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Entscheidungen - Tag 21, Freitag

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Entscheidungen - Tag 21, Freitag

Nina und Maggie hatten gerade die Buchhandlung verlassen, als Bees Handy klingelte. Sie las den Namen des Anrufers, schloss die Augen und holte tief Luft. Erst dann nahm sie den Anruf an. „Hallo Furfur“, sagte sie gepresst. „Was hast du für Neuigkeiten?“ Sie hörte einige Augenblicke stumm zu, während Erziraphael und Muriel vergeblich versuchten, an ihrer Miene abzulesen, welche Nachrichten Furfur überbrachte. „Gut“, sagte sie, dann: „Danke. Ja, bis bald.“ Sie ließ das Handy sinken. „Er ist gerade erst wieder in der Zentrale angekommen und hat die beiden vor wenigen Stunden am Haupteingang des Lagers einer vertrauenswürdigen Wache übergeben.“ „Jetzt erst?“ Erziraphaels Stimme war schrill vor Enttäuschung. Er hatte so sehr gehofft, dass die beiden längst auf dem Rückweg waren! Im Bemühen, die Tränen zu unterdrücken, die loskullern wollten, biss er sich in die Faust. Muriel nahm ihn tröstend in den Arm. Leise sagte die Dämonin: „Ich hatte dir gesagt, dass die Wege in der Hölle weit sind. Furfur kann gegenüber seinen Leuten kaum verantworten, einen Abtrünnigen und einen Engel auf den Express-Routen ins Herz der Hölle zu führen. Es ist schon bemerkenswert, dass er sie persönlich bis hinunter gebracht hat.“ Er nickte, obwohl er gar nicht richtig zuzuhören schien, strich immer wieder mechanisch die völlig faltenfreie Weste glatt und starrte ins Leere. Er reagierte nicht einmal, als Hexe sich gegen seine Beine drängte und ihn energisch mit der Schnauze anstupste. Auch Bee schien ihren Worten zum Trotz kaum weniger enttäuscht zu sein. Muriel seufzte. Obwohl auch sie mit ihren Gedanken bei Gabriel und noch viel mehr bei Crowley war, konnte sie nicht mit ansehen, wie schwer die Sorge um ihre Partner auf Erziraphael und Bee lastete. Sie musste sich etwas einfallen lassen, um sie abzulenken. Aber vorher musste sie die beiden wenigstens kurz aus dem Weg schaffen, damit sie einen klaren Gedanken fassen konnte. Nachdenklich ließ sie ihren Blick auf Hexe ruhen, die noch immer – und noch immer vergeblich – versuchte, den Buchhändler auf sich aufmerksam zu machen. Kurz entschlossen klopfte sie Erziraphael energisch auf den Oberarm. „Wenn Crowley zurückkommt und merkt, wie sehr du Hexe vernachlässigst hast, möchte ich nicht mit dir tauschen“, sagte sie laut. „Es gibt im Moment keinen Grund, hier herumzusitzen“, fuhr sie nur wenig leiser fort. „Also wechselst du jetzt am besten die Schuhe und nimmst sie auf einen schönen langen Spaziergang mit. Los, los! Ich will keine fadenscheinigen Ausreden hören!“ Gerade wollte sie sich mit einer ähnlichen Ansage auch an Bee richten, da sagte die Dämonin schon: „Nehmt mich mit, das wird mir auch guttun.“ Erziraphael sah sie zweifelnd an, schien dann aber zu entscheiden, dass er lieber kampflos nachgab, als mit Muriel und Bee zu diskutieren. Müde stand er auf, ging mit schweren Schritten die Treppe hinauf, die er kurz darauf mit bequemen Schuhen und einer Jacke über dem Arm wieder herunterkam, bevor er wortlos an den Frauen vorbei zur Ladentür ging und nach der Hundeleine griff. Bee und Hexe folgten ihm und Muriel seufzte erleichtert, als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte.

