Beschlüsse (Immer noch Sonntag)
Beschlüsse (Immer noch Sonntag)
Im himmlischen Krisenstab hatte Berechiel gerade von der Beratung mit dem UN-Sicherheitsrat berichtet, von der Jesus, Umael und er selbst erst vor einer knappen halben Stunde zurückgekehrt waren. „Ich bleibe dabei: Es ist falsch, Vertreter von Unten bei diesen Gesprächen zuzulassen!“, geiferte ein Engel, der bis zur Auflösung der Himmlischen Heerscharen einer der ranghöchsten Offiziere gewesen war. „Wie könnt ihr der Hölle diesen plötzlichen Friedenswillen abnehmen? Ihr führt uns in den Untergang. Militärische Stärke ist die einzige Sprache, die der Feind versteht“, bellte er und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Einige der versammelten Engel zuckten erschrocken zusammen. Der Offizier zeigte auf den Versammlungsleiter und forderte: „Lasst mich wenigstens das Elitecorps wieder einberufen!“ Umael rollte mit den Augen, antwortete aber höflich: „Wir kennen deinen Standpunkt, werter Domisrael. Aber danke, dass du ihn uns erneut ins Gedächtnis rufst.“ Der ehemalige Heerführer ließ sich unter missbilligendem Gemurmel wieder auf seinen Stuhl fallen. „Wenn du den Frieden willst, rüste zum Krieg!“, brummte er.
„Ich stimme ihm zu!“ Der frühere Chef der himmlischen Geheimdienste verschaffte sich mit diesem Ruf Gehör. „Diesen ruchlosen Teufeln ist nicht zu trauen“, zischte er. „Ohne unsere Abwehrdienste sind wir ihren Machenschaften hilflos ausgeliefert.“ Er stand auf und wandte sich direkt an den Leiter der Akademie: „Ihr müsst Jesus überzeugen. Er ist viel zu vertrauensselig! Die anderen Welten lachen über diesen naiven Pazifismus.“ Er beugte sich nun weit nach vorne und wechselte zu einem schmeichelnden Ton: „Ihr seid doch ein intelligenter Mann, Berechiel. Bringt ihn zur Vernunft! Lasst mich wieder Agenten auf die Erde entsenden.“
Der Versammlungsleiter hatte bereits zu einer Erwiderung angesetzt, als von der Tür des Besprechungsraums eine sanfte Stimme erklang: „Wenn es wirklich nötig ist, dass wir alle unsere wohlbekannten Standpunkte ein weiteres Mal vorbringen, so will auch ich das tun.“ Alle Köpfe waren herumgeschnellt. In der noch geöffneten Tür stand Jesus. „Erstens: Wir werden ganz sicher nichts tun, was einen Bruch des Großen Vertrages bedeuten würde. Zweitens: Wir werden nicht noch einmal den Fehler begehen, eine der Welten von Beratungen auszuschließen.“ Während er sprach, hatte der Gottessohn die Tür hinter sich geschlossen, war um den Tisch herum zu seinem Platz gegangen und hatte sich zwischen Berechiel und Umael gesetzt. Er ließ seinen Blick über die Versammelten schweifen und bei den Engeln verweilen, die gerade noch mehr oder weniger offensichtlich den Forderungen der Hardliner zugestimmt hatten. Seine Stimme mochte freundlich geklungen haben, seine Miene verriet jedoch seine Entschlossenheit. „Dieser Krisenstab arbeitet, um den Frieden zu bewahren und die drei Welten zu versöhnen. Wer etwas anderes will, ist hier fehl am Platz und sollte jetzt gehen.“ Er sah den Ex-Offizier und den Geheimdienstchef a. D. forschend an. „Domisrael, Inquisiel, wollt ihr uns verlassen?“ Beide senkten den Blick und schüttelten fast unmerklich den Kopf. Sie ließen sich etwas tiefer in ihre Stühle sinken.
