Am Ziel - Tag 22, Samstag
Am Ziel - Tag 22, Samstag
Wie an jedem Samstag waren Muriel und Erziraphael früh auf, wodurch auch Bees Nacht früh endete, schließlich stand das Sofa, das ihr als Nachtlager diente, mitten in der Buchhandlung. Eine gewisse freudige Erregung hatte bisher jede Lesung begleitet, aber diesmal ließ sie auf sich warten. Die Nachwehen des letzten Samstags hatten Spuren hinterlassen.
Muriel war die erste, die Alec auf dem Bürgersteig bemerkte, und ging zur Tür, um ihn einzulassen. Sie war froh, dass sie sich getraut hatte, ihn herzubitten. Sein freundliches Gesicht würde für sie alle ein Anker sein und seine Gelassenheit hoffentlich auf sie abfärben. Als sie ihm jedoch die Hand gab und in seine Augen sah, spürte sie etwas anderes, nämlich Ärger, nur mühsam unterdrückten Ärger.
Er begrüßte sie ungewohnt knapp und fragte dann: „Haben Sie Wandfarbe und eine Farbrolle im Haus? Wenn nicht, fahre ich schnell zurück und hole etwas aus dem Lager.“ Sie sah ihn verständnislos an. Erziraphael und Bee gesellten sich zu ihnen und der Engel stellte die Dämonin als eine enge Freundin vor. Alec gab ihr zwar freundlich die Hand, aber er war erkennbar abgelenkt. Er wiederholte seine Frage, diesmal an Erziraphael gerichtet.
Der Buchhändler bejahte. „Darf ich fragen, was Sie damit vorhaben?“
Der Schreiner sah ihn erstaunt an. „Haben Sie es etwa noch gar nicht gesehen? Ich will die Sauerei da draußen übermalen!“ Jetzt sah er in drei gleichermaßen überraschte und besorgte Gesichter. „Sie haben es also noch nicht gesehen“, schloss er grimmig. Er öffnete die Tür wieder und ging zurück nach draußen. „Kommen Sie mit.“ Er ging am Schaufenster entlang und zeigte dann auf die Wand des Gebäudes. Fassungslos starrten die drei Unsterblichen auf den Schriftzug, der offenbar in der vergangenen Nacht dort hin gesprüht worden war. „Willkommen bei den Kinderschändern!“, stand dort in blutroter Schrift. Links daneben, auf dem von innen mit undurchsichtiger Folie abgeklebten Teil der Fensterfläche stand außerdem: „Schwuchteln raus aus Soho!“
Erziraphaels Gesicht war kreideweiß, zittrig hatte er nach Muriels Hand gegriffen, die er so fest drückte, dass sie sich einen Schmerzenslaut verkneifen musste.
Sie war fassungslos: „So eine Unverschämtheit!“ Bees Augen sprühten Funken und die Engel spürten die Umgebungstemperatur leicht ansteigen. Erleichtert registrierte Alec, dass wenigstens die beiden Frauen mit Wut und Empörung reagierten, der gesundesten Empfindung in dieser Situation.
Der Buchhändler jedoch hatte Tränen in den Augen. „Das darf Crowley nicht sehen!“, flüsterte er. „Ich hätte nie glauben dürfen, dass wir in Soho zuhause sein und von allen akzeptiert werden könnten.“
Alec rüttelte ihn an der Schulter. „Sie dürfen sich das nicht so zu Herzen nehmen, Erziraphael!“, sagte er bestimmt. „Es ist nicht gesagt, dass die Idioten, die das gesprayt haben, aus Soho kommen. Ich bezweifle es, ehrlich gesagt.“ Dann fragte er zum dritten Mal nach Farbe. „Ich hole sie“, beeilte Muriel sich zu sagen. Bei aller Wut wusste sie, dass der ehemalige Erzengel Recht hatte: Das durfte Crowley nicht sehen. Es würde ihm den Boden unter den Füßen wegziehen.