Sie ging ihre Optionen durch. Essen und Trinken – sonst gerne als probates Mittel zur Aufheiterung und Ablenkung eingesetzt – schienen ihr heute wenig erfolgversprechend. Dafür waren die Sorgen zu groß und die Runde zu klein. Auch mit Gesellschaftsspielen hätte sie heute keinen Erfolg, da war sie sich sicher. Ähnliches galt für Musik, Fernsehen, Lektüre und alle weiteren Aktivitäten, die nur dem Zeitvertreib oder dem Genuss dienten. Trotzdem hatten sie sich zwei lange Nächte hindurch so intensiv beschäftigt, dass es sie wirkungsvoll vom Grübeln abgehalten hatte. Den Plattenladen für die Neugestaltung vorzubereiten und Erziraphaels Sammlung zu sichten und zu verkleinern, das waren sinnvolle Aktivitäten gewesen, die ohnehin anstanden. Sie hatten also nicht nur Zeit totgeschlagen, sondern sie waren mit ihren aktuellen Aufgaben vorangekommen. Muriel sah sich im Laden um. Welche Aufgaben standen als nächste an? Plötzlich fiel ihr auf, dass schon Freitag war und Crowley kaum am folgenden Tag als Vorleser zur Verfügung stehen würde, wenn er schon fast zwei Tage gebraucht hatte, um den Fünften Kreis der Hölle zu erreichen. Selbst wenn er sich sofort auf den Rückweg gemacht hätte, wäre das nicht zu schaffen, aber vor der Rückkehr stand ja noch der Grund für die ganze Mission. Wer konnte schon wissen, wie lang die Suche dauern würde? Sie musste die Veranstaltung absagen! Sie zögerte. Musste sie das wirklich? Konnte sie das überhaupt? Wie sollte sie die regelmäßigen Gäste so kurzfristig erreichen? Und würde es nicht so aussehen, als würden sie sich dem Druck der homophoben Schmutzkampagne beugen und klein beigeben? Muriel spürte, wie Wut in ihr aufloderte, ein Gefühl, mit dem sie bisher kaum Erfahrung hatte. Aber es war ohne jeden Zweifel Wut: auf diejenigen, die versuchten, etwas zu zerstören, das so vielen Menschen Freude bereitete, die mit ihren Verleumdungen ein unschuldiges Vergnügen in verwerfliches, unmoralisches Tun umdeuten wollten, die Crowley und Erziraphael das bescheidene Glück nicht gönnten, das sie miteinander gefunden hatten. Sie hatte sich entschieden:

Die Lesung würde stattfinden.

Morgen und in jeder weiteren Woche.

Und damit war auch entschieden, womit Erziraphael, Bee und sie sich den Rest des Tages beschäftigen würden. Sie hatten jetzt viel zu tun.

