LNCrawler

Unten (immer noch Donnerstag)

Next Omens Ii - Brave New World — www.fanfiktion.de · All chapters

Unten (immer noch Donnerstag)

Bee hatte den Respekt vor Hexe schnell verloren. Die Hündin benahm sich vorbildlich, ging unaufgefordert bei Fuß, reagierte freundlich desinteressiert auf alle anderen Hunde, denen sie begegneten und fand nicht einmal etwas Spannendes zu erschnüffeln, wofür sie stehengeblieben wäre. Die Dämonin war zwar noch nie allein mit der Irischen Wolfshündin unterwegs gewesen, aber auch so wurde ihr schnell klar, dass dieses Verhalten ganz und gar untypisch war. „Du vermisst ihn wohl sehr?“, fragte sie. Hexe blickte zu ihr auf, als wollte sie sagen: „Ja, was glaubst du denn?“ Die Hundeaugen zeigten so unmissverständlich Einsamkeit und Trauer, dass Bee endlich verstand, warum Menschen sich so gern mit Haustieren umgaben, und warum gerade Crowley ein so enges Band zu Hexe geknüpft hatte. Sie waren bedingungslos treu, sie liebten ohne Vorbehalte und sie schenkten endloses Vertrauen. Und sie schienen direkt in das menschliche Herz zu schauen, auch in das dämonische, jedenfalls kam es Bee gerade so vor. Sie hockte sich neben die Hündin, legte die Arme um sie und drückte ihre Wange an Hexes Hals. „Sie kommen wieder“, flüsterte sie. „Sie müssen einfach beide wiederkommen!“ Sie hatte einige Tränen in Hexes Fell tropfen lassen und richtete sich gerade wieder auf, als die Hündin verhalten mit dem Schwanz zu wedeln begann. Bee folgte ihrem Blick über die Wiese und erstarrte. Von dort kam ein Hund herangestürmt, der fast so groß war wie Hexe, aber mindestens doppelt so schwer. Seine langen Zotteln ließen ihn noch massiger erscheinen. Sie hatte sich darüber bisher noch nie Gedanken gemacht, aber in diesem Moment erkannte Bee, dass sie offenbar Angst vor Hunden hatte. Große Angst. Sie erstarrte, wo sie war, und machte sich darauf gefasst, von diesem Höllenhund zerfleischt zu werden. Ob Hexe sie verteidigen würde? Aber Hexe dürfte nichts geschehen, das würde Crowley ihr nie verzeihen! Sie öffnete die Augen wieder, die sie instinktiv zugekniffen hatte, um das Unausweichliche nicht sehen zu müssen. Aber das Bild hatte sich in den wenigen Sekunden komplett verändert. Die grau-weiße Angriffsmaschine war verschwunden und stattdessen näherte sich eine junge Frau, neben der ein heftig wedelnder Bobtail bei Fuß ging, auch wenn ihm noch anzusehen war, dass er sehr viel lieber weitergerannt wäre.

