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Klare Verhältnisse (immer noch Samstag)

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Klare Verhältnisse (immer noch Samstag)

In der Buchhandlung war mittlerweile wieder Ruhe eingekehrt. Nachdem die Reporterinnen sich verabschiedet hatten, hatten alle gemeinsam die Klappstühle und Kissen weggeräumt, Geschirr gespült und die Reste verpackt. Danach hatte Alec sich mit seiner Familie auf den Heimweg gemacht, aber versprochen, gleich mit Farbe und Werkzeug wiederzukommen. Maggie kehrte ins Café zurück, um Nina zu helfen. Auch Arwen verabschiedete sich, um die Aufnahme zu sichten und zu bearbeiten. „Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich dabei zuschaue?“, fragte Bee. Die Halbdämonin lächelte. „Gar nicht. Wenn es dich so interessiert, kannst du mich gerne begleiten.“ So hatten die beiden Frauen gemeinsam die Buchhandlung verlassen und die Engel sahen ihnen leicht verwundert nach.

„Seit wann interessiert Bee sich für Technik?“, fragte Erziraphael.

Muriel schüttelte den Kopf. „Ich glaube, sie interessiert sich nicht vorrangig für die Technik“, sagte sie nachdenklich. „Sie interessiert sich aber umso mehr für Musik. Ich vermute, sie hat erkannt, dass sie von Arwen lernen kann, auch Aufnahmen von Musik zu bearbeiten.“

Der Buchhändler sah sie erstaunt an. „Woher weißt du das alles? Sie hat doch noch nie über Musik gesprochen.“

Muriel grinste. „Erinnerst du dich etwa nicht, dass sie Gabriel nicht zuletzt über ein gemeinsames Lied nähergekommen ist?“ Sie summte „Every day it is getting closer“ und sah ihn erwartungsvoll an. Erziraphael war verwirrt. „Die Platte war übrigens auch in der Kiste, die Maggie ihr geschenkt hat, außerdem einiges von Elvis, Fats Domino und Chuck Berry. Bee ist ganz verrückt nach Rock’n Roll und Pop aus den Fünfzigern.“

Der Buchhändler sah regelrecht unglücklich aus. „Warum weiß ich das alles nicht? Bin ich wirklich so unaufmerksam?“

Muriel stand auf und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Vergiss nicht: Du warst sehr lange nicht hier. Zwischen Letztem Gericht und Großem Vertrag haben wir anderen sehr viel Zeit miteinander verbracht.“

Sie klopfte ihm aufmunternd auf den Rücken, dann wandte sie sich zu Sariel um. „Ich muss gestehen, dass ich unsere gemeinsamen Lektüren arg vernachlässigt habe. Willst du mir von dem Buch erzählen, das ich hätte lesen sollen? Ich könnte dabei vorne ein bisschen aufräumen.“ Der andere Engel nickte und folgte Muriel in den Laden. Kurz darauf hörte Erziraphael ihn mit einem Feuereifer, den er philosophischen, bevorzugt rechts-philosophischen Denkern und ihren Texten vorbehielt, über ein Werk namens „Gerechtigkeit als Fairness“ referieren.

Der ehemalige Erzengel war allein zurückgeblieben und drohte, in trübe Gedanken zu versinken. Wo Crowley wohl gerade war? Ob es ihm gut ging? Hätte er ihn nicht doch daran hindern sollen, noch einmal hinunterzusteigen? Genug! Er musste sich ablenken! Entschlossen stand er auf und sah sich nach Hexe um. Die große Hündin lag auf ihrem Lieblingskissen, aber als er leise sagte: „Wollen wir spazieren gehen, Mädchen?“, stand sie umgehend auf und folgte ihm wedelnd zur Tür. „Wenn Crowley wüsste, wie ich dich vernachlässige, würde er mir bittere Vorwürfe machen“, fügte er hinzu. „Und wenn wir wiederkommen, muss ich unbedingt nach den Pflanzen sehen!“ Er steckte sich ein paar Leckerli ein, griff nach der Leine und winkte im Hinausgehen Muriel und Sariel zu, die in eine rege Diskussion vertieft waren. Direkt vor der Tür ergriff in eine kühle Windböe, aber es konnte ihm nur gut tun, sich den Kopf einmal gründlich durchpusten zu lassen. Vielleicht käme ihm dann endlich eine Idee, wie man dem Irrsinn ein Ende setzen könnte, der gerade auf der ganzen Welt um sich zu greifen schien. An das Gespräch mit den beiden Reporterinnen, das sie nach der heutigen Lesung geführt hatten, dachte er mit keiner Silbe mehr.

