Neue Bekanntschaften (immer noch Samstag)
Neue Bekanntschaften (immer noch Samstag)
In der Buchhandlung lauschten die kleinen und großen Zuhörer fasziniert der Geschichte und verfolgten, wie die späteren Stadtmusikanten sich begegneten und zusammenfanden. Hatten die Vorleserinnen und Vorleser anfangs noch ein angestrengtes Lächeln auf den Lippen, entspannten sie sich zusehends, während sie mit ihren Rollen verschmolzen. Hätte man den Kindern im Publikum jetzt die Augen zugehalten, sie hätten nicht mit Sicherheit zu sagen gewusst, ob der Esel Muriel in graues Fell oder Jeans und T-Shirt gekleidet war, ob Erziraphael, der Hund, vier oder zwei Beine hatte, ob die schwarze Katze Bee einen Schnurrbart trug und ob der Hahn Maggie Flügel hatte oder sie nur mit ungefiederten Armen imitierte. Spätestens als die vier Figuren im Chor schmetterten: „Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal!“, waren die Dämonin, die beiden Engel und die Menschenfrau völlig in der Geschichte aufgegangen. Erst der stürmische Applaus des Publikums holte sie ins Hier und Jetzt zurück. Arwen übernahm es diesmal, die kleinen Zuhörerinnen und Zuhörer zu hausgemachter Limonade und zu Schoko-Cookies einzuladen. Die Ankündigung, dass es heute auch ein Angebot extra für die Großen gab, wurde mit großem Hallo aufgenommen.
Die kurze Verschnaufpause reichte den Stadtmusikanten gerade für einen verstohlenen Blick auf die Handy-Displays, die aber die ersehnten Mitteilungen nicht anzeigten. Schon wurden sie von Eltern bestürmt, die sich die verschiedenen Ausgaben von Grimms Märchen zeigen ließen, Bestellungen aufgaben oder mit den Buchhändlern darüber fachsimpeln wollten, ob Märchen noch zeitgemäß waren. (Natürlich waren sie das! Wie konnte jemand das bezweifeln? Wenn nicht viel Muriel und Erziraphael aus ihren trüben Gedanken reißen konnte, - diese Diskussion konnte es bestimmt!) Auch dem Fingerfood und den Heißgetränken sprachen die erwachsenen Kunden eifrig zu. Die Kinder rannten währenddessen mit lauten „I-Ah“-Rufen, bellend, fauchend oder krähend durch die Buchhandlung, schlugen mit nicht vorhandenen Flügeln, sträubten das nicht existente Fell, knurrten, miauten, fletschten die Zähne, oder verjagten Fliegen mit ihren Schwänzen, die nur im Reich ihrer Fantasie existierten. Zwischendurch wurden sie kurz wieder zu kleinen Menschen, weil Muriel und Arwen darauf beharrten, dass Zucker und Schokolade für Tiere schädlich seien, aber noch bevor die Kekse auch nur angebissen waren, steckten sie wieder kopfüber in ihrer Traumwelt.
Die Glocke erklärte die Pause für beendet. Es war einer der seltenen Tage, an dem es nur mit Hilfe der Eltern gelang, alle Kinder zum Beginn des zweiten Teils wieder auf ihren Stühlen und Kissen zu platzieren und für die nötige Ruhe zu sorgen. Sonst reichte es fast immer, dass Crowley seinen Platz im Sessel wieder einnahm und einen strengen goldgelben Blick in die Runde warf. Keines der Kinder hatte jemals Angst vor Crowley gehabt, aber Respekt flößten ihnen die Schlangenaugen bei Bedarf schon ein. In diese Gedanken war Erziraphael versunken, während er an seinem Platz zwischen den anderen Vorlesern auf seinen nächsten Einsatz wartete. Er konnte nicht vermeiden, dass ihm ein trauriger Seufzer entfuhr. Als daraufhin Bee tröstend nach seiner Hand griff, standen in ihrer beiden Augen Tränen. Schließlich nahm die Handlung sie aber wieder gefangen wie zuvor, und als die Stadtmusikanten schließlich die Räuber mit lautem Geschrei in die Flucht schlugen, sangen, schrien, kreischten, bellten und gackerten sie mit ebenso viel Hingabe und Begeisterung, wie die Kinder, die sie dabei lautstark unterstützten.
