Vorbereitungen (immer noch Freitag)
Vorbereitungen (immer noch Freitag)
Muriel war im Café vorbeigegangen und hatte gefragt, ob Maggie oder Nina sie am nächsten Tag in der Lese-Pause beim Ausgeben von Cookies und Getränken unterstützen könnten. Sie hatte Arwen gebeten, die Veranstaltung aufzuzeichnen, um damit Material für die Sozialen Medien und für ihre Homepage zu bekommen. „Außerdem haben wir dann was in der Hand, falls es wieder so abscheuliche Reaktionen gibt wie letzte Woche“, hatte sie der Freundin erklärt.
Zuletzt hatte sie noch den Schreiner angerufen: „Alec, ich hoffe, sie finden mich nicht unverschämt“, hatte sie schüchtern begonnen, ihn schließlich aber direkt gefragt: „Könnten Sie vielleicht morgen zu unserer Lesung kommen? Nach den letzten Erfahrungen würde ich mich viel sicherer fühlen, wenn Sie mit Ihrer freundlichen Ausstrahlung und Gelassenheit dabei wären.“
Alle hatten ihr zugesagt. Aber bei allen hatte sie auch gemeint, eine leise Anklage wahrzunehmen, weil sie an der Lesung festhielt, obwohl die wichtigste Person nicht dabei sein würde. In Wirklichkeit hatten die Freunde und Bekannten aber weder vorwurfsvoll noch missbilligend geschaut (bei genauerer Überlegung hätte sie daran gedacht, dass die Gibsons von Crowleys Abwesenheit noch gar nichts wussten), sondern allenfalls besorgt. Alle sahen, wie sehr die Ereignisse der Vorwoche Muriel und Erziraphael getroffen hatten, und fragten sich, ob sie sich jetzt nicht zu viel zumuteten. Aber sie verstanden auch die Beweggründe und sagten deshalb ausnahmslos zu. Sie alle würden helfen und ihre Solidarität zeigen. Schließlich fehlte nur noch die Entscheidung für einen Lesetext. Und die für einen Vorleser.
Muriel hatte durchsetzen können, dass sie am Abend etwas aßen, obwohl keiner von ihnen Hunger hatte und nicht einmal sie sich zum Kochen aufraffen konnte. Nun saßen sie um die gelieferte Familienpizza herum und kauten schweigend. Unvermittelt platzte sie heraus: „Wie wäre es mit den ‚Bremer Stadtmusikanten‘?“ Schnell schob sie als Begründung hinterher: „Da geht es um Zusammenhalt, Freundschaft, Mut und Gerechtigkeit. Passt das nicht gerade super?“ Alle nickten. Muriel begann in Crowleys Flohmarktkiste herumzukramen, schüttelte dann aber den Kopf. Als Nächstes suchte sie in verschiedenen Kartons, die sie hinter dem Tresen aufbewahrte und in denen sich gebrauchte Bücher befanden, Einzelexemplare, die nicht mehr gut genug zum Verkaufen waren, aber doch viel zu schade, um sie wegzuwerfen. Dort fand sie nach einer Weile das Gesuchte.
Mit einem triumphierenden „Wer sagt’s denn!?“, tauchte sie hinter der Verkaufstheke auf und kam mit einer abgegriffenen Ausgabe des Märchens zurück. Beim ersten Blick hinein sagte sie enttäuscht: „Das ist ja gar nicht der Original-Text!“ Gleich darauf begann sie jedoch zu strahlen.
„Wir werden nicht entscheiden, wer von uns morgen vorliest“, kündigte sie geheimnisvoll an, fuhr aber gleich fort: „Wir lesen alle!“ Als Muriel ihnen das aufgeschlagene Buch vor die Nase hielt, verstanden Bee und Erziraphael sofort. Es handelte sich um eine Fassung, die kaum Erzähltext enthielt, sondern fast nur aus Dialogen bestand – wie gemacht dafür, mit verteilten Rollen gelesen zu werden. Gemeinsam machten sie sich daran, die Geschichte so weit zu kürzen und anzupassen, dass sie die richtige Länge für ihr Programm hatte. Sie teilten die Rollen unter sich auf, für den Hahn würde am nächsten Tag einer der Freunde hoffentlich spontan einspringen, aber er hatte ohnehin nur eine sehr kleine Rolle in den ausgewählten Textstellen.
Über all ihren Vorbereitungen war der Tag vorübergegangen und es war spät geworden. Die drei Freunde nahmen ihre Texte mit ins Bett und so murmelten an diesem Abend drei Unsterbliche ihre Rollen, bis die Müdigkeit sie übermannte. Zum ersten Mal seit Crowleys und Gabriels Aufbruch in die Hölle fanden in dieser Nacht alle Seelen Schlaf, die sich im Schutz der Buchhandlung zusammengefunden hatten. Unter ihren Fenstern jedoch machten sich - von den schlafenden Freunden unbemerkt - zwei Menschen zu schaffen, deren Identität vorerst ungeklärt bleiben muss, weil niemand sie in dieser Nacht beobachtete.
