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Tiefer bohren (immer noch Sonntag)

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Tiefer bohren (immer noch Sonntag)

Ihre letzte Suchanfrage hatte sie zu mehreren Zeitungsartikeln, Einsatzberichten von Feuerwehr und Rettungsdienst, einer Reihe Handyfotos und zahllosen dankbaren und lobenden Kommentaren in den Sozialen Medien geführt. Nachdem sie all das durchgearbeitet hatten, konnten sie eine vollständige Chronik vom Brand in der Grundschule einer Kleinstadt östlich von London verfassen. Sie hatten aus unterschiedlichsten Perspektiven immer wieder die gleiche Geschichte gelesen: wie ein gewisser A.  J. Crowley mit seiner Irischen Wolfshündin ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit mindestens zehn Kinder aus dem brennenden und bereits verrauchten Gebäude gerettet hatte, bevor die Einsatzkräfte den Ort erreichten, insbesondere einen kleinen Jungen, der zweifellos in der Toilette erstickt wäre, hätte Hexe ihren Besitzer nicht zu ihm geführt. Später hatte er sich rührend um die Kinder gekümmert, die mit dem Schrecken oder leichten Verletzungen davongekommen waren, bis ihre Eltern eintrafen. Nach und nach hatten sie viele Bilder und Zeugenberichte gefunden, in keinem einzigen fanden sie einen Hinweis auf ein mögliches übergriffiges oder ungebührliches Verhalten. „Haben wir es also nicht nur mit einer Zauberzunge, sondern noch dazu mit einem Helden zu tun?“, fragte Sammy und ließ sich müde gegen die Rückenlehne sinken. „Sieht so aus“, stimmte ihre Partnerin zu. „Aber auch dem Helden fehlt eine Vergangenheit.“ Es war spät gewesen und keine von ihnen hatte noch einen klaren Gedanken fassen können. Sie waren mit dem Vorsatz zu Bett gegangen, ihre Recherche am nächsten Tag vor Ort fortzusetzen.

Nun saßen sie in der örtlichen Feuerwache und ließen sich noch einmal persönlich schildern, wie der Einsatz in der Grundschule gelaufen war. Jeder der drei Feuerwehrmänner, mit denen sie sprachen, erinnerte sich an den ungewöhnlich dünnen Mann mit den auffallend roten Haaren. Und jeder bestätigte, was sie sich aus dem schriftlichen Material schon selbst zusammengereimt hatten: Dass Crowley und Hexe an diesem Tag Leben gerettet hatten. Und dass es an ein Wunder grenzte, dass der Mann ohne die eigentlich unausweichliche lebensbedrohende Rauchvergiftung davongekommen war.

Sammy und Mary-Anne hatten gehofft, auch mit der Direktorin der Grundschule sprechen zu können, aber es war Sonntag und sie konnten sie unter ihrer Privatnummer nicht erreichen. „Haben Sie eine Idee, wer uns mehr über Mister Crowley erzählen könnte?“, fragte die Fotografin den Leiter der Feuerwache, ohne sich viel davon zu versprechen. Sie hatte sich fast damit abgefunden, dass dieser Mann ein Leben im Verborgenen geführt hatte, bis er plötzlich in London begonnen hatte, in einer Kinderbuchhandlung vorzulesen und mit seiner Hündin Schulen zu besuchen. Aber von dem Feuerwehrmann bekamen sie einen Namen, den Namen von jemandem, der Crowley angeblich längere Zeit gekannt hatte, bevor es zu dem Brand in der Schule gekommen war. Und so fuhren sie von der Feuerwache zur Suppenküche der Stadt, wo die Leiterin nach ihrer telefonischen Anfrage auf sie wartete.