Als die erwachsenen Zuhörer am geplanten Ende der Darbietung klatschten und die vier Vorleser aufstanden und sich zum Dank verbeugten, klatschten die Kinder nicht mit. Ein vorlauter Blondschopf in der ersten Reihe hatte gerufen: „Old Mac Donald“, und alle anderen Kinder hatten eingestimmt. Nach wenigen Augenblicken schlossen sich auch die Eltern diesem Chor an und Arwen, die heute ohne ihre Instrumente gekommen war, zog den Koffer heran, in dem sie die Aufnahmetechnik mitgebracht hatte, und begann, darauf mit beiden Händen den Rhythmus zu trommeln. Sobald das Publikum zur Ruhe gekommen war, stimmte die Musikerin das Lied an. Wie in der Vorwoche fielen alle ein und ein lauter und fröhlicher Chor sang alle Strophen des Kinderlieds. Erst dann waren auch die Kinder zufrieden, verabschiedeten sich und ließen sich von ihren Eltern mit nach Hause nehmen. Viele Erwachsene hatten Grüße an Crowley aufgetragen oder gefragt, ob er am folgenden Samstag wieder zurück sein würde. Erziraphael und Muriel hatten jedes Mal tapfer geantwortet: „Das hoffen wir!“, aber es kostete sie viel, dabei den Schein zu wahren und ein fröhliches Gesicht zu zeigen.
Erst als die Gibsons, Maggie und Sariel aufstanden, um beim Aufräumen zu helfen, fiel Muriel auf, dass noch zwei Personen im Raum waren, die nicht zu ihrem Bekanntenkreis gehörten: Es waren die Frauen, die auch in der Vorwoche im Publikum gewesen waren und von denen sie angenommen hatten, dass es sich bei ihnen um Journalistinnen handelte. Auch diese beiden standen nun auf und gingen gezielt auf Erziraphael zu. Muriel folgte ihnen, um dem Buchhändler notfalls zur Seite springen zu können. Der sah die Frauen erst, als sie schon fast vor ihm standen. „Was kann ich für Sie tun?“, fragte er höflich. Vermutlich konnten nur seine Freunde heraushören, dass er - entgegen seiner Art - gerade so gar nicht zum Plaudern aufgelegt war.
„Eigentlich hatten wir vor, etwas für Sie zu tun“, antwortete die kleinere der beiden lächelnd. „Für Sie und Ihren Partner“, ergänzte die andere. „Ist er wirklich verreist?“
Muriel gesellte sich zu ihnen. „Darf ich fragen, warum Sie das interessiert?“, fragte sie und bemühte sich nicht, ihr Misstrauen zu verbergen.
„Ah, Miss Bennet“, das Lächeln, mit dem die Frauen sich ihr zuwandten, war deswegen nicht weniger offen. „Das dürfen Sie selbstverständlich. Wir müssen sehr indiskret auf Sie wirken.“ Die beiden Buchhändler sahen sie abwartend an. „Wir möchten Ihnen sagen, wie leid es uns tut, dass die verdiente Resonanz auf ihre wunderbare Veranstaltung letzte Woche von dieser Lawine des Hasses überschattet wurde.“ Die Größere legte ihren Arm um die Schulter der Kleineren, die ihren daraufhin um die Taille der anderen schlang. „Wir sind ähnliche Reaktionen leider schon gewohnt, aber wenn Sie sonst nicht so in der Öffentlichkeit stehen, hat es Sie vermutlich unvorbereitet getroffen, oder?“
„Überrollt wäre wohl ein treffenderes Wort“, seufzte Erziraphael. „Sind Sie nur deshalb zurückgekommen, um uns das zu sagen?“ Er war so müde, er vermisste Crowley so sehr, er wollte am liebsten allein sein und sich gehen lassen dürfen.
