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Offene Fragen (immer noch Samstag)

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Offene Fragen (immer noch Samstag)

„Das ist doch zum Verrücktwerden!“ Entnervt klappte Sammy ihren Laptop zu. „Ich komme mir vor, als jagte ich ein Phantom.“

Ihre Partnerin sah nicht weniger frustriert aus. „Auch nichts gefunden?“, erkundigte sie sich mitfühlend.

„Nein! Oder doch! Aber das ergibt alles keinen Sinn. Überhaupt keinen!“, antwortete Sammy.  Sie schaute auf ihre Notizen. „Das Einzige, was ich nachprüfen konnte, ist das mit der Buchhandlung. Die ist wohl wirklich schon immer in Familienbesitz.“ Sie las vom Bildschirm ab: „Das Haus wurde von einem Baumwollfabrikanten gebaut, der Pleite ging, als ein Feuer seine Spinnerei und ein großes Lager vernichtete. Er hatte sich hoch verschuldet, um in die ersten Dampfmaschinen zu investieren.“ Sie blickte auf und ergänzte den Rest aus dem Gedächtnis:  „Ein Mister Fell hat das Gebäude als Rohbau übernommen, es fertigstellen lassen und kurz darauf eine Buchhandlung darin eröffnet.“

Die zierliche Frau griff nach dem Block und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Und damit hört es dann auf. Ich finde keinerlei amtliche Eintragungen über unseren Mister Fell. Es scheint zu stimmen, dass er nicht hier geboren ist, denn er taucht in keinem Geburtenregister auf. Er scheint weder hier zur Schule gegangen zu sein noch im Vereinigten Königreich studiert zu haben. Nicht Mitglied einer Religionsgemeinschaft. Keine Heirat, kein Kind.“ Sie fuchtelte mit ihrem Stift herum. „Ok, das ist vielleicht nicht so verwunderlich.“ Sie zog die Nase kraus. „Als Sammler wird er ein paar Mal erwähnt, z. B. bei Auktionen. Er hat Unsummen für Handschriften, Inkunabeln und Erstausgaben ausgegeben.“

Ihre Partnerin horchte auf: „Hast du irgendeinen Hinweis darauf gefunden, woher das Geld kommt?“

Sammy schüttelte den Kopf. „Ne. Vielleicht geerbt? – Er muss aber auf seinem Gebiet eine Koryphäe sein. Vielleicht streicht er da hohe Honorare ein?“ Sie sah wieder auf ihre Notizen und zählte auf: „Bei der Münchner Shakespeare-Bibliothek war er mehrmals als Gastredner, als Experte für Weissagungsbücher und alte Prophezeiungen hat er an Fach-Konferenzen der British Library und der Bodleian Library in Oxford teilgenommen, die Staatsbibliothek in Berlin hat ihn mehrfach als Gutachter angefordert. Aber er scheint insgesamt nur wenige solche Anfragen anzunehmen.“

Sie warf den Block wieder auf den Tisch. „Darüber hinaus habe ich eigentlich nichts über ihn gefunden. Er ist Mitglied der lokalen Gewerbevereinigung und hat wiederholt großzügig für soziale Zwecke gespendet. Ach ja: Er wollte dieser Münchner Bibliothek zwei Manuskript-Seiten mit dem Beginn von ‚Hamlet‘ als Leihgabe überlassen, aber bisher werden die Seiten noch untersucht.“ Sie erklärte: „Einige Forscher nehmen offenbar an, dass sie von Shakespeare selbst geschrieben wurden. Das wäre eine absolute Sensation, es gibt bisher nur ein solches Dokument, mit nur drei Seiten!“ Sie drehte sich zu Mary-Anne um: „Sag mir bitte, dass du mehr hast.“

Das Kopfschütteln der Fotografin war eigentlich Antwort genug. „Er scheint eine blitzsaubere Weste zu haben: Keine Schulden, keine Vorstrafen, keine Anzeigen, nicht mal ein Strafzettel. Es ist aber auch kein Fahrzeug auf ihn zugelassen. Das Gewerbe ist angemeldet und er zahlt brav seine Steuern, viele Steuern übrigens, besitzt noch ein weiteres Haus und hat das Nachbarhaus der Buchhandlung erst vor wenigen Tagen seinem Partner geschenkt.“