„Haben wir Sie erschreckt?“, erkundigte sich die Frau besorgt, als sie nahe genug herangekommen war. „Bitte entschuldigen Sie, ich hatte Hexe erkannt und ihm erlaubt, zu ihr zu laufen.“ Bee riss sich zusammen. Nach zwei tiefen Atemzügen konnte sie wieder lächeln und hielt der Hundebesitzerin freundlich ihre Hand entgegen. „Sie müssen Cathy sein.“ Ein fröhliches Nicken ermutigte sie dazu, sich auch dem fremden Hund zuzuwenden. „Und du bist dann wohl Boomer, was?“ Als der sie neugierig beschnüffelte, hielt sie kurz die Luft an, aber als Cathy ihn daraufhin tadelte, unterbrach sie sie. „Nein, lassen Sie ihn, er ist ja nur freundlich. Ich bin übrigens Bee, eine Freundin von Crowley.“ Die beiden Frauen lächelten sich an. „Wo ist Anthony?“, fragte Cathy besorgt. „Ich habe ihn länger nicht gesehen. Er vergräbt sich doch hoffentlich nicht zu Hause, nur wegen dieser Idioten, die all den Schmutz über ihm und seinem reizenden Freund ausgeschüttet haben?“ Ihre Anteilnahme war tief und echt, spürte Bee. Unwillkürlich dachte sie an den abweisenden, arroganten und zynischen Dämon, den sie von früher kannte. Sie wusste nur wenig über die Zeit, die er nicht in London verbracht hatte, nur dass er mit Hexe zurückgekehrt war und in der Zwischenzeit Freundschaft mit Hannah und ihren Eltern geschlossen hatte. Was genau hatte ihn so verändert, dass es ihm heute scheinbar mühelos gelang, Freundschaften zu schließen und Menschen Sympathie und Vertrauen einzuflößen? Warum lag ihr heute so viel daran, dass er sie nicht mehr als Gegnerin betrachtete, nicht als Bedrohung? Sie rief sich zur Ordnung. „Bitte entschuldigen Sie, ich bin abgeschweift!“, sagte sie, als ihr bewusst wurde, dass sie Cathy immer noch nicht geantwortet hatte. „Nein, das ist es nicht“, beeilte sie sich zu sagen. „Erst hatte er sich den Knöchel verstaucht und jetzt musste er kurzfristig verreisen.“ Sie wies auf Hexe: „Sie trauert.“ Cathy lächelte. „Wollen wir sehen, ob Boomer sie aufheitern kann? Sie konnten schon länger nicht mehr miteinander toben.“ Auf diesen Vorschlag ging Bee gerne ein, gab er ihr doch Gelegenheit, mit der jungen Menschenfrau ins Gespräch zu kommen. Während die Hunde auf einer Wiese spielten, unterhielten sie sich lebhaft. Schnell stellten die beiden Frauen fest, dass sie sich sympathisch waren, und so dauerte dieser Spaziergang sehr viel länger als ursprünglich geplant.

Als sie in deutlich besserer Stimmung als bei ihrem Aufbruch schließlich wieder durch die Hintertür in die Buchhandlung eintraten, fuhren die beiden Engel erschrocken hoch. Sie schienen vor Erschöpfung im Sitzen eingeschlafen zu sein, die Köpfe auf der Tischplatte. „Wollt ihr nicht vielleicht doch lieber ins Bett gehen?“, fragte Bee mitfühlend, aber Muriel schüttelte stumm den Kopf. Sie sprang auf, um Hexes Näpfe zu füllen, und sah zu, wie die Hündin ihren Durst stillte und auch den Futternapf leerte. „Es scheint ihr besser zu gehen“, bemerkte Erziraphael. Er betrachtete Bee. „Dir scheint es auch besser zu gehen.“ Die Dämonin nickte und erzählte von der Begegnung mit Cathy und Boomer. Der Engel lächelte wehmütig. „Das hätte Crowley sicher gerne gesehen, dass ihr Hund endlich gelernt hat, bei Fuß zu gehen“, sagte er leise, wie zu sich selbst. „Er wird es bald sehen, Erzengel.