„Nein. Eigentlich sind wir hier, um Ihnen Mut zu machen, den Hatern die Stirn zu bieten.“ Muriel beobachtete die Emotionen, die in Erziraphaels Gesicht miteinander kämpften. Sollte sie sich einmischen, ihm gut zureden, auf die Frauen zu hören und sich zur Wehr zu setzen? Fiele sie damit nicht Crowley in den Rücken, dem schon die erste Welle so zugesetzt hatte?
Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, als Sarah sich vor ihnen aufbaute. „Ich habe Ihnen das auch schon gesagt, Erziraphael. Werden Sie jetzt endlich so vernünftig sein, auf diesen Rat zu hören?“
„Sie haben recht“, meldete sich da unerwartet die sonst so zurückhaltende Maggie zu Wort. „Ich hatte erst Zweifel, als Nina uns letzten Sonntag vor den Gästen so offensiv geoutet hat. Aber sie hatte recht mit allem, was sie da gesagt hat." Maggie schien wirklich keine Bedenken mehr zu haben. Überzeugt fuhr sei fort: "Wir dürfen nicht länger hinnehmen, dass Homophobie Teil unseres Alltags ist. Gerade, wenn man versucht, uns aus der Öffentlichkeit zu drängen, müssen wir aufstehen, sichtbar sein, laut werden.“
Die Journalistinnen nickten ihr zu. Die Größere streckte ihr die Hand hin: „Ich bin Mary-Anne“, stellte sie sich vor. Ihre Partnerin schloss sich an: „Sammy“, sagte sie nur und schüttelte Maggies Hand.
Erziraphaels Miene verriet seine Zerrissenheit. Dann gab Muriel sich einen Ruck: „Ich glaube, sie haben recht“, flüsterte sie ihm zu. „Ihr habt schon ganz andere Schlachten geschlagen und ihr habt es verdient, jetzt endlich miteinander glücklich zu sein! “
Er seufzte und sah hilfesuchend zu Sariel und Alec, aber auch sie schüttelten den Kopf. „Glauben Sie einem Mann mit drei Frauen im Haus“, sagte der Schreiner lächelnd. „Sie geben am besten gleich nach, sonst verlängern Sie nur den Kampf. Sie können nicht gewinnen, wenn die Frauen sich gegen Sie einig sind.“
Der Engel zuckte mit den Schultern. „Offensichtlich bin ich überstimmt. Aber lassen Sie uns bitte im Sitzen weiterreden.“ Er wies den Weg in den hinteren Teil der Buchhandlung und zeigte dann einladend auf den Esstisch. Sarah hielt ihre Töchter zurück und ließ sie die von der Veranstaltung übrig gebliebenen Häppchen und Getränke mit nach hinten nehmen, bevor sie den anderen folgten.
„Nun“, sagte Erziraphael und sah in die Runde. „Was soll ich Ihrer Meinung nach tun?“
***
Crowley und Gabriel waren Milgreths Anweisung gefolgt und standen nun wieder in dem ihnen schon bekannten Vorraum. Sie mussten nicht lange warten, bis Milgreth ihnen folgte. „Alles in Ordnung mit euch?“, fragte er. Beide nickten.
„Verrätst du uns, warum du vorher so verärgert warst?“, fragte Crowley.