Sammy studierte das Gesicht ihrer Partnerin. „Da ist doch noch etwas! Los, rück schon raus damit!“ Sie bekam keine Antwort. „Mary-Anne!“

Ein resigniertes Schulterzucken ging voraus, dann bekam sie ihre Antwort, eine Antwort, die die beiden Frauen noch eine Weile beschäftigen sollte: „Ich habe versucht, in die Geschichte seiner Familie einzusteigen. Seit der Gründung der Buchhandlung waren offenbar alle Fells Buchhändler und Sammler.“ Ihre Freundin wartete geduldig. Da musste noch etwas kommen, etwas, das das Zögern erklärte.

„Jeder einzelne dieser Buchhändler hieß A. Z. Fell. Es gab nie eine Madam Fell, keine Geburts- oder Todesanzeige, keine Geschäftsübergabe von Vater zu Sohn, nichts!“

***

Im Fünften Kreis der Hölle saßen Crowley und Gabriel in der einfachen Unterkunft und warteten auf Milgreth. Ein anderer Wächter hatte sie dorthin eskortiert, nachdem das Gespräch mit Balgran so abrupt beendet worden war. Gabriel war ratlos. „Wie lange sollen wir auf seine Entscheidung warten?“, fragte er, bekam aber keine Antwort.

Stattdessen sagte der Dämon: „Vielleicht gibt es ja noch eine andere Lösung.“ Mehr sagte er nicht, nicht einmal als Gabriel nachfragte, was für eine Lösung das sein sollte. Crowley hatte sein Handy herausgenommen und starrte auf die Selfies mit Erziraphael. Lange würde der Akku nicht mehr halten. Er seufzte, als er das Gerät wieder in seine Hosentasche schob. „Es hat keiner gesagt, dass wir diesen Raum nicht verlassen dürfen, oder?“

Gabriel sah alarmiert auf. „Was hast du vor?“

„Entspann dich, Erzengel, ich will mir nur kurz die Beine vertreten.“ Er machte eine abwehrende Geste, als der Engel sich anschickte, ebenfalls aufzustehen. „Nichts für ungut, aber ich wäre gerne mal allein. Nur ein paar Minuten, ok?“ Ohne die Antwort abzuwarten, verließ er den Raum und wandte sich in die Richtung des Wachraums, in den Milgreth sie nach ihrer Ankunft zuerst geführt hatte. Dort klopfte er an die Tür, die von dem Wächter geöffnet wurde, der sie auch aus dem Verhörraum geholt hatte. Hinter ihm konnte Crowley Milgreth erkennen, der die Monitore beobachtete.

„Was willst du?“

„Kann ich kurz mit Milgreth sprechen?“ Die beiden Soldaten verständigten sich mit Blicken, dann durfte er eintreten. Milgreths Kollege schnallte sich einen schweren Gürtel um, an dem eine Art Funkgerät und der Taser hingen, den sie schon im Einsatz gesehen hatten. Er verließ stumm den Raum.

„Setz dich“, Milgreth wies auf den frei gewordenen Stuhl. „Wie ist es gelaufen?“

Crowley starrte auf seine Hände. „Er ist es. Ganz sicher. Aber ich bereue, dass wir gekommen sind.“

„Warum das?“ Der Soldat sah ihn aufmerksam an.

„Wir haben ihm nichts zu bieten. Haben ihm falsche Hoffnungen gemacht. Jetzt leidet er wahrscheinlich umso mehr unter der Trennung.“ Milgreth wartete ab. Crowleys Blick war auf die Monitore gerichtet, ohne dass er etwas wahrgenommen hätte. „Siehst du eine Möglichkeit, dass er mit uns zurückkehren könnte?“

Kopfschütteln.

