Tag 3, Montag (Teil 1)
Tag 3, Montag (Teil 1)
Wartet schon jemand auf Erziraphaels dritten Tag zurück auf der Erde? - Hier beginnt er.
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„Engel?“ Crowleys Stimme weckte ihn am nächsten Morgen. Er saß neben ihm auf der Bettkannte und war bereits vollständig bekleidet. „Guten Morgen, Engel. Hexe und ich müssen zur Arbeit. Ich bin mittags wieder da, sehen wir uns dann?“ Erziraphael war zu schlaftrunken, als dass ihm die Fragen eingefallen wären, die er sich nach dem Aufstehen stellen würde. Er nickte nur, brummelte: „Bis Mittag …Liebling“, und schlief wieder ein. Crowley lächelte liebevoll auf den schlafenden Engel hinunter und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, ganz zart nur, um ihn nicht doch noch zu wecken. Unten machte er sich einen Espresso, den er im Stehen trank, blieb kurz bei dem Himmelsglobus stehen, strich einmal mit der Hand darüber und brach dann mit Hexe zur Schule auf.
Etwa eine Stunde später setzte Erziraphael sich im Bett auf. Das leere Bett neben ihm gab keine zuverlässige Auskunft darüber, ob er die morgendliche Szene nur geträumt hatte. Er ließ sich Zeit im Bad, las ein paar Seiten, konnte sich aber nur schwer konzentrieren und stieg schließlich die Treppe hinunter. Muriel saß am Esstisch und hatte eine aufgeschlagene Zeitung vor sich liegen. „Guten Morgen, Erziraphael. Wie ist dein Geschenk angekommen?“ Sie sah ihn gespannt an. „Sehr gut, denke ich.“ Er sah zu dem Himmelsglobus hinüber und dachte daran, wie glücklich Crowley ausgesehen hatte, während er von seinen Sternen erzählt hatte. Wenn er nur wüsste, wie er den Dämon öfter so glücklich machen könnte … „Der Trick mit dem Smoothie gestern hat super funktioniert“, Muriel kicherte. „Niemals hätte ich gedacht, dass er sich ausgerechnet zu etwas so Gesundem überreden lassen würde. Wie bist du nur auf die Idee gekommen?“ „Glück, schätze ich.“ Wenn Crowley Muriels nicht erzählt hatte, warum er kaum jemals etwas aß, dann hatte er kein Recht, es auszuplaudern. Aber die Frage erinnerte ihn an etwas. „Weißt du, wann er zurück kommt?“ „Wenn er nach der Schule nichts mehr vorhat, müsste er gegen 13.00 Uhr wieder hier sein.“ Das war genug Zeit. Er begnügte sich mit einem Toast und einer Tasse Tee zum Frühstück und wollte sich gerade verabschieden, als er sah, welche Zeitungsseiten Muriel studierte. Es waren die Immobilien- und Mietangebote. Einige Anzeigen hatte sie mit einem großen roten Kreuz markiert. Erziraphael setzte sich wieder. „Muriel? Darf ich fragen, was du da tust?“ Sie sah von der Zeitung auf. „Ich schaue, was in der Nähe für Wohnungen frei sind. Die meisten sind aber viel zu groß und vor allem viel zu teuer.“ Sie hatte den Kopf schon wieder über ihre Lektüre gebeugt, bis er begriffen hatte, was er da gerade gehört hatte. „Du willst ausziehen? Fühlst du dich hier nicht mehr wohl?“ Er sah sie betreten an. Sie lachte leise. „Ach Erziraphael, natürlich fühle ich mich bei euch wohl. Aber ihr seid doch jetzt zu zweit und wollt das Haus bestimmt für euch allein haben. Ihr habt doch sonst überhaupt keine Privatsphäre. Und viel Platz habt ihr selbst dann nicht.“ Er sah sie verblüfft an. „Lass uns darüber bitte noch einmal reden, wenn Crowley wieder hier ist. Ich bin mir sicher, er möchte dich genauso wenig gehen lassen wie ich. Bitte triff vorher keine Entscheidungen!“ Wieder lachte sie, es klang aber weniger fröhlich. „Keine Sorge, bisher hat noch nichts dringestanden, was ich mir leisten könnte. Wenn ich noch bleiben darf, bis ich etwas Passendes gefunden habe, ist das mehr, als ich verlangen kann.“ Erziraphael verließ das Haus tief in Gedanken versunken. Als er an der zweiten Kreuzung fast falsch abgebogen wäre, entschied er, dass dieses Problem warten musste. Eilig ging er weiter, um mit seinen Besorgungen rechtzeitig vor Crowley wieder zuhause zu sein. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er Muriel nicht gefragt hatte, was der Dämon mit seiner Hündin in einer Schule wollte. Nun, auch diese Frage musste warten.