***
Crowley und Gabriel waren sofort aufgesprungen, als die Tür sich öffnete und Milgreth hereinkam. „Bitte setzt euch wieder“, bat er sie jedoch. „Wir müssen reden, bevor wir aufbrechen.“ Crowley warf einen letzten sehnsüchtigen Blick auf sein Handy, auf dem er gerade noch einmal die Selfies mit Erziraphael angestarrt hatte, dann steckte er es weg und setzte sich. Er wies auf den Platz neben sich und Milgreth nickte dankbar, als auch er sich auf die einfache Liege sinken ließ.
„Ich will euch erklären, was – besser: wer – euch da drin erwartet“, sagte er. „Aus dem aufgelösten Lager sind fast ausschließlich Dämonen hierher verlegt worden, die wegen ‚Fraternisierung‘ eingekerkert wurden. Manchmal hieß der Vorwurf auch ‚Untreue‘, ‚widernatürliche Praktiken‘, ‚Vergehen gegen die dämonische Natur‘ oder ‚Unzucht‘, gelegentlich auch ‚Perversion‘. Letztlich wurde aber allen dasselbe vorgeworfen: sexuelle Kontakte mit Menschen, ohne dass ihnen deren Verführung zum größeren Ruhm Satans befohlen worden war. Nicht immer lagen diese Fälle so wie bei dem Dämon, den ihr sucht, nicht alle Verhafteten hatten auf der Erde gelebt und sich dort immer wieder mit demselben Menschen gepaart. Noch weniger hatten mit einem Menschen Junge.“ Gabriel musste sich das Lächeln verkneifen. Milgreths Bericht zeigte, dass ihm die Vorstellung sexueller Kontakte mit Menschen ebenso fremd war, wie den prüden und arroganten Engeln, zu denen auch er selbst lange gehört hatte. Worte wie ‚paaren‘ oder ‚Junge‘ legten darüber hinaus nahe, dass menschliche Sexualität aus seiner Sicht vor allem der Vermehrung diente und ein tierisches Verhalten war. Es war wahrscheinlich nicht allzu gewagt zu unterstellen, dass er selbst bisher noch keine körperliche Anziehung zu einem anderen Wesen erfahren hatte, sei es Dämon, Mensch oder Engel. Dass auch das Konzept einer Familie ihm fremd war, hatten sie ja bereits früher am Tag erfahren. „Dazwischen soll es wohl eine ganze Reihe geben, die sich sogar mit anderen Dämonen gepaart haben.“
Gabriel sah interessiert auf: „Wenn die Frage nicht zu indiskret ist: Warum klingt es, als sei dir diese Vorstellung noch ferner als der Geschlechtsverkehr mit Menschen?“ Milgreth errötete und blieb stumm.
Crowley sprang ein: „Sex hat in der Hölle nichts mit Liebe oder Anziehung zu tun. Er dient ausschließlich der Bestrafung oder dem Brechen der Gefallenen. Lust ist hier unten ein gut gehütetes Geheimnis, sie war im Grunde Satan und einigen wenigen auserwählten Günstlingen vorbehalten.“
Milgreth hatte den Worten des anderen Dämons mit einer Mischung aus Scham und Faszination zugehört. „Was ist Lust?“, fragte er, der rosige Schimmer auf seinen Wangen vertiefte sich dabei.
„Das Vergnügen, das mit der körperlichen Vereinigung üblicherweise einhergeht, wenn sie aus freien Stücken erfolgt“, erklärte Gabriel so sachlich wie möglich.
Der Soldat schien eine Weile darüber nachdenken zu müssen, bevor er die nächste Frage stellte: „Du sagtest vorher, in der Hölle hätte Sex nichts mit Liebe zu tun.“ Er sah Crowley an: „Ist das auf der Erde anders?“
Ein Seitenblick genügte Gabriel, um zu entscheiden, dass auch diese Frage besser von ihm beantwortet werden sollte. „Das hat nichts mit der Erde zu tun, jedenfalls vermute ich das“, begann er. „Die Antwort ist nicht ganz einfach, aber ja: Sexualität kann sehr eng mit Liebe zusammenhängen. Dann ist sie freiwillig und wird von beiden Partnern gewollt. Das sind die Fälle, in denen sie zumeist auch mit der Empfindung von Lust verbunden ist.“ Er räusperte sich. Auch für ihn war das Reden über Sexualität mit einem Fremden keineswegs einfach. „Und häufig geht auch eine starke Verbundenheit, ein Zusammengehörigkeitsgefühl damit einher. Oft genug geht es aber auch nur um das Gefühl der Lust, Liebe ist also keine zwingende Voraussetzung.“