Milgreth antwortete nicht sofort, sondern rieb sich nachdenklich das Kinn. „Ich wollte nicht unhöflich sein. Es ist nur so, dass alle Inhaftierten sich verpflichtet haben, niemanden zu verstecken oder zu decken. Damit diese Vereinbarung einen Wert hat, muss sie eingehalten werden, egal, ob der Gesuchte etwas zu befürchten hat oder nicht.“ Er schien sich unwohl zu fühlen. „Es ist immer noch ein Gefangenenlager. Wir müssen ein Minimum an Regeln durchsetzen, sonst führt das früher oder später zu Anarchie.“ Natürlich, das sahen die beiden Besucher ein. „Aber ihr konntet von dieser Vereinbarung nichts wissen und ich verstehe, dass ihr eine Eskalation vermeiden wolltet.“ Er zeigte auf die einzige Tür, durch die sie bisher noch nicht gegangen waren. „Lasst sie uns befragen, vielleicht sehen wir dann klarer.“ Ohne ihre Reaktion abzuwarten, verschwand er durch die mittlere Tür und sie folgten ihm eilig in den dahinter liegenden Gang. Sie sahen Milgreth durch eine weitere Tür gehen und betraten hinter ihm einen Raum, der durch eine Zwischenwand mit einer großen Glasscheibe geteilt wurde. Auf der anderen Seite der Scheibe saßen Diplor und Balgran. Der Rothaarige war wieder bei Bewusstsein, wirkte aber noch benommen. Der Gefangenensprecher war mit seinem Stuhl nahe an ihn herangerückt und stützte ihn, damit er nicht von der Sitzfläche rutschte.
„War das wirklich nötig?“, zischte er Milgreth an.
Dieser hob abwehrend die Hände: „Du kennst die Regeln: Niemanden decken und keine Aggressionen“, erwiderte er ungerührt. „Und jetzt wird es höchste Zeit für ein paar offene Worte: Bist du Balgran?“ Er sah den Rothaarigen an. „Warum nennst du dich Barry? Und warum lässt du dich verleugnen?“
Bei dem Namen Barry hatten Gabriel und Crowley sich verstohlen angesehen und sich zugenickt. Wenn sie noch einen Beweis gebraucht hatten, war er das.
„Er ist es“, sagte Crowley und legte eine Hand besänftigend auf Milgreths Unterarm. „Barry ist der Name, den er auf der Erde trug, ein unauffälliger menschlicher Name.“
„Also eine Tarnidentität?“, fragte der Soldat nach.
„Gewissermaßen“, sagte Gabriel. „Vor dem Großen Vertrag gaben sich alle Engel und Dämonen auf der Erde als Menschen aus, um sich nicht in Gefahr zu bringen. Ein menschlicher Name war unverzichtbar, wenn man sich länger dort aufhielt.“
„Keine Tarnidentität.“ Alle Köpfe wandten sich Balgran zu, der unerwartet das Wort ergriffen hatte. „Barry ist der, der ich sein will. Ein Mann, der mit seiner Familie in Frieden leben kann. Ein Ehemann,“ – hier wurde seine Stimme noch leiser – „und ein Vater, der seine Liebsten beschützen und für sie sorgen kann.“
Crowley sah sich nach Milgreth um. „Familie“, „Ehemann“, „Vater“, das waren Begriffe, die für den Soldaten noch keine Bedeutung hatten, wie er wusste. Balgran sprach von Erfahrungen, die Milgreth nie gemacht hatte. Gespannt wartete er auf seine Reaktion.
„Ich habe nicht die Kompetenz, deinen Fall zu beurteilen. Unser Hauptmann wird später entscheiden müssen, ob du bestraft wirst und wie.“ Milgreth überraschte ihn. Schon wieder. Hilfesuchend sah der Soldat jetzt zu Crowley: „Ich kann in dieser Situation nicht adäquat urteilen. Führe du das Gespräch mit Balgran. Barry. Wie auch immer. Warum bist du sicher, dass er der Gesuchte ist?“
Crowley sah ihn mit weiter gewachsenem Respekt an. Es gehört viel dazu, einzuräumen, dass man etwas nicht kann oder weiß, und um Rat und Hilfe zu bitten. Noch dazu einen Fremden. Vor Zeugen. Wenn es mehr Dämonen wie Milgreth gab, die sich in Frage stellten, die offen waren und lernen wollten, dann hatte die Hölle eine Zukunft, dann wäre eine friedliche Koexistenz mit Menschen und Engeln eine reale Möglichkeit.