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Fast zwei Stunden waren vergangen, als er schwer beladen von seiner Einkaufs-Tour zurückkam. Er baute die Küchenmaschine auf und vertiefte sich in die Bedienungsanleitung und in das Rezeptbuch. Kurz darauf machte er sich an die Arbeit. Es dauerte etwas, bis er sich an die ungewohnten Handgriffe gewöhnt hatte, aber schon bald ertappte er sich dabei, wie er fröhlich vor sich hin pfiff, während er Tomaten brühte und häutete, Sellerie schälte und stückelte, Zwiebeln, Knoblauch und Kräuter hackte und schließlich Olivenöl in die Pfanne gab, um nach und nach alles darin zu schmoren.
Als Crowley und Hexe nach Hause kamen, sah der Dämon sich fragend um. „Wonach riecht es hier?“ Dann entdeckte er die Küchenmaschine mit dem großen Mix-Aufsatz und die Kräutertöpfchen auf der Fensterbank. „Hast du etwa gekocht?“ Er küsste den Engel auf die Stirn und folgte Hexe dann in die Ecke, in der ihre Näpfe standen. „Schau mal, Mädchen, für dich hat auch schon jemand gesorgt. Hast du es aber gut!“ Er kam zurück zum Tisch und beugte sich von hinten über Erziraphaels Schulter. „Hast du Hexe adoptiert? Haben wir jetzt das gemeinsame Sorgerecht?“ Er küsste ihn auf die Wange. Der Engel wandte sich halb zu ihm um. „Leistest du mir beim Essen Gesellschaft?“ – „Klar, ich setze mich gerne dazu. Gib mir fünf Minuten.“ Er stieg die Treppe hinauf und verschwand im Bad. Erziraphael hörte Wasser plätschern, danach ging die Schlafzimmertür und die Schranktüren klapperten. Schon hörte er Crowleys Schritte wieder auf der Treppe. Die eben noch wirren Haare waren jetzt zu einem kurzen Zopf gebunden und Crowley hatte sich umgezogen. Erst jetzt fiel dem Engel auf, dass er beim Nachhausekommen einen blauen Pullover angehabt hatte. Nun trug er wieder Schwarz. Der Tisch war für zwei gedeckt und zwischen den beiden Tellern standen eine weiße Suppenschüssel und ein Korb mit ein paar Scheibchen Baguette. „Engel, ich möchte nichts essen.“ Erziraphael war aufgestanden und hatte den Deckel von der Terrine genommen. Er tauchte eine Suppenkelle hinein und füllte einen Teller. Er hielt ihn Crowley hin. „Nicht wenigstens kosten?“ Der Dämon spähte in den Teller. Die Suppe war rot und sämig, er konnte keine Einlage erkennen, aber sie duftete herrlich nach Tomaten, anderem Gemüse und Kräutern. „Hast du sie püriert?“ „Eiskalte mediterrane Tomatensuppe, vom Engel deines Vertrauens gemixt und durch ein Sieb gestrichen.“ Crowley nahm ihm den Teller ab und stellte ihn vor sich ab. „Du hast das Ding doch hoffentlich nicht meinetwegen gekauft?“ Er zeigte auf die chromglänzende Küchenmaschine. „Unseretwegen. Schließlich möchte ich nicht jeden Tag allein essen.“ Sie begannen die Mahlzeit schweigend. Nach dem dritten Löffel legte Crowley seinen Löffel ab. „Zwiebel, Knoblauch, Basilikum und Oregano?“ Er drehte sich um und versuchte, von seinem Platz aus die Kräuter zu identifizieren, die am Küchenfenster Platz gefunden hatten. „Rosmarin ist nicht drin. Petersilie auch nicht. Was noch? Thymian?“ „Heiß.“ Erziraphael genoss es, Crowley kurz zappeln zu lassen. „Zitronenthymian“, präzisierte er dann. „Dir fehlt noch ein Gemüse.“ Beim nächsten Löffel schloss er konzentriert die Augen. „Sellerie!“ Anschließend sprach er nicht mehr und genoss offensichtlich, wie die kalte Suppe Rachen und Speiseröhre kühlte. Er aß seinen Teller bis zum letzten Löffel leer. Erziraphael hätte an diesem Tag auf sein eigenes Essen verzichten können, so viel Freude bereitete es ihm, Crowley zu beobachten.