Bee legte ihm eine Hand in den Rücken und dirigierte ihn zurück in die Buchhandlung. „Komm, wir müssen mit den Vorbereitungen weitermachen“, sagte sie energisch. „Crowley wird es nicht sehen“, fügte sie hinzu und klopfte ihm auf den Rücken.
Alec hatte draußen gewartet und nahm von Muriel einen Eimer mit Seifenlauge und Schwamm entgegen, außerdem einen Eimer weißer Wandfarbe und eine Malerrolle. „Die Farbe ist aber nur für innen“, sagte sie entschuldigend. „Das macht nichts“, versicherte ihr Alec, der bereits versuchte, mit dem Schwamm etwas von der noch frischen Farbe abzuwaschen. Es muss nur halten bis nach der Lesung. Danach hole ich aus der Werkstatt Außenfarbe und mache die Arbeit richtig.“ Muriel sah auf die Wand, auf der der Schriftzug nach der Behandlung mit dem Schwamm nur noch verschwommen zu erkennen war. „Wenn das überstrichen ist, kann es niemand mehr lesen“, versprach Alec. „Ich halte hier draußen ein bisschen die Augen auf. Kümmern Sie sich drin um alles.“ Sie nickte dankbar und folgte den Freunden zurück in den Laden.
Erziraphael tat mechanisch das, was Bee oder Muriel ihm auftrugen, aber er war nicht mit dem Herzen bei der Sache. Seine Augen glänzten und seine Mundwinkel zuckten. Er rang um seine Beherrschung. „Ich hatte wirklich geglaubt, dass das eine einmalige Sache war“, seufzte er, als er alle Stühle und Kissen im Laden verteilt hatte und sich auf einen der Stühle am Rand fallen ließ.
„Und ich habe Ihnen gesagt, dass Sie gegen die Widerlinge ins Feld ziehen müssen“, sagte eine zwar mitfühlende, aber energische Stimme, die Muriel inzwischen kannte.
„Sarah!“ Sie drehte sich um und schloss die Frau des Schreiners in die Arme, die, ohne zu zögern, in den hinteren Ladenbereich gekommen war. Auch der Buchhändler wurde mit einer festen Umarmung begrüßt. Dann drückte sie ihm zwei Blechdosen in die Hand. „Ich war so frei und habe für die Erwachsenen ein bisschen herzhaftes Fingerfood vorbereitet“, verkündete sie. „Sehen Sie zu, dass Sie einen Platz dafür finden!“ Dann drehte sie sich zu Bee um: „Sarah Gibson“, stellte sie sich vor und streckte die Hand aus. „Und Sie sind…?“ Die Dämonin lächelte: „Eine Freundin. Ich heiße Bee.“ Die beiden Frauen sahen sich prüfend an. Sarah nickte zufrieden und ließ die Hand wieder los. „Ich habe Sie letzte Woche auf den Fotos aus der Wickber Street gesehen“, bemerkte sie, dann musterte sie eingehend und ungeniert Bees Äußeres. „Meine Mädchen werden Ihren Stil sicher lieben“, sagte sie schließlich lächelnd, „aber es wäre nett, wenn Sie ihnen nicht verraten, wo es diese Schuhe gibt.“ Sie wies auf die klobigen Plateau-Schuhe mit Nieten und Schnallen, für die Bee sich immer entschied, wenn sie damit rechnete, einer größeren Zahl von Leuten zu begegnen. Nur so hatte sie eine Chance, zwischen den Köpfen der Menge hin und wieder freie Sicht zu haben. „Das lässt sich machen.“ Sie grinste. Muriel und Erziraphael hatten ihr von der Familie des Schreiners erzählt und sie freute sich, diese nun auch selbst kennen zu lernen. Das Ehepaar war wirklich reizend. Die selbstverständliche Hilfsbereitschaft, die einem von manchen Menschen entgegengebracht wurde, war etwas, das die ehemalige Höllenfürstin immer wieder neu für die Menschheit einnahm. Und diese beiden Menschen waren wirklich zwei besonders liebenswerte Vertreter ihrer Welt. „Ich habe noch zwei Pumpkannen mit Tee und Kaffee im Auto“, verkündete Sarah gerade, als die Glocke über der Ladentür erneut klingelte.