***

Crowley holte sein Handy heraus und rief die Suchanzeige mit dem Bild von Arwens Vater auf. „Wir suchen diesen Mann.“ Milgreth ließ sich nicht anmerken, ob er ihn erkannte oder nicht. „Darf ich fragen, warum ihr ihn sucht?“ „Aus dem Grund, der hier steht: Seine Familie vermisst ihn und wir möchten herausfinden, ob er noch lebt und wie es ihm geht.“ „Und was habt ihr damit zu tun?“ Crowley nickte bedächtig. „Vermutlich hast du guten Grund, unsere Motive zu hinterfragen. Warte einen Moment.“ Er scrollte durch seine Fotos, bis er bei den wenigen Bildern angelangt war, die er von der zweiten Veranstaltung mit Arwen abgespeichert hatte, bevor der Erfolg nachträglich zum Desaster geworden war. Er legte das Handy wieder auf den Tisch und drehte es so, dass Milgreth das Foto sehen konnte, das er geöffnet hatte. Er zeigte auf Muriel. „Das ist unsere Freundin Muriel. Ich betrachte sie als Familie.“ Jetzt zeigte er auf die junge Frau, die Muriel im Arm hielt, eine blasse Rothaarige mit Sommersprossen und den auffälligen grünen Augen, die perfekt zu ihren Haaren passten. „Das ist ihre Freundin Arwen. Arwen ist Balgrans Tochter.“ Milgreth sah das Bild lange aufmerksam an. „Ich verstehe noch nicht, was ihr damit zu tun habt.“ Mit einem Nicken signalisierte Gabriel, dass er die Erklärung übernehmen würde. „Die Freunde unserer Freunde sind auch unsere Freunde“, sagte er. „Wir wollten helfen und haben uns bei Furfur nach Balgran erkundigt. Er wusste, dass er verhaftet und inhaftiert worden war, aber nicht sicher, wohin er nach der Evakuierung seines ursprünglichen Lagers gebracht wurde. Er hat uns erlaubt, nach ihm zu suchen und uns deshalb hierhergebracht.“ Milgreth schien intensiv nachzudenken, schüttelte aber dann verständnislos den Kopf. „Ihr bringt euch in Gefahr für jemanden, den ihr nicht einmal kennt? Ausgerechnet du, du kehrst in die Hölle zurück, für einen fremden Dämon und eine Menschenfrau, denen du nichts schuldig bist?“ Er sah Crowley an, wollte es verstehen, aber irgendein Puzzleteil fehlte ihm. Gabriel versuchte zu erklären, womit Furfur sie überzeugt hatte: dass sie bessere Erfolgsaussichten hätten als andere, aber in Milgreths Miene änderte sich nichts. Nun versuchte es Crowley auf einem anderen Weg. „Hat dein Hauptmann dich angewiesen, uns zu unterstützen?“, fragte er. Der andere Dämon nickte. „Auch du hilfst also jemandem, den du nicht oder kaum kennst, für einen Dritten.“ Milgreth schüttelte den Kopf. „Das ist etwas anderes. Ich bin meinem Hauptmann zu Gehorsam verpflichtet und zu Treue.“ „Genau“, bestätigte Crowley. „Und wir fühlen uns zu Treue und Hilfe für unsere Freundin verpflichtet. Dich bindet dein Schwur, deine Gehorsamspflicht. Uns bindet Freundschaft. Die Sorge um unsere Familie. Wir wollen, dass es ihnen gut geht.“ Der Soldat runzelte die Stirn und schien intensiv nachzudenken. Schließlich schüttelte er den Kopf. Er war offenbar zu einem Schluss gelangt. „Ich glaube nicht, dass ich das Konzept von Freundschaft oder Familie verstehe“, sagte er. „Aber wenn es der Treue ähnelt, ist es ehrenwert. Ich werde versuchen, euch zu helfen.“ Er stand auf. „Aber zuerst braucht ihr etwas Ruhe. Ich werde euch zu einer Unterkunft bringen lassen. Es ist einfach, aber sauber. Wenn meine Schicht hier zu Ende ist, hole ich euch dort ab.“ Gabriel und Crowley hätten zwar lieber sofort mit ihrer Suche begonnen, sahen aber ein, dass Milgreths Vorschlag vernünftig war. Deshalb folgten sie dem Dämon, der sie zu einer Stube mit zwei Feldbetten und einem Waschbecken führte. Auf einem Tisch fanden sie einen Imbiss vor und stärkten sich, bevor sie sich auf den Betten ausstreckten.

