand er aus Sicht vieler Dämonen auf der falschen Seite. Er hat zugunsten der Menschen ausgesagt, vergesst das nicht.“ Weiter kam er nicht, die Emotionen drohten ihn zu überwältigen. Muriel nahm seine Hand und strich tröstend darüber. Bee übernahm wieder. „Bei Gabriel ist es ähnlich. Als Leitender Erzengel war er der Feind. So einfach wie wahr. Und als er sich dann gegen den Himmel gewandt hat, hat er die Stellvertreterin Satans korrumpiert und die Hölle zum Gespött der Engel gemacht.“ Sie seufzte. „Ich vermute, dass es sehr viele Dämonen gibt, die ihn das nur allzu gern büßen lassen würden.“ Muriel hatte genau zugehört. „Aber ich dachte, dass viele ihnen Respekt entgegenbringen, weil sie den Mut hatten, Satan einen Handel vorzuschlagen. Sie haben doch letztlich das Überleben der Hölle und ihrer Bewohner ermöglicht.“ Ihre Stimme hatte einen beschwörenden Ton angenommen. Nina hatte den Verdacht, dass sich der Engel vor allem selbst Mut zusprach. „Alles richtig“, räumte Bee ein. „Aber viele sind nun mal nicht alle und wir wissen nicht, wer sich der Rebellion der Rocker-Dämonen noch anschließen wird. Genauso wenig wissen wir, wem sie unten begegnen werden.“ Auch sie kämpfte nun mit den Tränen. „Wenn es blöd läuft, reicht einer, der ihnen an der richtigen Stelle auflauert. Und den Rückweg müssen sie allein bewältigen. Das wird kein Spaziergang!“ Alle schwiegen betreten. Voller Frust schlug Nina mit der Faust auf die Tischplatte, dass alle hochschreckten. „Wir sind gekommen, um euch aufzuheitern, und jetzt haben wir euch mit unseren Fragen erst richtig runtergezogen. Das hat ja super funktioniert!“ Sie rollte mit den Augen. „Wollt ihr den Tag nicht einfach im Café verbringen?“, bot Maggie an. Dann wärt ihr unter Leuten und kämt vielleicht auf andere Gedanken. Erziraphael schüttelte den Kopf. „Das ist lieb gemeint, Maggie, aber wir würden euch heute vermutlich die Kundschaft vergraulen.“ Er musste sich anstrengen, bekam aber ein halbwegs glaubhaftes Grinsen zustande. „Wir beschäftigen uns schon irgendwie.“ Sie blieben noch eine Viertelstunde zusammen am Tisch sitzen und unterhielten sich über Alltägliches, dann mussten Nina und Maggie los, um das Café aufzuschließen. „Willst du nicht erstmal eine Runde mit Hexe drehen?“, fragte Muriel Erziraphael. „Ich würde das Haus lieber nicht verlassen“, sagte er kleinlaut. Bee klopfte ihm auf die Schulter und stand auf. „Ist schon ok, Erzengel. Du kannst hier auf sie warten und ich gehe mit Hexe spazieren. Oder denkt ihr, sie kommt nicht mit mir?“ Hexe hatte ihren Namen gehört und stand schon am Tisch. Bee stellte fest, dass die Hündin ihr bis zur Taille reichte, mindestens. Das fühlte sich unerwartet beunruhigend an. „Meint ihr, das ist leichtsinnig?“ Erziraphael dachte daran, dass Crowley jetzt sicher etwas Liebevoll-Gehässiges sagen würde, aber ihm fiel nichts in der Art ein. Und so wiederholte er, was Crowley zu ihm gesagt hatte, als er von der Größe der Hündin eingeschüchtert gewesen war: „Sie ist ein Lamm.“ Das war sie ja auch wirklich und er ließ die kleine Dämonin und die große Hündin beruhigt zusammen losziehen. Muriel kündigte an, dass sie weitere Bücher für die Samstags-Lesung sichten würde, und so setzte Erziraphael sich an den Rechner und verfolgte die aktuelle Berichterstattung. Alle anderen Medien rätselten, wie eine Regionalzeitung an das Exklusiv-Interview mit dem Gottessohn gekommen war, der Coup war geglückt und in den Redaktionen der auflagenstarken landesweit erscheinenden Blätter lagen die Nerven blank. Die Pressemitteilungen waren wie geplant herausgegeben worden, der Himmel hatte seine Pressekonferenz abgehalten und alle Stellen bemühten sich vor allem darum, eine Panik zu vermeiden.