„Die kann ich holen, gib mir den Schlüssel“, sagte die kleinste der drei jungen Frauen, die zusammen hereinkamen. „Oh, wie schön!“ Muriel fiel einer nach der anderen um den Hals. „Es tut gut, so viele Freunde hier zu haben!“ Schnell stellte sie Bee die Töchter der Gibsons und Arwen vor, die einen schweren silbernen Koffer auf einen der Stühle hievte.
„Hat eine von euch Zeit, mir mit der Technik zu helfen?“, fragte die Musikerin in die Runde. Bee bot sich an und während Lizzie die Heißgetränke hereinholte und mit Muriel Tassen und Becher bereitstellte, und die ältere Gibson-Tochter draußen die rote Farbe von der Fensterscheibe schrubbte, baute sie mit der Musikerin eine kleine Videokamera auf einem Stativ auf und installierte professionelle Mikrofone auf der improvisierten Bühne, auf der sich anstelle des Sessels heute gleich vier Stühle drängten. Sie war fasziniert und ließ sich jeden Handgriff und jede Einstellung von der Rothaarigen genau erklären.
Erst als sie alle wieder in der Buchhandlung zusammenstanden und einen letzten prüfenden Blick über ihre Vorbereitungen gleiten ließen, bemerkte Lizzie, dass jemand fehlte. „Wo ist denn Crowley?“, fragte sie beunruhigt. „Der musste ungeplant verreisen“, antwortete Muriel so vage wie möglich. „Wir springen heute alle beim Lesen ein. Dabei fällt mir ein: Wir brauchen noch jemanden für den kleinen Part des Hahns in den Bremer Stadtmusikanten.“
„Das kann ich übernehmen“, die Stimme kam von der Tür, durch die unbemerkt Maggie hereingekommen war. Sie umarmte die Freundinnen und Erziraphael und ließ sich den Gibsons vorstellen. „Ich soll euch sehr herzlich von Nina grüßen. Sie kann aus dem Café nicht weg, aber wir wollen euch heute unbedingt den Rücken stärken. Kann ich noch bei etwas helfen?“ Muriel schüttelte den Kopf. „Wir sind bereit“, antwortete sie, aber du kannst versuchen, Erziraphael aufzuheitern.“ Sie selbst begab sich zur Tür, jeden Augenblick konnten die ersten Gäste eintreffen.
Sie hatten nicht darüber gesprochen, aber insgeheim hatte jeder von ihnen befürchtet, dass heute einige Stühle leer bleiben würden. Warum sollten die Eltern der Kinder, die in die Buchhandlung kamen, anders reagieren als die der Kinder, die in den Schulen auf Hexe und Crowley warteten? Tatsächlich fehlten einige der Gesichter, die sonst sehr regelmäßig samstags in die Buchhandlung zu sehen waren. Das wurde jedoch mehr als wettgemacht durch all die Kinder und Eltern, die heute von anderen Stammgästen mitgebracht wurden. Muriel konnte angesichts des Ansturms gar nicht alle persönlich begrüßen, so dass Sarah Erziraphael energisch Richtung Tür schob, um sie zu unterstützen.