„Gegen so etwas wie eine Kaution?“

Erneutes Kopfschütteln. „Was sollte das sein?“ Der Soldat sah ihm forschend ins Gesicht. „Du weißt besser als ich, was gerade auf der Erde los ist. Wie sollte Furfur rechtfertigen, dass er gegen die überweltlichen Abmachungen verstößt und einen Dämon ohne Verfahren auf freien Fuß setzt? Das Risiko wird er nicht eingehen.“ Nach einer längeren Pause, in der beide schwiegen, bekräftigte er: „Niemals!“

Dann hob Crowley plötzlich den Kopf und sah Milgreth direkt in die Augen. „Und wenn es ein Austausch wäre? Wenn jemand statt seiner als Geisel zurückbliebe?“ Er hatte gehofft, dass er diese Frage nicht stellen müsste. Aber er hatte sie im Kopf, seit Furfur eingewilligt hatte, sie hinunterzubringen. Er wusste, dass er nichts anderes zu bieten hatte als sich selbst.

Der Soldat schüttelte unwillig den Kopf. „Diese Frage solltest du nicht stellen. Ich habe das nicht gehört!“, sagte er energisch, um dann leiser fortzufahren: „Du hast ja wohl kaum Sehnsucht nach der Hölle. Niemand könnte dich da drin schützen.“ Die Sätze kamen abgehackt, Crowley hatte ihn mit der Frage überrumpelt.

„Ich bitte darum, ganz offiziell als Parlamentär unter dem Schutz des Großen Vertrags, dass dein Hauptmann Furfur mein Angebot überbringt.“ Crowley ließ keine Regung erkennen, als er weitersprach: „Der Verräter, der über Jahrhunderte mit einem Engel zusammengearbeitet hat, der zweimal daran beteiligt war, das Ende der Welt zu verhindern, der seine Bestrafung vereitelt und Ligur getötet hat, der Verräter Crowley stellt sich im Austausch für Balgran, wenn dieser begnadigt wird und freies Geleit zurück auf die Erde erhält.“

Milgreth schluckte. „Das kannst du nicht wirklich wollen. Geh jetzt zurück zu Gabriel. Ich werde das meinem Hauptmann nicht weitergeben.“

Crowley gab sich noch immer gelassen, blinzelte nicht einmal. „Dann fordere ich deinen Kollegen dazu auf.“

„Weiß Gabriel davon?“, fragte Milgreth. „Und Balgran? Will er das überhaupt?“

Er konnte nicht mehr als einen Wimpernschlag gedauert haben, der Moment der Verunsicherung, der sich in den Bernsteinaugen und seinen Mundwinkeln spiegelte, aber Milgreth hatte es gesehen. Triumphierend schlug der Soldat mit der Hand auf den Tisch. „Du hast Balgran nicht einmal gefragt!“ Bevor Crowley etwas erwidern konnte, hatte Milgreth die Lautsprecheranlage aktiviert. „Der Häftling Balgran wird aufgefordert, sich umgehend zum Verhörraum zu begeben.“ Er stand auf. „Komm mit. Ich werde meine Vorgesetzten nicht belästigen, wenn der Betroffene noch gar nichts davon weiß.“ Vor der Tür trafen sie auf den zweiten Soldaten, der nach der Durchsage sofort zurückgekehrt war. „Hol Gabriel und bring ihn zu uns in den Verhörraum“, ordnete Milgreth an. Crowleys Protest ignorierte er. Kurz darauf saßen sie Balgran zu dritt gegenüber, erneut durch die Glasscheibe getrennt. Gabriel hatte sich vergeblich erkundigt, was passiert sei. Er verfolgte das Geschehen mit größter Anspannung. „So“, sagte Milgreth. „Dann bring dein Angebot vor, Parlamentär.“

***

„Wenn wir mit dem Buchhändler nicht weiterkommen, versuchen wir es mit dem Vorleser“, schlug Mary-Anne vor. „Das ist doch sowieso der, auf den sich die Vorwürfe konzentrieren, weil er auf jedem Foto mit einem anderen Kind abgebildet ist."

„Wie war nochmal der Vorname?“, fragte Sammy, die sofort den Laptop aufgeklappt hatte. Kurz darauf gab sie „Anthony J. Crowley“ in die Personen-Datenbank ein und wartete. „Das kann doch wohl nicht wahr sein, stöhnte sie laut, als die Suchergebnisse auf dem Bildschirm erschienen. „Noch ein Geist.“ Sie folgte ein paar Links, variierte die Suchparameter, ließ mal das „J.“ weg, mal den Vornamen, aber die Ergebnisliste wurde nicht länger. Auch dieser Mann schien kein Vorleben zu haben.