***

„Was musste euch meine Familie bezahlen, damit ihr mich hier sucht?“ Balgran brach als Erster das Schweigen. „Habt ihr keine Nachricht für mich?“ In seinem Gesicht wechselten Misstrauen und Hoffnung einander ab.

„Deine Familie weiß nicht einmal, dass wir hier sind.“ Gabriel nahm das Misstrauen des fremden Dämons gelassen.

„Wir kennen deine Frau nicht, Balgran“, fügte Crowley hinzu. „Unsere Freundin Muriel ist ihr schon begegnet, wir aber noch nicht.“

Arwens Vater war offensichtlich noch nicht überzeugt. „Warum solltet ihr nach mir suchen, wenn ihr keinen Vorteil davon habt? Wenn es nicht Geld ist, was ist es dann? Was habt ihr verlangt?“ Er sah zwischen den beiden hin und her. „Ihr habt euch doch nicht aus lauter Edelmut in eine solche Gefahr begeben.“

Der Engel schüttelte verärgert den Kopf. „Wenn du noch lange so weitermachst, dann bereue ich gleich, dass ich so dumm war.“ Crowley gab ihm einen Wink und Gabriel seufzte. „Entschuldige, das war nicht so gemeint.“

Sein Freund nickte ihm dankbar zu, dann ergriff er das Wort. „Wir hatten ursprünglich auch nicht vor, dich hier unten zu suchen. Muriel hatte uns erzählt, wie du in Arwens Kindheit entführt wurdest, und wir wollten nur herausfinden, ob du noch lebst und wo du dich aufhalten könntest.“ Balgran hörte ihnen aufmerksam zu, seine Körpersprache und seine Mimik zeigten jedoch, dass sein Misstrauen noch nicht ausgeräumt war. „Gabriel hat eine ganz offizielle Anfrage platziert, aber dabei ist nichts herausgekommen.“

Gabriel bestätigte das mit einem Wortschwall: „Zuständigkeiten, Hierarchien, Formulare, Datenschutz, Bescheinigungen, Sicherheitsfreigaben, Protokolle, Stellungnahmen, - die kombinierte Bürokratie von Oben und Unten hat es nicht einfacher gemacht, das kannst du mir glauben!“ Der Stoßseufzer des Engels kam von Herzen und Balgran musste wider Willen lächeln.

„Daraufhin hat Bee es auf dem direkten Weg versucht und Furfur um Hilfe gebeten“, berichtete Crowley weiter.

„Bee? Wer ist das?“ Wenigstens hörte der fremde Dämon zu, sie hatten also noch nicht verloren.

„Beelzebub“, antwortete Gabriel. Jetzt hatten sie Balgrans ganze Aufmerksamkeit.

„Es ist also wahr? Satans Vize ist übergelaufen?“

Der ehemalige Erzengel musste sich zusammenreißen, um sachlich zu bleiben. „Sie ist nicht übergelaufen. Genauso wenig wie ich. Wir haben etwas gefunden, was uns wichtiger ist, als es die alten Lager sind. Müsstest nicht gerade du dafür Verständnis haben?“

Arwens Vater antwortete nicht. Nach einigen Augenblicken bat er Crowley fortzufahren. „Furfur hat ihr verraten, dass die Lager in den oberen Kreisen der Hölle überstürzt aufgelöst worden sind und alle Gefangenen verlegt wurden. Einiges deutete darauf hin, dass du und deine Mitgefangenen hierher verlegt wurdet.“

Gabriel nahm den Faden auf. „Furfur behauptete, dass wir zwei“, er zeigte auf Crowley und sich selbst, „die besten Chancen hätten, dich zu finden und auch den Weg zurück zu überstehen. „Angeblich, weil einige unsere beiden ersten Besuche gut und richtig fanden. Na ja, und hier sind wir“, schloss er.