Das war genau die richtige Kur, um ihn nicht nur von seinem Kummer abzulenken, sondern ihm auch den Glauben an die Menschen in Soho wiederzugeben. Es waren Nachbarn, Freundinnen, Verwandte und Kollegen der Habitués, die zum ersten Mal durch die Tür der Buchhandlung traten, Mitschülerinnen und Klassenkameraden der treuen kleinen Besucherinnen und Besucher und ihre Eltern, ja selbst einige der Kinder, die sonst Hexe vorlasen und für die Veranstaltung im Grunde zu alt waren. Fast niemand kam herein und suchte sich einen Platz, ohne vorher Muriel oder Erziraphael zu sagen, wie empört sie über die Schmutzkampagne der vorigen Woche waren, wen sie heute mitgebracht hatten und wie froh sie waren, dass die Veranstaltung nicht ausfiel. Diese so demonstrativ gezeigte Solidarität ihrer Kunden, Nachbarn und Bekannten, zusammen mit der handfesten praktischen Unterstützung durch ihre Freundinnen und die vier Gibsons, gaben Muriel, Erziraphael und Bee die Kraft und den Mut, ihre Plätze vor dem Publikum einzunehmen und dankbar in die freundlichen Gesichter zu blicken, während sie von Arwen vorgestellt wurden, die mit wenigen Worten auch Crowleys Abwesenheit erklärte.
„Es war einmal ein alter Esel, der viele Jahre lang hart in einer Mühle gearbeitet hatte“, begann Muriel mit fester Stimme die Lesung und bald hingen die Kinder und die Erwachsenen im Publikum ebenso gebannt an den Lippen von Esel, Hund, Katze und Hahn, wie sie sonst an den Lippen der Figuren hingen, die von Crowley heraufbeschworen wurden. Die Vorleser gingen so in ihrer Aufgabe auf, dass sie weder Sariel bemerkten, der kurz nach Beginn noch leise durch die Tür schlüpfte und sich unauffällig an eine der Säulen lehnte, noch die beiden Frauen, denen der ebenfalls leicht verspätete Faris höflich die Tür aufhielt. Die größere hatte den Arm um die Schultern der kleineren Blonden gelegt und zeigte auf zwei freie Stühle ganz am anderen Ende des Raums. Ihre Freundin schüttelte den Kopf. Sie zeigte auf einen Stuhl am Rand der ersten Reihe, zu dem sie die Größere sachte schob, und schlängelte sich selbst bis zu einem Stuhl mitten im Raum durch, wo sie sich niederließ, ein kleines Gerät aus der Tasche nahm und die Aufnahmefunktion aktivierte.
***
Milgreth kehrte mit ihnen in den Vorraum zurück, durch den sie das Lager betreten hatten. Dort wählte er diesmal die linke Tür, ließ die Parlamentäre vorgehen, folgte ihnen und schloss die Tür hinter sich ab. Sie standen in einem langen Gang, der rechts eine offenbar solide Wand, nach links aber nur Gitterstäbe aufwies. Auf der anderen Seite des Gitters erstreckte sich ein riesiger, sehr hoher Raum, eigentlich mehr ein Hof oder Platz, dem nur der Blick in den Himmel fehlte. Dort saßen und lagen zahllose Dämonen auf Bänken, Betonblöcken, Holzstapeln und weiteren improvisierten Möbelstücken, andere standen in Grüppchen zusammen oder wanderten scheinbar ziellos umher. Der Hof wurde auf der dem Gang gegenüberliegenden Seite durch ein Gebäude begrenzt, dessen Front vor allem aus Türen bestand.
Crowley wies darauf und fragte leise: „Ein Zellentrakt?“
Milgreth nickte. „Wenn du es so nennen willst. Jeder der Inhaftieren hat dort ein Bett und eine Tür, die er hinter sich abschließen kann.“ Auf Gabriels erstaunten Blick hin ergänzte er: „Wir können trotzdem hinein. Und wenn wir eine dieser Türen abschließen, ist sie von innen nicht mehr zu öffnen. Das war aber noch nicht nötig, seit Furfur den Freigang als Vollzugsstandard für dieses Lager festgelegt hat.“
Die Inhaftierten würdigten die Personen im Gang keines Blickes. Milgreth bedeutete Crowley und Gabriel, ihm zu folgen. Nach vielleicht fünfzig Metern gelangten sie an eine Ausbuchtung, in der sich ein verwaister Arbeitsplatz befand, ausgestattet ähnlich dem, in den Milgreth sie zuerst geführt hatte. Er drückte einige Knöpfe, dann ertönte ein Gong. Nun richteten sich alle Blicke auf den Wachposten, die wenigen Gespräche, die bis dahin geführt worden waren, verstummten.