***
„Jetzt seid ihr bald am Ziel“, kündigte Furfur an, als er die Tür zu einem weiteren Treppenhaus öffnete. Seit dem Zusammenstoß mit den beiden Wachen hatte er kein Wort mehr gesagt. „Vorsicht, bis hierher sind wir mit der Renovierung noch nicht gekommen“, mahnte er. Der Raum, der sich vor ihnen öffnete, war stockdunkel, und Crowley spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Das war die Hölle, wie er sie in Erinnerung hatte, die Hölle der bedrohlichen Schatten, in denen die Augen an nichts Halt fanden, nichts Tröstliches zu sehen bekamen, in der die Angst in jeder Ecke und hinter jeder Tür lauerte. Er war wie angewurzelt stehen geblieben und kämpfte gegen die aufsteigende Panik. Gabriel hatte vergeblich versucht, mit einem Wunder für Licht zu sorgen, und konnte nichts für seinen Freund tun, als ihm beruhigend eine Hand auf den Rücken zu legen. Dann hörten sie ein lautes Schnipsen und im selben Augenblick erstrahlte der obere Abschnitt des Treppenhauses im Licht vieler kleiner Öllampen. Sie beobachteten, wie Furfur einige Male vergeblich versuchte, mit seiner linken Hand ein weiteres Fingerschnipsen zustande zu bekommen. Natürlich, mit der verletzten Rechten würde ihm das heute nicht gelingen! Crowley atmete durch. Es war nicht dunkel geblieben, um eine Bedrohung zu verbergen, nicht einmal, um sie kurz vor dem Ziel nochmal einzuschüchtern. Furfur hatte es einfach nicht schneller zuwege gebracht, die Beleuchtung zu wundern, weil er mit links ungeschickt war. Und Gabriel war erfolglos geblieben, weil himmlische Wunder so tief in der Hölle durch die ganz normalen Sicherheitsmaßnahmen eingeschränkt wurden. In diesem Moment gelang dem lädierten Höllenrat endlich das zweite Fingerschnipsen, begleitet von einem besonders farbigen Fluch, und erhellte nun auch den unteren Bereich. Ein weiteres Treppenhaus, sonst nichts, wenn dieses auch nicht durch LED-Leuchten, sondern durch Ölfunzeln beleuchtet wurde, statt eines stabilen Handlaufs nur ein Seil zum Festhalten vorhanden war und die Wände so vor Dreck starrten, dass sie schwarz und klebrig waren und man auch ohne Mahnung wusste, dass es angeraten war, sie auf keinen Fall zu berühren.
Crowley war wütend auf sich selbst. Wie sollten sie ihre Aufgabe hier unten erfüllen, wenn er sich von jeder Kleinigkeit aus der Fassung bringen ließ? Was für ein jämmerlicher Dämon er war! Nur ein Klotz am Bein Gabriels. Ein Häufchen Elend, so kaputt, dass selbst Furfur Mitleid mit ihm hatte, und so durchschaubar, dass er niemanden in der Hölle täuschen konnte. Wie hatte er sich jemals einbilden können, dass ihm jemand die Rolle des coolen Dandys abnehmen könnte, als der er sich die letzten Jahrzehnte präsentiert hatte? Er blieb ein Versager, war nie etwas anderes gewesen! Seine stummen Selbstbezichtigungen hatten seine Wut weiter angeheizt. Er knurrte unwillkürlich, woraufhin Gabriel sich alarmiert nach ihm umdrehte. „Ist was nicht in Ordnung? Spürst du irgendwas?“ Crowley schüttelte stumm den Kopf und Gabriel las in seinen Augen, was in ihm vorging. „Was ist im Fünften die größte Gefahr? Die Sünder, die Qual oder die Wachen?“, fragte er, um Crowley von sich selbst abzulenken. „Die Sünder dürften mit ihresgleichen beschäftigt sein“, antwortete der. „Die Choleriker gehen gegenseitig aufeinander los und die Mürrischen und die Phlegmatiker hat der Styx verschluckt. Die werden uns vermutlich nicht einmal bemerken. Das Gefährlichste ist sicher, den Fluss zu überqueren.“ „Das wäre es“, schaltete Furfur sich in die Unterhaltung ein, „aber wir müssen nicht über den Styx. Wir bleiben auch diesseits des Sumpfes der zornigen Seelen.“ Er hatte währenddessen den Fuß der Treppe erreicht und öffnete die Tür. „Ich schätze, die größte Gefahr für euch seid im Fünften Kreis ihr selbst. Wenn ihr euch aus der Ruhe bringen lasst und euch dadurch in Schwierigkeiten bringt, werde ich euch kaum beschützen können.“