Balgrans Blick forschte noch immer in ihren Gesichtern nach Anzeichen für Lüge oder List. Er schien nicht fündig zu werden, jedenfalls fragte er nicht mehr nach. „Und jetzt, wo ihr mich gefunden habt, was habt ihr mit mir vor?“ Er schaute sie neugierig an.

Zu seiner Enttäuschung wechselten die Parlamentäre einen ratlosen Blick. „Ich fürchte, dafür haben wir keinen Plan“, gestand Gabriel. „Wir konnten ja nicht mal sicher sein, ob wir es hierher schaffen, ob wir dich finden, wie es dir geht und ob du von deiner Familie überhaupt noch etwas wissen willst.“

Balgran nickte mechanisch und kämpfte darum, von der Welle der Trauer, die über ihn hinwegspülte, nicht fortgerissen zu werden. „Werdet ihr Anna und Arwen von mir erzählen? Kann ich euch eine Nachricht mitgeben?“ Flehend sah er Crowley an. „Wenn sie noch immer auf mich warten, werden sie doch sicher nicht ausgerechnet jetzt aufgeben, wo unsere Rehabilitation kurz bevorsteht, oder?“

Gabriel wünschte sich inständig, er könne dem Mann vor ihm mehr anbieten, mehr für ihn tun, aber er wusste, dass er ihm nicht einmal das versprechen konnte. Es gab keine Garantie, dass sie es zurück nach London schaffen würden. Er wusste nicht, ob Balgrans Frau und Tochter ihnen glauben würden. Vor allem aber hatte er größte Zweifel daran, dass die internationale Politik sich bald um die Insassen der höllischen Lager kümmern würde. Sie wären ohnehin zuletzt an die Reihe gekommen. Angesichts der aktuellen Bedrohungen auf der Erde würden die Regierenden sich jetzt aber generell davor hüten, irgendeinen Unsterblichen auf freien Fuß zu setzen, wenn es zu vermeiden war. Sie hatten schließlich mit den anderen gerade mehr als genug zu tun.

Balgran wandte sich traurig ab. Gabriels Gesicht hatte ihm alles verraten, was er wissen musste: Das Beste, worauf er hoffen konnte, war, dass seine Familie erfuhr, wo er war. Aber er würde nicht wissen, ob die beiden vor ihm es überhaupt zurück geschafft hatten. Die Tage, Wochen und Monate der Unsicherheit würden also einfach weitergehen, sich endlos vor ihm ausdehnen, ihn zermürben und lähmen. Er würde weiterhin versuchen, die anderen zu besänftigen, ihnen Hoffnung zu machen und sie auf Solidarität und Geduld einzuschwören. So lange, wie er es noch konnte. Aber er war so unendlich müde.

Er schreckte aus seinen trüben Gedanken hoch, als Gabriel doch noch antwortete: „Wenn wir es zurück schaffen, werden wir berichten, wie schnell die Reform der Hölle voranschreitet, und wir werden dafür werben, dass die Hölle dabei unterstützt wird und ihr schnell befreit oder wenigstens auf die Erde verlegt werdet. Und natürlich werden wir deiner Familie erzählen, dass wir dich gefunden haben.“ Er wusste selbst, wie wenig das war, und dass es sich für den inhaftierten Dämon noch weniger anfühlen musste. Aber sonst hatten sie nun einmal nichts anzubieten.

„Soll ich dir von deiner Tochter erzählen?“, fragte da plötzlich Crowley in die bedrückte Stille hinein.