Das Gespräch begann mit einer Überraschung, denn Debbie, die am Telefon herzlich, offen und redselig gewesen war, eröffnete die Unterhaltung mit einer Frage, die sich wie der Auftakt zu einem Verhör anfühlte: „Weshalb stellen Sie Nachforschungen über Anthony an?“, verlangte sie zu wissen und fügte gleich hinzu: „Wenn mich Ihre Geschichte nicht überzeugt, erfahren Sie von mir kein Wort!“

Die Journalistinnen hatten deshalb ausführlich berichtet: Über die Lesung, zu der sie mit geringen Erwartungen gekommen waren, die aber zu einem besonderen Erlebnis geworden war. Über die positive Berichterstattung in den Sozialen Medien, die homophobe Attacken und einen widerwärtigen Shitstorm nach sich gezogen hatte. Über ihren zweiten Besuch in der Buchhandlung in Crowleys Abwesenheit. Über die Leerstellen, die bei genauerer Betrachtung in der Geschichte des Eigentümers deutlich wurden. Über ihre vergeblichen Versuche, stattdessen etwas über Crowleys Vergangenheit in Erfahrung zu bringen. Und über die Fährte, der sie in diese Stadt und letztlich bis an diesen Schreibtisch gefolgt waren.

„Und was hoffen Sie, von mir zu erfahren?“ Debbie gab sich keine Mühe, ihr Misstrauen zu verbergen.

Dagegen würde nur absolute Offenheit helfen, entschied Mary-Anne: „Als wir zum zweiten Mal in der Buchhandlung waren, wollten wir Stoff für einen Bericht über die immer noch nicht ausgerottete Schwulenfeindlichkeit sammeln, wir können es auch umfassender „Queerfeindlichkeit“ nennen. Nachdem uns bei der Auswertung unserer Gespräche mit Mister Fell aufgefallen war, dass er alle Fragen, die sich auf die Vergangenheit bezogen, ausweichend beantwortet hatte, wurden wir unsicher.“ Sie griff nach Sammys Hand, bevor sie fortfuhr: „Wir sind selbst ein Paar und wissen, wie sich Homophobie im Alltag anfühlt. Aber wir wollten sichergehen, dass wir nicht einseitig durch die solidarische Brille sehen und Menschen zu Opfern stilisieren, die etwas zu verbergen scheinen. Und nachdem wir trotz aller Recherche immer noch nichts über die Vergangenheit der beiden herausgefunden haben, sondern nur auf immer neue Rätsel stoßen, sind wir offen gesagt ratlos. Wir suchen einfach Antworten.“

Die Leiterin der Suppenküche hatte ihnen aufmerksam zugehört und nicht ein einziges Mal versucht, sie zu unterbrechen. Nun nickte sie nachdenklich, wiegte dann den Kopf hin und her und kam offensichtlich zu dem Schluss, dass sie ihre Geschichte für glaubwürdig hielt. „Ich glaube zu verstehen, was Sie so irritiert“, begann sie. „Aber ich habe keine Antworten für Sie. Ich weiß nichts über Anthonys Leben vor dem Tag, an dem er zum ersten Mal seinen Oldtimer vor diesem Haus parkte. Es gibt aber trotzdem eine Reihe von Dingen, derer ich mir ziemlich sicher bin.“

Debbie war klar, dass sie dem, was sie sagen wollte, eine Einordnung voranschicken musste. „Wissen Sie, in meinem Job lernt man, die Personen zu lesen , mit denen man es zu tun hat“, erklärte sie deshalb. „Viele wollen nicht über ihr Leben sprechen, andere können es nicht. Die Sicherheit meiner Mitarbeiter und unserer Klienten hängt aber davon ab, dass ich diese Menschen dennoch halbwegs zutreffend einschätzen kann.“

Sie dachte an den Tag zurück, als sie Anthony kennengelernt hatte. „Bei unserem ersten Gespräch hat Mister Crowley zweifellos Vieles nicht gesagt, was er vielleicht hätte sagen sollen. Aber ich war mir schon damals sicher, dass er mich nicht angelogen hat, und bin es auch heute noch. Als er zu uns kam, hatte er gerade eine Krise hinter sich, eine zweifellos ernste Krise, über die er allerdings nie ein Wort verloren hat.“