Der Gottessohn nickte zufrieden. „Dann lasst uns fortfahren. Ich bitte euch alle: Konzentriert euch auf Vorschläge, die neu sind und uns unserem Ziel näher bringen. Unsere Zeit ist zu kostbar und die Lage zu ernst für Rededuelle. Kein Argument wiegt schwerer, nur weil es öfter wiederholt wird.“ Er wandte sich zu Berechiel um: „Hattest du deinen Bericht schon beendet?“ Der verneinte, dann beugte er sich zu ihm hinüber und flüsterte direkt in sein Ohr: „Du solltest ruhen. Du warst viel zu lange auf der Erde.“ Der Gottessohn sah ihn milde an und antwortete ebenso leise: „Danke für deine Besorgnis, mein Freund. Aber ich werde nicht schlafen, während dieser Stab um die Zukunft unserer Welten ringt.“ Er richtete sich wieder auf und sagte laut: „Dann präsentiere nun bitte die Vereinbarung.“
Berechiel berichtete in knappen Worten von der letzten Verhandlungsphase und verlas anschließend die gemeinsame Resolution. Dann teilte er mit: „Gerade jetzt informieren auch Furfur seinen Krisenstab und der Sicherheitsrat alle Mitglieder der UN-Vollversammlung. Direkt im Anschluss werden Jesus, Furfur und die Generalsekretärin in einer gemeinsamen Online-Pressekonferenz mitteilen, was wir beschlossen haben.“
Jesus sah aufmerksam in die Gesichter um ihn herum. „Kann ich vor der Presse verkünden, dass sich der Himmel vorbehaltlos dem vereinbarten Weg anschließt? Kann ich unseren Partnern der beiden anderen Welten versichern, dass wir mit einer Stimme sprechen?“ Er ließ noch einmal seinen Blick schweifen, sprach sich selbst stumm Mut zu, dann stand er auf. „So lasst uns abstimmen. Wer der Schaffung einer überweltlichen Gerichtsbarkeit zustimmt, der hebe nun die Hand.“ Es gelang ihm, ein gelassenes Lächeln aufzusetzen, und auch Berechiel zeigte eine stoische Miene. Nur Umael, dessen Hand als eine der ersten nach oben geschnellt war, war die Aufregung anzusehen. Und seine direkten Nachbarn konnten hören, wie er murmelte: „Lass sie zustimmen, bitte lass sie zustimmen!“ Domisrael, Inquisiel und ihre Getreuen rührten sich nicht. Erst als alle anderen Engel ihre Hand gehoben hatten und sie missbilligend anstarrten, wechselten sie unsichere Blicke und schlossen sich doch noch der Mehrheit an. Man hörte viele Engel erleichtert ausatmen. Umael aber öffnete seine Augen erst wieder, als Jesus nach seiner Hand griff und ihm zuraunte: „Das haben sie getan, Umael, das haben sie ja getan.“
***
Erziraphael verfolgte seit zwei Stunden das Programm eines Nachrichten-Senders. Der Sprecher unterbrach die laufende Diskussionsrunde im selben Augenblick, in dem der Nachrichten-Ticker am unteren Bildrand meldete: „Breaking News: Überweltliche Pressekonferenz angekündigt – Start in 5 Minuten – Breaking News: Überweltliche …“ Der Sprecher hatte kaum mehr Informationen: „Wie wir soeben erfahren haben, wird in Kürze eine überweltliche Pressekonferenz stattfinden, an der die UN-Generalsekretärin, der Höchste Höllenrat und der Gottessohn persönlich teilnehmen werden. Das erklärt möglicherweise unsere frühere Meldung, wonach gewöhnlich gut unterrichtete Kreise von parallelen Eil-Sitzungen auf der höchsten Ebene aller drei Welten berichtet hatten.“
Beim letzten Satz war der Buchhändler schon auf der Treppe, nahm zwei Stufen auf einmal, bis er vor Muriels Tür ankam und laut klopfte. „Muriel, das willst du sicher sehen, eine überweltliche Pressekonferenz, komm schnell.“ Er schrak zusammen, als ihm vom Fuß der Treppe die verschlafene Bee zurief: „Warum schreist du so, Erzengel? Will ich das vielleicht auch sehen?“ „Um Himmels Willen, Bee! Seit wann bist du denn wieder hier?“, keuchte er, trotz des Schrecks erleichtert, sie zu sehen.
Gleich darauf saßen sie zu dritt vor dem Fernseher und lauschten angespannt, wie die Vertreter der Welten mitteilten, dass sie die Schaffung eines intersphärischen Gerichtshofs vereinbart hatten. Er werde zuständig sein für alle Straftaten, bei denen Täter und Opfer unterschiedlichen Welten angehörten, außerdem für terroristische oder kriegerische Handlungen, die von einer der Welten gegen die anderen oder gegen eine davon begangen würden. Beratungen über die dafür notwendige gemeinsame Rechtsordnung könnten schon am folgenden Tag beginnen. Zum Abschluss bekräftigten die Sprecher, dass die Welten sich durch die kriminellen Umtriebe von, wie sie übereinstimmend betonten, einzelnen Engeln und Dämonen nicht auseinanderdividieren lassen würden.