„Oh ja!“ Balgrans Körper schien sich zu straffen und die eben noch leeren Augen nahmen die Umgebung wieder wahr. „Bitte erzähl mir alles von ihr!“ Und so erzählte Crowley das Wenige, das er wusste, von Arwens Masterstudium am Royal College of Music, ihrer Band „Land of Faraway“, ihrer Freundschaft mit dem Engel Muriel, dass sie die wenigen Fotos, die es von ihrem Vater gab, auf ihrem Handy mit sich herumtrug, wie lange ihre Mutter um ihn getrauert hatte, wie freundlich Arwen war, wie fröhlich, wie spontan, wie hilfsbereit und liebenswert, wie schön. Dass sie am College Freunde gefunden hatte, welche Instrumente sie spielte und wie sie in der Buchhandlung die beiden letzten Lesungen bereichert hatte. Er erzählte, wie ablehnend er ihr beim ersten Mal begegnet, und wie großherzig sie darüber hinweggegangen war. Und er erzählte, wie sie sich über ihn und die anderen Unsterblichen lustig gemacht hatte, weil sie „Old Mac Donald had a farm“, nicht kannten. Dabei ließ er Balgran nie aus den Augen, weil er befürchtete, dass die Erinnerungen ihn überwältigen könnten. Als diesem bei seinem letzten Satz die Tränen in die Augen traten, unterbrach er sich:

„Hat sie das auch von dir gelernt?“ Der stupsnasige Dämon lächelte unter Tränen und nickte. „Du warst sicher ein wunderbarer Vater“, sagte Crowley voller Überzeugung.

Balgran schüttelte heftig den Kopf. „Ein wunderbarer Vater lässt seine kleine Tochter und seine Frau nicht allein zurück!“, sagte er barsch. „Ich würde jetzt gerne gehen“, fügte er hinzu, stand abrupt auf und zeigte auf die Tür hinter sich.

Gabriel war überrascht. „Wolltest du uns nicht wenigstens eine Nachricht für deine Familie mitgeben?“, fragte er. „Ich muss darüber nachdenken.“ Mit diesem Satz ging der Dämon zur Tür und drückte dort eine Taste. Kurz darauf summte etwas und die Tür zum Lager schwang auf. Wortlos ging Balgran hindurch.

***

Erziraphael folgte Hexe ins Haus. Sie hatten einen sehr langen Spaziergang gemacht, einen wirklich ungewöhnlich langen. Er hatte von Anfang an eine große Runde geplant, sie war jedoch noch deutlich größer ausgefallen als beabsichtigt, weil er sich – in seine Gedanken versunken – immer weiter von der Wickber Street entfernt hatte, anstatt an einer der üblichen Stellen abzubiegen und den Rückweg anzutreten. Als er endlich gemerkt hatte, wie weit sie von der Buchhandlung weg waren, hatte er erwogen, für den Heimweg den Bus zu nehmen, dann aber feststellen müssen, dass er ohne seine Geldbörse aus dem Haus gegangen war. Weil Schwarzfahren nicht in Frage kam – natürlich kam es das nicht – waren sie lange unterwegs gewesen, so lange, dass selbst Hexe erschöpft war, als er die Ladentür aufschloss und sie vorangehen ließ.

Er nahm ihr das Halsband ab und sagte: „Du bist auch froh, wenn dein Herrchen endlich zurück ist, oder? Ich bin ein jämmerlicher Ersatz.“ Trotz seiner schmerzenden Füße und obwohl er furchtbar durstig war und seine Schuhe drückten, füllte er zunächst Hexes Näpfe. Aber sie ignorierte das frische Wasser und das Futter. Stattdessen trottete sie durch den Laden und schnüffelte an der Hintertür, am Sofa, an den Jacken, die an der Garderobe hingen, an dem Sessel zwischen den Ständern mit Kinderbüchern, an der Schublade, in der Muriel die Blanko-Karten für die Buchempfehlungen aufbewahrte, an den Stühlen rund um den Esstisch und am Kühlschrank. Dann schlich sie zum Fuß der Treppe, schnüffelte an den untersten Stufen, sah nach oben und winselte leise.

