Innehalten (immer noch Sonntag)
Innehalten (immer noch Sonntag)
Erziraphael hatte auch noch den größten Teil der Nacht auf Sonntag seiner Entrümpelungsaktion gewidmet, auch nachdem Muriel längst schlafen gegangen war. Er hatte nicht gehört, wie Bee von Arwen zurückgekommen war. Nach dem Schlaf- und dem Ankleidezimmer hatte er sich die Ablageflächen im Erdgeschoss vorgenommen und war anschließend im Hinterzimmer verschwunden. Die Sitzflächen der beiden Stühle dort waren schon vor Langem als zusätzliche Ablageflächen zweckentfremdet worden. Der Buchhändler hob einen bedenklich hohen Stapel von Zeitschriften von einem der Stühle und setzte ihn mit größter Vorsicht auf dem Boden ab. Er nahm Platz und sah sich um.
Diesen Raum hatte er früher als seine „Schatzkammer“ bezeichnet, und diese Funktion hatte er durchaus auch heute noch. Hier bewahrte er seine Kostbarkeiten auf, teure Prachtausgaben, Handschriften und Wiegendrucke von unschätzbarem Wert, die zu einem großen Teil in klimatisierten Tresoren unter kontrollierten Umweltbedingungen lagerten. Eine Längswand des geräumigen Raumes bestand ausschließlich aus schrankgroßen Archiv-Tresoren, die Luftfeuchtigkeit und Temperatur im Inneren konstant hielten und den Ansprüchen jedes Museums genügt hätten. Auch an der gegenüberliegenden Wand stand ein solcher Tresorschrank, der ganz besonderen Objekten vorbehalten war. Neben Weissagungsbüchern, okkulten Schriften und Werken berühmter wie unbekannter Propheten lagerten dort Artefakte, die allgemein als verschollen oder als Produkte der Fantasie und Legendenbildung galten: eine der Original-Steintafeln, mit denen Moses vom Berg Sinai herabgestiegen war, ein Teil des Markus-Evangeliums in der Handschrift des Evangelisten, zwei Seiten des Jesus-Evangeliums, das der Gottessohn nie vollendet und vor seiner Kreuzigung unter Freunden und Jüngern aufgeteilt hatte, (Crowley hatte seinen Teil bald darauf an den Engel übergeben, weil er befürchtete, seine dämonische Natur könne den Blättern schaden, und Erziraphael hielt sie in besonderen Ehren, weil der Dämon darin erwähnt war), eine frühe Abschrift des Gilgamesch-Epos, ein Bruchstück vom Siegel Salomons, die Smaragdtafeln des Hermes Trismegistos, der Mittelteil von Aristoteles Werk über das Lachen und der größte Teil der Schriften, die er und Crowley mit knapper Not beim Brand der Bibliothek von Alexandria hatten retten können. Noch heute flammte beim bloßen Gedanken an dieses Ereignis ein gerechter Zorn in ihm auf. Das Feuer war nur eine der vollkommen überzogenen Maßnahmen gewesen, mit denen der Himmel das sich unerwartet schnell vermehrende Wissen der Menschheit hatte eindämmen wollen. Zweifellos eine der krassen Fehlentscheidungen Gottes, die der Engel ihm schon damals nicht hatte verzeihen können.
Auch einige profane Stücke lagerten dort, deren Geschichte Erziraphaels Sammler-Herz so laut schlagen ließen, dass es die leise mahnende Stimme seines Gewissens übertönte: Ein kleines Wandpaneel aus dem Bernsteinzimmer, eine ursprünglich für Excalibur angefertigte und mit kunstvollen Silberbeschlägen versehene Schwert-Scheide und nicht zuletzt der Ring der Königin von Saba. Für die magische Wirkung dieses Rings hatte der Engel zu seinem Bedauern nie einen Beweis gefunden. Dort verwahrte er außerdem einige Keramiken aus der griechischen Antike, die er bei seltenen Gelegenheiten gerne betrachtete (natürlich aus reinem Erkenntnisinteresse) und deren Abbildungen – nun ja, sich offensichtlich sehr zugetane Männer zeigten.
Die Bezeichnung „Schatzkammer“ war also durchaus berechtigt. Leider war der Raum aber außerdem ein Lagerraum, ein seit sehr langer Zeit sehr vernachlässigter Lagerraum. Dort hinein räumte er alle Dinge, die in der Buchhandlung seinen Ordnungssinn störten oder die ihm einfach im Weg waren, die er vor neugierigen Augen verbergen oder denen er sich „irgendwann“ noch gründlich widmen wollte. Mit anderen Worten: Es herrschte ein einziges Chaos, jedes Ordnungssystem war hier im Laufe der Zeit ad absurdum geführt worden. Egal, was man berührte, man musste Angst haben, das instabile Gleichgewicht zu stören, einen Stapel einstürzen zu lassen oder einen regelrechten Domino-Effekt in Gang zu setzen. Sobald Erziraphael das Zimmer betrat, hielt er unwillkürlich den Atem an, um kein noch so kleines Blatt von einem Stapel zu pusten oder die stabilisierende Staubschicht zu beschädigen. Obwohl er das dringende Bedürfnis verspürte, tief zu seufzen, unterdrückte er auch diese Form der unkontrollierten Luftbewegung. Vorsichtig stand er wieder auf, verließ den Raum, schloss behutsam die Tür und ging, sich einen Tee zu kochen. Das Hinterzimmer würde noch eine Weile warten müssen. Dem Hochgefühl nach der Aufräumaktion konnte diese kleine Kapitulation nichts anhaben.
Mit seiner Teetasse setzte er sich an den Computer, um sich noch einen Überblick über die aktuellen Nachrichten zu verschaffen, bevor er sich einige Stunden Schlaf gönnen wollte. Schon nach wenigen Minuten hatten ihn die Ereignisse gänzlich gefangen genommen. Sein Tee wurde kalt, während er die aktuellen Entwicklungen verfolgte und versuchte, seine Besorgnis nicht in Angst umschlagen zu lassen. Die Opposition hatte mehrere Written Questions formuliert, schriftliche Anfragen an die Regierung, die direkt darauf abzuzielen schienen, die Freiheiten einer bestimmten Gruppe von Gottes Geschöpfen zu beschneiden – der Unsterblichen. Man musste kein Wahrsager sein, um zu ahnen, wohin das führen würde: Die Initiatoren würden mit gezielter Polemik Ängste, Vorurteile und jahrhundertealtes Halbwissen ans Licht einer leichtgläubigen Öffentlichkeit zerren, Populismus und Propaganda würden die beginnende Paranoia befeuern und schon hätten Verschwörungsideologien, extremistische Narrative und abstruse Bedrohungsszenarien wieder Hochkonjunktur. Und die Kommentarspalten würden überquellen von Unverschämtheiten, Bosheit und unverstelltem Hass. Von seinem Hochgefühl war nichts mehr übrig.
(Heute ein kurzes Kapitel außer der Reihe. Keine Sorge: Es gibt diese Woche noch Nachschub. Aber dieses Kapitelchen hat mir beim Schreiben so viel Freude gemacht, dass ich es endlich mit euch teilen wollte.)