Die Pressekonferenz war kurz, es waren kaum Journalisten-Fragen zugelassen worden. Es folgten Sondersendungen, Kommentare und Interviews, von denen die drei Unsterblichen in der Buchhandlung aber nichts mitbekamen, weil sie den Fernseher stumm geschaltet hatten und selbst über das Gehörte diskutierten. „Das ist doch eine gute Nachricht, oder?“, hatte Muriel gerade gefragt, weil sie bei Erziraphael und Bee mehr Skepsis als Freude wahrzunehmen glaubte. „Ja, schon“, antwortete der Erzengel a. D., „wenn sie sich den Strafgerichtshof in Den Haag zum Vorbild nehmen.“ Muriel wartete gespannt auf das „aber“. „Aber genau dieses Vorbild macht mir auch Sorge“, fuhr Erziraphael fort. „Zwischen der Gründung und der Eröffnung des Ersten Verfahrens vergingen dort mehr als zehn Jahre.“ „Und da saßen nur Menschen am Verhandlungstisch, nicht auch noch Oben und Unten “, ergänzte Bee.
Muriel verstand die Skepsis trotzdem nicht. „Aber gerade dann ist es doch gut, dass sie gleich damit anfangen und nicht erst in zwei Jahren!“ Die Dämonin nickte ihr zu. „Stimmt schon. Könnte aber auch heißen, dass alle anderen Verfahren ruhen, bis das Gericht seine Arbeit aufnimmt. Also mindestens vier oder fünf Jahre.“ „Heißt das, im schlimmsten Fall sitzen Leute oben und unten jahrelang ohne Urteil weiter ein?“, fragte Muriel verzagt. „Genau das befürchte ich“, bestätigte Erziraphael. „Und das selbst für harmlose Vergehen.“ „Aber das verletzt doch sogar die Grundrechte“, wandte Muriel ein. Bee nickte: „Stimmt genau! Das ist ein gewagtes Spiel. Ich würde mit dem Schlimmsten rechnen. Wenn sie in den Lagern keinen Fortschritt sehen, kracht es irgendwann. Eher früher als später!“
Muriel kramte alles zusammen, was sie über den Internationalen Strafgerichtshof wusste. Dank der regelmäßigen Diskussionen mit Sariel war das eine ganze Menge. „Aber Den Haag wird doch nur tätig, wenn nationale Gerichte untätig bleiben“, brachte sie deshalb vor. „Über solche Fälle könnten Oben und Unten demnach selbst entscheiden.“ Bee nickte anerkennend. „Völlig richtig. Aber reine Theorie. Oben und Unten haben doch noch gar kein eigenes Rechtssystem, die wären heillos überfordert.“ „Vergesst nicht“, ergriff wieder Erziraphael das Wort: „Über die Freilassung von Engeln und Dämonen dürfen nur überweltlich besetzte Gremien entscheiden. Der Große Vertrag ist da ganz klar.“ Es machte ihm sichtlich keine Freude, in dieser Frage im Recht zu sein. „Ich fürchte, man wird die wenigen Dämonen und Engel mit juristischem Wissen bei den überweltlichen Verhandlungen brauchen. Sie werden kaum Zeit haben, sich gleichzeitig um den Aufbau neuer Rechtssysteme und Ermittlungen zur Strafmaßüberprüfung zu kümmern.“
„Die Entscheidung mag im Grundsatz richtig sein, der Schuss kann aber trotzdem gewaltig nach hinten losgehen“, schloss Bee und Erziraphael ergänzte leise: „Was mir außerdem Sorgen macht: es wird wie immer die mit der schwächsten Lobby am meisten treffen.“ „Wie die Dämonen, von denen niemand weiß, wo sie sind und weshalb sie verhaftet wurden?“, fragte Muriel ernüchtert. „Ja, zum Beispiel die“, bestätigte Erziraphael und Bee nickte dazu.
„Trotz allem beruhigt mich dieser Auftritt insgesamt“, sagte die Dämonin zu Muriels Erstaunen plötzlich. „Die Welten treten weiterhin geschlossen auf und sie haben miteinander gesprochen, bevor sie mit der Presse gesprochen haben. Das ist viel wert!“ Sie sah den Buchhändler an. „Siehst du das auch so? Du warst doch bei allen Verhandlungen zum Großen Vertrag dabei.“ Er nickte. „Ja, das ist heute sicher die beste Nachricht: Das Vertrauen zwischen den Welten scheint inzwischen so stark zu sein, dass sie sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Sie sprechen mit einer Stimme. Das ist wirklich ein ermutigendes Signal.“
Sie schwiegen, während ihre Gedanken weiter kreisten: Um die aktuelle Lage der Welt, der drei Welten, um ihre Liebsten, um ihre Freunde, um die Gefahren, die noch vor ihnen liegen mochten, um die Zukunft. Erziraphael war es, der schließlich das Schweigen brach. „Im Moment können wir nichts anderes tun als warten. Wir sollten uns ausruhen.“ Muriel nickte. „Legt ihr zwei euch ruhig hin“, sagte Bee. „Ich bin gerade zu aufgewühlt. Ich kann mit Hexe rausgehen. Falls etwas Wichtiges sein sollte, wecke ich euch.“ Die Engel nahmen das Angebot nur zu gerne an, verschwanden in ihren Zimmern und waren kurz darauf erschöpft eingeschlafen.