„Er ist nicht nach Hause gekommen, Mädchen“, seufzte der Engel, der ihr mit den Augen von Station zu Station gefolgt war. Er hatte als Schattenbilder gesehen, was die Hündin als flüchtigen Geruch wahrnahm: Crowleys transparente Silhouette an der Hintertür, wie er Hexe hinausließ, auf dem Sofa liegend, ein Glas Whiskey in der Hand, an der Garderobe, an die er nachlässig seine Jacke hängte, im Schneidersitz auf dem Sessel, den Blick in einem aufgeschlagenen Buch, Karten aus der Schublade ziehend, die er dann am Tisch beschriftete, Tomatensaft aus der Tüte trinkend, mit schwingenden Hüften vor ihm auf der Treppe. Erziraphael schluchzte unvermittelt auf. Das Haus war so furchtbar leer ohne Crowley!

Hexe hatte sich mittlerweile resigniert ihrer Mahlzeit zugewendet, den Wassernapf fast leergetrunken und stöberte nun mit der Schnauze lustlos im Trockenfutter herum. „Hat es dir auch den Appetit verschlagen?“ Er sah sie liebevoll an. „Wenn das möglich ist, vermisst du ihn noch mehr als ich, oder?“ Sie hatte ihn angeschaut, solange er mit ihr sprach, nun wandte sie sich ab und rollte sich auf ihrem Kissen zusammen. Der Engel drehte das Wasser wieder auf und trank direkt vom Hahn, bis er nicht mehr konnte.

„Erziraphael? Ist etwas passiert? Wo wart ihr so lange?“ Er drehte sich zu Muriel um, die in der offenen Ladentür stand, mit einer der kleinen Transportboxen des Cafés in der Hand. Er bemühte sich, ihr ein Lächeln zu schenken, aber es gelang ihm nicht so recht. „Wir haben es geschafft, uns in Soho zu verlaufen“, sagte er. „Oder eher bis weit hinter Mayfair.“ Er schlüpfte aus den Schuhen und ließ sie mitten in der Küche stehen, dann ließ er sich auf einen Stuhl fallen. „Ich glaube, ich habe mir Blasen gelaufen“, jammerte er. Muriel durchquerte schnell den Raum und stellte die Box vor ihm ab. Sie schlang ihre Arme um ihn und flüsterte: „Ich vermisse ihn auch, Erziraphael.“  Dann hielt sie ihn fest, bis seine Tränen versiegt waren.

Es gelang Muriel, ihn zum Essen zu überreden. Als er eines der Sandwiches, die Nina und Maggie ihr mitgegeben hatten, aufgegessen hatte, ohne dass er hätte sagen können, was er da kaute und schluckte, schob er den Teller von sich weg. Er bemerkte, wie ihr Blick zwischen ihm, dem zweiten Sandwich auf seinem Teller, dem Wasserhahn, den Schuhen auf dem Küchenfußboden und dem mitten im Laden liegen gebliebenen Hundehalsband hin und her wanderte. Erziraphael fühlte sich ertappt. „Was für eine Verrohung der Sitten, oder?“

Muriel lächelte. „Quatsch!“, sagte sie. „Maggie würde sagen: ‚Das ist doch nur menschlich‘ und sie hätte recht.“ Er öffnete den Mund, um ihr zu widersprechen, aber sie kam ihm zuvor: „Nein, Erziraphael, sag es nicht! Es ist nicht wahr. Wir sind so viel mehr Mensch, als der Himmel uns hat glauben lassen.“ Er schaute sie stumm an, den Mund immer noch geöffnet. „Je länger ich auf der Erde bin, umso sicherer bin ich mir“, fuhr Muriel fort. „Und ich glaube, das, was uns menschlich macht, ist das Beste an uns.“ Sie hatte leise gesprochen, aber mit so viel Nachdruck, dass der Zusatz eigentlich überflüssig war: „Ich glaube das wirklich!“ Der Buchhändler schloss den Mund wieder. Er starrte sie an, bis sie schließlich – immer noch lächelnd - aufstand. „Du musst gar nichts dazu sagen.“