Sie deckten zusammen den Tisch ab und zogen mit ihrem Kaffee auf das Sofa um. „Verrätst du mir, wo ihr heute Morgen wart?“ „Ich hab‘ Hexe zur Arbeit gebracht.“ Crowley lachte über den ungläubigen Ausdruck im Gesicht des Engels. „Nein wirklich, Hexe arbeitet in der Schule als Vorlesehund. Montags sind wir in der Grundschule und mittwochs bei den Größeren. Und allein kann ich sie ja schlecht schicken.“ Crowley hatte die Beine hochgezogen und sich an Erziraphael gelehnt, seine Kaffeetasse hielt er in der Hand. Als der Engel ihm einen Arm um die Schulter legte, drehte er sich noch einmal zu ihm um. Ob er sich daran gewöhnen würde, dass dieses zärtliche Lächeln ihm galt? Es erschien ihm noch immer wie ein Traum, aus dem er bald erwachen würde. „Vorlesehund?“ Erziraphael klang, als glaubte er kein Wort. „Du bist erschreckend schlecht informiert, Engel.“ Kurz suchte er Zuflucht in dem leicht distanzierten und arroganten Tonfall, den er über Jahrtausende perfektioniert hatte, aber er hielt ihn nicht durch. „Ich bringe Hexe dorthin, damit Kinder ihr vorlesen können. Es gibt Studien, die belegen, dass Kinder, die noch nicht gut lesen können, weniger unter Stress stehen und besser lesen, wenn sie einem Tier vorlesen können und es nicht vor ihren Klassenkameraden tun müssen. Ein Tier wird sie nie auslachen oder kritisieren. Und damit gewinnen sie an Selbstbewusstsein.“ Hexe war ihnen inzwischen zum Sofa gefolgt und hatte sich auf den Teppich gelegt. „Und unsere Große ist so geduldig und so gehorsam, dass sie dafür wirklich ideal ist. In der Pause gehen wir einmal um den Block und nachmittags verschaffe ich ihr dann möglichst viel Bewegung zum Ausgleich. Ich dachte, ich nehme sie nachher mit auf den Parcours der Hundeschule, da muss sie auch ihren Kopf anstrengen.“ Er drehte sich zu Erziraphael um. „Willst du mitkommen? Dir würde die frische Luft sicher auch gut tun.“
Der Engel schüttelte den Kopf. „Heute eher nicht. Ich muss ein paar Gespräche führen. Aber zuerst wollte ich mit dir reden.“ Crowleys Kopf an seiner Schulter schien zwischendurch schwerer geworden zu sein, der Dämon war kurz davor gewesen, einen kleinen Ausflug ins Reich der Träume zu unternehmen. Bei Erziraphaels Worten war aber jede Schläfrigkeit verflogen. „Das hört sich nach Schwierigkeiten an.“ Er klang beunruhigt. „Schwierigkeiten trifft es nicht ganz, aber um etwas wenig Erfreuliches geht es schon.“ Crowley setzte sich auf und drehte sich zu ihm herum. „Red‘ nicht um den heißen Brei herum! Was ist los?“ Der Engel seufzte. „Muriel sucht nach einer Wohnung. Sie hat vor auszuziehen.“ „Warum das denn? Du willst sie doch wohl nicht gehen lassen?