„Achtung!“, Milgreths Stimme wurde von unsichtbaren Lautsprechern (oder einem gut getarnten Wunder) verstärkt und war offenbar bis zum Zellentrakt zu vernehmen. „Wir haben Gäste. Diese beiden Männer stehen als Mitglieder einer gemischten Delegation unter dem Schutz des Großen Vertrags und unter dem persönlichen Schutz Furfurs.“ Er hatte Crowley und Gabriel näher zum Gitter gewinkt, damit die Dämonen sie sehen konnten. Einige kamen daraufhin näher und tuschelten aufgeregt.
Ein groß gewachsener muskulöser Dämon mit tiefschwarzen Dreadlocks zischte laut, als er Gabriel ansah. Verachtung sprach aus jedem seiner Worte, als er hervorstieß: „Ein Erzengel! Was hat der hier verloren?!“
„Nur fast richtig: Gabriel, ehemaliger Erzengel“, korrigierte der, zeigte sich aber von dem Dämon vollkommen unbeeindruckt. Daraufhin drängten weitere Inhaftierte näher ans Gitter.
„Der Rote ist doch Satans ehemaliger Liebling“, rief plötzlich einer und sein Nachbar ergänzte: „Ist der nicht jetzt der Liebling des neuen Erzengels?“
Crowley war schon erstarrt, als Satan genannt wurde. Jetzt starrte er wie das Kaninchen auf die Schlange die beiden Sprecher an und versuchte, die Panikattacke abzuwehren, die ihn zu ergreifen drohte.
„Ach, das erklärt Furfurs persönlichen Schutz“, raunte ein kleiner Dämon, der statt Haaren glänzende Schuppen auf dem Kopf hatte, und kicherte heiser.
„Es reicht!“ Eine schneidende Stimme brachte Getuschel und Gekicher abrupt zum Schweigen. Ein blonder Dämon mit gedrungener Statur und breiten Schultern bahnte sich einen Weg durch die Menge und trat direkt vor das Gitter. Er betrachtete die Besucher eingehend. „Tatsächlich, Gabriel und Crowley“, stellte er erstaunt fest. „Wenn ihr als gemischte Delegation hier seid, habt ihr eine Mission. Welche ist das?“ Der Blonde benahm sich in keiner Weise wie der Insasse eines Gefangenenlagers, er trat vielmehr mit großer Autorität auf.
„Willst du uns nicht erst einmal verraten, wer du bist?“, fragte Gabriel gelassen. „Wer wir sind, weißt du ja offensichtlich schon.“ Der Dämon lächelte und verneigte sich leicht vor ihnen. Die Geste wirkte zwar eher huldvoll als unterwürfig, aber er kam der Aufforderung nach: „Ich bin Diplor, ehemaliger Erzengel.“
Milgreth ergänzte: „Er wurde von den anderen zu ihrem Sprecher gewählt. Er ist schon lange hier. Seiner Akte zufolge wurde er verhaftet, weil er die Entscheidung hinterfragt hat, die Menschheit Atomwaffen entwickeln zu lassen.“
Diplor ging darauf nicht ein und zeigte keine Regung. „Nun, was ist euer Begehr?“, fragte er stattdessen.
„Wir suchen Balgran“, antwortete Gabriel.
„Und warum sucht ihr diesen Balgran?“ Es war dem Gefangenen-Sprecher nicht anzumerken, ob der Name ihm etwas sagte, er bewahrte ein perfektes Poker-Face.
Milgreth kam den beiden Besuchern zuvor: „Das tut nichts zur Sache, Diplor. Furfur hat die Suche genehmigt, mehr brauchst du nicht zu wissen.“
„Sehr wohl.“ Wieder eine dieser angedeuteten Verbeugungen, die eher spöttisch als respektvoll waren. „Ich werde mich umhören.“ Milgreth nickte ihm zu und der Inhaftierte entfernte sich.