Beim Verlassen des Treppenhauses wiederholte sich das Prozedere, das sie nun schon kannten. Ein Dämon kontrollierte ihre Passierscheine und gewährte den Zutritt, diesmal aber nicht, ohne ihnen eine Warnung mit auf den Weg zu geben: „Dies ist der letzte Kreis, für den euer Pass gilt“, sagte er. „Solltet ihr versuchen, tiefer einzudringen, wäre das eine Verletzung des überweltlichen Vertrags und euer geschützter Status würde unmittelbar außer Kraft gesetzt.“ Crowley staunte und raunte Gabriel zu: „Fast schon unheimlich, wie korrekt es hier inzwischen zugeht, oder?“ So leise er auch gesprochen hatte, Furfur war seine Bemerkung nicht entgangen. „Schulungsprogramm“, sagte er nur, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, dass Dämonen nach einer schlichten Schulungsmaßnahme die Regeln nicht nur verstanden hatten, sondern auch anwandten. „Gewöhn dich besser dran, dass du nicht der einzige Dämon bist, der sich eine bessere Welt vorstellen kann“, fügte er mit etwas Verzögerung hinzu. „Da lang!“ Er zeigte auf einen Weg, der nach rechts abzweigte. „Von der nächsten Weggabelung sind es nur noch ein paar Meter bis zur Hauptpforte des Lagers. Dort übergebe ich euch an die Wache, danach seid ihr auf euch allein gestellt. Findet ihr ohne mich zurück?“ Es war eine Formfrage. Auch, wenn sie ‚nein‘ gesagt hätten, müssten sie den Rückweg allein finden. Daran hatte Furfur von Anfang an keinen Zweifel gelassen. Aber das war ok. Den Weg zu finden, würde bei ihrer Rückkehr das kleinste Problem sein. Wie sie aber ohne den Schutz des Höllenrates an abtrünnigen Wachen, übergriffigen Bewunderern Crowleys oder dem Höllenhund vorbeikommen sollten, das konnten sich weder Gabriel noch Crowley zu diesem Zeitpunkt vorstellen. Aber sie würden die Probleme dann lösen, wenn sie auftauchten. Jetzt ging es darum, Arwens Vater zu finden.
Der Wächter nahm Haltung an, als er Furfur erkannte. „Höllenrat!“, grüßte er. Dann nickte er Crowley und Gabriel zu. „Parlamentäre!“ Furfur nickte zufrieden. „Du wurdest also informiert?“ Der Dämon bestätigte das. „Eine gemischte Delegation, bestehend aus einem Engel und einem Dämon, wurde uns angekündigt. Ich habe allerdings nur wenige Informationen zum Grund ihres Besuchs.“ „Das können sie dir selbst erzählen“, antwortete Furfur. „Ich werde in der Zentrale erwartet.“ Nachdenklich sah er das ungleiche Paar an, das er herbegleitet hatte. Er schien mit sich zu ringen, aber schließlich sagte er zu ihrem Erstaunen: „Ich wünsche euch Erfolg. Passt auf euch auf.“ Er nickte Gabriel zu, ließ seinen Blick dann gerade so lang auf Crowley ruhen, dass diesem unbehaglich wurde. Aber Furfur hob nur seine verletzte Hand, sagte: „Danke für deine Hilfe“, drehte ihnen den Rücken zu und war gleich darauf hinter der Wegbiegung verschwunden.
„Ihr seid es wirklich!“ Der Wächter hatte sich nach Furfurs Abschied zu ihnen umgedreht und musterte sie neugierig. „Eure Namen waren in der Ankündigung der Delegation nicht erwähnt.“ Erleichtert hatte Gabriel schon zuvor den Dämon erkannt, der sich seinerzeit am Fahrstuhl Dagon widersetzt und ihren Parlamentärsstatus respektiert hatte. Der betrachtete sie mit einiger Verwunderung. „Ich hätte nicht damit gerechnet, euch noch einmal hier unten zu sehen.“ Er schien keine Erklärung zu erwarten, sondern selbst noch etwas sagen zu wollen. Gabriel und Crowley sahen ihn deshalb aufmerksam an. „Unser Hauptmann spricht mit großem Respekt von euch“, fuhr er nun überraschend fort. „Er ist überzeugt, dass ihr mit eurem Auftauchen bei Satan die Hölle vor der Vernichtung gerettet habt.“ Seine Gedanken schienen kurz abzuschweifen, bis er fortfuhr: „Er ist noch immer beeindruckt von eurem Mut. Und von eurer … Kooperation.“ Das Wort schien ihm nur schwer von der Zunge zu gehen, wie etwas, das er mit dem Bild vor seinen Augen nur schwer in Einklang bringen konnte. „Es war mehr als das“, sagte Gabriel, ohne zu wissen, warum es ihm plötzlich wichtig war, das diesem Dämon zu erklären. „Es war Vertrauen.“ Er fühlte Crowleys Hand auf seiner Schulter, als dieser ergänzte: „Jetzt ist es Freundschaft.“ Sie sahen das ungläubige Staunen des Wächters, der noch einige Male zwischen ihnen hin und her sah, bevor er sich mit einem Kopfschütteln auf seine Aufgabe konzentrierte. „Lord Furfur hat uns nichts Näheres über euer Anliegen mitgeteilt. Ihr sucht also einen bestimmten Dämon?“