“ Die Dringlichkeit in Crowleys Tonfall ließ keinen Zweifel daran, wie sehr ihn die Vorstellung von Muriels Auszug schreckte. „Nicht, wenn wir es verhindern können. Ich befürchte aber, dass sie für ihre Pläne mindestens zwei Gründe hat. Und ich weiß nicht, ob wir beide ausräumen können.“ Crowley hörte ihm aufmerksam zu. „Einen davon kann ich vielleicht erraten: Sie möchte wahrscheinlich ein eigenes Reich, vielleicht auch etwas mehr Platz. Hier hat sie ja streng genommen nur ein Schlafzimmer und alles andere muss sie mit uns teilen.“ Erziraphael nickte. „Das vermute ich auch. Und der zweite Grund hängt direkt damit zusammen: Sie nimmt an, dass wir uns mehr Privatsphäre und mehr Platz für uns selbst wünschen.“ Er seufzte. „Das ist der Grund, über den sie mit mir gesprochen hat. Und ich kann ihn verstehen.“ Crowley grinste schief. „Sie ist zwar ziemlich unerschrocken, aber vermutlich hat sie trotzdem Angst, sie könnte uns eines Tages in einem sehr privaten Moment erwischen.“ Das Grinsen war schon vor dem Ende des Satzes wieder verschwunden. Der Engel ahnte, welcher Gedanke es vertrieben hatte, und zog Crowley näher zu sich heran. „Dann sind es womöglich sogar drei Gründe“, fuhr der Dämon fort. „Sie hat nämlich schon ein paar Mal erwähnt, dass sie für die Kinderbuch-Abteilung noch mehr Ideen hätte, dass dafür aber hier der Platz nicht reicht.“ Er klang fast schon resigniert. Selbst wenn sie eines der Argumente ausräumen konnten, blieben zwei weitere übrig. Keine guten Aussichten. „Wir haben ihr so viel zu verdanken.“ Crowleys Stimme war sehr leise. „Sie war es, die den Buchladen zu einem Zuhause gemacht hat, erst für Bee und Gabriel und dann auch für mich. Sie hat mit Maggie und Nina Freundschaft geschlossen, eine so enge und belastbare Freundschaft, dass sie sie ohne Weiteres auf uns alle ausgedehnt haben.“ Es klang trotzig, als er hinzufügte: „Ohne sie wären wir wahrscheinlich nicht einmal mehr in Soho.“ Er griff nach Erziraphaels Hand und sah ihm ernst in die Augen. „Ich möchte nicht, dass Muriel geht, Engel. Bitte lass uns einen Weg finden!“
„Können wir ausschließen, dass sie ausziehen möchte, weil sie – nun ja – weil sie einfach nicht mehr Tür an Tür mit uns wohnen will?“ Crowley schüttelte den Kopf, hielt dann aber mit einem erschrockenen Gesichtsausdruck inne. „Hat sie das etwa gesagt?“ – „Nein, nicht mal angedeutet. Ich habe es mich einfach gefragt.“ Diesmal hatte Crowleys Kopfschütteln mehr Nachdruck. „Wenn es das wäre, hätte sie es gesagt. Ich kenne keine ehrlichere Haut als Muriel.“ Erziraphael nickte nachdenklich. Das war auch sein Eindruck. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. „Sag mal, macht Maggie eigentlich den Plattenladen noch regelmäßig auf?“ – „Nein. Ich weiß nicht einmal, ob sie ihn überhaupt nochmal geöffnet hat, seit Bee und Gabriel dort gewohnt haben.“ Der Engel sah ihn überrascht an. „Den Teil der Geschichte kenne ich noch gar nicht. Wahrscheinlich müssten wir uns mal zwei Wochen einschließen, damit wir Zeit haben, uns alles Wichtige zu erzählen.