Er war abgeschweift, bemerkte er, und rief sich zur Ordnung. „Ich habe Fotos von ihm gesehen. Und ich weiß, dass er unter dem Namen Barry Carpenter auf der Erde gelebt hat, bis er entführt und interniert wurde.“ Er zog sein Handy heraus, öffnete eine App und scrollte bis zu der Suchanzeige, die Arwen auf Muriels Drängen hin veröffentlicht hatte. Er zeigte zuerst noch einmal Milgreth das Foto. „Du hast es schon gesehen, erinnerst du dich?“ Der nickte nur und gab ihm mit einer Geste zu verstehen, dass er freie Hand hatte. Crowley wandte sich nun Balgran zu. „Deine Familie und du haben nichts von uns zu befürchten“, sagte er, bevor er dem Inhaftierten ebenfalls das Handy hinhielt. Balgran starrte ungläubig auf das Bild, das ihn mit seiner Frau und Arwen zeigte. Plötzlich standen Tränen in seinen Augen. „Woher hast du das?“
„Deine Tochter hat diese Suchanzeige aufgegeben, um herauszufinden, ob du noch lebst und wo du bist“, erklärte Crowley.
„Seid ihr so etwas wie Kopfgeldjäger?“, fragte der Gefangene mit zittriger Stimme.
Gabriel und Crowley schüttelten synchron den Kopf. Der Dämon suchte die Fotos von der Lesung, die Arwen mit ihrer Musik begleitet hatte. Er fand das Bild, das ihn und Arwen mit Buch und Flöte zeigte, dasselbe, von dem Nina so geschwärmt hatte, auch wenn er das nicht wusste. Er schob das Telefon durch die kleine Durchreiche, damit Balgran es besser ansehen konnte. „Wir durften deine Tochter vor Kurzem kennen lernen. Sie ist eine sehr talentierte Musikerin.“ Der Dämon starrte auf das Handy-Display und wollte etwas fragen, aber die Worte blieben ihm im Hals stecken. Als Nächstes suchte Crowley das Foto von Muriel und Arwen und zeigte es ihm: „Arwen ist eine Freundin unserer Freundin Muriel. Sie hat uns miteinander bekannt gemacht. Deine Tochter ist eine wunderbare junge Frau. Liebenswert, hilfsbereit, sehr begabt.“
Balgran hatte nach dem Telefon gegriffen und strich gerührt über das Display. Als daraufhin das Bild verschwand, ließ er das Gerät beinahe fallen. „Wo ist es hin? Hol es zurück!“ Bereitwillig rief Crowley es wieder auf. „Nicht berühren“, empfahl er. „Ist das wirklich meine Arwen?“, fragte Balgran, schon wieder neue Tränen in den so ungewöhnlich grünen Augen. „Sie war noch so klein. Bestimmt erinnert sie sich nicht einmal mehr an mich.“
Seine Trauer ging Crowley und Gabriel nahe. „Sie erinnert sich“, sagte Crowley sanft. „Sie hat mir erzählt, wie du ihr unter deinen Flügeln Lieder vorgesungen hast, die du dir für sie ausgedacht hattest.“ Das war zu viel für den Mann, der sich seit so vielen Jahren nach seiner Familie sehnte. Er sank in sich zusammen und begann, heftig zu schluchzen. Diplor legte ihm tröstend einen Arm um die Schultern.