Entdeckungen
Mary-Anne und Sammy hatten sich am Abend zuvor früher der Müdigkeit ergeben als die Engel. Am Sonntagmorgen hatten sie zunächst spät und ausführlich gefrühstückt. Beim Hochfahren ihrer Rechner hatte dann die überweltliche Pressekonferenz und die darauffolgende Berichterstattung ihre Aufmerksamkeit beansprucht und so war es Nachmittag geworden, bis sie wieder an die Fährte vom Samstagabend anknüpften. Zunächst recherchierten sie Bens vollen Namen und die Zeitung, für die er arbeitete. Auf deren Homepage fanden sie Fotos von ihm, die beim Abgleich mit dem Bild aus der Buchhandlung ihre Vermutung bestätigten. Blieb die Frage: Was machte ein Wissenschaftsjournalist aus einer eine gute Stunde Fahrzeit entfernten Stadt bei einer Kinderbuchlesung in Soho?
Sie klickten sich durch das Online-Angebot der Tageszeitung und suchten nach irgendetwas Ungewöhnlichem, ausgehend vom Wissenschaftsressort, für das Ben schrieb, über das Feuilleton (schließlich hatte ihre Recherche in einer Buchhandlung begonnen) bis zu Politik und Weltgeschehen. „Warum fällt mir das denn jetzt erst auf?“, rief Sammy plötzlich, und ihre Partnerin hob neugierig den Kopf. „Das ist dieselbe Zeitung, die den Coup mit dem Jesus-Interview gelandet hat!“ Man sah der Journalistin die Aufregung an. „Wie um alles in der Welt ist dieses Provinzblatt an ein Exklusiv-Interview mit dem Gottessohn gekommen?“ Mary-Anne war zu ihr herumgerückt und sah ihr über die Schulter. Sie erkannte den Kollegen, der schon häufiger mit der Aufdeckung von Wirtschaftskriminalität, Bestechungsfällen oder medizinischen Skandalen Aufsehen erregt hatte. „Kenneth Foster“, sagte sie nickend. „Da hat dieser Teufelskerl aber einen ganz dicken Fisch an Land gezogen. Geht aus dem Artikel irgendwas darüber hervor, warum ausgerechnet der das erste Interview gekriegt hat?“ Sie lasen den kompletten Bericht noch zweimal aufmerksam durch, waren aber immer noch nicht klüger als zuvor. „Der Gottessohn hat sich – direkt nach seiner Rückkehr von einer Besprechung mit dem Höllenrat Furfur – in London für ein Gespräch über den Verlauf des Treffens und die erzielte Vereinbarung zur Verfügung gestellt“, war einer von nur zwei Sätzen, die auf die Umstände des Interviews hinwiesen. Der andere lautete: „Nachdem er sich auch noch die Zeit zur Beantwortung unserer Fragen genommen hatte, kehrte Jesus direkt in den Himmel zurück, um dort seinen Stab zu informieren.“
Die Fotografin schüttelte den Kopf. „Hätte mir einer gesagt, der Sohn Gottes würde mir persönlich ein Interview in London anbieten, hätte ich an seinem oder an meinem Verstand gezweifelt“, sagte sie. „Wieso konnte der Kollege sicher sein, dass er nicht auf Betrüger reinfiel?“ Sammy schlug vor: „Vielleicht fand das Treffen bei einer offiziellen Stelle statt? In einem Ministerium oder so? Oder der Kontakt wurde von jemandem vermittelt, dem er vertraut?“ Sie scrollte noch mal durch den Bericht, ohne ihn wirklich zu lesen. Dann vergrößerte sie das Foto, das Jesus am Ende des Interviews zeigte. „Gibt uns das Foto irgendeinen Hinweis auf den Ort?“ „Allerdings“, flüsterte Mary-Anne nach einem Moment und reckte sich nach ihrem Laptop, auf dem immer noch das Bild von Ben zu sehen war, das sie auf diese Spur geführt hatte. Sie schob das Gerät neben Sammys Bildschirm. „Das ist in der Buchhandlung!“
„Jesus war in der Buchhandlung unserer geheimnisvollen Freunde“, die Journalistin ließ sich diese Feststellung förmlich auf der Zunge zergehen. „Glaub mir, Sammy, wir sind da an irgendwas Großem dran!“ Impulsiv küsste sie ihre Freundin, dann schüttelte sie ihre Finger aus und ließ sie wieder rastlos über die Tastatur flitzen. „Die lassen wir nicht mehr von der Angel!“