Sie hielt inne und wog ihre Worte ab. „Ich bin überzeugt, dass er außerdem irgendwann deutlich früher in seinem Leben etwas Furchtbares durchgemacht hat, etwas, für das er keine Worte hatte, das sich unserer Vorstellung vielleicht entzieht. Er war voller Selbstzweifel und in sich zurückgezogen, aber er hatte ein riesengroßes Herz. Es war ihm ein Bedürfnis zu helfen, er ist jedem mit dem gleichen Respekt begegnet und er war sich für keine Arbeit zu schade. Er und Hexe hatten sich innerhalb von ein oder zwei Wochen im Grunde unverzichtbar gemacht. Ich habe sie ungern gehen lassen, als Anthony sich dazu entschieden hatte. Es hat lange gedauert, bis wir die Lücke halbwegs geschlossen hatten.“ Debbie sah sich um, so als könne sie die Lücke immer noch erkennen.

„Halten Sie es für möglich, dass er gefährlich ist?“, fragte die kleinere der beiden. „Könnte an den Vorwürfen etwas dran sein?“ Der Blick, den ihr diese Frage einbrachte, war vernichtend.

„Ich habe keinen Zweifel daran, dass er die, die er liebt, mit seinem Leben schützen und dafür alle Mittel nutzen würde“, antwortete Debbie. „Aber wenn es nicht ausgerechnet um Notwehr geht, ist Anthony ganz sicher für niemanden eine Gefahr, außer vielleicht für sich selbst.“

Sammy hakte nach: „Sie schließen also aus, dass er pädophil sein könnte?“ Sie wusste, dass solche Fragen fast immer zurückhaltend beantwortet wurden. „Man kann niemandem ins Herz sehen“, hatte sie schon oft als Antwort gehört, auch „ausschließen tue ich gar nichts“ und viele Varianten davon.

Umso erstaunter war sie deshalb über Debbies Antwort: „Ich bin absolut überzeugt, dass Kinder bei keinem anderen Menschen sicherer aufgehoben sein könnten als bei Anthony Crowley, nicht einmal bei ihren eigenen Eltern. Er würde sie schützen wie sein eigen Fleisch und Blut.“

Mary-Anne gab sich auch damit noch immer nicht zufrieden. „Könnte er sich nicht geändert haben, seit sie ihn das letzte Mal gesehen haben?“, fragte sie provozierend. „Es könnte ihm doch in der Zwischenzeit etwas widerfahren sein, das ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hat.“

Irritiert beobachtete sie, wie das Lächeln ihrer Gesprächspartnerin immer breiter wurde, bis diese triumphierend antwortete: „Kaum. Es ist erst fünf Tage her, dass er hier war und uns seinen Partner vorgestellt hat, einen überaus liebenswerten Mann. Die beiden wirkten sehr vertraut miteinander und eng verbunden. So ausgeglichen und offen hatte ich ihn bis dahin noch nie gesehen. Was auch immer hinter ihm liegen mag, Anthony ist endlich angekommen.“ Danach hatte Debbie ihnen bald zu verstehen gegeben, dass die Unterhaltung zu Ende war.

Sie hatten sich bedankt und waren nach London zurückgefahren. Obwohl sie während der gesamten Fahrt darüber diskutiert hatten, wussten sie auch bei ihrer Ankunft noch nicht, ob sie die fehlenden Informationen über das Vorleben der beiden Männer ignorieren konnten oder weitere Anstrengungen unternehmen sollten, etwas herauszufinden. Nach dem Abendessen setzte Mary-Anne sich mit einer Flasche Bier noch einmal an den Rechner und ließ ihre Fotos von den beiden Veranstaltungen als Diashow durchlaufen. Plötzlich stoppte sie die Endlosschleife und zoomte in eines der Bilder vom ersten Samstag hinein. „Komm mal“, forderte sie Sammy auf. Als diese neben ihr stand, zeigte sie auf einen Mann im Publikum und fragte: „Ist das nicht ein Kollege? Ich glaube, der schreibt über wissenschaftliche Themen. Was hatte der denn dort verloren?“