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Ganz unten - Tag 23, Sonntag

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Ganz unten - Tag 23, Sonntag

Crowley fühlte die Blicke der anderen Männer auf sich. Balgran wirkte nervös, was in seiner Situation kein Wunder war. Milgreth beobachtete ihn, abwartend, als hätte er Zweifel, dass Crowley seinen Vorschlag in dieser Runde wiederholen würde. Am sorgenvollsten schaute Gabriel. Crowley wusste, dass er kein Verständnis für seine Entscheidung haben würde. Er würde ärgerlich sein, wahrscheinlich sogar ernsthaft zornig, sich hintergangen fühlen und ihm heftige Vorwürfe machen. Der Engel würde alle guten Argumente ins Feld führen, die gegen seine Entscheidung sprachen, er würde von Hannah sprechen, von Muriel. Er würde ihn daran erinnern, dass er der Hölle nichts schuldete, weder Furfur noch irgendeinem anderen Dämon.

Vor dieser Diskussion hatte Crowley keine Angst. Er hatte diesen Vorschlag nicht aus einer Laune heraus gemacht, sondern ihn sich schon vor ihrem Aufbruch zurechtgelegt. Als eine Option. Und er würde Gabriels Argumente entkräften können. Alle außer einem. Und vor diesem einen hatte Crowley Angst. Gabriel würde ihn fragen, wie er es Erziraphael erklären sollte, wenn er mit Balgran statt mit Crowley nach Hause käme. Er würde ihm vorwerfen, dass er Erziraphael im Stich ließ, dass der Engel das nicht verdient hatte, dass er das Vertrauen seines Partners enttäuschte. Dem hatte Crowley nichts entgegenzusetzen. Denn natürlich wollte er nichts lieber, als nach London zurückzukehren, in die Buchhandlung, zu dem Mann, den er liebte, zu Muriel und den anderen Freunden, zu den Aufgaben, die er für sich gefunden hatte, zu Hexe.

Warum also lieferte er sich freiwillig der Hölle aus, nachdem er ihr für eine halbe Ewigkeit immer wieder entwischt war, oft genug mit knapper Not? Er konnte es nicht erklären. Sicher, er scheute sich davor, Arwen sagen zu müssen, dass er ihren Vater gefunden, ihn aber in der Hölle zurückgelassen hatte. Und ja, er fürchtete sich vor dem Rückweg, den Begegnungen, die ihn in jedem Kreis, bei jeder einzelnen Etappe, an seine Grenzen bringen würden: Zerberus, Magura, die zudringliche Dämonin womöglich mehr als alles andere. Er hatte Angst vor der Dunkelheit, die bei einer dieser Konfrontationen vielleicht endgültig ihr furchtbares Maul um ihn schließen würde. Aber das waren nicht die auschlaggebenden Gründe.

Die wahren Gründe lagen in seinem Innersten verborgen: Wenn er in sich hineinhorchte, ganz tief in sich hinein, dann war er nämlich sicher, dass die glückliche Zukunft mit seinem Engel und seiner Wahlfamilie eine Illusion war, nichts anderes als eine Selbsttäuschung sein konnte. Irgendwann, wahrscheinlich schon sehr bald, würden Erziraphael und die Freunde sich von ihm abwenden. Es konnte gar nicht anders sein, denn warum sollten diese wunderbaren Menschen, der lebensfrohe kultivierte Engel, die empathische und kontaktfreudige Muriel, ja selbst Gabriel und Beelzebub, ihn auf Dauer um sich haben wollen, den griesgrämigen Dämon, dem seine furchtbare Vergangenheit ins Fleisch und in sein Herz gebrannt war? Er würde sie für immer an die nur knapp verhinderte Apokalypse erinnern, an bittere Entscheidungen und verlorene Wegbegleiter, während sie mit leichten Herzen und voller Zuversicht in eine neue Zukunft aufbrechen wollten. Trotz all ihrer Loyalität, ihrer Güte und Freundlichkeit, würden sie seiner bald überdrüssig werden, auf Abstand gehen, ihn von sich stoßen. Dieser Enttäuschung wollte er zuvorkommen, ihnen die Entscheidung und das damit verbundene schlechte Gewissen ersparen. Sie hatten ja recht: Egal, wie wenig er sich der Hölle zugehörig fühlte, sein Platz war hier, für diesen Ort war er gemacht. Ein Dämon hatte auf nichts Anderes Anspruch, schon gar nicht ein Dämon, der sich immer wieder selbst in Schwierigkeiten gebracht, sein Schicksal herausgefordert und sich eingebildet hatte, er könnte sich stets aus allem herausreden. Er hatte geblufft, getrickst und sich mit fremden Federn geschmückt, oft verdammt hoch gepokert, … Er war damit so lange immer wieder erfolgreich gewesen, dass er tatsächlich manchmal selbst geglaubt hatte, dieser smarte, coole, unerschrockene Kerl mit dem ebenso jungen- wie rüpelhaftem Charme zu sein, als der er sich der Welt präsentierte. Dabei wusste er doch eigentlich nur zu genau, wie es in ihm aussah und wie er aussah. Wem wollte er etwas vormachen? Und wem sollte er seine Gesellschaft und seinen Anblick dauerhaft zumuten?