Gabriel sah sich nach Milgreth um. „Ist dieser Verhörraum wirklich notwendig?“, fragte er. „Können wir uns nicht irgendwo zusammen hinsetzen?“ Der Soldat zögerte, gab sich aber schließlich einen Ruck. „In Ordnung. Aber vorher habe ich Fragen an Diplor.“ Er zeigte anklagend auf den gewählten Vertreter der Inhaftierten. „Warum dieses Versteckspiel? Warum wolltest du von ihm ablenken?“
Diplor sah sie nicht an. Er rang nervös seine Hände, was Crowley an Erziraphael erinnerte und ihn traurig lächeln ließ. „Wir können nicht auf ihn verzichten“, sagte der blonde Dämon nach einer Weile. „Er ist es, der hier alles zusammenhält. Jeder hört auf ihn und er kann sie immer wieder davon überzeugen, sich zu gedulden, bis die versprochene Prüfung ihrer Fälle erfolgt.“ Er zögerte, fügte dann aber hinzu: „Ohne ihn wäre es vielleicht längst zu einer Revolte gekommen. Aber er wollte sich partout nicht zur Wahl stellen. Ich bin im Grunde nur das Sprachrohr.“
Balgran meldete sich zu Wort: „Ich habe mich um diese Rolle nicht gerissen. Ich weiß nicht, warum sie auf mich hören. Aber gerade, weil sie auf mich hören, will ich nicht den Eindruck erwecken, dass ich versuche, mich bei der Obrigkeit beliebt zu machen. Aber ich habe niemanden gebeten oder gar gedrängt, sich für mich auszugeben.“
Crowley versuchte zu erkennen, ob die beiden Gefangenen den Soldaten überzeugt hatten. Der spürte seinen forschenden Blick und sah auf. Sie nickten sich zu und Milgreth stand auf. „Du kannst gehen, Diplor.“ Er wartete, bis der Gefangenensprecher den Verhörraum verlassen hatte, dann wandte er sich an Crowley und Gabriel. „Ich kann ihn nicht aus diesem Raum heraus lassen, aber ihr könntet zu ihm hineingehen, wenn ihr das wollt.“ Sie nickten stumm und folgten Milgreth, der sie zuerst zurück in den Gang führte und ihnen dann die nächste Tür öffnete, die direkt in die andere Hälfte des Verhörraums führte. „Ich muss die Tür hinter euch verschließen. Und ich kann nicht hier warten, um euch jederzeit hinauslassen, meine Schicht beginnt.“ Er zeigte auf einen Schalter neben der Tür. „Wenn ihr den betätigt, kommt innerhalb von wenigen Minuten jemand und lässt euch hinaus. Vertraut ihr ihm so, dass ihr euch darauf einlassen wollt?“ Sie nickten wieder und hielten dem nachdenklichen Blick Milgreths stand, bis er mit den Schultern zuckte und sie mit Balgran allein ließ.
***
In einer Wohnung in Westminster waren zwei Frauen schweigend in ihre Arbeit vertieft. Die eine hatte Kopfhörer auf, schaute konzentriert auf einen Bildschirm und war mit dem Schnitt von Audiodateien beschäftigt. Die andere starrte in ihre handschriftlichen Notizen, die sie immer wieder mit einem Transkript verglich, bevor sie dann jeweils einige Zeilen tippte. Später am Nachmittag schob sie die Tastatur von sich weg, rieb sich die Augen und ließ den Kopf kreisen, um die angespannten Halsmuskeln zu lockern.
„Wie weit bist du?“, fragte sie.
Ihre Partnerin hob den Kopf und verschob den Kopfhörer so, dass ein Ohr frei blieb. „Gleich fertig.“ Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Mir ist was Komisches aufgefallen.“
Sammy zog die Augenbrauen hoch. „Was denn?“.
Mary-Anne zeigte auf den Bildschirm. „Die obere ist die Wellenform der Original-Tonspur vor dem Schnitt. Der Buchhändler hat vollkommen flüssig gesprochen, keine langen Pausen, kaum Versprecher, kein „Äh“, auch keine anderen Füllwörter.“
Die kleinere Frau wartete auf weitere Erklärungen.