“ Dankbar fühlte er Bees Hand auf seiner Schulter. „Ich soll seinen ‚reizenden Freund‘ herzlich von den beiden grüßen“, richtete sie aus. Hexe zog sich nach dem Fressen nicht auf ihren Platz zurück und bezog auch nicht an der Tür Position, wo sie üblicherweise auf Crowleys Rückkehr wartete, wenn er bei seltenen Gelegenheiten ohne sie das Haus verließ. Stattdessen gesellte sie sich zu ihrem Rudel und ließ sich von jedem eine Weile kraulen, bevor sie zum nächsten Stuhl weiter trottete und mit einem Stupser ihrer feuchten Nase auf sich aufmerksam machte. „Du bist und bleibst ein Therapiehund, was Hexe?“ Sie war wieder bei Erziraphael angekommen und hatte ihren Kopf auf seinen Schoß gelegt. Er kraulte sie ausdauernd, bis sie sich wieder einem anderen Patienten zuwandte. Der Engel stand mit einer plötzlichen Bewegung auf. „Ich halte das nicht länger aus, untätig herumzusitzen“, sagte er. „Ich muss mich beschäftigen!“ Er sah sich in der Buchhandlung um, dann sagte er: „Ich kann genauso gut heute damit anfangen, die Sammlung zu verkleinern. Muriel, willst du mir helfen?“ Sie stand sofort auf, fast als hätte sie nur auf einen Impuls von außen gewartet. „Gerne.“ Auch Bee erhob sich. „Ich hoffte, dabei kann sich auch eine Nicht-Buchhändlerin nützlich machen?“ Und so begannen die Frauen, mit Erziraphael an den Regalen entlangzuwandern, ihm die Bücher abzunehmen, die er nach einem prüfenden Blick nicht wieder an ihren Platz zurückstellte, und sie nach seinen Anweisungen in Kisten und Kartons zu packen oder auf dem Tisch zu stapeln, wo sie darauf warten würden, dass der Antiquar ihnen ihren neuen Platz zuwies. Manchmal tauschten Muriel und Erziraphael sich kurz über den Inhalt oder Autor eines Buches aus, das sie gerade in der Hand hielten, oder der Buchhändler erzählte, wie er in den Besitz besonderer Schätze gekommen war. Darüber wurde es zuerst Abend und schließlich Nacht, aber die drei überirdischen Wesen arbeiteten in stiller Eintracht weiter, bis ein neuer Morgen kam und mit ihm ihre Freundinnen, natürlich mit Frühstück.

***

Auch Crowley war im ersten Augenblick erleichtert gewesen, dass die Wache, an die Furfur sie übergab, ein bekanntes Gesicht hatte. Jetzt, nachdem der Höllenrat sie verlassen hatte, und der bewaffnete Dämon sich nach dem Grund ihres Kommens erkundigte, flammte plötzlich sein Misstrauen auf. Crowley glaubte nicht an Zufälle, dafür hatte er im Laufe seiner langen Existenz zu viele davon selbst herbeigeführt. Allein die „Zufälle“, die ihn und Erziraphael immer wieder hatten aufeinandertreffen lassen, addierten sich zu einer vierstelligen Zahl. Er lächelte, als ihm bewusst wurde, dass auch viele ihrer weiteren Begegnungen vermutlich geplant worden waren, nur eben durch den Engel. Er spürte einen kleinen Stich in der Brust und tastete nach seinem Telefon. Dort hatte er die Selfies gespeichert, die seine Versicherung dafür waren, dass er immer in Erziraphaels Gesicht schauen konnte. Er hätte sie jetzt gerne angesehen. Stattdessen fragte er: „Wie kommt es, dass wir ausgerechnet hier wieder auf dich stoßen? Warum solltest du so tief hinunter abkommandiert worden sein?“ Gabriel hörte das Misstrauen hinter Crowleys Worten und wartete ebenso gespannt auf die Antwort wie der Freund.