Milgreth sah einige Mal zwischen den beiden Parlamentären hin und her. Seine Stirn zeigte tiefe Falten. Er dachte nach. Schließlich schüttelte er den Kopf. „Ich fürchte, ich verstehe das alles noch immer nicht. Das wird wohl warten müssen, bis ich mehr Zeit habe, darüber nachzudenken“, verkündete er. „Zurück zu den Gefangenen, auf die ihr treffen werdet: Die der Fraternisierung Beschuldigten betrachten wir nicht als besonders gefährlich. Das Gleiche gilt auch für den größeren Teil der zuvor schon hier Inhaftierten.“ Er unterbrach sich, fügte dann eine Erklärung an: „Sie waren ungehorsam, in den Augen ihrer Vorgesetzten nicht böse, nicht grausam genug, sie waren aus Sicht der Hölle einfach schlechte Dämonen. Die Anklage lautete oft auf ‚Verrat an der Sache der Hölle‘, gelegentlich einfach ‚undämonisches Verhalten‘ oder Ähnliches.“
Crowley warf ein: „Das dürfte aus Sicht der Hölle auch auf mich zutreffen.“
Milgreth grinste, sagte aber nichts dazu. „Aus heutiger Sicht und nach dem Vertragsschluss sind das sicher die Dämonen, die den Menschen am vertrauenswürdigsten vorkommen dürften. Furfur vertraute darauf, dass sie schnell und ohne Anordnung einer besonderen Sicherheitsverwahrung in irdische Gefängnisse überführt werden könnten, in denen sie sicher vor Übergriffen wären, bis die Gerichte über ihre Amnestie entschieden hätten. Deshalb ist dieses Lager nach den neu eigeführten Maßstäben auch deutlich überfüllt. Es gibt eine Ausnahmegenehmigung, weil die Entscheider annahmen, es handele sich nur um eine Übergangslösung. Auch mein Hauptmann war der Ansicht, dass ihre Rehabilitation nur eine Frage der Zeit war, nicht viel mehr als eine Formsache.“
Crowley und Gabriel sahen sich an. Auch diese Hoffnung Furfurs war spätestens mit den aktuellen Entwicklungen wahrscheinlich hinfällig. Er musste unendlich frustriert sein!
Milgreth hatte bemerkt, dass die Gedanken der beiden nicht bei ihm und diesem Gespräch waren, und wartete geduldig ab, bis ihr Blick wieder seinen suchte. „Unser Hauptmann wollte verhindern, dass die Gefangenen sich gegen sadistische oder willkürlich handelnde Wärter erheben würden. Dann wäre die Gefahr groß gewesen, dass sie sich zu ernsteren Vergehen verleiten lassen könnten. Dann hätten sie kaum noch eine Chance auf Rehabilitation gehabt. Deshalb sind wir hier.“
Er sah dem Engel und dem Dämon jetzt direkt ins Gesicht. „Wir können aber nicht ausschließen, dass sich hinter all den Genannten auch einzelne Schwerverbrecher verbergen, die sich in einen Transport eingeschleust haben. Andere könnten sich hier radikalisiert und gegenseitig aufgestachelt haben. Sie wissen von dem überweltlichen Vertrag, sie haben ihn gefeiert. Jetzt warten sie darauf, dass sich etwas für sie ändert. Die Ungeduld nimmt zu. Deshalb müsst auch ihr ununterbrochen aufmerksam sein. Dreht keinem den Rücken zu, seid immer auf der Hut.“ Er seufzte. „Wir haben sie bisher nicht über die Hells Angels und Winged Pride informiert, erst recht nicht über die beginnende Feindseligkeit gegen Unsterbliche. Das könnte der Funke sein, der hier unten alles zum Explodieren bringt.“ Er unterbrach sich, seine Besorgnis war mit Händen zu greifen. „Es ist uns verboten, das Lager allein zu betreten. Deshalb musste ich das Ende meines Dienstes abwarten, sonst wäre es Ungehorsam, mit euch hineinzugehen.“
Crowley sah ihn betreten an. „Wir wollen dich nicht in Schwierigkeiten bringen. Wenn du unseretwegen Ärger bekommen könntest, lass uns doch lieber allein auf die Suche gehen.“
Milgreth schüttelte energisch den Kopf. „Dann könnte ich für eure Sicherheit nicht garantieren.“ Er sah Crowley in die Augen. „Wenn du der Held bist, für den mein Hauptmann dich hält, und das Symbol der Hoffnung bleiben sollst, das du für viele von uns bist, darf dir hier nichts geschehen.“ Er legte seine rechte Hand auf Crowleys Herz. „Ich werde dich mit meinem Leben schützen.“ Er sagte das ohne jedes Pathos, ohne Kitsch oder Prahlerei. Es war eine schlichte Feststellung. Gabriel war von dem tiefen Ernst in Milgreths Versprechen so berührt, dass er erschauerte.
Crowley schüttelte unwillig den Kopf, verzichtete aber auf eine Diskussion. „Das erwarte ich nicht, aber ich danke dir, Milgreth“, sagte er lediglich. „Können wir dann jetzt aufbrechen?“
Ich habe diesen Teil direkt vor dem Hochladen noch deutlich gestrafft, deshalb ist er ein bisschen kürzer ausgefallen als sonst. Ich versuche, als "Entschädigung" dieses Wochenende auch noch den nächsten Teil online zu stellen. Lasst mich gerne wissen, wie es euch gefällt.