„Crowley!?“ Er schrak aus seinen Gedanken hoch. „Willst du Balgran jetzt etwas sagen?“ Milgreth sah ihn fragend an.

Gabriels Blick wich Crowley lieber aus. „Ja, bitte entschuldigt, ich war in Gedanken.“ Er holte tief Luft und unterbreitete Balgran in knappen Worten sein Angebot: „Wenn du einverstanden bist, werde ich Furfur vorschlagen, dass ich im Austausch für dich hierbleibe, wenn du dafür als freier Mann mit Gabriel nach London zurückkehren darfst.“ Eine Weile blieb es stumm, Balgran und Gabriel starrten ihn gleichermaßen ungläubig an und Milgreth schien die Luft anzuhalten, weil er das Gewitter bereits kommen sah.

Gabriel fand seine Sprache zuerst wieder: „Bist du von allen guten Geistern verlassen, Crowley?“, schrie er. „Das kann doch nicht dein Ernst sein!“ Er sprang auf und boxte ihn hart auf die Brust. „Du glaubst doch nicht etwa, dass ich das zulassen werde? Eher schlag ich dich k. o. und nehme dich als Gepäckstück mit zurück! Milgreth, wie kannst du ihn ein so wahnwitziges Angebot machen lassen? Auf keinen Fall werde ich zurückkehren und Erzi…“

Bevor er den Namen ganz aussprechen konnte, hatte Crowley ihn am Arm gefasst und leise gesagt: „Bitte nicht hier, Gabriel. Das kannst du mir alles gleich unter vier Augen sagen, in Ordnung? Ich verspreche, dann höre ich mir alles an, was du zu sagen hast. Wenn es dir lieber ist, kannst du mich dann auch verprügeln.“ Der Engel verstummte, schüttelte aber weiterhin fassungslos den Kopf. „Kann ich mit Balgran unter vier Augen sprechen, Milgreth?“, bat Crowley.

„Das ist gegen die Vorschriften, ich müsste erst eine Genehmigung einholen.“

„Bitte!?“ Er sah den Wächter beschwörend an.

„Also gut, aber nur fünf Minuten.“ Milgreth stand auf und forderte Gabriel auf, den Raum mit ihm zu verlassen. Der Engel folgte ihm nur zögernd. Er wollte sich gar nicht ausmalen, was ihn auf der Erde erwarten würde, wenn er allein zurückkäme, ohne den Freund. Er musste einen Weg finden, diesen Irrsinn zu beenden!

„Gabriel? Bitte!“ Crowley wartete darauf, dass die beiden den Raum verließen. Schließlich zog Milgreth den Engel einfach mit sich.

Als die Tür hinter den beiden ins Schloss fiel, hatte Crowley plötzlich wieder das Bild der sich hinter Erziraphael schließenden Aufzugtüren vor Augen, damals, als der Engel ihn für den Himmel verlassen hatte. Der Schmerz war noch genauso intensiv wie an diesem Tag. Ein trauriges Lächeln huschte über sein Gesicht. Der Engel war schließlich zurückgekommen, zu ihm zurückgekommen. Und jetzt wurde er verlassen. Crowley verließ seinen Engel für die Hölle. Schnell schluckte der Dämon die Bitterkeit herunter, die bei diesem Gedanken in ihm aufwallte. Stattdessen sah er abwartend zu Balgran. Wie würde er reagieren? Er musste nicht lange warten.