Während Muriel die Reste in den Kühlschrank stellte, seine Schuhe und die Hundeleine zur Garderobe brachte und sich schließlich an den Computer setzte, versuchte sein Verstand, ihre Behauptung zu entkräften, während er ihm hilflos dabei zusah. Muriels Worte schimmerten und funkelten so warm und so hell, dass sein Herz weniger schmerzte, aber die alten Gewissheiten, die Dogmen, auf die er Jahrtausende lang eingeschworen worden war, legten sich als dunkle Schleier darüber und versuchten, das Licht trügerisch und künstlich wirken zu lassen. Er gab auf. So verlockend ihm diese neue Perspektive auch erscheinen mochte, er war ihr heute nicht gewachsen, sie machte ihm Angst, sie war zu kühn, zu ketzerisch. Vielleicht könnte er eines Tages mit Crowley darüber diskutieren, mit so viel Alkohol, dass sogar er mutig genug war, die Ordnung der Welt in Frage zu stellen, aber nicht heute, nicht nüchtern und vor allem nicht allein.

Entschlossen stand er auf, ignorierte seine wunden Füße und ging zur Spüle, wo er die Gießkanne und eine Sprühflasche füllte. Dann machte er eine Runde durchs Haus, goss Crowleys Pflanzen, benetzte ihre Blätter, wischte sie ab, wo nötig, und dachte wehmütig daran, wie Crowley sie beschimpfen würde, wenn er an seiner Stelle wäre. Und während er sanft mit ihnen sprach, ihnen sagte, wie schön und prächtig und unvergleichlich grün sie waren, da glaubte er plötzlich zu verstehen, dass selbst die Pflanzen den Dämon liebten und in seiner Nähe nur deshalb zitterten, weil sie ihm die Freude lassen wollten, sie mit den besten Absichten anzuschreien. Besser, er reagierte sich an ihnen ab, als an den Menschen und Engeln um ihn herum.

Erziraphael schüttelte über sich selbst den Kopf. Wenn er so weiter machte, verlor er noch den Verstand! Er ging noch einmal durchs Haus, nahm das Foto, das Crowley an seiner Seite des Bettes stehen hatte, und betrachtete es lange. Er lächelte die Pflanzen an, strich mit der Hand über den Himmelsglobus und dachte daran, wie Crowley sich darüber gefreut hatte, öffnete die Schublade, in der das Siegel lag, das er ihm nach Jahrhunderten endlich gegeben hatte, ging an der chromblitzenden Küchenmaschine vorbei und nahm nacheinander die Kinderbücher aus der Kiste, die sie vom Flohmarkt mitgebracht hatten. Zuletzt blieb sein Blick an dem Computer hängen, an dem Muriel immer noch arbeitete, und er beugte sich zu Hexe hinunter, die ihm die Hand ableckte und sich ausgiebig von ihm streicheln ließ. Er machte sich eine Tasse Tee und ließ sich damit an seinem Sekretär nieder. Den kleinen Sessel drehte er so, dass er das Erdgeschoss möglichst vollständig überblicken konnte.

Warum fiel ihm erst heute auf, wie wenig sich hier verändert hatte, seit Crowley eingezogen war? Er begnügte sich mit so wenig, beanspruchte fast keinen Raum, forderte keine Veränderung. Was war eigentlich aus all den Dingen in Crowleys Wohnung geworden? Bestimmt hätte er doch davon gerne etwas behalten. Das Haus sah noch immer aus, als sei der Dämon hier nur zu Gast, dabei hatten er und Muriel monatelang allein hier gelebt, während er sich im Himmel verschanzt hatte. Und er hatte noch groß angekündigt, dass er ihnen hier ein Nest bauen wollte! Er! Warum denn er? Wenn es ihr Nest, ihr gemeinsames Zuhause sein sollte, dann mussten sie doch auch zusammen daran bauen!