“ Crowley nickte. „Wenn du es schaffst, dass Muriel bleibt, lasse ich mich mit dir einschließen, solange du willst.“ Erziraphael stand auf. „Fahr du ruhig mit Hexe auf den Hundeplatz. Das lenkt euch hoffentlich beide ab. Ich werde inzwischen ein bisschen telefonieren und vor allem rechnen. Wenn ihr wiederkommt, habe ich vielleicht sowas wie einen Plan.“ Crowley stand widerstrebend auf. „Kann ich nicht irgendwas helfen?“ „Doch, das kannst du.“ Der Engel drückte ihm einen Kuss auf die Wange und zeigte auf die Tür. „Lass mir etwas Zeit zum Nachdenken und tob dich mit Hexe aus.“
***
Als Crowley und Hexe von ihrem Ausflug zurückkamen, waren sie beide sichtlich erschöpft. Während man Hexe aber ansah, mit welcher Begeisterung sie mit ihren Artgenossen gearbeitet und gespielt hatte und wie stolz sie war, nach jeder Aufgabe gelobt und belohnt worden zu sein, war Crowley trotz seiner rosigen Wangen die Besorgnis deutlich anzumerken. Er fand Erziraphael am Esstisch vor, auf dem er zahllose Papiere ausgebreitet hatte. Crowley zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben ihn. Auf einem Blatt waren in Erziraphaels ordentlicher, schön geschwungener Handschrift mehrere Telefonnummern notiert. Auf einem anderen hatte er Kolonnen von Zahlen geschrieben, offenbar Geldbeträge, sehr hohe Geldbeträge. Daneben lagen Grundrisse von mindestens zwei verschiedenen Wohnungen, Mietverträge und eine Reihe weiterer Dokumente, denen Crowley nicht auf den ersten Blick ansah, worum es sich handelte. Er wartete, bis der Engel von den Papieren aufsah und ihn anlächelte. „Es könnte klappen“, sagte er betont zuversichtlich. „Es müssen allerdings ziemlich viele Leute mitspielen.“ „Verrätst du mir den Plan?“ Erziraphael musste offenbar über die Antwort erst nachdenken, sagte aber dann: „Noch nicht, ich möchte erst wenigstens ein paar Hürden aus dem Weg geräumt haben. Ich will dir keine falschen Hoffnungen machen.“ Er sah die Enttäuschung in Crowleys Gesicht und streichelte seine Wange. „Ich versuche alles, Crowley, ich verspreche es dir. Wäre es ok, wenn wir für heute Abend Gäste einladen? Nur Maggie und Victoria? Nina, wenn Maggie sie mitbringen möchte.“ Der Dämon nickte. „Wer ist nochmal Victoria?“ „Die Mieterin der Wohnung über dem Plattenladen. Kann sein, dass du ihr noch gar nicht begegnet bist. Ich werde gleich mal bei ihr klingeln.“ „Soll ich dann ins Café rübergehen und fragen, wann die beiden Zeit haben?“ Erziraphael stand auf. „Das wäre wunderbar.“ Er raffte die Papiere zusammen und legte sie in eine Mappe. „Das brauchen wir alles erst später.“ Er hob Crowleys Gesicht mit zwei Fingern unter seinem Kinn an. „Versuch, nicht ganz so ernst zu gucken, sonst glauben Nina und Maggie, wir hätten schlechte Nachrichten.“ „Ich versuch’s.“ Hexe machte keine Anstalten, sich von ihrer Decke zu erheben, obwohl sie normalerweise ungern zurückblieb, wenn Crowley das Haus verließ. Sie war wohl wirklich ausgepowert. Erziraphael blieb in der Tür stehen, um Crowley im Vorübergehen zu küssen. Er konnte seine Anspannung körperlich spüren. „Ein bisschen Optimismus, bitte. Versuchst du das für mich?“ Das Nicken geriet nicht sehr überzeugend. „Solange du nicht auch noch Gottvertrauen von mir verlangst.“