„Lasst uns bis zum nächsten Beobachtungsposten gehen“, schlug der Soldat vor. Dort gibt es mehr Sitzgelegenheiten.“ Unterwegs berichtete er, welche Veränderungen in diesem Lager bereits Furfurs Handschrift trugen. Er war erkennbar stolz auf die Entwicklung der Hölle und schien den eingeschlagenen Weg für den richtigen zu halten. An der nächsten Station angekommen, wies er einladend auf die Stühle. „Wir werden jetzt ein bisschen Geduld brauchen“, sagte er. „Egal, wie sich das entwickelt: Das Lager ist wirklich groß, selbst die Stille Post braucht ihre Zeit.“ Als sie sich gesetzt hatten, bat er: „Erzählt mir etwas von den Menschen und der Erde. Ich war noch nie dort.“
Crowley sah Gabriel an und stellte fest, dass auch er erstaunt wirkte. Natürlich, es musste sehr viele Dämonen geben, die die Erde nicht kannten oder zumindest nur von kurzen Aufenthalten zur Ausführung von Aufträgen, die sie nicht in näheren Kontakt mit Menschen gebracht hatten. Zwar herrschte inzwischen Reisefreiheit zwischen den Welten, laut des überweltlichen Vertrages sogar Niederlassungsfreiheit, aber sowohl Crowley als auch Gabriel wussten nur zu genau, welche bürokratischen Hürden diese Freiheiten faktisch entwerteten. Das hatten sie sich beide noch nie so richtig klargemacht. Bei den Engeln würde es genau dasselbe sein. Keine gute Voraussetzung für ein vertrauensvolles und friedliches Miteinander, erkannten sie. Und so begannen sie zu erzählen, versuchten einen Einblick zu geben in das Leben der Menschen, in ihren Alltag, ihre Freuden und ihre Sorgen. Milgreth hörte gespannt zu, stellte Zwischenfragen und gab immer wieder seiner Verwunderung Ausdruck. Von den dreien unbemerkt hatten sich auf der anderen Seite des Gitters ebenfalls staunende Zuhörer eingefunden. Erst als sich dort jemand vernehmlich räusperte, sahen Crowley und Gabriel wieder auf und erschraken angesichts der großen Traube von Dämonen, die sich dort in der Zwischenzeit gebildet hatte.
Diplor hatte sich einen Weg hindurch gebahnt. Jetzt wandte er sich um und winkte einladend einem Mann zu, der sich nur zögernd näherte. Erst als Diplor ihm auffordernd seinen Ellenbogen in die Rippen stieß, fasste er sich ein Herz: „Ich bin Balgran“, stieß er hervor. „Was wird mir vorgeworfen?“
Erstaunt sah Crowley den Mann an. Er war genauso dünn wie er selbst, auch seine Nase war ähnlich geformt. Damit hörten aber die Gemeinsamkeiten auch auf. Er war sicher zwei Köpfe kleiner als Crowley, vor allem aber waren seine Haare nicht rot. Glänzend schwarze Locken fielen ihm in die Stirn, auf der Schweißperlen standen. Er hatte offensichtlich Angst. Was auch immer die anderen Inhaftierten gegen ihn in der Hand hatten, er stand nicht freiwillig hier. Vor allem aber war er ganz sicher nicht Balgran. Crowley ließ ihn nicht einmal die Sonnenbrille abnehmen, er war sich seiner Sache gewiss. Er sah Milgreth an und schüttelte den Kopf.