„Warum tust du das?“, fragte Balgran. „Hast du etwa Sehnsucht nach der Hölle? Hast du vergessen, was dir hier geschehen ist?“

Crowley lachte bitter. „Das kann ich wohl kaum vergessen. Aber es ist die Hölle und ich bin ein Dämon, hier ist mein Platz.“

Der andere fragte überrascht nach: „Dann ist hier auch mein Platz, oder nicht?“ Crowley machte eine unwirsche Handbewegung: „Pfft! Du hast auf der Erde eine Familie, die auf dich wartet. Was glaubst du, was die denken, wenn du mein Angebot nicht annimmst?“

Balgran reagierte heftig: „Lass Anna und Arwen aus dem Spiel! Die wissen ja nicht einmal, dass du hier bist. Woher willst du wissen, was sie denken?“ Er sah den anderen forschend an: „Hast du nicht auch jemanden, der auf dich wartet?“

Crowley stieß einige unartikulierte Laute aus. „Geht dich das etwas an? Aber ja: Es wartet jemand auf mich.“ Plötzlich stiegen Bilder aus seinem Gedächtnis auf: Von seinem ersten Spaziergang mit Erziraphael und Hexe, als der Engel noch Angst vor der Hündin hatte. Wie sie Arm in Arm am Strand hinter der ausgelassenen Muriel hergewandert waren. Wie der Engel ihm das so besondere Siegel geschenkt hatte. Wie er ohne jeden Widerwillen seine verkrüppelten Füße behandelt hatte.  Gewaltsam riss Crowley sich von diesen Erinnerungen los und fuhr fort: „Ja, da wartet jemand, aber es ist besser für ihn, wenn ich nicht zurückkomme. Das wird er bald einsehen. Ich tue ihm einen Gefallen.“

Es entging Balgran nicht, dass Crowleys Hände bei dieser Antwort zu Fäusten geballt waren. Er war mit dessen Antwort erkennbar unzufrieden. „Ich werde mein Glück nicht mit deinem Unglück erkaufen.“ Sein Ton ließ keinen Zweifel daran, dass es ihm ernst damit war. „Du läufst vor etwas davon, oder?“

Crowley war zusehends genervt. Sie verloren hier nur Zeit. Mit was könnte er Balgran überzeugen? „Quatsch. Vor was sollte ich davonlaufen? Ausgerechnet in die Hölle?“, fragte er, um Zeit zu gewinnen. Schon hatte er ein Argument parat: „Ich mache dir diesen Vorschlag, weil ich etwas habe, was du nicht hast, nicht haben kannst.“

Der inhaftierte Dämon wirkte überrascht. „Und was ist das?“

Gut, er hatte ihn am Haken. „Ich habe Vertrauen“, sagte er sehr sachlich. „Vertrauen in meine Freunde. Vertrauen in die Engel, die heute Verantwortung tragen. Sogar Vertrauen in Furfur.“ An dieser Stelle stockte er kurz, überrascht von seiner eigenen Aussage. Aber doch, es stimmte, stellte er erstaunt fest: Er hatte Vertrauen in Furfur und seine Absichten! Er sammelte sich und fuhr fort: „Und ich weiß, dass sie nicht ruhen werden, bis sie diesem Unrecht ein Ende machen und die Unschuldigen befreien und rehabilitieren können.“ Crowley war sehr zufrieden mit sich, diesem Argument konnte der andere doch wohl nichts entgegenhalten, oder?

Balgran hatte sehr aufmerksam zugehört und ihn womöglich noch aufmerksamer beobachtet, während er sprach. „Ich brauche Bedenkzeit“, sagte er dann. Nichts an ihm verriet, was er dachte, musste Crowley frustriert feststellen. Balgran betätigte den Türöffner und kehrte auf den Hof zurück. Auch Crowley stand auf und ging zur anderen Tür, um die Ruftaste zu drücken. In Gedanken ging er die Unterhaltung bis zu seinem entscheidenden Argument noch einmal durch. Irgendetwas störte ihn plötzlich daran, und bevor ein Wärter gekommen war, um ihn herauszulassen, wusste er auch, was es war: Die Erkenntnis traf ihn wie ein Blitz: Genauso war es. Was er gesagt hatte, stimmte voll und ganz! Seine Freunde würden nichts unversucht lassen, um ihn zu befreien. So sicher er sein mochte, dass sie ihn eher früher als später fallen lassen würden, aber sie würden nicht ruhen, bis sie ihn zurückgeholt hatten. Und dabei würden sie sich selbst in Gefahr bringen. „Fuck“, flüsterte er. „Was habe ich jetzt wieder angerichtet?“