Mit seinen langen Beinen waren es nur wenige Schritte bis zum Café, wo die letzten Gäste im Aufbruch waren. „Du kommst gerade noch rechtzeitig, bevor ich das Reinigungsprogramm starte. Schnell noch einen doppelten Espresso?“ Crowley schüttelte den Kopf. „Heute nicht, danke. Ich wollte fragen, ob ihr nach Feierabend vorbeikommen könnt. Erziraphael möchte etwas mit euch besprechen, so wie ich ihn verstanden habe, vor allem mit Maggie.“ Sie sah ihn fragend an, er sagte aber nichts weiter. „Sollen wir etwas mitbringen?“ Nina war pragmatischer, sie wusste, dass sie nichts aus dem Dämon herausbekommen würde, wenn er nichts sagen wollte. „Ne, nicht nötig. Wann seid ihr fertig?“ „In einer knappen Stunde, etwa, wenn euch das passt“, antwortete Nina. Crowley beschränkte sich auf ein zustimmendes Nicken und war schon wieder aus dem Café verschwunden. „Was ist denn da im Busch?“, fragte Maggie etwas beunruhigt. „Wir werden es erfahren, Maggie. Kann uns nach dem letzten Jahr noch irgendwas erschüttern?“ „Du hast Recht.“ Maggie wandte sich wieder der Arbeit zu und stellte schwungvoll die Stühle auf die Tische, um bequem durchfegen zu können. Sie wollte es Nina nicht spüren lassen, aber sie war dennoch besorgt.
Als sie zur vereinbarten Zeit die Buchhandlung betraten, rief jemand aus dem nächsten Hauseingang: „Lasst die Tür offen, bitte!“ Nina und Maggie kannten die Studentin Victoria von gelegentlichen Besuchen im Café, in letzter Zeit häufiger in Begleitung eines sympathischen jungen Mannes. Sie warteten auf die junge Frau und gingen gemeinsam hinein. „Erwartet ihr noch weitere Gäste?“, fragte Nina, während sie die Männer zur Begrüßung umarmte. „Nein, wir sind komplett!“ Erziraphael stellte eine Flasche Wein auf den Tisch, Crowley folgte mit den Gläsern und einer Karaffe Wasser. Nachdem er allen eingeschenkt hatte, setzte sich Erziraphael mit dem Satz: „Ich will euch nicht lange auf die Folter spannen.“ Er schaute noch einmal in die Runde, drei Augenpaare waren mit höchster Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet. „Wir müssen uns unterhalten, weil ich beabsichtige, mich von meinem zweiten Haus zu trennen. Das Haus, in dem deine Wohnung“, er nickte Victoria zu, „und dein Plattenladen“, ein Nicken zu Maggie, „sich befinden, wird in naher Zukunft den Besitzer wechseln.“ Er versuchte einzuschätzen, wie seine Nachricht aufgenommen wurde. „Ich gehe davon aus, dass der neue Besitzer andere Pläne mit dem Haus hat. Ich möchte deshalb mit euch besprechen, was nötig ist, damit ihr den Laden und die Wohnung kurzfristig räumen könnt.“ Crowley war wie vor den Kopf gestoßen. Der Engel wollte das Haus abgeben, das ihm so viel bedeutete? Er hatte früher oft davon gesprochen, durch welche glücklichen Umstände er das Nachbarhaus hatte erwerben können. Es war ihm immer so wichtig gewesen, keine direkten Nachbarn zu haben, auf die er keinen Einfluss hatte. Und was hatte das alles mit Muriel zu tun?