„Mit einer Ausnahme“, fügte ihre Freundin hinzu.
„Und welcher?“
„Immer, wenn du nach seiner Vergangenheit gefragt hast, hat er gestockt. Jedes einzelne Mal.“
Sammy scrollte daraufhin durch ihren Text. „Ich werd‘ verrückt! Du hast recht. Er hat auch auf keine dieser Fragen eine konkrete Antwort gegeben.“ Sie scrollte ein Stück weiter, dann begann sie vorzulesen.
- Seit wann betreiben Sie diese Buchhandlung?
o Oh, schon ewig. Das Haus ist seit seinem Bau in Familienbesitz.
- Dann sind sie also schon hier geboren?
o Nein, das nicht. Aber das würde jetzt zu weit führen.
- Wenn Sie schon so lange hier leben, sind Sie im Viertel sicher hervorragend vernetzt?
o Leider nicht. Ich bin eher ein Eigenbrötler und nicht sehr gesellig.
- Sind wirklich alle Holzarbeiten hier von der Schreinerei Gibson angefertigt worden?
o Mit Ausnahme des Tresens. Schon die Originalausstattung wurde von Alecs Vorfahren gefertigt.
- Ihr Partner und Sie sind wohl schon sehr lange zusammen?
o Nein, das nicht. Wir kennen uns zwar schon fast unser ganzes Leben, aber ein Paar sind wir erst seit Kurzem.
„Es wird noch seltsamer“, sagte sie, den Blick immer noch auf den Bildschirm gerichtet. „Auch die Töchter des Schreiners haben gesagt, sie kennen ihn, solange sie denken können. Und ihr Vater sagte, er könne sich nicht mehr erinnern, wann er ihn kennen gelernt habe.“ Sie runzelte die Stirn. „Irgendwas muss da in seiner Vergangenheit sein, über das wir nichts erfahren sollen. Und die Schreinerfamilie hat etwas damit zu tun.“
Mary-Anne dachte laut nach: „Die Buchhändlerin und die Musikerin haben aber beide gesagt, dass sie ihm vor Kurzem zum ersten Mal begegnet sind, beide hier in der Buchhandlung. Die Blonde aus dem Café kannte ihn als Vermieter und Musikliebhaber schon länger, weil sie den Plattenladen von ihm gemietet hatte. Befreundet sind sie aber noch nicht lange, jedenfalls habe ich es so verstanden.“
Sammy hatte ihr konzentriert zugehört. „Das klingt beinahe, als hätte er dieses Haus so gut wie nie verlassen.“ Dann schüttelte sie den Kopf. „Der Einzige, der so gar nicht ins Muster passt, ist der schüchterne Kerl. Hat der nicht gesagt, dass er ihm zum ersten Mal begegnet sei, als er für ihn gearbeitet hat? Was hat er nochmal gesagt, wo das war? Hat er überhaupt was dazu gesagt?“
Mary-Anne starrte auf ihre Notizen, dann schüttelte sie ungläubig den Kopf. Ihre Augen wurden ganz rund und sie las den nächsten Satz ab: „Das war in einer anderen Welt.“
Die Journalistinnen sahen sich lange an. „Das klingt alles reichlich sonderbar, meinst du nicht? Haben unsere vermeintlichen Hater-Opfer etwas zu verbergen?“, fragte Mary-Anne schließlich.
„Das sollten wir wohl besser herausfinden, bevor wir den Bericht ins Programm nehmen“, antwortete Sammy. Sie wurden sich schnell einig darüber, wie sie die Recherchen unter sich aufteilen würden, dann griff die kleinere nach ihrem Handy, während ihre Partnerin sich wieder ihrem Bildschirm zuwandte und den Internet-Browser öffnete.