Endlich wusste er, womit er die Zeit bis zu Crowleys Rückkehr ausfüllen würde! Er stand auf, ließ mit einer Handbewegung die Blasen an seinen Füßen verschwinden (Wie konnte man so in Selbstmitleid baden, dass man darüber vergaß, dass es dafür nur ein kleines Wunder brauchte?) und ging zur Treppe. „Alles in Ordnung, Erziraphael?“, fragte Muriel, die besorgt aufsah, als er so unvermittelt losstapfte. „Nein, Liebes, nicht ganz“, antwortete er wahrheitsgemäß. „Aber ich werde jetzt Ordnung schaffen. Lass dich bitte nicht von mir stören.“ Mit diesen Worten ging er die Treppe hinauf, zog sich Arbeitskleidung an, und ging mit einer großen Kiste ins Bad, wo er alles, was dort herumstand und herumlag mit großen Bewegungen zusammenraffte und in die Kiste warf. Obenauf landete die geblümte Gardine, die selbst ihm plötzlich furchtbar altmodisch vorkam. Anschließend putzte er – auf die menschliche Art mit Lappen, Schwämmen, Reinigungsmitteln und Wasser, damit die Aktion so lange dauerte, wie es ihrer Bedeutung entsprach – alle Schrankfächer und Ablageflächen, den Spiegel, das Fenster, die Armaturen und die gesamte Badkeramik. Als alles wieder trocken war, räumte er die wenigen Gegenstände wieder an ihren Platz, die Crowley und Muriel gehörten, stapelte die Hand- und Duschtücher zurück in den Schrank und wählte aus den unzähligen Tuben, Tiegeln, Döschen und Flaschen die aus, die er gern und regelmäßig nutzte, stellte nachträglich noch ein Parfüm dazu, von dem er wusste, dass Crowley es besonders gern an ihm roch, und blickte sich zufrieden um. Jetzt hatte der Dämon genügend Platz für Dinge, die er um sich haben wollte.  Zuletzt stapelte der Engel noch einige der geleerten Körbchen und Gefäße auf der Fensterbank. Darüber würden sie gemeinsam entscheiden. Es bereitete Erziraphael Genugtuung, die immer noch gut gefüllte Kiste die Treppe hinunter und zur Hintertür zu tragen, wo er den Inhalt in die Mülltonne kippte.

Zufrieden ging er wieder hinauf und nahm sich als nächstes das Schlafzimmer vor. Muriel hielt hin und wieder inne und lauschte nach oben. Jedes Mal hörte sie ihn dort summen oder pfeifen, lächelte erleichtert und konzentrierte sich wieder auf ihre eigene Arbeit. Als Bee spät am Abend von Arwen zurückkam und mit leuchtenden Augen davon erzählte, was sie an diesem Tag alles gesehen und gehört hatte und wie gern sie das selbst lernen wollte, achtete keine von beiden auf Erziraphaels Aktivitäten. Nachdem Bee geendet hatte, hörten sie wieder sehr deutlich, wie der Engel Schubladen öffnete und wieder schloss oder mit Schranktüren klapperte, wie es dumpf polterte oder raschelte, wenn er etwas in die Kiste geworfen hatte, und wie er dabei pfiff und summte.

„Was treibt er da bloß?“, fragte die Dämonin lachend. Aber nachdem Muriel es ihr erzählt hatte und auch verraten hatte, welchen Grund sie dahinter vermutete, hatte Bee ein Tränchen der Rührung im Augenwinkel. „Bei Sat…, ngk, bei Wem-auch-immer, die beiden Idioten haben sich wirklich gern, oder?“ Bald darauf gingen die Frauen schlafen, aber selbst im Schlaf lauschten sie noch nach Erziraphaels Aktivitäten und zählten lächelnd mit, wie oft er leise die Hintertür öffnete und geräuschvoll den über Jahrhunderte angesammelten Ballast in die Mülltonne kippte.