Erst jetzt fiel ihm auf, dass Maggie begonnen hatte, erleichtert zu kichern. „Oh Erziraphael, das ist ja wunderbar! Ich überlege schon seit Wochen, wie ich es dir sagen soll. Ich möchte ganz offiziell bei Maggie ins Café einsteigen und den Plattenladen dafür aufgeben. Ich fand nur, ich könnte ja nicht kündigen, solange meine Mietschulden nicht beglichen sind.“ Der Engel legte seine Hand auf ihre und strahlte sie an: „Maggie, ich habe dir schon vor langem gesagt, dass du keine Mietschulden hast. Und jetzt, wo du weißt, was ich bin, glaubst du mir vielleicht auch endlich, dass ich durchaus auch Mietrückstände einfach vergeben kann.“ Sie nickte, schien aber nicht überzeugt. „Ich würde sie trotzdem lieber nach und nach abstottern.“ Der Engel setzte ein strenges Gesicht auf und sagte sehr bestimmt: „Das kommt nicht in Frage! Die Mietrückstände erlasse ich dir zum Dank dafür, dass du auf deine Kündigungsfrist verzichtest und den Laden kurzfristig räumst.“ Nina hielt mit einer Hand Maggie den Mund zu und hielt die andere Erziraphael zum Einschlagen hin. „Sie ist einverstanden. Abgemacht, Engel!“
Nun wandten sich alle Augen Victoria zu. Sie errötete unter den vielen Blicken und fühlte sich sichtlich unwohl. „Um ehrlich zu sein, drängt mein Freund mich schon seit Wochen, dass wir zusammenziehen sollen. Aber wir haben nicht genug Geld für eine größere Wohnung. Ich hatte eigentlich gehofft, du würdest erlauben, dass er bei mir einzieht.“ Crowley sah zu Erziraphael und versuchte, seine Reaktion zu deuten. Das war doch sicher nicht die Antwort, auf die er gehofft hatte. Trotzdem sah er ausgesprochen fröhlich aus. „Das halte ich für eine schlechte Idee, Victoria. Das Appartement ist deutlich zu klein für zwei Erwachsene. Du hast selbst immer gesagt, es wäre nicht mal genug Platz für ein Haustier.“ Sie nickte traurig. „Aber wo soll ich denn dann hin?“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Alle sahen jetzt wieder gespannt zu Erziraphael. Er würde doch nicht so herzlos sein, sie einfach auf die Straße zu setzen? Warum sah er immer noch so zufrieden aus? „Liebe Victoria, natürlich musst du nicht ausziehen, wenn du keine andere Wohnung findest. Ich werde dich nicht hinauswerfen. Ich könnte dir aber vielleicht eine andere Wohnung besorgen, groß genug für eine kleine Familie und nur wenig teurer als die jetzige. Sicher könnte dein Freund ja auch etwas beisteuern, oder?“ „Das, das wäre ja fantastisch!“ Die junge Frau sah ihn ungläubig an. „Aber wie soll das gehen? Es gibt doch kaum freie Wohnungen im Viertel.“ Erziraphael gab sich geheimnisvoll. „Ich sehe, was ich tun kann. Halten wir fest: Wenn ich eine Wohnung finde, die euch gefällt und die ihr euch leisten könnt, dann würdet ihr dort einziehen und ich könnte das Haus unvermietet abgeben?“ „Aber natürlich, herzlich gern. Das wäre ein Traum!“ Der Engel lehnte sich entspannt und zufrieden zurück. „Dann sollten wir jetzt den Wein austrinken. Hinterher versuche ich, noch ein paar Termine zu vereinbaren.“ Ein Gespräch wollte danach nicht mehr so recht in Gang kommen. Alle waren in Gedanken schon bei den nächsten Schritten und gingen bald auseinander, um mit ihren Partnern über die neue Situation zu reden. Sie hatten versprochen, mit niemandem sonst über die Kündigung zu sprechen.