Mit welcher Reaktion die beiden auch gerechnet haben mochten, mit dieser jedenfalls nicht: Der Dämon lächelte sie an. Dann nickte er. „Ich wäre an eurer Stelle auch misstrauisch.“ Er zeigte auf die Pforte: „Darf ich es euch drinnen erklären? Dort könnten wir sitzen und ich könnte euch etwas zu trinken anbieten.“ Die Freunde nickten stumm. Hinein mussten sie so oder so, von draußen konnten sie ihre Suche kaum durchführen. Sie folgten dem Dämon also durch die Pforte, die jedem Horrorfilm Ehre gemacht hätte: Ein altes schmiedeeisernes Tor mit stacheligen Ranken, unheimlichen Fratzen und immer wieder Totenschädeln und Teufelsdarstellungen zwischen den Verstrebungen. Der Wächter brauchte keinen Schlüssel, eine Geste genügte. Zu ihrem Erstaunen schwang das Tor fast geräuschlos auf, kein Quietschen, kein Knarzen, es ächzte nicht in seinen Angeln, nur an einer Stelle schien der rechte Flügel leicht über den Boden zu schleifen. Der Dämon bemerkte ihre Verwunderung. „Man sollte meinen, ihr hättet schon auf dem Weg hierher erkannt, dass sich in der Hölle in der jüngsten Vergangenheit eine Menge verändert hat.“ Gabriel nickte. „Furfur sagte aber, dass die Arbeiten noch nicht bis zu dieser Ebene gekommen sind.“ Die Wache hatte sie weitergewinkt, ohne das Gespräch abreißen zu lassen. Die Pforte hatte sich ebenso leise hinter ihnen geschlossen, wie sie sich vor ihnen geöffnet hatte. Sie standen in einem hell beleuchteten, vollkommen leeren Raum, von dem mehrere Türen abgingen. Alle waren geschlossen. Der Dämon entriegelte eine davon, indem er sein Auge an ein Bedienelement drückte. „Biometrische Authentifizierung?“, fragte Crowley. „Nicht dein Ernst, oder?“ Die Wache stieß die Tür auf und lud sie mit einer Geste ein, einzutreten. „Wie ihr seht, hat sich das nicht auf alles hier bezogen, nur auf die nicht sicherheitsrelevante Infrastruktur.“ Sie sahen sich mit offenen Mündern um. Sie blickten auf zwei moderne Arbeitsplätze mit Überwachungsmonitoren, Mikrofonen, einem Videokonferenzsystem, wie sie es schon aus dem Besprechungsraum unter King’s Cross kannten, einer Ausstattung, die sich auch in einem irdischen Gefängnis, der Steuerungszentrale eines Kraftwerks, einem Stellwerk oder einem Tower hätte finden können, nur deutlich übersichtlicher. “Wow!“ Mehr fiel Crowley dazu nicht ein. Gabriel blieb völlig stumm, bis er an dem Tisch Platz genommen hatte, auf den der Dämon einladend gezeigt hatte. Der stellte nun Gläser und einen Krug Wasser vor ihnen ab und zog auch für sich selbst einen Stuhl heran. „Ich bin übrigens Milgreth“, sagte er, bevor er ihre Gläser füllte. Beide schütteten das Wasser hinunter und versuchten ihrer Verwunderung Herr zu werden. „Crowley“, krächzte Crowley schließlich und auch Gabriel stellte sich nach einem Räuspern vor. „Aber das wusstest du ja schon, … Milgreth.“ Der nickte ihnen noch einmal zu, bevor er zu sprechen begann. „Ich habe eure Frage noch nicht beantwortet. Ich bin hier, weil mein Hauptmann sich und uns für den Dienst in diesem Lager angeboten hat.“ Er zeigte auf den Raum um sie herum. „Ihr seht ja, dass Furfur eine andere Vorstellung von Strafvollzug hat als das unter …“, er suchte Crowleys Blick, bevor er fortfuhr: „..unter der früheren Führung der Fall war.“ Zufrieden nahm er zur Kenntnis, dass der rothaarige Dämon sich von seinen Worten nicht verunsichern ließ. „Nachdem er in den Verhandlungen zum überweltlichen Vertrag Zugeständnisse hatte machen müssen, befürchtete er Unruhen. Sobald bekannt geworden wäre, dass die in der Hölle Inhaftierten auf die Überprüfung ihres Vollzugs und einer möglichen Amnestie warten sollten, bis alle himmlischen Gefängnisse leer waren, wäre ein Aufbegehren gegen diese Ungerechtigkeit ja nur zu verständlich gewesen.