Mary-Anne hatte ihr über die Schulter gesehen und fasste nun zusammen: „Nicht geboren, nicht zur Schule gegangen, nie im Krankenhaus gewesen, kein Studium, kein Arbeitgeber.“ Hoffnungsvoll fragte sie: „Hat wenigstens der irgendwelchen Dreck am Stecken?“

Sammy klimperte weitere Angaben in die Tastatur. Kurz darauf schüttelte sie den Kopf: „Wie bei dem Buchhändler: Keine Schulden, keine Vorstrafen, keine Mitgliedschaften – weder Kirche, noch Partei, noch Verein. Aber hier, warte mal.“ Sie scrollte ein Stück, klickte auf einen Link. „Auf den ist ein Fahrzeug zugelassen… Oh, sieh mal: ein Schätzchen, ein alter Bentley. Nein, das kann er nicht sein!“ Sie zeigte enttäuscht auf den Bildschirm: „Als Jahr der Zulassung steht da 1933.“ Die beiden Frauen sahen sich ungläubig an. „Da ist doch etwas faul!“, sagte Sammy und Mary-Anne nickte. Die kleinere Frau strich sich die blonden Strähnen aus dem Gesicht. „Dann schnall dich an. Wir verlassen jetzt endgültig die offiziellen Wege.“

Zwei Stunden später hatten sie immer noch nichts wirklich Verwertbares gefunden. Und das Wenige, was sie hatten, ließ den Fall nur noch rätselhafter erscheinen. Es gab eine ganze Latte von Strafzetteln aus mehreren Jahrzehnten, überwiegend aus London: Falschparken, Geschwindigkeitsdelikte, überfahrene rote Ampeln, Missachtung der Vorfahrt, Befahren von Einbahnstraßen in die falsche Richtung. Befremdlicherweise war jedoch nicht ein einziger davon vollstreckt worden.

Einen weiteren einzelnen Hinweis stöberten sie auf: Auf Rechnung eines Anthony J. Crowley waren in den Achtzigern Möbel und Unterhaltungselektronik der Luxusklasse an eine Adresse in Mayfair geliefert worden, zu der sie jedoch nichts weiter herausfanden, weil die Anfragen jeweils mit dem Hinweis auf eine „diplomatische Mission“ abgelehnt wurden.

Einmal glaubten sie, einen Bezug zu einem US-Botschafter entdeckt zu haben, dann stellte sich jedoch heraus, dass das Arbeitsverhältnis, auf das sie gestoßen waren, mit einer Frau ähnlichen Namens eingegangen worden war.

„Das kann doch kein Zufall sein, dass wir bei zwei Männern derart im Dunkeln tappen und die beiden auch noch ein Paar sind.“ Sammy spielte gedankenverloren mit ihrem Stift. „Wissen wir sonst wirklich nichts über sie, wo wir ansetzen könnten? Zeig doch nochmal die Fotos von der Lesung.“ Gemeinsam betrachteten sie aufmerksam jedes Foto, bis Mary-Anne auf eines der Bilder zeigte. „Der Hund, vielleicht finden wir über den Hund noch was. Wie hieß der noch gleich?“ Ihre Partnerin blätterte ein weiteres Mal durch ihre Notizen. „Hexe.“ Die Fotografin hatte die Tastatur zu sich herübergezogen und gab diesmal nur „Crowley“ und „Hexe“ ein, bevor sie auf „Suchen“ klickte.

„Na, wer sagt’s denn?“, flüsterte sie triumphierend. „Da haben wir ihn doch. Und schon wieder mit Kindern!“

Für alle, die sich bei dieser Hitze auch am liebsten mit Lektüre im Haus verkriechen (der Ventilator ist diese Woche mein bester Freund) gibt es heute noch einen kleinen Nachschlag. Ich hoffe, die Handlung bringt euch nicht zum Schwitzen.

Wie immer würde ich mich über eine Rückmeldung freuen.