Aus Gewohnheit zogen sie ihre Handys hervor, die aber zu keinem Netz mehr Verbindung hatten. Es waren keine Nachrichten mehr abgerufen worden, spätestens, seit sie den Zweiten Kreis der Hölle betreten hatten. Gabriel starrte auf die Datums- und Zeitanzeige. „Denkst du, die Angaben stimmen noch?“, fragte er. „Kann es wirklich schon Freitagmittag sein?“ Crowley zuckte mit den Achseln. „Ich habe jedes Zeitgefühl verloren. Aber bei mir steht das Gleiche, kann also schon sein.“ Endlich gab er dem Bedürfnis nach, die Bilder von sich und Erziraphael aufzurufen. Sicher wartete der Engel schon auf seine Rückkehr. Und ganz bestimmt machte er Bee und Muriel mit seiner Nervosität halb wahnsinnig. Er lächelte das Bild auf dem Handy-Bildschirm traurig an. Was würde er darum geben, wenn er Erziraphael jetzt in den Arm nehmen könnte, seine Weichheit spüren, seine Stimme hören, in seine blauen Augen sehen. Sanft drückte er seine Lippen auf das Display, dann schob er das Telefon verschämt wieder in seine Jackentasche. Crowley hatte im Laufe der Jahrhunderte gelernt, seiner Einsamkeit und seiner Sehnsucht durch Schlaf aus dem Weg zu gehen. Deshalb gelang es ihm auch auf diesem unbequemen Feldbett im Herz der Hölle, sich in einen unruhigen Schlaf zu flüchten. Gabriel dagegen starrte stumm unter die Decke des kleinen Raums, bis sich die Tür wieder öffnete.

***

Muriel stand mit rotem Kopf am Backofen, als die Spaziergänger zurückkamen, und beobachtete das letzte Blech Cookies, um sie zum perfekten Zeitpunkt aus dem Ofen zu ziehen. Bee zeigte auf ein weiteres Blech. „Darf ich?“, fragte sie. Auf Muriels Nicken hin griff sie zu und nahm sich zwei Kekse, von denen sie einen Erziraphael hinhielt. Er sah ihn zunächst zweifelnd an, kann dann aber offenbar zu dem Schluss, dass er dem süßen Cookie wenigstens die Chance geben wollte, ihn aufzuheitern. Bee betrachtete erstaunt die Küche, während sie genüsslich den noch lauwarmen Keks knabberte. Auf der Arbeitsfläche stand der große Getränkespender, darum herum lagen Netze mit Apfelsinen und Zitronen. Die Rührschüssel und die Rührstäbe, die sicherlich beim Anrühren des Teigs im Einsatz gewesen waren, standen schon wieder sauber auf dem Küchentisch.

„Was sollen wir tun?“, fragte die Dämonin. Sie kannte Muriel inzwischen lange genug, um zu wissen, dass der Engel längst einen fertigen Arbeitsplan im Kopf hatte, und dass darin für jeden, der sich in Reichweite befand, spezifische Aufgaben festgelegt waren. „Könntet ihr die Zitrusfrüchte für die Limo schälen und auspressen? Dann versuche ich, einen Lesetext für morgen auszusuchen.“ Bee nickte nur, zog sich einen Stuhl heran und begann, Orangen zu schälen. Erziraphael dagegen sah Muriel vorwurfsvoll an: „Willst du so tun, als sei alles ganz normal? Wir können doch nicht einfach den Vorlese-Samstag durchführen, als wäre alles in bester Ordnung!“, entrüstete er sich. Aber Muriel bot ihm die Stirn. „Ich tue auch nicht so, als wäre alles gut“, erwiderte sie sanft. „Aber ich will nicht, dass der Eindruck entsteht, man hätte uns mit diesem Shitstorm erfolgreich mundtot gemacht und eingeschüchtert.“ Sie griff nach der Hand des Buchhändlers. „Denkst du nicht, dass es auch Crowley lieber wäre, wenn die Kinder einen fröhlichen Vormittag hier bei uns erleben können, so wie sie es gewohnt sind? Es gibt doch wahrlich genug, was sie verkraften müssen. Und mit der potenziellen Bedrohung durch Engel und Dämonen sind sicher auch die Erwachsenen dünnhäutig und können so eine kleine Auszeit nur allzu gut brauchen.“

Er seufzte. „Vermutlich hast du recht“, sagte er schweren Herzens. „Auch wenn es ohne Crowley nicht dasselbe sein wird.“ Muriel nickte. Nein, das würde es natürlich nicht. Aber sie wollten ihn ja auch nicht ersetzen, sondern nur vertreten. Das sagte sie sich an diesem Tag noch einige Mal vor, um sich damit gegen den immer leicht anklagend wirkenden Blick zu wappnen, der sie von jedem traf, den sie um Hilfe bat.