“ Seine Zuhörer nickten. Gabriel warf ein: „Sein Einlenken in dieser Frage hat letztlich den Weg frei gemacht für die Einigung über das gesamte Vertragswerk. Sicher wisst ihr, dass die Verhandlungen so festgefahren waren, dass sie kurz vor dem Abbruch standen. Sein unerwarteter Kompromiss-Vorschlag hat wieder Bewegung in die Gespräche gebracht und auch die anderen Parteien zu Konzessionen veranlasst.“ Milgreth hatte ihm interessiert zugehört. „Nein, er hat nie öffentlich über die Verhandlungen gesprochen. Ich höre davon heute zum ersten Mal.“ Er lächelte über die erstaunten Gesichter seiner Gesprächspartner. „Woher weißt du dann von den Zugeständnissen, die er machen musste?“ Milgreth lächelte noch immer. „Ich sagte nur, dass er nicht öffentlich über die Verhandlungen gesprochen hat. Den Offizieren und seinem Stab gegenüber hat er aber wohl erklärt, dass der Wortlaut des Vertrags der Preis des Friedens war, und dass er ihm zugestimmt hat, in allen Teilen. Er hat keinen Zweifel daran gelassen, dass sein Wort die ganze Hölle bindet. Und der Vertragstext wurde am Tag der Unterschrift öffentlich gemacht, jeder Dämon und jede Dämonin kann ihn lesen.“ Crowley sah Milgreth ungläubig an. „Aber da war doch eine Revolte, ein Aufstand vorprogrammiert! Wie habt ihr das verhindern können?“ Der Wächter beantwortete auch diese Frage geduldig und offen: „Jedem von uns war klar, dass es für diese Floskel, die einzige frappierende Ungerechtigkeit in dem ganzen Werk, einen guten Grund geben musste. Vor allem aber hat Furfur schon lange vor dem Ende der Verhandlungen für eine Entspannung hier unten gesorgt. Sobald er die Befehlsgewalt hatte, hat er eine öffentliche Untersuchung angestoßen, bei der in jedem einzelnen Kerker, in jedem Lager die Haftbedingungen geprüft wurden. Er hat einen Ausschuss eingesetzt, der Standards für den Vollzug erarbeitet hat, und ihn mit umfassenden Kompetenzen ausgestattet.“ Crowley und Gabriel lauschten gebannt. Niemals hätten sie für möglich gehalten, dass die Hölle so schnell so entschlossen umgekrempelt werden könnte. Beschämt dachte Gabriel an die schwerfällige Himmelsbürokratie. Sein Respekt für Furfur wuchs mit jedem Satz Milgreths. Der fuhr fort: „Über jeden Vorschlag des Ausschusses wurde innerhalb weniger Tage entschieden. Was kurzfristig umsetzbar war, wurde umgesetzt. Und mit am leichtesten schien es, Personal auszutauschen. Wo immer der Ausschuss Hinweise darauf fand, dass die Aufseher und Sicherheitskräfte grausam, korrupt, ungerecht oder in anderer Hinsicht unzuverlässig waren, hat Furfur ihre Ablösung betrieben. Dazu hat er unter den Anführern, denen er vertraut, nach Freiwilligen gesucht.“ Er zuckte mit den Schultern. „Wie schon gesagt, unser Hauptmann hat sich gemeldet. Er hat uns freigestellt, uns anderen Einheiten anzuschließen, das hat aber keiner von uns getan.“ Gabriel erkundigte sich: „Hätte es nicht angenehmere Dienstorte gegeben?“ „Das hätte es sicher“, antwortete Milgreth und nickte. „Aber wohl kaum angenehmere Vorgesetzte. Seid ihr unserem Hauptmann nicht heute am Notfallausstieg begegnet?“ Der Zwischenfall hatte sich ja schnell herumgesprochen! Gabriel schüttelte den Kopf. „Furfur hat uns vorausgehen lassen, bevor die Ablösung eingetroffen war.“ Milgreth lächelte zufrieden. „Seht ihr? Nicht einmal solche hoffnungslosen Idioten stellen er und Furfur vor Fremden bloß, wenn sie es vermeiden können.“ Er sah, dass Crowley skeptisch die Stirn runzelte. „Das erste war nicht zu vermeiden!“ Er sagte das voller Überzeugung und ohne zu zögern. „Die Kommunikation scheint jedenfalls super zu funktionieren“, bemerkte Crowley, wider Willen beeindruckt. Dann fasste er sich ein Herz und fragte: „Gibt es in der Hölle eigentlich irgendjemanden, der nicht über mich Bescheid weiß?“