Daraufhin stand der Soldat auf und wandte sich an Diplor: „Was soll dieses Versteckspiel? Hast du schon vergessen, dass die euch gewährten Privilegien an korrektes Verhalten geknüpft sind?“ Der Sprecher der Inhaftierten schien wenig beeindruckt, aber der kleine Mann, der sich als Balgran ausgegeben hatte, fiel auf die Knie. „Bitte, habt Nachsicht, ich konnte mich nicht wehren! Ich wollte die Parlamentäre nicht anlügen.“ Gabriel wollte sich gerade dafür aussprechen, den verängstigten Dämon gehen zu lassen, da sagte Milgreth schon: „Dir macht niemand einen Vorwurf. Steh auf und geh!“
Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Diplor zu: „Wenn es dich nach ein paar Tagen Ruhe und Abgeschiedenheit in Einzelhaft verlangt, dann führe uns ruhig noch einen Schauspieler vor. Ich gebe euch zwei Stunden, wenn wir dann keine zuverlässige Auskunft haben, werde ich mit meiner ganzen Einheit wiederkommen und das gesamte Lager durchkämmen!“ Der Tonfall und die leise, gepresste Stimme ließen keinen Zweifel daran, dass das als Drohung gemeint war. Diplor nickte stumm und zog sich eilig zurück.
Gabriel hatte die Szene mit wachsendem Unbehagen verfolgt. „Milgreth, Diplor, wartet bitte. Balgran wird nichts vorgeworfen. Wir wollen nur herausfinden, ob er hier ist und ob es ihm gut geht.“ Der Soldat sah ihn an, er wirkte verärgert, sagte aber nichts. Dann nickte er. „Du hast Gabriel gehört, Diplor. Und jetzt geh. Wir kehren in zwei Stunden zurück. Dann will ich eine Antwort haben.“ Er brachte Crowley und Gabriel wortlos zurück in die Unterkunft, wo er sie ebenso schweigsam später wieder abholte.
Als sie nach exakt zwei Stunden in den Gang entlang des Hofes zurückkehrten, wartete bereits ein rothaariger Dämon am Gitter der ersten Wachstation auf sie. „Ich bin Balgran“, sagte er. „Warum interessiert ihr euch für mich?“ Bevor Crowley ihn dazu auffordern konnte, die Sonnenbrille abzunehmen, hatte Gabriel schon gesagt: „Wir kennen Arwen.“ Dann passierte alles gleichzeitig: Während der Rothaarige zögernd seine Brille abnahm und dabei dunkle oliv-grüne Augen offenbarte, die nicht zu dem Bild passten, das Crowley von Balgran gesehen hatte, kam es weiter hinten in der Zuschauertraube zu Unruhe.
Milgreth hatte das Mikrofon aktiviert und rief hinein: „Weg vom Gitter und sofort in Reihen aufstellen, wenn ich nicht die Sondereinsatztruppe alarmieren soll!“ Im selben Moment fasste Gabriel Crowley am Arm und zeigte durch das Gitter. Der Dämon hielt den Atem an: Dort bahnte sich jemand entschlossen den Weg durch die Menge, obwohl einige der anderen Dämonen ihn aufzuhalten versuchten. Seine leuchtend grünen Augen blitzten vor Wut und trotz der roten Haare, der Sommersprossen und der kleinen Stupsnase, die ihn unter anderen Umständen sicher liebenswert aussehen ließen, wichen Milgreth, Crowley und Gabriel mit angehaltenem Atem vom Gitter zurück, bis sie die Wand des Wachgangs im Rücken spürten.
Der grünäugige Dämon klammerte sich an die Gitterstäbe und schrie: „Was habt ihr mit Arwen zu schaffen? Wenn ihr meiner Tochter etwas angetan habt, dann lösche ich eure Namen aus dem Buch des Lebens, das garantiere ich euch! Wo…“ Mit diesen Worten sank er in die Knie und kippte im nächsten Moment wie ein nasser Sack zur Seite und blieb still liegen. Milgreth steckte den Taser wieder in seinen Gürtel. Ohne sich umzudrehen, wies er Crowley und Gabriel an: „Ihr kehrt zurück in den Vorraum mit den drei Türen. Wartet dort!“ Sie machten sich ohne Widerrede auf den Rückweg. Sie bekamen schon nicht mehr mit, dass er zwei der Inhaftierten anwies, den bewusstlosen Balgran wegzutragen.