Milgreth senkte unwillkürlich den Blick, atmete hörbar aus, dann hob er den Kopf und sah Crowley in die Augen. „Eher nicht“, antwortete er mitfühlend. „Schon bald nach deinem Fall machte die Runde, dass es da einen Neu-Dämon gab, der Satan länger als alle anderen standgehalten hatte. So furchtbar es für dich gewesen sein muss, aber du warst für einige von uns der einzige Hoffnungsschimmer, der erste Hinweis darauf, dass Widerstand möglich war, wenn man bereit war, persönliche Opfer zu bringen. Und je länger es dauerte, desto mehr Mut fassten wir.“ Er machte eine Pause, gab Crowley Zeit, seine Gefühle in den Griff zu bekommen. „Später, als du den Posten auf der Erde bekommen hast, da gab es natürlich Neider, aber auch viele, die sich für dich gefreut haben, besonders wenn du mal wieder Hastur und Ligur eins ausgewischt hattest.“ Crowley grinste unwillkürlich. „Wer bis dahin noch nichts von dir gehört hatte, der erfuhr spätestens nach der abgewendeten Apokalypse von dir. Ein Dämon, der gemeinsame Sache mit einem Engel macht, um den Antichristen unschädlich zu machen, das war so dreist, dass es niemanden mehr gab, der keine Meinung zu dir hatte. Das reichte von Verräter bis Held. Mich hat damals besonders beeindruckt, dass dem Jungen kein Haar gekrümmt wurde.“ Wieder beobachtete er aufmerksam Crowleys Reaktion, bevor er fortfuhr: „Na, und nach deinem und vor allem Satans Auftritt in Israel, da ging deine Geschichte von Mund zu Mund: der Starmaker, dein Fall, dein Martyrium, deine Zeit auf der Erde, deine Rolle bei den verhinderten Weltuntergängen… - du warst in den Augen einer Mehrheit zu einem tragischen Helden geworden. Und dann dieses Bild vom Jüngsten Gericht, wo du mitten in einer Gruppe aus Menschen, Engeln und Dämonen stehst, mit stolz entfalteten Flügeln und dem Menschenkind auf dem Arm, das hat einfach jeden berührt. Das machte ebenso schnell die Runde wie das Urteil der Geschworenen.“ Wieder machte er eine Pause, um dem rothaarigen Dämon Gelegenheit zu geben, das Gehörte zu verarbeiten. „Sicher gibt es nach wie vor Dämonen, die dich als Verräter sehen, aber ich bin ziemlich sicher, dass die allermeisten Sympathien für dich hegen, dich sogar als Vorbild sehen. Du bist so etwas wie der lebende Beweis dafür, dass es möglich ist, die Trennung zwischen den drei Welten zu überwinden. Unser Hauptmann nennt dich ‚einen der wenigen Helden, den die Hölle je hervorgebracht hat‘. Für uns bist du ein Symbol der Hoffnung.“ Plötzlich grinste er: „Dass einige dich auch noch aus anderen Gründen bewundern, hast du wohl inzwischen von Magura erfahren, oder? Jedenfalls behauptet das der Flurfunk.“ Crowley konnte nicht verhindern, dass er rot wurde. Er und ein Sexsymbol, das war nun wirklich eine absurde Vorstellung! Und ein Held! Auch das klang wie Hohn in seinen Ohren. Als Milgreth geendet hatte, schwiegen die drei Männer lange. Schließlich fragte der Soldat vorsichtig: „Hätte ich nicht so direkt sein sollen?“ Auch Gabriel konnte Crowleys Reaktion zunächst nicht einschätzen und beobachtete ihn besorgt. Ganz plötzlich hob der Dämon den Kopf und schüttelte die roten Locken, als könne er damit einen Teil des Gehörten einfach abschütteln, dann sagte er mit einem schiefen Lächeln: „Wer die Antwort nicht verträgt, sollte keine Fragen stellen. Ich bin dankbar für deine Offenheit, Milgreth. Auch wenn ich das wohl noch eine Weile verdauen muss.“ Er fuhr sich mit den Händen durchs Haar und durchs Gesicht, als wäre er gerade aufgewacht, dann sagte er unerwartet: „Jetzt sollten wir endlich darüber sprechen, warum wir hier sind.“